Rote Kreuze

Buchseite und Rezensionen zu 'Rote Kreuze' von Sasha Filipenko
4.1
4.1 von 5 (13 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Rote Kreuze"

Alexander ist ein junger Mann, dessen Leben brutal entzweigerissen wurde. Tatjana Alexejewna ist über neunzig und immer vergesslicher. Die alte Dame erzählt ihrem neuen Nachbarn ihre Lebensgeschichte, die das ganze russische 20. Jahrhundert mit all seinen Schrecken umspannt. Nach und nach erkennen die beiden ineinander das eigene gebrochene Herz wieder und schließen eine unerwartete Freundschaft, einen Pakt gegen das Vergessen.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:288
EAN:9783257071245

Rezensionen zu "Rote Kreuze"

  1. Erinnerungskultur

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 11. Mai 2020 

    Ein äußerst bedrückendes Kapitel der Sowjetgeschichte beschreibt der 1984 in Minsk geborene Autor Sasha Filipenko in seinem Roman „Rote Kreuze“. Bewegend und authentisch lässt er die 90jährige Tatjana ihre Geschichte erzählen, die sich wie eine fürchterliche Blaupause der Geschichte der vom Stalinregime Verfolgten in der Sowjetunion des 20. Jahrhunderts liest.
    Alexander, ein junger Mann, vom Schicksal gebeutelt, zieht nach Minsk und begegnet seiner an Alzheimer erkrankten Nachbarin Tatjana Alexejewna, die ihm sofort ihre Lebensgeschichte erzählt. Zunächst genervt von der alten Dame, die gegen das Vergessen ankämpft, gerät Alexander im Laufe der Zeit immer mehr in den Bann der Schrecken, die Tatjana in ihrem Leben seit Beginn der großen Säuberungen 1937 aushalten musste. Eine entzwei gerissene Familie, Verhaftungen und falsche Anschuldigungen, Folter im Gefängnis, entbehrungsreiche Transporte in Güterzügen und Gulag pflastern den Weg von Tatjana, lange Zeit ohne Rehabilitierung oder geschweige denn Entschuldigung vom Sowjetsystem.
    Tatjana kämpft gegen das Vergessen, gegen ihr eigenes und gegen das der Untaten und Unterdrückung normaler unbescholtener Bürger durch das System, sie versucht die Erinnerungen zu pflegen und weiterzugeben, bevor sie der Krankheit anheimfällt.
    Ausgangspunkt des Romanes für den Autor waren Briefe des Genfer Roten Kreuzes, die während des Zweiten Weltkrieges an die Regierung Sowjetunion zwecks Gefangenenaustausch oder zumindest Austausch von Listen Deutscher und Sowjetischer Kriegsgefangener geschickt wurden, die alle seitens der zuständigen sowjetischen Behörden unbeantwortet blieben.
    Die Romanfigur Tatjana arbeitete damals als Fremdsprachensekretärin im Außenministerium in Moskau und bearbeitete die Gefangenenlisten aus Genf. Auf einer der Listen findet sie den Namen ihres Mannes, womit dieser als Verräter gilt und sie als seine Ehefrau gleich mit. Sie löscht den Namen ihres Mannes von der Liste, wird aber dennoch von den Stalinistischen Säuberungen am Ende des Krieges erfasst und zur Verräterin abgestempelt, ihr wird das Kind genommen und sie kommt ins Gefängnis.
    Tatjanas Geschichte ist zwar Fiktion, ist aber beispielhaft für die Geschichte von Stalin Verfolgter und Gefangener in der 1940er/1950er Jahren, die ohne haltbare Anklage gefoltert, abtransportiert, erschossen wurden oder einfach in den Gulags an Hunger oder Erschöpfung starben. Die vom Autor beigefügten Brief-Dokumente des Genfer Roten Kreuzes unterstreichen den Schrecken der Geschichte auf ganz unheimliche Weise durch ihren sachlich-bürokratischen Ton.
    Der Roman ist eine äußerst überzeugende Darstellung der Unterdrückung und ein Kampf wider das Vergessen, auch wenn an manchen Stellen ein bisschen zu dick aufgetragen wurde, insbesondere bei der Rahmenhandlung zu Alexanders Schicksal in den 2000er Jahren. Der Autor versteht es, die Tatjanas Geschichte geschickt mit der Gegenwart zu verknüpfen und mit klarer Sprache und viel Spannung zu erzählen, ohne in Pathos zu verfallen. Es ist ein gelungenes Stück Erinnerungskultur, der lesenswerte fünfte Roman des weißrussischen Autors, bei dem ich mich auf weitere Übersetzungen freue.

  1. Erzählen gegen das Vergessen

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 16. Apr 2020 

    Alexander will nach einem Schicksalsschlag ein neues Leben beginnen. Mit seiner kleinen Tochter zieht er nach Minsk, wo auch seine Mutter mittlerweile lebt. Gleich bei seinem Einzug in die neue Wohnung bemerkt er aufgemalte rote Kreuze an seiner Tür. So trifft er auf Tatjana, seine 90-jährige Nachbarin, die sich aufgrund ihrer Alzheimererkrankung an den Kreuzen orientieren kann. Zwischen Alexander und Tatjana entwickelt sich eine Generationen übergreifende Freundschaft. Und Tatjana beginnt zu erzählen, von ihrer Kindheit und Jugend im Ausland, ihrer Ehe, der Zeit während des Krieges, als ihr Mann in Kriegsgefangenschaft gerät und wie sie sich und ihren Mann zu retten versucht und dabei an den daraus resultierenden Konsequenzen ihren weiteres Leben lang zu leiden hatte.
    Der weißrussische Autor Sasha Filipenko schreibt an wider das sowjetische Vergessen. Rote Kreuze ist sein erstes Buch, das auf Deutsch erscheint. Das(rote) Kreuz als Symbol zieht sich durch das Buch wie ein roter Faden. Rote Kreuze als Wegweiser für eine alte demente Frau. Das Rote Kreuz, das während des Krieges unermüdlich versucht das Leid der Kriegsgefangenen zu erleichtern und vom stalinistischen Kriegsapparat genauso unermüdlich ignoriert wird. Das Kreuz als Mahnmal an einen geliebten Menschen und die Fähigkeiten eines Menschen „sein Kreuz zu tragen“.
    „Mitten auf dem Feld stand ein Kreuz. Dünn, groß wie ein Mensch. Einfach aber stolz. Zusammengeschweißt aus zwei alten Rohren, abgeblättert und vom Rost zerfressen, schimmerte das Kreuz rötlich…“
    Alzheimer mit seiner Heimtücke des Vergessens veranlasst Tatjana, ihr gesamtes Leben vor Alexander auszubreiten, solange sie sich noch erinnert. Doch braucht es den Aufhänger „Alzheimer“ für diese Geschichte? Tatajana wirkt zu stringent um dement zu sein. Das Schicksal der Zeitzeugen müsste nicht unbedingt noch durch eine Erkrankung verstärkt werden.
    So erfahren wir die gesamte russische Tragödie des 20. Jahrhunderts anhand von Tatjanas Lebensgeschichte. Es ist eine „Biografie der Angst“ über ein Leben mit Furcht und Schuld und eine Geschichte der Absurdität so manchen menschlichen Handelns. Eine Anklage an das Sowjetregime, eine zornige Rede gegen Gott und die Welt. Dabei sollte man sich aber auch hin und wieder an Alexander erinnern, dessen eigenes Leben eine außergewöhnlich traurige Geschichte bereit hält und die in Tatjanas Redefluss beinahe untergeht.
    Erzählen gegen das Vergessen - die Strategie geht auf. Das berührt, macht zornig und betroffen. Allein, der Alzheimerbezug wirkt aufgesetzt.

  1. Erinnerungen, die sich nicht auslöschen lassen

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 14. Apr 2020 

    Ein Schwätzchen unter Nachbarn. Manche mögen's, manche nicht. Ob man es mag oder nicht, kommt vermutlich auch auf den Zeitaufwand, die eigene Tagesform und den Nachbarn an. Einer, der es anfangs nicht mochte, aber später schon ist Sasha, ein junger Mann, der gerade eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus in Minsk bezogen hat. Die Möbel sind noch nicht geliefert, die Kartons noch nicht ausgepackt. Im Hausflur wird er von seiner zukünftigen Nachbarin Tatjana abgefangen: 91 Jahre alt, allein lebend, an Alzheimer erkrankt. Das behauptet sie zumindest. Die Krankheit scheint bei ihr noch in den Anfängen zu stecken. Denn Tatjana erweist sich als erstaunlich eloquent und schlagfertig. Und sie hat eine Geschichte zu erzählen: die Geschichte ihres Lebens.

    Mit 91 Jahren ist viel Lebensgeschichte zusammengekommen. Insbesondere wenn man den größten Teil seines Lebens in einem Land wie der Sowjetunion verbracht hat und die Entwicklung dieses Landes vom Zarentum, über Weltkrieg und Stalinismus bis zum heutigen Tage mitgemacht hat. Und Tatjana hat viel mitgemacht und am eigenen Leib erdulden müssen. Sie war auch mal verheiratet und hatte eine Tochter. Doch das ist lange her.

    Da muss sich also dieser Sasha die Geschichte von Tatjana anhören, obwohl auch er in seinem jungen Leben genug mitgemacht und mit den Schicksalsschlägen, die ihm das Leben bereitet hat, noch lange nicht abgeschlossen hat. Dennoch packt ihn die Geschichte von Tatjana. Liegt es an ihrer sarkastischen Ader und ihrem Galgenhumor, mit dem sie die Ereignisse in ihrem Leben betrachtet? Oder sind es die Geschehnisse selbst, die fernab jeglicher Vorstellungskraft liegen und dadurch einen großen Reiz ausüben. Vermutlich ist es von jedem etwas.
    Sasha und Tatjana werden sich anfreunden. Viele Gespräche werden mehrfach geführt, viele Fragen mehrfach gestellt werden. Die Alzheimer Erkrankung fordert ihren Tribut. Doch es gibt Erinnerungen, die auch Alzheimer nicht auslöschen kann.

    Rote Kreuze ist ein Roman "Gegen das Vergessen". Was nicht vergessen werden darf, ist der Umgang der Sowjetunion mit einem Großteil ihrer Bevölkerung während und nach dem 2. Weltkrieg. Anhand des Schicksals von Tatjana bekommt man eine Vorstellung, unter welchen Repressalien, Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten ein Mensch, der nicht in die Schablone eines aufrechten Sowjetbürgers passte, leiden musste, wobei die Definition eines aufrechten Sowjetbürgers der Willkür des Stalin-Regimes und seiner Anhänger unterworfen war.
    Ein besonderes Kapitel des Stalinismus war der Umgang mit sowjetischen Soldaten, die in Kriegsgefangenschaft geraten sind. Entgegen jeder Logik und Vernunft wurden diese Soldaten genauso wie deren Angehörige als Verräter angesehen und bestraft. Sasha Filipenko nimmt sich dieses Themas in seinem Buch an, wobei dem Titel des Romans „Rote Kreuze“ eine besondere Bedeutung und Symbolik beizumessen ist. Eine großer Bestandteil dieses Romans dokumentiert den Schriftverkehr, der zu Kriegszeiten zwischen dem Internationalen Roten Kreuz (als neutraler Vermittler der Kriegsparteien) und der Sowjetunion stattgefunden hat. Sasha Filipenko ist während seiner Recherche auf diese Dokumente gestoßen, die im Archiv des Roten Kreuzes in Genf einsehbar sind. Sie sind der Beweis für die Arroganz des damaligen sowjetischen Regimes und dessen skrupellosen Umgang mit den eigenen Leuten.

    Ein dünnes Haar in der Suppe gab es doch für mich bei diesem Roman:
    Sasha Filipenko will sehr viel. Gerade am Anfang des Romans wunderte ich mich über die Vielzahl der Themen, die hier angeschnitten werden. Neben dem Stalinismus und Alzheimer zeichneten sich noch andere Themen ab, beispielsweise aus der angewandten Ethik. Filipenko reißt diese Themen an, verfolgt sie jedoch nicht weiter. Er lockt den Leser somit auf eine Fährte, die er dann aber ins Leere laufen lässt. Das hat dieser Roman jedoch nicht nötig. Denn die Geschichte „Gegen das Vergessen“ bietet mehr als ausreichendes Potenzial, um beim Leser einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

    Das Haar in der Suppe ist wirklich sehr dünn. Denn mit meiner Kritik jammere ich auf hohem Niveau. Tatsächlich habe ich „Rote Kreuze“ verschlungen. Und ich würde lügen, wenn ich behaupte, dass dieser Roman keinen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen hat. "Rote Kreuze" ist der erste in Deutschland veröffentlichte Roman des weißrussischen Autors. Und ich bin gespannt, auf das, was noch von ihm kommen wird. Also, "Drei Kreuze", dass ich den Namen Sasha Filipenko nicht vergessen werde.

    Leseempfehlung!

    © Renie

  1. Ein Kreuz für die Erinnerung...

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 08. Apr 2020 

    Dieser tolle Roman wurde mir auf der letzten Buchmesse wärmstens ans Herz gelegt und nun weiß ich auch warum.

    In der Geschichte geht es um Alexander, der gerade umgezogen ist und versucht ein neues Leben anzufangen. Da besucht ihn seine neunzigjährige Nachbarin Tatjana und erzählt ihm ihre Lebensgeschichte.Was verbindet die beiden und werden sie sich gegenseitig Hoffnung geben können?

    Der Roman ist sehr vielfältig in seiner Gestaltung, denn wir erleben die Geschehnisse nicht nur als Erzählungen aus Sicht der beiden Hauptfiguren, sondern Protokolle, Briefe und Gedichte ergänzen das Ganze. Zunächst habe ich den Sinn der Briefe und Protokolle nicht erfassen können, aber im Verlauf der Handlung wurde dann klar, was sie verdeutlichen sollen.

    Tatjana habe ich zu Beginn als etwas aufdringlich und anstrengend empfunden, eben eine typische Nachbarin, die gern einem jungen Menschen ein Ohr abkaut. Ihre Lebensgeschichte ist dann aber so spannend, dass man ihr auch als Leser sehr bald gern zuhört, schlicht weil man so viel Leid kaum begreifen kann.

    Alexander war mir als Charakter auf Anhieb sympathisch, denn er begegnet seinen Mitmenschen offen gegenüber und scheint im Gegensatz zu seinem Stiefvater auch keine Vorurteile gegenüber anderen zu haben. Sein Schicksal hat mich zu Tränen gerührt und ich musste hart schlucken als ich las, was seine Beweggründe für den Neuanfang waren.

    Der Roman zeigt sehr anschaulich wie heilsam zwischenmenschliche Beziehungen sein können und dass ein offenes Ohr noch keinem geschadet hat.

    Des Weiteren hatte ich das Gefühl, dass man einen guten Einblick in die stalinistische Sowjetunion bekam durch die Erlebnisse von Tatjana.

    Fazit: Ein Roman, der mich mitten ins Herz getroffen hat und sich wie ein richtiger Pageturner las. Gern spreche ich eine Leseempfehlung aus. Klasse!

  1. Win-Win-Situation

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 03. Apr 2020 

    Zu Beginn der Lektüre begleitet man den 30-jährigen Alexander beim Bezug einer neuen Wohnung. Die Maklerin macht ihm die Wohnung damit schmackhaft, dass auf seinem Stockwerk nur eine alleinstehende 90-jährige Frau lebt, die an Alzheimer leidet. Doch Alexander ist wortkarg bis hin zur Unhöflichkeit. Nur aus einzelnen Andeutungen erfährt man, dass er eine dreimonatige Tochter hat, er aber allein in der Wohnung mit ihr leben wird. Man ahnt, dass ihn ein schwerer Schicksalsschlag getroffen hat.
    Seine neue Nachbarin, Tatjana Alexejewna, versucht freundlich zu Alexander zu sein und ihn in Gespräche zu verwickeln, was dieser zunächst rüde abweist. Noch versteht man als Leser nicht, warum Alexander sich so schroff verhält. Doch nach und nach öffnet er sich und Tatjana, die immer vergesslicher wird, erzählt ihm ihre Lebensgeschichte, eben damit diese nicht in Vergessenheit gerät. Da Tatjana Alexejewna 1910 geboren wurde, umfasst ihr Leben fast das ganze 20. Jahrhundert. Und was sie in Russland, im Krieg, während der Stalinzeit, aber auch später erlebt hat, erfährt Alexander, und somit auch der Leser nach und nach. Und trotz aller Schrecken und unvorstellbaren Ungerechtigkeiten ist Tatjana Alexejewna keine gebrochene Frau, sondern eine Kämpfernatur, die weiß, dass Gott Angst hat vor ihr. ,,Zu viele unangenehme Fragen kommen da auf ihn zu." (S: 11)
    Allmählich schließen Alexander und die alte Frau Freundschaft, und je mehr der junge Mann von Tatjanas Lebensgeschichte erfährt, desto mehr scheint er sich auch mit seinem persönlichen Schicksal zu arrangieren.
    Schwierig an diesem Roman fand ich die sehr nüchterne, sachliche Darstellungsweise, die durch die Einbindung von authentischen Dokumenten noch verstärkt wurde.
    ,,Rote Kreuze" ist ein Roman, der weniger durch Emotionen als durch eine starke Protagonistin und eine wichtige Thematik überzeugen kann.

  1. Die billigste Ware, die es gibt.

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 01. Apr 2020 

    Ein Buch welches polarisiert. So könnte man es nennen. Die Art der Schreibe lässt die Leserschaft gespalten zurück. Ich gehöre zu denjenigen, die ein Loblied singen. Mir hat gerade diese Art der Schreibe so gefallen, gerade dieses etwas abgehackte und dieses nicht emotionale in der Art der Schreibe hat mich getroffen. Für mich hätte dieses Buch nicht emotionaler sein dürfen, denn dann hätte es in meinen Augen einen großen Teil seiner Kraft verloren. Und gerade diese etwas ungleichen Charaktere, die eigentlich nicht zusammenpassen, verkörpern in meinen Augen auch zwei irgendwie ungleiche Länder. Man muss sich mal vor Augen führen, Russland war mal eine Weltmacht und immer mehr verkommt es durch verschiedene diktatorische Herrscher zu einer Angst verströmenden Macht, die aber politisch immer mehr an Einfluss verliert, deren mächtige Familien die Fäden im Land halten und auch Fäden außerhalb des Landes lenken, aber sich immer mehr von einer Weltmacht wegbewegen. Ob die Mächtigen das bemerken? Tatjana verkörpert für mich ein altes und weises Russland, dass in die Fänge der Diktatoren gerät und dem neuen und jungen Russland, verkörpert von Alexander, berichtet. Nun wäre es am jungen Russland/Belorussland/Ukraine zu reagieren. Das wird im Buch offengelassen. Aber es gibt ja passende Bestrebungen in den Ländern. Man kann hier nur hoffen. Beide Charaktere sind über das Thema Leid miteinander verknüpft/verbunden, vielleicht ermöglicht das Thema Leid auch ein gegenseitiges Verstehen, eine Verbindung der Beiden. Die Verbindung, die Filipenko hier mit dem Thema Demenz und Glauben eingeht, ist für mich absolut interessant gewählt, fast schon provokativ zu nennen, wenn man bedenkt, welche Macht der Kirche in diesen Ländern gegeben wird. Ebenso interessant ist es, wie es auch besonders traurig ist, der christliche Glauben, der ja eine gewisse Nächstenliebe propagiert, wird in den ehemaligen Staaten des sozialistischen Blocks von den Mächtigen forciert, nur zeichnen sich diese Staaten in meinen Augen durch eine besondere Bösartigkeit gegenüber allem Andersartigen/Andersdenkenden aus, wie in dieser Geschichte erkennbar ist, aber genauso auch an vielen realen Nachrichten ersichtlich. Man kann nur hoffen, dass die Unmenschlichkeit aus diesen Ländern bald verschwindet und solche Autoren wie Filipenko das Forcieren!
    Die Einschlüsse im Text, seien es Textdokumente oder Gedichte, verdichten oder verstärken in meinen Augen die Geschichte, auch wenn es manchmal etwas viele Artikel sind. Aber alles in allem ist dieses Buch schon ein rundes Werk für mich. Mit einem alles überragendem Charakter: Tatjana.
    5 Sterne verteile ich applaudierend für dieses Buch und ich bin neugierig auf weiteres aus Filipenkos Feder.

  1. Eine Biografie der Angst...

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 01. Apr 2020 

    Alexander ist ein junger Mann, dessen Leben brutal entzweigerissen wurde. Tatjana Alexejewna ist über neunzig und immer vergesslicher. Die alte Dame erzählt ihrem neuen Nachbarn ihre Lebensgeschichte, die das ganze russische 20. Jahrhundert mit all seinen Schrecken umspannt. Nach und nach erkennen die beiden ineinander das eigene gebrochene Herz wieder und schließen eine unerwartete Freundschaft, einen Pakt gegen das Vergessen.

    Alexander zieht mit seinen 30 Jahren und seiner 3 Monate alten Tochter in eine neue Stadt und in eine leere Wohnung. Er will einen Neuanfang, und da kommt es ihm entgegen, dass er in dieser Stadt nichts und niemanden kennt. Doch die 90jährige Nachbarin lädt ihn bereits an seinem ersten Tag in der neuen Wohnung zu sich ein - und hört nicht mehr auf zu erzählen.

    Zunächst weiß Alexander (oftmals auch Sasha genannt) nicht, was er von der alten Dame halten soll. Sie gesteht freimütig, dass sie an Alzheimer leidet und deshalb beispielsweise mit roten Kreuzen im Haus ihren Heimweg markiert. Doch an das, was lange zurückliegt, kann sich Tatjana Alexejewna sehr wohl erinnern. Und das gibt sie hier nach und nach preis.

    Auch wenn der Autor hier den Dialog zwischen zwei sehr unterschiedlichen Charakteren gewählt hat, bleibt Alexander als Figur doch recht blass. Tatsächlich geht es hier im Wesentlichen um Tatjanas Schicksal, um ihre 'Biografie der Angst'. Dabei wählt Sasha Filipenko eine sehr distanzierte Erzählweise, so dass selbst die ärgsten Gräuel kaum ein Mitschwingen beim Leser auslösen. Sowohl die Konstellation der Charaktere als auch die offenbar gewollte Distanz des Lesers zu den Figuren haben mich doch ziemlich irritiert.

    Dabei wird rasch offensichtlich, welches Thema der Autor hier in den Mittelpunkt rückt: denr Stalinismus und seine zahllosen Opfer, die offenkundige Willkür des Regimes und seiner Helfershelfer, die Wertlosigkeit eines einzelnen Menschenlebens, die Politik der Unterdrückung und der Angst, gleichzeitig auch die Verherrlichung des Diktators im Volk - etwas, das sich bis in die heutige Zeit zieht und deshalb das aktive Vergessen all der Gräuel des Stalinismus unterstützt. Der Autor setzt sich dagegen mit seinen Mitteln zur Wehr und pocht darauf, sich dem Vergessen entgegen zu stemmen.

    Ein lobenswerter, ein wichtiger, ein angesichts von Putins rückwärts gewandter Politik auch mutiger Ansatz. Allein die Umsetzung hat mir nicht zugesagt. Auch Alexander hat einen schweren Schicksalsschlag hinter sich, der jeden schwer traumatisiert zurücklassen würde. Doch angesichts von Tatjanas Odyssee der Angst verblasst dieses persönliche Drama sofort und spielt im Verlauf auch kaum noch eine Rolle.

    Es mag sein, dass der Autor verdeutlichen wollte, dass das schreckliche Schicksal eines Einzelnen nichts wiegt im Verhältnis zu den Massen, die unter Stalin der Willkür ausgesezt waren und leiden mussten. Es mag sein, dass Tatjana einfach einen Zuhörer der übernächsten Generation brauchte, damit ihre Geschichte nicht verloren geht - und dazu jemanden, der zumindest weiß, was Leid bedeutet. Aber das Größenverhältnis der beiden Hauptcharaktere hinkt doch gewaltig. Die Geschichen der beiden Nachbarn stehen noch dazu auch vollkommen zusammenhanglos nebeneinander.

    Mit der Art der Konzeption hatte ich auch so meine Schwierigkeiten. Die Chronologie der Ereignisse wird in kurzen oder manchmal auch etwas längeren Schlaglichtern sichtbar, herausgerissen aus dem Zeitgeschehen, kurz beleuchtet und wieder ins Dunkle gleitend. Das ist keine zusammenhängende Geschichte, sondern eine szenische Darstellung, die die Gesamtheit der erlebten Gräuel nur erahnen lässt. Die Handlungsstränge werden nicht verwoben, sondern stehen einfach neben- und hintereinander. Emotionen werden nicht wirklich transportiert, nur eine leise Gänsehaut schleicht sich dann und wann ein, weil man eine vage Vorstellung von dem bekommt, was da geschehen ist.

    Dazu hat der Autor immer wieder auch Original-Schriftstücke mitten im Text eingefügt, ebenso wie etliche Gedichte. Zur Verdeutlichung und Unterstreichung des Erzählten hätten da m.E. einige wenige gereicht - in dieser großen Anzahl störte es meinen Lesefluss doch immer wieder.

    Durch das angefügte Interview mit dem Autor habe ich verstanden, weshalb dieser Roman so wichtig ist - gegen das Vergessen. Dem stimme ich uneingeschränkt zu. Ich finde aber doch, dass dem Roman die Arbeit des Autors als Journalist anzumerken ist - die Fakten stehen im Vordergrund, das Schicksal von Tatjana erläutert 'nur' die Auswirkungen dessen, was da an Politik zu Zeiten Stalins betrieben wurde. Und heute...

    Doch trotz aller Kritik halte ich den Roman allein schon aufgrund der deutlich zu verspürenden großen Ambition des Autors und wegen des überaus wichtigen Themas in jedem Fall für empfehlenswert. Auch Russland braucht Bücher 'gegen das Vergessen'!

    © Parden

  1. Aufrüttelnd

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 26. Mär 2020 

    Dieses kleine Buch hat es in sich. Hier kommt das Grauen auf den Tisch. Kurz bevor die Alzheimer Krankheit das Gedächtnis von Tatjana Alexejewna komplett zerstört, erzählt sie ihrem neuen Nachbarn ihre Geschichte.

    Sie hat Mann und Kind im Krieg verloren, was aber eher dem Regime als dem Krieg anzulasten ist. Dies ist eine ganz andere Kriegsgeschichte, die nicht nur den Zweiten Weltkrieg aus russischer Sicht schildert, sondern auch, wie ein Staat lange über den Krieg hinaus, Krieg gegen sein eigenes Volk führt. Dieses Buch seziert das sozialistische System, stellt es bloß in seiner ganzen Absurdität und macht wenig Hoffnung für die Zukunft. Es scheint sich nicht viel geändert zu haben denkt man beim Lesen dieses Buches, wenn man zeitgleich hört, wie Herr Putin behauptet, in Russland gäbe es ein paar Grippetote, aber niemand hätte Corona. Zu Tatjanas Zeiten gab es keine Kriegsgefangenen, nur Deserteure. Das rote Kreuz versuchte zu vermitteln, aber der Staat interessierte sich nicht für Deserteure.

    Nüchtern, originell und mit einigem Galgenhumor erzählt Sasha Filipenko Unsägliches.
    „Genau wie die Sowjetunion war ich in meiner Hässlichkeit stabil.“ Sagt Tatjana z. B. über ihre Jugendzeit.
    Das Lesen macht Spaß, auch wenn das Geschilderte grauenhaft ist. Durch die eher sachliche Erzählweise nimmt es einen nicht so sehr mit, rüttelt aber auf.

    Das als Thema hätte mir ganz und gar gelangt. Der Autor verpackt es aber in eine Rahmenhandlung, die ein ganz eigenes Drama birgt. Sascha, der neue Nachbar, hat auch Tragisches erleben müssen, was er dann bei passender Gelegenheit Tatjana berichtet. Die alte Dame am Ende ihres Lebens stützt den jungen Mann, der noch alles vor sich hat. Der wiederum ist ihr eine Stütze auf ihre alten Tage und auch die junge Frau eine Etage tiefer bringt sich ein. Das ist rührend, aber für meinen Geschmack eine gute Portion zu viel planvolle Tragik, die den eigentlich sehr guten Eindruck des Buches verwässert.

    „Rote Kreuze“ ist ein gutes Buch zu einem wichtigen Thema, das aufrüttelt, sich aber im Verlauf etwas verzettelt. Lesenswert ist es trotzdem.

  1. Akribisch recherchierter "Wider das Vergessen"-Roman

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 24. Mär 2020 

    2020 geht in die Geschichte ein. Soviel steht fest. Das öffentliche und soziale Leben bricht mehr oder weniger zusammen, es gibt auf einmal Millionen Hamster in Menschenform…Und das alles wegen eines kleinen, aber (leider) nachhaltig wirkenden Virus.

    Wie gut, dass Leseratten die Möglichkeit haben, diesem Wahnsinn ein paar Stunden zu entfliehen – um sich mit dem nächsten Wahnsinn zu befassen.

    Um so einen geht es nämlich in dem Roman „Rote Kreuze“ des jungen weißrussischen Schriftstellers und Journalisten Sasha Filipenko. Es ist sein erster auf Deutsch übersetzter Roman; vier weitere hat er schon veröffentlicht. Man darf gespannt sein, ob sie auch den Weg zu uns finden.

    In „Rote Kreuze“ arbeitet Sasha Filipenko ein dunkles Kapitel der sowjetischen Geschichte auf. Es geht um (sowjetische) Kriegsgefangene im zweiten Weltkrieg, die von der eigenen Regierung im wahrsten Sinne des Wortes im Stich gelassen werden

    „Wenn sich ein Krieger ergibt, dann ist er ein Feigling.“ (S. 72)

    sowie die Unrechtbehandlung der Familienangehörigen selbiger. Alle diesbezüglichen Schreiben des Internationalen Roten Kreuzes an die sowjetische Regierung bleiben antwort- und entsprechend folgenlos. Sasha Filipenko hat hier akribisch recherchiert und geizt nicht mit dem Abdruck von Originalquellen in seinem Roman. Dem einen gefällt´s, die andere kann mit der Menge an gleichförmigen Schriftstücken nichts anfangen. Das ist okay – jede*r liest mit anderen Prioritäten und Interessen. Als Archivar kann ich indes von Originalquellen nicht genug bekommen – daher habe ich mich auch sehr gut „unterhalten“ gefühlt. Wobei Unterhaltung bei dem Thema recht schwierig ist. Es stellen sich eher Assoziationen wie „Wachrütteln“, „aufmerksam machen“ ein – ergo ist „Rote Kreuze“ ein „Wider das Vergessen“-Roman mit Gänsehautfaktor.

    Es ist aber auch ein Roman über (falsche) Schuldgefühle über Jahrzehnte hinweg, über das Bewahren von Erinnerungen vor dem eigenen „Vergessen“ (Alzheimer/ Demenz), über den Verlust eines geliebten Menschen durch einen aggressiven Gehirntumor – Sasha Filipenko hat hier auf knapp 300 Seiten ein buntes Potpourri an Themen verarbeitet, was meines Erachtens nach gar nicht notwendig gewesen wäre, aber im Sinne der Dramatik wahrscheinlich unumgänglich war. Nun gut, sei´s drum. Das ist jammern auf höchstem Niveau und schmälert nicht meine Begeisterung für „Rote Kreuze“.

    Für mich zählt „Rote Kreuze“ von Sasha Filipenko zu den eindrücklichsten Romanen 2020 und bekommt 5* und eine klare Leseempfehlung!

    ©kingofmusic

  1. Stalinistische Säuberungen

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 18. Mär 2020 

    Kurzmeinung: Geht ganz tief. In erfrischend moderner Sprache.

    Sasha Filipenko schreibt in seinem Roman „Rote Kreuze“ darüber, wie sich die Organisation des Roten Kreuzes während des Zweiten Weltkrieges bemühte, der russischen Regierung Informationen über seine in ganz Europa verstreut in Kriegsgefangenschaft geratenen Soldaten zukommen zu lassen. Und wie die Reaktion von Väterchen Staat darauf hin aussah.

    Dazu setzt der Autor zwei Protagonisten, eine weibliche und eine männliche Figur in Szene. Wobei die weibliche eindeutig die interessantere ist.

    Tatjana, geboren 1910 in London, wohnt in Minsk und ist jetzt knapp über Neunzig, Sascha jedoch erst um die dreissig. Während Tatjana davon erzählt, mit welchen im Nachhinein gesehen überflüssigen Gedanken sie beschäftigt war als sie noch jung war und ein privilegiertes Leben führte, ist Sascha eingesponnen in das Leid seines eigenen Schicksals.

    Erst so nach und nach öffnet sich der junge Mann dem Geschehen in Tatjanas Leben, das durch Hinterlist und Kriegstaktik und Staatswillkür praktisch vernichtet wurde, wie ihm im Laufe ihrer Erzählung bewusst wird. Langsam erkennt er, dass privates Leid zwar auch etwas wiegt, aber nichts ist im Vergleich zu dem staatlich und systematisch betriebenen Vernichtungsapparat russischer Willkür während der Stalinzeit.

    DIE KRITIK:

    Sasha Filipenko schreibt alles andere als verstaubt. Mit dem ersten Satz landet man mitten in der Story und zwar in der Jetztzeit. Das wirkt frisch und lebhaft.

    Der Protagonist Sasha bezieht eine neue Wohnung in Minsk. 2007. Oder so. Was hat jungen Leuten denn die Stalinzeit noch zu sagen? Das fragt er sich. Das fragt sich natürlich auch die Leserschaft. Tempi passati.

    Nicht ganz. Es geht uns noch eine ganze Menge an, was damals passiert ist. Mindestens solange, wie noch Zeitzeugen leben. Und es geht uns sogar noch über diese Zeitgrenze hinaus eine ganze Menge an, solange nämlihch, wie noch gewöhnliche Bürger, diese Zeiten im Nachhinein verherrlichen und wieder nach dem starken Mann rufen.

    Eine ganze Menge geht es uns auch an, wenn man die Erinnerungskultur der eigentlich umsonst Gestorbenen zubetonieren möchte.

    An diesem Punkt angelangt ist diese Erzählung für mich plötzlich nicht nur auf Russland beschränkt. Obwohl sie strikt dort angesiedelt ist. Denn auch in Berlin wollen Unbekehrbare das Holocaustdenkmal am liebsten schleifen und Holocaustleugner gibt es an allen Ecken. Der Ruf nach dem starken Mann hat einer fähigen Frau bereits die Kanzlerschaft gekostet. Die Dummheit der Menschen stirbt nicht aus. Insofern macht „Rote Kreuze“ mich auch für mein eigenes Land politisch betroffen.

    Zurück zu Filipenko. Die Geschichte Tatjanas nimmt mit, sie, die in einem Straflager „umerzogen“ werden soll, obwohl sie eigentlich nichts getan hat. Ihr Mann ist Kriegsgefangener gewesen und Kriegsgefangene gelten als Verräter, denn man kämpft bis zum Tod und ergibt sich nie. Das ist die russische Maxime. Und Familienangehörige kommen in Sippenhaft.

    Der Erzählstrang um Tatjana ist dem Autor wirklich gut gelungen. Man geht auf in ihrem Weg, ihrem Kampf ums Überleben, in ihrer Sprachlosigkeit. Sogar in der Sinnlosigkeit. Doch der dazugesetzte dramatische Effekt um Sascha geht ein wenig ins Leere. Zu aufgesetzt erscheint seine Geschichte. Wozu ist sie gut gewesen? Das Buch ist einfach zu kurz, um zwei sehr verschiedenartige dramatische Stränge so zu verflechten, dass sie eine organische Einheit gebildet hätten. Bei Saschas Story zuckt man ein bisschen die Achseln und ist froh, wenn die Kamera wieder auf Tatjana schwenkt.

    Fazit: Ein rasant geschriebener kleiner Roman mit Sogwirkung, in heutiger Sprache, der schnell Tiefe erreicht und den Leser berührt. Die beiden Erzählstränge sind jedoch, auch wegen der Schmalheit des Büchleins wohl unmöglich, nicht eng genug miteinander verknüpft und der Saschateil wirkt ein deshalb wenig bemüht. Dieser zweite Erzählteil ist einfach "too much".

    Kategorie: Anspruchsvolle Literatur
    Verlag: Diogenes, 2020

  1. Vergessen ist keine Option!

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 18. Mär 2020 

    Die deutsche Literatur der vergangenen Jahrzehnte ist voller Bücher „Gegen das Vergessen“, die die Aufarbeitung der dunklen Vergangenheitskapitel in der deutschen Geschichte sehr stark mitgeprägt haben. Das ist in anderen Ländern, die ebenfalls dunkle Kapitel aufzuweisen haben, nicht in gleichem Maße so. Das liegt an der Kultur der Aufarbeitung, die entweder von staatlicher Seite befördert oder behindert werden kann. In letztere Kategorie gehört sicherlich die Literatur Russlands und der Länder der ehemaligen Sowjetunion, mit der ich mich in einer Leserunde nun wieder einmal mit dem Roman „Rote Kreuze“ von Sasha Filipenko beschäftigen durfte. Filipenko fasst darin das Thema der Verfolgung der eigenen Bevölkerung in der stalinistischen Vergangenheit auf und berichtet von der Lebensgeschichte Tatjanas, die als alte Frau ihrem Nachbarn Sascha von ihrem Leben erzählt. Sie tut das zunächst auf etwas aufdringliche Art und Weise, denn Sascha, der gerade einen heftigen persönlichen Schicksalsschlag zu verarbeiten hat, ist in dieser Situation gerade gar nicht auf neue persönliche Kontakte und erst recht nicht auf Geschichten über das Leid anderer eingestellt. Aber so hartnäckig wie Tatjana ist, lässt sie nicht locker und wir erfahren mit Sascha gemeinsam im Roman, welche Einschläge ihr in ihrem Leben beschert waren. Wir beginnen in der Zeit des Zweiten Weltkriegs (des Großen Vaterländischen Krieges, wie er in der Sowjetunion heißt), als sie frisch verheiratet ihren Mann in den Krieg ziehen lassen muss und mit ihrer Tochter allein zurückbleibt. Sie arbeitet als Übersetzerin im Innenministerium und hört viele Jahre nichts von ihrem Mann, nicht wissend ob er überhaupt noch lebt. Doch dann eines Tages kommt die gute Nachricht: er lebt in einem Kriegsgefangenenlager in Rumänien. Eine gute Nachricht???? Sollte man denken, aber für Tatjana selbst ist es eine extrem gefährliche Botschaft, denn sie weiß um die Vorgehensweise der Regierung, die Kriegsgefangene generell als Deserteure und Kollaborateure mit dem Feind behandelt. Und das bedeutet für sie nicht nur Inhaftierung und Strafe nach möglicher Rückkehr, sondern das bedeutet auch: Inhaftierung und Strafe (eventuell Todesstrafe) für die gesamte Familie. Also ist Tatjana mit ihrer Tochter in extremer Gefahr, sollte die Information über ihren Mann bei den staatlichen Stellen ankommen. Und so versucht sie es zu vertuschen und löscht den Namen ihres Mannes aus der gelieferten Liste. Der Leser erfährt von der Arbeit Tatjanas dann noch sehr viel über die Bemühungen der feindlichen Länder, humanitäre Austauschaktionen zwischen den kriegführenden Ländern hinzubekommen sowie von der absoluten Tatenlosigkeit und dem vollkommenen Schweigen der Sowjetunion angesichts dieser Bemühungen. Lange kann die Information über ihren Mann verborgen bleiben bzw. werden die Behörden ihr gegenüber nicht tätig, aber eines Tages dann wird sie doch verhaftet und von ihrer Tochter getrennt. Viele Jahre verbringt sie im Lager, immer auf der Suche nach Möglichkeiten, etwas über den Verbleib von Mann und Tochter ausfindig zu machen. Nach vielen, vielen Jahren wird sie amnestiert und kann das Lager verlassen und verbringt auch den Rest ihres Lebens damit, ihre Suche fortzusetzen sowie ihre Verfehlung einem Fremden gegenüber, der statt ihres Mannes in der Liste der Gefangenen in Rumänien seinen Namen geben musste, irgendwie aufzuarbeiten. Sie betreibt viel Archiv- und Recherchearbeit, an der uns Filipenko intensiv mit teilhaben lässt, findet eine gleichgesinnte Freundin mit ähnlichem Schicksal und letztlich auch ihren Nachbarn Sascha, an den sie nach überwundenem Widerwillen ihre Leidenschaft, gegen das Vergessen anzuarbeiten, weitergeben kann.
    Mein Fazit:
    Das Buch war für mich ein echter Pageturner, denn eine Literatur „Gegen das Vergessen“ der Sowjetunion ist längst und in großem Maße überfällig und ausstehend. Natürlich gab es die Lagerliteratur von Solschinizyn und einige wenige andere Romane, aber von Aufarbeitung dieser Zeit kann weder politisch noch literarisch auch nur ansatzweise die Rede sein. In der Jelzin- und Gorbatschow-Zeit wurden die KGB-Archive für kurze Zeit geöffnet und von engagierten Bürgern sehr aktiv genutzt. Aber nur wenige Jahre später wurde dies alles bis zum heutigen Tag wieder rückgängig gemacht und die engagierten Bürger sahen sich wieder mit enormen staatlichen Widerständen und auch persönlichen Gefähdungen konfrontiert. Das Thema, dass heimkehrende Kriegsgefangene als Landesverräter behandelt und in neue Lager kamen und deren Familien gleich mit verfolgt wurden, ist in der Sowjetunion erst sehr spät überhaupt zum Thema gemacht worden.
    Filipenko hat unter höchstwahrscheinlich eigenen persönlichen Gefährdungen mit diesem Buch eines der wenigen geschrieben, die wir der Liste „Gegen das Vergessen“ gegenüber diesem historischen Kapitel zuordnen können. Ein ungemein wichtiger Beitrag. Deshalb verzeihe ich ihm auch einige Konstruktionsschwächen in Handlung und Form des Romans und spende ihm großen Applaus mit guten und starken 4 Sternen.

  1. Eine Geschichte der Angst

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 16. Mär 2020 

    Minsk im Jahr 2001: Kaum ist der 30-jährige Alexander in die neue Wohnung eingezogen, da lernt er bereits seine Nachbarin kennen. Die 91-jährige Tatjana Alexejewna ist körperlich zwar ansonsten noch ganz fit, doch ihre Alzheimer-Krankheit raubt ihr mehr und mehr ihre Erinnerungen. Dabei hat sie viel zu erzählen, was nicht in Vergessenheit geraten soll. In der Vergangenheit hat die Seniorin ein Leben voller Schrecken geführt. Sie beschließt, ihre Geschichte ihrem Nachbarn anzuvertrauen, ohne zu wissen, dass der junge Fußballschiedsrichter selbst ein trauriges Schicksal zu verarbeiten hat…

    „Rote Kreuze“ ist ein Roman von Sasha Filipenko.

    Meine Meinung:
    Der Roman ist lediglich in Abschnitte, nicht jedoch in Kapitel eingeteilt. Erzählt wird im Präsens in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Alexander. Darüber hinaus gibt es aber immer wieder lange Monologe von Tatjana, wobei die Wechsel oft plötzlich kommen, was den Roman vor allem zu Beginn nicht so gut lesbar macht. Außerdem sind zwischendurch Gedichte, Briefe, Telegramme und sonstige Dokumente eingefügt. Diese wiederholen sich zum Teil inhaltlich und bremsen den Lesefluss, sodass ich es vorgezogen hätte, diese stärker komprimiert präsentiert zu bekommen oder sie in einem Anhang zu finden.

    Der Schreibstil ist recht nüchtern und schnörkellos, aber dennoch eindringlich. Es gibt viel wörtliche Rede und wenige beschreibende Passagen. Wie Alexander selbst wird der Leser sehr direkt in die Erzählungen Tatjanas geworfen. Dennoch lässt sich die Geschichte gut nachverfolgen.

    Mit Alexander und Tatjana stehen zwei gegensätzliche Protagonisten im Vordergrund, die zwar sehr reizvoll ausgestaltet sind, mir aber nicht gleich sympathisch waren. Mit der unhöflichen, abweisenden Art des jungen Mannes und dem penetrant aufdringlichen Verhalten der alten Frau hatte ich zu Beginn so meine Probleme. Später erfährt der Leser jedoch ihre Beweggründe und kann die Gedanken und Gefühle der beiden sehr gut nachvollziehen. Nur in einem Punkt erscheint mir das Denken Tatjanas ziemlich naiv und unlogisch.

    Ein großes Plus des Romans ist seine wichtige Thematik. Mit der Geschichte Tatjanas lenkt der Autor die Aufmerksamkeit auf die unmenschlichen Schrecken und Grausamkeiten des Sowjetregimes zu der Zeit Stalins. Er betreibt damit Aufklärung und Aufarbeitung zugleich, indem er ein Kapitel der russischen Historie wieder in den Fokus rückt, das bei vielen seiner Landsleute bereits verdrängt worden ist. Ich selbst konnte durch die Lektüre vieles über die Vergangenheit der damaligen UdSSR lernen. Sie hat mich erschüttert und zum Nachdenken angeregt. Die sehr fundierte Recherche des Autors ist dem Roman an vielen Stellen anzumerken. Ebenfalls positiv aufgefallen ist mir, dass sich das Motiv des Kreuzes immer wieder in sprachlicher und inhaltlicher Sicht durch den Roman zieht.

    Das für den Verlag typische Cover passt gut zum Roman. Den knappen Titel, der mehrdeutiger ist als zunächst gedacht, finde ich sehr gelungen.

    Mein Fazit:
    Mit „Rote Kreuze“ hat mich Sasha Filipenko zwar nicht in allen Aspekten gänzlich überzeugt. Dennoch wird sein Roman noch lange Zeit in mir nachhallen. Eine empfehlenswerte Lektüre.

  1. Rasante Lebensgeschichte in Zeiten des Stalin Terrors

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 15. Mär 2020 

    Alexander ist ein junger Mann, der sein altes Leben ein Stück weit hinter sich lassen und neu anfangen will. Zu diesem Zweck bezieht er eine neue Wohnung. Direkt neben ihm lebt die 91-jährige Tatjana. Sie drängt sich ihm zunächst auf, kokettiert mit ihrer Demenzerkrankung und lädt ihn auf eine Tasse Tee zu sich ein. Was zunächst holprig beginnt, fängt Alexander an in Bann zu ziehen: Denn die alte Dame möchte unbedingt ihr Leben und dessen tragische Ereignisse loswerden, bevor sie dem Vergessen anheim fallen: „Ja, das wird alles schnell zu Ende gehen… In einem Monat oder zwei… Sehr bald wird von mir, meinem Schicksal, nichts übrig sein. Denn Gott verwischt die Spuren.“ (S. 13)

    Tatjana verbrachte ihre ersten Lebensjahre in London, Moskau und Genf, bis sie 1929 in Moskau ein Studium beginnt. Ihr Vater war ein idealistischer Kommunist und Geschäftsmann. Dieser Tatsache hat sie es zu verdanken, dass sie eine Stelle als Übersetzerin und Sekretärin im Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten (NKID) bekommt. Sie genießt die aufregende Arbeit. Schließlich verliebt sich sich in Ljoschka, heiratet ihn und bekommt eine Tochter, Assja. Wa s Tatjana dann erzählt, über die (Vor-)Kriegsjahre, über das Leben unter Stalin, über die Säuberungen und Verhaftungen klingt schier unglaublich: „Na ja, ich sag Ihnen doch, sie haben ihn nicht verhaftet. Solche Jahre waren das – die Jahre des großen Terrors, aber damit auch die Jahre der glücklichen Fügungen.“ (S. 44) Jeder verdächtigt jeden. Tatjana und ihr Mann sind schon aufgrund ihrer westeuropäischen Geburtsorte potentielle Spione, beide müssen sich hüten aufzufallen. Als Deutschland 1941 in Russland einmarschiert, muss Ljoschka an die Front. Nur zwei Briefe erreichen seine Frau, die erst in den 80er Jahren Sicherheit über seinen Verbleib bekommt.

    Während des Krieges arbeitet Tatjana weiter beim NKID. Vertraulichste Dokumente gehen über ihren Schreibtisch. Eines Tages erhält sie eine Liste mit in rumänische Gefangenschaft geratenen russischen Soldaten und entdeckt darauf den Namen ihres Mannes. Freude wird von Angst verdrängt: Kriegsgefangene gelten unter Stalin als Volksfeinde und Verräter. Nicht nur haben sie keine Hilfe ihres Heimatlandes zu erwarten, sondern auch ihre Familien geraten in Sippenhaft, werden gefangen genommen oder in Arbeitslager verschickt, die für Tausende Menschen den sicheren Tod bedeuten. Vor diesem Hintergrund trifft Tatjana eine Entscheidung, die ihr gesamtes weiteres Leben beeinflussen wird…

    Was Tatjana in Folge erlebt, ist unglaublich. Es liest sich spannend wie ein Krimi. Filipenko hat seine Geschichte gründlich recherchiert. Er fügt zahlreiche Originalquellen und Briefe ein, die die drakonischen Maßnahmen der russischen Regierung belegen. Dem Roten Kreuz kommt dabei besondere Bedeutung zu, schließlich hat sich diese Organisation stets um die humanitäre Versorgung von Kriegsgefangenen und deren Austausch bemüht. Das Symbol des Kreuzes durchzieht den gesamten Roman.

    Auch Alexander ist eine zutiefst verletzte Seele. Jung an Jahren hat er bereits einen schweren Schicksalsschlag verkraften müssen. Vielleicht ist das, was die beiden ungleichen Nachbarn verbindet, was Verständnis füreinander schafft.

    Ich habe diesen Roman regelrecht verschlungen. Er hat mein spärliches Wissen über das Stalinistische Russland aufgefrischt und ergänzt. Er hat mich gefangen genommen, in eine vergangene Zeit entführt. Gerade das Ende hält noch überraschende, dramatische, berührende Wendungen bereit, die zum rasant-spannenden Stil der Lektüre passen. Erschreckend ist, dass die Aufklärung der eigenen Geschichte nach der Regentschaft Boris Jelzins wieder ins Stocken gekommen ist. Noch heute scheint es einige ewig Gestrige zu geben, die die vielen Verfolgungen, Hinrichtungen und Gefangennahmen mit einem saloppen „selbst schuld“ abtun. Insofern hat Filipenko einen wichtigen Roman gegen das Vergessen geschrieben, dem ich eine große Aufmerksamkeit wünsche.

    Warum kein fünfter Stern? Meine Kritikpunkte betreffen die etwas überbordende Dramaturgie an Stellen, wo es nicht nötig gewesen wäre. Ich nehme der 91-jährigen Seniorin zum Beispiel ihre kokette Alzheimer-Erkrankung nicht ab. Dazu erinnert sie sich zu akribisch an Orte, Daten und Fakten ihrer bewegten Vergangenheit. Auch Alexanders Schicksal war mir persönlich etwas zu heftig, etwas zu plakativ… Aber in Summe ist das „Jammern auf hohem Niveau“ und zahlreiche Leser/innen werden das vermutlich anders beurteilen.
    Ob nun vier oder fünf Lesesterne: Leute, lest dieses Buch! Es lohnt sich!