Pavel und ich: Eine Spurensuche

Rezensionen zu "Pavel und ich: Eine Spurensuche"

  1. Interessant und berührend… lesenswert!

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 02. Aug 2020 

    Mit diesem Buch, einer wahren Geschichte, habe ich den zweiten Schritt vor dem ersten getan.
    Es ist die Geschichte hinter der Geschichte.
    Es ist die Entstehungsgeschichte von „Das hungrige Krokodil“.

    Letztlich wurde Sandra Brökel von ihrer inzwischen verstorbenen Freundin Paula zu einer Prag-Liebhaberin gemacht und zu dem Roman „Das hungrige Krokodil“ inspiriert.

    Aber jetzt erstmal langsam und Schritt für Schritt zum Buch:

    Im Juni 2019 ist Sandra Brökel wieder in Prag, um ihren Roman „Das hungrige Krokodil“, den sie zwei Jahre zuvor geschrieben hat, im Prager Literaturhaus zu präsentieren.
    Eine ganz besondere Lesung ist das, denn die Autorin liest zum ersten Mal „ausschließlich vor Menschen, die wirklich erlebten, worin ich nur literarisch eintauchte.“ (S. 22).

    Nach der Lesung trifft sich Sandra Brökel mit einem Teilnehmer, der sich
    dafür interessiert, warum sie das Buch geschrieben hat.

    Die (natürlich wahre) Geschichte, die sie ihm daraufhin erzählt, beginnt im Sommer 2008 in Arnsberg im Sauerland.

    Dort wäre sie wohl aufgewachsen, wenn sie nicht ihre ersten Lebensjahre in einem Kinderheim verbracht hätte.

    Die Mittdreißigerin Sandra Brökel sucht diesen Ort, an dem ihr leiblicher Vater gelebt hat, 2008 im Rahmen der Suche nach ihren Wurzeln auf.

    Kurze Zeit vorher ist sie bereits erstmals ihrer leiblichen Mutter begegnet.

    Jetzt steht sie ihrer herzlichen, temperament- und humorvollen Großmutter väterlicherseits gegenüber.

    Ein Wimpernschlag und Sandra Brökel, Ehefrau und zweifache berufstätige Mutter hat zusätzlich zu den Adoptiveltern plötzlich auch noch leibliche Eltern. Dass das aufregend, herausfordernd und aufwühlend ist, vermittelt sie in ihrem Text sehr anschaulich.

    Plötzlich mit vier Elternteilen konfrontiert, begann Sandra Brökel sich Fragen zu stellen und zu recherchieren.
    Und dabei stieß sie auf den Prager Kinderarzt und Psychiater Dr. Pavel Vodák, der in den 1960er Jahren zwei interessante Werke verfasst hat: „Probleme mit adoptierten Kindern.“ und „Adoptierte und ihre Familien“. (S. 62).

    Und so begann Pavel, in ihrem Kopf herumzuspuken - v. a., als sie 2014 realisierte, dass sie seine Tochter gut kennt: Paula.

    Eine Passage hat mich besonders nachdenklich gemacht:
    Adoptiveltern könnten die abgetrennten Wurzeln nicht ersetzen. Ein Mensch sei wie ein Baum: ohne Wurzeln könne er den Stürmen des Alltags nicht standhalten. (S. 60)
    Der Meinung bin ich als Psychoanalytikerin auch. Man braucht ein sicheres und festes Fundament, aber ich frage mich, ob Adoptiveltern einem nicht auch solche Wurzeln in Form von Halt und Sicherheit geben können? Hat das Sandra Brökel anders erlebt oder habe ich sie nicht richtig verstanden?

    Ausführungen auf Seite 95 ließen mich auch länger innehalten. Sandra Brökel schreibt über die Bedeutsamkeit der subjektiven Bewertung von Erlebtem.
    Dem stimme ich uneingeschränkt zu.
    Wobei der kognitive Entschluss zu einer anderen Bewertung nicht der erste bzw. ausschlaggebende Schritt ist, der zu einer tiefgründigen und nachhaltigen emotionalen Umbewertung führt.
    Erst das Durchleben, Durcharbeiten und Verarbeiten der verschiedensten Gefühle ermöglicht eine andere Bewertung. Man muss also auch wütend und zornig gewesen sein, bevor man einen inneren Frieden schließen kann.
    Aber auch an dieser Stelle bin ich nicht ganz sicher, ob ich die Autorin richtig verstanden habe.

    Einem sehr schön und treffend formulierten Satz kann ich schon von Berufswegen zustimmen: „Der Weg führte also in die Vergangenheit, um in der Zukunft leben zu können.“ (S. 60/61)

    Welch gleichermaßen humorvoll formulierter und inhaltlich wahrer Satz: „Sich einfach mal betrinken und die Sorgen ersäufen. Dieser Versuchung erliege ich nicht, denn ich weiß, dass Probleme schwimmen können.“(S. 142)

    Der Text regt zum Nachdenken an. Man macht sich fast zwangsläufig Gedanken über Heimat, Flucht, Halt und Stabilität in der Familie, Adoption, Bedeutung der leiblichen Eltern und der leiblichen Familie und über im größeren und metaphorischen Sinne „das Schuldgefühl der Überlebenden“.

    Ich bin so froh und erleichtert, dass Paula vor ihrem eigenen Tod mit ihrem Vater und mit ihrer Biografie ins Reine gekommen ist. Das lässt zumindest die beruhigende Vermutung zu, dass sie diese Welt mit einer Art innerem Frieden verlassen konnte.

    Sandra Brökels Schreibstil ist locker, lebendig und trotz der ernsthaften Grundthematik immer wieder angemessen humorvoll. Sie schreibt feinfühlig und berührend und erschuf ein gleichermaßen unterhaltsames wie informatives Werk voller Wehmut, Sehnsucht und Wertschätzung für ihre Freundin Paula und voller Respekt und Ehrgefühl für Pavel Vodák, die Stadt Prag und deren Geschichte.

    Schon bald übte ihr Buch einen Sog auf mich aus und ich hatte das Gefühl, dass mir Sandra Brökel in gemütlicher Atmosphäre sehr authentisch und natürlich etwas sehr Persönliches erzählt. Und damit hat sie mich gepackt.

    Vielleicht wäre es ratsam, dieses Buch erst nach dem „hungrigen Krokodil“ zu lesen, weil sich der ein oder andere Leser sonst gespoilert fühlen könnte.

    Mir persönlich ging es jedoch nicht so.
    Die Lektüre von „Pavel und ich“ hat mich eingestimmt und noch neugieriger auf „Das hungrige Krokodil“ werden lassen, als ich es ohnehin schon war.

    Absolute Leseempfehlung!

  1. Die Entstehungsgeschichte zu "Das hungrige Krokodil"

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 30. Jul 2020 

    Im Rahmen einer Leserunde lesen wir demnächst "Das hungrige Krokodil", freundlicherweise hat uns der Pendragon Verlag auch die Geschichte hinter der Geschichte zukommen lassen, die Sandra Brökel im Anschluss verfasst hat.

    Darin erzählt sie aus der Ich-Perspektive, wie sie auf die Idee gekommen ist, das Leben des tschechischen Kinderarztes und Psychiaters Dr. Pavel Vodák aufzuschreiben. Ihre Erinnerungen beginnen im Jahr 2019 während einer Lesung in Prag, der Stadt, aus der Pavel Vodák nach dem Prager Frühling fliehen musste.
    "Erstmals lese ich ausschließlich vor Menschen, die wirklich erlebten, worin ich nur literarisch eintauchte." (22)
    Ihr wird bewusst: "Durch das Schreiben und den Automatismus, der sich dabei entwickelte, bekam Pavel ein Eigenleben in mir, es gesellte sich eine literarische Figur zu dem realen Menschen. In den Diskussionen wird deutlich, dass kleinste Details in seinen Erinnerungen nicht eins zu eins der objektiven Realität entsprechen können." (23)
    Doch die Frage stellt sich, warum ausgerechnet sie die Lebensgeschichte des tschechischen Psychiaters aufgeschrieben hat.
    "Ich habe das Leben des Pavel Vodák nur für meine Freundin, seine Tochter, aufgeschrieben, damit sie mit sich und ihrem Leben ins Reine kommt." (30)

    Was folgt, sind einige unglaubliche Zufälle, wie sie nur das Leben selbst schreiben kann. Sandra Brökel ist ein Adoptivkind und auf der Suche nach ihren leiblichen Eltern hat sie sich intensiv mit der Problematik adoptierter Kinder auseinandergesetzt. Auf der Suche nach wissenschaftlicher Literatur stößt sie auf zwei Fachbücher von Pavel Vodák, allerdings in tschechischer Sprache, die sie immer schon fasziniert hat - wer kennt nicht den wunderbaren Pan Tau ;).

    6 Jahre später realisiert sie, dass Paula, die mit ihr gemeinsam eine Ausbildung zum "Zertifizierten Kindertrauerbegleiter" (72) absolviert, die Tochter eben jenes Pavel Vodák ist. In Gesprächen mit Paula hat sie das Gefühl, sich Pavel verbunden zu fühlen. Ihre Freundin fasst so viel Vertrauen zu ihr, dass sie ihr die Lebenserinnerungen ihres Vaters anvertraut - die Grundlage für "Das hungrige Krokodil".

    Sandra Brökel gibt den Leser*innen im Folgenden Einblicke in ihren Schaffensprozess, mehrfach reist sie nach Prag, um sich Pavel näher zu fühlen.

    Nachdem ich diese sehr interessante Entstehungsgeschichte gelesen habe, die auch die politischen Hintergründe kurz und knapp erklärt, freue ich mich jetzt darauf, den Roman selbst zu lesen.