Stille Havel: Kriminalroman

Buchseite und Rezensionen zu 'Stille Havel: Kriminalroman' von Tim Pieper
5
5 von 5 (3 Bewertungen)

Potsdam. Im Park Sanssouci wird ein Kunstsachverständiger erschlagen aufgefunden. Der Tote stellte zuletzt Recherchen zum Filmunternehmen Ufa an und zeigte außerdem auffälliges Interesse an einem Gemälde im Museum Barberini. Das wertvolle Porträt zeigt eine schwarz gekleidete Frau. Doch sie trägt einen Schleier, der ihr Gesicht verhüllt, und ihre Identität ist unbekannt. Wer ist die Geheimnisvolle? Seine Nachforschungen führen Hauptkommissar Toni Sanftleben zu einer alten Havelvilla, hinter deren Mauern sich ein schreckliches Geheimnis verbirgt.

Autor:
Format:Taschenbuch
Seiten:336
Verlag: Emons Verlag
EAN:9783740806705

Rezensionen zu "Stille Havel: Kriminalroman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 17. Nov 2019 

    Die Großmutter

    Wann habe ich das letzte Mal an einer Leserunde teilgenommen? Es wird wohl der dritte Havelkrimi von Tim Pieper gewesen sein. Tim Pieper sagt, dass es meine siebente Leserunde mit ihm gewesen ist. Das wird stimmen und seit der Leserunde zum Minnesänger sind bereits neun Jahre vergangen.

    Nun also der sechste Sanftleben-Roman, oder der vierte um den Kriminalhauptkommissar Toni Sanftleben, Ururenkel von Otto...

    Die Geschichte

    Es liegt ein Toter da im Park Sanssouci, dessen Kopf weißt eine tödliche Wunde auf, die von einem stumpfen Gegenstand stammen könnte, das war ein Mord. Der Mann, so stellt sich heraus, war Kunstsachverständiger. In einem Museum hängt ein Bild, auf dem ist eine schwarz gekleidete, verschleierte Frau, gemalt von einem der bekanntesten Maler aus den USA in der Mitte der sechziger Jahre. Der Mann interessierte sich noch für mehr, zum Beispiel für eine Villa auf der Havelinsel Schwanenwerder. In dieser wohnt Marie, deren Großmutter gerade verstorben ist, zu ihrem Vater hat sie keinen weiteren Kontakt. Auch dessen Fabrik stand im Fokus des Kunstsachverständigen.

    Nach und nach bekommen wir als Leser, meist schneller als der KHK, aufgrund der Rückblenden ein neues Puzzleteil in die Hand. Wir lernen eine junge Schauspielelevin kennen, die im Jahr 1921 geboren ist, bei den Hiller-Girls engagiert war und für ihre Schauspielkarriere an einem Mann im Reiche nicht vorbei kommt. Der Mann ist Doktor der Philosophie und Reichspropagandaminister. Am Ende des Krieges wird die junge Lydia Riefenberg nach Schweden geschickt ...

    Mehr zu verraten geht hier indes nicht...

    Das Buch

    Tim Pieper, das erwähnte ich in der Rezension zu Dunkle Havel schon einmal, hat eine eigene, eine „piepersche“ Methode entwickelt, den Leser bei der Stange zu halten. Vielen Teilnehmerinnen der Leserunde (und mir) sind die Hauptcharaktere seit Jahren bekannt und so ist es die Art und Weise, wie der Stoff vorangetrieben wird, was zum Beispiel mich fasziniert. Der Autor erzählt neben der fiktiven Handlung immer Wahres aus jüngerer oder weit zurückliegender Vergangenheit. Hier sind es die UFA, Tänzerinnen, Schauspielerinnen und Schauspieler, die Zeit des Nationalsozialismus und dessen Untergang, gekoppelt mit einer Reihe von Geheimnissen, die er erst zum Schluss immer weiter aufblättert.

    Ebenso verleitete er mich wiederholt, ständig zu goggeln und so stieß ich auf manche Information zum Beispiel Schwanenwerder mit dem ehemaligen Goebbelsanwesen oder dessen Haus am Bogensee, wo später die Jugendhochschule der FDJ gebaut wurde. Ich fand einen Film im Netz*, in dem ein Bewohner von Schwanenwerder aus der Kindheit erzählte und seiner Freundschaft zu Helmut Goebbels...

    Zu googeln waren aber auch viele Schauspielerinnen und Schauspieler, Sängierinnen und Sänger und nicht zuletzt die Hiller-Girls.

    Hinzu kommen die Lost Places, die bereits in der Kalten Havel eine Rolle spielten und die zu besuchen der Autor einlädt. Für die Handlung des Romans eher nebensächlich, aber die Spannung kommt eben vielseitig daher.

    Mit den Figuren ist das eher unterschiedlich. Wer die Havel-Romane kennt, weiß, woran dieser Toni Sanftleben fast zerbrochen wäre, warum er Polizist wurde und seine Alkoholkrankheit wird anders wahrgenommen, eben nicht als die sonst übliche Macke aller möglichen Kriminalpolizisten in Büchern und Filmen. Seine Kollegin Gesa bleibt dabei etwas blass, der IT-Spezialist Phong dagegen scheint wiederum so ein Fall von "Modepolizist" mit seinen Fress-Attacken zu sein. Ich warte immer auf einen Polizisten, der nebenbei Bücher schreibt, Fotoausstellungen oder Musik macht. Ich hätte da eine Bundespolizistin, die die Lost Places, in die uns Tim schickt, edel in Szene setzen würde.

    Dafür haben wir eine tolle Staatsanwältin (als Gegenpart zum dämlichen Chef), die bewegende Lebensgeschichte einer UFA-Schauspielerin und deren sympathische Enkelin.

    In der heutigen Zeit dürfte es nicht leicht sein, unvoreingenommen zum Beispiel über die Familie Goeebels zu schreiben. Die Rolle der Lydia im Hause Goebbels, die Beziehung zu Magda Goebbels und den Kindern, war ein sehr gut erzählter Teil. Man ist immer geneigt, bei den Nazis die Menschen außer acht zu lassen und sollte gelegentlich an Hanna Arendts "Banalität des Bösen" zu denken. Das Böse hier ist der unbeschrieben gebliebene Mord an den Kindern des vorletzten Reichskanzlers. Ich musste beim Lesen an Corinna Harfouch denken, die in DER UNTERGANG die Ehefrau des vorletzten Reichskanzlers spielte und die einmal erzählte, dass die Szene, in der die Kinder die Todespillen bekommen, an sich nicht zu spielen war.

    * * *

    Dieser Roman gefiel mir wieder ausnehmend gut, das war nicht immer der Fall bei den Havel-Büchern, obwohl ich jedem „Fall Sanftleben“ entgegen fiebere und gern wieder was Historisches mit Otto erleben würde, der wenigstens wieder erwähnt wurde. In diesem Zusammenhang verweise ich auf Mord im Tiergarten und Unter den Linden.

    Der Bücherjunge alias Karateka DD

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Okt 2019 

    Für mich der bislang beste Band der Krimireihe...

    Potsdam. Im Park Sanssouci wird ein Kunstsachverständiger erschlagen aufgefunden. Der Tote stellte zuletzt Recherchen zum Filmunternehmen Ufa an und zeigte außerdem auffälliges Interesse an einem Gemälde im Museum Barberini. Das wertvolle Porträt zeigt eine schwarz gekleidete Frau. Doch sie trägt einen Schleier, der ihr Gesicht verhüllt, und ihre Identität ist unbekannt. Wer ist die Geheimnisvolle? Seine Nachforschungen führen Hauptkommissar Toni Sanftleben zu einer alten Havelvilla, hinter deren Mauern sich ein schreckliches Geheimnis verbirgt.

    Wer die Bücher von Tim Pieper ein wenig verfolgt, wird rasch feststellen, dass Geschichtliches für ihn von besonderem Interesse ist. Dieser Umstand hat die Ausgestaltung dieses vierten Bandes der Krimireihe um Toni Sanftleben wieder einmal erheblich mitbestimmt. Wer wiederum meine Lesegewohnheiten verfolgt, wird ebenso rasch feststellen, dass Geschichtliches in der Regel bei mir nicht im Bücherschrank zu finden ist. Weshalb also bin ich trotzdem wieder einmal so angetan?

    Ein Schlagwort ist: unaufdringlich. Tim Pieper gelingt es, die historischen Sachverhalte - hier geht es in die Zeit des Nationalsozialismus zurück, in das Filmunternehmen UFA im Potsdamer Stadtteil Babelsberg und in die Zeit nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs - unaufdringlich einfließen zu lassen und dabei geschickt sorgfältig recherchierte Fakten mit fiktiven Elementen zu verknüpfen, so dass eine fein gestrickte Geschichte entsteht, die einen der beiden tragenden Handlungsstränge ausmacht.

    Ein weiteres Schlagwort ist: das richtige Maß. Der historische Rückblick hält sich hier gekonnt die Waage mit dem gegenwärtigen Kriminalfall, und der stete Wechsel zwischen den Handlungssträngen hält das Interesse des Lesers an beiden Entwicklungen hoch.

    Ein besonders wichtiges Schlagwort ist dazu noch: menschlich. Es gelingt Tim Pieper, gerade im Hinblick auf die Geschehnisse während des Nationalsozialismus in Deutschland, auf eine reine Schwarz-Weiß-Malerei zu verzichten. Mit der jungen Schauspielerin Lydia, die zu dieser Zeit versucht erfolgreich zu sein, präsentiert der Autor in erster Linie einen Menschen, der einerseits zielstrebig, andererseits unischer ist und hier alles andere als eindimensional dargestellt wird. Tim Pieper verzichtet auf reines Schubladendenken und verleiht dadurch auch dem Bösen ein menschliches Gesicht.

    Doch natürlich ist dies nicht in erster Linie ein historischer Roman, sondern eben ein Krimi. Und auch der kann überzeugen. Der gegenwärtige Handlungsstrang und die Geschehnisse in der Vergangenheit verweben sich zunehmend und bilden schließlich ein überzeugendes Ganzes. Toni Sanftleben und sein Team mit der toughen Gesa und dem essgestörten Phong treiben die Ermittlungen voran, wobei sich auch im Privatleben von Toni neue Entwicklungen ergeben...

    Der Krimi liest sich wieder überaus flüssig, manche Passagen waren für mich sogar wunderschön formuiert. Wie immer lässt Tim Pieper den Leser bis zum Schluss im Dunkeln tappen, wer oder was hinter dem Mord an dem Kunstsachverständigen steckt. Jedesmal, wenn sich ein Verdächtiger auftut, entkräftet der Autor dies gleich wieder im nächsten Absatz. Die Auflösung der offenen Fragen war für mich gelungen, spannend und z.T. auch voller Überraschungen.

    Auch wenn mich bereits die vorherigen Bände der Krimireihe überzeugen konnten (5, 4 und 5 Sterne), ist dieser Band der für mich bislang beste. Sozusagen 5+ Sterne, wenn es das gäbe. Hier stimmt für mich alles, und es war für mich das reinste Lesevergnügen.

    Bleibt zu hoffen, dass weitere Bände folgen mögen!

    © Parden

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 22. Okt 2019 

    Erstklassig und spannend

    In Potsdam wird ein Kunstsachverständiger erschlagen aufgefunden. Er hatte zuletzt ein auffälliges Interesse an einem wertvollen Gemälde, das eine schwarz gekleidete Frau zeigte, deren Gesicht jedoch verhüllt war. Daneben hat er Recherchen rund um das Filmunternehmen Ufa betrieben. Hauptkommissar Toni Sanftleben beginnt zu ermitteln.

    Dieser Krimi war mein zweiter Fall um Toni Sanftleben und er hat mir wieder hervorragend gefallen.
    Der Schreibstil war flüssig zu lesen und erzeugte eine kontinuierliche Spannung, durch die ich absolut gebannt am Buch hing. Ich musste einfach immer weiterlesen.
    Toni ist ein richtig sympathischer Ermittler. Ich fand seine Überlegungen und Gedanken sehr interessant und schlüssig und habe die Ermittlungen voller Spannung verfolgt. Aber auch die Einblicke in sein Privatleben und sein Umgang mit den Kollegen fand ich gelungen und richtig toll, denn das brachte ihn mir wieder ein Stück näher.
    Der Fall war sehr spannend aufgebaut und konstruiert. Neben dem aktuellen Handlungsstrang rund um Tonis Ermittlungen gab es einen weiteren Handlungsstrang, der in der Zeit des Zweiten Weltkrieges und der damaligen Nazizeit spielte. Es war für mich nicht erkennbar, wie beide Stränge zusammen gehören, doch die Verbindung hat der Autor perfekt hinbekommen. Und "ganz nebenbei" gab es dann auch noch hochinteressante Details aus der damaligen Zeit, die mir so noch nicht bekannt waren.

    Ein erstklassiger und sehr spannender Krimi, der mich begeistert hat. Ich vergebe 5 von 5 Sternen.