Stella

Rezensionen zu "Stella"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 07. Jan 2019 

    Wenn die Not über die Moral siegt

    Es ist 1942, mitten im Krieg zieht der junge Schweizer Friedrich nach Berlin. Dort begegnet und verliebt er sich in das Aktmodell und Barsängerin Kristin. Doch eines Tages steht die junge Frau vor seiner Tür, geschlagen und kahl rasiert. „Ich habe dir nicht die Wahrheit gesagt!“, gesteht sie, die eigentlich Stella Goldschlag heißt, Jüdin ist und für die Gestapo als Greiferin arbeitet.
    Stellas Geschichte basiert auf wahren Begebenheiten. Takis Würger verpackt diese Geschichte, spielt mit Fakten und Fiktion. Zart und brutal, dekadent und voller Verzweiflung, obsessiv und sehnsüchtig, die Palette an Gefühlen dieses Romans ist so vielfältig, wie die Farben, die Friedrich aufgrund einer Kindheitsverletzung nicht mehr sehen kann. Es ist auch ein guter Teil des Romans, der sich mit Friedrichs Biografie beschäftigt. Einsamkeit war dem jungen Friedrich nicht fremd, aufgewachsen in einem Chalet, der Vater wohlhabend aber kaum anwesend, die Mutter übermächtig und Alkoholikerin. Es ist die Suche nach „der Wahrheit“, die den jungen Mann nach Berlin treibt, aber gleichzeitig auch ein Ausbruch aus dem goldenen Käfig, trotz aller Naivität das Aufstöbern der niedrigsten Instinkte Das Verbotene treibt ihn an, der Besuch von Jazzclubs im Untergrund, Alkohol, Drogen. Nahezu obszön empfand ich die Beschreibung von Nächten im Bombenkeller bei Schampus und Geigenmusik. Der Schweizer Pass als Joker ständig im Hinterkopf. Ein wenig wirkt das Erzählte wie aus einem Paralleluniversum
    Auf den Boden der Tatsachen kehrt man zurück durch kleine Chroniken historischer Fakten und Randnotizen, die immer wieder eingeschoben werden. Und natürlich der Paukenschlag über Stellas wahres Gesicht. Opfer oder Ungeheuer? Bei dieser Geschichte gibt es kein schwarz oder weiß. Wie weit kann man gehen, sein Leben, das Leben von Angehörigen zu retten. Wie weit kann Liebe über Schuld hinweggesehen. Friedrich erzählt aus seiner Kindheit, dass er die Einsamkeit ertrug, weil er nicht vermissen konnte, was er nicht kannte. Stella sagte später: „Noch schlimmer als die Angst war die Einsamkeit.“
    Die Liebesgeschichte von Stella und Friedrich ist tragisch, hoffnungslos, und konnte nur fatal enden. Wenn die Not über die Moral siegt, bleibt die Menschlichkeit auf der Strecke.