Ruhelos

Buchseite und Rezensionen zu 'Ruhelos' von William Boyd
4
4 von 5 (1 Bewertungen)

Was geschieht, wenn sich alles, was man über seine Mutter zu wissen glaubte, plötzlich als Trugbild erweist? In dem langen heißen Sommer 1976 erfährt Ruth Gilmartin die ganze Wahrheit über ihre Mutter Sally: Dass sie Eva Delektorskaja heißt. Dass sie eine russische Emigrantin ist. Dass sie im Krieg als Spionin gearbeitet hat. Und dass ihr Leben bedroht ist. Ans Telefon geht sie nur nach vereinbartem Klingelsignal und das Haus verlässt sie im Rollstuhl, obwohl sie laufen kann. Wie gut können wir einen Menschen kennen? Diese zutiefst beunruhigende Frage stellt William Boyd in seinem atemberaubenden Spionagebestseller: Ruhelos.

Autor:
Format:Taschenbuch
Seiten:384
EAN:9783833305368

Rezensionen zu "Ruhelos"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 26. Jan 2018 

    Ruhelos in geheimer Mission

    William Boyd, ein schottischer Autor, der mich mit seinem Roman „Die Fotografin“ so richtig an der Nase herumführen konnte (Was ist Fiktion? Was ist Realität?)und zwar auf eine Art und Weise, die mich ungemein begeistern konnte, wird auf dem Cover von „Ruhelos“ – ein Roman aus dem Jahr 2006 – bezeichnet als
    „…ein begnadeter Fälscher, einer, der seine Leser nach allen Regeln der Kunst hinters Licht führt.“
    Das knüpfte an an meine Leseerfahrung der Fotografin und so konnte ich nicht anders als dieses Buch schnellstmöglich vom SUB herunterzuholen.
    In dem Roman erfährt Ruth Gilmartin, dass alles, was sie über ihr ganzes Leben hinweg von ihrer Mutter zu glauben wusste, nicht der Realität entspricht, sondern sie ihre Identität ihr Leben lang zu verbergen gewusst hat:
    - Sie heißt nicht Sally Gilmartin, sondern Eva Delektorskaja
    - Sie ist eine russische Emigrantin.
    - Sie war Spionin im Dienst des britischen Geheimdienstes.
    - Sie fühlt sich jetzt – im hohen Alter – verfolgt und bedroht und ändert ihre Lebensweise deutlich.
    In Oxford muss die Tochter Ruth mit dieser neuen Realität zurechtkommen und sie zu verstehen versuchen. Das ist der eine Handlungsstrang des Romans.
    Der zweite ist die Geschichte der Eva Delektorskaja, die der Leser gemeinsam mit Ruth aus den Aufzeichnungen der Sally/Eva erfährt.
    Diese zweite Geschichte bietet eine Spionagegeschichte, die dem Leser auch eine Geschichtsstunde vermittelt. Eva wird kurz vor dem Zweiten Weltkrieg in Paris angeworben, nachdem sie erfahren musste, dass der Tod ihres Bruders in dessen verborgener Spionagetätigkeit begründet ist. Sie lässt sich auf die Arbeit für die Briten ein, wird in Schottland ausgebildet und dann in einer Einheit eingesetzt, die durch die Erfindung und Streuung von – heute würden wir sagen - „Fake News“ Einfluss auf den Kriegsverlauf zu nehmen versucht. Alles läuft sehr im Verborgenen unter ständigem Misstrauen gegenüber auch den vertrautesten Menschen, und doch wird für diese Tätigkeit der britische Boden irgendwann zu heiß und so zieht die Gruppe um in die USA, wo der Einfluss auf das Kriegsgeschehen immer stärker darauf gerichtet ist, die USA zum Kriegseintritt zu bewegen durch „Fake News“, die aufzeigen, wie stark der Krieg auch die Souveränität und Sicherheit der USA gefährdet. Geleitet wird die Gruppe von Lucas Romer, mit dem Eva auch ein Verhältnis hat, das nur unter absoluter Geheimhaltung und in wenigen Ausnahmesituationen wirklich gelebt werden kann. Aber kann sie ihm wirklich vertrauen? Oder spielt er ein falsches, verborgenes Spiel?
    Die Geschichte spitzt sich zu bei einem Einsatz Evas in der Wüste von New Mexiko, bei der alles schiefläuft und das Ergebnis dann doch ein scheinbarer Erfolg ist. Aber es wird gefährlich für Eva, sie setzt sich von ihrer Gruppe ab, flieht erfolgreich mit neuer, verborgener Identität zurück nach England und beginnt ein neues, bürgerliches Leben, dessen Ergebnis auch ihre Tochter Ruth ist. Der Kontakt zu ihrem früheren Spionageleben bleibt für Jahrzehnte komplett abgebrochen.
    Und doch holt sie diese Vergangenheit irgendwann ein und sie braucht Hilfe für einige Schachzüge, um die Vergangenheit zu einem Punkt abzuschließen, die sie in Frieden leben lassen kann.
    Deshalb eröffnet sie sich ihrer Tochter Ruth, deren Leben dadurch auch ziemlich aus der Bahn geworfen wird.
    Und hier ist die Grundlage für den Roman Ruhelos, wie ihn Boyd uns erzählt und für uns aufgeschrieben hat.
    Fazit:
    Der Zauber von „Die Fotografin“ hat sich bei „Ruhelos“ nicht ganz bei mir eingestellt. Dafür blieb mir die Spionagewelt einfach zu fern und unverständlich. Aber dennoch: ein toller Roman mit viel Spannung und geschichtlichem Hintergrund (in meinem Lesetagebuch hatte ich schon berichtet: geniale Ergänzung zu dessen Verständnis bietet der derzeit im Kino zu sehende Film „Die dunkelste Stunde“ basierend auf dem Drehbuch von Antony McCarten!). Ich vergebe
    4 Sterne