Seinetwegen: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Seinetwegen: Roman' von Zora del Buono
4.2
4.2 von 5 (5 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Seinetwegen: Roman"

Zora del Buono war acht Monate alt, als ihr Vater 1963 bei einem Autounfall starb. Der tote Vater war die große Leerstelle der Familie. Wie kann jemand, der fehlt, ein Leben dennoch prägen? Die Tochter macht sich auf die Suche und fragt, was der Unfall bedeutet hat: für die, die mit einem Verlust weiterleben, für den, der mit einer Schuld weiterlebt. Seinetwegen erzählt Zeitgeschichte als Familiengeschichte – detailgetreu, raffiniert komponiert, so präzise wie poetisch. Wie kann jemand der fehlt, ein Leben dennoch prägen? Der viel zu frühe Unfalltod eines Vaters – und was er für das Leben der Tochter bedeutet hat Das neue Buch von Zora del Buono nach dem Bestseller „Die Marschallin“ Zeitgeschichte als Familiengeschichte erzählt Roman einer Recherche: Detailgenau, raffiniert komponiert, so präzise wie poetisch

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:204
Verlag: C.H.Beck
EAN:9783406822407

Rezensionen zu "Seinetwegen: Roman"

  1. Wie ein Recherchekrimi

    Von der Autorin Zora del Buono hatte ich mir vor einiger Zeit als erstrebenswerte Lektüre ihren Roman „Big Sue“ aus dem Jahr 2010 notiert. Habe aber Big Sue noch gar nicht gelesen. Jedenfalls hatte ich den Namen dieser Autorin im Gedächtnis, so dass mir ihr neuer Roman „Seinetwegen“ ins Auge fiel. Von Anfang an war mir schon klar, dass es sich hier um diverse Skizzen, Nachforschungen, Zeitungsausschnitte und eben verschiedenes Recherchematerial handelt, weniger um einen Roman. Das macht aber nichts, denn spannend und vor allem unvorhersehbar sind diese Aufzeichnungen allemal. Man lernt auch allerhand über die Schweiz und das Leben der Einwohner.

    Es geht also um einen Autounfall mit tödlichem Ausgang. Der Vater der Autorin starb vor sechzig Jahren, als sie noch ein Baby war. Bei der Mutter wurde darüber nie gesprochen. Den Onkel, der den VW-Käfer fuhr, traf keine Schuld. Ein Überholer eines Pferdefuhrwerks hat den Unfall verursacht. Und die Autorin möchte nun genau wissen, was damals passiert ist und was „der Töter“ für ein Mensch ist oder war.

    Was mich besonders aufgeregt hat: Es muss uns klar sein, dass der Krake „Datenschutz“ nicht etwa dazu da ist, unsere Daten zu schützen. Nein, die werden schon von der Behörde „Einwohnermeldeamt“ verkauft. Dieser Krake ist eindeutig dazu da, uns das Leben schwer zu machen und z. B. private Nachforschungen zu behindern. Das Volk hat gewiss nichts davon. Die Autorin hatte auch nichts davon, im Gegenteil, wurde sie doch von einer Behörde an die nächste verwiesen. Das ist also in der gelobten Schweiz auch nicht anders als bei uns.

    Seite 84 dazu, Zitat: „In Reichenburg wohnen zwei Traxlers (Anm. von mir, der Töter des Vaters hieß Traxler), aus Datenschutzgründen gibt das Statistische Amt weder Geschlecht noch Vornamen an. Im Telefonbuch findet sich keiner von ihnen. Reichenburg liegt sieben Kilometer vom Unfallort entfernt.“

    Zum Cover: trifft sehr gut das Thema. Sechzig Jahre zuvor könnte dies der verunfallte Vater, der Fahrzeugführer oder ein Herr der Zeit sein. Die alten Fotos von meinem Vater sehen sehr ähnlich aus. Der Blick auf die Kurve hat es in sich. Oder ist er der Geist des jung Verstorbenen?

    Der Text birgt viele Überraschungen und viele Wendungen, die sich u. a. notgedrungen ergeben. Interessant sind auch die Gespräche: „IM KAFFEEHAUS 1-9“ mit zunächst drei, später vier Teilnehmern, die sich nach dem Markt treffen. Darunter unsere Autorin. Solche Strukturen mit zwar festen, aber sich ergebenden Themen würde ich mir für so manche dahinlabernde Gesprächsrunde wünschen.

    Fazit: Die Wege der Autorin durch dieses Recherchelabyrinth sind durchweg informativ und abwechslungsreich, gut nachzuvollziehen. Der Leser kommt gut mit und das Buch liest sich fesselnd. Vier verdiente Sterne.

  1. Spurensuche

    Mein Lese-Eindruck:

    Mich hat Zora del Buonos Roman sehr beeindruckt.

    Die Autorin wächst vaterlos auf und empfindet sich deshalb ihr Leben lang als anders. Sie stellt ihre „Deformationen“, wie sie es nennt, dem Leser vor, z. B. ihr Problem mit festen Zweierbeziehungen und ihre Verlustängste. Der große Schmerz der Mutter und ihr Schweigen hatten das Kind Zora für ihr Leben traumatisiert. Zum Zeitpunkt des Erzählens ist Zora del Buono 60 Jahre alt, sie ist beruflich erfolgreich und betrachtet ihr Leben insgesamt als gelungen – und nun will sie die Leerstelle füllen, die ihr Vater hinterlassen hat. Sie will aber nicht das kurze Leben ihres Vaters nachzeichnen, sondern sie will seinen „Töter“ finden, von dem sie zunächst nur die Initialen hat: E.T. Also reist sie an die Orte ihrer Kindheit und begibt sich auf Spurensuche.

    Ihre Erzählung ist durchsetzt mit Exkursen z. B. zur Lokal- und Sozialgeschichte der 70er Jahre wie etwa der Situation der italienischen Gastarbeiter, die sie als Tochter eines Italieners anders wahrnimmt als ihre damaligen Freunde. Irritiert erlebt sie, dass sie jetzt selber auf dem Land zur Fremden geworden ist, der die Menschen mit Vorbehalten gegenübertreten. Dennoch fügt sich aus ihren Erinnerungen, aus Archivmaterial, aus Briefen, aus Gerichtsprotokollen, assoziativen Episoden und Reflexionen ein immer dichter werdendes Bild der Zeit zusammen.

    Wichtig sind die Treffen mit Freunden im Kaffeehaus, die sie zur Recherche ermuntern und ihr aber auch zeigen, dass ihr Schicksal nicht einzigartig ist. Die Gesprächsnotizen strukturieren die Erzählung und geben ihr einen zusätzlichen inneren roten Faden.

    Besonders gut gefallen haben mir die Überlegungen der Autorin zur eventuellen Homosexualität des E.T. Ist sie ihm in Berlin vielleicht begegnet? Floh er vor der restriktiven Moral der Schweiz nach Berlin, ist sie ihm vielleicht auf den ausschweifenden Festen dort begegnet? Auch die Entdeckung, dass er, wie sie, ein großer Hundefreund ist, macht das Phantom E. T. greifbarer und menschlicher.

    Das alles erzählt die Autorin in immer ruhigen Ton, sprachlich ausgefeilt, aber ohne manieriert zu wirken, immer sachlich, ohne ins Rührselige abzurutschen.

    Ein lesenswerter Roman, der aufzeigt, wie sehr der frühe Verlust eines Elternteils das Leben des Kindes prägen kann.

    4,5/5*

  1. Spurensuche

    Mit ihrer Mutter hat sie nicht über ihren Vater gesprochen, zu groß war die Angst vor dem schmerzlichen Blick. Sie selbst war zu klein, als ein Mann, in den VW-Käfer ihres Patenonkels knallte, der ihren Vater auf dem Beifahrersitz kutschierte. Vater war nicht gleich tot, er lag in der Klinik im Koma, bis sie die Maschinen abstellten, auf Geheiß ihrer Mutter.

    Manchmal macht Zora sich darüber Gedanken, warum sie diese Verlustängste hat, vor allem in Beziehungen, die ihr gut tun. Die Erkenntnisse aus solchen Fragen teilt sie mit der Psychiaterin Isadora und ihrem guten Freund Henri, bei einem Kaffee in der Stammkneipe. Später als sich Panfi dazugesellt sagt er, dass es im Knast mehr Tote als Lebendige gibt. Sie sitzen auf Schultern, ziehen an Haaren, sprechen mit ihren Mördern. Im Knast kann man sich schlecht ablenken oder dem Suff verfallen.
    Die anderen ermuntern sie der Spur des „Töters“ ( sie weiß nicht, wie sie ihn sonst nennen soll) zu folgen. Während sie ersten Hinweisen nachgeht rutscht sie tiefer ins Erinnern. Wie sie in den Ferien bei ihren italienischen Großeltern war, die in einer Villa lebten. Die Großmutter Zora, nach ihr ist sie benannt, trug das Zepter und scheuchte die Hausmädchen herum. Bei ihr Zuhause in der Schweiz waren ihr auf dem Schulweg, Arbeiter begegnet, mit pechschwarzen Haaren und vielen dunklen Haaren auf den Armen und Schultern. Sie lebten in einem Bauwagen und die Jungs in der Schule riefen sie Tschings, das Schimpfwort für die zugereisten Italiener, die den Schweizern die Jobs und die Frauen wegnahmen.

    So einer war auch ihr Vater, aber der studierte Medizin an der Fakultät, dort lernte er ihre Mutter, die Röntgenassistentin kennen.

    Der Vater sei aus dem Auto geflogen, erfährt sie später aus Berichten, sei zwischen Koffern und Decken zum Liegen gekommen. Da wird er für Zora zum ersten Mal körperlich, nimmt Gestalt an, was muss er gedacht haben?

    Fazit: Zora del Buono begibt sich auf Spurensuche. Sie versucht über Erinnerungen und Nachforschung ihren Vater wieder auferstehen zu lassen, bis sie die Hintergründe seines Todes und den Charakter seines „Töters“ durchleuchtet hat. Dann erst kann sie ihren Vater erneut sterben lassen und seinen Verlust verarbeiten. Ich mag die Gedankengänge der Protagonistin, die alle nachvollziehbar sind. Die Erzählungen über die Schweizer und deren Umgang mit den „Gastarbeitern“. Es wird nachvollziehbar wie Fremdenfeindlichkeit entsteht, geschürt wird und auf Heute adaptierbar ist. Die Autorin konnte mich mit ihrer ruhigen, gefassten Erzähltechnik nicht so abholen, ich bin mir aber sicher, dass es Geschmackssache ist. Deshalb mag ich meinen persönlichen ganz und gar subjektiven Leseeindruck nicht so sehr in meine Bewertung einfließen lassen.

  1. 4
    09. Jun 2024 

    Wie gehen Schuldige mit ihrer Schuld um?

    Zora del Buono verlor mit acht Monaten ihren erst 33 Jahre alten Vater durch einen Autounfall. Der Vater Manfredi del Buono war damals schon ein angesehener Arzt in Zürich, dem eine große Karriere bevorstand. Die junge Witwe kam nie über den Verlust hinweg, hat nicht noch einmal geheiratet. Sie wollte nicht einmal über den Vater sprechen. Die Tochter vermied das Thema. Zu qualvoll war es für sie, den Schmerz ihrer Mutter zu sehen. Zora hat sich schon als junges Mädchen Freunde gesucht, die ebenfalls vaterlos aufwuchsen. Auch später trifft sie häufig Menschen, die ähnliche Verluste erlitten hatten. Ihr ganzes Leben lang fragt sie sich, wie wohl das Leben des damals erst 28jährigen Unfallverursachers Ernst Traxler, genannt E.T. ausgesehen hat, vor allem, wie er mit seiner Schuld umging. Als sie 60 ist und ihre Mutter dement und in einer Einrichtung untergebracht, beginnt sie zu recherchieren und folgt Traxlers Spuren. Sie trifft bei ihren Reisen Menschen, die ihn kannten und ihr von seinem Leben erzählen. So erfährt sie, dass der Unfall auch Traxlers Leben nachhaltig beeinflusst hat. Die Autorin folgt nicht nur seinen Spuren, sondern beschäftigt sich mit Statistiken über die Opfer – seien es Menschen oder Tiere - von Autounfällen und anderen Katastrophen, mit Rassismus gegenüber Italienern in der Schweiz, der Hinrichtung von Hexen in der Vergangenheit und mit allen Arten von Ungerechtigkeiten der Rechtsprechung und liest schließlich auch die Gerichtsakten zu dem Fall. Am Ende wirkt sie von ihrer obsessiven Beschäftigung mit der "Leerstelle“ in ihrem Leben und dem Leben des “Töters“ befreit und kann ihr Leben normal weiterleben.
    Mir hat diese autofiktionale Erzählung gefallen, wenn auch nicht so gut wie “Die Marschallin“, eine weitere Familiengeschichte, die sich mit den Großeltern väterlicherseits beschäftigt. Zora del Buono ist auf jeden Fall eine Autorin, die ich im Auge behalten werde.

  1. zum Nachdenken

    Die Autorin ist sechzig geworden, vor ihr liegen der Lebensabschnitt des Alterns und der Tod, der schon früh in ihrem Leben eine Rolle gespielt hat.
    Ihr Vater starb durch einen Autounfall, als sie gerade ein paar Monate alt war.
    Sie kannte ihn nicht und doch war die Tatsache eines toten Vaters und eines vaterlosen Kindes immer in ihrem Leben präsent.
    Ihr wurde früh bewusst, dass das Schicksal plötzlich zuschlagen kann, dass der Tod an jeder Ecke lauert, dass sich von einer Sekunde auf die andere alles radikal ändern kann. Nie kann man sicher sein.
    Eine schreckliche Erfahrung und Gewissheit, die das Leben und Denken prägt.
    Die Autorin ist aus ihrem anderen Leben, dass sich in Berlin und sonstwo auf der Welt abgespielt hat zurückgekehrt in ihre Heimat, zur Mutter, in die Schweiz.
    In wöchentlicher Kaffehausrunde reden sie und ihre Freunde über alles, über das Leben und den Tod.
    Immer wieder plagt sie die Frage, wie ihr Leben verlaufen wäre, wäre der Vater nicht getötet worden und die Frage nach dem Anderen, dem Unfallverursacher, dem Töter, hat er sein Leben lustig und in Freuden einfach so weitergelebt, wer ist er überhaupt.
    Sie will sich nach so langer Zeit auf die Suche nach ihm machen, "Rede mit ihm, schließlich hat er tief in dein Leben eingegriffen", so bestärken sie ihre Freunde in ihrem Vorhaben.