Rauer Himmel

Buchseite und Rezensionen zu 'Rauer Himmel' von Franck Bouysse
4.15
4.2 von 5 (8 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Rauer Himmel"

Les Doges, ein Ort in den Cévennes. Hier lebt Gus auf dem von seiner Familie geerbten Bauernhof. Seine Tage bestehen aus den Feldern, den Kühen, dem Holz, den Reparaturen. Harte Arbeit, die sich je nach Wetterbedingung ändert. Sein einziger Trost ist sein Hund Mars. Nach und nach tauchen wir in die Stille ein, den Wind, die große Kälte und die verschneite Weite. Von Zeit zu Zeit helfen sich Gus und sein Nachbar Abel beim Ernten, Kalben, leihen sich gegenseitig die fehlende Ausrüstung und beenden den Tag mit ein paar Gläsern Rotwein aus dem Fass. Sie sind wortkarg, keine Freunde. An einem schneereichen Tag im Januar 2006 hört Gus Schüsse und Schreie von Abels Seite. Er findet Spuren von Blut im Schnee. Auch die Ankündigung von Abbé Pierres Tod ruft in dem strengen protestantischen Leben Verunsicherung hervor. Plötzlich tauchen alte familiäre Spannungen zwischen den beiden Nachbarn auf, in einer Landschaft völliger Abgeschiedenheit, die ihre Geheimnisse lieber in Schweigen hüllt. Sélection du Prix Polar SNCF In Frankreich wurden über 100.000 Exemplare verkauft.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:220
Verlag: Polar Verlag
EAN:9783948392383

Rezensionen zu "Rauer Himmel"

  1. Ein Kriminalroman der Extraklasse!

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 05. Dez 2021 

    Eine trostlose und düstere Landschaft, eigenbrötlerische und verschlossene Charaktere, Familiengeheimisse und Tod. Die Geschichte „Rauer Himmel“ von Franck Bouysse ist ein Kriminalroman der Extraklasse, der nicht nur durch seine literarische Sprache besticht.

    Schauplatz ist ein fiktiver Ort in den französischen Cévennen im Winter: Les Doges - ein einsamer Ort, der aus zwei Höfen besteht, die von den beiden Protagonisten Gus und Abel bewohnt werden, die ich mir in keinem anderen Szenario als in dieser Trostlosigkeit vorstellen kann. Die beiden Männer sind eigenbrötlerisch, ihr Leben richtet sich nach der Natur und den Jahreszeiten, sie vermeiden den Kontakt zu anderen Menschen.
    Gus und Abel gehen sich zur Hand, wenn Arbeiten auf den Höfen anfallen, die allein nicht zu bewältigen sind, verbunden mit einem anschließenden Gespräch bei einem Gläschen Wein. Ansonsten geht man sich aus dem Weg. Denn jeder ist sich selbst genug. Leben und leben lassen.
    Eines Tages wird Gus durch einen Schuss und Schreie aus der Richtung des Hofes von Abel aufgeschreckt. Dieser Vorfall ist der Anfang einer Kette von Ereignissen, die die Beziehung der beiden Männer in den darauffolgenden Wochen verändern wird. Das Miteinander der Männer wird mit einem Mal von Misstrauen geprägt sein, sie werden sich belauern, in der Überzeugung, dass der andere etwas zu verbergen hat. Welche Geheimnisse im Verborgenen liegen, zeigt sich erst zum Ende des Romans, so dass der Leser ausreichend Gelegenheit haben wird, sich in eigenen Spekulationen zu versuchen.

    „Rauer Himmel“ ist ein unglaublich spannender Roman. Der trostlose Schauplatz legt dabei gleich zu Anfang den Grundstein für den Aufbau einer unheimlichen Stimmung. Wo nicht, wenn an einem Ort, der dermaßen abgeschieden und trostlos düster ist, passieren schreckliche Dinge? Diese gruselige Atmosphäre begleitet den Leser bis zum Schluss. Bemerkenswert ist dabei die hohe Sprachqualität dieses Romans. Sätze und Formulierungen scheinen mit Bedacht gewählt zu sein und verbergen eine tiefere Bedeutung. Wenn man sich Zeit nimmt und sich auf diese Bedachtsamkeit einlässt, wird man von der Atmosphäre dieses Buches komplett vereinnahmt.
    Das lässt ein Ende dieses Romans, das ein paar Fragen zu der Handlung und seinen Charakteren leider nicht beantwortet, leicht verschmerzen.
    „Rauer Himmel“ ist daher für mich ein unglaublich fesselnder Kriminalroman und in seiner Gesamtheit ein literarisches Kunstwerk, das mich begeistert hat.

    © Renie

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  1. Kälte und Blut

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 03. Dez 2021 

    Les Doges ist ein Ort in den Cevennen. Dort lebt Gus sein Leben lang auf einem Bauernhof. Allein bewirtschaftet er das Land, begleitet von seinem Hund. Sein nächster Nachbar Abel ist nicht wirklich ein Freund, doch wenigstens der einzige Mensch, mit dem Gus hin und wieder Kontakt pflegt. Die beiden Männer bilden eine Zweckgemeinschaft, wenn es um Arbeiten geht, die zu zweit besser gehen, und trinken manchmal ein Glas Rotwein zu viel miteinander. Mehr nicht. Doch eines Tages, an einem schneereichen eiskalte Wintertag hört Gus Schreie, Schüsse und er findet im Schnee einen Fleck Blut.

    „Wie jeden Tag war Gus früh aufgestanden. Bisher hatte er seine Tage wie Perlen auf einer Halskette aufgereiht, eine sah wie die andere aus; doch an diesem Tag im Januar 2006, genauer gesagt am zweiundzwanzigsten, schickte er sich an, eine seltsame Perle aufzureihen, die wirklich nicht wie alle andern aussah.“

    „Rauer Himmel“ ist ein dunkler (Kriminal)Roman des französischen Schriftstellers Franck Bouysse, der schon 2014 in Frankreich erschienen ist und nun auch in deutscher Sprache vorliegt. Der Autor schafft in diesem roman noir eine beklemmende Atmosphäre von Kälte und Blut.
    Rau und schroff, so wie das Land im französischen Zentralmassiv, ist das Leben des eigenbrötlerischen Gustave Targot. Er wirkt auf eine unangenehme Weise ungepflegt und hinterwäldlerisch. Doch man darf diesen Protagonisten nicht unterschätzen. Hinter seiner Fassade ist ein scharfsinniger Verstand zu finden, seine (Wort)Kargheit ist keinesfalls mit Dummheit gleichzusetzen. Nach und nach entblößt sich Gus‘ Vergangenheit. Ungeliebt als Kind war er schon sehr früh mit Gewalt, Missachtung und Spott konfrontiert. Er ist es gewohnt auf sich allein gestellt zu seine. Die sehr ambivalente Beziehung zu seinem Nachbarn Abel ist geprägt von Argwohn und Kommunikationslosigkeit.

    „Eigentlich hätte es ein ganz gewöhnlicher Tag werden sollen, der wie jeder andere Tag begann und auch so hätte weitergehen sollen. So war es aber nicht.“

    Es war nicht nur der Schuss und das Blut, immer mehr eigenartige Dinge geschehen rund um den Hof. Und in Gus‘ Kopf tauchen Erinnerungen an früher auf, die er selbst noch nicht ganz einordnen kann.
    Der Roman lockt mit einer archaischen Geschichte, doch werden längst nicht alle Geheimnisse preisgegeben. In dieser engen Tragödie bleibt Platz für Spekulation und Fragen. Gäbe es eine Liste mit bemerkenswerten Büchern, die ich besser wenige Seiten vor Schluss geschlossen hätte, dieses Buch stünde darauf.

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  1. Roman très noir!

    bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 22. Nov 2021 

    In Les Doges, einem kleinen, abgelegenen Ort in den Cévennen, lebt Gus Anfang 50, alleinstehend. Sein Leben in der kargen Landschaft der Cévennen ist geprägt von dem harten Alltag auf dem Bauernhof. Er verbringt seine Tage lieber mit den Kühen, den Reparaturarbeiten und in Einsamkeit, als den Kontakt zu anderen Menschen zu suchen. Sein einziger Begleiter und Freund ist sein Hund Mars.
    Der einzige Nachbar, der nur ein paar hundert Meter entfern wohnt, ist der etwa 70-jährige Abel, der ebenso wie Gus einsam auf seinem Hof lebt. Die beiden helfen sich gelegentlich gegenseitig mit Maschinen oder Werkzeug aus, trinken auch mal ein Gläschen Wein zusammen, doch eine Freundschaft besteht nicht zwischen den beiden. Dazu sind das Misstrauen und die Schwierigkeiten in der Kommunikation viel zu groß. Doch woher diese rühren, bleibt dem Leser zunächst verschlossen.
    Als Gus eines Morgens Schüsse und Schreie von Abels Hof hört und später Blutspuren im Schnee findet, verunsichert ihn dies zutiefst. Dennoch geht er dem, wie er meint, im Geheimen nach. Doch Abel bemerkt dies und plötzlich tauchen alte familiäre Konflikte wieder auf, die beide bisher verschwiegen und gut verdrängt hatten.

    Mich hat der Roman ziemlich irritiert. Die sehr poetische Sprache, die anschaulichen Landschaftsbeschreibungen und die charakterstarken Beschreibungen der beiden Hauptprotagonisten oder auch der anderen Dorfbewohner in teils nur angerissenen Skizzen konnte mich literarisch sehr überzeugen.
    Die Handlung jedoch, dieses kalte und schweigsame Umgehen miteinander, die Aggression und Gewalt sowohl in Gus Kindheit, von der man nach und nach erfährt, aber auch zum Ende des Romans hin, fand ich teilweise nur schwer zu ertragen.
    Auch wenn es zur rauen, kargen Landschaft der Cévennen passen mag – aber der Roman hinterlässt bei mir ein sehr großes, sehr schwarzes Fragezeichen.

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  1. An Kargheit kaum zu überbieten

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 05. Nov 2021 

    „Es war ein merkwürdiger Tag, einer jener Tage, an denen man den Ort verlässt, wo man, ohne um seine Meinung gefragt worden zu sein, schon immer ansässig war.“ (Erster Satz)

    Hauptfigur ist Gustave Targot, genannt Gus, Anfang 50, Bauer auf einem kleinen Hof in Les Doges gelegen in den französischen Cevennen, einer Art Niemandsland. Besonders im Winter ist es kalt, der Schnee liegt hoch und Entfernungen scheinen weiter als sonst zu sein. Gus lebt dort seit seiner Geburt, er hatte eine unglaublich trostlose Kindheit und Jugend, seine brutalen Eltern kamen jeweils gewaltsam zu Tode. Gus hat 37 Kühe und Kälber zu versorgen, Arbeit gibt es immer reichlich. Er redet lieber mit Tieren als mit Menschen. Sein einziger Gefährte ist sein Hund Mars: „Gus hatte vor diesem Hund schon viele Hunde verloren, aber ohne zu wissen warum, hing er an diesem Bastard mehr als an allen anderen. In diesem Moment wurde ihm klar, dass er dieses Tier wirklich vermissen würde, sollte es eines Tages sterben und nicht mehr da sein.“ (S. 19)

    Auf dem Nachbarhof einige Hundertmeter entfernt lebt Abel, der rund 20 Jahre älter ist als Gus. Die beiden Männer haben losen Kontakt, helfen sich bei schwierigen Arbeiten oder trinken gelegentlich einen Wein zusammen. Ein bestimmter Tag bringt Gus´ Leben durcheinander: „ Bisher hatte er seine Tage wie Perlen auf einer Halskette aufgereiht, einer sah wie der andere aus; doch an diesem Tag im Januar 2006, genauer gesagt, am zweiundzwanzigsten, schickte er sich an, eine seltsame Perle aufzureihen, eine, die wirklich nicht wie die anderen aussah.“ (S.11) Was ist geschehen? Zum einen ist der von Gus verehrte Abbé Pierre verstorben. Gus ist zwar nicht gläubig, trotzdem bringt der Tod dieses wohltätigen Geistlichen seine innere Sicherheit ins Wanken. Darüber hinaus wird Gus von Schüssen und Schreien aufgeschreckt, die vom Nachbarhof herüberschallen und auf die er sich keinen Reim machen kann. Beunruhigt geht er rüber zu Abel, der ihm ungewohnt misstrauisch begegnet. Gus entdeckt einen Blutfleck im Schnee. Obwohl ihm Abel eine Erklärung dafür liefert, zweifelt Gus. Der Argwohn nistet sich in beiden Männern ein, dunkle Geheimnisse scheinen offensichtlich.

    Im Verlauf des Romans lernen wir Gus in seinem Umfeld näher kennen. Die Gegenwartshandlung wird durchzogen von zahlreichen Rückblicken des Protagonisten, dessen Perspektive konsequent eingenommen wird. Seine Erinnerungen tauchen „wie Krähenschwärme aus dem Nebel auf“, manche sind schmerzhaft und brutal, man darf nicht allzu zart besaitet sein. Gus ist trotz (oder gerade wegen) seines Einsiedlertums ein kritisch reflektierender Geist, der Prinzipien hat und ungebetenen Gästen nicht nur verbal Paroli bietet. Fremden gegenüber hegt er ein tiefes Misstrauen. Hausierenden Kreditvermittlern, Spekulanten oder Evangelisten begegnet er schlagfertig und bissig – man sollte Gus niemals unterschätzen.

    Es passieren immer mehr mysteriöse Dinge. Mars wird im Wald verletzt, Gus findet unerklärliche Spuren, ein Mensch soll zudem verschwunden sein. Auch ohne polizeiliche Ermittlungen wird man als Leser immer stärker in den Sog dieser außergewöhnlichen Geschichte gezogen, die sich irgendwie um die zwei schweigsamen Männer dreht, die nicht offen und ehrlich miteinander umgehen können. Doch auch von außen gibt es bedrohliche Einflüsse, irgendetwas braut sich zusammen…

    Der Roman lässt eine besondere Stimmung entstehen, man kann sich diese schneebedeckte Einöde wunderbar vorstellen. Die Kargheit der Landschaft, die spröden Figuren werden mit der feingeschliffenen, teilweise poetischen und sehr bildhaften Sprache wunderbar in Szene gesetzt. Mit wenigen Worten skizziert Bouysse ein hartes, arbeitsreiches und einsames Leben in einer kalten, bedrohlichen Welt.  Diese sprachliche Kompetenz hat mich völlig begeistert. Als Leser wird man gepackt und kombiniert im Stillen, wie wohl alles zusammenhängen könnte. Das Ende überrascht auf ganzer Linie, nicht alles wird auserzählt. Der Schluss hätte für meinen Geschmack auch etwas bescheidener ausfallen dürfen, so viele Twists hätte ich nicht gebraucht, um diesem außergewöhnlichen, archaischen und spannungsgeladenen Roman Bestnoten auszusprechen. Hochachtung habe ich vor der Übersetzerin, Christiane Kayser, die den Text wirklich exzellent ins Deutsche übertragen hat. Ich hoffe, der Polar Verlag wird der deutschen Leserschaft weitere Werke dieses Autors zugänglich machen.

    Riesige Lese-Empfehlung für alle Leser, die neben atmosphärischer Spannung auch das sprachlich Besondere schätzen. Ein Highlight auf nur 185 Seiten, die reichlich Platz zum Nachdenken und Kombinieren bieten.

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  1. Eine eingefrorene Gegend

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 31. Okt 2021 

    Unter dem "rauen Himmel" der winterlichen Cevennen spielt sich das Drama dieses kurzen Romans ab. Nur noch wenige Bauern bewirtschaften hier ihre kargen, oft Generationen alten Höfe. Der über fünfzigjährige Gus und sein zwanzig Jahre älterer Nachbar Abel sind typische Vertreter dieses Standes: sie leben allein mit ihren Rindern und Hunden, wandern, wenn sie sich nicht auf dem Hof abrackern, in der steinigen Landschaft umher und haben mit menschlicher Gesellschaft nicht viel im Sinn. "Es wäre ein bisschen übertrieben, zu behaupten, dass Gus dieses Land liebte, aber da er nichts anderes kannte, hatte er sich an den Gedanken gewöhnt, sein gesamtes Leben hier zu verbringen. (...) Es war sein Platz in der gewaltigen Ordnung des Universums, weil er sich keinen anderen vorstellen konnte." (S.8)

    Gus und Abel verbindet eine lose Männerfreundschaft: man hilft sich gegenseitig bei schweren Arbeiten, trinkt auch mal zusammen ein Glas, aber wirklich nahe stehen sich die beiden eigentlich nicht. Gus' Elternfamilie war eine Katastrophe. Die Eltern haben einander gehasst, ihren Sohn gequält ("wenigstens darin waren sie sich einig" heißt es auf S.52) und Zuwendung hat er eigentlich nur von seiner Oma erfahren. Das Schicksal von Gus' gewalttätigen Eltern, das in einer langen Rückblende erzählt wird, kann man nur grässlich nennen, und ihr Tod war für Gus eine Erlösung. Gus war auch im Dorf immer ein Außenseiter, wurde schon als Kind von den Mitschülern drangsaliert, und so ist es nicht erstaunlich, dass er immer allein gelebt hat. Er nimmt jedoch Anteil an seiner Umgebung, ist betroffen vom Tod des wohltätigen Abbé Pierre, der in der Résistance gewirkt hat (diese Figur gab es tatsächlich), und bei den Begegnungen mit zwei lästigen Besuchern, einem Bankvertreter und einem Evangelisten, zeigt sich Gus überraschend schlagfertig und wortgewandt - was nicht darüber hinwegtäuscht, dass sein ganzes Wesen Zurückweisung ist.

    Das Drama beginnt damit, dass Gus eines nebligen Tages vom Hof seines Nachbarn Abel her Schüsse und Schreie hört. Als er Abel am nächsten Tag aufsucht, hat dieser eine wenig überzeugende Erklärung und wird auf Nachfragen pampig. Wenig später wird Gus' geliebter Hund beim Herumlaufen im Wald verletzt, und Gus findet Spuren nackter Füße - im Schnee! Es scheint ein Geheimnis zu geben, doch die wenig vertrauliche Beziehung zwischen den Männern erlaubt kein intensives Nachforschen. Erst als Abel im weiteren Verlauf Gus' Hilfe braucht, kommt - mit quälender Langsamkeit, so dass man redensartlich von einer "schweren Geburt" sprechen müsste - stückweise ans Licht, was auf den beiden Höfen vor langer Zeit geschah und bis heute nachwirkt.

    "Roman noir" ist laut Umschlaginformation das Genre dieses Buches. Die Dunkelheit, die auf der ganzen Geschichte zu lasten scheint, ergibt sich aus dem meisterlichen Erzählton des Autors (zu dem das Titelbild mit einem verschneiten Hohlweg ausgezeichnet passt). "Ein Ort namens Les Doges, mit zwei Bauernhöfen, ein paar hundert Meter voneinander entfernt, weite Flächen mit Bergen, Wäldern und hier und da ein paar Wiesen, mit einigen Monaten Schnee im Jahr und mit Felsgestein, auf dem das Ganze ruhte" (S.7), so wird der Schauplatz beschrieben. Der Autor Franck Bouysse hält sich nicht mit langatmigen Landschaftsschilderungen auf, dafür werden immer wieder einprägsame Schlaglichter in die Handlung eingebunden: "Von den Dächern fallende Wassertropfen zerschellten am Boden, die Sonnenwärme hatte sie aus ihrem vereisten Zustand befreit, sodass sie wie die flüssigen Zweige einer Trauerweide aussahen ..." (S.45) und etwas später: "Ein Drosselschwarm flog unter den Bäumen auf und machte einen Höllenlärm, krächzende Krähen begleiteten die Fliehenden, ihre Flügel raschelten über den glaspapiernen Himmel. " (S.47). Es entsteht der Eindruck einer gleichsam eingefrorenen Gegend, in der die Zeit stillsteht; in der die Protagonisten ohne Bindung untereinander, auf sich allein gestellt, ihren Weg gehen und jede Einmischung abweisen.

    "Rauer Himmel" ist nicht nur eine Charakterstudie zweier vereinsamter Menschen, sondern auch - wie im Nachwort betont wird - eine Milieustudie über das "sterbende Bauerntum" in Frankreich. Es ist nicht alles rund und widerspruchsfrei in dieser Geschichte, vieles bleibt ausgespart - hin und wieder hat man beim Lesen den Eindruck, als ob dieser "roman noir" sich seine Geheimnisse nur widerwillig entreißen lässt. Doch letztlich trägt auch und gerade diese Sperrigkeit zur Atmosphäre bei. Von "Lesevergnügen" kann nicht die Rede sein - das ist als Warnung gemeint. Aber es ist ein Buch, das sehr lange nachhallt. Ich hoffe, dass wir bald mehr von diesem großartigen Autor in Deutsch zu lesen bekommen.

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  1. Nicht das Gängige

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 30. Okt 2021 

    In dem Roman „Rauer Himmel“ von Franck Bouysse kommt das Kleinbauerntum zu Wort. Das heißt, eigetlich ja nicht, denn der Bauer ist ein schweigsam Wesen. Jedenfalls wenn er männlich ist, über fünfzig und allein mit seinem Hund auf einem Hof lebt, in einem Weiler, den kein Mensch je besucht. Und wenn doch, ist er unwillkommen. Da kannst du sicher sein.

    Was in dem Roman, der im Nachwort „Roman noir“ genannt wird, besticht, ist seine ungeschminkte Darstellung ländlichen Daseins. Es ist eine Menge Arbeit. Aber man kann davon leben, wenn man genügsam ist. Das ist Gus, unser Protagonist. Und auch Abel, der den Nachbarhof bewirtschaftet, einige Kilometer entfernt, ist so. Abel ist der Ältere und eines Tages kommt er auf die Idee, sich lose mit Gus zusammenzutun, warum soll man sich nicht gegenseitig helfen und ab und zu mal einen mehr oder weniger guten Rotwein zusammen saufen? Nach all der Mühe des Tages tut das gut. Und Abel und Gus können auch gut zusammen schweigen. Aber bei Abel stimmt was nicht. Das ahnt Gus. Lässt es aber auf sich beruhen. Bis eines Tages ... er nicht mehr wegschauen kann. Und mehr wissen will. Das ist der Anfang vom Ende.

    Der Autor hat ein Händchen für das Landleben. Und für seine Protagonisten. Da sitzt jeder Federstrich. Ob es die geschwätzige Ladenbesitzerin im Dorf ist, wo Gus gezwungenermaßen verkehrt, der Barbesitzer, der sich um moderne Dinge wie spinnige Tabakverbote nicht schert oder der intrigante Bürgermeister, der aufdringliche Bänker oder die frommen Bekehrer aus der Kirche. Keiner von ihnen hat einen großartigen Auftritt, und dennoch: sie sind totaal lebendig. Echt halt. Wenn sie allerdings Gus unter der Nase kommen, kriegen sie eine kurze verbale Abreibung. Man ist schweigsam, aber nicht auf den Kopf gefallen.

    Der Roman „Rauer Himmel“ weicht vom gängigem Kriminalroman erheblich ab. Ist es überhaupt einer? Die Kritik, meine jedenfalls, richtet sich auf und gegen das Ende. Das kommt erstens viel zu abrupt und arbeitet zweitens mit einem vermeidbaren Showdown, der nicht zum übrigen Roman passt. Warum nicht in aller Ruhe einen ruhigen Roman schreiben? Mit einem ruhigen Ende. Verzichtet auf aufsehenerregende Showdowns, meine lieben Romanciers, dann käme auch der fünfte Stern angeflogen!

    Fazit: Mal was ganz anderes.

    Kategorie: Belletristik. Mit Krimielement
    Verlag, Polar, 2021

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  1. Wo man der Natur näher ist als den Menschen

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 29. Okt 2021 

    Die Cevennen sind eine karge, dünn besiedelte Gegend, die den Menschen sehr viel abverlangt um zu überleben. Gus ist hier geboren und aufgewachsen, hat den Hof seiner Familie übernommen und spricht mehr mit seinen Tieren als mit Menschen. Seit dem Tod seiner Eltern, die ihn ohne Liebe aufwachsen ließen, ist der einzige Mensch, der ihm näher steht, sein Nachbar Abel; auch er allein und bereits deutlich älter als Gus. Man hilft sich gegenseitig, trinkt ein oder auch mehrere Gläser Wein und versteht sich ohne viele Worte. Als an einem Wintertag Gus auf der Jagd aus der Gegend um Abels Hof Schüsse und Schreie vernimmt und Blutspuren findet, ist nichts mehr wie zuvor.

    Auch wenn vergleichsweise wenig geschieht und sich der Großteil des Erzählten um Gus' tagtäglich wiederkehrenden Ablauf und seine Gedanken und Erinnerungen dreht, entwickelt sich unterschwellig eine angespannte Atmosphäre, in der jederzeit etwas hochgehen könnte. Dem gegenüber steht die Leere und Düsternis dieser unwirtlichen Landschaft, der sich die wenigen dort Lebenden angepasst haben.

    Eine eigenartige Region voller Grobiane und wortkarger Menschen. Wie könnte es auch anders sein in dieser Gegend, wo sich noch nicht einmal der Leibhaftige die Mühe machte, die Seelen auszusuchen, und zugriff, ohne sich darum zu scheren, mit der Konkurrenz zu verhandeln.

    Franck Bouysse hat dafür eine selten einprägsame Sprache gefunden, die einem die Menschen und die Gegend dort lebendig werden lassen; voller Poesie aber auch mit einer Direktheit, die stellenweise nur schwer zu ertragen ist.

    Hier in der Gegend sterben die Familienlinien alle eine nach der anderen aus, wie Kerzen, die kein Wachs zum Brennen mehr haben. So ist das mit dem Docht, er ist gar nichts, wenn kein Wachs mehr um ihn herum ist, eine Art menschliche Paste, sodass die Dunkelheit jeden Tag ein wenig mehr an Boden gewinnt;

    Es gab dort auch Farben, die die Jahreszeiten anzeigten, Tiere und dann die Menschen, zwischen Hoffnung und Verzweiflung, wie Kinder, die das Eisen ihrer Träume schmieden, mit der gleichen Auflehnung im Herzen, den gleichen zu bestreitenden Kämpfen, die die vergänglichen Siege und die ewigen Niederlagen ausmachen.

    Am schwersten zu ertragen war das Blut, das unaufhörlich aus den Schnittwunden spritzte, wie Öl, das sich aus durchtrennten Schläuchen ergießt.

    Nicht Alles wird bis zum Ende des Buches restlos geklärt sein, es bleiben eine Reihe offener Fragen wie im wirklichen Leben. Auf Vieles wird es nie eine Antwort geben.

    Es ist der erste Roman dieses in Frankreich sehr erfolgreichen Schriftstellers, der ins Deutsche übersetzt wurde. Mögen noch viele Weitere hinzukommen.

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  1. Einsame Welt

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 28. Okt 2021 

    In seinem kleinen Dorf liegen die Höfe weit auseinander und nach dem relativ frühen Tod seiner Eltern lebt Gus alleine. Er ist froh über die Gesellschaft seines Hundes und froh, wenn der Fernseher wenigstens ein Programm empfängt. In den letzten Jahren hat er sich etwas mit seinem nächsten Nachbarn, dem älteren Abel, angefreundet. Die Männer helfen sich gegenseitig bei Arbeiten, die sie nicht alleine erledigen können. im Dorf selbst war Gus immer ein Außenseiter. Dorthin geht er nur, um das Nötigste zu besorgen.

    Zwei Knurrhähne in der abgelegenen französischen Bergwelt. Sie erwecken den Eindruck als fristeten sie ihr Dasein. Und dennoch, auch wenn Gus den Menschen nicht sehr zugeneigt ist, so liebt er die Tiere umso mehr und er versucht, ihnen Leid zu ersparen. Sein Hund Mars ist seine größte Freude und der einzige Gefährte. Abel dagegen wirkt eigenbrötlerisch, in letzter Zeit geradezu abweisend, dann wieder freundlicher als erwartet. Sein Verhalten ist allerdings nicht das Einzige, was Gus beschäftigt, den er hat ja keine Erben und er vermutet, dass jemand es auf sein Land abgesehen haben könnte. Das zusammen mit Abels seltsamen Verhalten, gibt Gus zu denken.

    Beim Lesen dieses ungewöhnlichen Romans schlackert man manchmal mit den Ohren. Von geradezu poetischen Beschreibungen bis zu flapsigen Sprüchen bekommt mann alles geboten. Wenn die Übersetzung hier die Stimmung des Originals eingefangen hat, Chapeau! Die beiden alleinlebenden Männer auf ihren abgelegenen Höfen, die kaum etwas abwerfen. Ohne Nachfolge kann es keine Zukunft geben. Die Einsamkeit trägt dazu bei, dass sie eigenbrötlerisch und weltabgewandt scheinen. Und doch sind sie nicht so allein, wie man auf den ersten Blick annimmt. Besonders Gus ist grundsätzlich mit der Natur und den Gegebenheiten im Reinen. Was er bei den Menschen nicht findet, geben ihm Land und Hund. Hat man sich als Leser an die Einsamkeit und die karge Landschaft gewöhnt, folgen mitunter überraschend witzige Dialoge, nur um wieder in eine gewisse Tragik zu münden.

    Dieser Roman fesselt auf eine ganz eigene Art. Die unterschwelligen Strömungen im Dorf, die geheimen Gedanken und Schlussfolgerungen der Männer, das Finale, welches daraus folgt, ist irgendwie unausweichlich.

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  1. Roman Noir

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 28. Okt 2021 

    Das düstere Cover mit den zart von Schnee bedeckten Weinreben passt perfekt zur Stimmung im Roman, der in einer "gottverlassenen Ecke in den Cevennen" (7) spielt. "Einem Ort namens Les Doges, mit zwei Bauernhöfen, ein paar hundert Meter voneinander entfernt, weite Flächen mit Bergen, Wäldern und hier und da ein paar Wiesen mit einigen Monaten Schnee im Jahr und mit Felsgestein, auf dem das Ganze ruht." (7)
    Auf einem dieser Bauernhöfe wohnt der 50-jährige Einzelgänger und Außenseiter Gus, der sich nur widerwillig im Leben eingefunden hat, wie wir bzgl. seiner Geburt erfahren.
    "Jedenfalls zögerten selbst die erbarmungsvollsten Seelen nicht, mit dem Finger auf diesen Fisch zu zeigen, der seit seiner Geburt gegen den Strom schwamm." (8)

    Er hat es nicht leicht gehabt im Leben, von der Mutter gehasst, vom Vater verprügelt, von den anderen Kindern des Dorfes gehänselt, nur von seiner Großmutter hat er Liebe erfahren. Zuneigung empfindet er zu seinem Hund Mars und mit seinem Nachbarn Abel, der 20 Jahre älter ist, verbindet ihn eine Art Männerfreundschaft, die vor allem in gegenseitiger Hilfe auf dem Hof besteht und im gemeinsamen Trinken.
    "Abel und Gus´ Vater hätten eigentlich Leidensgenossen sein können, aber sie hatten sich nie gut verstanden. Sicher wegen eines ergebenen Geheimnisses, das alle anderen vergessen hatten, das sie aber zweifellos aus Famlientreue gehegt und gepflegt hatten. Alles Sturköpfe hier!" (26)

    Doch die bisherige friedliche Koexistenz der beiden Männer wird gestört:
    "Bisher hatte er (Gus) seine Tage wie Perlen auf einer Halskette aufgereiht, eine sah aus wie die andere; doch an diesem Tag im Januar 2006, genauer gesagt, am zweiundzwanzigsten, schickte er sich an, eine seltsame Perle aufzureihen, eine, die wirklich nicht wie alle anderen aussah.“ (11)

    Zwei Ereignisse machen diesen Tag zu etwas Besonderem. Abbé Pierre, ein wohltätiger Abt, der in der Résistance gekämpft hat - eine historische Figur - stirbt.
    "Gus hätte nicht sagen können, warum ihn die Nachricht derart aufwühlte. (...) Er wusste nicht warum, aber es war dennoch so, als ob der Abbé zu seiner Familie gehörte, und die war nicht sehr groß, seine Familie. Eigentlich hatte er gar keine mehr, wenn man einmal von Abel und Mars absah. Aber wer würde denn allen Ernstes behaupten, dass ein Nachbar und ein Hund eine echte Familie darstellen können?" (14)

    Der Tod des Abbé löst Erinnerungen in Gus aus und an seinen Reflexionen erkennen wir als Leser*innen, dass er zwar ein Eigenbrötler ist, aber weder dumm noch einfältig. Jemand, mit dem man mitfühlt, was auch daran liegt, dass der Roman ausschließlich aus Gus Perspektive erzählt wird.
    "Gus dachte, dass es wirklich ein seltsamer Tag war, mit all diesen Erinnerungen, die wie Krähenschwärme aus dem Neben auftauchten. Erinnerungen, bei denen man nie weiß, wohin sie gehen oder ob es überhaupt gut ist, sie zu haben, die aber zurückkommen und sich ohne Vorwarnung aufdrängen." (19)

    Das 2.Ereignis geschieht, während Gus Drosseln jagt, Abel jedoch die gleiche Idee hat und offensichtlich von seinem Hof aus als Erster schießt.
    "Er (Gus) zielte auf einen anderen Vogel. Gerade wollte er den Abzug betätigen, hatte aber auch dieses Mal keine Zeit mehr abzudrücken. Schrille Schreie begannen die Leere zu zerreißen, Schreie, die offensichtlich von der Stelle kamen, an der die Schüsse abgegeben worden waren, und die nichts mit dem Gesang einer Drossel zu tun hatten." (22)

    Als Gus auf dem Hof Abels nachsieht, entdeckt einer einen frischen Blutfleck im Schnee und flieht völlig panisch nach Hause, doch er kann das Erlebte nicht vergessen.
    "Die mit den Detonationen vermischten Schreie schwollen unter seiner Schädeldecke an, wie Kolloide aus Lehm, die sich an andere Partikel klebten und eine unaufhaltsame aufquellende Paste bildeten." (24)

    Sein Verdacht richtet sich auf Abel, den er am nächsten Tag aufsucht. Erst am Ende des Romans kommt die ganze Wahrheit ans Licht, die an dieser Stelle nicht verraten werden soll ;).

    Die zitierten Textstellen offenbaren die außergewöhnliche Sprache, die mit ihren ungewöhnlichen Metaphern eine düstere Atmosphäre schafft und immer wieder zum Verweilen einlädt. Insgesamt ein sehr spannender Roman, den ich sehr gerne gelesen habe, auch wenn es kein Krimi im üblichen Sinne ist. Gus ist weder ein Ermittler noch deckt ein anderer die "Schreie" und den Blutfleck auf. Die Auflösung des Ganzen ist mir persönlich etwas unwahrscheinlich erschienen - da laufen wirklich sehr viele Fäden zusammen, andererseits muss ich zugeben, hat der Autor vorher viele Brotkrumen gelegt, die uns als Leser*innen darauf hätten stoßen müssen. Und letztlich ist die "Auflösung" nicht so wichtig, denn die Atmosphäre und die Sprache überzeugen ebenso wie die Spannung bis zum Ende hin.
    Besonders die Figur Gus, der als Kind Grausames erfahren und gesehen hat, wirkt authentisch und glaubwürdig, so dass ich eine klare Lese-Empfehlung aussprechen kann.

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