Scharnow: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Scharnow: Roman' von Bela B Felsenheimer
4
4 von 5 (2 Bewertungen)

In Scharnow, einem Dorf nördlich von Berlin, ist der Hund begraben. Scheinbar. Tatsächlich wird hier gerade die Welt gewendet: Schützen liegen auf der Lauer, um die Agenten einer Universalmacht zu vernichten, mordlustige Bücher richten blutige Verheerung an, und mittendrin hat ein Pakt der Glücklichen plötzlich kein Bier mehr. Wenn sich dann ein syrischer Praktikant für ein Mangamädchen stark macht, ist auch die Liebe nicht weit.




Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:416
Verlag: Heyne Verlag
EAN:9783453271364

Rezensionen zu "Scharnow: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 07. Aug 2019 

    Großer Spaß

    Ein Buchblogger stirbt einen mysteriösen Tod, ein Hund wird erschossen, vier Männer rauben einen Supermarkt aus mit Masken aber sonst nichts an, ein Mann fliegt durch die Lüfte.
    Wer versucht Scharnow, den Roman aus der Feder von Bela B. Felsenheimer, nachzuerzählen kann scheitern, so skurril ist die Anhäufung von Absurditäten.
    Trash, Schund, Pulp Fiction, wie man es bezeichnen will kann man sich aussuchen. Eine Tour de Force zum Teil ziemlich brachialer Komik. Mich hat Bela B ja schon mit dem Prolog erwischt, denn der Tod eines Buchbloggers wird hier auf so herrlich schräge Weise herbeigeführt. So eine Medizin kann nur ein Oberarzt verabreichen. Scharnow ist eine Reminiszenz an die coolen Actionfilmstars der 80er Jahre, ein „Heimatroman mit Fantasy-Elementen“
    Scharnow, die namengebende Stadt dieses Romans, befindet sich irgendwo nördlich von Berlin im ehemaligen Osten. Dort leben Felsenheimers Protagonisten, es sind Wohlstandsverlierer, Asylwerber, Superhelden, Verschwörungstheoretiker. Wenn man das Sammelsurium der Absonderlichkeiten einmal ein bisschen von der Seite betrachtet, bekommen wir jedoch ganz klare Einblicke in die Tristesse der provinziellen Einöde.
    Vielleicht genießt Bela B ein bisschen den Promibonus als Leadsänger einer „kleinen deutschen Nachwuchsband“ (Copyright Campino). Aber so viel Schwachsinn literarisch in einen unterhaltsamen Roman zu packen, das muss man einmal zusammenbringen. Mir jedenfalls hat Scharnow großen Spaß gemacht, und dich bin mit „lustiger Literatur“ wirklich schwer zu bedienen.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 15. Mai 2019 

    Normal ist was anderes.

    Handlung? Welche Handlung? Gibt es nicht.

    Jedenfalls keine herkömmliche von A bis Z. Eher fangen wir bei M an, machen einen kurzen Abstecher zu B, verlaufen uns auf dem Weg nach C und landen bei P. Ob wir jemals bei Z ankommen, bleibt fraglich – und so mancher Leser fragt sich womöglich, ob er das überhaupt noch will.

    Während wir so unterwegs sind, begegnen wir Geheimbündnissen, Superhelden, telepathischen oder schwulen Tieren, im wahrsten Sinne des Wortes blutrünstigen Büchern – aber auch splitterfasernackten Räubern und dem ganz alltäglichen Wahnsinn, der durchaus mal in absurden Schießereien endet, die auch aus einem Film von Quentin Tarantino stammen könnten.

    Normal ist was anderes.

    Oder vielleicht sollte man sagen: Scharnow hat offensichtlich sein ganz eigenes Normalnull. Das ist sicher nicht jedermanns Sache, setzt aber auf jeden Fall neue Maßstäbe, wenn es um Originalität geht.

    Denn würde man mich nach dem größten Pluspunkt des Buches fragen, wäre dies ganz klar meine Antwort: sein unerschöpflicher Einfallsreichtum. Ich liebe es, wie sich die vielen verschiedenen Ebenen der Geschichte überlappen und gegenseitig übertrumpfen – schamlos, skurill und schrill –, und wie selbstverständlich sich die absurdesten Geschehnisse dabei als die Normalität von Scharnow etablieren.

    Das ist irre. Das ist abgedreht. Das ist geschmacklos. Das ist genial.

    Auch mit bunten Anspielungen auf diverse Filme, Comics und andere Werke der Pulp Fiction wird nicht gespart, und wenn man das alles einmal kräftig durchmischt, bekommt die Welt von Scharnow ihren ganz eigenen Groove.

    Aber eigentlich habe ich von Bela B gar nichts andres erwartet. Die Songs seiner Band, “Die Ärzte” gehörten gerade wegen der schrägen Texte (mit denen man damals noch die Eltern schocken konnte) zu den musikalischen Highlights meiner Jugend. Bela B schert sich auch in Scharnow nicht um altbackene Konventionen oder irgendwelche Vorschriften, was Literatur zu sein hat und was nicht, und das ist auch gut so.

    Langweilig wird das nie. Manchmal etwas derb, ja. Oft sogar etwas eklig.

    Für meinen Geschmack gibt es zu viel Kotze, Sperma, spritzendes Gehirn oder Männer, die sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit am Sack kratzen. Dennoch… Das hat einfach was. Und nicht nur die Klischees werden dabei gekonnt und genüsslich auf die Spitze getrieben, auch die Gesellschaftskritik schleicht sich unter dem ganzen Getöse immer mal wieder leise herein.

    Auf den ersten Blick wirken die Charaktere hemmungslos übertrieben und daher unrealistisch.

    Aber wenn man genauer hinguckt, ist man solchen Menschen im Grunde schon einmal begegnet oder hat zumindest von ihnen gehört. Da tun sich kleinbürgerliche Engstirnigkeit, wutbürgerliche Raserei, spießbürgerlicher Kontrollzwang oder möchtegernbildungsbürgerliche Arroganz auf – doch bevor man sich versieht, bringt man auf einmal Verständnis, Mitleid und sogar Sympathie auf für die unmöglichsten Charaktere.

    Der Autor ist ein Meister darin, menschliche Eigenschaften beinahe schmerzhaft auf die Spitze zu treiben, ohne dass die Menschlichkeit dabei verloren geht. Und dass die ganzen Handlungsstränge immer wieder dadurch verbunden werden, dass in einer Kleinstadt wie Scharnow irgendwie jeder jeden kennt, ist ein Geniestreich.

    Als Buchbloggerin kann ich mir eine kleine Anmerkung allerdings nicht verkneifen: der von Bela B beschriebene Literaturkritiker ist ja wohl eine Schande seiner Zunft!

    Lässt sich bezahlen für schnell hingeschluderte positive Rezensionen zu Büchern, die er gar nicht gelesen hat. Oder schreibt zum Spaß vernichtende Verrisse – kostenlos, aber ebenfalls, ohne die Bücher gelesen zu haben. Dennoch ist sein Blog unglaublich erfolgreich.

    Irgendwas mache ich wohl falsch…

    Es ist schwierig, über einen Spannungsbogen zu sprechen.
    Zu rasant springt die Geschichte von Handlungsfaden zu Handlungsfaden, so dass der aktuelle Spannungsbogen immer wieder zerbricht, nur um direkt wieder einem anderen Spannungsbogen zu weichen. Da kann einem schon mal der Kopf schwirren, aber auch hier gilt: langweilig wird das nie.

    Am schwierigsten ist es wahrscheinlich, über den Schreibstil zu schreiben.

    Denn so knallbunt und originell die Geschichte ist, so überdreht, kompromisslos, und ungefiltert ist der Schreibstil – und dabei durchaus gekonnt und um einiges intelligenter, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Hinter all der Brachialität versteckt sich verdammt viel Tiefgang, und das in einer unverwechselbaren Schreibe.

    Den Humor reizt Bela B oft bis zum Äußersten aus, und manchmal war mir das zuviel, manchmal fand ich es saukomisch… Aber um mich ein drittes Mal zu wiederholen: langweilig wird das nie.

    FAZIT

    “Scharnow” ist ein Buch, dessen Handlung sich nicht so einfach zusammenfassen lässt, weil sie aus unzähligen Handlungssträngen mit über 30 Charakteren besteht und keiner davon (weder Handlungsstrang noch Charakter) auch nur annähernd ‘normal’ ist.

    Ob jetzt ein Attentäter eine Hündin umbringen soll, weil die die Schwester des Hundes von Barack Obama ist und ein Geheimbund über diesen Hund telepathisch Einfluss auf die Weltpolitik nehmen könnte, oder ob eine besoffene Männer-WG beschließt, splitterfasernackt und mit Küchengeräten bewaffnet den Supermarkt zu überfallen… Das ist alles unglaublich schrill, oft derb, manchmal eklig, und dennoch wollte ich ständig den Hut ziehen vor dem Einfallsreichtum des Autors.

    “Scharnow” ist auf den ersten Blick eine ganz normale Kleinstadt – und auf den zweiten Blick ist da absolut gar nichts normal. Und das macht verdammt viel Spaß!