Stella Maris

Buchseite und Rezensionen zu 'Stella Maris' von Cormac McCarthy
3.9
3.9 von 5 (9 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Stella Maris"

1972, Black River Falls, Wisconsin: Alicia Western, zwanzig Jahre alt, lässt sich mit vierzigtausend Dollar in einer Plastiktüte und einem manifesten Todeswunsch in die Psychiatrie einweisen. Die Diagnose der genialen jungen Mathematikerin und virtuosen Violinistin: paranoide Schizophrenie. Über ihren Bruder Bobby spricht sie nicht. Stattdessen denkt sie über Wahnsinn nach, über das menschliche Beharren auf einer gemeinsamen Welterfahrung, über ihre Kindheit, in der ihre Großmutter um sie fürchtete – oder sie fürchtete? Alicias Denken kreist um die Schnittstellen zwischen Physik, Philosophie, Kunst, um das Wesen der Sprache. Und sie ringt mit ihren selbstgerufenen Geistern, grotesken Chimären, die nur sie sehen und hören kann. Die Protokolle der Gespräche mit ihrem Psychiater zeigen ein Genie, das an der Unüberwindbarkeit der Erkenntnisgrenzen wahnsinnig wird, weder im Reich des Spirituellen noch in einer unmöglichen Liebe Erlösung findet und unsere Vorstellungen von Gott, Wahrheit und Existenz radikal infrage stellt.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:256
EAN:9783498003364

Rezensionen zu "Stella Maris"

  1. Über die Einsamkeit und Verlorenheit einer Hochbegabten

    16 Jahre nach dem großen Erfolg von McCarthy liegt dieser nun im kurzen Zeitabstand zwei neue, miteinander verbundene Werke vor: "Der Passagier" und "Stella Maris". Es geht um ein Geschwisterpaar: Während im Fokus von "Der Passagier" der Bruder Bobby steht, geht es in "Stella Maris" um dessen jüngere Schwester Alicia.

    Der Roman erzählt davon, wie sich Alicia Anfang der 70er Jahre selt in eine Psychiatrie namens Stella Maris einweist. Ihre Zeit dort und insbesondere die Zwiegespräche mit ihrem Therapeuten Dr. Cohen stehen im Mittelpunkt des Geschehens. Die Selbsteinweisung ein gutes Zeichen und Ausdruck des Willens, Hilfe zu erhalten und "geheilt" zu werden?- Nein, weit gefehlt. Die Grundprämisse ist, dass Alicia nicht behandelt und therapiert werden will. Sie ist laut eigener Aussage auch mehr wegen der Patienten dort als wegen einer Therapie oder den Ärzten. Es empfiehlt sich, sich bei der weiteren Lektüre des Romans auf diese Ausgangskonstellation einzulassen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass man den Gesprächsverlauf als wenig authentisch und unprofessionell empfinden wird. Ich denke jedoch, dass es MCCarthy nicht um ein authentisches Arzt-Patienten Gespräch geht.

    Richtig - das Buch besteht aus einem endlosen Dialog zwischen Alicia und Dr. Cohen. Es ist um Gott und die Welt, viel Philosophie, die Relation von Wirklichkeit und FIktion, die Grenze zwischen Wahnsinn und Vernunft. Und es geht auch um viel Mathematisches. Davon darf man sich nicht abschrecken lassen. Ich habe die Lektüre keinerzeit durch Recherchen zu dieser oder jener Theorie unterbrochen und in Kauf genommen, dass ich nicht alles verstehe. Trotzdem konnte ich den Roman genießen, insbesondere die philosophischen Passagen und alles, was mit Alicias Hochbegabung und ihrer Einsamkeit und Verlorenheit in der Welt zusammenhängt. Mich hat sehr interessiert, wie Alicia zu der Person geworden ist, die sie ist. Ihre Einsamkeit und das dauerhafte Rattern in ihrem Hirn, die Rastlosigkeit, die sie antreibt - ich konnte dies mit jedem Wort spüren.

    Insbesondere die Charakterzeichnung von Alicia finde ich sehr gelungen. Einerseits ist sie sehr einsam und verloren in der Welt. Andererseits gibt sie die Kontrolle über sich nicht ab. Es scheint vielmehr, sie hat alles klar in der Hand: die Dominanz und Steuerung der Gesprächsdynamik wie auch am Ende die folgenschwere Entscheidung über ihre eigene Zukunft. Die Charakterzeichnung des Therapeuten Cohen fand ich nicht ganz so überzeugend. Ich weiß zwar, dass es in Therapien oft darauf ankommt, den Patienten reden zu lassen. Dennoch tat ich mich mit seiner Passivität, gerade als das Verhängnis zunehmend an Fahrt gewinnt, schwer. Auch wenn die Grundprämisse der Deal ist "Gespräch ja, Therapie nein" - es ist doch Teil des Berufsethos, dass Therapeuten zur Heilung verpflichtet sind. Auch erschien mir die Preisgabe privater Details, die Alicia ihm gekonnt entlockt, als etwas unprofessionell. Wie gesagt, denke ich, man sollte diese Geschichte nicht so lesen, als stünde die Arzt-Patient Beziehung im Vordergrund. Das relativiert mein Unbehagen mit Dr. Cohen etwas. Zudem wird er sich seiner Machtlosigkeit sehr bewusst sein.

    Alles in allem ein ganz wunderbares Buch für LeserInnen, die gerne philosophisch angehauchte Geschichten lesen. Kann man Abstriche machen im Hinblick auf den Ehrgeiz, alles verstehen zu wollen, dann ist dies sicher eine Lektüre wert. Ich kann - meine relativierenden Anmerkungen eingedenk - das Buch voll und ganz empfehlen. Ein wahrer Lesegenuss und ganz große Kunst!

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  1. Zu viel Theorie, zu wenig Mensch

    Mit „Stella Maris“ legt Cormac McCarthy einen anspruchsvollen, formal ungewöhnlichem Roman vor, der allerdings in letzter Konsequenz nicht völlig überzeugen kann. Nachdem die junge Alicia sich selbst in eine Nervenheilanstalt eingeliefert hat, führt sie Gespräche über Mathematik, Musik, Philosophie, das Universum, Nuklearwaffen, ihre Kindheit, ihren Bruder, ihre Liebe und ihre Wurzeln mit dem Psychiater Dr. Cohen.

    Statt der gängigen Romanform zu folgen, lehnt sich MCarthy an die Form des Lesedramas an – ohne dieser jedoch wirklich gerecht zu werden. Stattdessen besteht sein Text aus ungekennzeichneten Dialogen, die jeweiligen Redeteile müssen durch den Leser Alicia oder dem Arzt zugeordnet werden, was gerade zu Beginn nicht immer leichtfällt und viel Konzentration erfordert. Im Verlauf des Textes gelingt dies jedoch zunehmend besser, vor allem weil man sich daran gewöhnt, dass der Therapeut recht wenig zu sagen hat und seine Redeanteile im Vergleich zu Alicias deutlich kürzer ausfallen. Grundsätzlich finde ich diese Form des Dialogs spannend, frage mich aber, warum McCarthy sich nicht gleich an ein ausgewachsenes Drama herangewagt hat, wenn ihm die Form doch so am Herzen zu liegen scheint. Zwar spielt der Roman so mit Lesererwartungen an die Gattung, aber das Innovative nutzt sich ab und wirkt über die gesamte Strecke des Buches irgendwann doch ermüdend. Darüber hinaus entsteht der Eindruck, dass der Text hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt bzw. grundlegenden Fragen durch die Dialogform ausweicht. Die Charakterisierung der beiden Figuren bleibt so z.B. trotz der unmittelbaren Innensicht distanziert und ist nicht sonderlich aufschlussreich – lediglich zum Ende hin offenbart Alicia Emotionen, die den Menschen jenseits der Hochbegabung erkennen lassen. Von einer authentischen Gesprächsabbildung kann kaum die Rede sein – zu anspruchsvoll, zu theoretisch, zu hochtrabend kommt die Konversation daher und mitunter tatsächlich auch etwas zu ziellos.

    Dabei ist der Roman inhaltlich sicherlich hochintelligent und enthält zahlreiche, für die meisten Leser kaum zu entschlüsselnde, Passagen. Besonders die immer wieder umfangreichen Ausflüge in den Bereich der Mathematik stellen für die Konzentration einen Stolperstein dar. Meine Gedanken wanderten dort stets ab – sicherlich weil es mir einfach zu abstrakt wurde, aber auch weil es mich einfach nicht zu interessieren vermochte: weder die Art der Präsentation noch der Inhalt. So mag es bestimmt sein, dass mir einige Andeutungen und Anspielungen, Bezüge und Verknüpfungen entgangen sind, aber wäre das Thema nicht so ausufernd trocken dargestellt worden, wäre mir dies auch besser gelungen.

    Jenseits der Mathematik (und auch der Musiktheorie) liefert das Gespräch zwischen Klientin und Theraupeut aber einige hochinteressante und äußerst kluge Denkanstöße, die zu Diskussion und Grübelei anregen und spannende Fragen aufwerfen. Diesen Aspekt des Romans habe ich sehr genossen, er hat mich mit den kleineren Durststrecken zwischendurch ebenso versöhnt wie mit einigen steilen und unzutreffenden Behauptungen der Figur Alicia, die sich zwischendurch mit der Aura der Universalgelehrten schmückt.

    Am stärksten war der Roman für mich tatsächlich in den zarten, menschlichen Momenten gerade zum Ende hin – wenn Alicias Figur sich als verletzlich und emotional unter all dem Wissen und der Überheblichkeit enthüllt, ist auch der Text bewegend.

    Insgesamt eine eher anstrengende Lektüre für Mathematikbegeisterte, die auch gern mal philosophieren.

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  1. Schwer zu greifen

    Schwer zu greifen

    Schon lange viel es mir nicht mehr so schwer ein Buch zu bewerten wie hier bei "Stella Maris".
    Der Roman regt zum nachdenken an, doch als Leser hatte ich oft das Gefühl gar nicht die komplette Bandbreite des gelesenen ausschöpfen zu können. Hinzu kam, dass es einen weiteren Roman des Autors gibt "Der Passagier" der eng mit diesem verwoben ist. Die Romane sollen laut Verlag unabhängig voneinander gelesen werden können, doch ab und an hatte ich das Gefühl, dass es doch ratsam gewesen wäre ihn vorweg zu lesen.

    Dem Leser wird ein einziger langer Dialog präsentiert, zwischen Alicia und ihrem Therapeuten. Alicia hat sich selbst in Stella Maris einweisen lassen, ist dort durch einen früheren Aufenthalt bereits bekannt. Damals schien es, als ob die Therapeuten sich an ihr die Zähne ausgebissen haben, was, wie man schnell merkt, wahrscheinlich an ihrer hohen Intelligenz liegt. Sie schafft es immer ein paar Ecken vorauszudenken, an kann ihr schwer folgen, zumal das meiste was sie erzählt gar nicht viel mit ihrem Innenleben zutun hat, sondern mit höherer Mathematik. Ich selbst konnte dabei nicht einmal nachvollziehen ob die Thesen die sie aufstellt stimmig sind. Schnell stellte ich mir die Frage warum der Autor dies so ausschweifend darstellt. Um Alicias überirdisches Wissen aufzuzeigen hätte deutlich weniger ausgereicht. Doch dieses Kompendium an Informationen führte bei mir die meiste Zeit des Lesens nur zu Unmut.
    Alicia als Person empfand ich sehr interessant. Doch das wenige das man über ihre Probleme, die sich durch die Hochbegabung schon als kleines Kind einstellten, erfährt, reichte mir nicht aus. Auch das Verhältnis zu ihrem Bruder, der im Koma liegt, was vermutlich ihren Entschluss nach Stella Maris zu gehen mit sich brachte, hätte für meinen Geschmack viel intensiver abgehandelt werden können.
    Die Halluzinationen die sie hat werden leider auch nur kurz gestreift, die Gestalten die dort auftauchen, allen voran ein Zwerg, bleiben blass.

    Das Ende hat mich überrascht, ich nahm es aber als stimmig und gebührenden Abschluss wahr, dennoch bleibt das Hauptgefühl, wenn ich über das Buch nachdenke, tiefe Ratlosigkeit. Was genau wollte der Autor mir sagen? Ging es um ein junges Mädchen, das, gefangen in ihrer komplexen Wahrnehmung, das einzige was sie im Leben wirklich wollte nicht bekommen konnte und daran zerbrach? Oder habe ich den eigentlichen Kern der Handlung am Ende gar nicht erfassen können, weil mir das nötige Wissen fehlt?
    So oder so habe ich den Roman trotz der genannten Kritikpunkte recht gern gelesen und "Der Passagier" liegt bereit. Vielleicht rundet das Wissen dieses Bandes ja auch Stella Maris ab!?

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  1. Genie und Wahnsinn liegen dicht beieinander

    Cormac McCarthy wird in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag feiern. Umso erstaunlicher ist es, dass er zum Jahresende 2022 gleich zwei Romane vorlegt, die sich inhaltlich ergänzen, aber dennoch völlig unterschiedlich aufgebaut sind und getrennt voneinander gelesen werden können. Ich las „Stella Maris“ und habe von „Der Passagier“ nur rudimentäre Kenntnisse.

    „Stella Maris“ besteht ausschließlich aus sieben therapeutischen Gesprächsprotokollen. Da McCarthy konsequent auf Redezeichen verzichtet, ist aufmerksames Lesen von Beginn an erforderlich. Als Patientin hat sich die 20-jährige Alicia Western auf eigene Rechnung in die offene Abteilung der titelgebenden Heil- und Pflegeanstalt begeben. Wir schreiben das Jahr 1972. Alicias Gesprächspartner ist Dr. Cohen, ein einfühlsamer, zurückhaltender Arzt, der sich primär in der Rolle des Zuhörers und Fragenstellers sieht.

    Alicia ist hochbegabt. Schule und Mathematik-Studium schloss sie weit vor der Zeit ab. Unterstützt wurde sie dabei von ihrem Vater, der maßgeblich am Bau der ersten Atombombe beteiligt war, was einen moralischen Schatten auf die Familie legt. Schnell etablierte sich Alicia beruflich an angesehenen Instituten, stand in Kontakt zu hochdotierten bekannten Persönlichkeiten dieser Branche. Eine weitere Passion Alicias galt der Musik, eine dahingehende professionelle Karriere schlug sie jedoch aus. Schon als Kind musste sie schwere Verluste verkraften. Sie wuchs bei der überforderten Großmutter auf. Einzige Stütze und Liebe war ihr älterer Bruder Bobby, der nun nach einem Unfall im Koma liegt und über den sie es lange ablehnt zu sprechen. Sein erwarteter bevorstehender Tod stürzt Alicia in eine Krise und lässt sie an Selbstmord denken. Einen Ausweg scheint sie in der Klinik zu suchen, die sie bereits zweimal zuvor besuchte.

    Neben diesen biografischen Hintergründen erzählt Alicia aus ihrem anspruchsvollen Berufsleben. Sie beleuchtet dabei naturwissenschaftlich-mathematische Theorien, mit denen sie sich die Welt erklären will. Die junge Frau hadert mit den Grenzen ihrer Erkenntnis. Man bekommt einen Eindruck, wie quälend sich Hochbegabung auf ein Individuum auswirken kann: Alicias Gehirn scheint permanent unter Hochspannung zu stehen, es rattert, kombiniert, hinterfragt, sucht fortwährend Antworten und Lösungen. An Ruhe oder Schlaf ist dabei nicht zu denken. Zu allem Überfluss wird Alicia von grotesken Gestalten heimgesucht, deren Anführer ein penetranter Zwerg ist, und die nur sie selbst sehen kann. Sie wirkt gepeinigt, hat nur wenige Freunde, was angesichts ihrer komplizierten Persönlichkeit nicht verwunderlich scheint. Die Diagnose lautet auf paranoide Schizophrenie.

    Der stilistische Aufbau des Romans ist außergewöhnlich und reizvoll. Man muss mit großer Aufmerksamkeit lesen. Die Themen wechseln häufig und sind intellektuell herausfordernd. Das gilt insbesondere für die Redeanteile Alicias. Sie lässt sich über mathematische und naturwissenschaftliche Theorien und Theoreme aus, zeigt Zusammenhänge zu anderen Bereichen der Wissenschaft auf, insbesondere zu Musik, Kunst und Philosophie. Ich gestehe, dass ich insbesondere die mathematischen Anteile nicht annähernd nachvollziehen konnte, indessen jedoch die philosophischen Exkurse mit großem Interesse verfolgte, in denen es um die großen Fragen des Lebens (und Sterbens) geht. Man findet eine Unmenge wunderschöner, nachdenkenswerter Aphorismen im Text, deren Deutungsmöglichkeiten vielfältig sind. Das Alterswerk McCarthys strahlt eine komplexe Symbolik aus. Man darf den wachen Geist des Autors bestaunen, der die finsteren Seiten einer Hochbegabung eindrucksvoll beleuchtet.

    „Stella Maris“ ist keine einfache Lektüre, sie liefert aber großen Erkenntnisgewinn. Gewiss können mathematisch ambitioniertere Leser noch größeren Nutzen daraus ziehen. Der Roman ist keine Lektüre für den Mainstream. Ich möchte aber betonen, dass ich das komplette Buch gerne gelesen habe, für das man Konzentration braucht. Die Sprache ist präzise und klar, unterschiedliche Stimmungen werden während der Sitzungen deutlich. Dr. Cohen versucht zudem stets, seine Patientin in Bereiche umzuleiten, in denen er selbst sich auskennt und in denen er ihr eine Unterstützung anbieten kann. Man hat jedoch den Eindruck, dass der Therapeut seine Einflussmöglichkeiten von Beginn an äußerst gering einschätzt. Er verhält sich sehr menschlich und akzeptiert die Regeln und Grenzen, die Alicia für ihre Behandlung definiert. Insofern ist auch das Ende äußerst stimmig und liefert weiteren Stoff zum Nachdenken.

    Kein Roman für Jedermann, aber eine Spezialität für alle Leser, die sich gerne intellektuell herausfordern.

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  1. Die Grenzen der Erkenntnis

    „Der Passagier“ und „Stella Maris“ sind die beiden neuen Romane von Cormac McCarthy, die inhaltlich zusammengehören und im Abstand von nur wenigen Wochen veröffentlicht wurden.
    Im mehr als 500 Seiten umfassenden „Der Passagier“ lesen wir Auszüge aus dem Leben von Bobby Western und erfahren dort auch von seiner besonderen Beziehung zu seiner jüngeren Schwester Alicia und deren psychischer Verfassung. Das wesentlich dünnere, aber formal ungewöhnlichere und inhaltlich intellektuellere Werk „Stella Maris“ legt den Fokus auf Bobbys Schwester Alicia.
    1972: Bobby Western liegt nach einem Unfall im Koma. Seine jüngere Schwester Alicia weist sich selbst in die psychiatrische Klinik „Stella Maris“ ein. Es ist bereits ihr dritter Aufenthalt dort. Schon zu Beginn signalisiert sie, weder Medikamente noch eine Therapie zu wünschen.
    In Stella Maris lesen wir ausschließlich die Dialoge, die zwischen dem Therapeuten Dr. Cohen und Alicia an sieben aufeinanderfolgenden Tagen stattfinden. Alicia, Doktorandin der Mathematik, die diese Wissenschaft aber nicht weiter betreiben will, hochbegabt, Synästhetikerin, spielt ausgezeichnet Violine und ist aufgrund einer akuten persönlichen Krise - ausgelöst durch den Unfall ihres Bruders - suizidgefährdet.
    In ihrer Kindheit hat sie für kurze Zeit etwas gesehen, das als „Archetron“ bezeichnet wird und reichlich Stoff für mögliche Interpretationen bietet. Gesichert ist nur, dass ihr der Blick darauf große Angst einflößt(e). Seit ihrem 12. Lebensjahr, zeitgleich mit dem Einsetzen ihrer Menstruation, erhält sie zudem regelmäßig Besuch von einer Anzahl skurriler Gestalten, die zu real und eigenständig wirken, um als Halluzination zu gelten. Der sogenannte „Contergan-Zwerg“ und seine Begleiter*innen, die nur von Alicia wahrgenommen werden, sind allesamt mittelmäßige Artisten, gehen Alicia gehörig auf die Nerven, sind ihr aber grundsätzlich wohlgesonnen.
    McCarthy verzichtet in Stella Maris konsequent auf Anführungszeichen, was gerade zu Beginn die Zuordnung der Sätze erschwert. In hohem Tempo, mit zahlreichen Gedankensprüngen, knapp und auf intellektuell herausforderndem Niveau sprechen die beiden über Mathematik, Musik, Physik, Philosophie, Kunst und Sprache. Zahlreiche Bezüge zu bedeutenden Wissenschaftler*innen und deren Theorien werden hergestellt und es wird auf historische Ereignisse verwiesen. Unmöglich das alles zu begreifen. Oftmals geht es um die Grenzen der Erkenntnis und unterschiedliche Wahrnehmungen. Die Dialoge sind faszinierend, vom Wunsch des Therapeuten getragen, Alicia zu verstehen und regen zum Nachdenken an. Alicia hadert mit den Grenzen ihrer Erkenntnisfähigkeit und hat sich daher auch von der Mathematik als Werkzeug, die Realität zu erkennen, verabschiedet. Denken ist abhängig von sprachlichen Mitteln, Bildern usw. - Mathematik und Sprache erweisen sich als der verzweifelte Versuch, die Realität zu erkennen und sind zugleich die unüberwindbare Hürde.
    „Es ist kompliziert. Letztlich geht es um Glauben. Um das Wesen der Realität“ (S. 15).
    Am interessantesten finde ich die Abschnitte, die sich mit der Realität und deren Wahrnehmung und die Bedeutung des Unbewussten im Erkenntnisprozess auseinandersetzen. Wissen, Medikamente, Drogen usw. verändern Wahrnehmung. Das gilt auch für besondere Fähigkeiten wie Synästhesie, ein absolutes Gehör und „Geisteskrankheiten“, nicht zu vergessen die kulturelle Prägung, die ebenfalls eine Rolle spielt. Wahrnehmung ist damit hochgradig individuell und trotzdem muss es eine existierende Welt geben, die unbeeinflusst von all den Wahrnehmungen besteht. Und was ist eigentlich die Intelligenz des Unbewussten? Wie kann es ohne Sprache Erkenntnisse erlangen, funktionieren und Entscheidungen treffen? „Die eigentliche Frage ist nicht, wie man Mathematik betreibt, sondern wie das Unbewusste das tut. Wie kommt es, dass Ihr Unbewusstes das nachweislich besser kann als Sie?“ (S. 124/125).
    Neben Wahrnehmung, Realität, den unterschiedlichen Zugängen zu Erkenntnis, widmet sich McCarthy auch den Grenzen, dem Scheitern und der Ethik der Wissenschaften. Letztendlich geht es für mich aber auch um die Notwendigkeit eines emotionalen Ankers in der Welt, Geborgenheit und die Frage, was uns glücklich und zufrieden macht bzw. was Menschen verzweifeln lässt.
    Dieser Dialog-Roman hat mich an die Grenzen meiner Erkenntnisfähigkeit gebracht. Er bietet eine Fülle an Deutungsmöglichkeiten. Mein Leseerlebnis kann ich am besten mit anstrengender Faszination bezeichnen. Der Roman ist aufgrund seiner Dichte eine Herausforderung. Versöhnlich der Gedanke, dass für ein zufriedenes Leben emotionale Zugehörigkeit wichtiger ist als kognitive Erkenntnis. Theoretisch erkennt das auch Alicia wenn sie sagt: „Ich glaube, was die meisten Leute glauben: Heilung kommt durch Zuwendung, nicht durch eine Theorie.“ (S. 65).

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  1. 3
    26. Dez 2022 

    Simple Form für intellektuell gewichtigen Inhalt

    Der vorliegende zweite Teil des Doppelromans „Der Passagier“ und „Stella Maris“ von Cormac McCarthy besteht ausschließlich aus einem Dialog zwischen der Protagonistin Alicia Western, Schwester von Robert „Bobby“ Western, welcher in „Der Passagier“ im Mittelpunkt steht, und ihrem Psychiater in der Nervenheilanstalt Stella Maris. Der Aufenthalt spielt sich in 1972 und damit acht Jahre vor der Handlung von „Der Passagier“ ab. Dies ist wichtig zu beachten, denn so gehören die beiden Romane inhaltlich eng zusammen. Warum der Autor mit seinem Verlag die Entscheidung getroffen hat, nun aber die Therapiegespräche von Alicia in ein gesondertes Buch zu packen, ist mir unverständlich. Denn ganz für sich alleinstehend hat dieser Roman mir persönlich leider nicht viel zu bieten.

    Alicia springt im Schriftbild mitunter unübersichtlichen Dialog mal von allein mal von ihrem Psychiater angeregt von einem Thema zum nächsten. Sie hat sich selbst eingewiesen, äußert immer wieder latente bis akute Suizidgedanken, wird aber weder medikamentös noch anderweitig behandelt. „Noch anderweitig“ steht hier für mich auch dafür, dass die Therapiegespräche in wirklich keinster Weise Therapiegespräche sind. Es wird im wahrsten Sinne des Wortes über Gott und die Welt, inzestuöse Liebe, Mathematik, Philosophie, Physik und den Sinn des Lebens - ach ja und Alicias Halluzinationen in Form eines missgestalteten Zwergs und anderen Begleiter:innen - gesprochen. Alicia ist ein Genie auf dem Gebiet der Mathematik und lässt sich zu verschiedenen Mathematikern und ihren Theorien aus. Dem zu folgen war mir zwar durchaus möglich, trotzdem hat sich mir leider nicht erschlossen, was mir der Autor mit seinem Roman eigentlich grundsätzlich sagen möchte. Hat der Roman überhaupt eine Aussage? Ich weiß es wirklich nicht.

    Mögen die Passagen zu Mathematik, Physik usw. eventuell fachlich korrekt sein, so ist es das gesamte psychiatrische Setting überhaupt nicht. Es wird mitunter Vokabular falsch verwendet, so nutzt McCarthy als Adjektiv für die Erkrankung „Schizophrenie“ das Wort „schizoid“, was fachlich vollkommen falsch ist, weil „schizoid“ erst einmal „nur“ eine Persönlichkeitsausprägung auf einem Kontinuum von Persönlichkeitseigenschaften beschreibt, die in der höchsten Ausprägung einer Persönlichkeitsstörung auftreten kann und somit einem grundsätzlich anderen Konstrukt zugrunde liegt als die psychische Erkrankung der schizophrenen Psychose. Ob dies unwahrscheinlicherweise in der Übersetzung schiefgelaufen ist, kann ich nicht beurteilen, da mir bis zu dieser Stelle im Roman nicht der englischsprachige Originaltext vorliegt. Was aber darüber hinaus zu bemängeln ist, die Umsetzung des gesamten therapeutischen Kontakts zwischen diesen beiden Personen. Der Therapeut folgt keinerlei authentischen Vorgehensweise oder zumindest den Grundregeln der Gesprächsführung. Einen Behandlungsplan scheint es nicht zu geben. Die Patientin scheint sich Hände tätschelnd in eine Sterbebegleitung begeben zu haben. Hanebüchen ist die Übersetzung des vom Psychiater (ermüdend) oft genutzten „All right.“ ins deutsche „Na gut.“ Damit sorgt der Übersetzer Dirk van Gunsteren zu noch mehr passiver Schicksalsergebenheit des Psychiaters als ohnehin schon im Gespräch in jedem zweiten Ausspruch von ihm steckt. Ich könnte mich an dieser Stelle noch ausführlicher über diese alles andere als authentische Behandlungssituation auslassen, belasse es aber dabei und nehme an, der Autor hat zwar sehr viele Freunde aus diversen naturwissenschaftlichen Fachgebieten, deren Wissen er in diesem Buch einfließen hat lassen, ein:e Psychiater:in oder Psycholog:in scheint jedoch nicht darunter zu sein.

    Nach der ersten Hälfte des Buches hätte ich es am liebsten frustriert abgebrochen, habe dann aber doch unter der Prämisse weitergelesen, dass sich hier einfach nur zwei Menschen unterhalten, von der eine ein fachsimpelndes Genie ist und der andere irgendeine Person, aber kein Psychiater. Dann war es erträglich und wurde zum Ende des Buches hin sogar noch interessanter. Dies lag meines Erachtens auch daran, dass Alicia endlich noch längere und zusammenhängendere Redebeiträge zugestanden wurden. Allein aufflackernde Deutungen im Zusammenhang mit dem Inhalt aus „Der Passagier“ sind an diesem Roman wirklich interessant. Für mich erschließen sich jedoch kaum die tatsächlich dahintersteckenden Theorien, die uns Cormac McCarthy (hoffentlich) mitteilen möchte. Vielleicht gibt es diese aber auch gar nicht und es handelt sich bei „Stella Maris“ allein um ein prätentiöses Spätwerk eines gut belesenen Autors. Die Figurenkonstellation, die Figurenzeichnung sowie - und vor allem! - das Setting ist mir also zu unauthentisch. Die Figuren und ihr Dialog scheinen mir nur Marionetten und Mittel für McCarthys Anliegen, all sein gesammeltes Wissen in kondensierter Form in dieses (letzte?) Buch zu packen.

    Wenn ich nun meine komplette Lektüre betrachte und die mildernden Umstände gelten lasse, wie ab der Hälfte des Romans getan, komme ich auf solide 3 Sterne. Ein gutes Buch, welches ich empfehlen würde nicht alleinstehend sondern als Folgelektüre zu „Der Passagier“ zu lesen; welches vielleicht besser als Ergänzung zum Inhalt innerhalb des ersten Romans (also alles in einem) funktioniert hätte.

    3/5 Sterne

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  1. Zwei-Personen-Kammerspiel

    Autor
    Cormac McCarthy

    Inhalt
    27. Oktober 1972, Black River Falls, Wisconsin. Psychiatrische Heil- und Pflegeanstalt.
    Alicia Western, zwanzig Jahre alt, ist eine geniale junge Mathematikerin und virtuose Violinistin. Sie leidet an paranoide Schizophrenie, die für sie zu einem manifesten Todeswunsch geworden ist. Mit einer Plastiktüte, gefüllt mit vierzigtausend Dollar in Hundertdollarscheinen, weist sie sich selbst in die Psychiatrie von Stella Maris ein. Alicia hat einen Bruder Bobby, über den sie aber sehr wenig spricht. In sieben Sitzungen philosophiert und kreisen Alicias Gedanken zwischen Physik, Mathematik, Musik, Philosophie, Kunst, um das Wesen der Sprache, um Tod und Vergänglichkeit. Ihr Therapeut dringt mit Fragen tiefer und tiefer in ihre Persönlichkeit und erreicht selbst Grenzen, die sein Wissen überschreiten. Jede Sitzung, jedes Protokoll offenbaren ein Genie, das offenbar an sich selbst zweifelt und vergeblich die Erlösung sucht.

    Stil und Sprache
    „Stella Maris“ ist ein reiner Dialogroman, der auf Gesprächen von Alicia Western mit dem Psychiater Dr. Cohen in der psychiatrischen Klinik Stella Maris im Jahr 1972 basiert. Alicias Mutter starb, als sie zwölf war, Ihr Vater gehörte zu einer Gruppe von Wissenschaftlern, die die Atombombe bauten. Ihr Bruder ist hirntot. (vgl. S. 76). Sie selbst leidet an einer paranoiden Schizophrenie, ist mathematisch genial, liebt Musik und hat einen Zwerg als Freund, den nur sie sehen und hören kann. McCarthy stellt mit seiner Figur Alicia eine psychisch kranke Frau in den Mittelpunkt, die hochbegabt über Mathematik, Physik, Philosophie, Kunst, um das Wesen der Sprache auf einer mathematisch philosophischen Ebene nachdenkt.

    Zuweilen ist ihre Sprache eloquent, rotzig, frech und ironisch untermalt.

    „Wenn man zwei Tomaten mit zwei Tomaten multipliziert, erhält man nicht vier Tomaten, sondern zwei Tomaten hoch zwei. Und was ist diese zwei? Ein unabhängiger mathematischer Operator. Aha. Und was ist das? Das wissen wir nicht.“ (S. 167)

    Ihre Gedankengänge legen intellektuelle Brillanz, Wahnsinn und Weltfremdheit frei, die Grenzen des menschlichen Wissens übersteigen.

    „Wenn man sich diese Namen und das Werk, für das sie stehen, ansieht, wird einem klar, dass im Vergleich dazu die Annalen der modernen Literatur und Philosophie unbeschreiblich öde sind.“ (S. 83)

    Alicia fehlt die Geige. Sie hat sie abgegeben, obwohl sie eine Stütze für sie war.

    „Eine Geige hat keine Vorläufer. Sie erscheint in all ihrer Perfektion einfach aus dem Nichts.“ (S. 151)

    Ein kleiner Mann aus dem fünfzehnten Jhd. fällte einen Ahorn und schnitt das Holz in dünne Bretter, ließ sie sieben Jahre trocknen und macht sich, nach einem Dankgebet an Gott, an die Arbeit. Das geht Alicia sehr nahe.
    Philosophisch betrachtet sie das Universum.

    „Wenn es verschwände, würde nur die Musik bleiben. Ohne Regeln hat man nichts als Lärm. Wenn wir einen falschen Ton hören, zucken wir zusammen.“ (vgl. S. 123)

    Alicia berichtet von dem Zwerg, der nicht aus ihr „Traumlandschaft“ kommt, sondern aus ihrem „Zimmer“. Kann der Zwerg Alicia in den Abgrund treiben? Alicia definiert die Möglichkeit über eine Beziehung zu der Stimme einer Halluzination.

    „Die meisten Selbstmörder brauchen keine Stimme.“ (S. 128)

    McCarthy nimmt Bezug auf das Kekule Problem aus dem Jahr 2017, indem der Autor über die Beziehung zwischen Sprache und Unterbewusstsein nachdenkt.

    Der Autor schreibt nicht nur exzellente Dialoge, sondern setzt zusätzlich Symbolik ein.

    Der Ort des Romans ist die Heil- und Pflegeanstalt in Black River Falls, Wisconsin. Sie wurde 1902 als konfessionelle Pflegeanstalt gegründet. Seit 1950 ist sie nicht mehr konfessionell. Warum hat der Autor diese Pflegeanstalt genau in Black River Falls, Wisconsin gewählt? Black River Falls ist eine Kleinstadt und Verwaltungssitz des Jackson County im US-amerikanischen Bundesstaat Wisconsin. Auf den ersten Blick eine harmlose Kleinstadt in Nordamerika mit keinen besonderen Sehenswürdigkeiten. In den Jahren zwischen 1885 bis ca. 1900 überschatten merkwürdige Ereignisse die Stadt, die erschaudern lassen.
    Ein Bauer köpft alle seine Hühner, brennt dann die Farm und den Hühnerstall nieder, weil er überzeugt ist, der Teufel wäre nach Black River Falls gekommen. Eine Frau ertränkt ihre drei Kinder an einem sonnigen Tag am Strand, während hilflose Passanten zusehen müssen.

    Und noch mehr solcher Taten, die allesamt absurd sind und keinen Sinn ergeben. Was verbirgt sich dahinter? Was verbirgt sich hinter der Fassade von Alicia?

    Mathematik, Musik und Bach sind nicht zufällig gewählt. Musik und Mathematik passen hervorragend zusammen. Bei Bach zeigt sich, wie eng Mathematik und Musik miteinander verknüpft sind. B-A-C-H = 14 ist die Summe der Buchstaben. Man denke nur an die Rhythmik, die Intervalle, die unterschiedlichen Strukturen in Musikstücken, an den Instrumentenbau oder die verschiedenen Tonstrukturen. In der Musik lassen sich viele mathematische Inhalte aufzeigen.
    Die Zahl 14 lässt sich durch zwei teilen: ergibt sieben. Es finden sieben Sitzungen statt. Die Zahl sieben symbolisiert Geist und Seele einerseits sowie Körper, andererseits das Menschliche. Zufall bei Mc Carthy? Ich meine nein.

    Symbolik haben auch die Namen der Protagonistin und ihrem Bruder Bobby. Alicia erzählt ihrem Therapeuten, dass ihr Vater sehr humorvoll war und er die Namen seiner Kinder aus dem akademischen Betrieb gewählt hat. Alicia und Bob sind Platzhalternamen für die Formulierung wissenschaftlicher Problemstellungen. Hinzu kommt, dass die Anfangsbuchstaben auf eine A- und B Theorie aus den 1960 Jahren verweist, die erstmals von Richard Gale geprägt wurde. Dabei geht es um die Frage der Zeit, die auf zwei verschiedene, aber verwandte Arten charakterisiert wird.

    „Mein Vater hatte Sinn für Humor. […] In der Wissenschaft sind Bob und Alice die Namen von zwei Figuren in bestimmten anekdotisch formulierten Fragen. […].“ (S. 34)

    Vielleicht ist hier der Grundstein für die enge Beziehung zwischen Alicia und ihrem Bruder Bobby zu finden. Sie wollte ihn heiraten, sie liebt ihn, seit sie zwölf ist. Sie zweifelt nicht daran, dass auch er sie liebte.

    „Ich wusste, dass ich nur eine einzige Liebe und eine einzige Chance hatte. Und ich täuschte mich nicht in seinen Gefühlen. Das erkannte ich daran, wie er mich ansah.“ (S. 205)

    Der Höhepunkt ist ein Traum von Alicia. Sie träumt eine intime Beziehung mit ihm zu haben, sie erzählt ihm von diesem Traum und er antwortet, dass sie ihm so etwas nie wieder erzählen darf. Ist die Beziehung zu ihrem Bruder ein Traum oder Realität?
    Es bleibt eine Leerstelle, wie viele andere Situationen in diesen sieben Sitzungen.
    Die Themen Kunst, Musik und Mathematik nehmen in der philosophischen Betrachtung einen breiten Raum ein. Alicia erklärt die Vergeblichkeit der Mathematik und vergleicht sie mit der Musik.
    Musik und Kunst sind in ihrer vollendeten Form „mit Schmerz“ (vgl. S. 122) zu erreichen. Mathematik ist mühevolle Arbeit, ein langer Weg bis zur Erschöpfung.

    „Mathematik ist nichts als Schweiß und Mühsal. Ich wollte, sie wäre romantisch. Ist sie aber nicht. Im schlimmsten Fall gibt es hörbare Einflüsterungen. Es ist schwer, Schritt zu halten. Man wagt nicht zu schlafen, man war vielleicht schon zwei Tage wach, aber so ist das eben. Man trifft eine Entscheidung und stellt fest, dass einen zwei weitere Entscheidungen erwarten und dann vier und dann acht. Man muss sich zwingen, innezuhalten und zurückzugehen. Von vorn anzufangen. Man sucht nicht Schönheit, sondern Einfachheit. Die Schönheit kommt später. Wenn man ein Wrack ist.
    Ist es das wert?
    Wie nichts anderes auf der Welt.“ (S. 123)

    Die siebte und letzte Sitzung nimmt das Thema Mathematik im Fokus Tod auf - die Todessehnsucht.

    "Über das Problem, Zugang zu der Welt zu finden, die man sich am meisten ersehnt.“ (S. 237)

    „Stella Maris" lässt offen, ob Alicia stirbt.

    Fazit
    „Stella Maris“ ist ein Werk das hauptsächlich aus philosophischen Überlegungen besteht.
    Die sieben Sitzungen gleichen einem Kammerspiel mit zwei Personen. Der Schwerpunkt liegt nur auf dem Gespräch, das versucht, hinter die Fassade von Alicia zu dringen. Oftmals hat der/die Leser:in das Gefühl, als ob eine dritte Person auf der Bühne steht: der Regisseur Cormac McCarthy. „Stella Maris“ liest sich so, als ob Mc Carthy mit selbst über die Weltanschauung diskutiert.
    McCarthy hat sich mit „Stella Maris“ und auch mit „Der Passagier“ (den habe ich allerdings nicht gelesen, ich baue meine Behauptung auf andere Rezensionen auf) fulminant zurückgemeldet. Er lässt seine Figuren genial über Mathematik, Physik, Philosophie, Kunst und um das Wesen der Sprache auf einer mathematisch philosophischen Ebene nachdenken. Ein Dialog über die Welt, über das Leben und den Tod. Cormac McCarthy ist 90 Jahre alt, vielleicht sein letzter Roman, sein Vermächtnis an uns.

    Im letzten Gespräch zwischen Alicia und dem Therapeuten wird der Tod als letzter Schritt zum Glück empfunden:

    „Ich glaube, unsere Zeit ist um.
    Ich weiß. Halten Sie meine Hand.
    Ihre Hand?
    Ja. Das möchte ich.
    Na gut. Warum?
    Weil es das ist, was Menschen tun, wenn sie auf das Ende von etwas warten.“ (S. 239)

    Ich lege diesen Roman zur Seite und weiß doch, dass ich ihn wieder hervorholen und lesen werde. Welche Erkenntnisse wird er mir dann geben?

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    10. Dez 2022 

    Faszinierendes Gedankengebilde

    Nach knapp 15 Jahren des literarischen Schweigens nach seinem großen Erfolg „Die Straße“, veröffentlicht McCarthy im Abstand von zwei Monaten gleich zwei Romane: „Der Passagier“ und das hier rezensierte „Stella Maris“, die inhaltlich zusammen hängen. Den „Passagier“ habe ich (noch) nicht gelesen.

    „Stella Maris“ ist in Form eines reinen Dialogs geschrieben, verzichtet auf Anführungszeichen und kann ohne äußerste Konzentration nicht verstanden werden. Vielleicht so oder so nicht verstanden werden, es sei denn, die Leser:innen haben Physik und/oder Mathematik auf höchstem Niveau studiert. Das ist bei mir nicht der Fall; im Gegenteil leide ich an einer ausgeprägten Mathe-Allergie. Aber, und das war überraschend, das Buch fesselte mich trotz klaffender Wissenslücken (Warnung: Googeln hilft nicht. Jedenfalls nicht viel.)

    Der Roman spielt im Jahr 1972 und bildet ein Therapiegespräch ab – zwischen einer jungen Frau und ihrem Therapeuten Dr. Cohen. Alicia hat sich freiwillig in die psychiatrische Klinik Stella Maris eingeliefert; es ist ihr dritter Aufenthalt dort. Sie befindet sich in einer akuten Krise, weil ihr älterer Bruder Bobby nach einem Unfall im Koma liegt und gilt als suizidgefährdet.

    Sehr subtil, nur durch ihre jeweilige Sprache, entwirft der Autor ein Bild der beiden Protagonisten. Alicia ist hochbegabt; eine Ausnahmeerscheinung seit ihrer Geburt. Dr. Cohen, der sie retten möchte, ist ein sehr sanfter, verständnisvoller Gesprächspartner, der, genau wie die Leserin, häufig an seine Verständnisgrenze stößt. Das tut, auf ihre Art, auch Alicia, nur befindet sich diese Grenze weit jenseits des Normalen. Für sie ist selbst die Mathematik kein widerspruchsfreier, eindeutig sinnhaltiger Raum. Sie MUSS verstehen; Nichtverstehen ist ein existenzielles Problem für sie. Einziger Ausweg aus dieser Misere scheint ihr der Suizid – der Tod als Aufhebung der Erkenntnisgrenze.

    Aus Alicias Perspektive verhandelt McCormac eine Reihe naturwissenschaftlicher, philosophischer und psychologischer Fragen: Wie steht es um unsere evolutionsbedingt beschränkte Wahrnehmung? Was sind wir im Universum? Was ist Realität? (Sind Alicias Halluzinationen real?) Hilft Sprache beim Denken? Oder ist sie ein Parasit, der das Gehirn befallen und wichtige Bereiche zerstört hat? Wie denkt das sprachlose Unbewusste? Kann man von der Wissenschaft ethisches Verhalten erwarten?

    Das alles liest sich ebenso anstrengend wie faszinierend. Man leidet mit der brillanten jungen Frau, die keinen Sinn und, außer ihrem Bruder, keine Gemeinschaft finden kann, die ihr ebenbürtig ist. Auch die Form des Romans gefällt mir, die schnörkellosen Dialoge ohne jedes Beiwerk. Jede Menge kluger Sätze, die man sich rausschreiben möchte.

    Das intellektuelle Niveau des 90jährigen McCormac hat mich schwerst beeindruckt. Offensichtlich ist es ihm gleichgültig, ob seine Leser:innen ihm noch folgen können. Recht so: Wer seine grauen Zellen ein wenig quälen mag, ist bei diesem Roman richtig.

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  1. Großes Kino, aber sehr anstrengend

    Eine junge Frau, Alicia, 20 Jahre alt, weist sich zu Beginn der 1970er Jahre wiederholt selbst ein. Diesmal erneut in die Psychiatrie "Stella Maris" in Wisconsin, wo sie einige Patient/innen wiedersehen möchte. Aufgrund von anhaltenden Halluzinationen und insbesondere, weil eine Selbstmordgefährdung diagnostiziert wird, bekommt sie psychotherapeutische Gespräche. Diese Sitzungen mit Dr. Cohen werden aufgezeichnet. Wir als Leser/innen sitzen quasi nun vor dem Aufnahmegerät und hören uns die Sitzungen an - so macht es jedenfalls den Eindruck, denn der gesamte Roman ist als ein einziger Dialog aufgebaut, in sieben Sitzungen mit Alicia und dem Arzt.

    In diesen großartig aufgebauten Gesprächen kommen wir der Patientin näher. Die hochbegabte Mathematikerin berichtet über die Erscheinungen, sie erzählt von ihrer -aufgrund ihrer Hochbegabung- schwierigen Kindheit, von den Eltern, der Großmutter und dem Bruder. Ganz besonders oft verfällt sie aber auch in ausschweifende Monologe über ihr liebstes Thema: die Mathematik. Aber auch über physikalische und philosophische Themen gibt es seitenlange Diskurse. Und da gerate ich mit meinem Verständnis an meine geistigen Grenzen. Leider sind diese Themen so hochkomplex, dass ich -ebenso wie der Arzt im übrigen- überfordert bin. Das (Weiter-)Lesen ist mir streckenweise sehr schwer gefallen.

    Bei alledem wird aber einiges deutlich: es lebt sich nicht unbedingt gut mit einem nimmermüden, hochintelligenten Kopf. Es ist schwer sich im "normalen" Leben zu arrangieren und Gleichgesinnte zu finden. Alicia verzweifelt an so vielem und ist am Ende lebensmüde. Tragisch.

    Die letzten Sätze erst haben mich im Nachhinein den Sinn/ das Ziel des Romanes erkennen lassen. Ich bin durchaus beeindruckt. Ein absolut toll konstruiertes, sprachlich besonderes Werk. Aufgrund der genannten komplexen Monologe über hochwissenschaftliche Themen, die kaum jemand verstehen wird und die m.M.n. sicherlich etwas kürzer hätten ausfallen können, muss ich aber Punkte abziehen. Es hat meinen Lesegenuss sehr geschmälert.

    Dennoch: nicht übel, was McCarthy im so hohen Alter hier geschaffen hat! Hut ab!

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