Romeo und Romy

Buchseite und Rezensionen zu 'Romeo und Romy' von Andreas Izquierdo
4.25
4.3 von 5 (4 Bewertungen)

Romy könnte eine große Schauspielerin sein, aber niemand sieht sie, denn sie ist nur die Souffleuse. Aber auch das nicht lange, denn nach einem harmlosen Flirt mit Hauptdarsteller Ben, dessen einzige schauspielerische Glanzleistung sein Auftritt als "Frischedoktor" in einem Waschmittelspot ist, wird sie gefeuert. Und Ben kurz nach ihr.

Romy kehrt zurück in ihr winziges Dorf, um dort ihr Erbe anzutreten. Hier leben nur noch Alte. Und die haben sich in den Kopf gesetzt, rasch das Zeitliche zu segnen, denn auf dem Friedhof sind nur noch zwei Plätze frei. Wer da zu spät kommt, muss auf den Friedhof ins Nachbardorf. Und da gibt es - wie jeder weiß - nur Idioten.

Romy schmiedet einen tollkühnen Plan: Sie will mit den Alten ein elisabethanisches Theater bauen. Aus der gammeligen Scheune hinter ihrem Hof. Und mit ihnen Romeo und Julia auf die Bühne bringen. Sie haben kein Geld, keine Erfahrung, aber einen Star: Der "Frischedoktor" soll Regie führen! Ben ist begeistert: Regisseur! Das könnte unter Umständen der erste Job werden, den er nicht voll gegen die Wand fährt.

Format:Taschenbuch
Seiten:491
Verlag: Insel Verlag
EAN:9783458361411

Rezensionen zu "Romeo und Romy"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 26. Nov 2016 

    Wir bauen ein Theater

    Deprimiert kehrt Romy zurück in ihren sächsischen Heimatort. Sie war ausgezogen, um eine große Schauspielerin zu werden. Geschafft hat sie es zur Souffleuse und auch diesen Job hat sie verloren, nachdem man ihr während der Vorstellung mitgeteilt hat, dass ihre liebe Großmutter verstorben ist. Romy möchte sie nur noch verkriechen. Dennoch ist sie ziemlich geschockt als sie mitbekommt, dass die lieben Menschen, unter denen sie aufgewachsen ist, kaum noch einen anderen Gedanken hegen, als den, wer eines der letzten drei Grabplätze auf dem örtlichen Friedhof einnehmen wird. Oma Lene hat den Anfang gewagt und sich einfach den drittletzten Platz gesichert. Das Dorf stirbt aus, es wohnen nur noch alte Menschen dort.

    Romy kann es kaum glauben, wie sich die einst heimelige Stimmung in ihrer alten Heimat verändert hat. Die Einwohner trachten nach ihrem eigenen Tod. Es ist wie ein Wettlauf auf die beiden noch verbliebenen Gräber. Der Tod kommt sowieso, ändern kann man nur das Leben davor. Wie kann Romy die Stimmung im Dorf verändern? Und wie ihr eigenes Scheitern überwinden? Romy hat die geniale Idee die alte Scheune in ein elisabethanisches Theater umzubauen. Und das ganze Dorf soll mitmachen. Es wäre doch gelacht, wenn das nicht gelingen sollte.

    Man spürt den Ruck, der durch das Dorf geht. Manchmal zwar eher zögernd oder gar widerwillig beschäftigen sich die alten Leute mit der Idee, an diesem gemeinsamen Projekt mitzuwirken. Vielleicht merken sie selbst zunächst kaum wie sie sich verändern. Doch ein Ziel vor Augen zu haben, gibt ihnen einen Teil ihrer jugendlichen Energie zurück. Es wird begonnen aufzuräumen, zu messen, zu sägen und zu hämmern. Mit Freude betrachtet man wie es mit dem Umbau vorangeht. Und Romy nutzt die Zeit, sich wieder zu hause in ihrer Dorffamilie zu fühlen. Ihr ehemaliger Kollege Ben, der früher etwas mehr als ein Kollege war, wird schließlich auch Teil des Plans. Werden sie es wirklich schaffen, in der tiefsten Provinz die Aufführung von „Romeo und Julia“ zu stemmen?

    Es ist nicht nur der Bau des Theaters und das Einüben des Stücks, jede der handelnden Personen bekommt ihre Geschichte, sei sie tragisch oder melancholisch, dramatisch oder komisch oder eine Mischung aus alledem. Und so werden sie sympathisch, diese Leutchen mit ihren Fehlern und Schrullen und Wünschen und Träumen. Wenn auch vielleicht etwas zu viel hineingepackt ist an Tragik und Dramatik, so bleibt doch genug Freude am erhofften Gelingen des gemeinsamen Vorhabens. Und schließlich auch an der Liebesgeschichte, die sich fast hintenrum einschleicht und eigentlich mit dem Ende erst beginnt.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 07. Jul 2016 

    Romeo und Romy

    Der Roman Romeo & Romy hat mir im großen und ganzen sehr gut gefallen.
    Die Personen harmonieren sehr gut miteinander, auch wenn es immer wieder Konflikte gibt.
    Mit dem Hauptcharakter Romy konnte ich mich sehr gut identifizieren, das sie sehr zielstrebig und deshalb oftmals auch etwas bestimmerisch und energisch scheint. Doch als Leser merkt man ganz klar dass unter dieser harten schale eigentlich ein weicher Kern ist, der nur zu viel Angst davor hat von ihren Mitmenschen im Stich gelassen zu werden.
    Die Alten, die mit ihr zusammen in dem kleinen Dorf leben, sind super liebenswert. Es ist äußerst amüsant zu sehen, wie die Alten sich um die letzten verbliebenen Plätze auf dem Friedhof streiten, und bei Lenes Tod super eifersüchtig sind.
    Man schließt diese Menschen so ins Herz, dass man bei ihren Schicksalen sehr mitfühlt und manchmal sogar zu tränen gerührt ist.
    Das einzige was mir nicht sehr gut gefallen hat, dass jeder einzelne Schritt beim Bau des Theaters bis ins letzte Detail beschrieben wird, und sich die Mitte des Buches deshalb sehr n die Länge zieht.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 18. Mai 2016 

    Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum...

    Es gibt Situationen im Leben, da steht man plötzlich vor einem großen Scherbenhaufen - und alles was man sich erträumt hat, scheint unwiderruflich vorbei. So geht es jedenfalls auch der jungen Romy, die davon geträumt hatte, als große Schauspielerin berühmt zu werden. Immerhin hat es beim Theater zum Posten der Souffleuse gereicht - doch selbst diese Stellung ist sie los, nachdem sie auf harmlose Weise mit Ben, dem Hauptdarsteller des Theaterstücks, geflirtet hat. Und als ob das nicht genügte, erreicht Romy auch noch die Nachricht vom Tod ihrer Großmutter.

    Also fährt sie mit ihren paar Habseligkeiten zurück in ihr kleines Heimatdorf an der tschechischen Grenze, um die Beerdigung sowie die Erbschaftsangelegenheiten zu regeln. In die Trauer um ihre Großmutter mischt sich die Wiedersehensfreude mit den Dorfbewohnern - alles alte Menschen, denn die jungen sind längst fortgezogen. Doch rasch stellt Romy fest, dass die Alten keine Lebensfreude mehr zu haben scheinen. Ganz im Gegenteil: sie scheinen es geradezu darauf anzulegen, baldmöglichst das Zeitliche zu segnen. Weshalb, begreift Romy erst, als sie versteht, warum einige der Dorfbewohner auf ihre verstorbene Großmutter auch ein wenig sauer sind. Diese hat so schließlich einen der allerletzten Plätze auf dem heimischen Friedhof belegt - erweitern lässt sich der beim besten Willen nicht mehr, und nur noch die nächsten zwei Verstorbenen werden dort ihre letzte Ruhestätte finden können, alle anderen müssen auf den Friedhof im Nachbardorf. Und das will eben niemand.

    Romy beginnt den Wettlauf um den Tod bald zu fürchten, und so reift in ihr allmählich ein Plan, um den Alten die Lebensfreude wiederzubringen - und sich selbst ganz nebenbei genauso. Die alte, halb verfallene Scheune auf dem Hof der verstorbenen Großmutter soll nicht länger ein trauriges Dasein fristen. Romy will sie gemeinsam mit den Dorfbewohnern umbauen zu einem elisabethanischen Theater - und dann soll dort ein Stück gespielt werden, das besser nicht passen könnte: Romeo und Julia...

    Und wie wäre das Stück wohl weitergegangen, wenn den beiden die Flucht vor ihren Familien gelungen wäre? Hätten sie glücklich in einem kleinen Dorf irgendwo in Venetien gewohnt? Hätte Julia den Haushalt besorgt, obwohl sie als höhere Tochter weder kochen konnte noch je einen Fußboden gewischt hatte? Und wäre er morgens zur Arbeit gegangen, obwohl er als verwöhntes Bürschchen aus reichem Haus nicht mal theoretisch wusste, wie man einen Hammer hielt? (...) Was wäre, wenn das Liebespaar nicht drei Tage, sondern dreißig Jahre miteinander verbracht hätte? Hatte Shakespeare der Welt verschwiegen, dass Selbstmord weit weniger Mut erfordert als ein Leben zu zweit zu führen? (S.276/277)

    Reichlich blauäugig begibt sich das Dorf an den Umbau der Scheune, und erwartungsgemäß kommt es dabei immer wieder zu Problemen - in der Anhäufung für meinen Geschmack etwas zu reichlich, aber der Wille, diesen Traum zu verwirklichen, ist bewundernswert. Erstaunliche Themen kommen durch die gemeinsame Aufgabe zutage, reichlich Überraschungen inbegriffen, aber eines ist gewiss: Todessehnsucht verspürt da bald niemand mehr. Dennoch ist es ein Wechselbad der Gefühle, das uns Andreas Izquierdo hier präsentiert, eine wechselvolle Mischung aus skurrilen, absurden, witzigen, makabren, warmherzigen, bedrückenden und traurigen Szenen. Während in der ersten Hälfte eher eine humorvolle Leichtigkeit dominiert, schlägt das ganze in der zweiten Hälfte durch die Wahl der zahlreichen Themen phasenweise sehr ins Ernste um.

    Sie legte auf und hatte das erste Mal ernste Sorgen, dass das Projekt einfach viel zu groß für sie alle war. Und dass große Träume nur Menschen mit großen Möglichkeiten vorbehalten waren. Und dass kleine Leute besser klein träumen sollten. Oder gar nicht. (S. 132)

    Eine Vielzahl an interessanten und oft recht schrägen Charakteren begegnet dem Leser hier in dem Roman, und vielen davon kommt im Verlaufe der Geschichte eine wichtige Rolle zu. Durch diese Vielzahl bleibt die Tiefe des Geschehens in meinen Augen manchmal ein wenig auf der Strecke, jedoch wird die bunte Mischung der Dorfbewohner so sehr bildhaft vor Augen geführt.

    Auch wenn ich anfangs etwas Mühe hatte, in die Geschichte einzutauchen, empfand ich die Lektüre auch dank des flüssigen Schreibstils sowie der immer wieder eingestreuten Situationskomik insgesamt als sehr angenehm. Eine Erzählung um Träume und das Leben, um Liebe und Heimat und darum, dass letztlich jeder das Heft seines Lebens selbst in die Hand nehmen kann.

    Ein Buch für jung und alt - denn frischen Lebensmut kann schließlich jeder gebrauchen.

    © Parden

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 07. Mai 2016 

    Kleinzerlitzscher Theatersommer

    Romy ist Schauspielerin mit Leib und Seele, leider hat es bei Vorsprechen noch nicht so recht geklappt und so hat sie zwar ein Theaterengagement, aber bislang im Souffleurkasten. Da ist sie die gute Seele des Theaters, bis zu dem Augenblick als sie durch ein Missgeschick mitten in einer Aufführung vom Tod ihrer Oma erfährt und fast die Vorstellung zum Platzen bringt. Das kostet sie ihren Job und wenig später hat auch der Romeodarsteller Ben keinen Vertrag mehr.
    Romy fährt nach Großzerlitsch, ein Kaff, dass aus der Zeit gefallen scheint und in dem fast nur noch Alte leben, die auf den Tod warten und da überkommt sie die Erleuchtung: aus der alten Scheune von Oma Lenas Anwesen wird ein Elisabethanisches Theater und dort wird sie endlich die Julia sein! Auch wenn die Schwierigkeiten turmhoch scheinen, es fehlt an allem nur nicht an Romys Optimismus mit dem sie ein schlafendes, ja fast sterbendes Dorf aufrüttelt.
    Dieser Roman ist selbst ein Theaterstück, es ist alles da, was man für 3 Akte braucht: enttäuschte Liebe, Intrigen, Betrug, Tod und Verrat, Leidenschaft und Liebesglück und natürlich auch mindestens einen Romeo und seine Julia.
    Und genau wie in einem Theaterstück kann sich der Leser verzaubern lassen, er will gar nicht hinter die Kulissen schauen und die Geschichte nach Realität und Glaubwürdigkeit abklopfen. Der Roman balanciert auf dem schmalen Grat zwischen Unterhaltung und Kitsch und stürzt nie ab. Es ist die große Portion Humor und Lebensweisheit, die Izquierdo besonders den Alten im Dorf in den Mund legt und die aufs Beste unterhalten.Und wenn man nun denkt, man weiß wie es ausgeht, gibt es noch eine Wendung, die überrascht und der Geschichte auch einen nachdenklichen und tiefsinnigen Dreh gibt. Genau wie im Theater eben wo Tragödie und Komödie sehr dicht beieinander liegen.
    Ich habe mich für einige Stunden aufs Beste unterhalten und amüsiert.