Siddhartha. Eine indische Dichtung

Rezensionen zu "Siddhartha. Eine indische Dichtung"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 19. Okt 2019 

    Im Fluss des Lebens

    Wie rezensiert man nur ein Buch wie »Siddhartha«? Über ein Buch, das so voller Weisheit und zutiefst spirituell ist, zu schreiben und die dabei entstandenen Emotionen in Worte zu fassen, scheint nicht so leicht. Dennoch versuche ich es hiermit.

    Siddhartha ist ein junger Mann, als er beschließt, seine Eltern zu verlassen und ein asketisch lebender Wald-Samana zu werden. Ungewiss, wohin diese Entscheidung ihn führen mag, startet er in sein neues Leben.
    Und das ist der Beginn einer (überaus spirituellen) Reise, die viele Jahre später damit endet, dass Siddhartha "Vollendung" erfährt.

    ~ Schön war die Welt, wenn man sie so betrachtete, so ohne Suchen, so einfach, so kinderhaft. Schön war Mond und Gestirn, schön war Bach und Ufer, Wald und Fels, Ziege und Goldkäfer, Blume und Schmetterling. Schön und lieblich war es, so durch die Welt zu gehen, so kindlich, so erwacht, so dem Nahen aufgetan, so ohne Misstrauen. ~
    (S. 41)

    Soviel zum Inhalt. Dies ist mein erstes Buch von Hesse und ich weiß daher nicht, ob auch andere Werke von ihm in dieser wundervoll ruhigen, harmonischen Art geschrieben sind. Ein wenig hat mich die Schreibweise an Bibeltexte erinnert, was ich gar nicht als negativ bewerte, sondern eher als gewöhnungsbedürftig. Mit seinen 121 Seiten wäre das Buch natürlich schnell gelesen gewesen, aber da Siddharthas Reise, seine Erkenntnisse und Entscheidungen so nachdenklich und still machen, hetzt man selbstverständlich nicht durch dieses Buch, sondern hält oft inne, lässt alles auf sich wirken und denkt über Siddharthas Gedanken und Aussagen nach. Da mein Partner das Buch kurz vor mir gelesen hat und ebenfalls großartig fand, gab es an manchen Abenden dazu dann noch regen Austausch.

    Auch, wenn man mit Spiritualität nicht viel anfangen kann, »Siddhartha« berührt ganz tief, »Siddhartha« macht ruhig und gelassen. Es hat in mir ebenfalls das Verlangen nach dieser Glückseligkeit, die Siddhartha erfahren hat, ausgelöst. In einer anderen Welt, in einer anderen Zeit, möchte man auch gerne den Weg Siddharthas gehen und Zugang zu ewiger Glückseligkeit finden. Diesen Wunsch, diesen Drang, konnte ich nicht von mir schieben. »Siddhartha« zu lesen, gewährt mir Zugang zu all dem Verschütteten, nicht Beachteten, das im Alltagsleben untergeht. Alles ist eins! - Diese Aussage zu verstehen, ganz tief zu verstehen, lässt einen - zumindest eine Weile - die Welt und all die Menschen mit anderen Augen wahrnehmen. Mit einem liebevolleren Auge.

    ~ »Sieh, mein Govinda, dies ist einer meiner Gedanken, die ich gefunden habe: Weisheit ist nicht mitteilbar. Weisheit, welche ein Weiser mitzuteilen versucht, klingt immer wie Narrheit.« ~
    (S. 113)

    Siddhartha ist nicht einfach nur eine sympathische Buchfigur. Siddhartha ist viel mehr ein Idol, eine Sehnsucht, etwas, das man sich auch für sich selbst wünscht ...

    Dieses wundervolle Buch sollte/kann man von Zeit zu Zeit nochmal lesen, weil man dabei immer wieder Neues entdecken, verstehen und verinnerlichen kann. Ich denke, dass es gerade für Menschen in schwierigen/belastenden Lebenssituationen eine große Bereicherung sein kann.