Reichlich spät

Buchseite und Rezensionen zu 'Reichlich spät' von Claire Keegan
5
5 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Reichlich spät"

Freitag, der 29. Juli in Dublin. Das Wetter ist wie vorhergesagt, die Stadt vor Cathals Bürofenster liegt in gleißendem Sonnenschein. Nach einem scheinbar ereignislosen Tag mit Budgetlisten und Bürokaffee nimmt Cathal den Bus nach Hause. Die Landschaft zieht an ihm vorüber, die waldigen Hügel, auf denen er noch nie gewesen ist, und er denkt an Sabine. Die ein bisschen schielt und die gut kochen kann, die auch im Winter barfuß am Strand spazieren geht, die die Hügel besteigt. Die zu viel Geld ausgibt und zu viel Raum einnimmt und zumindest über die Hälfte von allem bestimmen will. Die Frau, mit der er hätte sein Leben verbringen können, wäre er ein anderer Mann gewesen. In dieser kleinen Geschichte eines gescheiterten Paares erzählt Claire Keegan vom großen Thema Misogynie.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:48
Verlag: Steidl Verlag
EAN:9783969993255

Rezensionen zu "Reichlich spät"

  1. 5
    27. Mär 2024 

    ‚Was Hänschen nicht lernt,…….‘

    Können 48 Seiten überhaupt ein Buch sein? Ja, wenn sie nämlich von der Autorin Claire Keegan geschrieben wurden, von der ich auch schon die Vorgänger-Bücher gelesen habe und jeweils begeistert war! Da sitzt einfach jeder Satz!

    Oberflächlich wird nur ein Tag, der 29. Juli, im Leben von Cathal in Dublin geschildert. Je tiefer wir jedoch in die Geschichte eintauchen, umso mehr lernen wir vom Charakter des Protagonisten kennen: z.B. sein negatives Einstellungsmuster gegenüber Frauen, dessen Ursache schon im Elternhaus begründet ist. (Sein Vater und seine Brüder waren kein positives Vorbild – bei der Szene am Familientisch stellten sich meine Nackenhaare auf! Wertschätzung ist etwas anderes!)

    Cathal blickt zurück auf die Beziehung mit Sabine: auf das Kennenlernen vor gut 2 Jahren, auf ihren Einzug vor ca. einem Monat und was ihn alles an ihrem Verhalten störte. Was eine harmonische Partnerschaft ausmacht, dass beiderseitiges Bemühen nötig ist – dieses Wissen fehlt ihm!

    Das Ende fand ich sehr stimmig (und freute mich mit Sabine)! Fünf Sterne vergebe ich gerne für das neueste Meisterwerk (mit dem äußerst passenden Cover) dieser Autorin und empfehle dieses Buch allen, die wie ich ein Faible für Beziehungspsychologie haben.

    Teilen
  1. 5
    19. Mär 2024 

    Drum prüfe, wer sich ewig bindet...

    Der kleine ´Roman beginnt mit einer alltäglichen Szene: ein Mann sitzt an einem Schreibtisch im Büro und ist mit der Buchhaltung beschäftigt.

    Diese alltägliche Szene entwickelt sich zu einem Blick auf Cathals Leben. Absatz für Absatz wird der präsentierte Alltag dubioser. dubioser. Warum meidet Cathal die Begegnung mit anderen? Warum ist sein Chef so fürsorglich-freundlich? Was ist passiert? Satz für Satz dringt der Leser in die Situation ein, und dieses Eindringen wird umso intensiver, als die Autorin strikt bei Cathal als Erzählinstanz bleibt und das Geschehen und die Rückblicke immer durch Cathals Bewusstsein laufen lässt.

    Zunächst ist der Leser auf Cathals Seite und empfindet Mitleid mit ihm, aber dieses Mitleid wandelt sich allmählich in Befremden, wenn Cathal auf die Beziehung zu Sabine zurückschaut. Das Befremden steigert sich bei seinem Rückblick auf seine eigene Kindheit. In subtilen Formulierungen, fast wie hingetupft, entwickelt die Autorin das Bild eines misogynen Mannes, der von Kind auf lernte, Frauen zu verachten. Seine Verachtung zeigt sich jetzt nicht mehr in Gewalt, sondern in Geiz und Egozentrik. Er ist enttäuscht, weil seine Partnerin zu viel Geld für Lebensmittel ausgibt; er fühlt sich gestört, weil sie eigene Möbel in den Haushalt mit einbringt; er ist verärgert, weil sie eigene Kontakte knüpft, kurz: er hat sie sich anders vorgestellt und ist enttäuscht, weil sie sich seinen Erwartungen nicht anpasst.

    Erst im letzten Satz lässt der Erzähler den Leser direkt in den Abgrund blicken, um den es geht. Und der Leser bleibt betreten zurück, da er bei Cathal keinerlei Selbstreflexion oder Entwicklung erkennen kann.
    Ein desillusionierender Blick auf die irische Männerwelt.

    Claire Keegan ist eine wunderbare Erzählerin Wie sie behutsam von der Anfangsszene weg quasi den Schleier über dem Alltag hochhebt, wie sie einen kleinen Einblick nach dem anderen gewährt und den Leser so zu einer unverstellten Gesamtschau führt – das ist ihr grandios gelungen. Jedes Wort sitzt, kein Satz und keine Szene sind zuviel, ihre wohltuend klare Sprache begeistert mich nicht zum ersten Mal!

    Teilen