Rendezvous und andere Alterserscheinungen: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Rendezvous und andere Alterserscheinungen: Roman' von Howard Jacobson
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3 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Rendezvous und andere Alterserscheinungen: Roman"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:400
EAN:9783608964578

Rezensionen zu "Rendezvous und andere Alterserscheinungen: Roman"

  1. Skurrile abgehobene Figuren. Mäßig humorvoll.

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 16. Mai 2021 

    Kurzmeinung: Völlig anders als erwartet. Aber so was von anders.

    Howard Jacobson ist ein renommierter Schriftsteller in Großbritannien. Wikipedia schreibt über ihn: „Howard Jacobson erhielt im Jahr 2010 mit dem Booker Prize für seinen Roman "The Finkler Question" den wichtigsten britischen Literaturpreis, in dessen Longlist in den Vorjahren bereits zweimal Romane von ihm erschienen waren."

    Deshalb hatte ich an den ersten Roman, den ich von ihm lese, zugegeben ein Spätwerk, hohe Erwartungen. Sollte man. Nicht haben.

    Die Story, die Howard Jacobson der Leserschaft präsentiert, lebt von langen und teilweise ermüdenden Dialogen zwischen zwei hochbetagten Menschen. Den weiblichen Part übernimmt Beryl Dusinberg, eine herrische Dame mit leicht rassistischen Anwandlungen und mit Lücken im Gedächtnis. Den männlichen Part bekommt Shimi Carmelli zugeschrieben, er ist ein Herr mit riesigen Minderwertigkeitskomplexen einerseits, die aus seiner Kindheit stammen, andererseits ist er ein überheblicher Sonderling.

    Der Kommentar:
    Von der Reife des Alters und seiner Weisheiten, davon steht in dem Buch kaum etwas. Eher nichts. Ich füchte, da ist ein schwarzes Loch diesbezüglich. Humor ist vorhanden, aber dünn. Manchmal fällt ein Satz, über den man ein wenig lächelt, wenn die resolute Beryl zum Beispiel sagt „Chronologie ist etwas für Hänflinge“. Sie fährt dann fort „Für mich zählt einzig ewige Wahrheit und ewige Wahrheit ist keiner zeitlichen Ordnung unterworfen“. Fein, jetzt könnte es ja losgehen mit der Philosophiererei. Aber was sich die beiden Herrschaften anschließend erzählen ist nichts anderes als das, was sich auch andere Leute erzählen, nämlich, wie sie gelebt haben. Davon abgesehen traut man einer dementen Dame nicht zu, dass sie so hochgestochen daherredet.

    Manche politischen Seitenhiebe sind bedingt lustig: „Ein Kind zur Welt zu bringen, seinen Geist zu schärfen und ihm alles beizubringen, was man weiß, nur um dann zusehen zu müssen, wie es der Labour Party beitritt, besser Sie erfahren nie, was das für ein Gefühl ist.“ Beißen sich Briten jetzt wirklich ins Fäustchen?

    Was in dem Roman völlig fehlt, sind Zeitbezüge und Sätze, die man anmarkern und zitieren könnte. Wenn man neunzig Jahre alt ist und darüber, hat man einiges miterlebt. Doch von Zeitgeschichte kein Wort. Das ist die wahre Schwäche des Buches, dass es sich einzig und allein auf die Befindlichkeiten dieser beiden Menschen ausrichtet. Wie gerne hätte man erfahren, wie Beryl und Shimi zum Brexit stehen, zur sozialen Frage oder anderen drängenden Problemen unserer Tage. Nichts!

    Mrs. Dusinberg wird vom Erzähler durchgängig als „die Prinzessin“ bezeichnet und trifft damit sicherlich deren Selbstbild, sie wird also trefflich charakterisiert. Doch dem Leser ist klar, sie ist eine echte B..ch. Mr. Carmelli indes bleibt seltsam konturlos, obwohl wir auch über ihn einiges erfahren.

    Über das Alter lernt man nichts in diesem Roman, sein Humor ist britisch oder dünn, das mag dahingestellt sein, die Unterhaltungen sind abgehoben, oft kaum verständlich, geschichtlicher Hintergrund Fehlanzeige. Charaktere darstellen, das kann er allerdings, der Herr Jacobson. Was bleibt? Die Erfahrung, Howard Jacobsons Stil kennengelernt zu haben. Snobistisch bis skurril. Womöglich sind es aber nur seine Figuren. Das ist für mich bei diesem Roman ununterscheidbar.

    Fazit: Briten sind humoristisch wohl anders aufgestellt.

    Kategorie: Belletristik
    Verlag: KlettCotta, 2021