Sehr blaue Augen

Buchseite und Rezensionen zu 'Sehr blaue Augen' von Toni Morrison
4.75
4.8 von 5 (11 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Sehr blaue Augen"

Das Romandebüt der Nobelpreisträgerin Toni Morrison in neuer, zeitgemäßer Übersetzung und mit einem Vorwort von Alice Hasters. Morrison erzählt vom Aufwachsen in einer Welt, die von Ein- und Ausgrenzungen geprägt ist. Zwei kleine Mädchen, die gemeinsam in der Kleinstadt Lorain, Ohio, aufwachsen: Claudia hasst blonde Puppen, zerstört sie sogar. Ihre Freundin Pecola sehnt sich nach nichts so sehr wie nach blondem Haar und blauen Augen. Sie will schön sein wie der Kinderstar Shirley Temple. Dieser Traum ist ihr einziger Ausweg aus der gewaltvollen Welt, in der sie aufwächst. Doch in diesem Herbst 1941 in der Kleinstadt Lorain in Ohio wird Pecolas Wunsch nicht in Erfüllung gehen, ihr Leben wird sich auf andere, auf schmerzhafte Weise verändern. Sehr blaue Augen ist eine kraftvolle Auseinandersetzung mit den verheerenden Auswirkungen von Rassismus, Klassismus und Sexismus.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:256
EAN:9783498003678

Rezensionen zu "Sehr blaue Augen"

  1. 5
    03. Nov 2023 

    Gegen Rassismus und Sexismus

    Toni Morrisons Debütroman „Sehr blaue Augen", den die Literaturnobelpreisträgerin im Jahr 1970 veröffentlicht hat, erzählt eine eindringliche Geschichte über ein kleines Mädchen und ihren unerreichbaren Traum.
    Die 8-jährige Pecola Breedlove zieht im Herbst 1941 zu einer Pflegefamilie in Lorrain, Ohio.
    Sie kommt aus armen und zerrütteten Verhältnissen, das Leben hat es bisher nicht gut mit ihr gemeint.
    Die beiden Schwestern der Pflegefamilie, Claudia und Frieda, die in etwa im gleichen Alter wie Pecola sind, nehmen sie unter ihre Fittiche. Pecola ist Schwarz und wünscht sich, eine Andere zu sein – ein Mädchen mit blonden Haaren und blauen Augen. Im Laufe des Jahres wird sich Pecolas Leben verändern, doch nicht so, wie sie es sich erhofft hat.
    In „Sehr blaue Augen" wird die Handlung von den unterschiedlichsten Charakteren aus dem Umfeld von Pecola bestritten, allen voran Ich- Erzählerin Claudia, welche eine der beiden Schwestern der Pflegefamilie ist. Obwohl Pecola der Hauptcharakter in diesem Roman ist, hat sie nur einen geringen Anteil an der Handlung. Sie bewegt sich durch das Geschehen, und der Leser betrachtet sie dabei aus der Distanz. Toni Morrison konzentriert sich auf die Nebencharaktere, erzählt deren persönliche Geschichten und Anknüpfungspunkte zu Pecola. Das kleine Mädchen wird dadurch zum Spielball innerhalb der Handlung, die der Willkür der Anderen ausgeliefert ist.
    Ich-Erzählerin Claudia und Pecola sind unterschiedlich wie Tag und Nacht. Während Pecola schüchtern und ängstlich durch das Leben geht, ist Claudia ein Kind, das selbstbewusst ist und sich zu wehren weiß. Beide sind Schwarz. Doch im Gegensatz zu Pecola empfindet Claudia ihre Hautfarbe nicht als Makel.
    Der Alltag in Lorrain unterliegt dem Gesetz des Stärkeren. Stärker sind diejenigen, die gesellschaftlich angesehener sind, die das richtige Geschlecht haben, die erwachsen sind, die die richtige Hautfarbe haben. Um in einer derartigen Gesellschaft bestehen zu können, bedarf es eines starken Willens und Selbstbewusstsein. Eigenschaften, die Claudia mit sich bringt, von denen Pecula jedoch weit entfernt ist.

    „Sehr blaue Augen" hat mich von Anfang an begeistert, wozu die sehr intensive und sehr eindringliche Sprache von Toni Morrison beigetragen hat. Unfassbar, zu welchen Sprachbildern Mrs. Morrison fähig war, und welche Stimmungen über die Sprache vermittelt werden. Diese Intensität habe ich in dieser Form bisher selten erlebt.

    Toni Morrison war eine Ikone im Kampf gegen Rassismus. Daher liegt es nahe, diesen Roman unter diesem Gesichtspunkt zu lesen. Ich denke jedoch, dass diese Lesart dem Roman nicht gerecht wird. Tatsächlich ist „Sehr blaue Augen" komplexer zu betrachten, da die Autorin unterschiedliche Aspekte aufzeigt, von denen manche ihren Ursprung im Rassismus haben mögen, doch Ausmaße entwickeln, die für mich auf andere Bereiche übertragbar sind. Ich lese über Menschenverachtung und über die Diskriminierung von Frauen im Besonderen. Ich lese über die Macht von Schönheitsidealen. Ich lese über eine selbstverständliche Dominanz von Männern gegenüber Frauen. Ich lese über Gewalttätigkeit gegenüber Frauen. Das sind Themen, die nicht auf Schwarze beschränkt sind, sondern unabhängig von Hautfarbe, Nationalität, Gesellschaftsform etc. auftreten.
    Diese Allgemeingültigkeit des Romans, die sich über Hautfarben, Nationalitäten, Gesellschaftsschranken hinwegsetzt, macht für mich die eigentliche Stärke dieses Romans aus.

    Fazit
    Ein eindringlicher Roman, der sich mit Rassimus und Sexismus auseinandersetzt. Toni Morrisons Sprachstil ist dabei zum Niederknien. Ich glaube, ich habe eine neue Lieblingsautorin gefunden. Schade, dass sie nicht mehr unter uns weilt.

    © Renie

  1. Sollte man LiteraturnobelpreisträgerInnen lesen?

    _ wenn sie Toni Morrison heißen, ganz unbedingt!

    1970 erschien "Sehr blaue Augen" , der Debutroman der US-amerikanischen Autorin Toni Morrison. Morrison widmete ihr Lebenswerk dem Kampf gegen Rassismus, von dem sie selbst auch betroffen war. Ihr unermüdlicher Einsatz wurde 1993 mit dem Literaturnobelpreis belohnt. Morrison war die erste schwarze Frau, die diese Preisauszeichnung erhielt. Wie ich finde völlig zurecht, denn die Lektüre des Romans "Sehr blaue Augen" zeigt, dass Morrison ihrer Zeit weit voraus war. Selbst heute hat sich noch nicht überall die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Verinnerlichung des Rassismus, insbesondere die Übernahme auf Andersartigkeit beruhender Abwertungen verheerende Konsequenzen nach sich zieht. Dafür steht im Roman die 11 jährige Pecola, die sich sehnlichst blaue Augen wünscht, im Glauben, die ihr Leben bestimmenden Demütigungen hätten dann ein Ende.

    Sie steht im Mittelpunkt des Romans. Sie ist ein schwarzhäutiges junges Mädchen, für die die Orientierung am 'weißen' Schönheitsideal wie für viele andere Mädchen ihrer Herkunft, mit der Hoffnung auf Anerkennung und Wertschätzung verbunden ist. Einmal so schön sein wie die berühmte Shirley Temple - das ist ihr großer Traum. Hätte sie doch blaue Augen, denkt Pecola, wäre ihr Leben ein Anderes, ein Besseres. Ihre Lebensrealität ist von Gewalt und Demütigungen geprägt - selbst in ihrer eigenen Familie. Als sie in eine andere Familie aufgenommen wird, kümmern sich die Kinder um sie. Claudia insbesondere kämpft gegen die Privilegierung weißer an, sinnbildlich dafür steht ihre zerstörte weiße Puppe. Doch was nutzt das Aufbegehren eines Kindes schon in einer Gesellschaft, die durch und durch von der Orientierung an 'weißen' Werten und Idealen durchzogen ist? Morrison zeigt eindrucksvoll anhand des Schicksals von Pecola, welch verheerende Konsequenzen es hat, wenn Rassifizierung und damit verbundene Abwertungen ins eigene Selbstbild übernommen werden.

    Die Lektüre hat mich einerseits sehr begeistert. Begeistert aufgrund Morrisons brillianter Sprache und deren besonderem Ton, der für die Übersetzung eine Herausforderung gewesen sein muss. Begeistert auch aufgrund der Message, die bis heute leider zu wenig im allgemeinen Bewusstsein privilegierter Menschen angekommen ist: Rassismus ist schlimm und abzulehnen. Aber viel schlimmer ist die Verinnerlichung all der demütigungen und Abwertungen im eigenen Selbst. Die Konsequenzen sind verheerend. In der Literatur wird dies zunehmend erkannt, doch in Fachdiskursen setzt sich diese Erkenntnis noch viel zu zögerlich durch. Insofern denke ich, war "Sehr blaue Augen" damals ein sehr bahnbrechendes Werk. Leider ist dessen Thematik immer noch hochaktuell. Und weil dem so ist, empfehle ich die Lektüre dieses Meisterwerkes dringend weiter: Unbedingt lesen!

  1. Zeitlos

    Toni Morrison verfasste ihren Roman "Sehr blaue Augen" bereits vor mehr als 50 Jahren. Eigentlich sollten alle Menschen seitdem verstanden haben, dass Rassismus unangebracht ist, es menschenverachtend ist jemanden wegen seiner Hautfarbe zu diskriminieren. Leider ist der Roman noch genauso wichtig wie vor 50 Jahren.

    Pecola wünscht sich blaue Augen, wie der Kinderstar Shirley Temple sie hatte. Schwarz zu sein, bedeutet einen Makel zu haben. Gesund ist dieser Wunsch für ein Kind nicht, wenn es dann obendrein aus einer Familie kommt, in der Gewalt angewandt wird, kann man sich denken wohin dies führt.
    Durch die Handlung führt das schwarze Mädchen Claudia, sie lebt mit ihrer Schwester Frieda in einem halbwegs stabilen Umfeld. So stabil, dass Pecola zu ihnen kommt, weil ihr in ihrer eigenen Familie etwas schlimmes angetan wurde.
    Am Beispiel dieser drei Kinder durchleuchtet Toni Morrison das Umfeld der Mädchen. Deckt auf, dass sie gar kein Selbstwertgefühl aufbauen können, da ihnen immer und überall Vorurteile begegnen.
    Auch die Eltern haben es schwer, denn auch sie leiden unter diesen Zuständen, haben oftmals einen schlechter bezahlten Job als weiße Männer, was dann zu einem nie enden wollenden Teufelskreis führt.
    Die Autorin beschreibt sehr eindrücklich wie Pecola sich in sich selbst zurückzieht.
    Sie macht deutlich, dass schwarz nicht gleich schwarz ist. Auch unter den Farbigen hat der es am schwersten, der den dunkelsten Hautton vorzuweisen hat.
    Sie wusste damals schon, dass sich etwas ändern muss, wollte mit ihrem Buch die Menschen wachrütteln. Ich hoffe, das die Neuauflage viele Menschen erreicht und zum Umdenken bewegen kann.
    Ein Klassiker, der nicht nur wichtig sondern auch zeitlos ist!

  1. Was ist Schönheit?

    Was ist Schönheit?

    „Sehr blaue Augen", das Debütwerk von Toni Morrison aus dem Jahr 1970, hat aus verschiedenen Gründen - bedauerlicherweise - nichts an Aktualität eingebüßt. Die Definition von Schönheit und ihr Einfluss auf unsere Selbstwahrnehmung sowie unser Selbstbewusstsein sind nach wie vor von hoher Relevanz. Ebenso prägen sie, wie wir unser Leben gestalten und wie wir von der Außenwelt wahrgenommen und behandelt werden. Diese Aspekte sind heute zwar sicherlich offener diskutiert, aber noch lange nicht zufriedenstellend gelöst. Wie erwehrt man sich der Verinnerlichung von Minderwertigkeit, die von außen auf einen projiziert wird?

    Verständlich und notwendig also, dass dieser Roman nun erneut in einer Übersetzung von Tanja Handels erscheint. Die Ausgabe enthält ein Vorwort der Autorin aus dem Jahr 2008 sowie ein Nachwort von Alice Hasters.

    Im Zentrum des Romans steht Pecola Breedlove, ein Kind, weiblich, dunkelhäutig, aus einer sozial schwachen Familien - also eine Person, wie sie hilfloser nicht sein könnte. Sie glaubt, dass sie all ihre Probleme lösen kann, wenn sie nur blaue Augen hat, wie ihr Idol Shirley Temple. Pecola wird jedoch vor allem als passives Opfer der Umstände dargestellt. Stattdessen tritt meist ihre Klassenkameradin Claudia in den Vordergrund. Zusammen mit ihrer Schwester Frieda wächst auch sie in Ohio in den 1940er-Jahren nach der Depression auf. Im Gegensatz zu Pecola sind Claudia und ihre Schwester aber aufmüpfig, wehrhaft und mutig. Sie kommen zudem aus einer einigermaßen intakten Familie.

    Im Verlauf der Handlung werden die Lebensumstände verschiedener Personen aus Pecolas Umgebung vorgestellt. Alle haben Gründe für ihr oft unmenschliches Verhalten, ein Aspekt, der Morrison offenbar wichtig war, was sie jedoch nicht von Schuld freispricht. Für Pecola zeichnet sich von Anfang an ein düsteres Schicksal ab.

    Auch sprachlich ist der Roman bemerkenswert. Die Autorin nutzt teilweise ungewöhnliche, poetische sprachliche Bilder und Metaphern, um – wie Morrison selbst im Vorwort erläutert – eine authentische Schwarze Sprache zu finden, die den dargestellten Schmerz mildern soll. Dieser besonderen Sprache in einer Übersetzung gerecht zu werden, war sicherlich eine große Herausforderung für Tanja Handels. Manchem mag der Schreibstil als zu kontrastreich erscheinen: streckenweise zu pathetisch, die Bilder nicht mühelos nachvollziehbar, und dann wieder zu sachlich angesichts der Drastik der Handlung. Unzweifelhaft trägt er dazu bei, die Umstände und Emotionen darzustellen, die nur schwer in Worte zu fassen sind.

    Die unheilvolle Verkettung von Rassismus, Sexismus und Klassismus sowie deren Auswirkungen auf die Selbstwahrnehmung, das ist wohl das zentrale Thema dieses Romans. Gleichzeitig unterstreicht er die Notwendigkeit, dass Schönheit, unabhängig von der betroffenen Minderheit, beständig öffentlich proklamiert werden muss, um die Projektionen von außen, die Minderwertigkeit zu einer inneren Überzeugung hat werden lassen, abzuschütteln.

    Ein Roman von erschütternder Relevanz!

  1. 5
    09. Okt 2023 

    Lesenswertes Debut einer großen Autorin

    1993 wurde Toni Morrison als erste Afroamerikanerin mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Die Schwedische Akademie lobte damals ihre Sprache und ihre "visionäre Kraft". Durch ihre Darstellung des Lebens der Afroamerikaner habe sie dieser Gemeinschaft "Stück für Stück ihre Geschichte zurückgegeben". Heute zählt ihr Werk unbestritten zum Kanon der Weltliteratur.
    Nun ist im Rowohlt Verlag eine Neuübersetzung ihres aus dem Jahr 1970 stammenden Debuts „ Sehr blaue Augen“ erschienen.
    „ Sehr blaue Augen“ sind der sehnlichste Wunsch der 11jährigen Pecola . Denn dann wäre sie in den Augen der anderen nicht mehr ein hässliches, sehr schwarzes Mädchen, sondern hübsch und liebenswert. Doch dieser Wunsch ließe sich nur durch ein Wunder realisieren .
    Pecola lebt Anfang der 1940er Jahre mit ihrer Familie in einer Stadt in Ohio. Es ist ein Leben voller Armut und Gewalt. Auch in der Schule ist Pecola eine Außenseiterin, wird gehänselt und gedemütigt. Sie ist selbst überzeugt von ihrer Hässlichkeit und Minderwertigkeit und somit das ideale Opfer.
    Als Gegenfiguren hat die Autorin ihr zwei Schwestern zur Seite gestellt, die neunjährige Claudia und die zwei Jahre ältere Frieda. Sie kümmern sich um Pecola. Die Beiden wachsen zwar auch in Armut auf, aber sie erfahren Rückhalt und Unterstützung von ihren Eltern. Claudia, die in einigen Kapiteln als Ich- Erzählerin auftritt, ist ein zorniges und rebellisches Mädchen, nicht voller Scham wie Pecola. Im Gegensatz zu anderen Mädchen mag Claudia ihre weiße Babypuppe überhaupt nicht. Um hinter das Geheimnis ihrer vermeintlichen Schönheit zu kommen, zerstört sie diese. Damit stellt sie das allgegenwärtige weiße Schönheitsideal in Frage. Ein Schönheitsideal, das sich die Schwarzen selbst zu eigen gemacht haben, in dem sie hellere Haut und weniger krause Haare als erstrebenswerter ansahen und versuchten, diesem Ideal mit diversen Möglichkeiten näher zu kommen.
    Wie sehr die jahrhundertelange Unterdrückung und die Erfahrungen von Rassismus sich in das Selbstbild der Schwarzen eingegraben haben, zeigt Toni Morrison eindrucksvoll anhand verschiedener Figuren in diesem Buch.
    Die weiße Gesellschaft gibt vor, wer schön, achtenswert und liebenswert ist. Es finden sich keine positiven Identifikationsfiguren für Schwarze in der öffentlichen Wahrnehmung.
    Dies vorzuführen schafft Toni Morrison zusätzlich durch einen Kunstgriff: Den einzelnen Kapiteln vorangestellt sind Auszüge aus einer damals gängigen Lesefibel. Diese beschreiben das Leben einer typischen weißen Familie und geben so die Norm vor. Aber die vorgeführte Bilderbuchwelt hat wenig gemein mit der Realität der Schwarzen Familien im Roman.
    Wir lesen hier nicht nur vom Alltag der drei Mädchen, sondern auch vom familiären Hintergrund. Nur so lässt sich erklären, warum Pecolas Mutter keine mütterlichen Gefühle für ihre Tochter entwickeln kann und das weiße Kind ihrer Arbeitgeberfamilie bevorzugt, und wie es dazu kommen konnte, dass Pecola vom eigenen Vater geschwängert wird.
    Toni Morrison entschuldigt nicht das Versagen der Eltern, sondern zeigt auf, dass auch sie Opfer des allgegenwärtigen Rassismus sind. Wem immer wieder die eigene Minderwertigkeit vorgeführt wird, verinnerlicht das irgendwann. Und da man sich nicht gegen den eigentlichen Verursacher wehren kann, richtet sich die Wut und der Zorn gegen sich selbst oder gegen Schwächere. Frauen und Kinder stehen am Ende dieser Kette. So heißt es über drei alte Schwarze Frauen: „Alle Welt war in der Position, sie herumzukommandieren. Weiße Frauen sagten: Mach dies. Weiße Kinder sagten: Gib mir das. Weiße Männer sagten: Komm her. Schwarze Männer sagten: Leg dich hin. Nur von zwei Sorten Mensch brauchten sie sich nichts befehlen lassen: von Schwarzen Kindern und voneinander.“
    Nicht ohne Grund hat Toni Morrison das schwächste Glied in der Kette ins Zentrum ihrer Geschichte gestellt: ein schwarzes Mädchen.
    Pecola geht daran zugrunde, dass sie internalisiert hat, wie sie von anderen gesehen wird. Sie hat keinerlei Selbstwertgefühl und somit auch keine eigene Stimme im Roman.
    Toni Morrison wechselt öfter die Erzählperspektiven, von der Ich- Perspektive zu personaler und auktorialer Erzählweise; in Rückblicken erfahren wir von der Vorgeschichte einzelner Figuren. So ergibt sich ein umfassendes Bild Schwarzen Lebens in dieser Zeit. Außerdem gewinnen die Charaktere an Tiefe und ihre Verhaltensweisen werden verständlicher.
    Es braucht auch keine Weißen im Roman, um den Rassismus vorzuführen. Er ist allgegenwärtig; er bedingt den Alltag, die Lebensbedingungen und das Selbstbildnis.
    Die fragmentarische Struktur hat Toni Morrison bewusst gewählt, um den Leser nicht nur innerlich zu berühren, sondern zu einer Reflexion seiner eigenen Position zu zwingen. Doch ist sie, wie sie im Vorwort schreibt, von der Wirksamkeit ihrer Erzählstruktur nicht mehr überzeugt.
    Sprachlich wechselt der Roman zwischen Slang und Alltagssprache und Sätzen voller Poesie wie „ Zwischen den Gegenständen lebten keine Erinnerungen.“ oder „ Jedes Familienmitglied eingesperrt in die Zelle des eigenen Bewusstseins.“
    Die hoch komplexe Erzählstruktur und der stark verdichtete Text machen den Roman aber auch zu einer anspruchsvollen, fordernden Lektüre.
    Die Geschichte kann kein gutes Ende nehmen. Denn so wie hier der Boden für die Ringelblumen, die Claudia und Frieda ausgesät haben, noch feindlich und schädlich ist und die Blumen nicht wachsen können, so ist die ( amerikanische) Gesellschaft noch nicht bereit für eine wirkliche Veränderung.
    Der Roman hat leider „ bis heute nicht an Relevanz verloren“, wie Alice Hasters in ihrem lesenswerten Nachwort schreibt.
    Deshalb lohnt sich die Lektüre von Toni Morrisons Debut„ Sehr blaue Augen“ nach wie vor. (Wie auch die anderer Werke von dieser großen Schriftstellerin. )

  1. Selbsthass als Folge von Rassismus

    Was geschieht Anfang der 1940er-Jahre mit schwarzen Mädchen in Lorain, Ohio, dem Geburtsort der Autorin Toni Morrison, wenn Shirley Temples blonde Locken und blaue Augen als ultimatives Schönheitsideal gelten? Wenn die Bonbonverpackung ein ebensolches Kind ziert, sie beim Einkaufen übersehen werden und die Lehrerin hellere Kinder bevorzugt? Wenn die eigene Mutter sie für hässlich hält, während sie die Kinder ihrer weißen Arbeitgeberfamilien vergöttert? Wenn sie zu Weihnachten blonde, blauäugige Babypuppen bekommen?

    Claudia, Frieda, Pecola
    Ins Zentrum ihres Debütromans "Sehr blaue Augen", erstmals 1970 als "The Bluest Eye" erschienen und 2023 in deutscher Neuübersetzung von Tanja Handels im Verlag Rowohlt wieder aufgelegt, stellt die 1993 als erste schwarze Frau mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete Toni Morrison drei Mädchen. Jede leidet auf ihre Art unter dem Trauma ihrer vermeintlichen Hässlichkeit. Claudia Mac Teer, die temperamentvolle Neunjährige und Ich-Erzählerin der ein Jahr umfassenden Rahmenhandlung, entzieht sich dem allgemeinen Zauber, zerstört die verhassten Puppen und würde in ihrer Wut am liebsten dasselbe mit weißen Mädchen tun. Ihre um ein Jahr ältere, besonnenere Schwester Frieda verehrt zwar Shirley Temple, kommt aber dank ihres Elternhauses besser zurecht als die elfjährige Pecola Breedlove, die aus weit ärmlicheren, liebloseren Verhältnissen stammt und in einem heruntergekommenen Ladenlokal ein freudloses, einsames Dasein fristet:

    "Sie wohnten dort, weil sie arm und Schwarz waren, und sie blieben dort, weil sie sich für hässlich hielten. Ihre Armut war althergebracht und lähmend, aber keineswegs einzigartig. Ihre Hässlichkeit hingegen schon. Niemand hätte sie davon überzeugen können, dass sie nicht auf schonungslose und aggressive Weise hässlich waren." (S. 58)

    Für die permanent gedemütigte Pecola, die im Laufe des Romans – wie man sofort erfährt – von ihrem eigenen Vater ein Baby bekommt, wird der Wunsch nach blauen Augen zur Obsession:

    "Schon vor geraumer Zeit war Pecola zu dem Schluss gekommen, wenn nur ihre Augen anders wären, […], genauer gesagt: schön, dann wäre auch sie selbst ganz anders. […] Jeden Abend, ausnahmslos, betete sie um blaue Augen." (S. 67/68)

    Unterschiedliche Zeitebenen und Erzählperspektiven
    In die Rahmenhandlung eingeschoben sind Einblicke in Lebensläufe von Erwachsenen, rechtlosen schwarzen Frauen und Männer, die erlebte Ohnmacht in Gewalt gegen ihre Frauen und Kinder ummünzen.

    Der schwarzen Lebenswirklichkeit stellt Toni Morrison kurze Textschnipsel aus einer US-Fibel über die Bilderbuchwelt einer weißen Mittelschichtfamilie gegenüber.

    Ein Roman mit Erkenntnisgewinn
    Nicht „bequeme Ausflucht ins Mitleid“ (S. 11) wollte Toni Morrison laut ihrem Vorwort von 2008 auslösen, sondern die schwarze Leserschaft „zu einer Reflexion ihrer eigenen Rolle"  (S. 11) zwingen. Im ebenso exzellenten Nachwort schildert die afrodeutsche Autorin Alice Hasters, wie das bei ihr gelang, als ihr die Mutter mit 13 Jahren den Roman gab:

    "Das Buch setzte meiner Sehnsucht, weißer auszusehen, etwas entgegen. So blieb es bei einem heimlichen Wunsch, den ich mit meinem Spiegelbild teilte, und wuchs nicht weiter in ein verzweifeltes Verlangen, das meinen Alltag diktierte." (S. 266)

    Obwohl ich nicht zur Haupt-Zielgruppe gehöre, hat mir dieser gar nicht plakative Roman, der zum aufmerksamen Lesen und Nachdenken zwingt, großen Erkenntnisgewinn beschert. Nicht nur als Signal gegenüber der weißen Bevölkerung, wie ich bisher dachte, sondern als Aufforderung zu schwarzem Selbstbewusstsein war der Slogan "Black is beautiful" der Bürgerrechtsbewegung ab 1966 gedacht. Die in der Neuübersetzung gewählte Großschreibung des Adjektivs "schwarz" schafft in meinen Augen allerdings neue Unterschiede anstatt Diskriminierung abzubauen. Dass aber, wie Claudia und Frieda erkennen, für manche Blumen der Boden nicht taugt und deshalb ausgetauscht oder verändert werden muss, ist die zeitlose Quintessenz dieses herausragenden modernen Klassikers.

  1. Erschütternde Relevanz

    Eigentlich kann man über „Sehr blaue Augen“ nicht mehr viel Neues sagen, der Roman ist seit seinem Erscheinen ausgiebig und einschlägig analysiert, interpretiert und kontextualisiert worden. Seine Bedeutung und Aussagekraft sind hinlänglich bekannt. Die hier nun neu vorliegende Übersetzung ist äußerst gelungen, das vorangestellte Vorwort von Toni Morrison selbst liefert ein paar zusätzliche Einsichten und Denkanstöße, die aber die Rezeption des Textes an sich nicht wesentlich verändern.

    Pecola wünscht sich sehr blaue Augen, die blauesten Augen, die man nur haben kann – für das kleine schwarze Mädchen, welches von ihrer Umgebung ausnahmslos als hässlich wahrgenommen wird, ein unerreichbarer Traum. In Pecolas Schicksal, die von ihrem Vater schwanger und von ihrer Mutter zurückgewiesen wird, aber auch in den anderen weiblichen Figuren ihres Romans bündelt Morrison die desaströsen und nachhaltig vergiftenden Auswirkungen von weißen Schönheitsidealen, gesellschaftlichen Normen, weißer Autorität, Hautfarbe, Klassenunterschieden und männlicher Dominanz und verdeutlicht so eindrücklich und nachhaltig, wer ganz unten in der Gesellschaft steht, wer keine Macht, keinen Handlungsspielraum und keine Stimme hat: schwarze Mädchen.

    Der Roman bedient sich dabei verschiedener Blickwinkel und einer gerafften, fragmentarisch anmutenden Erzählweise. So werden z.B. auch ausführlich die Hintergrundgeschichten von Nebenfiguren beleuchtet, werden die Kindheit und Jugend von Pecolas Eltern umfassend geschildert, während an anderer Stelle der Eindruck entsteht, dass wichtige Handlungsinformationen übersprungen werden.

    Sprachlich überaus stark geht der Roman in seinen Bildern und in seiner teilweise –
    gerade bei bestürzenden Szenen – ernüchternd rationalen Wortwahl an die Schmerzgrenze des Erträglichen. Gerade die Distanz schockiert mitunter, wird das, was entsetzt so doch kaum abgefedert. Was „Sehr blaue Augen“ jedoch besonders auszeichnet, ist die Tatsache, dass er sein Anliegen nicht plakativ nach außen trägt und didaktisch für den Leser aufbereitet, sondern ihn – gerade auch durch die etwas verschlüsselt anmutende Struktur – dazu bringt, seine Schlüsse hinsichtlich der relevanten Aussagen selbst zu ziehen. Auch wenn der Roman in seiner emotionalen Wirkung und seiner Darstellungsweise fordernd ist, erschließt sich sein thematisches Anliegen doch relativ leicht, auch weil Morrison immer wieder Szenen mit sehr viel Subtext und weitreichender Bedeutung einbindet, die sehr gut zu interpretieren, aber nicht zu offensichtlich, sind.

    „Sehr blaue Augen“ ist ein Klassiker, der nichts von seiner Relevanz und Stärke verloren hat – im Gegenteil.

  1. Sehnsucht nach einem anderen Leben

    "Die ganze Welt war sich einig, dass eine Puppe mit blauen Augen, blonden Haaren und rosa Haut genau das war, was jedes kleine Mädchen sich erträume." (Buchauszug)
    In der Kleinstadt Lorain in Ohio wachsen die Freundinnen Pecola und Claudia auf. Während Claudia jegliche blonden Puppen hasst und zertrümmert, sehnt sich Pecola nach blonden Haaren und den schönsten blauen Augen, die es gibt. Für sie ist dies das Schönheitsideal, das hierzulande Kinderstar Shirley Temple vermittelt. Allerdings wird der Herbst 1941 für Pecola eine ganz andere traumatische Erfahrung mit sich bringen, welches ihre Zukunft verändern wird. Mit dem Romandebüt von Toni Morrison bekommen wir einen Einblick, welche Auswirkungen Rassismus und Sexismus schon damals hatte.

    Meine Meinung:
    Ein Cover eines Mädchens ohne Augen gibt mir beim Betrachten Rätsel auf. Allerdings als ich das Buch gelesen habe, wusste ich, weshalb dieses Bild gewählt wurde. Dieser Roman ist Toni Morrisons erstes Buch, das sie im Jahre 1970 geschrieben hat. Für die Autorin selbst steht schnell fest, dass sie schwarze Literatur schreiben will, welches für ihre Hautfarbe steht und von den Problemen dieser Bevölkerung handelt. Zudem geht es dieser Geschichte insbesondere um das schon damalige Schönheitsideal, das unverkennbar blondes Haar, blaue Augen und weiße Hautfarbe hat. Zu dieser Zeit kommt auch Kinderstar Shirley Temple groß heraus, für welche die 12-jährige Pecola schwärmt. Morrisons lässt uns in zerrüttete und toxische Familien blicken, die im Gegensatz zu perfekten Familien mit liebevollen Eltern und einem schönen großen Hause stehen, das nicht alle haben werden. Besonders Pecolas Familie werden es wegen ihrer Hautfarbe nie so weit bringen, sondern müssen in ärmlichen Behausungen leben. Demzufolge sind diese Familien oft zerrüttet und wissen nicht, wie sie sich über Wasser halten können mit ihrem spärlichen Einkommen. Zusätzlich leiden sie an Unterdrückung, dessen Auswirkung auf ihr Selbstwertgefühl und natürlich auf die Familie hat. Selbsthass bis hin zu Missbrauch und Inzest wird in diesem Buch drastisch thematisiert und aufgezeigt. Deshalb leide ich mit Pecola mit, die nach einem traumatischen Ereignis einer schwierigen Zukunft entgegengeht. Die Autorin hat hier einige Passagen, die wirklich vor Poesie und Schönheit nur so strotzen. Doch dann wiederum haben mich einige Szenen verwirrt und sogar erschüttert. Auch heute noch kann man sicher vereinzelt ihr damaliges Bild von Familie noch immer unter dieser Bevölkerung sehen. Trotz allem fehlt es mir an einigen Stellen an Tiefe und Empfindungen, und es wird wegen der Kürze des Buchs einiges viel zu oberflächlich abgehandelt. Ich hätte viel lieber mehr über Pecolas Gedankenwelt erfahren. Bedrückend finde ich, dass hässlich und schwarz zu sein, heute sicher noch immer viel zu viele Menschen so sehen. Das Buch zeigt nicht nur, was schwarze Kinder in jener Zeit alles erdulden müssen, sondern obendrein die Erwachsenen. Ob man allerdings alles so detailliert aufzeigen muss, weiß ich nicht. Trotzdem sollte man dieses Buch gelesen haben und von mir gibt es 4 von 5 Sterne dafür.

  1. 5
    29. Sep 2023 

    Eindrückliches Debüt der Nobelpreisträgerin

    Aktuell erscheint im Rowohlt Verlag eine von Tanja Handels ins Deutsche überführte Neuübersetzung von Toni Morrisons Debütroman „The Bluest Eye“ aus dem Jahre 1970. Vervollständigt wird die vorliegende Ausgabe durch ein Vorwort der Autorin selbst aus dem Jahre 2008 sowie ein Nachwort der afrodeutschen Buchautorin, Journalistin und Podcasterin Alice Hasters.

    Morrison erschafft in ihrem Roman eine kleine Welt in einem Ort an den Großen Seen gelegen (also nicht den Südstaaten!) um das Jahr 1940 herum. In dieser Welt kommen eigentlich kaum weiße Menschen vor, trotzdem strotzt hier alles vor Rassismus. Denn wie wir eindrücklich nach der Lektüre von Morrisons Roman wissen: Es braucht nicht unbedingt die physische Anwesenheit von Weißen, um das Joch des Rassismus auf eine Schwarze Gemeinde wirken zu lassen.

    Die kleine Pecola Breedlove führt als Elf- bzw. Zwölfjährige ein Leben in Elend und Armut, ohne viel Liebe von ihren Eltern zu erfahren und gleichzeitig als Außenseiterin in dieser Gemeinde zu gelten. Über vier Jahreszeiten beginnend mit dem Herbst hinweg begleiten wir nun Pecola aus verschiedenen Erzählperspektiven heraus. Eine davon ist Claudia, die mit ihrer Schwester Frieda Wegbegleiterin von Pecola ist und uns bereits auf den ersten Seiten eine harte Wahrheit mitteilt, der wir uns bis zum Ende des Buches mit all seinen Ursachen und Auswirkungen annähern werden: Pecola wird ein Kind von ihrem Vater bekommen. Gleichzeitig ist Pecola diejenige, die sich mehr als alles andere wunderschöne blaue Augen wünscht. Sie gilt in der Gemeinde als hässlich, die blauen Augen, wie bei dem Kinderstar Shirley Temple, sollen Erlösung bringen. Klar ist, hier hängen die Erfahrungen der Vorfahren Pecolas mit ihrem schlimmen Schicksal ebenso zusammen wie mit ihrem Wunsch, blaue Augen zu bekommen.

    In ihrem leicht fragmentarisch aufgebauten Roman, ein Aufbau, der übrigens später die Autorin selbst gestört hat an ihrem Debüt, nähert sie sich mithilfe von vielen Deutungsebenen einem afro-feministischen Thema an. Wie wirkt sich der von den Weißen im Rahmen der Kolonisierung und des Sklavenhandels implementierte und noch Jahrhunderte bis zum heutigen Tage aufrechterhaltene Rassismus auf die betroffenen Schwarzen Menschen aus. Dabei geht sie ganz stark in die Tiefe und schlüsselt auf, wie Selbsthass auf die eigene Erscheinung genauso entsteht wie auch Colorismus. Unter Colorismus versteht man die Diskriminierung aufgrund unterschiedlich dunkler Hautnuancen, welcher innerhalb der Schwarzen Gemeinde vorhanden ist. Sehr dunkle Hautfarbe wird dabei als hässlich und damit negativ konnotiert, während hellere Hauttöne erstrebenswert erscheinen und eher präferiert werden. Gleichzeitig arbeitet die Autorin stichhaltig heraus, inwiefern die Frauen im Gegensatz zu den Männern ganz besonders diskriminiert werden.

    Dies ist eine Abwärtsspirale, die einmal in Gang gesetzt bis hinunter auf die psychologische Mikroebene schwerst Versehrte zurücklässt. Im vorliegenden Fall stellt Pecola exemplarisch diese Person dar, die der Maschinerie zum Opfer fällt und auf schlimmste Art und Weise bezahlen muss für etwas, was dieses unschuldige Kind definitiv nicht verbrochen hat.

    Wie Morrison sowohl versteckt durch viele Andeutungen, Metaphern und manchmal auch erschreckend direkte Formulierungen diesen Roman soziologisch wie auch psychologisch absolut stimmig erschafft, zeugt bereits von dem Talent und Ehrgeiz, der sie später zum Nobelpreis führen wird. Manche Formulierungen wirkten – zumindest in der aktuellen Übersetzung, wie dies im Original aussieht, kann ich nicht beurteilen – ab und an etwas sperrig. Der Einstieg in den Roman fiel mir zunächst nicht ganz leicht, aber mit zunehmender Seitenzahl entwickelte er einen massiven Sog. Es gibt so viel hier in den Zeilen und zwischen den Zeilen zu entdecken, was sicherlich mithilfe eines Austauschs mit anderen Leser:innen besser zu zutage gefördert werden kann, als in der Einzellektüre.

    Somit bekommt die Autorin für ihren meisterhaften Debütroman und der Verlag mit seiner ausführlichen Neuauflage von mir aufgerundet die volle Punktzahl. Eine wirklich dringend zu empfehlende Lektüre zum Thema Rassismus und seine Folgen bis in die Tiefen der Psyche der Betroffenen.

    4,5/5 Sterne

  1. 5
    24. Sep 2023 

    Wegweisend

    „Sehr blaue Augen“ ist der erste veröffentlichte Roman von Toni Morrison. Er spielt im industriellen Ohio der 1940er Jahre nach der Depression und erzählt die tragische Geschichte von Pecola, einem afroamerikanischen Mädchen. Pecolas Geschichte verläuft parallel zu der der Ich-Erzählerin Claudia MacTeer und deren Schwester Frieda, die zwar unter ähnlich schwierigen Umständen aufwachsen, aber dabei halbwegs intakt bleiben.

    Gleich am Anfang wird ein Geheimnis enthüllt: Pecolas Vergewaltigung und Schwängerung durch ihren Vater. Dies und die weitere Geschichte erfahren wir aus Claudias Ich-Perspektive. Ergänzt wird diese durch Biographien der anderen Charaktere, deren Verhalten oft kaum nachvollziehbar scheint – bis Morrison uns den Hintergrund nahebringt. Mich hat der psychologische Scharfsinn ihrer Analysen sehr beeindruckt. Die Tiefe und Vielschichtigkeit von Morrisons Figuren ist eine der großen Stärken dieses Romans.

    Die Sprache des Buches fand ich abwechselnd großartig und irritierend. Sehr gelungenen, geschliffenen Formulierungen und Passagen von großer Klarheit und Poesie stehen befremdliche Metaphern und Vergleiche entgegen, etwa eine Sonne, die „sich achselzuckend außer Sicht begab“, oder ein „strotzender Männergeruch.“ Brüche im Lesefluss, die zu Denkpausen führen.

    Morrison fokussiert vor allem auf das Phänomen des internalisierten Rassismus, also die Übernahme des Blickwinkels der weißen Mehrheitsgesellschaft ins eigene Denken der Afroamerikaner. Sie stellt - ein brillanter Kunstgriff – den Kapiteln Zitate aus einer Serie von Lesebüchern um die mittlerweile sprichwörtlichen Charaktere Dick und Jane voran, die sich allesamt um eine stark genormte weiße Mittelklassefamilie drehen: Weiß, blond, blauäugig, wohlhabend, vorstädtisch. Diese Erzählungen wurden durch ihre Verwendung für den Leseunterricht von Millionen von Kindern über einen Zeitraum von 40 Jahren (bis in die 80er) zu einem mächtigen Narrativ für das, was normal und wünschenswert ist und erwischten die Kinder in einer höchst empfänglichen Phase – dem Beginn der Bildungskarriere. Zusammen mit anderen kulturellen Einflüssen – Film, Werbung, Fernsehen – erschafften sie Normen, die auch die Schwarzen Amerikaner verinnerlichten: Selbstabwertung war und ist die Folge.

    Wie weit und wie tief das gehen kann, macht Pecolas Schicksal klar. Eine gesunde Identitätsbildung in den zentralen Jahren der Pubertät hat bei ihr nicht stattgefunden, und im Gegensatz zu Claudia gibt es in ihrem Leben nichts, was die schädlichen Einflüsse puffern könnte. In einer der vielen aufwühlenden Szenen fragt sie die Schwestern: „… wie kriege ich jemanden dazu, mich zu lieben?“ Denn auch Pecolas Mutter kann sie nicht lieben: Mit der sehr dunklen Tochter wird ihr täglich der Grund für ihre vermeintliche Minderwertigkeit vorgeführt.

    „Sehr blaue Augen“ wurde Ende der 1960er Jahre geschrieben, als die Bewegung „Black Is Beautiful“ entstanden ist. Diese Bewegung bekämpfte die Vorstellung, dass die natürlichen Merkmale von Schwarzen, wie Hautfarbe, Gesichtszüge und Haare, von Natur aus hässlich sind. Die „schönen“ blauen Augen, die Pecola sich wünscht, stehen für die internalisierten weißen Normen, die sie in den Wahnsinn treiben.
    Am Ende kommt Claudia zu dem resignierten Schluss: "Für manche Blumen ist dieser Boden schädlich. Manche Samen will er einfach nicht nähren, manche Früchte nicht tragen […]“. Das Einzige, das sie für Pecola tun kann, ist, ihre Geschichte zu erzählen.

    Morrison ist mit diesem Roman eine facettenreiche Darstellung der Interdependenzen von Rassismus, Sexismus und Patriarchat gelungen. Ein von Anfang bis Ende fesselnder, erschütternder Text mit hohem Verständnisgewinn.

  1. Ein moderner Klassiker

    „Wie geht das denn? Also, wie krieg ich jemanden dazu, mich zu lieben?“ (Zitat Seite 31)

    Inhalt
    Pecola Breedlove, etwa elf Jahre alt, wünscht sich blaue Augen, so wie Shirley Temple sie hat und auch das kleine Mädchen, für deren Eltern Pecolas Mutter den Haushalt führt. Hätte sie blaue Augen, davon ist Pecola überzeugt, würden die Menschen sie lieben. Im Herbst wartet nicht nur Pecola auf ein Wunder, auch die Schwestern Claudia und Frieda, Pecolas Mitschülerinnen, hoffen auf ein glückliches Zeichen, wenn die Ringelblumen, die sie angesät haben, blühen, dann würde alles gut werden. Doch in diesem Herbst 1941 blühen keine Ringelblumen und Pecolas Leben nimmt eine katastrophale Wendung.

    Thema und Genre
    In diesem Roman geht es um Rassismus, gesellschaftliche Ächtung, Klassendenken, Schönheitsideale, Ausgrenzung und patriarchale Gewalt. Es geht um Aufwachsen in einer Kindheit ohne Zuwendung und Liebe, in einer zerrütteten Familie, und die Auswirkungen dieser Erfahrungen.

    Charaktere
    Pecola Breedlove ist nicht nur Schwarz, sondern wird sogar von den ebenso Schwarzen Menschen in der Nachbarschaft als hässlich empfunden und abgelehnt. Blaue Augen sind für Pecola der Inbegriff von Schönheit und sie ist überzeugt davon, von allen geliebt zu werden, hätte sie blaue Augen. Die einzelnen Figuren dieser Geschichte definieren die Situation der Mädchen und Frauen in den 1940er Jahren.

    Erzählform und Sprache
    Dieser Roman ist in vier Abschnitte gegliedert: Herbst, Winter, Frühling, Sommer. Die Handlung setzt sich aus Geschichten aus unterschiedlichen Zeiten zusammen. So lesen wir nicht nur über Ereignisse aus dem Leben von Claudia, Frieda und Pecola, in diesen Teilen mit Claudia als Ich-Erzählerin, sondern erfahren auch die Vorgeschichten, das bisherige Leben der Eltern. Die Sprache erzählt und schildert einfühlsam, sehr präzise, und überrascht durch ungewöhnliche Vergleiche und Formulierungen. Die Geschichte beginnt mit einem Textauszug aus einem bekannten und beliebten Kinderbuchklassiker über eine glückliche, weiße Familie, Vater, Mutter, Dick und Jane, und Zitate daraus finden sich wiederholt als Überschrift zu einem Abschnitt mit einem ähnlichen Thema. Dadurch wird der große Unterschied zwischen diesen Kinderbüchern und Pecolas Realität unterstrichen. Ein Vorwort von Toni Morrison und ein Nachwort von Alice Hasters ergänzen den eigentlichen Roman.

    Fazit
    Obwohl die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison betont, ihren Roman geschrieben zu haben, um die Auswirkungen des Rassismus aufzuzeigen und die Tatsache, was es mit Menschen macht, wenn sie, wie die Schwarzen, seit Generationen als minderwertig bezeichnet werden, ist es für mich in erster Linie eine Geschichte einer Kindheit in Armut und Verwahrlosung, mit Gewalt statt Elternliebe, mit Diskriminierung und Ausgrenzung. Eine eindrückliche Geschichte, wie sie in dieser Zeit ebenso in den New Yorker Slums der Einwanderer stattfanden, und in den europäischen Armenvierteln.