Sie kam aus Mariupol

Buchseite und Rezensionen zu 'Sie kam aus Mariupol' von Natascha Wodin
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5 von 5 (1 Bewertungen)

"Wenn du gesehen hättest, was ich gesehen habe" - Natascha Wodins Mutter sagte diesen Satz immer wieder und nahm doch, was sie meinte, mit ins Grab. Da war die Tochter zehn und wusste nicht viel mehr, als dass sie zu einer Art Menschenunrat gehörte, zu irgendeinem Kehricht, der vom Krieg übriggeblieben war. Wieso lebten sie in einem der Lager für "Displaced Persons", woher kam die Mutter, und was hatte sie erlebt? Erst Jahrzehnte später öffnet sich die Blackbox ihrer Herkunft, erst ein bisschen, dann immer mehr. "Sie kam aus Mariupol" ist das außergewöhnliche Buch einer Spurensuche. Natascha Wodin geht dem Leben ihrer ukrainischen Mutter nach, die aus der Hafenstadt Mariupol stammte und mit ihrem Mann 1943 als "Ostarbeiterin" nach Deutschland verschleppt wurde. Sie erzählt beklemmend, ja bestürzend intensiv vom Anhängsel des Holocaust, einer Fußnote der Geschichte: der Zwangsarbeit im Dritten Reich. Ihre Mutter, die als junges Mädchen den Untergang ihrer Adelsfamilie im stalinistischen Terror miterlebte, bevor sie mit ungewissem Ziel ein deutsches Schiff bestieg, tritt wie durch ein spätes Wunder aus der Anonymität heraus, bekommt ein Gesicht, das unvergesslich ist. "Meine arme, kleine, verrückt gewordene Mutter", kann Natascha Wodin nun zärtlich sagen, und auch für uns Leser wird begreifbar, was verlorenging. Dass es dieses bewegende, dunkel-leuchtende Zeugnis eines Schicksals gibt, das für Millionen anderer steht, ist ein literarisches Ereignis.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:368
Verlag: Rowohlt
EAN:9783498073893

Rezensionen zu "Sie kam aus Mariupol"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 12. Jan 2019 

    Romanhafte Ahnenforschung

    Ein Leben lang hat Natascha ihre Familiengeschichte du Herkunft möglichst weit von sich geschoben und sich von ihr weitgehend losgesagt.
    Aber dann kommt ein Moment in den 90er Jahren, in dem sie folgenschwer eine kleine Anfrage im Internet stellt. Und mit diesem kleinen Moment führt sie uns fulminant in ihren Roman „Sie kam aus Mariupol“ hinein:
    „Dass ich den Namen meiner Mutter in die Suchmaschine des russischen Internets eintippte, war nicht viel mehr als eine Spielerei.“
    Und damit beginnt mit einem der besten ersten Sätze, die mir jemals untergekommen sind, eine historische Spurensuche, die Natascha und mit ihr die Leser manchmal faszinieren, manchmal schockieren, nie aber unberührt bleiben lassen wird.
    Vollkommen unerwartet erhält Natascha auf ihre Internetanfrage ein Ergebnis und bald auch einen Ansprechpartner: Konstantin, der irgendwo im Norden Russlands sitzt und sich in seiner Freizeit zur Aufgabe gemacht hat, genealogische Spurensuchen durch die für so lange Zeit vollkommen verschlossenen sowjetischen Archive und Geschichtsbücher zu betreiben. Fortan entwickelt sich ein intensiver Austausch zwischen Konstantin und Natascha und erstaunliche Funde werden gemacht und helfen dazu, die Vergangenheit von Nataschas Eltern puzzleartig zu entwickeln und eine Geschichte zum Leben zu erwecken, die eine Unzahl von Abgründen der Geschichte, die durch die Ukraine und über sie hinweg gerollt ist, aufdeckt. Das Buch stellt dies in verschiedenen Stadien dar:
    1. Das Auffinden von Dokumenten über Nataschas Ahnen
    2. Das Auffinden von Personen, die entfernte Verwandte von Natascha sind
    3. Die Geschichte, die das Lebenstagebuch von Lidia Ivanschtschenko, einer Tante Nataschas, erzählt
    4. Rekonstruktion der Geschichte von Vater und Mutter anhand weniger geschichtlicher Fakten
    5. Die Familiengeschichte aus den Kindheitserinnerungen von Natascha.
    In diesen 5 Schritten wird eine Familiengeschichte erzählt, die nicht nur ungemein packend erzählt ist, sondern die mir als Leserin auch immer wieder ein ungemeines Staunen über die möglichen Abgründe und Unglücke, die eine Familie treffen kann, eingegeben hat. Was ich als Leserin da erfahren habe, hat mich wirklich ungemein berührt, ein ungemein hohes Maß an Leid, dass diese Familie in einem unglücklichen Landstrich erfahren musste, habe ich erlesen dürfen. Dabei gleitet der Schreibstil aber nie ins Depressive/Negative ab, sondern spiegelt die angespannte Neugier gegenüber der eigenen Familiengeschichte wieder. Ich habe so mit „Sie kam aus Mariupol“ ein selten erlebtes intensives Leseerlebnis gehabt, das mich noch sehr lange bewegt halten wird.
    Was ist das für eine Familiengeschichte?:
    Natascha wächst als Kind von staatenlosen Ausländern in Deutschland in abgetrennten Siedlungen auf, in denen die nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland verbliebenen Ostarbeiter – aus den zeitweise eroberten Ostgebieten verschleppte Zwangsarbeiter, die während des Krieges die ausgefallenen Arbeitskräfte deutscher Männer zu ersetzen hatten. Nach dem Krieg konnte eine ganze Reihe von ihnen zwar die Arbeitslager verlassen, in denen sie bis dahin eingesperrt waren, um Arbeiten zu verrichten, die sie angesichts ihrer Härte, der nicht ausreichenden Nahrungsmittelversorgung und der zum Himmel schreienden hygienischen Bedingungen dahinvegetierten. Die Rückkehr in die Heimat aber ist nach Kriegsende sehr vielen von ihnen versperrt, denn zu Hause in der Sowjetunion würde sie wegen angeblicher Kollaboration mit dem Feind (Zwangsarbeit) Lagerhaft im stalinistischen System erwarten. Eine Alternative, der diese Zwangsarbeiter dann doch den Verbleib im Feindesland, in dem sie über Jahre hinweg drangsaliert wurden, vorziehen. Diese Menschen werden nach dem Krieg in Siedlungen untergebracht, die sie als Außenseiter brandmarkt und eine Integration in die deutsche Nachkriegsgesellschaft verhindern soll. Als Opfer des Dritten Reiches gelten sie nun Russen, als Vertreter des Feindes und werden ausgegrenzt und diskriminiert. Natascha lernt so schon als Kind ihre Rolle als Ausgestoßene in ihrem Anderssein kennen und wünscht sich dabei nichts mehr, als dazugehören zu können. Das aber ist mit der Adresse in den „Häusern“ mit einem Vater, der Alkoholiker und gewalttätig ist, und einer Mutter, die sich in depressive Passivität und schließlich in den Suizid flüchtet, eine reine Illusion. Deshalb ist ihr vollkommenes Desinteresse an der Familiengeschichte und an der Vergangenheit ihrer Eltern auch durchaus verständlich.
    Das Interesse bricht dann aber im Alter doch auf und sie begibt sich mit ihrer Internetanfrage als Initialisierung auf die Spurensuche.
    Dabei findet sie eine Geschichte, die sie in die ukrainische Stadt Mariupol am Ufer des Asowschen Meeres führt. Dort lebt im 19. Jhdt. eine bunte Gesellschaft, zusammengewürfelt aus vielen Teilen Europas. Die Mutter entstammt einer reichen italienischstämmigen Familie. Der Vater hat Ahnen aus dem deutschbaltischen Adel. Der ukrainische Bürgerkrieg in den 1920er Jahren beutelt die gesamten Gesellschaftsschichten mit Hunger und Gewalt, der Sieg und der Einmarsch der Sowjets haben insbesondere für Familien mit Besitz und adliger Herkunft verheerende Auswirkungen. Nataschas Vater lebt lange in Lagerhaft und auch eine Schwester gerät in die Fänge des Stalinregimes und kommt in ein Lager im nordisch eisigen Karelien. Nach den Sowjets fallen dann die Deutschen in den 1940er Jahren über die Stadt her und nehmen sie ein. Nataschas Mutter verliert ihre Arbeit als Lehrerin als die Schule geschlossen wird und arbeitet ab diesem Zeitpunkt aus purer Not und mangels irgendwelcher Alternativen, die das Überleben ermöglichen könnten, an gleicher Stelle für die Deutschen im „Arbeitsamt“, in dem Ukrainer unter Vorspiegelung falscher, mehr als beschönigender Tatsachen für Arbeiten im Deutschen Reich angeworben werden. Als dann die Sowjets die Deutschen zurückdrängen, bleibt Nataschas Mutter nichts als die Flucht, denn mit dieser Arbeit für die Deutschen konnte sie auf keinen Fall auf Stalins Milde bauen, sondern mit dessen harter Strafe (erschossen oder in sibirischer Lagerhaft). Die Flucht führt sie zunächst nach Odessa mit einer kurzen Zeit des Durchatmens, dann aber rücken die Sowjets näher und sie verpflichtet sich zur Fremdarbeit in Deutschland und wird dorthin abtransportiert. In Deutschland arbeitet sie alsdann in einer Leipziger Rüstungsfabrik, untergebracht unter wenig menschenwürdigen Bedingungen, bis das Kriegsende diese Phase des Lebens beendet. Aber, wie oben angesprochen: an Rückkehr ist nicht zu denken und jegliche Pläne, nach Amerika auswandern zu können, zerschlagen sich mit der Zeit. In die deutsche Gesellschaft jedenfalls können sie sich nie integrieren und werden auch ganz bewusst aus dieser separiert. Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter zählten lange zu den "vergessenen Opfern des Nationalsozialismus“, also zu den Opfergruppen, die vom deutschen Entschädigungsrecht nicht berücksichtigt wurden. Die DDR lehnte aufgrund ihres Selbstverständnisses als antifaschistische Neugründung darüber hinaus sowieso jegliche Entschädigung für ausländische NS-Opfer ab. Eine mehr als klägliche Wiedergutmachung für die Ostarbeiter gab es erst in den 1990er Jahren.
    Natascha erkennt bei ihrer Recherchearbeit im Alter dann auch, dass eine literarische Stimme dieser Opfergruppe des Nationalsozialismus sich nie erhoben hat und so ist dieses Buch von ihr, das sie selbst in den Mittelpunkt der Geschichte stellt und ihre eigene, ganz persönliche Geschichte aufarbeitet eine Arbeit zur Schließung dieser gewichtigen Lücke.
    Mich hat das Buch und das erzählte Schicksal vollkommen gepackt und gefangen gehalten. LESEN! Ist meine absolute 5 Sterne-Empfehlung.