Stella

Buchseite und Rezensionen zu 'Stella' von Takis Würger
4.8
4.8 von 5 (5 Bewertungen)

Es ist 1942. Friedrich, ein stiller junger Mann, kommt vom Genfer See nach Berlin. In einer Kunstschule trifft er Kristin. Sie nimmt Friedrich mit in die geheimen Jazzclubs. Sie trinkt Kognak mit ihm und gibt ihm seinen ersten Kuss. Bei ihr kann er sich einbilden, der Krieg sei weit weg. Eines Morgens klopft Kristin an seine Tür, verletzt, mit Striemen im Gesicht: "Ich habe dir nicht die Wahrheit gesagt." Sie heißt Stella und ist Jüdin. Die Gestapo hat sie enttarnt und zwingt sie zu einem unmenschlichen Pakt: Wird sie, um ihre Familie zu retten, untergetauchte Juden denunzieren? Eine Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht – über die Entscheidung, sich selbst zu verraten oder seine Liebe.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:224
EAN:9783446259935

Rezensionen zu "Stella"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 12. Feb 2019 

    Blondes Gift?

    Berlin im Kriegsjahr 1942: Friedrich, ein stiller junger Mann aus wohlhabendem Haus, kommt nach Nazi-Deutschland. In einer Kunstschule trifft der Schweizer, dessen Mutter sich als Künstlerin definiert, die attraktive Kristin. Die Blondine nimmt Friedrich mit in die verbotenen Jazzclubs. Sie singt. Beide trinken und feiern zusammen. Bei ihr kann er sich einbilden, der Krieg sei weit weg. Die beiden werden zu einem Paar. Doch eines Morgens klopft Kristin an seine Tür, verletzt, mit Striemen im Gesicht. Sie gesteht: „Ich habe dir nicht die Wahrheit gesagt." Sie heißt Stella, ist Jüdin und hat ein furchtbares Geheimnis…

    „Stella“ von Takis Würger ist ein sehr besonderer historischer Roman.

    Meine Meinung:
    Erzählt wird in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Friedrich. Jedes Kapitel beginnt mit einer Aufzählung von historischen Ereignissen in diesem Monat. Eingebettet sind Briefe und die protokollierten Zeugenaussagen aus einem Prozess. Darüber hinaus endet der Roman mit einem Epilog. Dieser Aufbau funktioniert gut.

    Der Schreibstil wirkt recht reduziert und schnörkellos, aber dennoch intensiv und fesselnd. Mit nur wenigen Worten und Sätzen entfaltet sich immer wieder eine Sprachgewalt, die das Können des Autors eindrucksvoll demonstriert. Viel wörtliche Rede, eine dichte Atmosphäre und pointierte Formulierungen kennzeichnen den Roman.

    Mit Friedrich und Stella stehen zwei reizvolle, recht unterschiedliche Charaktere im Mittelpunkt. Beide habe ich als interessant empfunden. Auch die übrigen Personen wirken authentisch.

    Fakten und Fiktion werden auf gekonnte Weise miteinander verwoben. Gut gefallen hat mir, dass der Roman mit Stella Goldschlag eine historische Persönlichkeit in den Fokus nimmt: die jüdische Gestapo-Kollaborateurin, die während des Zweiten Weltkriegs versteckte Juden in Berlin aufspürte und sie denunzierte. Der Roman hat mich dazu inspiriert, mehr über diese Frau erfahren zu wollen.

    Darüber hinaus bietet die Geschichte viel Stoff zum Diskutieren und Nachdenken. Es geht um Schuld, Verrat, Moral, Liebe und den Kampf ums Überleben in einer grausamen Zeit. Immer wieder wird die Frage aufgeworfen: Wie hätte ich selbst gehandelt? Das macht den Roman zu einer anspruchsvollen und schwer verdaulichen, aber auch lohnenden Lektüre.

    Das kontrastreiche Cover und die tolle Aufmachung des Hardcovers sind äußerst gelungen. Auch der prägnante Titel passt gut zum Inhalt und trifft meinen Geschmack.

    Mein Fazit:
    „Stella“ von Takis Würger ist ein sprachlich herausragender, aufwühlender und berührender Roman. Eine beeindruckende Lektüre, die ich wärmstens empfehlen kann und die noch eine Weile bei mir nachhallen wird.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 10. Feb 2019 

    Es gibt keine einfachen Antworten auf schwierige Fragen

    Takis Würger kann schreiben und den Leser mitreißen. Dieses Talent nutzt er, um in seinem neuen Roman einen Blick auf die historische Person Stella Goldschlag zu werfen. Stella Goldschlag arbeitete in den 1940ern als sog. Greiferin für die Gestapo. D.h. sie ermöglichte die Verhaftung und Verschleppung hunderter Juden. 1994 beging sie Selbstmord. Takis Würger versucht eine Annäherung, jenseits von Schwarz- und Weißmalerei. Dies hat ihm harrsche Kritik aus mehreren, völlig unterschiedlichen Lagern eingebracht. Die einen werfen ihm, einen zu leichtfertigen Umgang mit den Verbrechen der Nazis vor. Er habe einen Liebesroman im Stile Rosamunde Pilchers verfasst und mit dem Holocaust aufgemotzt, um die Verkaufszahlen zu steigern. Andere haben Takis Würger wegen des Verdachts der Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener angezeigt. Ich kann keinen dieser Kritikpunkte teilen.
    Zum Buch: Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive von Friedrich erzählt. Friedrich ist in der Schweiz aufgewachsen. Seine Familie ist wohlhabend. Dennoch hat Friedrich schon als Kind lernen müssen, wie schnell Glück und Geborgenheit in Unglück und Tragödien umschlagen können. Bei einer Schneeballschlacht wird ein Kutscher von einem Schneeball getroffen. Als Friedrich gesteht, der Werfer gewesen zu sein, zerfetzt ihm der Kutscher mit einem Ambosshorn das Gesicht. Friedrich verliert zwei Backenzähne und ist für den Rest seines Lebens gezeichnet. Zudem kann er keine Farben mehr sehen. Für seine alkohlkranke Mutter, die ihren unerfüllten Traum von einer Karriere als Malerin über Friedrich ausleben wollte, ist das eine zusätzliche Katastrophe. Die Familie zerfällt.
    Friedrich, der wohlhabend genug ist, keiner Arbeit nachgehen zu müssen, entschließt sich, 1942 nach Berlin zu gehen. Er ist angezogen vom Glanz der Metropole, die der Krieg noch nicht erreicht hat. Außerdem will er „die Deutschen“ von Nahem sehen. Friedrich schreibt sich in einer Zeichenschule ein. Dort lernt er das Modell Kristin kennen. Er verliebt sich in Kristin und zieht mit ihr durch die Clubs, trinkt zu viel und hört verbotene Musik. Bei Bombenalarm sitzen sie im Bunker des Hotels, in dem Friedrich wohnt, und trinken Champagner. Ansonsten bekommt Friedrich vom Krieg und der Not in der Stadt nicht viel mit. Denn wer genug Geld hat, der kann sich auch zu diesen Zeiten noch fast alles kaufen.
    Dann verschwindet Kristin. Als sie nach mehreren Tagen wieder auftaucht, ist sie zerschlagen und verletzt. Sie gesteht Friedrich ihre wahre Identitität. Sie ist Stella Goldschlag, eine Jüdin. Aufgrund ihres Aussehens - sie ist groß, blond und sehr attraktiv - hat sie sich bisher erfolgreich als Deutsche ausgeben können. Doch sie wurde verraten und von der Gestapo verhaftet und gefoltert. Die Nazis wollen, dass sie ihnen beim Aufspüren versteckter Juden hilft. Sie hat zugesagt - auch weil ihre Eltern noch in den Kellern der Gestapo sitzen und man ihr versprochen hat, sie vorerst nicht zu deportieren.
    Friedrich will mit Stella in die Schweiz. Aber Stella will ihre Eltern nicht zurück lassen. Beide versuchen sich zu arrangieren und ihre vermeintlich unbeschwerte Liebesbeziehung fortzusetzen. Doch man kann nicht ewig die Augen verschließen.
    Zum Aufbau: Der Roman beginnt mit der Rückblende in die Kindheit von Friedrich. Danach werden die Geschehnisse im Berlin des Jahres 1942 in monatlichen Kapiteln erzählt. Die Kapitel beginnen jeweils mit einer Zusammenschau von historischen Ereignissen des Monats. Dabei stehen Informationen über den Kriegsverlauf und die Greultaten der Nazis neben Banalitäten. Diese Zusammenstellung ermöglicht zum einen eine zeitliche Verortung des Romangeschehens und zeigt zum anderen nochmals die Willkürlichkeiten, die unsere Geschichte durchziehen. Normalität und Grausamkeit sind immer nah beeinander.
    Einstreut in den Text sind außerdem Auszüge aus den Akten des Militärgerichts, vor dem sich die historische Stella Goldschlag nach dem Krieg verantworten musste. Die vernommenen Zeugen berichten darin, wie Stella Goldschlag an Verhaftungen mitgewirkt hat und, sofern bekannt, was mit den Verhafteten danach passierte.
    Meine Bewertung: In dem Roman werden weder die Ideologien der Nazis verherrlicht noch der Holocaust ausgeschlachtet. Die historische Stella Goldschlag ist eine umstrittene Person. Der Roman wirft die Frage auf, wie ihre Motive moralisch zu werten sind. Diese Frage zu stellen ist weder verboten noch verwerflich. Die Antwort des Autors ist weder schwarz noch weiß.
    Wenn ich an dem Buch etwas kritisieren möchte, dann nur einen Punkt: Zwischen den eingestreuten Auszügen aus den Prozessakten und der Romanfigur Stella baut sich keine Verbindung auf. Es ist schwer zu glauben, das es sich um dieselbe Person handeln soll. Eventuell wollte der Autor damit die zwei Gesichter der Stella zum Ausdruck bringen. Dies ist für mich aber nicht richtig klar geworden.
    Fazit: Takis Würger hat sich ein schwieriges Thema gewählt und dieses in einer leicht lesbaren Form zu Papier gebracht. Das kann ihm nicht zum Vorwurf gemacht werden. Je mehr Leser sich dadurch angesprochen fühlen, umso besser. Sachliche Diskussionen verhindern das Vergessen. Von mir gibt es daher 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 09. Feb 2019 

    Ein Blick auf Stella

    Ja, er kann schreiben, der Herr Würger. Schon "Der Club" hat mir gefallen. Aber jetzt bei "Stella" merkt man, er kann noch mehr Tiefe herstellen in seiner Charakterzeichnung. Und ich muss sagen, Hut ab vor jemandem, der es wagt zu so einem Thema einen Roman zu schreiben. Und an den Diskussionen sieht man wieder, ein großer Teil von uns neigt zu Schubladendenken, Schwarz- oder Weiß-Einteilung. Tja, so einfach ist das aber nicht!

    Ich bewerte hier den Roman "Stella", nicht die Person Stella. Und ich muss sagen, der Roman "Stella" hat mir gefallen. Es hat für meine Begriffe nur wenig zu einer 5 Punkte Bewertung meinerseits gefehlt. Der Charakter Stella im Roman hat mich gefangen genommen, Takis Würger ist es gelungen uns einen Menschen mit Gefühlen zu zeigen. Warum auch nicht? Jeder Mensch hat diese. Auch eine Stella Goldschlag wird ihre Eltern geliebt haben, wird ein Leben gehabt haben, wird Männer geliebt haben, wird ihr eigenes Leben geliebt haben. Dieses Buch empfand ich als einen Versuch eines Blickes auf Stella, einen gelungenen Versuch. Ein Versuch, der in mir Mitgefühl für Stella hochkommen ließ. Erstaunlich und ein Zeichen dafür, dass der Autor sein Handwerk versteht. Die Person des Friedrich fand ich ebenso interessant, die Zeichnung der Kindheit, die Rollen der Mutter und des Vaters und das Kind dazwischen. Den Einfluss, den die Eltern auf das Kind haben und was dieser Einfluss mit dem Kind macht. Die Liebe und was diese mit Friedrich macht. Das Hin- und Herschwanken des verliebten Friedrich mit seinem Wissen um die Taten der Stella. Kennen wir das nicht alle, dass wir eine geliebte Person anders sehen, anders sehen wollen? Und erst später Wahrheiten zulassen. Warum soll das bei einer Stella Goldschlag und ihren Geliebten anders gewesen sein? Wegen ihrer schlimmen Taten? Können wir die Liebe steuern oder steuert die Liebe uns? Die Figur des Tristan fand ich interessant, aber definitiv noch ausbaufähig. Soll sie uns die Figur des mitlaufenden Deutschen mit Schwächen präsentieren? Ich weiß nicht. Ich stelle mir die vollkommen Überzeugten immer als sehr überkorrekte Menschen vor. Aber jeder Mensch hat Fehler, auch die Überkorrekten, vielleicht auch gerade diese.

    Die Einschübe mit den historischen Daten fand ich sehr gut gemacht. Das hat immer wieder den furchtbaren Hintergrund vor dem geistigen Auge entstehen lassen. Und damit vielleicht auch den Druck unter dem die Menschen damals gestanden haben.

    Womit wir bei der Bewertung des damaligen Geschehens wären. Natürlich gibt es Taten die definitiv verachtungswürdig sind. Trotzdem sollten wir uns vorsehen allzu viel des damaligen Geschehens bewerten zu wollen. Es gibt die Bezeichnung des Glücks der späten Geburt. Und wir alle haben wirklich Glück später geboren zu sein. Ich habe in einer Doku gesehen/gehört, dass eine Frau in Nürnberg zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, weil sie geweint hat, als eine Gruppe jüdischer Häftlinge an ihr vorbeigetrieben wurde. Der Druck, unter dem die Bevölkerung damals gestanden hat, wird ein Großer gewesen sein. Und Druck verändert. Genauso wenig wissen wir alle, oder ein Glück die meisten von uns, was wir bereit sind zu tun, wenn Menschen die wir lieben bedroht sind oder unser eigenes Leben bedroht ist.

    Und noch etwas, ich finde auch die Diskussionen um dieses Buch teilweise als unsinnig. In diesem Buch wird meiner Meinung nach nichts verharmlost oder negiert oder verkitscht!

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 09. Feb 2019 

    Ein Blick auf Stella

    Ja, er kann schreiben, der Herr Würger. Schon "Der Club" hat mir gefallen. Aber jetzt bei "Stella" merkt man, er kann noch mehr Tiefe herstellen in seiner Charakterzeichnung. Und ich muss sagen, Hut ab vor jemandem, der es wagt zu so einem Thema einen Roman zu schreiben. Und an den Diskussionen sieht man wieder, ein großer Teil von uns neigt zu Schubladendenken, Schwarz- oder Weiß-Einteilung. Tja, so einfach ist das aber nicht!

    Ich bewerte hier den Roman "Stella", nicht die Person Stella. Und ich muss sagen, der Roman "Stella" hat mir gefallen. Es hat für meine Begriffe nur wenig zu einer 5 Punkte Bewertung meinerseits gefehlt. Der Charakter Stella im Roman hat mich gefangen genommen, Takis Würger ist es gelungen uns einen Menschen mit Gefühlen zu zeigen. Warum auch nicht? Jeder Mensch hat diese. Auch eine Stella Goldschlag wird ihre Eltern geliebt haben, wird ein Leben gehabt haben, wird Männer geliebt haben, wird ihr eigenes Leben geliebt haben. Dieses Buch empfand ich als einen Versuch eines Blickes auf Stella, einen gelungenen Versuch. Ein Versuch, der in mir Mitgefühl für Stella hochkommen ließ. Erstaunlich und ein Zeichen dafür, dass der Autor sein Handwerk versteht. Die Person des Friedrich fand ich ebenso interessant, die Zeichnung der Kindheit, die Rollen der Mutter und des Vaters und das Kind dazwischen. Den Einfluss, den die Eltern auf das Kind haben und was dieser Einfluss mit dem Kind macht. Die Liebe und was diese mit Friedrich macht. Das Hin- und Herschwanken des verliebten Friedrich mit seinem Wissen um die Taten der Stella. Kennen wir das nicht alle, dass wir eine geliebte Person anders sehen, anders sehen wollen? Und erst später Wahrheiten zulassen. Warum soll das bei einer Stella Goldschlag und ihren Geliebten anders gewesen sein? Wegen ihrer schlimmen Taten? Können wir die Liebe steuern oder steuert die Liebe uns? Die Figur des Tristan fand ich interessant, aber definitiv noch ausbaufähig. Soll sie uns die Figur des mitlaufenden Deutschen mit Schwächen präsentieren? Ich weiß nicht. Ich stelle mir die vollkommen Überzeugten immer als sehr überkorrekte Menschen vor. Aber jeder Mensch hat Fehler, auch die Überkorrekten, vielleicht auch gerade diese.

    Die Einschübe mit den historischen Daten fand ich sehr gut gemacht. Das hat immer wieder den furchtbaren Hintergrund vor dem geistigen Auge entstehen lassen. Und damit vielleicht auch den Druck unter dem die Menschen damals gestanden haben.

    Womit wir bei der Bewertung des damaligen Geschehens wären. Natürlich gibt es Taten die definitiv verachtungswürdig sind. Trotzdem sollten wir uns vorsehen allzu viel des damaligen Geschehens bewerten zu wollen. Es gibt die Bezeichnung des Glücks der späten Geburt. Und wir alle haben wirklich Glück später geboren zu sein. Ich habe in einer Doku gesehen/gehört, dass eine Frau in Nürnberg zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, weil sie geweint hat, als eine Gruppe jüdischer Häftlinge an ihr vorbeigetrieben wurde. Der Druck, unter dem die Bevölkerung damals gestanden hat, wird ein Großer gewesen sein. Und Druck verändert. Genauso wenig wissen wir alle, oder ein Glück die meisten von uns, was wir bereit sind zu tun, wenn Menschen die wir lieben bedroht sind oder unser eigenes Leben bedroht ist.

    Und noch etwas, ich finde auch die Diskussionen um dieses Buch teilweise als unsinnig. In diesem Buch wird meiner Meinung nach nichts verharmlost oder negiert oder verkitscht!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 27. Jan 2019 

    Stella von Takis Würger

    Der Roman „Stella“ von Takis Würger erzählt die tragische Liebesgeschichte des Schweizers Friedrich und der jüdischen Denunziantin Stella im Berlin von 1942. Es ist eine spannende, erschreckende und fast unglaubliche Geschichte, ein dunkles Kapitel deutscher Vergangenheit über ein Opfer, das zur Täterin wird und über einen jungen Schweizer, der sich in einer Fantasiewelt der Wirklichkeit zu entziehen versucht, immer mit dem Privileg der Flucht durch seinen Pass im Hinterkopf.

    1942 kommt Friedrich, ein stiller junger Schweizer, nach Berlin und trifft an der Kunstschule Kristin. Mit ihr beginnt ein aufregender nächtlicher Weg durch Berlins Jazzclubszene. Der Krieg scheint weit weg zu sein im luxuriösen Hotel am Potsdamer Platz, wo es bei Bombenalarm Champagner und Geigenmusik im Keller gibt. Doch alles ändert sich für Friedrich, als Kristin eines Morgens zerschunden ins Hotel kommt und gesteht, sie sei Jüdin, heiße Stella und sei von der Gestapo zu einem Pakt zur Denunziation versteckter Juden gezwungen worden, um ihre Eltern vor den Todeslagern der SS zu retten.

    Takis Würger spielt in dem Roman mit einer wahren Geschichte, nämlich der von Stella Goldschlag, der jüdischen Kollaborateurin, die Hunderte Juden aufspürte und an die Gestapo verriet und damit den Vernichtungslagern auslieferte. Stella Goldschlag lebte von 1922 bis 1994.

    Es ist ein Zwiespalt und ein wackeliger Pfad, auf den man vom Autor als Leser geschickt wird. Einerseits ist Verrat auf den ersten heutigen Blick natürlich tabu und verurteilungswürdig, aber Takis Würger gelingt das große Kunststück, beim Leser Verständnis für Stellas Situation und ihr Verhalten zu wecken, indem er Ihre menschliche Seite zeigt und sie selbst auch als Opfer der Nazis vorführt. Zum einen möchte man sie unbedingt verurteilen, weil sie lieber deutsch als jüdisch sein möchte, weil sie versucht, sich an das herrschende System anzupassen, und natürlich weil sie andere Juden verrät. Andererseits stellt sich die Frage, ob Stella jemals wirklich eine Wahl hatte und ob man sie überhaupt verurteilen und schuldig sprechen darf, wenn sie Juden aufspürt, um die Haut ihrer Eltern zu retten.

    Verzweifelt, voller Melancholie und Sehnsucht, aber auch ausschweifend und obsessiv sind die Facetten, in denen sich Stella dem Leser zeigt. Friedrich ist ihr vom ersten Moment an verfallen, und man versteht ihn. Seine Suche ist die nach dem Leben, ein Versuch des Ausbruchs aus dem Goldenen Käfig in der Schweiz. Naiv und aufgeregt auf der Spur von Verbotenem bewegt er sich wie in einer Twilight-Zone zur Realität, privilegiert und abgeschottet im Luxushotel und im nächtlichen Berliner Untergrund, gleichzeitig voller Wahn und abhängig von einer Frau, die ihn nahezu handlungsunfähig macht.

    Es ist eine Geschichte der Grautöne, man bekommt vom Autor allerdings heftige Lektionen zur Realität und Objektivität durch eingeschobene Verhörprotokolle realer Prozessakten, in denen sich schwarz und weiß klar abzeichnen. Und gerade deshalb ist es trotz der Grauzeichnung eine sehr moralische Geschichte, die fesselnd, eindringlich und aufrüttelnd ist und mich voller Nachdenklichkeit zurück gelassen hat. Großer Applaus von mir dafür, verbunden mit einer dringenden Empfehlung zur Lektüre diese famosen Buches.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 07. Jan 2019 

    Wenn die Not über die Moral siegt

    Es ist 1942, mitten im Krieg zieht der junge Schweizer Friedrich nach Berlin. Dort begegnet und verliebt er sich in das Aktmodell und Barsängerin Kristin. Doch eines Tages steht die junge Frau vor seiner Tür, geschlagen und kahl rasiert. „Ich habe dir nicht die Wahrheit gesagt!“, gesteht sie, die eigentlich Stella Goldschlag heißt, Jüdin ist und für die Gestapo als Greiferin arbeitet.
    Stellas Geschichte basiert auf wahren Begebenheiten. Takis Würger verpackt diese Geschichte, spielt mit Fakten und Fiktion. Zart und brutal, dekadent und voller Verzweiflung, obsessiv und sehnsüchtig, die Palette an Gefühlen dieses Romans ist so vielfältig, wie die Farben, die Friedrich aufgrund einer Kindheitsverletzung nicht mehr sehen kann. Es ist auch ein guter Teil des Romans, der sich mit Friedrichs Biografie beschäftigt. Einsamkeit war dem jungen Friedrich nicht fremd, aufgewachsen in einem Chalet, der Vater wohlhabend aber kaum anwesend, die Mutter übermächtig und Alkoholikerin. Es ist die Suche nach „der Wahrheit“, die den jungen Mann nach Berlin treibt, aber gleichzeitig auch ein Ausbruch aus dem goldenen Käfig, trotz aller Naivität das Aufstöbern der niedrigsten Instinkte Das Verbotene treibt ihn an, der Besuch von Jazzclubs im Untergrund, Alkohol, Drogen. Nahezu obszön empfand ich die Beschreibung von Nächten im Bombenkeller bei Schampus und Geigenmusik. Der Schweizer Pass als Joker ständig im Hinterkopf. Ein wenig wirkt das Erzählte wie aus einem Paralleluniversum
    Auf den Boden der Tatsachen kehrt man zurück durch kleine Chroniken historischer Fakten und Randnotizen, die immer wieder eingeschoben werden. Und natürlich der Paukenschlag über Stellas wahres Gesicht. Opfer oder Ungeheuer? Bei dieser Geschichte gibt es kein schwarz oder weiß. Wie weit kann man gehen, sein Leben, das Leben von Angehörigen zu retten. Wie weit kann Liebe über Schuld hinweggesehen. Friedrich erzählt aus seiner Kindheit, dass er die Einsamkeit ertrug, weil er nicht vermissen konnte, was er nicht kannte. Stella sagte später: „Noch schlimmer als die Angst war die Einsamkeit.“
    Die Liebesgeschichte von Stella und Friedrich ist tragisch, hoffnungslos, und konnte nur fatal enden. Wenn die Not über die Moral siegt, bleibt die Menschlichkeit auf der Strecke.