Stadt aus Glas

Rezensionen zu "Stadt aus Glas"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 12. Sep 2018 

    "Das Problem ist die Geschichte selbst"

    Stadt aus Glas" ist eine von drei Erzählungen der New-York-Trilogie, 1986 erschienen. Die Geschichte ist sehr verwirrend und im Bemühen einen Sinn in die Handlung zu interpretieren, bin ich gescheitert. Trotzdem ist die Erzählung gut zu lesen. In ausdrucksstarker und präziser Sprache verfasst, wähnt man sich in einem realen Geschehen, doch am Ende bleiben viele Fragen offen.

    Worum geht es?

    "Mit einer falschen Nummer fing es an, mitten in der Nacht läutete das Telefon dreimal, und die Stimme am anderen Ende fragte nach jemandem, der er nicht war. Viel später, als er in der Lage war, darüber nachzudenken, was mit ihm geschah, sollte er zu dem Schluß kommen, nichts ist wirklich außer dem Zufall. Aber das war viel später." (9)

    Bereits die ersten Sätze deuten darauf hin, dass der Erzähler die Geschichte rückblickend wiedergibt und das Geschehene reflektiert hat. Die Aussage, nicht sei "wirklich außer dem Zufall" spiegelt gleichzeitig das Motto dieser Erzählung wider. Wie uns der Erzähler gleich zu Beginn mit auf den Weg gibt:
    "Das Problem ist die Geschichte selbst, und ob sie etwas bedeutet oder nicht, muß die Geschichte nicht sagen." (9)

    Wir werden also gewarnt!

    Der Protagonist der Erzählung ist Daniel Quinn, dessen Sohn und Frau gestorben sind, ein Trauma, dem er zu entfliehen sucht, in dem unter dem Pseudonym William Wilson Detektivromane verfasst und das Gehen im Labyrinth New Yorks liebt, wobei er das Gefühl hat, "in sich selbst verloren zu sein". (10)
    Zudem sieht er sich gern Baseballspiele an, eine Sportart, die Auster zu mögen scheint, denn auch in seinem Roman 4321 nimmt sie großen Raum ein.
    Der Held seiner Romane ist der Privatdetektiv Max Work, der für ihn greifbarer als sein abstraktes Pseudonym ist.

    "In der Dreiheit von Personen, die Quinn geworden war, diente Wilson als eine Art Bauchredner, Quinn selbst war die Puppe, und Work war die belebte Stimme, die dem Unternehmen Sinn und Zweck verlieh." (12)

    Eine Aufspaltung der Identität, die noch weiter getrieben wird, da der nächtliche Anrufer den Privatdetektiv (!) "Paul Auster" verlangt. Zunächst wimmelt Quinn ihn ab, dann nimmt er die fremde Identität und den Auftrag an.
    Er soll Peter Stillman vor dessen Vater beschützen, einem Harvard-Absolventen für Theologie und Philosophie und renommierten Professor, der seinen Sohn im Alter von zwei Jahren in einen dunklen Raum gesperrt hat, nachdem dessen Mutter gestorben ist. Neun Jahre hielt er ihn dort fest - ein Experiment, so dass aus Peter eine Art Kaspar Hauser geworden ist, der aber inzwischen verheiratet ist. Seine Frau Virginia ist auch diejenige, die Auster alias Quinn engagiert, denn Peters Vater soll nach langjähriger Haft entlassen werden und hegt angeblich Mordpläne gegenüber seinem Sohn. Quinn soll ihn daher beschatten. Die Möglichkeit Peter vor seinem Vater zu beschützen, sieht er als Möglichkeit, den Tod seines eigenen Sohnes zu "verarbeiten".

    Als Vorbereitung kauft er sich ein rotes Notizbuch, in die er seine bisherigen Erkenntnisse niederschreibt und er liest Stillmans philosophische Schrift: "Der Garten und der Turm: Frühe Visionen der Neuen Welt" (54).
    Stillman fasst darin die Thesen eines fiktiven Henry Dark zusammen, der die Geschichte von Babel als prophetisches Werk gelesen hat.

    "War es, wenn der Fall des Menschen auch einen Fall der Sprache mit sich brachte, nicht logisch anzunehmen, daß es möglich wäre, den Fall ungeschehen zu machen und seine Wirkungen umzukehren, wenn man den Fall der Sprache rückgänging machte, indem man danach trachtete, die Sprache neu zu schaffen, die im Garten Eden gesprochen wurde?" (61)

    Ist es das, was Stillman an seinem Sohn ausprobieren will? Eine neue, reine Sprache, die er in der Isolation zu sprechen lernen soll? So ließen sich die Schläge erklären, die er erhält, wenn er bereits gelernte Worte ausspricht.

    Als Quinn am nächsten Morgen am Bahnhof steht, um Stillman zu beschatten, steht er vor dem Problem, dass er zwei identischen Stillmans sieht - die multiplen Identitäten setzen sich fort - er selbst geht völlig in der Rolle des Paul Austers auf. Er folgt jenem, der gescheitert aussieht, so wie jemand, der aus der Haft entlassen wird.

    Nachdem er ihm mehrere Tage folgt, stellt er fest, dass auch Stillman ein rotes Notizbuch hat, in das er aufschreibt, was er auf seinem Weg findet. Das alles erscheint Auster alias Quinn sinnlos, daher kommt er auf die Idee sich Stillmans Weg durch New York aufzuzeichnen und glaubt zu erkennen, dass dieser einem Muster folgt.

    Zusammen genommen ergeben sich die Worte: The Tower of Babel. Wie hängt das alles zusammen?

    Quinn beschließt den alten Mann anzusprechen, indem er sich jeden Tag mit einer anderen Identität vorstellt. Sehr interessant ist das Gespräch über die Bezeichnung von Gegenständen.

    "Die meisten Menschen achten auf so etwas nicht. Sie halten Wörter für Steine, große unbewegliche Gegenstände ohne Leben, Monaden, die sich nie verändern." (93)

    Ist ein Schirm noch ein Schirm, wenn er seine Funktion eingebüßt hat? Stillman sucht nach einer neuen Sprache, nach Wörtern, die der Welt entsprechen. Dazu sammelt er Dinge und gibt ihnen Namen. Sein Ziel:

    "Herren über die Wörter werden, die wir sprechen, die Sprache unseren Bedürfnissen anpassen." (101)

    Gedanken, die Humpty Dumpty in "Alice hinter den Spiegeln" äußert - Sprachphilosophie.

    Im letzten Gespräch gibt sich Quinn für Stillmans Sohn aus, der die Lektionen seines Vaters angeblich gelernt habe - danach verschwindet der alte Stillman.

    Noch skurriler wird die Geschichte dadurch, dass Quinn den echten Paul Auster ausfindig macht und ihn besucht - der Autor tauchst selbst in seiner Erzählung auf - allerdings darf man Realität und Fiktion nicht verwechseln:

    Auster selbst hat gemeinsam mit seiner 1.Frau einen Sohn namens Daniel, mit dem er lange Jahre wenig Kontakt hatte. Im Roman taucht jedoch seine 2.Frau Siri auf, mit der eine gemeinsame Tochter hat, und die ihm das Leben gerettet habe, wie er in einem Interview bekennt.

    So lässt sich die Geschichte "Stadt aus Glas" auch autobiographisch deuten. Für Auster schienen seine Frau und sein Sohn "gestorben", die Trauer und Verzweiflung Quinns spiegeln seine eigene wider - ebenso wie die Suche nach einer neuen Identität und der Versuch einen Sinn im Lebens zu finden.

    In der Erzählung scheitern die Leser*innen daran, einen Sinn hinter all dem zu erkennen. Am Ende ist Quinn verschwunden, wie uns der Erzähler, ein Freund Austers, mitteilt. Auster selbst hat Quinn gesucht, vergeblich. Nur das rote Notizbuch findet er gemeinsam mit seinem Freund, daraus entsteht die Erzählung...

    Etwas ratlos bleibt man als Leser*in zurück, denn die Detektivgeschichte bleibt offen, es gibt keinen Fall mehr, die Protagonisten sind alle verschwunden. Was bleibt sind interessante Fragen zur Sprachphilosophie, das Spiel mit verschachtelten Identitäten und das Ausloten der Grenze zwischen Fiktion und Realität.

    Für mich ein literarisches Experiment, das sich trotz der "Sinnlosigkeit" gut lesen lässt.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 10. Sep 2018 

    Stadt aus Glas - (K)ein Detektivroman

    Stadt aus Glas ist nur vorgeblich ein Detektivroman. Die Geschichte enthält zwar typische Elemente eines Detektivromans (Detektiv, Verbrechen, Rätsel). Die einzelnen Fakten fügen sich am Ende aber nicht wie erwartet zusammen.

    Zum Inhalt: Der Protagonist Daniel Quinn war früher Dichter und Essayist. Nach dem Tod seiner Frau und seines Sohnes steckt er auch in einer beruflichen Krise. Um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, weicht er darauf aus, Detektivromane zu schreiben, die er unter Pseudonym veröffentlicht.

    Eines Nachts bekommt er einen seltsamen Anruf. Der Anrufer fragt nach einem Detektiv Paul Auster. Quinn wimmelt den Anrufer zunächst ab. Beim dritten Anruf gibt er dagegen vor, der verlangte Paul Auster zu sein. Er trifft sich mit dem Anrufer Peter Stillmann. Dieser ist ein junger Mann, der ihm erzählt, dass er als Kleinstkind von seinem Vater viele Jahre im Dunkeln eingesperrt worden war. Der Vater wollte offenbar herausfinden, welche Sprache Peter entwickeln würde, wenn er mit niemandem Kontakt hat. Die Isolation dauert 9 Jahre. Als der Vater erkennt, dass sein Experiment gescheitert ist, verbrennt er seine Aufzeichnungen und löst einen Brand aus. Dies führt zur Entdeckung und Befreiung von Peter.

    Der Vater wird verurteilt und kommt ins Gefängnis. Zum Zeitpunkt der Romanhandlung steht seine Entlassung bevor. Peter und seine Frau glauben, dass der Vater sich an seinem Sohn rächen will. Sie beauftragen daher Quinn, den sie für den Detektiv Paul Auster halten, den Vater zu beschatten. Quinn erwartet den Vater am Bahnhof. Es kommen allerdings zwei Personen an, die wie der Vater aussehen. Quinn weiß nicht, welcher der echte Vater ist. „Quinn erstarrte. Er konnte nun nichts mehr tun, was nicht ein Fehler war. Jede Wahl, die er traf - und wählen musste er - war rein willkürlich, eine Kapitulation vor dem Zufall. Die Ungewissheit würde ihn bis zuletzt verfolgen.“

    Quinn entscheidet sich, dem verwahrlosten und nicht dem wohlhabenden alten Stillman zu folgen. Der Alte streift offenbar ziellos durch sein Viertel und sammelt verlorene Gegenstände auf. Nach ein paar Tagen ist Quinn gelangweilt und desillusioniert. Er will nicht akzeptieren, dass sein Tun sinnlos ist. Er fängt an, die Spaziergänge des Alten auf eine Karte zu übertragen und glaubt in den Routen eine geheime Botschaft zu entdecken. Er beschließt den Alten anzusprechen. Dabei erfährt er von dessen Mission, eine neue Sprache zu entwickeln. Nach dem dritten Gespräch verschwindet der Alte.

    Quinn ist von sich enttäuscht und schuldbewußt. Er macht sich auf die Suche nach Paul Auster, dem Detektiv, da er sich von ihm Hilfe verspricht. Es stellt sich heraus, dass Paul Auster zwar existiert. Allerdings ist er ein erfolgreicher Schriftsteller, der offenbar das Leben führt, das auch Quinn sich wohl gewünscht hätte.

    Quinn handelt immer irrationaler. Er verkommt bei der Überwachung der Wohnung der Eheleute Stillmann zum Penner. Schließlich verliert er alles.

    Meine Interpretation: Der Roman dreht sich um Sinnsuche, Schicksal und Zufall. „nichts ist wirklich außer dem Zufall.“ So verliert für Quinn das Leben zum ersten Mal nach dem Tod seiner Familie den Sinn. Durch die Übernahme des Auftrags, Peter Stillman zu beschützen, eröffnet sich für Quinn die Möglichkeit, seinem Leben einen neuen Sinn zu geben. Er scheitert allerdings. Zum einen ist nicht sicher, ob er den richtigen alten Stillman überwacht. Er musste in der Szene am Bahnhof erneut vor dem Zufall kapitulieren. Zum anderen scheint der überwachte Stillmann einfach nur ein verwirrter alter Mann zu sein. Quinn kann aber nicht akzeptieren, dass alle seine Mühen sinnlos waren und versucht in den Spaziergängen des Alten krampfhaft eine Nachricht hineinzuinterpretieren. Als der alte Stillman und damit jeglicher Sinn der Suche endgültig verschwinden, bricht Quinn völlig zusammen. Letztlich hat ihn die Sinnsuche also das Leben und/oder den Verstand gekostet. Oder man sieht es umgekehr: ohne Sinn kein Leben.

    Fazit: Das Buch ist gut geschrieben. Auster hat einen eingängigen Stil. Die präsentierten Puzzelstückchen laden anfangs zum Miträtseln ein. Irgendwann verliert sich allerdings dieser Sog. Da sich am Ende nichts zusammenfindet, bleibt der Leser erst einmal ratlos zurück. Ich meine, dass dies genau das ist, worauf es Auster ankam. Der Leser erfährt selbst, wie es ist, nach einem Sinn zu suchen und zu scheitern.

    Darüber hinaus gibt es sicherlich noch eine Vielzahl anderer möglicher Interpretationen. Das Buch läd also zum Grübeln ein.

    Außerdem schneidet der Roman eine Vielzahl interessanter Themen an. Mir gefiel bspw. der geschichtliche Hintergrund zu dem Kaspar Hauser Experiment und das leicht verwirrende Spiel mit Identitäten. Ingesamt daher sehr lesenswert; man muss sich aber darauf einlassen, keine einfache Lösung zu bekommen.