Reise durch ein fremdes Land: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Reise durch ein fremdes Land: Roman' von David Park
4.5
4.5 von 5 (4 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Reise durch ein fremdes Land: Roman"

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:200
Verlag:
EAN:9783832180027

Rezensionen zu "Reise durch ein fremdes Land: Roman"

  1. Intensive Auseinandersetzung mit einem verlorenen Sohn

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 16. Okt 2021 

    Nordirland ist im Schnee versunken, der Flugverkehr wurde eingestellt. Trotz widriger Wetterverhältnisse beschließt Ich-Erzähler Tom, seinen im rund 400 km entfernten Sunderland (an der Ostküste Englands) studierenden Sohn Luke mit dem Auto an Weihnachten nach Hause zu holen. Mutter Lorna sorgt sich, weil sich Luke offenbar eine schwere Grippe zugezogen hat. Fast heroisch bricht der Vater auf. Als Leser spürt man sehr schnell die tiefere Bedeutung dieser Unternehmung. Tom nimmt bewusst Gefahren auf sich, um den Sohn zu „retten“. Was zunächst vollkommen übertrieben erscheint, bekommt im Verlauf der Geschichte einen tieferen Sinn. Neben der 10-jährigen Tochter Lilly hat das Ehepaar nämlich noch ein weiteres Kind, den ältesten Sohn Daniel. Um ihn kreisen Toms Gedanken auf der Reise, der Leser wird lange im Unklaren darüber gelassen, was konkret die Ursachen für Toms offensichtliche Schuldgefühle sowie für sein Bedürfnis mit dieser Reise etwas wieder gutmachen zu wollen, sind. Daniel ist das beherrschende Thema in Toms Gedankenstrom:

    „Manchmal blitzt er beim Autofahren im Augenwinkel auf, und manchmal ist er kurz vor dem Einschlafen da, aber immer ein Stück entfernt, und ich frage mich, soll ich aufstehen und nachsehen, ob die Tür auch wirklich nicht verriegelt ist, damit er nach Hause kommen kann, wenn er will.“ (S.24)

    Der Roman hat mehrere Ebenen. Neben den beiden Erzählebenen, die einerseits aus den Erlebnissen und Begegnungen Toms auf der beschwerlichen Reise und andererseits aus seinen erwähnten Reflexionen bestehen, ergibt sich eine tiefere Metaphorik. Der Schnee, die Gefahren durch Eis und Glätte, die Suche nach dem richtigen Weg – in vielem steckt hier Mehrdeutigkeit. Die Reise zum Sohn wird zur Reise ins eigene Selbst.

    Tom berichtet über wesentliche Ereignisse aus seinem Familien- und Berufsleben als Fotograf, der immer durch eine Linse schaut und nur einen eingeschränkten Blick auf die Welt hat. Seine Erinnerungen springen durch die Zeit und wirken tatsächlich wie eingefangene Momentaufnahmen. Nach und nach komplettiert sich aber das Gesamtbild, zeigt sich Ursache und Wirkung.

    „Die Leute verstehen nicht, was ein Foto ist. Sie glauben, es würde den Augenblick einfrieren, dabei befreit es ihn aus der Zeit. Was die Kamera erfasst hat, tritt für immer heraus aus dem unaufhaltsamen Lauf der Zeit. Es wird immer da sein, immer genau so leben, wie es exakt in dieser einen Sekunde war, mit demselben Lächeln oder Stirnrunzeln, derselben Himmelsfärbung, demselben Licht- und Schattenfall, demselben Gedanken und Herzschlag.“ (S. 175)

    Tom reflektiert auch seine eigene Person kritisch. Er hat wenig Heldenhaftes an sich, beschreibt sich als schwach, zu Depressionen neigend, oft den Weg des geringsten Widerstands gehend. Er möchte ein guter Vater und Ehemann sein, der Schaden von seiner Familie fernhält. In diesem Bewusstsein ist er unterwegs, das ist sein Mantra. Wenn es ihm gelingt, Luke rechtzeitig zum Weihnachtsfest nach Hause zu holen, kann er Vergebung finden. Aber was ist konkret geschehen, von dem außer ihm niemand weiß und das sein Gewissen enorm belastet?

    „Ich kann die Schuld, die er mir zuschreibt, nicht mehr auf mich nehmen, denn sie würde mich so tief runterziehen, dass ich nie wieder auf die Beine käme.“ (S. 44)

    David Park führt den Leser sehr langsam und in Umwegen an den Kern seiner Geschichte heran. Man braucht etwas Geduld. Es passiert nicht viel, dennoch entwickelt sich ein starker Sog. Die Sprache ist ein Genuss, ich würde sie als extrem bildlich, ausdrucksstark, intensiv und fast lyrisch bezeichnen. Die Beschreibungen der verschneiten Landschaft, die Fragmente seiner Erinnerung, die aktuellen Erlebnisse während der Reise – alles wird in vielfältigen Details ausgeleuchtet, die die Vorstellungskraft des Lesers befeuern. Das in diesem Maße zu beherrschen, ist große Schreibkunst. Der Autor hat eine phänomenale Beobachtungsgabe, man findet unzählige tiefgründige, nachdenkenswerte Sätze. An dieser Stelle sei die gelungene Übersetzung von Michaela Grabinger, die gewiss keine leichte Aufgabe war, ausdrücklich hervorgehoben.

    Das Buch erfordert einen aufmerksamen Leser und passt wunderbar in die dunkle, winterliche Jahreszeit. Ich habe mich völlig in dieser ruhigen, melancholischen Erzählung verlieren können, die aus meiner Sicht ein kleines Meisterwerk ist und gewiss noch Literaturpreise gewinnen wird. Hoffentlich macht der DuMont Verlag dem deutschen Publikum noch weitere Werke von David Park zugänglich.

    Riesengroße Lese-Empfehlung an alle Leser, die das Besondere schätzen und sich gerne mit einer intensiven, vielschichtigen und sehr atmosphärischen Geschichte auseinandersetzen wollen.

  1. Eingefrorene Kameralinse

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 03. Okt 2021 

    Klappentext:

    „Von Beruf Fotograf sieht Tom die durch den Winter zum Erliegen gekommene Welt um sich herum wie durch die Linse seiner Kamera. Schon immer hat er sein Leben auf diese Art betrachtet, und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass er es anhand von Fotografien erzählen kann. All diese Bilder kommen ihm nun in den Sinn: das erste Foto, das er von seiner Frau geschossen hat, die Aufnahmen von Familienfeiern, die ihm seinen Lebensunterhalt sichern, und diejenigen, die er stets zu machen geträumt hat, Fotos jenseits der gängigen Sehgewohnheiten.

    Tom hat sich längst damit abgefunden, dass er kein großer Künstler ist. Doch wie soll er damit leben, dass er kein perfekter Ehemann ist? Und dass er vor allem seinem anderen, seinem ältesten Sohn Daniel kein guter Vater war? Tief in seiner Kamera versteckt, gibt es ein Foto von Daniel, das Toms ganze Schuld und ganzes Leid zeigt. Je intensiver Toms innere Zwiegespräche mit Daniel auf dieser Reise werden, desto mehr hofft er, Erlösung und Vergebung zu finden.“

    Autor David Park hat mit „Reise durch ein fremdes Land“ eine äußerst lesenswerte und intensive Geschichte verfasst. Seinen Protagonisten Tom lernen wir deutlicher kennen als er es selbst tut. Tom sieht alles durch seine Linse der Kamera und genau dies wird beim erlesen eine sehr intensive Erfahrung für den Leser. Tom hat ein besonderes Sichtfeld zu allen Dingen, so auch zu seiner Familie und seiner Umgebung. Er hält Dinge fest und auf dem Foto sind dann dieser eine Moment mit dem entsprechenden Hauptakteur verewigt. Man kann es als Metapher ansehen oder als den eigentlichen Beruf von Tom aber erschreckender ist es, als wir Leser feststellen müssen, das Tom‘s Blick darauf hin ein anderer geworden ist. Wir reden hier nicht von Betriebsblindheit sondern vom „hinsehen“ auf das Leben und seine Akteuere umzu. Ohne diesen Blick, ohne diese Beobachtungsgabe verlieren Menschen die Realität aus den Augen und genau darauf will Park hier hinaus. Hier geht es um die Suche nach dem Blick hinter die Kamera, auf den Blick ganz tief in den Bildern, auf die Situation die da festgehalten wurde, denn sie läuft weiter, auch ohne das ein Bild gemacht wurde…Wir Leser merken schnell, dass Tom einen gewissen „Film nicht entwickelt“ hat, weil er es einfach nicht kann….Es gibt hier eben Dinge, die Tom gern verdrängt, ausblendet, überbelichtet, retuschiert, unterbelichtet…um in der Fachsprache der Fotografie zu sprechen.

    Tom‘s Erinnerungen scheinen unter dem Schnee, der in diesem Buch genau wie auf dem Cover allgegenwärtig ist, begraben zu sein. Das er seinen kranken Sohn an Weihnachten bei sich haben will, ist dies verständlich und auch noch so viel mehr. Der Schnee wird hier zum Schutzmantel der Geschichte und zeigt mit jeder Flocke wie vergänglich alles ist - das kann man nicht in Bildern festhalten, genau wie das Leben an einem vorbei zieht und alles vergänglich ist…“Bilder sagen mehr als tausend Worte“ aber sie können nur den Moment festhalten und nicht den Weitergang zeigen…

    David Park hat hier einen kühlen, feinstimmigen und äußerst intensiven Roman verfasst, der sehr nachhallt und zum nachdenken viele Anregungen gibt. Für mich jedenfalls eine ganz tolle Leseerfahrung und genau deshalb gibt es sehr gute 4 von 5 Sterne!

  1. Sprachgewaltig und von emotionaler Wucht - eine Entdeckung!

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 27. Sep 2021 

    Von Beruf Fotograf sieht Tom die durch den Winter zum Erliegen gekommene Welt um sich herum wie durch die Linse seiner Kamera. Schon immer hat er sein Leben auf diese Art betrachtet, und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass er es anhand von Fotografien erzählen kann. All diese Bilder kommen ihm nun in den Sinn: das erste Foto, das er von seiner Frau geschossen hat, die Aufnahmen von Familienfeiern, die ihm seinen Lebensunterhalt sichern, und diejenigen, die er stets zu machen geträumt hat, Fotos jenseits der gängigen Sehgewohnheiten. Tom hat sich längst damit abgefunden, dass er kein großer Künstler ist. Doch wie soll er damit leben, dass er kein perfekter Ehemann ist? Und dass er vor allem seinem anderen, seinem ältesten Sohn Daniel kein guter Vater war? Tief in seiner Kamera versteckt, gibt es ein Foto von Daniel, das Toms ganze Schuld und ganzes Leid zeigt. Je intensiver Toms innere Zwiegespräche mit Daniel auf dieser Reise werden, desto mehr hofft er, Erlösung und Vergebung zu finden. (Klappentext)

    Erster Satz: "ich betrete das vereiste Land, ohne zu wissen, welchem Teil der Welt es angehört."

    Zu Beginn des Romans hatte ich kurz das Gefühl von übervorsorglichen Eltern, als Tom und seine Frau die letzten Vorbereitungen trafen, damit der Familienvater in aller Frühe endlich starten konnte, um einmal quer durch England zu fahren zu seinem grippeerkrankten Sohn. Ziel der Reise ist es, Luke trotz des heftigen Wintereinbruchs und der abgesagten Flüge rechtzeitig vor Weihnachten nach Hause zu holen und dort gesund zu pflegen.

    "Wir müssen ihn nach Hause bringen." Der Satz kann in dem vereisten Wagen nirgendwohin, hängt in der Luft und erstarrt zu Schweigen...

    Doch kaum hatte Tom die Wagentür zugeschlagen und nach anfänglich etwas unbeholfenen Versuchen endlich die Fahrt aufgenommen, tauchte ich wie mit einem Sog ein in die Erzählung, die, obschon im Grunde ein Kammerspiel, mich nicht mehr loslassen wollte. Abgesehen von wenigen zufälligen Begegnungen und Telefonaten mit seiner Frau und seinen Kindern ist Tom die ganze Zeit über alleine und fährt Kilometer um Kilometer durch ein schneebedecktes England, das ein so ganz anderes Bild bietet als sonst.

    Leise ist die Welt plötzlich, zusammengeschrumpft auf ein endloses Weiß, die Straße, deren Richtung die Stimme des Navis vorgibt, und Toms Gedanken. Die Gedanken springen von der Gegenwart und der gestellten Aufgabe, Luke zu erreichen und gemeinsam mit ihm heimzukehren, immer wieder in die Vergangenheit, und so entspinnt sich vor den Augen des Lesers ein Leben voller Bilder, denn Tom ist Fotograf und betrachtet die Welt meistens durch eine Linse. Aber es entpuppt sich nach und nach auch ein ganzes Leben, und was anfangs nur andeutungsweise auftaucht, wird letztlich zu dem alles beherrschenden Thema: Daniel, Toms älterster Sohn.

    "Ich stolpere schneeblind dahin, voller Angst, ich könnte jeden Augenblick in eine offene Spalte stürzen oder an der Felskante in die plötzliche Leere treten und mit rudernden Armen etwas zu fassen suchen, woran ich mich festhalten kann, um den unaufhörlichen Fall zu beenden."

    Was im Alltag gelingt - das Verdrängen von Gedanken, Erinnerungen, Gefühlen - schafft Tom nun auf seiner langen einsamen Fahrt durch die weiße Kälte nicht mehr. Anfangs versucht er noch, aufkommende Bilder durch laute Musik zu übertönen, doch schließlich überlässt er sich einzelnen Szenen der Vergangenheit, Bildschnipseln eines Familienlebens, das irgendwann in eine Schieflage geriet, eigenen Gefühlen von Trauer, Mutlosigkeit und Schuld, nur schwer zu ertragen.

    Sprachgewaltig, voller Metaphern und Bilder, poetisch und von emotionaler Wucht - so schickt David Park den Leser mit Tom gemeinsam auf die Reise zu dessen innersten Dämonen, bis auch das letzte versteckte Bild zutage tritt. Ein sehr leiser Roman, der jedoch die innere Dynamik einer Lawine entfaltet und den Leser ohne Gnade mitreißt, literarisch ganz große Kunst.

    "Dort am anderen Ufer steht ein Haus. Ein Haus, in dem Licht brennt. (...) Doch wie soll ich hinkommen? Es geht nur über den zugefrorenen See. Wer nimmt mich bei der Hand? Wer leitet mich jetzt? Ich blicke hinter mich, aber es ist nur der brausende Wind in den Bäumen zu hören, der den Schnee verstäubt und die ganze Welt frösteln lässt."

    Äußerlich geschieht nicht viel, innerlich bebt die Erde - die Spannung zieht sich durch, was war mit Daniel, was ist geschehen, und wird Tom die erhoffte Erlösung endlich finden? Selten, dass ich derart empathisch bei einer Romanfigur war, die Melancholie und Trauer mich so berührte, und der Funke Hoffnung am Ende mich derart erleichterte. Der Weg ist nicht zuende, der Schnee beginnt zu schmelzen...

    Für mich eine großartige Entdeckung, und ich hoffe, dass künftig noch mehr Romane von David Park ins Deutsche übersetzt werden...

    © Parden

  1. Gedanken eines Vaters

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 20. Sep 2021 

    „Die Reise durch ein fremdes Land“ ist ein sehr zurückgenommes, ja melancholisches Buch. Auch mich hat diese Stimmung beim Lesen erfasst. Wir begleiten einen Vater auf eine Autofahrt durch Schottland in den Süden. Extreme Schneefälle haben fast alles lahmgelegt und er macht sich auf die Reise seinen Sohn Luke aus der Universitätsstadt über die Weihnachtstage nach Hause zu holen.

    Während der Reise schweifen seine Gedanken immer wieder in die Vergangenheit. Er wollte einmal ein berühmter Fotograf werden, aber nun sind seine Aufträge Hochzeiten, Familienfeiern und ab und zu ein Werbeauftrag. Er denkt an die Bilder seiner Kinder und immer wieder kommt Daniel in seine Gedanken. Den Sohn, den er verloren hat, den er nicht beschützen konnte. Wie eine schwere Last liegt da sein Versagen auf den Schultern. Immer näher kommen wir dem Protagonisten.

    Durch die eindrückliche Sprache und die Reduzierung auf einige Stunden im Auto bekommt der Roman eine ganz besondere Intensität. Er dringt tief in die Seelen seiner Figuren und dem konnte ich mich als Leserin auch nicht entziehen.

    Eine sehr genaue Beobachtungsgabe und eine makellose Sprache machen dieses Buch besonders.