QualityLand: Roman (dunkle Edition)

Buchseite und Rezensionen zu 'QualityLand: Roman (dunkle Edition)' von Marc-Uwe Kling
5
5 von 5 (2 Bewertungen)

Willkommen in QualityLand, in einer nicht allzu fernen Zukunft: Alles läuft rund - Arbeit, Freizeit und Beziehungen sind von Algorithmen optimiert. Trotzdem beschleicht den Maschinenverschrotter Peter Arbeitsloser immer mehr das Gefühl, dass mit seinem Leben etwas nicht stimmt. Wenn das System wirklich so perfekt ist, warum gibt es dann Drohnen, die an Flugangst leiden, oder Kampfroboter mit posttraumatischer Belastungsstörung? Warum werden die Maschinen immer menschlicher, aber die Menschen immer maschineller? Marc-Uwe Kling hat die Verheißungen und das Unbehagen der digitalen Gegenwart zu einer verblüffenden Zukunftssatire verdichtet, die lange nachwirkt. Visionär, hintergründig – und so komisch wie die Känguru-Trilogie.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:384
EAN:9783550050152

Rezensionen zu "QualityLand: Roman (dunkle Edition)"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 05. Jan 2018 

    Zukunft, wie sie sein könnte

    In welcher Welt leben wir? Und wo geht die Reise hin? Mögliche Antworten auf diese Fragen liefert die Satire "QualityLand" von Marc-Uwe Kling.

    Nehmen wir unseren Alltag mit all den Dingen, die uns das Leben leichter und schöner machen: Computer, Internet, Online-Shopping, Social Media, etc. etc. etc. Wir haben uns bereits an die angenehmen Vorzüge dieser Errungenschaften gewöhnt und nutzen sie mit einer Selbstverständlichkeit, die sie nicht mehr aus unserem Leben wegdenken lässt. Das hält uns jedoch nicht davon ab, über diese Dinge zu schimpfen. Das Argument "Zeitfresser" wird gerne in diesem Zusammenhang genannt. Oder aber auch "der gläserne Nutzer". Jeder von uns (oder sagen wir die meisten) hat Angst, zuviel von sich im Internet preiszugeben. Die Angst, dass die eigenen Daten von wem auch immer im Netz missbraucht werden, ist unterschwellig vorhanden. Aber ich schwöre, egal, was wir uns vorstellen oder befürchten, es ist nichts im Vergleich zu dem, was in QualityLand zum Alltag gehört. Die Fantasie kennt keine Grenzen und Marc-Uwe Klings Fantasie geht weit über die Vorstellungskraft des Lesers hinaus.

    Klappentext:
    "In der Zukunft läuft alles rund: Arbeit, Freizeit und Beziehungen sind von Algorithmen optimiert. QualityPartner weiß, wer am besten zu dir passt. Das selbstfahrende Auto weiß, wo du hinwillst. Und wer bei TheShop angemeldet ist, bekommt alle Produkte, die er haben will, zugeschickt, ganz ohne sie bestellen zu müssen. Superpraktisch! Kein Mensch ist mehr gezwungen, schwierige Entscheidungen zu treffen - denn in QualityLand lautet die Antwort auf alle Fragen: OK."

    Ist das nicht toll? Ein Leben in QualityLand scheint die nächste Ausbaustufe zu unserem heutigen Alltag zu sein.
    Herrlich, man muss sich über nichts Gedanken machen. Das übernehmen künstliche Intelligenzen für uns, die wir geschaffen haben. Es geht jedoch das Gerücht, dass sich die künstlichen Intelligenzen mittlerweile selbst erschaffen ;-).

    Die Satire "QualityLand" ist ein Sammelsurium an witzigen und fantastischen Ideen des Autors. Egal, womit wir in unserem Alltag zu tun haben, Kling nimmt es und setzt noch einen drauf. Dies schafft beim Leser große Verblüffung. Zum Einen, weil er trotz allem Unbehagens im Umgang mit Internet, Social Media usw. bisher nie so weit wie Kling gedacht hat. Und zum Anderen, weil er feststellt, wie dicht wir mit unserem heutigen Alltag an Klings Szenario dran sind.

    "'... Ich sag Ihnen mal was. Die Bestsellerlisten anzuführen ist keine Kunst. Das ist nur EDV! Wir kriegen gigantische Datenmengen von allen QualityPads geliefert: Wer liest welches Buch, welche Stellen werden übersprungen, welche öfter gelesen, dazu noch die Auswertung der Gesichtszüge von jedem einzelnen Leser bei jedem einzelnen Wort, und daraus errechnen ich und meine Kollegen die neuesten Bestseller. ...'" (S. 67 f.)

    Einige Charaktere in "QualityLand":
    In QualityLand hat man das uns bekannte System der Familiennamen abgeschafft. Stattdessen trägt jeder Einwohner den Beruf des Vaters als Nachnamen. Menschen und deren Bedeutung werden über ihren Beruf bestimmt. Nur blöd, wenn der Vater arbeitslos war. Dann entsteht ein Name wie Peter Arbeitsloser - einer der Hauptcharaktere in Klings Satire, der am Ende heldenhaft gegen das System ankämpft. Unterstützt wird er dabei von ausrangierten Maschinen und Rechnern, die bei Peter zur Verschrottung vorstellig geworden sind. Denn dieser betreibt einen Laden, indem er Elektronik verschrottet. Doch Peter hat ein Herz und Mitleid für nutzlos gewordene Maschinen, insbesondere, wenn diese menschlicher wirken als der größte Teil der Bewohner von QualityLand. Das Zusammenspiel zwischen Peter und den Maschinen erinnert ein Stück weit an Romane von Terry Pratchett.
    Ein weiterer Charakter in diesem Roman ist Martyn Aufsichtsrat-Stiftungspräsident-Berater-im-Präsidialamt-Vorstand, kurz Martyn Vorstand. Man ahnt, Martyn ist mit einem einflussreichen und mächtigen Vater gesegnet (bzw. verflucht). Martyn ist nicht gerade ein cleveres Bürschchen, daher hat er eine Karriere für sich gewählt, die seinen beschränkten geistigen Fähigkeiten entspricht: er ist in die Politik gegangen. Dank des Einflusses seines Vaters führt Martyn ein sorgenfreies Leben. Doch das wird sich im Verlauf der Handlung ändern.
    QualityLand steht kurz vor den Wahlen. Der Spitzenkandidat der aktuellen Regierungspartei ist John of Us, ein Android, der den Wahlkampf auf die einzige Art betreibt, die ihm möglich ist, nämlich logisch. Der Gegenkandidat ist ein Mensch. Wer am Ende die Wahl gewinnen wird, bleibt bis zum Ende offen.

    "'... ihr habt einen Präsidenten bestellt und einen bekackten Klugscheißer geliefert bekommen.'" (S. 77)

    Wenn man diese Satire liest, muss man sich auf eines gefasst machen. Und das ist ganz viel Humor. Ich habe selten einen Roman erlebt, bei dem ich so häufig lauthals losgelacht habe. Bei den meisten lustigen Büchern, gewöhnt man sich irgendwann während der Lektüre an deren Humor. Über Dinge, die man am Anfang urkomisch fand, liest man im Verlauf der Handlung hinweg. Das wird bei "QualityLand" nicht passieren. Die komischen Momente nehmen selbst zum Ende des Buches nicht ab und überraschen immer wieder aufs Neue.

    "'... Man könnte sogar behaupten, in QualityLand gelte der Grundsatz: Je bescheuerter, desto erlaubter.'" (S. 237)

    Fazit:
    Die sicherlich sehr originelle Handlung habe ich in diesem Buch als nebensächlich betrachtet. Viel interessanter und faszinierender war für mich die Beschreibung von QualityLand und seinem Alltag, der so viel Ähnlichkeit mit unserem eigenen Leben hat. Die grenzenlose Fantasie von Marc-Uwe Kling ist einfach nur verblüffend. Er schafft Szenarien, die man sich in seinen wildesten Träumen nicht vorgestellt hätte. Das Buch "QualityLand" ist ein riesengroßer Spaß, jedoch mit einem bitteren Beigeschmack. Denn von der Zukunft, wie sie hier prophezeit wird, sind wir nicht mehr weit entfernt.

    © Renie

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 14. Dez 2017 

    Tranparente Individuen im nicht transparenten System

    "QualityLand" erinnert mich stark an die Bücher des zu früh verstorbenen Schriftstellers Douglas Adams, der vor allem durch "Per Anhalter durch die Galaxis" (seine Trilogie in fünf Bänden) bekannt wurde.

    Schon nach wenigen Seiten beschlich mich ein Gefühl der literarischen Heimkehr – da war sie wieder, diese besondere Mischung, die ich mit dem Tod von Adams für unwiderruflich verloren hielt: ein Konglomerat aus skurrilem Humor, absurden Wendungen und Charakteren, die so gnadenlos übersteigert werden, dass sie schon wieder authentisch wirken. Aber vor allem ist es diese Gesellschaftskritik, die mit der brachialen Subtilität einer schwerhörigen Marschkapelle daherkommt – doch wenn die Ohren dann aufhören, zu klingeln, bleibt als Nachhall der Klang der Wahrheit zurück.

    Denn das können sie beide, Adams und Kling. Sie haben ein unfehlbares Gespür für die Essenz der Dinge, legen den Finger treffsicher genau in die Wunde – egal, ob es jetzt um menschliche Schwächen oder gesellschaftliche Entwicklungen geht... Das ist zum Schreien komisch (wann man den Humor mag) und gleichzeitig überfällt einen hier und dort das ungute Gefühl, dass man lieber noch ein bisschen den Kopf in den Sand stecken würde.

    Mein Eindruck ist, dass diese Ähnlichkeit zumindest zum Teil beabsichtigt ist, denn das ein oder andere erschien mir wie eine bewusste Hommage Klings an seinen verstorbenen Kollegen!

    Der Autor zeichnet in "QualityLand" das Bild einer nicht allzu weit entfernten Zukunft, in der jeder Mensch gläsern ist – und das niemanden mehr stört. Das Netz weiß alles über dich, und das wird dir noch als superpraktisch verkauft: du brauchst über nichts mehr nachdenken, ist das nicht schön?

    "Ok? Ok."

    Alles, was du tust, wird vollautomatisch von Algorithmen gesteuert. QualityPartner vermittelt dir den besten Lebensgefährten, den du dir bei deinem Einkommen und deinem gesellschaftlichen Rang leisten kannst. Du brauchst nicht mehr einkaufen gehen, denn TheShop weiß besser als du, was du willst, und schickt es dir per Drohne nachhause. Die Nachrichten zeigen dir nur, was mit deiner Sicht der Welt übereinstimmt – Fake News sind durchaus gewollt, solange sie dich glücklich und leicht steuerbar machen. Die Gesellschaft verdummt, weil jeder nur noch in seiner kleinen Blase lebt, wo ihm niemand widerspricht und ihn nichts mehr herausfordert. Sogar Filme und Bücher werden bis zur kompletten Sinnentstellung an den Konsumenten angepasst:

    »In der Schule«, sagt er, »hatte ich mal eine Freundin, in deren Version von Game of Thrones keine einzige Figur gestorben ist. Die haben immer nur eine Sinnkrise bekommen und sind ausgewandert, oder so.«

    Und das wäre wohl immer so weitergegangen, hätte Peter Arbeitsloser von TheShop nicht einen pinken Delfin-Vibrator zugeschickt bekommen... Die Revolution kommt manchmal aus unerwarteten Ecken.

    "Das System sagt, ich will das. Aber ich will das nicht."

    Das ist originell. Das ist spannend. Das ist unlogisch und überzogen und gleichzeitig auf beunruhigende Art und Weise glaubhaft

    Die Geschichte dreht sich vor allem um Peter Arbeitsloser, der so weit abgerutscht ist in seiner Wertung, dass er als nutzlos gilt. Auf den ersten Seiten erschien er mir noch ziemlich flach und vorhersehbar, doch dann findet man etwas über ihn heraus, das alles ändert – denn Peter hält sich stillschweigend nicht an die Regeln... Und das führt dazu, dass sich eine unwahrscheinliche Gruppe von schrägen Gestalten aufmacht, das System zu zwingen, einen Fehler zuzugeben.

    Peter funktioniert als Charakter perfekt, weil er als Rädchen der Maschine nicht funktioniert und man sich daher mit ihm identifizieren kann. Er zeigt uns, wo die Reise hingehen könnte, wenn wir nicht umdenken, und warum wir da wirklich nicht hinwollen.

    Wie schon erwähnt, den Humor muss man mögen. (Oder auch nicht. Aber es wäre definitiv besser, ihn zu mögen, wenn man dem Buch wirklich eine Chance geben möchte.) Auch den Schreibstil kann man meines Erachtens schwer davon trennen. Ich fand ihn großartig – bissig, sarkastisch, flott geschrieben –, aber der Humor zieht sich so durchgehend durch alle Passagen, dass er Lesern, die mit dem Humor nichts anfangen können, wohl nur wenig Freude bereitet.

    Deswegen ist "QualityLand" ein Buch, wo ich dringend empfehlen würde, erstmal die Leseprobe zu lesen! Aber es lohnt sich, es zumindest mal auszuprobieren.

    Fazit:
    In der Zukunft wird alles von Algorithmen gesteuert: Du kaufst nicht mehr ein, TheShop kauft für dich ein, weil es dich besser kennt als du dich selbst. QualityPartner vermittelt dir einen Partner, der zu dir passt, den du dir leisten kannst und der wahrscheinlich sogar am selben Tag wie du sterben wird. Die Nachrichten zeigen dir nur, was du glauben willst – wenn du rechtsradikal bist, ist die ganze Welt rechtsradikal. Bis auf die Ausländer natürlich, die sind praktischerweise an allem schuld.

    Das System macht keine Fehler, und deswegen ist immer alles OK. Und wenn es nicht OK ist, liegt der Fehler an dir und nicht am System. Aber als Peter Arbeitsloser einen pinken Delfinvibrator zugeschickt bekommt, hat er ein für alle Mal genug davon.

    "QualityLand" verbindet Klamauk mit böser Gesellschaftskritik und unerwartetem Tiefgang. Ob man das mag, steht und fällt in meinen Augen damit, ob einen der Humor anspricht oder nicht – mir hat das Buch viel Spaß gemacht und mich dabei noch zum Nachdenken angeregt.