Schuldig: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Schuldig: Roman' von Kanae Minato
4
4 von 5 (2 Bewertungen)

Gebundenes Buch
Vier Freunde, ein tragisches Unglück und die Frage nach der Schuld

Fünf Studenten aus Tokio wollen in einem abgelegenen Dorf zusammen ein paar Ferientage verbringen. Einer von ihnen, Hirosawa, kommt bei einem Autounfall auf einer kurvenreichen Bergstraße ums Leben. Drei Jahre später holt das schreckliche Ereignis die ehemaligen Studienkollegen ein. Sie erhalten anonyme Briefe, in denen sie des Mordes an ihrem Freund beschuldigt werden. Raffiniert erzählt die japanische Erfolgsautorin Kanae Minato von den zahlreichen Verkettungen, die zu dem tödlichen Unfall geführt haben, lockt den Leser gekonnt auf falsche Fährten, bis schließlich die tragische Wahrheit ans Licht kommt.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:320
EAN:9783570103678

Rezensionen zu "Schuldig: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 01. Mai 2019 

    Verantwortung und Freundschaft

    Fukase ist ein unscheinbarer Mensch, still, bescheiden und wenig selbstbewusst. Allerdings hegt er eine ganz besondere Vorliebe für Kaffee. So lernt er in einem Spezialcafé auch Mihoko kennen und lieben. Doch eines Tages erhält Mihoko einen seltsamen Brief.
    „Kazuhisa Fukase ist ein Mörder!“, steht da geschrieben. Damit konfrontiert erinnert sich Fukase an einen verhängnisvollen Wochenendausflug mit Studienkollegen vor längerer Zeit, von denen einer von ihnen, Yoshiki Hirosawa, nicht mehr lebendig zurückkehrte. Fukase macht sich auf eine Spurensuche in die Vergangenheit, um die Ereignisse von damals zu verarbeiten.
    Schuldig ist nach Geständnissen das zweite Buch von Kanae Minato, das ich gelesen habe. Der Auftakt dieses Romans ist zunächst eher schleppend. Wir erfahren zwar sehr viel über die richtige Zubereitung von Kaffee (was ich in einem japanischen Roman schon auch wieder interessant fand), aber noch nicht viel über die auftretenden Personen. Die Spannung baut sich ganz langsam und subtil auf. Immer mehr erfährt Fukase über Hirosawa, aber auch der Leser über Fukase.
    Kanae Minato wird in Japan als „Königin des Iyamisu“ gehandelt, einem Untergenre für Thriller, das sich insbesondere um die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele dreht. Meisterhaft hat sie das in Geständnisse umgesetzt. Schuldig ist viel weniger invasiv oder schockierend. Es ist nicht ein perfider Plan im Fokus, der den Tod Hirosawas rächen will. Das Buch war für mich überhaupt nicht als Krimi oder Thriller angelegt, auch wenn es einen Todesfall gegeben hat. Es widerstrebt mir, auch nach dem sehr effektiven Schlussakkord, dieses Buch als Suche nach einem Mörder zu sehen. In Schuldig erzählt die japanische Autorin über Wert und Intensität von Freundschaft, von Trauer und dem Wunsch, das Gewissen zu erleichtern. Es rührt sehr intensiv an der Sehnsucht, wahrgenommen zu werden. Wie viel gibt man in einer Freundschaft über sich preis, was behalten wir für uns. Wie gut kennt man die Menschen, die einem eigentlich nahestehen. Welche Verantwortung tragen wir uns selbst und anderen gegenüber. Welchen gesellschaftlichen Zwängen unterliegen wir. Das sind die Fragen die für mich in diesem Buch im Zentrum stehen. Und das hat Kanae Minato sehr eindrucksvoll umgesetzt.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 24. Dez 2016 

    Wenn die Suche nach dem Schuldigen zur Zerreißprobe wird.

    In »Schuldig« beschäftigt sich die Autorin mit Themen wie Vergewaltigung, selbstzerstörendem Verhalten, Selbstmord, Flucht und mit den verschiedensten persönlichen inneren Dämonen.
    Die Hauptfiguren in dieser Geschichte sind Daniel und seine Tochter Trixie, aber auch Laura (Daniels Frau und Trixies Mutter), Zephyr (beste Freundin von Trixie) und Jason (Exfreund von Trixie) nehmen einen erheblichen Teil in diesem Buch ein. Jeder dieser Protagonisten erzählt abwechselnd aus seiner Perspektive rund um das Geschehen, das dazu geführt hat, dass Trixie versucht, sich aus dem Leben zu flüchten und schlussendlich sogar Reißaus nimmt, um so weit weg wie möglich von all den Menschen in ihrem Umfeld zu kommen.

    ~ Den meisten Laien war häufig nicht klar, dass beide, ein Vergewaltigungsopfer und das Opfer eines tödlichen Autounfalls gleichermaßen unwiederbringlich verloren waren. Mit einem Unterschied: Das Vergewaltigungsopfer musste fortan so tun, als lebte es noch. ~
    (S. 100)

    Für mich war dies nun schon mein sechstes Buch von Jodi Picoult und ich habe mich, da ich das letzte Buch, das ich von der Autorin gelesen habe, nicht besonders grandios fand und deswegen voller Hoffnung war, mal wieder ein besseres Werk zu entdecken, schon sehr auf diese Lektüre gefreut. Mein Gesamteindruck hier ist sodann recht positiv ausgefallen, auf jeden Fall besser als bei »Die Wahrheit meines Vaters«.

    Aufgepeppt wird das Ganze durch eine Comicgeschichte, die Daniel gezeichnet hat und die meist jeweils am Ende eines Kapitels ein paar Seiten Platz bekommen hat. In dem Comic geht es um Duncan, einen Vater, der seine Tochter Tracy aus den Fängen des Bösen aus der Hölle befreien/retten will. Interessant daran ist, dass der Comic einen Bezug zur Geschichte im eigentlichen Buch hat, deswegen also echt gut dazu passt. Was mir an diesem Comic allerdings nicht getaugt hat, war, dass er erstens sehr dunkel und nur schwarzweiß gehalten war (ich konnte darauf nicht alles so gut erkennen bzw. auseinanderhalten) und er zweitens sehr monsterlastig, also irgendwie grausig war. Und das ist eben nicht das, was ich bevorzugt voller Freude lese oder mir gerne ansehe.

    ~ Zu sehen, wie die Menschen verletzt werden, die man liebt, war offenbar nicht die Hölle; nein, die Hölle war, es nicht mehr verhindern zu können, weil es zu spät war. ~
    (S. 186)

    Die große Frage in diesem Buch lautet: Wann ist ein Nein rechtskräftig? - Muss es verbal ausgesprochen werden, oder genügt es, wenn Mimik und Gestik ein deutliches Nein signalisieren? Hier kommt diese Frage anhand einer Vergewaltigung auf und zum Teil fand ich es wirklich schwierig, mir an Trixies Fall ein Urteil zu bilden, weil es die Autorin gut geschafft hat, mich immer mal wieder umdenken zu lassen. Gefördert wurde das zusätzlich durch die ständig wechselnden Erzählperspektiven. Es war also gar nicht so einfach, sich eine endgültige Meinung über die Schuldfrage zu bilden, da hat es schon das Ende gebraucht, um Gewissheit zu erlangen.

    Einen der Schauplätze des Buches fand ich diesmal sehr aufregend: Alaska. Daniel hat seine Vergangenheit dort verbracht und ist im jungen Erwachsenenalter aus "der weißen Hölle" geflohen, aber seine eigenen inneren Dämonen hat er leider nicht zurücklassen können. Wäre ja auch zu schön, wenn man mit einem Fortgang aus dem gewohnten Umfeld alles Negative und Belastende mit ablegen könnte ...

    ~ Wer wusste besser als Daniel, dass jeder eine Bestie in sich trägt, die manchmal aus ihrem Versteck kam? ~
    (S. 321)

    Jedenfalls leben in Alaska halt die Yupik-Eskimos und von diesen Menschen und ihrem Leben wusste ich bisher noch kaum etwas. Nun bin ich glücklicherweise um einige wissenswerte Fakten über ihr Denken und ihre Traditionen und Gewohnheiten reicher.
    (Nicht nur) deswegen hat mir das Buch sehr gut gefallen. Ich hatte (bis auf die paar Comicseiten) echt meine Freude beim Lesen. Wer sich nicht nur rein unterhalten lassen möchte, sondern auch ein wenig brisanten Input zum Nachdenken in Büchern schätzt, dem kann ich »Schuldig« wärmstens empfehlen.