SCHWEIGEPFLICHT: Thriller

Rezensionen zu "SCHWEIGEPFLICHT: Thriller"

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 14. Jul 2019 

    Vielleicht zu ambitioniert

    Handlung

    Benjamin Emanuelsson, der junge Verdächtige in einem Mordfall, bei dem die Identität des Toten noch unbekannt ist, liegt im Koma und der Fall konnte daher bisher nicht vor Gericht gehen. In einem kurzen Moment der Ansprechbarkeit verlangt er Emilie Jansson als Strafverteidigerin – was sonderbar ist, weil sie mit dem Tatbestand Mord normalerweise nichts am Hut hat und als Anwältin auch noch sehr unerfahren ist.

    Wie kommt Benjamin also ausgerechnet auf sie?

    Rezension

    Eigentlich müsste Emelie Benjamins Forderung direkt ablehnen, denn ihre Kanzlei betrachtet derlei Fälle als nicht zum gewünschten Image passend. Eigentlich. Natürlich bringt sie das nicht über sich, sondern macht sich daran, sowohl im Namen ihres Arbeitgebers an anderen Fällen zu arbeiten als heimlich auch an diesem.

    Merkwürdigerweise hat Benjamin nicht nur nach ihr verlangt, sondern auch ausdrücklich darum gebeten, dass sie sich mit Najdan “Teddy” Maksumic zusammentut, der als Privatermittler für die Kanzlei arbeitet. Dem ersten Anschein nach ist Teddy ein zwielichtiger Charakter: er hat(te) Verbindungen zur jugoslawischen Mafia und hat eingesessen, nachdem er an einer Entführung beteiligt war, bei der das Opfer gefoltert wurde. Aber er hat das Ruder seines Lebens herumgerissen und will jetzt seinen Neffen Nikola davon abhalten, eine ähnliche Laufbahn einzuschlagen.

    Emelie und Teddy haben als gegensätzliches Gespann viel Potential.

    Anfangs dachte ich, Emelie würde der Star des Buches sein und Teddy ihr Sidekick, tatsächlich ist es aber schon bald umgekehrt: Teddy ist derjenige, der den Fall vorantreibt, während Emelie meines Erachtens immer blasser erscheint. Leider schöpfen die beiden ihr Potential daher nicht vollständig aus.

    Es gibt noch zahlreiche andere Charaktere, die mehr oder weniger zentral mit dem Fall zu tun haben. Unterm Strich konnte ich jedoch weder zu den Protagonisten noch zu den wichtigsten Nebencharakteren eine ausreichende Beziehung aufbauen, dass mich ihr Schicksal wirklich dauerhaft bei der Stange gehalten hätte. Die meisten davon wirkten auf mich eher schwach.

    Die schwedische Unterwelt gibt als Hintergrund eines Thrillers durchaus viel her. Kriminelle Machenschaften, Korruption, ein Justizsystem, das der organisierten Kriminalität nicht Herr werden kann…

    Jens Lapidus spricht eine Vielzahl an Themen an, mit denen er sich sicherlich bestens auskennt, da er Berufserfahrung als Strafverteidiger vorweisen kann. Die Grundidee der Geschichte ist auf jeden Fall interessant, vielschichtig und vielversprechend, und die Schilderungen der kriminellen Szene wirken authentisch.

    So weit, so gut.

    In meinen Augen verzettelt sich der Autor jedoch in allzu vielen Handlungssträngen, Hintergrundgeschichten und Motiven, so dass die Spannung für mich über lange Passagen verloren ging und der zentrale Fall etwas in Vergessenheit geriet.

    Ich habe nichts gegen dicke Wälzer, aber hier bin ich der Ansicht, dass man von den 640 Seiten einige hätte streichen können – so war für mich irgendwann die Luft raus. Da wäre weniger mehr gewesen.

    Da unser Krimilesekreis den Thriller letzten Monat gelesen und diskutiert hat, weiß ich, dass der Schreibstil sehr unterschiedliche Reaktionen hervorruft – besonders der Slang, der sich penetrant durchs ganze Buch zieht.

    Krass, Alter, voll der naize Sch***. Mein Vater ist auf f***ing Universität gegangen.
    (Kein genaues Zitat, aber so in etwa.)

    Sprechen Menschen aus diesem Umfeld in Schweden wirklich so? Falls ja, dann kann man dem Autor zumindest zugute halten, dass der Schreibstil zur Milieustudie beiträgt. Mich hat der Slang gar nicht so sehr gestört wie andere Teilnehmer der Leserunde, was aber vielleicht auch daran liegt, dass ich das Buch als Hörbuch gehört habe.

    Das Ende nach dem Ende will mich dazu animieren, den nächsten Band zu kaufen.

    Das war mein erster Gedanke, denn nach dem eigentlichen Ende wird noch mal ein richtig fieser Cliffhanger draufgesetzt. Ein Blick ins Internet zeigt: “Schweigepflicht” ist tatsächlich Band 2 einer Trilogie, da kommt also noch was. (Wenn ich das richtig sehe, wurde der erste Band bisher allerdings nicht ins Deutsche übersetzt.)

    Zum Hörbuch:

    Sprecher Thomas M. Meinhardt hat eine angenehme Stimme und tut sein Bestes, die Spannung so gut wie möglich rüber zu bringen. Obwohl er stimmlich zwischen den verschiedenen Charakteren variiert, hätte er das eventuell noch deutlicher forcieren können. Es fiel mir manchmal schwer, die Charaktere direkt richtig einzuordnen – was aber auch daran liegen könnte, dass sie schon im Roman zu wenig eigene Persönlichkeit entwickeln.

    FAZIT

    Der im Koma liegende Benjamin gilt als Hauptverdächtiger in einem Mordfall. Als er kurz ansprechbar wird, verlangt er Emilie Jansson als Verteidigerin – aber die ist buchstäblich gerade erst Anwältin geworden, arbeitet bei einer Kanzlei, die keine Mordfälle annimmt, und kann sich nicht erklären, woher Benjamin ihren Namen hat. Oder warum er ausdrücklich fordert, dass sie sich mit Najdan “Teddy” Maksumic zusammentut, der als freier Ermittler für die Kanzlei arbeitet und selber einen kriminellen Hintergrund hat.

    Kurz gesagt: das Buch hat einfach zu viele.

    Zu viele Handlungsstränge, zu viele Nebencharaktere, zu viele Hintergrundgeschichten, und zwischendurch zieht sich die daraus entstehende Masse wie Kaugummi. Um ~300 Seiten gestrafft und von allem ein bisschen weniger, und das Buch hätte großartig sein können, denn vieles ist wirklich interessant, geht aber einfach unter.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 03. Jul 2019 

    Hart und rotzig

    Gerade hat Emelie Jansson die Anwaltsprüfung bestanden, einer Karriere als aufstrebende Juristin in einer großen Wirtschaftskanzlei steht nun nichts mehr im Wege. Völlig überraschend wird sie von dem jungen Benjamin als Strafverteidigerin genannt. Er soll in einem Sommerhaus einen Mann erschossen haben, kann sich aber aufgrund einer Kopfverletzung an nichts erinnern. „Teddy, bitten Sie ihn zu verstehen“, sagt Benjamin zu Emelie bei ihrem ersten Gespräch.
    Teddy ist der Mann fürs Grobe, Ex-Knacki, Ex-Mitglied der Serbenmafia, und nun steht er im Auftrag der Anwaltskanzlei, bei der auch Emelie beschäftigt ist. Gemeinsam mit der jungen Anwältin sieht er sich bald verstrickt in einen undurchsichtigen und höchst brisanten Fall.
    Drogen, Glücksspiel, Waffenhandel, Geldwäsche, Kinderpornografie, Korruption, Gangsterkriege: Jens Lapidus lässt in seinem harten, brutalen, aber auch ziemlich langatmig überfrachteten Thriller keine kriminelle Aktivität aus. Serben, Syrer, Türken, jeder gegen jeden und dazwischen steht die kluge, aber unbedarfte Emelie. Ihr zur Seite stehen Teddy und dessen missratener Neffe Nikola. Da wird schnell einmal geschossen, etwas abgefackelt, mit Baseballschlägern bearbeitet. Die Sprache ist rotzig, es wimmelt von Bros, Scheiß, fucking, naic. Das kann man mögen, muss ich aber nicht. Mir gefielen die wenigen Szenen, in denen es um juristische Arbeit ging. Dafür aber rundherum 600 Seiten aufzuwenden, wäre nicht unbedingt nötig gewesen.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 16. Apr 2019 

    Überfrachtet

    Als in einem Ferienhaus in den Stockholmer Schären die schrecklich zugerichtete Leiche eines Mannes gefunden wird und in der nächsten Umgebung ein bewusstloser junger Mann aufgefunden wird, wird dieser sofort in Untersuchungshaft genommen. Trotz seines schlechten Zustands kann der junge Mann, Benjamin Emanuelsson, sich dahingehend äußern, dass er Emelie Jansson unbedingt als seine Verteidigerin will. Doch Emelie ist erst seit einigen Wochen Anwältin, hat einen Job bei einer der renommiertesten Kanzleien des Landes ergattert – und ist außerdem spezialisiert auf Steuer- und Wirtschaftsrecht. Von Strafsachen hat sie eigentlich keine Ahnung, dennoch fühlt sie sich Benjamin Emanuelssons Wunsch verpflichtet. Mit der Annahme des Falls widersetzt sie sich aber der ausdrücklichen Anweisung ihres Chefs und riskiert damit nicht nur ihren Job in der Kanzlei. Unterstützt wird sie von Teddy, einem Ex-Knacki, der für die Kanzlei Spezialaufträge übernimmt. Zwischen Teddy und Emelie herrscht eine merkwürdige Anziehung, der aber beide nicht nachgeben wollen. Pikant an dem Auftrag ist außerdem, dass Teddy vor Jahren den Vater von Benjamin, Mats Emanuelsson, entführt hat. Zwar geschah dies nur für einen ihm unbekannten Auftraggeber und Teddy bereut diese Tat inzwischen zutiefst. Doch Mats Emanuelsson hat sich kurze Zeit nach der Entführung durch einen Sprung von einer Fähre umgebracht. Emelie und Teddy versuchen nun, Licht in die Vergangenheit von Benjamin und seinem Vater Mats zu bringen, um so herauszufinden, wer der unbekannte Tote ist und um Benjamin verteidigen zu können. Für Teddy bedeutet dieser Fall auch die Chance einer Wiedergutmachung an der Familie Emanuelsson.
    Der Fall ist äußerst komplex, sodass man sich von Beginn an mit sehr vielen Namen und zahllosen unterschiedlichen Konflikten herumschlagen muss. Die schnellen Perspektivwechsel sorgen für Abwechslung, aber auch für Verwirrung. Stellenweise führt dies zu einer Überfrachtung der Handlung, was auch der Spannung leider abträglich ist. Dennoch packt einen der Fall. Und man leidet mit Emelie mit, die als blutige Anfängerin zwar einige Dinge unorthodox angeht, aber gerade dadurch sympathisch und erfrischend wirkt.
    Ein spannender, aber leider etwas ausufernder Thriller.

  1. 3
    (3 von 5 *)
     - 15. Apr 2019 

    Weil ich an etwas glaube.

    Jens Lapidus‘ hoch gelobter 637-seitiger Thriller „Schweigepflicht“ ist im April 2019 bei btb erschienen.
    Sie: Emelie, frisch gebackene Anwältin in einer der renommiertesten Wirtschaftskanzleien des Landes.
    Er: Teddy, Ex-Knacki auf dem Weg der Läuterung und freier Mitarbeiter in ebendieser Kanzlei
    Als auf einer Schäreninsel ein grausam zugerichteter Leichnam gefunden und daraufhin der bewusstlose Benjamin Emanuelsson des Mordes verdächtigt wird, engagiert dieser Emilie als seine Verteidigerin. Gemeinsam mit Teddy begibt sie sich daraufhin auf die Suche nach dem wahren Hintergrund – und stößt dabei auf einen Fall, der schon viele Jahre zurückliegt.
    Der Beginn des Buches ist etwas verwirrend, werden doch viele verschiedene Charaktere und scheinbar unzusammenhängende Handlungsstränge rasch nacheinander eingeführt, was andererseits aber auch neugierig darauf macht, diese zu durchdringen. Und tatsächlich werden im Laufe des Lesens Zusammenhänge immer ersichtlicher. Das Auffinden der Leiche gleich zu Beginn weckt ebenfalls Interesse und baut einen Spannungsbogen auf, der allerdings etwas später ziemlich rasch einbricht. Über weite Strecken des Thrillers dümpelt die Handlung eher so vor sich hin, und Rückblenden in das Leben der Protagonistin berühren die Thematik des Romans eher am Rande. Erst gegen Ende nimmt die Handlung wieder an Tempo zu und endet schließlich in einem überraschenden Finale. Der Epilog mit seinem Cliffhanger lässt eine mögliche Fortsetzung offen.
    Das Geschehen wird aus unterschiedlichen Perspektiven und auf unterschiedlichen Zeitebenen geschildert, wobei vor allem Aktennotizen den Zusammenhang zum mehrere Jahre zurückliegende Fall herstellen.
    Stil und Sprache des Autors sind flott zu lesen und durchaus vielfältig sowie der jeweiligen Perspektive angepasst, was an sich ein Pluspunkt wäre; allerdings mochte ich Wörter wie „voll krass“ und „naiß“ am Ende kaum mehr lesen. Was auf der einen Seite ein gutes sprachliches Mittel darstellt, um ein Milieu zu verdeutlichen, kann auf die Dauer recht ermüdend wirken. Insofern verstehe ich nicht so recht, was an diesem Roman „sprachlich genial“ sein soll, vor allem da sprachlich Ausgefeiltes oder Besonderes gänzlich fehlt.
    Die Charaktere sind vielschichtig und entwicklungsfähig gezeichnet, was man insbesondere Teddys und Nikolas Darstellung entnehmen kann. Dennoch wurde ich mit keinem der Charaktere wirklich „warm“, bleiben sie doch trotz allem eher distanziert. Vor allem Emelie fiel mir mit ihrer teilweise doch sehr unprofessionellen Herangehensweise immer wieder auf die Nerven.
    Der Thriller spielt vor allem im Umfeld der schwedischen Jugoslawen-Mafia, die Grundstimmung ist entsprechend eher deprimierend, ohne dass jedoch eine ansonsten in diesem Bereich anzutreffende Brutalität zum Tragen käme, was mir persönlich positiv aufgefallen ist. Anhand von Teddys Neffen Nikola werden zudem Probleme aufgezeichnet, die Jugendliche haben, wenn sie ihren Platz in der Gesellschaft suchen.
    Punkten konnte der Thriller bei mir auf jeden Fall mit der integrierten Kritik am Justizwesen, wenn Emelie am Ende sagt: „Ich will zu einem System beitragen, das alle unterstützt, (…) sich um die Menschen bemüht, die schwach und isoliert sind.“
    Lapidus präsentiert mit „Schweigepflicht“ einen Thriller, der eine durchaus lesenswerte Botschaft übermitteln will, der meiner Meinung nach jedoch aufgrund von Längen und einer teilweise doch sehr eintönigen und zu milieuhaften Sprache einiges an Spannung und Wirkung einbüßt: ein Buch, das man lesen kann – aber nicht muss.