Sofia trägt immer Schwarz: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Sofia trägt immer Schwarz: Roman' von Paolo Cognetti
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2 von 5 (1 Bewertungen)

Gebundenes Buch
Der neue Bestseller des internationalen Erfolgsautors von "Acht Berge"

Sofia Muratore wäre so gern glücklich und trägt doch immer Schwarz. Sie hat zwei ungleiche Augen und fühlt sich wie ein "Luftballon hinter Gittern". Mit zehn Jahren rasiert sie sich aus Protest die Haare, mit sechzehn hat sie von allem genug. Sie erträgt die Krisen der Eltern nicht, will Schauspielerin werden, wird aber nur magersüchtig. Sie zieht von Mailand nach Rom und dann nach New York. Sie verliebt sich, taucht ein in das Leben anderer und verflüchtigt sich sofort wieder wie Gas. Überhaupt ist Sofia immer auf der Flucht, vor ihren Freunden, Liebhabern, den Eltern und sich selbst - in der Hoffnung, anderswo endlich zur Ruhe zu kommen.

"Sofia trägt immer Schwarz" ist ein eindringlich-empathischer Roman über die Rastlosigkeit der Zeit - wie in seinem Bestseller "Acht Berge" beweist Paolo Cognetti ein feines Gespür für die drängenden Fragen unseres Lebens.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:240
EAN:9783328600275

Rezensionen zu "Sofia trägt immer Schwarz: Roman"

  1. bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 11. Feb 2019 

    Leider kein "Acht Berge" Buch

    Leider kommt dieses Buch von Paolo Cognetti nicht an seinen Vorgänger "Acht Berge" ran. Dieser Band hat mich etwas gelangweilt und auch der Stoff war sehr klischeehaft bearbeitet worden.

    Aber es war nicht alles schlecht. Meine Anfangsvermutung, dass es sich hier wieder um Armut und um den katholischen Glauben dreht, hat sich nicht ganz bestätigen können.

    Die Familie, um die es hier geht, ist eine gutbürgerliche, italienische Durchschnittsfamilie aus Mailand mit ihren eigenen Problemen.

    Hier geht es zum Klappentext, zum Autorenporträt, zu meinen ersten Leseeindrücken und zu den Buchdaten.

    Die Handlung
    Man lernt hier eine mailändische Kleinfamilie kennen, die aus drei Personen besteht. Als klassisches Modell von Vater, Mutter und Kind. Die Hauptperson ist Sofia Muratore, 1978 geboren, die schon als kleines Mädchen gegen ihre Eltern rebelliert, da sie sich unentwegt streiten, sie es aber nicht schaffen, sich im schlimmsten Fall scheiden zu lassen, weil ihr Glaube es nicht zulässt. Die Mutter, Rosanna, ist Malerin ohne Universitätsabschluss, der Vater, Roberto, ist Maschinenbauingenieur bei Alfa Romeo, und schafft es nicht, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Rossanna leidet unter schweren Depressionen, sehnt sich als Frau nach einem autonomen Leben, ist aber wirtschaftlich völlig von ihrem Mann abhängig. Die Handlung spielt im Lagobello, ein Vorort von Mailand, in den 1980er und 1990er Jahren. Sofia hat Angst, zu werden wie ihre Mutter und durchläuft im Laufe ihrer Jugend mehrere Identitätskrisen. Robertos Schwester Marta hat sich gegen eine Ehegemeinschaft entschieden und lebt ein Leben, von dem Rossanna nur träumen kann. Marta lehnt die Ehe als Institution ab. Rossanna hatte ihr Studium an der Kunstakademie nicht abgeschlossen, da sie schwanger wurde. Sie versuchte aber auch später nicht, ihr Studium nachträglich zu beenden, und flüchtet stattdessen immer wieder in eine schwere Depression. Schon Virginia Woolf, die vom Autor zitiert wird, träumt als Frau von einem Zimmer für sich allein. Nur hat Viginia Woolf in einer anderen Zeit gelebt ... Roberto dagegen, der auch unglücklich mit Rossanna ist, verliebt sich in seine Kollegin Emma und geht mit ihr heimlich eine zweite Bindung ein. Auch Emma möchte gerne emanzipiert sein, und lehnt den Ehebund ab … Mehr möchte ich nun nicht verraten, vor allem auch nicht, wie sich Sofia weiter entwickeln wird, und wie sie es schafft, aus ihrem verhassten Elternhaus zu entrinnen ...

    Welche Szene hat mir nicht gefallen?
    Dass Emma sich auf die Beziehung mit Roberto eingelassen hat, obwohl er verheiratet und Familienvater ist. Und dass Roberto und Rossanna sich ihren Problemen ausgeliefert hatten, ohne etwas dagegen zu tun ... Immerhin gibt es die Möglichkeit zu einer Paartherapie ...

    Welche Szenen haben mir besonders gut gefallen?
    Sofia, 12 Jahre alt, sollte in der Schule einen Aufsatz über ihren Vater schreiben. Sie schrieb, dass sie keinen habe, und überhaupt sei sie ein adoptiertes Kind. Die Lehrerin stimmte dieser Aufsatz stutzig, kopierte ihn und schickte das Exemplar an die Eltern. Als ihr Daddy den Aufsatz gelesen hatte, war er schockiert. Durch den Aufsatz wird ihm bewusst, dass er durch seinen Beruf zu wenig für sein Kind da sei. Wie oben schon gesagt, schafft er es nicht, Familie und Beruf in Einklang zu bringen. Was macht er? Er nimmt Sofia mit in seine Firma, in der er der Chef ist. Er wollte Sofia zeigen, was er beruflich macht und weshalb er so wenig zu Hause sei. Mir hat diese Szene sehr gut gefallen.

    Zweite Szene: Rossanna bittet Marta bei der Wohnungssuche um Hilfe. Eigentlich sucht sie ein Atelier, um für sich und für ihre Kunst alleine sein zu können. Die Mieten sind allerdings überteuert, der Vermieter spürt, dass Rossanna sich die Miete nicht leisten kann und betrachtet sie von oben herab. Sowohl Rossanna als auch Marta sind sehr feinfühlig, nehmen die abwertende Haltung des Vermieters wahr, und veräppeln ihn, in dem sie die Wohnung auf Schwachstellen monierten. Sie gaben ich als reiche Leute aus, für die diese Wohnung zu schade sei. Sie schaffen es, den Vermieter in eine andere Haltung zu versetzen und so entschuldigte er sich bei den beiden Frauen. Als sie wieder draußen auf der Straße waren, prusteten sie beide vor Lachen los.

    Welche Figur war für mich Sympathieträger?
    Ich stehe dieses Mal ziemlich neutral den Figuren gegenüber, da mir die tieferen psychologischen Hintergründe fehlen.

    Welche Figur war mir antipathisch?
    Robertos Geliebte Emma.

    Meine Identifikationsfigur
    Marta Muratore und Sofia als Kind und Jugendliche.

    Cover und Buchtitel
    Hat mir gut gefallen. Ein schönes Motiv auf dem Buch. Interessant fand ich auch das italienische Cover, siehe oben. Dazu habe ich mir die Rezensionen der italienischen Leser*innen durchgelesen. Viele machten dieselben Beobachtungen und waren derselben Meinung wie ich, dass die Charaktere und die Thematik zu oberflächig und zu klischeebehaftet waren ...
    Der Buchtitel wird einem recht schnell klar, weshalb Sofia immer schwarz trägt.

    Zum Schreibkonzept
    Auf den 234 Seiten wird die Geschichte in zehn Kapiteln gepackt. Hinten findet man die Anmerkungen des Autors, anschließend folgt eine Seite zu den Zitatnachweisen, und zum Schluss ist das Inhaltsverzeichnis mitabgedruckt. Irritiert hat mich auf der ersten Seite das Gedicht von Sylvia Plath, in dem es um das Sterben als eine Kunst geht. Auf den ersten Seiten der Geschichte konnte ich das Gedicht noch gut in dem Kontext zuordnen, da der kleine Oscar keine Eltern mehr zu haben scheint, zumal die Mutter an Krebs gestorben ist oder noch sterben wird. Hier dachte ich, diese Thematik wird das ganze Buch füllen, war aber nicht. Man verlor den Oscar wieder aus den Augen, und somit auch die Thematik über das Sterben. Nun, wo ich die ganze Geschichte kenne, finde ich den Vers von Sylvia Plath völlig deplatziert. Viele Seiten später stirbt zwar eine weitere Bezugsperson, aber im Durchschnitt wird hier nicht mehr gestorben, um den Vers erklärbar zu machen. Ein Vers über die Emanzipation eines Ehepaares, speziell über die einer Ehefrau, wäre hier angebrachter gewesen.

    Meine Meinung
    Leider sind mir in dem Buch viel zu viele Klischees. Die Franzosen werden hier idealisiert, obwohl auch sie ihre Ghettos haben … Süditaliener werden durch das inszenierte Nord/Südgefälle abgewertet, werden als die ewigen Verlierer gebrandmarkt ...

    Auch wenn Cognetti selbst Italiener ist, scheint ihm vielleicht entgangen zu sein, dass es im Süden Italiens die Drei- bis Vierkopffamilie gängig ist. Die Geburtenrate Italiens ist seit über zehn Jahren stark zurückgegangen. 2016 wurden nur 1,35 Kinder im Durchschnitt geboren. Die wenigsten Kinder bekommen Italienerinnen aus Sizilien und Sardinien. Das Argument, dass man sich durch die desaströse Familienpolitik des Landes nicht mehr Kinder leisten könne, hinkt meiner Meinung nach. Italien war nie besonders reich, trotzdem hatten sie früher ihre Kinder bekommen. Auch in Spanien ist die Geburtenrate seit vielen Jahren rückläufig. Beide Länder, Spanien und Italien, liegen noch vor Deutschland, was der demografische Wandel betrifft, dass es mehr alte als junge Menschen gibt. Beide Länder sind auf den Zuzug von Migrant*innen angewiesen, um die Sozialkassen aufzufüllen. Cognetti aber stellt in seinem Buch die Dreikopffamilie als besonders klassisch nordisch dar.

    Hier geht es zu einem Artikel vom Neue Züricher Zeitung über das klischeebehaftete kinderliebende Bambini-Land Italien. Erstens mal war Italien noch nie kinderliebender als andere Länder. Und noch in den 1960er und 1970er Jahren hatten die Italienerinnen nicht mehr Geburten als hier in Deutschland. In den 1960er Jahren zählte auch Deutschland zu den geburtsstarken Ländern. Und niemand würde einfallen, Deutschland als das Bambini-Land zu bezeichnen.

    Gestört hat mich noch, dass Cognetti einen Süditaliener mit schwarzem Schnauzbart mit einem sizilianischen Mafioso verglichen hatte. Von einem emanzipierten Autor erwarte ich, sich frei zu machen von solchen rassistischen Zuschreibungen, die ihm sicher nicht bewusst sind und unbeabschtigt erfolgen, denn mir hat gefallen, als er eine Erklärung hat finden können, weshalb Italien als ein reiches Land ständig in den Miesen steckt ...

    Wer es noch nicht weiß, viele Italiener*innen betreiben Rassismus mit dem eigenen Volk. Die Regierung spaltet den Norden mit dem Süden, spaltet in Arme und Reiche, in hell und dunkel, was die Haut- und die Haarfarbe betreffen … Und wenn man sich die Bücher anschaut, in denen Italien mit seinen Landsleuten beschrieben werden, findet man immer wieder dieselben Themen, dieselben Klischeebilder. Der Norden ist westlich, der Süden archaisch, man erfährt wenig Neues, obwohl es auch dort Entwicklungen gegeben hat ...

    Mein Fazit
    Schade, dass mich das Buch nicht so packen und überzeugen konnte. Der Autor hätte mehr daraus machen können. Außerdem wusste ich anfangs nicht, wohin mich die Geschichte führen sollte. Wer war der kleine Oscar? Ich weiß schon gar nicht mehr, ob seine Eltern tot sind oder ob die Mutter an Krebs erkrankt ist und die Chemo abgebrochen hat? Später verliert man Oscar, er taucht nicht mehr auf. Auch manche späteren Szenen fand ich nicht passend und aus dem Zusammenhang herausgerissen. Außerdem hat es mir an psychologischer Tiefe gefehlt. Die Charaktere waren mir nicht tiefgründig genug. Und die Struktur etwas unsortiert.

    Ich benötige jetzt eine Cognetti Pause, bin nun auf langer Sicht von ihm gesättigt, vielleicht waren meine Erwartungen durch die Acht Berge zu weit nach oben geschraubt. Doch in dieser Lektüre sagt mir sein Welt- und Menschenbild definitiv nicht zu.