Solange wir schwimmen

Buchseite und Rezensionen zu 'Solange wir schwimmen' von Julie Otsuka
4
4 von 5 (10 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Solange wir schwimmen"

n ihrem Schwimmbad fühlen sie sich zu Hause, hier können sie bei ihren täglichen Bahnen ihre Sorgen hinter sich lassen: Designer, Nonnen, Hundesitter, Veganerinnen, Polizisten, Professorinnen, Schauspieler... Bis eines Tages ein Riss erscheint – am Beckengrund, aber auch im Gedächtnis von Alice, die genau wie die anderen hier im Schwimmen stets Trost und Halt gefunden hat. Während sie bald nur noch in bruchstückhaften Erinnerungen schwimmt, versucht ihre Tochter, sich in ihre Mutter hineinzuversetzen, ihr Verhältnis zueinander neu auszuloten und Alice’ Leben Sinn und Zusammenhang zurückzugeben. Aus so unterschiedlichen wie verblüffenden Perspektiven und mit unvergleichlichem Gespür für das Komische im Tragischen schreibt Julie Otsuka über Liebe und Verlust, Trauer und Erinnerung, Mütter und Töchter und die große Frage, was wir unseren Eltern schuldig sind.

Autor:
Format:Taschenbuch
Seiten:160
Verlag: mareverlag
EAN:9783866486911

Rezensionen zu "Solange wir schwimmen"

  1. Überall Risse

    2011 brachte ihr zweiter Roman "The Buddha in the Attic" der 1962 in Kalifornien als Kind japanisch-stämmiger Eltern geborenen Julie Otsuka den internationalen Durchbruch. Auch ich war 2012 begeistert von der deutschen Übersetzung "Wovon wir träumten". Einerseits interessierte mich die Thematik der Japanerinnen, die in den 1920er-Jahren als Bräute für die japanischen Einwanderer in die USA kamen, andererseits erzeugten die Erzählweise aus der Wir-Perspektive, die trotzdem Raum für Einzelschicksale ließ, und der besondere Rhythmus einen ungeheuren Sog.

    In dieser Wir-Perspektive, die Julie Otsuka perfekt beherrscht, ist auch die erste Hälfte ihres dritten Romans "Solange wir schwimmen" verfasst, erneut ausgezeichnet übersetzt von Katja Scholtz.

    Im ersten Kapitel, „Das Schwimmbad unter der Erde“, berichtet ein Chor aus Stammgästen eines unterirdischen Swimmingpools von der Leidenschaft für das Schwimmen, von unterschiedlichen Schwimm-Typen, die man selbst bei jedem Schwimmbadbesuch trifft, von strikten Regeln und eingefahrenen Routinen. Noch ist Alice nur eine unter vielen:

    "Eine von uns – Alice, eine pensionierte Labortechnikerin in einem frühen Stadium von Demenz – kommt her, weil sie schon immer hergekommen ist. Und auch wenn sie sich vielleicht nicht an die Nummer ihres Schließfachs erinnert und daran, wo sie ihr Handtuch hingelegt hat – sobald sie ins Wasser gleitet, weiß sie, was zu tun ist." (S. 9)

    „Der Riss“ auf dem Beckengrund, der sich allmählich vervielfacht, unterbricht in Kapitel zwei jäh die Idylle unter der Erde, im Schwimmkollektiv macht sich Verunsicherung breit, Gerüche, Hypothesen und Antithesen kochen hoch. In der Mitte des nur knapp 160 Seiten umfassenden Romans wird das Bad geschlossen, als letzte steigt Alice aus dem Wasser.

    In der allgemeinen Trauer trifft der Bruch ihrer Alltagsroutine Alice besonders hart. Auch durch das Buch geht ein Riss und im dritten Kapitel, „Diem Perdidi“, wechselt die Erzählperspektive von „wir“ zum „sie“. Nun erzählt Alice‘ Tochter über ihre Mutter: was diese noch weiß, und welche Erinnerungen ihr aufgrund des Risses im Kopf verlorengegangen sind. Der Humor der ersten beiden Kapitel weicht der Tragik. Diese Rückblicke der Schriftsteller-Tochter haben mir gut gefallen.

    Dann allerdings folgte in Kapitel vier, „Belavista“, mein persönlicher Riss, denn in der direkten Ansprache des Pflegeheims an die neue Bewohnerin Alice hat das Buch mich leider verloren. Dieser Abschnitt strotzt vor unerträglichem, überspitztem Zynismus und machte mich wütend. Der geschäftsmäßige Ton der „gewinnorientierte[n] Langzeit-Pflegeeinrichtung“ (S. 88 ) schürt Ängste und setzt Angehörige von Heimbewohnerinnen und -bewohnern unter Rechtfertigungsdruck. Keinerlei Berücksichtigung findet hier, dass Alice für ihre eigene, sehr geliebte Mutter genau diese Einrichtung wählte, und dass nicht jede auf den ersten Blick abschreckende Maßnahme im Umgang mit Dementen falsch ist.

    Entsprechend hat mich das abschließende fünfte Kapitel, „EuroNeuro“, geschrieben in einer von sich selbst distanzierenden Du-Perspektive, kaum mehr erreicht. Die Krokodilstränen einer schuldbehafteten Tochter, die jahrelang wenig Kontakt zur Mutter hatte und nun mit ihrem Zu-Spät-Kommen hadert, ließen mich vergleichsweise kalt. Die auf dem Buchrücken postulierte „Liebe einer Tochter“ konnte ich selten entdecken, eher schon berührte mich die stille, hilflose Trauer des Vaters beim allmählichen Verschwinden seiner Frau.

    Schade, denn ich hatte mich sehr auf den neuen Roman von Julie Otsuka gefreut. Zwar hat er mit der sprachlichen Verknappung, den wechselnden Erzählperspektiven und dem unverwechselbaren Rhythmus stilistisch meine Erwartungen erfüllt, inhaltlich jedoch leider in den letzten beiden Teilen nicht.

    Teilen
  1. Zeit der Veränderungen

    Die Menschen, die regelmäßig ins Schwimmbad unter der Erde kommen, könnten unterschiedlicher nicht sein. Doch hier ist es unwichtig, wer sie sind. Wichtig ist, dass sie ihre Sorgen und Probleme hinter sich lassen können. Zu den Schwimmern gehört auch die demente Alice. Doch dann erscheint ein Riss im Becken. Da man die Ursache nicht finden kann, wird das Bad geschlossen. Damit verschlechtert sich auch der Zustand von Alice.
    Die Autorin Julie Otsuka erzählt aus unterschiedlichen Perspektiven und in sehr verschiedenen Erzählweisen. Ich fand es anstrengend, diese Art des Erzählens zu lesen.
    Das Leben ist nicht berechenbar und es kann vorkommen, dass uns etwas aus der Bahn wirft, das für sich betrachtet kein großes Problem ist. Für Alice bedeutet das, dass ein Stück Verlässlichkeit weggebrochen ist und ihr damit Halt fehlt. Auch in ihrem Zustand entsteht ein Riss und sie muss in ein Pflegeheim ziehen. Alices Tochter hat ein schlechtes Gewissen, weil sie nicht weiß, ob sie im Kontakt zu ihrer Mutter wirklich alles richtig gemacht hat. Sie versucht zu ergründen, warum ihre Mutter mit der Krankheit geschlagen wurde.
    Das Leben in dem Heim ist strengen Regeln unterworfen. Die Pflegebedürftigen mit ihren individuellen Bedürfnissen können nicht adäquat betreut werden. Es ist deprimierend, das mitzuerleben, aber in Zeiten des Pflegenotstandes wohl nicht ungewöhnlich.
    Es ist eine emotionale und bedrückende Geschichte, die mich aber aufgrund der distanzierten Erzählweise nicht wirklich abgeholt hat.

    Teilen
  1. 5
    02. Nov 2023 

    Jenseits vom Beckenrand

    Vor elf Jahren erschien der Roman "Wovon wir träumten" von Julie Otsaka. Hierin erzählt die US-amerikanische Autorin mit japanischen Wurzeln die Geschichte einer Gruppe junger Japanerinnen, die Anfang des 20.Jahrhunderts mit dem Schiff nach Amerika reisten, um dort ihnen unbekannte Männer zu heiraten. Das Buch wurde ein internationaler Bestseller und auch ich war begeistert davon. Das Besondere war die ungewöhnliche und seltene Wir-Perspektive, die von einem kollektiven Erleben erzählt.
    Mit dieser Wir-Perspektive beginnt auch Julie Otsukas dritter Roman "Solange wir schwimmen". Hier ist es ein Chor von Schwimmern, Besucher eines unterirdischen Schwimmbades in einer kalifornischen Stadt. Dort treffen sie sich regelmäßig, völlig unterschiedliche Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten und jeglichen Alters. Sie eint einzig ihre Liebe zum Schwimmen. Im Wasser verschwinden alle Unterschiede, alle körperlichen Schwächen und Defizite, denn "... unten, im Schwimmbad, sind wir nur eins von dreien: die Schnellen, die Durchschnittlichen oder die Langsamen:" Jeder hat seine Routinen und Rituale, hält sich an vorgegebene und ungeschriebene Regeln. Sie bilden eine eingeschworene Gemeinschaft im Wasser, die, egal wie ihre sonstige Verfassung ist, gestärkt aus dem Becken steigen, "bereit für einen weiteren Tag an Land."
    Hier skizziert die Autorin mit pointierten Beschreibungen gelungene Portraits verschiedener Typen, Menschen, die jedem vertraut erscheinen.
    Doch eines Tages sorgt ein mysteriöser Riss am Boden des Beckens für Unruhe unter den Schwimmern. Noch mehr, als weitere Risse hinzukommen. Nun spielt Julie Otsaka sämtliche Varianten durch, wie Menschen mit etwas Ungewohntem, das ihre Normalität unterbricht, umgehen. Während die Einen versuchen, das Ganze zu ignorieren oder zu bagatellisieren, verfallen andere in Panik. Manche gewöhnen sich sehr schnell daran, andere wiederum entziehen sich dem Ganzen, bleiben weg. Die Gemeinschaft beginnt sich aufzulösen. Verschiedene Experten werden zu Rate gezogen; jeder entwickelt seine eigene Theorie. Doch letztendlich muss das Schwimmbad aus Sicherheitsgründen geschlossen werden.
    Eine, die mit dieser Änderung ihrer Alltagsroutine nur schwer klarkommt, ist Alice, eine japanischstämmige, ältere Dame. Sie ist in einem frühen Stadium der Demenz, vergisst gerne die Nummer ihres Schließfachs und weiß nicht mehr, wo sie ihr Handtuch hingelegt hat, aber " sobald sie ins Wasser gleitet, weiß sie, was zu tun ist." Nun fehlt ihr der tägliche Sport, der ihrem Tagesablauf Struktur gegeben hat. Immer wieder steht sie vor der verschlossenen Eingangstür des Schwimmbades.
    Der Riss im Schwimmbecken lässt viele Deutungsmöglichkeiten zu. Er ist eine Metapher für alle Veränderungen und Brüche im Leben und wie der Einzelne oder die Gesellschaft damit umgeht. Gleichzeitig aber steht er für den Riss im Kopf von Alice.
    Und hier zieht sich auch ein Riss durch den Roman. Denn beinahe genau in der Mitte des Buches ändern sich Tonart und Perspektive. Nun steht Alice und ihre Erkrankung im Zentrum. Das bedingt einen Wechsel vom eher humorvollen Ton des ersten Teils zu einem ernsten Tonfall.
    Im nächsten Kapitel, überschrieben mit "Diem Perdidi" - "Diesen Tag habe ich verloren" wird aus der Sicht der Tochter der schleichende Prozess von Alice Krankheit beschrieben. Seitenweise listet die Autorin auf, was Alice noch weiß und was schon verloren gegangen ist. (" Sie weiß noch...", "Sie weiß nicht mehr..") Kann sie sich anfangs sogar noch an den Namen des Hundes vom Präsidenten erinnern, weiß sie später nicht mal mehr ihren eigenen. Bruchstückhaft kommen Erinnerungen an ihre Vergangenheit hoch, an eine unglückliche erste Liebe, an den Tod der ersten Tochter, an die Internierung ihrer Familie während des Zweiten Weltkriegs.
    Dieses langsame Verschwinden von Alice beschreibt die Autorin auf sehr berührende Art, ohne je ins Sentimentale abzugleiten. Ihr Schreibstil mit seinen stetigen Wiederholungen und dem sprunghaften Wechsel von Themen spiegelt das sich auflösende Gedächtnis.
    Die Krankheit schreitet immer schneller voran, ein Umzug in ein Pflegeheim ist unausweichlich.
    Das nächste Kapitel lässt den Leser tief durchatmen. Hart und zynisch klingt das, was uns die Pflegeeinrichtung "Bellavista" wissen lässt. Wie in einem Werbeprospekt wird hier der Leser persönlich angesprochen. "Wie lange Sie hier sein werden? Die kurze Antwort lautet: Kommt drauf an....Die meisten jedoch bleiben friedlich und geduldig bei uns, bis ihre Zeit um ist."
    Schon der Name ist blanker Hohn, denn welche Aussicht haben die Bewohner dieser "gewinnorientierten Langzeit-Pflegeeinrichtung"? Nur der Tod holt sie hier noch heraus. Zwar sind die meisten der Maßnahmen zum Schutz der Patienten, trotzdem ist es erschreckend, wie jegliche Selbstbestimmung dahin ist. Der Tagesablauf im Heim ist genau strukturiert, jeder wird rund um die Uhr penibel überwacht. Natürlich spielen auch die finanziellen Verhältnisse eine Rolle. Gegen Aufpreis gibt es kleine Verbesserungen.
    Das mag bitter und überspitzt sein. Ich fürchte aber, dass es nur realistisch ist.
    Im letzten Abschnitt wird es wieder persönlicher, der Ton ist emotionaler. Nun spricht sich die Autorin selbst an, thematisiert ihre eigene Betroffenheit. Sie macht sich Vorwürfe, sich in der Vergangenheit zu wenig um die Mutter gekümmert zu haben. ( "Du hast selten angerufen." "Du hast ihr nie geschrieben.") Ein Riss scheint auch durch das Mutter-Tochter-Verhältnis zu gehen. Auf die Gründe der Entfremdung geht die Autorin nicht näher ein, deutet sie nur an. Am Ende scheint , angesichts des Todes, eine Annäherung möglich zu sein.
    Die Lektüre dieses Buches hat mich unglaublich berührt. Sehr ehrlich und schonungslos wird das Thema Demenz und Tod behandelt. Es ist eine Krankheit auf den Abgrund hin und es gibt kein Zurück. Furchtbar für den Betroffenen wie auch für die Angehörigen. Das vermittelt die Autorin auf eindringliche Weise. Man spürt, dass sie da aus eigenem Erleben schöpfen kann. Es ist kein Buch, das Trost spendet. ( Kein Buch für Menschen, die aktuell damit selbst konfrontiert sind.)
    Ungeheuer kreativ geht dabei die Autorin mit der Thematik um. Wie sie die verschiedenen Erzählperspektiven und die unterschiedliche Tonalität zu einem gelungenen Ganzen zusammenfügt, ist beachtlich. Dabei ist die Sprache kühl und sachlich, rhythmisch und sehr verknappt. Vieles liegt zwischen den Zeilen. Ein außergewöhnlicher Roman, der trotz seiner Kürze Existenzielles auf herzzerreißende Weise anspricht.

    Teilen
  1. Ins Schwimmen geraten

    "Solange wir schwimmen" ist der neueste Roman der vielfach preisgekrönten amerikanischen Schriftstellerin mit japanischen Wurzeln Julie Otsuka. Ich war sehr neugierig drauf, hatte mir doch ihr Buch "Wovon wir träumten" recht gut gefallen. Insbesondere reizte mich auch die Thematik der Demenz, die literarisch nicht allzu oft in den Blick genommen wird.

    Erstmal beginnt das aus 5 Teilen bestehende aber dennoch schmale Werk mit einem Einblick in das fröhliche Treiben im unterirdisch gelegenen Schwimmbad. Das Schwimmbad gleich einem Miniaturbild der Gesellschaft: Hier versammeln sich regelmäßig sehr verschiedene Menschen, um zu vergessen; in der Regel die Strapazen ihres Alltags. Sie alle unterwerfen sich für die Dauer ihrer gemeinsamen Schwimmaktivität gemeinsamen Regeln. Sie werden zu einem "Wir". Das ist die dominierende Perspektive im ersten Teil. Alice ist eine von Ihnen. Ein Element des "Wir", das gerne schimmt. Sie fällt nicht weiter auf. Doch dann wird ein Riss entdeckt und die Spekulationen laufen auf Hochtouren. Klar wird aber schnell, dass es einer Abklärung bedarf, und Resultat der Abklärung ist die Schließung des Schwimmbads. Für die meisten ist dieser Riss vielleicht unerfreulich, aber gut zu verkraften. Anders ist es jedoch bei Alice. Die Routine des Schwimmens hat sie beherrscht, doch sie schwimmt zunehmend im Alltag und den beherrscht sie immer weniger. Kurz- und Langzeitgedächtnis funktionieren nicht mehr gleichermaßen gut. Dies wird im folgenden Teil eindrücklich und sehr plastisch erzählt: sie erinnert sich immer weniger, vergisst und so fort. Die Gedächtnisstützen daheim reichen nicht mehr, es wird klar, dass Alice in ein Heim untergebracht werden muss. Hier erfolgt ein erneuter Perspektivenwechsel. Belavista ist der Ort, an dem Alice fortan ihren Lebensabend verbringen wird, während ihre Tochter bereut, sich nicht mehr um sie gekümmert zu haben. Die Zustände im Heim sind erschreckend. Ob sie überspitzt sind, ist allerdings die Frage. Angesichts des allenorts herrschenden Pflegenotstandes enthalten die teils sehr zynisch wirkenden Beschreibungen des Alltags im Belavista wohl mehr Körnchen Wahrheit, als man verkraften kann. Abschließend steht die Mutter-Tochter Beziehung sehr stark im Fokus mitsamt all der Versäumnisse, die nicht mehr nachgeholt werden können. Die Hoffnung, Alice noch mal nach Hause zurückholen zu können, erweist sich am Ende als illusorisch. Doch Alices Tochter wird nicht müde, sich ihrer Mutter auf der letzten Wegstrecke noch anzunähern...

    Das Buch hat mich emotional sehr berührt. Demenz ist eine Erkrankung, die jeden treffen kann und die lebensverändernd ist. Keiner kann erahnen, was es bedeutet, wenn alles zunehmend verschwimmt. Insofern zeitigt der Riss, der zur Schließung des Schwimmbads führt, für Alice ganz andere Konsequenzen als für jeden anderen Hobbyschwimmer dort. Während jene vielleicht bewusst versuchen, etwas zu vergessen, ist das Schwimmen für Alice eher eine Praktik des Erinnerns, denn die Routinen des Schwimmens kennt sie. Sie weiß sich im Schwimmbad zurechtzufinden. Doch draußen sieht es ganz anders aus. Alles verschwimmt. Im Alltag findet sie sich immer weniger zurecht. Das unterscheidet Alice von den anderen Besucherinnen des Schwimmbads. Der Riss verdoppelt bzw. verlängert sich für sie in ihrem Leben. Er führt sie geradewegs ins Heim, diesen Ort, wo Menschen viel zu oft auch eher verwaltet werden, als dass man sich individuell ihnren annehmen könnte.

    Das Buch hallt noch nach und stimmt mich nachdenklich. Auch durch die Reflexion der Tochter, die nun versucht, die lange Zeit zu wenig gepflegte Beziehung zur Mutter zu "reparieren". Während es für Alice keinen Rückweg mehr ins vertraute Heim gibt, kann die Mutter-Tochter Beziehung hingegen intensiviert werden. Besser spät als nie. Wenigstens dafür gibt es Hoffnung.

    Gerne werde ich weitere Bücher der AUtorin entdecken und für dieses eine Leseempfehlung aussprechen.

    Teilen
  1. Ein bedrückender Roman über den Umgang mit Demenz

    Dieser nur 154 Seiten umfassende Roman besteht aus fünf Kapiteln. Die Autorin hat dafür unterschiedliche Erzählperspektiven gewählt. Man muss sich deshalb erst an das eigentliche Thema herantasten. „Das Schwimmbad unter der Erde“ beschreibt einen geheimnisvollen, fast magischen Ort direkt unter der Stadt, in dem viele Menschen zusammenkommen, um ihre Runden zu drehen. Hier begegnet uns die Wir-Perspektive, die man schon aus Otsukas letztem Roman kennt. Dadurch schafft die Autorin den Spagat, die Individualität des Einzelnen zu beschreiben und gleichzeitig die eingeschworene Gemeinschaft aller Besucher zu beschwören, denen das Schwimmen hilft, die Alltagssorgen zu vergessen. Bereits hier taucht die betagte Protagonistin Alice als Eine unter Vielen auf. Sensibel wird angedeutet, dass Alice ein Problem mit ihrem Gedächtnis hat, dass sie Struktur braucht und Abweichungen von der Routine nur schwer verkraftet. Das nächste Kapitel „Der Riss“ bildet eine Zäsur, denn das regelmäßige Schwimmen wird durch Risse im Boden des Pools bedroht. Unterschiedliche Spekulationen, Theorien und Verdrängungsmechanismen sprießen in die Höhe. Die Bürokratie mahlt langsam, was sich im Text widerspiegelt und die Bedeutung des zunächst kleinen Risses für die Protagonistin Alice unterstreicht.

    Die zweite Hälfte des Romans habe ich als stärker auf die Protagonistin fokussiert empfunden. Es gelingt der Autorin mit unterschiedlichen Stilmitteln, die demenzielle Erkrankung Alices eindrucksvoll herauszuarbeiten. Mit kurzen, prasselnden Sätzen zeigt sie auf, welche Erinnerungslücken sich bei der Seniorin auftun. Interessant sind die Rückblicke auf deren Leben, auf ihre Familiengeschichte als nach Amerika immigrierte Japanerin. Insbesondere traumatische und emotionale Ereignisse sind Alice noch sehr präsent, während die Gegenwart zunehmend verblasst. Es gelingt Otsuka, diese Gegensätze aufzuzeigen und die fortschreitende Krankheit verbal sehr authentisch darzustellen.

    Verloren hat mich das vierte Kapitel „Belavista“, in dem sich auf unglaublich sarkastisch-zynische Weise das Seniorenheim (erneut in „Wir“-Perspektive) vorstellt, in dem Alice zukünftig wohnen soll. Die Bedingungen dort sind schlecht, das Personal überlastet und Raum für Individualität gibt es nicht. Die Demenzerkrankung stellt eine unheilbare Diagnose dar, die diesen Schritt notwendig macht. Als Leser fühlt man sich stellenweise unmittelbar angesprochen, so dass Kälte und Emotionslosigkeit erschrecken. Hier wird jeder Angehörige, der sich gezwungen sieht, einen Demenzerkrankten in eine entsprechende Einrichtung zu geben, verurteilt. Diese Darstellungsweise wirkt auf mich stereotyp und der schwierigen Situation nicht angemessen.

    Zum Glück findet die Autorin im letzten Kapitel wieder zu ihrer Stärke zurück, der Roman wird hier sehr persönlich, denn Otsuka schildert die Geschichte ihrer eigenen Mutter. Es gibt berührende Szenen sowie Erinnerungen, die Schmerz und Schuld bei der Tochter hervorrufen, denen sie sich ehrlich stellt. Auch der Vater, der mit einem Schlag alleine leben muss und mit seiner Einsamkeit hadert, findet Raum, ebenso wie der routinierte Alltag Alices im Heim. Der Kreis schließt sich, in die letzte Szene legt Otsuka ihr ganzes Können und ruft noch einmal Gänsehaut hervor.

    Man muss diese vielfältige Sprach- und Perspektivengestaltung der Autorin anerkennen, auch wenn ich persönlich die einzelnen Abschnitte nicht immer wie aus einem Guss, die Gesamtkonzeption etwas holprig empfunden habe. Für mich war es ein durchwachsenes Leseerlebnis. Das Grundthema Demenz und der Umgang damit ist schon mehr als bedrückend. Dieses Gefühl wird extrem glaubwürdig und realitätsnah transportiert. Es gibt bei dieser Krankheit keine Hoffnung, kein „es wird schon wieder“. Mit der Diagnose ist der weitere Weg fest vorbestimmt.

    Insofern empfehle ich dieses Buch nur gefestigten Personen, die mit dieser Thematik umgehen können. Für Betroffene kann es sehr belastend sein. Übersetzerin Katja Scholtz ist es sehr gut gelungen, diesen multiperspektivischen Roman ins Deutsche zu übertragen.

    Teilen
  1. Überall Risse

    2011 brachte ihr zweiter Roman "The Buddha in the Attic" der 1962 in Kalifornien als Kind japanisch-stämmiger Eltern geborenen Julie Otsuka den internationalen Durchbruch. Auch ich war 2012 begeistert von der deutschen Übersetzung "Wovon wir träumten". Einerseits interessierte mich die Thematik der Japanerinnen, die in den 1920er-Jahren als Bräute für die japanischen Einwanderer in die USA kamen, andererseits erzeugten die Erzählweise aus der Wir-Perspektive, die trotzdem Raum für Einzelschicksale ließ, und der besondere Rhythmus einen ungeheuren Sog.

    In dieser Wir-Perspektive, die Julie Otsuka perfekt beherrscht, ist auch die erste Hälfte ihres dritten Romans "Solange wir schwimmen" verfasst, erneut ausgezeichnet übersetzt von Katja Scholtz.

    Im ersten Kapitel, „Das Schwimmbad unter der Erde“, berichtet ein Chor aus Stammgästen eines unterirdischen Swimmingpools von der Leidenschaft für das Schwimmen, von unterschiedlichen Schwimm-Typen, die man selbst bei jedem Schwimmbadbesuch trifft, von strikten Regeln und eingefahrenen Routinen. Noch ist Alice nur eine unter vielen:

    "Eine von uns – Alice, eine pensionierte Labortechnikerin in einem frühen Stadium von Demenz – kommt her, weil sie schon immer hergekommen ist. Und auch wenn sie sich vielleicht nicht an die Nummer ihres Schließfachs erinnert und daran, wo sie ihr Handtuch hingelegt hat – sobald sie ins Wasser gleitet, weiß sie, was zu tun ist." (S. 9)

    „Der Riss“ auf dem Beckengrund, der sich allmählich vervielfacht, unterbricht in Kapitel zwei jäh die Idylle unter der Erde, im Schwimmkollektiv macht sich Verunsicherung breit, Gerüche, Hypothesen und Antithesen kochen hoch. In der Mitte des nur knapp 160 Seiten umfassenden Romans wird das Bad geschlossen, als letzte steigt Alice aus dem Wasser.

    In der allgemeinen Trauer trifft der Bruch ihrer Alltagsroutine Alice besonders hart. Auch durch das Buch geht ein Riss und im dritten Kapitel, „Diem Perdidi“, wechselt die Erzählperspektive von „wir“ zum „sie“. Nun erzählt Alice‘ Tochter über ihre Mutter: was diese noch weiß, und welche Erinnerungen ihr aufgrund des Risses im Kopf verlorengegangen sind. Der Humor der ersten beiden Kapitel weicht der Tragik. Diese Rückblicke der Schriftsteller-Tochter haben mir gut gefallen.

    Dann allerdings folgte in Kapitel vier, „Belavista“, mein persönlicher Riss, denn in der direkten Ansprache des Pflegeheims an die neue Bewohnerin Alice hat das Buch mich leider verloren. Dieser Abschnitt strotzt vor unerträglichem, überspitztem Zynismus und machte mich wütend. Der geschäftsmäßige Ton der „gewinnorientierte[n] Langzeit-Pflegeeinrichtung“ (S. 88 ) schürt Ängste und setzt Angehörige von Heimbewohnerinnen und -bewohnern unter Rechtfertigungsdruck. Keinerlei Berücksichtigung findet hier, dass Alice für ihre eigene, sehr geliebte Mutter genau diese Einrichtung wählte, und dass nicht jede auf den ersten Blick abschreckende Maßnahme im Umgang mit Dementen falsch ist.

    Entsprechend hat mich das abschließende fünfte Kapitel, „EuroNeuro“, geschrieben in der distanzierten Du-Perspektive, kaum mehr erreicht. Die Krokodilstränen einer schuldbehafteten Tochter, die jahrelang wenig Kontakt zur Mutter hatte und nun mit ihrem Zu-Spät-Kommen hadert, ließen mich vergleichsweise kalt. Die auf dem Buchrücken postulierte „Liebe einer Tochter“ konnte ich selten entdecken, eher schon berührte mich die stille, hilflose Trauer des Vaters beim allmählichen Verschwinden seiner Frau.

    Schade, denn ich hatte mich sehr auf den neuen Roman von Julie Otsuka gefreut. Zwar hat er mit der sprachlichen Verknappung, den wechselnden Erzählperspektiven und dem unverwechselbaren Rhythmus stilistisch meine Erwartungen erfüllt, inhaltlich jedoch leider in den letzten beiden Teilen nicht.

    Teilen
  1. 5
    27. Okt 2023 

    Überzeugender, multiperspektivischer Roman über Demenz

    In ihrem 160 Seiten dünnen Roman, erschafft Julie Otsuka, amerikanische Autorin mit japanischen Wurzeln, das Bild von einer dich auflösenden Person. Diese ist Alice, wohl nahe an der Mutter der Autorin angelegt, welche an einer Frontotemporalen Demenz erkrankt und zunehmenden ihren Platz in der Welt verliert. Solange Alice noch regelmäßig mit einer eingeschworenen Truppe in einem unterirdischen Schwimmbad schwamm, gehörte sie noch dazu, zur Gemeinschaft, zur Gesellschaft. Aber dann erscheint ein Riss im Schwimmbecken und das Schwimmbad wird für immer geschlossen. Mit dem Verlust der Routine scheint sich auch Alice‘ Zustand zu verschlechtern, sie muss ins Pflegeheim und die Tochter kämpft mit ihrem schlechten Gewissen bezüglich dessen, was sie alles im Umgang mit der Mutter versäumt hat.

    Nun könnte der vorliegende Roman einer sein, der in denen Kanon thematisch ähnlicher Veröffentlichungen der letzten Jahre passt. Er sticht jedoch ganz klar durch seine stilistischen Mittel heraus. Zum einen nutzt die Autorin sehr kurze, nur scheinbar simple Sätze jedoch mit vielen Aufzählungen, um tiefgründige Sachverhalte, Gefühle und Gedanken darzulegen. Zum anderen – und das ist hier das Meisterhafte am Roman – nutzt die Autorin in jedem Kapitel eine neue Erzählperspektive. Lernen wir noch das Schwimmbad aus der „Wir“-Perspektive kennen und erleben das Auftauchen des Risses, gehören auch wir noch zur Gemeinschaft dazu. Danach wechseln wir in die „Sie“-Perspektive (personal), durch welche wir die zunehmenden kognitiven Einschränkungen von Alice mit einem gewissen erzählerischen Abstand, aber nicht minder intensiv, aufgezeigt bekommen. Gerade die Wiederholungen der Aufzählungen sind hier herausragend, da sie das Davor mit dem Währenddessen bzw. Danach vergleicht. Dann schlüpfen wir in eine ganz ungewohnte Perspektive, die „Sie“-Perspektive (Höflichkeitsform). Denn nun werden wir direkt wie in einem Werbevideo oder Werbeprospekt für ein Pflegeheim von den Betreibern angesprochen. Es werden uns die vermeintlichen Vorteile des Heims angepriesen. Und trotzdem merken wir schnell: Das ist kein Ort, an dem wir leben wollen würden. Alice‘ muss es aber aufgrund ihrer Erkrankung. Und zuletzt spricht sich die Autorin mit der „Du“-Perspektive quasi selbst als Tochter an. Sie macht sich Vorwürfe, erinnert sich an Momente mit ihrer Mutter, verarbeitet, was das Verschwinden ihrer Mutter obwohl sie physisch zunächst noch anwesend ist, mit ihr macht.

    Meines Erachtens geht die Autorin in ihrem Welt nicht nur äußerst kreativ die Thematik der Veränderung eines Umfeldes und einer Person durch die Erkrankung einer Demenz an, sondern gleichzeitig mit ganz feinem Humor und auch Zärtlichkeit. Selbst im sehr kritischen Kapitel zum Pflegeheim scheint immer wieder diese Zärtlichkeit durch die Werbementalität hindurch. Das Kapitel übt Kritik am System aber nicht an den Menschen darin. Und gleichzeitig ist es zum schreien komisch, wenn die Autorin die Mechanismen aufs Korn nimmt.

    Ich bin absolut angetan von diesem kleinen Büchlein. Und ich betone gleich mal das "kleine Büchlein", denn mit dieser Kürze von nur 160 Seiten passt für mich alles. Es ist eine Länge, die dieses schwere Thema aushalten lässt. Es ist aber auch eine Länge, die die Besonderheiten des Sprachstils, nämlich der ungewöhnlichen Perspektiven und der Aufzählungen, gerade nicht anstrengend werden lässt. Die kurzen Sätze und die Kürze des Romans erscheinen da ebenso passend. Demnach hat die Autorin mich sprachlich vollends von ihrem Können überzeugt. Inhaltlich ebenso, denn sie schafft es auf ganz vielseitige Weise Blicke auf die Erschütterungen zu werfen, die eine Demenzerkrankung auf nicht nur einen Menschen, sondern auch sein Umfeld auslöst. Ich habe das Gefühl, dass die Autorin immer mehr rangezoomt hat und zwar letztlich auf sich selbst als Angehörige. Wir beginnen ganz breit gefächert mit dem Schwimmbad und den Menschen (WIR) darin. Es wird klar, dass es einen Riss gibt. Dieser führt zur Hospitalisierung (das SIE in der Höflichkeitsform), dann fliegen wir an Alice vorbei und beobachten sie (bleiben aber in der SIE-Form, die Alice meint) und zoomen dann heran an die Tochter (DU), die damit ganz nah an eigene Versäumnisse, Vorwürfe aber auch schöne Erinnerungen herantritt. Toll gemacht!

    Mich konnte die Autorin von Seite Eins an mit ihrem kleinen, aber feinen Roman unglaublich berühren. Häufig standen mir die Tränen in den Augen. Deshalb bekommt dieser Roman in der wunderbaren Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Katja Scholtz auch die volle Punktzahl von mir. Ein Highlight, welches ich nicht so schnell vergessen werde.

    5/5 Sterne

    Teilen
  1. Familie und Verantwortung

    Mein Hör-Eindruck:

    „Solange wir schwimmen“, ist die Welt in Ordnung. In einem unterirdischen Schwimmbad treffen die unterschiedlichsten Menschen zusammen, die aus unterschiedlichsten Gründen hier ihre Bahnen ziehen. Jeder hat seine feste Bahn, und es gibt Rituale und feste Regeln für das Miteinander. Im Tageslicht dagegen, oberhalb des Schwimmbads, erkennen sie einander oft nicht. Im Tageslicht wirken die Menschen oft ungelenk, teilweise übergewichtig, das Alter zeigt sich in Krähenfüßen im Gesicht – unten aber, im Schwimmbad, kommt ihr jugendliches Selbst wieder zum Vorschein. Sie sind beweglich, geschmeidig und anmutig. Sie fühlen sich in der geordneten Welt des Schwimmbads sicher und geborgen.

    Ein Riss im Boden des Schwimmbads bringt die Gemeinschaft zum Nachdenken, und letzten Endes ist es dieser Riss, der auch für die Erzählung einen Riss bedeutet: das Schwimmbad muss saniert werden, die Schwimmgemeinschaft bricht auseinander und zwingt die Schwimmer aufs Land. Der Riss im Boden ist zugleich ein Riss im Kopf der Alice. Ihre beginnende Demenz führt dazu, dass sie innerhalb der Familie nicht mehr betreut werden kann.

    Das Besondere an diesem Roman ist weniger das Thema Demenz, sondern die Art und Weise, wie die Autorin es erzählt. Wie in ihrem ersten Roman wählt sie wieder das chorische Sprechen, und zwar einmal für die Schwimmenden, und dann für die Betreuer im Heim, die sich in Form einer Hausordnung an Alice wenden. Die Heimordnung ist streng, und es wird deutlich: Alice hat keine Zukunft mehr.

    Im 3. Teil kommt die Tochter zu Wort. Sie sucht nach Ursachen der Demenz-Erkrankung in der Lebensführung der Mutter und erinnert sich an erste Gedächtnisausfälle und andere Merkwürdigkeiten, wie z. B. das stereotype Wiederholen ein- und derselben Geschichte. Dazu kommen Vorwürfe wegen eigener Versäumnisse.
    In diesem Teil verschwindet das chorische Sprechen, aber nach wie vor ist das Erzählen stark rhythmisiert. Mit vielen Anaphern wie „Sie weiß noch“ und dann „Sie weiß nicht mehr“ macht die Erzählerin den Fortgang der Krankheit klar, bis ihre Mutter schließlich in Sprachlosigkeit und Apathie versinkt.

    Das rhythmisierte Sprechen führt zu einer nüchternen und klaren Sprache, in der kein Wort zuviel gesprochen wird. Umso eindringlicher wirken kleine Szenen der liebevollen Zuwendung zwischen Mutter und Tochter, und am Schluss meint man als Leser einen hoffnungsvollen Augenblick lang, dass diese Liebe die Krankheit überwinden kann.

    Ein berührender Roman über Familie und Verantwortung.

    Das ungekürzte Hörbuch wurde eingelesen von Sascha Icks, die mit ihrer kultivierten Stimme die besondere bedrängende Wirkung des chorischen Sprechens perfekt wiedergibt und der Mutter eine eigene Stimme verleiht, ohne gekünstelt oder aufgesetzt zu wirken.

    Teilen
  1. Die zunehmende Demenz einer Mutter – distanziert geschildert

    Schwimmbadbeobachtungen als Gesellschaftsbild, zunehmende Demenz einer Mutter – ungewöhnliche Perspektiven, vielen Aufzählungen

    Leider hat mich dieses Buch emotional überhaupt nicht berührt, obwohl es auf dem hinteren Cover ganz anders angekündigt war. Es geht um das Gemeinschaftsgefühl beim Schwimmen, um die Demenzerkrankung einer Mutter und die Reaktion der Tochter, möglicherweise die Autorin selbst, was als 'Liebe ihrer Tochter' angekündigt war.

    Wir – das ist übrigens auch die vorherrschende Erzählperspektive im ersten Kapitel – beobachten die Schwimmer in einem unterirdischen Schwimmbad. Es ist quasi ein Spiegelbild der Gesellschaft, die Vielfalt der Menschen mit ihren unterschiedlichen Verhaltensweisen und Gründen, dort schwimmen zu gehen, von Rückenschmerzen bis zu 'gebrochenen Herzen oder geplatzten Träumen'. Sie alle finden dort unten Erholung, atmen auf und vergessen die Welt für kurze Zeit. Das ist von der Autorin gut beschrieben und zusammengestellt. Hin und wieder taucht der Name 'Alice' auf, eine ältere Frau mit beginnender Demenz. Auch ihr tut das Schwimmen gut:
    'Aber hier unten im Schwimmbad bin ich ich selbst.' (9)

    Doch leider bleibt es nicht so, denn etwas geschieht: ein Riss am Boden des Beckens verunsichert die Schwimmer und auch hier beobachtet die Autorin wieder die unterschiedlichsten Reaktionen von vernünftigen Erklärungen über Weltuntergangstheorien bis zum Verdrängen. Insofern kann man den 'Riss' durchaus als Riss nicht nur in Alices Leben sondern auch als außergewöhnliches Vorkommnis im Leben der Menschen verstehen. Das war alles interessant zu lesen, aber man fragt sich doch, in welchem Zusammenhang das ausführlich geschilderte Schwimmen mit den weiteren Kapiteln steht.

    Alices Demenz schreitet fort und wird als zunehmend verlorene Tage beschrieben. In ungewöhnlichem Stil mit immer gleichen Satzanfängen und Aufzählungen beschreibt die Autorin, wie Alice sich nach und nach verliert: Sie weiß noch..., Sie weiß nicht mehr..., Sie erinnert sich... Dabei erfahren wir eine Menge über Alices Leben, aber derart bruchstückhaft und ungeordnet, wie es auch in ihrem Gedächtnis zugehen mag. Das ist durchaus ein erzählerisch origineller Kunstgriff, wirkt aber auch ziemlich eintönig und ist anstrengend zu lesen.

    Im nächsten Kapitel 'Belavista' (schöne Aussicht) ist klar, dass Alice in ein Heim muss und die Autorin beschreibt es dem Leser in der Art und Weise eines Werbeprospekts, auch das wieder eine ungewöhnliche Perspektive mit direkter Ansprache des Lesers und potentieller Patienten. Das ist so negativ und zynisch, dass es schwer zu ertragen ist: die totale Überwachung, die komplette Reglementierung des Tagesablaufs, die Entpersönlichung. Das mag nicht nur teilweise ungerechtfertigte Kritik an solchen Pflegeeinrichtungen sein, sondern es ist auch unglaublich deprimierend und ausweglos erscheinend.
    'Es spielt keine Rolle, wer sie 'vorher' waren...' (93)

    Erst zum Schluss wird es ein wenig persönlicher und emotionaler zwischen Tochter und der inzwischen ganz verstummten Mutter. Es gibt die üblichen Überlegungen über Ursachen der Krankheit, den Umgang damit und Versäumnisse. 'Hätte man nicht vorher telefonieren, sich treffen, …' Das mag als Lehre aus diesem Buch gedacht sein, wird aber in meinen Augen von dem allzu Negativen überlagert.

    Fazit

    Ein in ungewöhnlichem Stil geschriebenes Buch, das ich aber nicht empfehlen kann, besonders nicht jenen, die eventuell in einer ähnlichen Situation sind, weil ich es als zu negativ und deprimierend empfinde.

    Teilen
  1. 4
    15. Okt 2023 

    Demenz...

    Hier schreibt eine Tochter über ihre Mutter Alice, die an Demenz leidet. Das Thema ist offenkundig eines, das die Autorin selbst betroffen hat, und dem nähert sie sich hier im schmalen Roman im Verlauf immer mehr an. Dabei beginnt die Handlung in einem Schwimmbad unter der Erde, einem Ort, in dem sich ein festes Publikum immer wieder begegnet, und auch Alice gehört dazu. Sie vergisst zwar bereits vieles, aber das Schwimmen gehört fest in ihren Alltag, und dort kennt sie auch noch alle Abläufe. Alles geht gut, bis ein Riss am Beckenboden entsteht, über den man zunächst hinweggeht, der aber allerhand Stoff für Spekulationen bietet und schließlich der Grund für die Schließung des Schwimmbades ist.

    Danach folgt ein Kapitel, in dem die Autorin aufzählt, was Alice noch kann und weiß - und was bereits dem Vergessen anheim gefallen ist. Nüchterne Aufzählungen schlagen dabei einen leichten Ton an, doch dahinter schimmert die wachsende Verzweiflung durch - zumindest habe ich hier das erste Mal geschluckt. Wie nebenher werden durch die Aufzählungen aber auch biografische Daten von Alice vermittelt, was ich sehr innovativ fand. Das darauf folgende Kapitel ist das grausamste. Hier wird dem Altersheim eine Stimme gegeben: "Willkommen im Belavista. Wir sind eine gewinnorientierte Langzeit-Pflegeeinrichtung (...)" - und nüchtern, zynisch, gnadenlos wird auf den Zustand der Patient:innen ebenso eingegangen wie auf die routinierten Abläufe im Heim. Das war für mich ehrlich gesagt Hardcore, auch wenn man das alles im Grunde schon weiß. Im letzten Kapitel wird dann beklemmend genau beleuchtet, wie die Besuche im Heim verlaufen, wie sich Alice verändert, wie ihr Mann mit der Situation umgeht, wie die Tochter.

    Die Perspektiven wechseln in den einzelnen Kapiteln und sind sehr ungewöhnlich. Die Schwimmbadsituation beschreibt ein "wir", das die lose Gruppierung der Schwimmer als Gemeinschaft schildert und auch Alice mit einbezieht. Alices Zustand im Kapitel darauf nimmt eine distanzierte "sie" Perspektive ein, der Abstand wahrt und die Betroffenheit somit wegschiebt. Die geschilderte Perspektive des Altersheims wird schließlich abgelöst von einem "du", womit die Tochter sich selbst meint und damit wiederum für eine Distanz sorgt, die Gefühle möglichst außen vor lässt. Ein überaus interessanter Persektivwechsel also im Verlauf, der nie die Distanziertheit verliert und doch Emotionen / Zweifel durchschimmern lässt, die stellenweise womöglich der Leser / die Leserin an Stelle der Betroffenen erlebt.

    Gemeinsam mit den Aufzählungen als durchgängiges Stilmittel sorgen die außergewöhnlichen Erzählperspektiven für einen sehr ungewöhnlichen Roman, der mich bei aller Distanziertheit doch berühren konnte.

    © Parden

    Teilen
  1. Gut erzählt, aber nicht berührend

    Selten habe ich so einen irreführenden Klappentext gelesen: "Ein starkes Buch über die Demenz einer Tochter und die Liebe ihrer Tochter."

    Während die Demenz der Mutter, Alice, von Beginn an zumindest angedeutet wird, macht sich die Liebe der Tochter erst im letzten Teil bemerkbar.

    Der Roman ist aus insgesamt 5 Teilen aufgebaut, die sich auch dadurch voneinander absetzen, dass sie unterschiedliche Erzählperspektiven und auch Erzählformen aufweisen.

    "Das Schwimmbad unter der Erde" beschreibt in der Wir-Form, wobei Alice Teil dieses Kollektivs ist -

    "Alice, eine pensionierte Labortechnikerin in einem frühen Stadium von Demenz" (S.9) -

    ein Schwimmbad unter der Erde und vor allem die einzelnen Menschen, die regelmäßig dieses Schwimmbad aufsuchen. Der Autorin gelingt es dabei hervorragend mit wenigen Sätzen eine Figur zu skizzieren, so dass man als Leser:in direkt ein Bild vor Augen hat. Es werden verschiedene Schwimmtypen aufgezählt, die Motivation zu schwimmen wird unter die Lupe genommen, die Bedeutung des Schwimmens für die Einzeln erläutert.

    Das Kapitel "Der Riss" - ebenfalls in der Wir-Perspektive erzählt - beschreibt, wie ein mysteriöser Riss am Boden des Beckens auftaucht, über den heftig spekuliert wird. Letztendlich muss das Schwimmbad geschlossen werden, weil sich die Ursache nicht feststellen lässt.

    Der Riss als Metapher für Alice Demenz - war eine der Hypothesen aus der Leserunde. Auch ein Symbol dafür, dass im Leben immer etwas Unvorhergesehenes geschehen kann, das uns aus der Bahn wirft - wortwörtlich in diesem Fall. Metaphorisch interessant, hat das Kapitel doch erhebliche Längen.

    "Diem Perdidi" - der verlorene Tag beschreibt in der Sie-Form (personale Erzählperspektive), was Alice noch weiß und was sie schon vergessen hat. Im Verlauf des Kapitels verschiebt sich das Wissen Richtung Vergessen. Das ist sehr gut gemacht, auch weil es eine sehr originelle Art und Weise ist, Alice Biographie zu erzählen. Allerdings bleibt die Figur auf Distanz - das mag an der Perspektive und den vielen Aufzählungen liegen, den immer gleichen Satzanfängen, die beim Lesen auf mich ermüdend gewirkt haben. Es ist ein Leben im Stakkato-Stil erzählt, der nicht erschüttert und bewegt.

    "Belavista" - ein Pflege-und Altenheim steht im Fokus dieses Kapitels:

    "Sie sind heute hier, weil Sie den Test nicht bestanden haben." (S.87)

    Insgesamt sehr zynisch erzählt, über das, was Alice erwartet, was die Einrichtung zu leisten vermag - für Zusatzzahlung gibt es Zusatzleistungen, was sie überwacht, wie sie arbeitet. Das System wird gnadenlos kritisiert - nicht die Menschen, die dort arbeiten und leben.

    Erst im letzten Teil "EuroNeuro" tritt die Tochter in Erscheinung. Aus der Du-Perspektive macht sie sich Vorwürfe der Mutter zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt zu haben. Wenn der Klappentext ansatzweise zutrifft, dann auf dieses letzte Kapitel, das auch das einzige ist, das beim Lesen eine emotionale Reaktion hervorruft - zumindest bei mir.

    Insgesamt ist der Roman erzähltechnisch und vom Aufbau her sehr interessant, trotzdem hat er mich nicht bewegt, weil die Figuren auf meistens Distanz bleiben. Das muss kein Kriterium für die Qualität eines Romans sein, aber wenn von der Liebe einer Tochter zu ihrer Mutter die Rede ist, möchte ich berührt, erschüttert, mitgenommen und nicht auf Distanz gehalten werden.

    Teilen