Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt

Buchseite und Rezensionen zu 'Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt' von Jesmyn Ward
4.5
4.5 von 5 (2 Bewertungen)

Jojo und seine kleine Schwester Kayla leben bei ihren Großeltern Mam and Pop an der Golfküste von Mississippi. Leonie, ihre Mutter, kümmert sich kaum um sie. Sie nimmt Drogen und arbeitet in einer Bar. Wenn sie high ist, wird Leonie von Visionen ihres toten Bruders heimgesucht, die sie quälen, aber auch trösten. Mam ist unheilbar an Krebs erkrankt, und der stille und verlässliche Pop versucht, den Haushalt aufrecht zu erhalten und Jojo beizubringen, wie man erwachsen wird. Als der weiße Vater von Leonies Kindern aus dem Gefängnis entlassen wird, packt sie ihre Kinder und eine Freundin ins Auto und fährt zur »Parchment Farm«, dem staatlichen Zuchthaus, um ihn abzuholen. Eine Reise voller Gefahr und Hoffnung. Jesmyn Ward erzählt so berührend wie unsentimental von einer schwarzen Familie in einer von Armut und tief verwurzeltem Rassismus geprägten Gesellschaft. Was bedeuten familiäre Bindungen, wo sind ihre Grenzen? Wie bewahrt man Würde, Liebe und Achtung, wenn man sie nicht erfährt? Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt ist ein großer Roman, getragen von Wards so besonderer melodischer Sprache, ein zärtliches Familienporträt, eine Geschichte von Hoffnungen und Kämpfen, voller Anspielungen auf das Alte Testament und die Odyssee.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:300
EAN:9783956142246

Rezensionen zu "Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 11. Feb 2019 

    Heimkehren

    Ein sehr interessant und extrem anders geschriebener Roman, bei dem für mich der Sog erst recht spät kam. Dafür gewinnt das Buch am Ende eine starke Intensität. Am Anfang war es nicht so die Durststrecke, aber ich kam nicht so ganz in die Geschichte, es war nicht so einfach zu lesen für mich. Aber das liegt denke ich bei mir. Die Sprache ist sehr poetisch und sehr mystisch, bildhaft und die Bilder sprechen zu einem, erzeugen Empfindungen/Gefühle. Aber das Geschriebene ist auch sprunghaft und verworren. Es ist bei dem Ganzen ein sehr starkes archaisches dunkles Element zu spüren. Die Autorin bedient sich sehr in diesem Buch bei Elementen des magischen Realismus, den ich wiederum sehr mag. Und bei diesem Roman sehr genießen konnte. Vielleicht sind es auch die Charaktere die mir das Lesen recht schwer gemacht haben. Die Drogenproblematik, Bindungsproblematik und Gefühlskälte lösen bei mir recht dunkle Empfindungen aus. Das sind Dinge mit denen ich nicht kann, für mich nicht nachzuvollziehen sind und einen tiefen Abscheu zu tage fördern. Andererseits wenn man sich mit den Charakteren einlässt, ist es doch wieder nachzuvollziehen. Aber diese Tiefe des Empfindens bedeutet ja auch irgendwie, das die Autorin etwas mit mir macht.

    Die Handlung zeichnet sich für mich darin aus, das aus drei verschiedenen Seiten heraus das Bild einer Familie gezeichnet wird, die Kapitel werden aus der Sicht von Leonie, Jojo und Richie erzählt. Es geht um eine arme schwarze Familie aus Bois Sauvage in Mississippi: Pop, der Großvater, sein Leben in der Familie, aber auch um einen zurückliegenden Gefängnisaufenthalt; Mam, die Großmutter, ihre Stellung in der Familie, eine Heilerin mit Bindung an einen alten Glauben/alte Götter, die unheilbar krank ist und stirbt; Leonie, die Tochter, ihre Drogensucht, ihre Bindungsprobleme, ihre Liebe, ihre Gefühlskälte; Given, der tote Bruder; Jojo, der Sohn von Leonie, der in seinen jungen Jahren recht früh erwachsen sein muss; Kayla/Michaela, die Tochter von Leonie, die in etwas hineinwächst, was ihr nicht gut tut; Michael, weiß, der Freund von Leonie, steht zwischen zwei Welten, ebenso mit einem Drogenproblem; Richie, ein toter Junge, der Pop im Gefängnis begegnet, eigentlich nicht zur Familie gehört, aber irgendwie an Pop/River gebunden ist und aus einer anderen Welt diese Familie betrachtet. Die Autorin schafft es mit recht wenigen Worten eine seelische Tiefe zu zeichnen/zu zeigen/zu erzeugen, das ist schon eine Kunst, es ist schön/aber auch schwer sich darauf einzulassen. Es geht um den Rand der amerikanischen Gesellschaft, es geht um Drogenprobleme, ehemalige Gefängnisaufenthalte, Gewalt, Tod, Bindungsprobleme, Gefühlskälte und natürlich auch die Rassenproblematik. Ganz schön viele Thematiken in einem Buch, vielleicht erklärt das auch die Probleme beim Lesen, bei Einigem sträubt man sich förmlich dagegen. Auf jeden Fall hat dieses Buch jede Menge Gefühle herausgeholt, und das denke ich ist auf jeden Fall etwas Gutes. Und ein wichtiger Aspekt in diesem Buch ist eine tiefe archaische Mystik, die die Autorin perfekt zu zeichnen weiß.

    Ein interessanter Roman ! Aber ich denke man muss für diese Geschichte bereit sein, muss sich auf sie einlassen können !

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 02. Mär 2018 

    ein faszinierender Sprachstil

    Der Titel von Jesmyn Wards Roman "Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt" hat etwas Klerikales an sich, könnte durchaus die Zeile aus einem Choral sein. Der Titel geht nicht leicht von den Lippen und ist alles andere als gefällig. Doch damit passt er perfekt zu einem unbequemen Buch, das mir emotional einiges abverlangt hat.
    "Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt" behandelt die Geschichte einer Familie in den Südstaaten der USA, wo das Thema Rassendiskriminierung heute immer noch den Alltag prägt.

    Der 13-jährige Jojo lebt mit seiner kleinen Schwester Kayla im Haus seiner Großeltern, die er Mam und Pop nennt. Seine leibliche Mutter Leonie lebt ebenfalls in diesem Haushalt. Die Namensgebung deutet darauf hin: Mam und Pop sind ihm mehr Eltern als seine eigenen: Mutter Leonie und Vater Michael, der gerade im Gefängnis sitzt. Die farbige Leonie hat sich in jungen Jahren mit dem weißen Michael "eingelassen". Diese Beziehung sorgte für Zündstoff in der erzkonservativen und rassistischen Gegend. Kaum zu glauben, aber Michael hatte tatsächlich das Stehvermögen, gegen den Widerstand seiner strengen Eltern, mit Leonie zusammenzuleben, was sie fortan im Haus von Leonies Eltern auch getan haben. Praktisch für Leonie und Michael, wurde ihnen doch die Verantwortung für die Erziehung von Jojo und Kayla abgenommen, zumal sie eh nicht in der Lage gewesen wären, sich um die Kinder zu kümmern. Denn Leonie und Michael haben ein Drogenproblem.

    "Es fühlt sich gut an, fies zu sein, an dem Baby, das ich nicht schlagen darf, vorbeizureden und meinen Zorn an jemand anderem auszulassen. An dem, für den ich nie gut genug bin. Nie Mama bin. Bloß Leonie, ein Name aus den gleichen drei enttäuschten Lauten, die ich auch von Mama, von Pop ... höre, schon mein ganzes verfluchtes Leben lang." (S. 159)

    Jojo und Kayla reagieren mit Ablehnung auf Leonie. Insbesondere Jojo, der mit seinen 13 Jahren bereits das Verständnis eines Erwachsenen hat, verachtet seine Mutter. Baby Kayla hängt an ihrem großen Bruder, und er kümmert sich liebevoll um die kleine Schwester. Er lässt ihr die Fürsorge und Nähe zuteil werden, die eigentlich von den Eltern zu erwarten gewesen wären.
    Als Michael aus dem Gefängnis entlassen werden soll, beschließt Leonie, ihn abzuholen. Plötzlich entdeckt sie einen bisher nicht da gewesenen Familiensinn und nimmt die beiden Kinder mit auf die mehrtägige Reise. Während der Fahrt zeigt sich, dass sie mit den Kindern völlig überfordert ist. Die Kinder sind für sie nicht wichtig, manchmal sogar lästig. Wichtig ist, dass sie wieder mit ihrem Mann zusammen sein kann.

    Der Roman wird zunächst aus zwei Perspektiven erzählt: Jojos und Leonies. Das Leben, das diese Familie führt, aus der Sicht eines Kindes geschildert zu bekommen, ist nicht leicht. Es tut weh, wenn Jojo die Abneigung, die er gegen seine Mutter hat, in Worte fasst. Es wühlt auf, wenn er erzählt, wie er versucht, sich und seine kleine Schwester auf der Fahrt zu versorgen, weil seine Mutter es nicht macht. Es macht fassungslos, wenn Jojo am eigenen Leib die Schikane durch rassistische Weiße erfährt und seine Mutter tatenlos dabei zusieht.
    Parallel zu Jojos Sicht wird die Geschichte durch Leonie erzählt. Und dieser Teil macht mehr als deutlich, wie überfordert Leonie mit der Verantwortung für sich selbst ist, geschweige denn für zwei Kinder. Als Mutter ist sie ein Totalausfall. Sie ist sich dessen bewusst, kann jedoch nicht über ihren Schatten springen.

    "'... Aber sie hat den Mutterinstinkt nich. Ich hab's gesehn, als du noch klein warst und wir beim Einkaufen warn, da hat sie sich was zu essen gekauft und es vor deinen Augen gegessen, und du saßt hungrig da und hast geweint. Da wusste ich's.'" (S. 246)

    Im Verlauf der Geschichte wird sich noch ein zweiter Handlungsstrang auftun: Auch der Großvater hat einige Jahre im Gefängnis verbracht, in einer Zeit, in der die Rassengesetze noch schärfer waren als heute und das kleinste Vergehen ausgereicht hat, um für lange Zeit eingebuchtet zu werden. Der Großvater erzählt Jojo von seinen damaligen Erlebnissen, in denen ein damals 12-jähriger Junge eine wichtige Rolle spielte: Richie, der im Verlauf der Handlung des Romans die dritte Erzählperspektive übernimmt. Und mit dem Auftauchen von Richie nimmt der Roman eine metaphysische Wendung an. Die Vergangenheit des Großvaters und die Gegenwart um Jojo vermischen sich. Jojo kann Richie sehen und mit ihm sprechen. Dabei erfährt der Leser, dass Richies gewaltsamer Tod der Grund ist, warum Richie nicht mit dem Leben im Diesseits abschließen kann. Auf den metaphysischen Aspekt dieser Geschichte musste ich, die rational Denkende, mich erstmal einlassen, was anfangs nicht leicht war.

    "'... Die Alten haben immer erzählt, wenn jemand auf schlimme Art stirbt, is das manchmal so furchtbar, dass selbst Gott es nicht mitansehn kann, und dann bleibt der Geist zur Hälfte da und wandert herum, sehnt sich nach Frieden wie ein durstiger Mann nach Wasser.'" (S. 249)

    Was mich an diesem Roman völlig fasziniert hat, ist der wandelbare Sprachstil von Jesmyn Ward. Es gibt Momente, da erscheint der Sprachstil "grell" - passend zur Hitze und den Sümpfen der Südstaaten. Sie schildert Szenen mit einer Unbarmherzigkeit, die fast schon weh tut. Dabei verwendet sie eine sehr bildhafte Sprache, die sie farblich ausschmückt. Und dann gibt es wieder Szenen, in denen ihre Sprache sehr zärtlich und einfühlsam ist. Sie nimmt sich an diesen Stellen zurück. Ihre Sensibilität kann einem dabei die Tränen in die Augen treiben.
    Ich habe selten eine Autorin erlebt, die mich durch ihren Sprachstil emotional dermaßen berührt hat.

    Jesmyn Ward hat mit "Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt" (Sing, unburied, sing) im letzten Jahr den National Book Award gewonnen - neben dem Pullitzer Preis der renommierteste Literaturpreis in den USA -, womit die Amerikaner in diesem Fall eine gute Wahl getroffen haben.

    Mit diesem Buch bin ich Fan von Jesmyn Ward geworden.

    © Renie