Schwindende Schatten: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Schwindende Schatten: Roman' von Antonio Muñoz Molina
3.4
3.4 von 5 (5 Bewertungen)

»Zweifellos einer der herausragendsten spanischen Autoren der Gegenwart.« Die Zeit

In Lissabon, einer der schönsten Städte der Welt, kreuzen sich zwei Lebenswege: James Earl Ray, der als Attentäter von Martin Luther King Schlagzeilen machte, ist auf der Flucht vor der Polizei. Und der passionierte Spaziergänger Antonio Muñoz Molina, der zwanzig Jahre später dort an einem seiner wichtigsten Romane arbeitet, auf der Suche nach sich selbst und seinem Schreiben. Die Stadt am Atlantik wird zum Umschlagplatz von Leben, Geschichte und Literatur.

Durchzogen von der vibrierenden Atmosphäre Lissabons und klugen Reflexionen über das Schreiben, klingt »Schwindende Schatten« wie ein guter Jazzsong, wie eine Mischung aus absoluter Kontrolle und Improvisation, aus Leichtigkeit und Tiefe.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:512
EAN:9783328600138

Rezensionen zu "Schwindende Schatten: Roman"

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 17. Jun 2019 

    Faszination und Langeweile

    Am 4. April 1968 erschoss James Earl Ray den Bürgerrechtler Martin Luther King in Memphis. Rays anschließende Flucht führte ihn in die Hauptstadt Portugals, die er als Zwischenstation nutzen wollte, um sich in eine der portugiesischen afrikanischen Kolonien abzusetzen und somit unterzutauchen. Der spanische Autor Antonio Muñoz Molina verbrachte etwa 40 Jahre später den ersten von mehreren Aufenthalten in Lissabon. Inmitten der Schaffensphase seines Romans "Der Winter in Lissabon" zog es ihn ebenfalls in Portugals Hauptstadt. Hier wollte er seinen Roman unter dem Einfluss des Flairs dieser Stadt mit der richtigen Würze versehen. Dieser Besuch hat gerade mal schlappe 3 Tage gedauert.
    In seinem aktuellen Roman "Schwindende Schatten", erzählt er zum Einen James Earl Rays Geschichte, zum Anderen gewährt er einen tiefen Einblick in seine schriftstellerische Arbeit und sein Seelenleben. Ray und Molina sind also die Protagonisten dieses Romans. Sie sind sich nie begegnet und haben keine Gemeinsamkeiten - abgesehen von dem Aufenthalt in Lissabon. Was hat Molina bewogen, sich auf diese schriftstellerische Verrücktheit einzulassen? Wie passen die unterschiedlichen Themen zusammen? Ein faszinierendes Rätsel, das durch den Roman „Schwindende Schatten“ hoffentlich gelöst wird.
    Die beiden Geschichten werden parallel erzählt. Netterweise hält sich Molina an eine strikte Aufteilung seiner Kapitel: die ungeraden Kapitel behandeln sein Schriftstellerleben inkl. Schaffenskrisen. Die geraden Kapitel schildern die Flucht von Ray nach seiner verstörenden Tat. Insbesondere mit diesem Part hat mich Molina geflasht. Er lässt Ray selbst erzählen. Dabei taucht der Leser in die Gedankenwelt eines psychisch labilen Mannes. Man bekommt eine ungefähre Ahnung, was Ray dazu getrieben hat, das Attentat zu verüben. Eine schwere Kindheit, eine rassistisch geprägte Umgebung, kriminelle Veranlagung, Haftstrafen etc. etc. etc. Die Gedankenwelt des Ray ist jedoch schwer zu verstehen. Denn im Großen und Ganzen wird man das Gefühl nicht los, dass er seine eigene, leider völlig irrationale Realität geschaffen hat, in der er nach seinen eigenen moralischen Grundsätzen lebt. Er ist auf der Suche nach Anerkennung und Berühmtheit, die ihm der Mord an Martin Luther King verschaffen soll. Armer Wicht! Denn er überschätzt sich selbst, dichtet sich Fähigkeiten an, die er im Leben nicht besitzt bzw. besaß. Soviel zum interessanten Teil dieses Buches.

    Molina hat sein Schriftstellerdasein und damit verbundenen Schaffenskrisen zum Anlass genommen, aus dem Schriftsteller-Nähkästchen zu plaudern. Doch, wenn er mal wirklich geplaudert hätte! Stattdessen fühlt man sich oft gelangweilt, zumal der Autor seine ganze Energie auf die Beschreibung der Schaffensprozesse verwendet. Dabei steht ihm seine Detailverliebtheit im Weg. Denn akribisch genau seziert er die Prozesse, beschreibt sein Gefühlsleben als Schriftsteller in einer Intensität, die mir stellenweise zuviel war. Stilistische Mittel wie Endlos-Aneinanderreihungen und verschachtelte Sätze, machen das Lesen nicht einfach. Dennoch blitzt zwischendurch immer wieder das schriftstellerische Können von Molina durch. Es gab tatsächlich Sätze, die mich innehalten ließen. Molina ist nicht umsonst ein angesehener Schriftsteller in Spanien, der bereits einige wichtige Literaturpreise absahnen konnte. Insofern schwankt man bei der Lektüre dieses Romans zwischen der Faszination über die verquere Gedankenwelt eines bekannten Mörders und der Langeweile über ein Schriftstellerdasein eines bekannten Autors. Man kommt nicht umhin, zwischendurch immer wieder die Frage nach den Parallelen zwischen den beiden Handlungssträngen zu stellen. Eine Antwort wird man nicht so ohne weiteres erhalten, auch wenn man sich noch so sehr Mühe gibt.

    Mit der Zeit verwischt die strikte Unterteilung der beiden Handlungsstränge. Der Roman, der Anlass für den ersten Besuch von Molina in Lissabon war, ist mittlerweile geschrieben. Er reist jedoch später wieder dorthin, um über den Aufenthalt von Ray in Lissabon zu recherchieren und daraus eine Geschichte entstehen zu lassen.
    "Schwindende Schatten" ist ein Matrjoschka-Buch (das sind diese buntbemalten, ineinander verschachtelten russischen Holzpuppen). Damit will ich sagen: Ich habe ein Buch ("Schwindende Schatten") über ein Buch ("Ein Winter in Lissabon") gelesen. Dann habe ich ein Buch ("Schwindende Schatten") über ein Buch ("Schwindende Schatten" -Entstehung), über ein Buch (Rays Geschichte), in dem der Protagonist (Ray) ein Buch (im Gefängnis) schreibt, gelesen. Und ich bin sicher, dass ich irgendein Buch vergessen habe. Verwirrend!

    Fazit:
    Ich schwanke zwischen Langeweile und Faszination. Auf jeden Fall ist dieser Roman eine interessante Leseerfahrung und Herausforderung an den anspruchsvollen Leser.

    © Renie

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 15. Jun 2019 

    Schwindende Schatten - steigende Faszination

    Ein Autor kehrt nach Lissabon, in die Stadt zurück, in der vor Jahren seinen ersten Roman geschrieben hat. Doch noch einmal hat der Mörder von Marin Luther King, James Earl Ray, in Lissabon Zuflucht gefunden.
    In schwindende Schatten verfolgt der spanische Autor Antonio Munoz Molina ein interessantes Konzept. Einerseits setzt sich der Autor mit deinem eigenen schriftstellerischen Werdegang auseinander, anderseits rekonstruiert er eines der berühmtesten Attentate der jüngeren Zeitgeschichte. Dabei ist Lissabon Dreh- und Angelpunkt dieses Romans. Erzählt Molina zunächst in strikt getrennten Kapiteln seine Geschichte und die des Attentäters, so vermischt sich später immer wieder Zeit und Ort. Mit James Earl Ray portraitiert Molina einen ungemein schwierigen Charakter. Dabei dringt der Autor immer tiefer in Rays Lebensgeschichte ein, begibt sich an dessen Wurzeln, folgt dessen Wegen, liest die Bücher, die der Mörder gelesen hat.
    Das Buch ist nicht immer einfach zu lesen, die Erzählweise ist sehr eigenwillig, Das Narrative und Dokumentarische wechselt oft sprunghaft und doch hat mich dieses Buch ganz tief in seinen Bann gezogen. Vor allem im letzten Teil des Buches wird der Roman zu einem dringenden Appell gegen Rassismus und Ausgrenzung. Obwohl das Buch über einige Längen verfügt, vor allem was den biografischen Teil Molinas betrifft, war ich von der Geschichte eines im Grunde einsamen und fehlgeleiteten, sehr widersprüchlichen Charakters fasziniert.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 15. Jun 2019 

    Eine Stadt, zwei Lebenswege

    In Lissabon landet James Earl Ray, der Attentäter von Martin Luther King, im Frühsommer 1968 auf der Flucht vor der Polizei. Unzählige Male hat er seine Identität gewechselt, nun jedoch scheint sein Spiel sich dem Ende zu nähern. In der portugiesischen Stadt verweilt auch der Autor Antonio Muñoz Molina eine Weile. Er schreibt dort im Jahr 1987 den Roman, der für ihn den literarischen Durchbruch bedeuten wird. Dreißig Jahre später kehrt er zurück nach Lissabon und wandelt auf den Spuren von James Earl Ray.

    „Schwindende Schatten“ von Antonio Muñoz Molina ist ein Roman mit (auto-)biografischen Zügen.

    Meine Meinung:
    Der Roman besteht aus 26 Kapiteln, die wiederum aus mehreren Abschnitten bestehen. Es gibt zwei Erzählstränge: Einerseits wird aus der Sicht des Attentäters Ende der 1960er-Jahre erzählt, andererseits in der Ich-Perspektive aus der Sicht des Schriftstellers in der jüngeren Vergangenheit. Die beiden Stränge wechseln sich von Kapitel zu Kapitel ab. Diese Struktur ist reizvoll und wirkt gut durchdacht.

    Dass der Autor hervorragend mit Sprache umgehen kann, ist dem Roman mehrfach anzumerken. Gelungene Bilder und kluge Sätze, die immer wieder eingestreut sind, belegen das schriftstellerische Können. Der Autor schafft es, eine intensive Atmosphäre und Szenerie zu erzeugen. Gleichzeitig ist der Schreibstil, der von vielen Details geprägt ist, aber ziemlich ermüdend. Lange, verschachtelte Sätze mit vielen Aneinanderreihungen machen das Lesen zu einer Herausforderung und sind eine der Hauptgründe, weshalb es mir zunehmend schwerfiel, die Geschichte weiterzuverfolgen.

    Auch inhaltlich hatte ich mit dem Roman Schwierigkeiten. Dabei stehen mit James Earl Grey und dem Schriftsteller zwei interessante Persönlichkeiten im Vordergrund, die recht wenig gemeinsam haben außer dem Ort Lissabon, an dem sie zu unterschiedlichen Zeitpunkten verweilen. Am meisten fesseln konnten mich die Kapitel, die sich mit der Flucht des Attentäters beschäftigen. Interessant fand ich es auch, mehr über das künstlerische Schaffen und den Arbeitsprozess eines Schriftstellers sowie die autobiografische Komponente von Antonio Muñoz Molina zu erfahren. Insofern hat mich die Grundidee des Romans sehr neugierig gemacht. Beide Charaktere werden authentisch dargestellt und bieten viel Potenzial, das in diesem Fall leider jedoch nicht ausgeschöpft wurde.

    Schon allein aufgrund der Zahl von rund 500 Seiten wird dem Leser schnell deutlich, dass der Roman etwas Durchhaltevermögen erfordert. Dies wäre auch kein Problem, wenn sich der Inhalt einfacher erschließen würde. Für mich blieb allerdings bis zum Schluss unklar, was die Verbindung beider Erzählstränge bewirken sollte, da sie nicht ausreichend miteinander verknüpft wurden. Immer wieder verliert die Geschichte den roten Faden aus dem Blick, beschäftigt sich mit Nebensächlichkeiten und lässt einige interessante Fragen offen. Vieles bleibt somit unkonkret und oberflächlich. Bis zum Ende konnte ich daher keinen Zugang zum Gelesenen finden. Stattdessen machten sich bei mir zunehmend Langeweile und die Frage breit, was der Autor mit seinem Werk überhaupt bezwecken will. Auch das Nachwort gibt leider keinen Aufschluss über Letzteres. Das ist auch deshalb schade, weil durchaus spürbar ist, wie viel Recherche und sonstiger Aufwand in dem Roman steckt.

    Das zurückhaltende, etwas geheimnisvolle Cover passt gut zum Inhalt. Mir gefällt auch, dass sich der deutsche Titel am spanischen Original („Como la sombra que se va“) orientiert.

    Mein Fazit:
    Meinen hohen Erwartungen wurde „Schwindende Schatten“ von Antonio Muñoz Molina leider insgesamt nicht gerecht. Selbst geübten Lesern anspruchsvoller Literatur verlangt der Roman aufgrund seiner Langatmigkeit einiges ab. Wer jedoch Durchhaltevermögen beweist, wird hier und da mit einigen beeindruckenden Sätzen und Passagen überrascht.

  1. bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 08. Jun 2019 

    Von Leichtigkeit keine Spur...

    In Lissabon, einer der schönsten Städte der Welt, kreuzen sich zwei Lebenswege: James Earl Ray, der als Attentäter von Martin Luther King Schlagzeilen machte, ist auf der Flucht vor der Polizei. Und der passionierte Spaziergänger Antonio Muñoz Molina, der dreißig Jahre später dort an einem seiner wichtigsten Romane arbeitet, auf der Suche nach sich selbst und seinem Schreiben. Die Stadt am Atlantik wird zum Umschlagplatz von Leben, Geschichte und Literatur.

    Durchzogen von der vibrierenden Atmosphäre Lissabons und klugen Reflexionen über das Schreiben, klingt »Schwindende Schatten« wie ein guter Jazzsong, wie eine Mischung aus absoluter Kontrolle und Improvisation, aus Leichtigkeit und Tiefe.

    Verspricht dieser Klappentext nicht ein ganz besonderes Leseerlebnis? Zumal dieser Roman 2018 für den Man Booker International Prize nominiert war, zeitgenössische Literatur, komponiert wie ein Jazzsong - was würde mich da erwarten?

    "Ich liebte den Jazz (...) Ich liebte die Musik als solche und auch als ethisches und ästhetisches Modell für das Verfassen von Literatur, ihre Mischung aus Disziplin und Hingabe, aus virtuosem technischem Können und absoluter Kontrolle, aus gleichermaßen Improvisation und Verzückung, Leichtigkeit und Tiefe, Tempo und Verzögerung. So sollte das klingen, was ich schrieb, mit mächtigem Anfangsschub und ohne zu wissen, wohin es ging, manchmal gradlinig und andere Male auf Umwegen, auf denen ich mich zu verlaufen drohte und dann doch unerwartete Schätze fand." (S. 95)

    Es fängt schon damit an, dass es mir schwerfällt zu schildern, worum es in diesem Roman eigentlich geht. Denn hier wird nicht nur eine Geschichte erzählt, sondern wenigstens zwei verschiedene, nebeneinandergestellt, abwechselnd in getrennten Kapiteln, ohne wirklichen Bezug zueinander, lediglich die portugisische Stadt Lissabon als verbindendes Glied.

    Dort war James Earl Ray 1968 für einige Tage, Station seiner Flucht, nachdem er Martin Luther King ermordet hatte. Antonio Muñoz Molina spürt den Spuren der Vergangenheit nach, beschwört das Lissabon vergangener Tage herauf, erzählt dabei - durchaus nicht stringent und chronologisch - Begebenheiten aus dem Leben des berühmten Mörders, schält einen Charakter aus den Schatten der Vergangenheit heraus, der dennoch wenig greifbar bleibt. Blass wie sein Gesicht, bleibt auch Ray als Figur, der sich unter vielen falschen Namen versucht unsichtbar zu machen.

    Dreißig Jahre später war Antonio Muñoz Molina selbst das erste Mal in Lissabon, für drei Tage, die er exzessiv auskostete, um möglichst viele Eindrücke für seinen damaligen Roman zu sammeln. Später folgten weitere Besuche, und stets waren es diese Besuche, die ihn aus dem Alltag katapultierten und gleichzeitig ein Stück weiter zu sich hin führten, zu dem, was er wirklich sein wollte.

    "Unter seiner stillen Oberfläche bestand mein Dasein aus einer wahllosen Aneinanderreihung bruchstückhafter Leben, einem Nichtausleben frustrierter Sehnsüchte, aus verstreuten Teilen, die nicht zusammenpassten. Das meiste von dem, was ich tat, berührte mich nicht. Was ich in meinem Innern war und was mir wirklich etwas bedeutete, blieb einem Großteil der Menschen um mich herum verborgen..." (S. 42)

    Wenn ich jetzt Sätze wie dieses Zitat lese, ist die Faszination für das Schreiben des Autors wieder greifbar, die ich zwischenzeitlich durchaus verspürt habe. Molina zählt sicher nicht ohne Grund zu den wichtigsten Gegenwartsautoren Spanies, Träger vieler Auszeichnungen. Und den Sätzen des Romans ist anzumerken, wie sorgfältig an ihnen gefeilt wurde. Leider sorgten viele andere Faktoren dann dafür, dass diese Faszination bei mir zunehmend verloren ging und einer allumfassenden Langeweile Platz machte.

    Was man Molina zugute halten muss, ist seine akribische Recherche - zu allem und jedem. Jedes Detail von Interesse wurde im Vorfeld ausgiebig von ihm beleuchtet - und dann ebenso großzügig im Roman positioniert, Themen, die wie Gedankensprünge daherkommen, oftmals ohne Verbindung zur eigentlichen Erzählung, einfach weil es dem Autor gerade in den Sinn kam.

    "Der Roman entsteht aus allem, was ich weiß, aus allem, was ich nicht weiß, und aus dem Gefühl, mich voranzutasten, ohne je einen exakten erzählerischen Rahmen zu finden, weil eine Geschichte statt zu einem Schluss zur nächsten führt, immer wieder neue Verbindungen herstellt, genau wie die Synapsen unseres Gehirns es tun." (S. 500)

    Solcherlei Informationen finden sich nicht etwa im Nachwort, sondern sind Teil des Romans - nicht nur das Leben des Autors, seine Begegnungen, Erkenntnisse, Empfindungen finden hier einen Platz, sondern auch Einblicke in das Entstehen eines Romans, wie Molina ihn schreibt. Das mag für manchen Leser von Interesse sein - mich ödete diese für mich immer mehr zur Nabelschau geratende Selbstdarstellung zunehmend an.

    Bleibt die Erzählung um James Earl Ray, den mutmaßlichen Mörder Martin Luther Kings, gejagt von hunderten von FBI-Beamten. Anfangs fand ich diese Passagen durchaus interessant, doch erging sich die Schilderung der Tage in Lissabon in endlosen Wiederholungen ähnlicher Handlungen und Verhaltensweisen, wobei die Figur selbst schemenhaft bleibt, die Schilderugen oftmals unwirklich wie im Traum, die vergehende Zeit ein zähfließendes oder langsam tröpfelndes Konstrukt.

    Langeweile also hinsichtlich beider Handlungsstränge, verstärkt noch durch stilistische Mittel wie endlosen Aufzählungen oder Schachtelsatzgebilden von zig Zeilen oder gar einer ganzen (eng bedruckten) Seite. So gibt es beispielsweise zwei ganze Seiten von wahllos anmutenden Auflistungen von Werbeanzeigen der sechziger Jahre (S. 256 ff.) oder gar sechs fast absatzlose Seiten darüber, wo James Earl Ray auf seiner Flucht überall gesehen wurde, was er dabei trug, wie er aussah, welches Fahrzeug er fuhr... (ab S. 206). Füllmaterial für den Roman - das war noch das Schmeichelhafteste, was mir dazu einfiel.

    "Alle waren - das wusste er zu seiner eigenen Schande am besten - aus hinfälligem Material gemacht, aus dem Lehm und dem Staub der Erde, einer zerbrechlichen Legierung aus Gold und dem Ton des Töpfers, wie die Statue aus dem Traum des Königs Nebukadnezar, edelmütig und niederträchtig zugleich, heute Helden und am Tag darauf feige, habsüchtig oder unzüchtig, nach außen bescheiden und innerlich überheblich, von gerechtem Eifer und vom Zorn gegen Unrecht besessene Propheten, Komödianten oder Schauspieler, die eine Menge begeistern und zugleich innerlich unbeteiligt sein können, sich mit einem Seitenblick in den Spiegel vergewissern, das die beabsichtigte Geste gelungen ist, heimliche Ungläubige, nicht weil ihnen der Glaube abhandengekommen ist, sondern wegen der schieren Wiederholung der immer gleichen Worte, so wahr und so notwendig sie auch sein mochten, wegen der rhetorischen Effekte, die nie ihre Wirkung verfehlten, der tausend Mal erzählten Witze und der ganzen Routine, die die Nächsten in seiner Umgebung schon erwarten und voraussagen können, resigniert, zynisch, gelangweilt, Wort für Wort und Nacht für Nacht, manchmal gar mehrmals am Tag, wie die Helfer und Techniker, die einen Kandidaten im Wahlkampf umschwirren, ihn auf Reisen begleiten, aus nächster Nähe beobachten können und schließlich als peinliche Parodie erleben, eine fuchtelnde, von hysterischer Energie getriebene Marionette, gepudert und geschminkt für die Fernsehkameras, schweißgebadet im heißen Licht der Scheinwerfer." (S. 457 f.)

    Ein (!) Satz! Anstrengend? Eben!

    Bis zum Schluss blieb mir die Antwort darauf verwehrt, weshalb diese zwei Geschichten nebeneinander erzählt wurden. Gab der Stoff um den Mörder Martin Luther Kings alleine nicht genug her für einen Roman? Fürchtete der Autor, dass der autobiografische Anteil keine ausreichende Leserschaft finden würde?

    Für mich war es so jedenfalls nichts Halbes und nichts Ganzes. Der Einblick in die Geschichte von James Earl Ray war durchaus interessant - hätte ich nicht die ganze Zeit das Gefühl gehabt, dass der Autor versucht, der Figur seine Idee davon aufzudrücken, wie diese sich gefühlt und was sie gedacht haben mag, und damit die Authentizität gleich wieder zu verwischen.

    Als Fazit bleibt eine bleierne Müdigkeit, eine große Erleichterung, den Roman endlich zuschlagen zu können, ein Gefühl vertaner Zeit. Das ist sehr schade, denn das schriftstellerische Können, das ich durchaus registriert habe, ging so für mich gnadenlos unter.

    © Parden

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 21. Mai 2019 

    Die Schatten von Autor und Romanheld in Lissabon

    Mit „Schwindende Schatten“ legt uns Antonio Munoz Molina einen Roman vor, in dem er vom Schaffensprozess eines Romans berichtet und gleichzeitig den geschaffenen Roman selbst vorlegt. Und das in alternierenden Kapiteln, d.h. abwechselnd beschäftigen wir uns (in den Kapiteln mit ungerader Nummerierung) mit dem quälend voranschreitenden Schaffen eines Romans inmitten eines aufreibenden bzw. ernüchternden Privatlebens aus langweiligem Job und beziehungsarmem Familienleben, während wir in den Kapiteln mit gerader Nummerierung den Attentäter von Martin Luther King auf einem Abschnitt seiner Flucht vor der polizeilichen Verfolgung – in Lissabon – begleiten. Allerdings: um welchen Flüchtenden es sich hier handelt und aus welchem Grund er flüchtet, das erfährt der Leser zunächst und für eine sehr lange Zeit dieses Romans von insgesamt gut 500 Seiten ausschließlich aus dem Klappentext, der sich bei diesem Buch deshalb einmal als schier unerlässlich darstellt.
    Die Verschachtelung im Roman wird noch dadurch potenziert, dass der Schaffensprozess nicht nur des aktuellen Romans zum Thema gemacht wird, sondern zusätzlich auch der Schaffensprozess von Molinas erstem Roman „Der Winter in Lissabon“, mit dem der spanische Schriftsteller 1987 bekannt wurde. Lissabon wird so zum verbindenden Element der Geschichten: Dort recherchiert der Schriftsteller, dort spielt der erste Roman, dorthin verschlägt es für einige Zeit James Earl Ray, den Attentäter. Und doch bleibt Lissabon während des gesamten Romans schattenhaft verschwommen und tritt dem Leser nur selten konkret vor Augen. Viel Konkretes wird überhäuft und verschüttet von der Detailverliebtheit des Autoren, den nicht vordringlich die großen Linien des Geschehens und die Sinngebung interessieren, sondern viel eher die kleinen Beobachtungen am Rande.
    „Es gibt kein in der Schlaflosigkeit wiedergefundenes Informationsteilchen, das nicht denkwürdig wäre.“
    Und so erfahren wir z.B. sehr genau, was ein Zimmermädchen zum Zeitpunkt des Schusses auf King tat und was es fallen ließ, eher denn wie King selbst getroffen wurde und starb.
    Diese Detailverliebtheit führt zu einem auf Aneinanderreihungen und Verkettungen von Einzelheiten aufgebauten Schreibstil, der den Leser auf einen langen Weg der Sinnsuche schickt. Das liest sich in erster Linie ungeordnet, sprunghaft und führt zu Ratlosigkeit. Hier ein Beispiel:
    „In ‚James Bond jagt Dr. No‘ erwacht Bond an einem Karibikstrand und erblickt von hinten eine nackte Frau, die nichts als einen Harpunenhalfter trägt. Falknerei ist die Kunst der Jagd mit abgerichteten Falken. Der Fachbegriff für das, was man gewöhnlich "Fliegende Untertassen" nennt, ist Unidentifiziertes Flug-Objekt. Er las Bücher über Yoga und Hypnose ....."

    FAZIT:
    Das klingt alles sehr kompliziert, und das ist es auch. Der Leser ist in diesem Roman sehr gefordert, will er dem Geschehen folgen und gleichzeitig die besondere Erzählform und -weise von Molina begreifen. Er wird für seine Mühe allerdings immer wieder belohnt durch die erzählerischen Perlen, die sich in Molinas Schreibstil wie in gesunden, kräftigen Austern ausbilden können.
    Dennoch muss ich am Ende sagen: Molina mit seinem besonderen Schreibstil erscheint mir eher als ein Meister für kleinere Formen. Der Zusammenhalt der Erzählstränge in diesem Roman jedenfalls ist ihm hier nach meiner Auffassung nicht wirklich gelungen. Lissabon bleibt als verbindendes Element schwach und unscharf. Und dennoch war ich bis zum letzten Kapitel interessiert in die Lektüre vertieft und mit der Frage beschäftigt, ob sich ein wirksamer Zusammenhalt dann doch noch ergibt. Deshalb vergebe ich für diesen Roman / dieses Romanexperiment 4/5 Sterne.
    Ich werde mir auf jeden Fall interessiert weitere Romane von Molina anschauen.