Signor Rinaldi kratzt die Kurve: Roman

Rezensionen zu "Signor Rinaldi kratzt die Kurve: Roman"

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 16. Apr 2019 

    Nette Unterhaltung

    Mit „Signor Rinaldi kratzt die Kurve“ von Lorenzo Licalzi habe ich mal wieder ein Buch aus dem unerschöpflichen Netgalley-Universum gelesen :-).

    Was macht ein grantelnder Schriftsteller, dem viele Menschen „auf den Sack gehen“ an seinem 80. Geburtstag? Er bringt sich um. Bzw. versucht er es :-) Er wird nämlich von seinem Freitod abgehalten, weil er sich plötzlich um seinen Enkel kümmern muss. Wie es dazu kommt, sollte jeder selbst lesen.

    Was dem alten Mann zunächst überhaupt nicht zusagt, nämlich mit seinem Enkel und dessen Hund Sid von Genua nach Rom zu reisen (noch dazu in seinem uralten Citroen), entwickelt sich zusehends zu einem ganz besonderen Roadtrip, denn er trifft unterwegs nicht nur alte Weggefährten und Freunde, die ihm „die Leviten“ lesen, sondern macht auch neue Bekanntschaften. Durch die Konfrontation mit seiner eigenen Vergangenheit fallen ihm mehr und mehr „Fehler“ in der Behandlung seiner Freunde, seiner Familie und sich selbst gegenüber auf. Die Reise ist sozusagen eine Reise zu sich selbst und Pietro Rinaldi wandelt sich zusehends.

    Das letzte Kapitel ist aus der Sicht seines Enkels Diego geschrieben, in dem man rückblickend noch einiges aus der Zeit erfährt, die er mit seinem Großvater verlebt hat.

    Der Anfang des Buches ist etwas ermüdend, da man sich erst mal an den Schreibstil gewöhnen muss. Der ist recht „italienisch“ (sprich: schnell und hektisch) gehalten. Man stellt sich den Ich-Erzähler inmitten einer italienischen Großfamilie vor und alle reden durcheinander. Nach und nach weicht diese Stimmung aber eher dem „dahingleiten“ in einem Cabrio durch die italienische Sonne und Landschaften und der Leser fühlt sich zusehends wohler in der Geschichte.

    Es gibt humorvolle Stellen, Absätze zum Nachdenken und ein paar melancholische Ausführungen. Das alles macht „Signor Rinaldi kratzt die Kurve“ zu einem durchaus lesenswerten, aber nicht zwingendem Buch.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 16. Apr 2019 

    Das Leben ist schön!

    Pietro Rinaldi hat genug vom Leben. Akribisch plant der 80-jährige seinen Selbstmord. Doch unerwartete wie tragische Umstände veranlassen ihn, sich plötzlich um seinen Enkelsohn Diego kümmern zu müssen. Der alte Mann und der Teenager begeben sich auf eine Reise, die beider Leben verändern wird.
    Signor Rinaldi kratzt die Kurve ist trotz seines traurigen Hintergrundes ein absolut amüsantes Buch. Pietro, der ehemals gefeierte Schriftsteller ist nach dem Tod seiner Frau ein mürrischer Zyniker geworden. Zu der Familie hält er nur sporadisch Kontakt. Scharfsinnig und –züngig kommentiert er die Welt in all ihrer Trivialität. Wie er darüber nachdenkt, auf welche Art er sich am besten umbringen könnte hat einen ziemlich morbiden Charme. Überhaupt kann man sich dem ruppigen Senior kaum entziehen. Hinter seiner rauen abweisenden Schale befindet sich jedoch ein weicher Kern, den sein Enkel (und dessen riesiger tölpeliger Hund Sid) zu knacken weiß
    Das Leben (und auch das Sterben) geht manchmal seine eigenen seltsamen Wege. In einer Woche im September hatte der alte Mann die Absicht gehabt zu sterben und wieder ins Leben zurückgefunden. Von Verlust, Abschied und Neubeginn, vom Wiederfinden der Freude am Leben, von all dem erzählt der italienische Autor Lorenzo Licalzi mit trockenem Humor und gleichzeitig voller Wärme und hinterlässt den Leser mit einem wohltuenden Gefühl.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 23. Aug 2018 

    Kurve kratzen

    Der alte und zynisch gewordene Schriftsteller Pietro hat eben sein Abschiedsbrief beendet, alle Vorbereitungen für seinen Selbstmord sind getroffen, die ersten 3 Tabletten bereits mit einem Glas Prosecco hinabgespült, als seine Tochter Roberta vor der Tür steht. Sie muss mit ihrem Mann zur Beisetzung der Schwiegermutter nach Paris fahren und bittet ihren Vater, Haus, Hund und den 15jährigen Enkel Diego zu hüten. Was für eine Zumutung für Pietro, der sich nach dem Tod seiner Frau immer mehr zum Misanthropen entwickelt hat und kaum weiß, wann er mit seinem Enkel die letzten Sätze gewechselt hat.
    Doch Roberta und ihr Mann kommen nicht mehr zurück. Sie wurden auf der Autobahn in einen tödlichen Unfall verwickelt und als Pietro wieder klar denken kann, beschließt er seinen Enkel zu einem Onkel zu bringen. Der war zwar mit seinem Bruder seit Jahrzehnten verstritten, aber er ist bereit, den verwaisten Jungen zu sich zu nehmen. Doch auf der Fahrt geschieht etwas, mit dem niemand gerechnet hätte…..
    Was für ein kleiner, besonderer Roman. Der Zynismus und die rabenschwarze Ironie des Alten haben mich tatsächlich amüsiert und dennoch spürt man hinter jedem Satz seine Einsamkeit. Die Verbitterung hat sich ja nur langsam in sein Leben geschlichen. Die Zwiegespräche mit seinem Enkel lassen ihn erkennen, was er mit seiner Ablehnung versäumt hat. Jede Minute mit ihm öffnet seine Verschlossenheit. Es ist ein Road Trip der besonderen Art, der einen Weg in Zukunft zeigen könnte.
    Es ist eine warmherzige, sehr emotionale Geschichte, die mich einige Male zu Tränen rührte, aber immer reißt mich Pietro mit einer spitzen Bemerkung aus der traurigen Stimmung. Abschiednehmen, Neubeginn – das sind die Themen und ich fand, der Autor hat dafür eine sehr schöne Sprache gefunden. Lebendig erzählt, so dass ich das Gefühl hatte, ich sitze selbst mit am Tisch und lausche Pietros Geschichte. Auch wenn mich der Roman ein wenig wehmütig zurück ließ, es ist ein wunderschönes Buch, das mich sicher noch länger begleiten wird.