Pavel und ich: Eine Spurensuche

Buchseite und Rezensionen zu 'Pavel und ich: Eine Spurensuche' von Brökel, Sandra
4.9
4.9 von 5 (9 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Pavel und ich: Eine Spurensuche"

Zwei Länder, zwei Generationen und zwei völlig verschiedene Menschen. Die Autorin Sandra Brökel ist ein Adoptivkind, auf der Suche nach ihren Wurzeln. Bei ihren Recherchen zum Thema stößt sie schließlich auf ein Buch aus den 1960ern. Autor ist der Prager Kinderarzt und Psychiater Dr. Pavel Vodák. In ihrer Kollegin und Freundin Paula entdeckt sie viele Jahre später überraschend Pavel Vodáks Tochter. Und nicht nur das: Paula hütet das Lebenswerk ihres Vaters, ein umfangreiches Manuskript. Sandra Brökel zeigt eindrucksvoll, auf welch außergewöhnliche Weise zwei Menschenleben miteinander verbunden sein können. Ein bewegendes Buch über die Suche nach der Bedeutung von Heimat und dem eigenen Seelenfrieden.

Format:Taschenbuch
Seiten:168
Verlag:
EAN:9783865326737

Rezensionen zu "Pavel und ich: Eine Spurensuche"

  1. Ein außergewöhnlicher Schaffensprozess

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 28. Sep 2020 

    Über den Roman „Das hungrige Krokodil“ von Sandra Brökel habe ich bereits eine begeisterte Rezension geschrieben und hier eingestellt. Im Anschluss an diesen Roman konnte ich auch das Buch „Pavel und ich“ lesen, in dem die Autorin den sehr persönlichen Entstehungs- und Schaffensprozess dieses Buches beschreibt. Von dem ersten Kontakt mit den Arbeiten des Dr. Pavel Vodak bei der Suche nach der eigenen Identität und dem psychologischen Hintergrund ihres Lebens als Adoptivkind bis hin zur Verarbeitung seiner hinterlassenen Aufzeichnungen über Leben, Flucht und Einstellungen in einem Prager Cafe und dem Verlust der Freundin und Kollegin Pavlina, der Tochter von Pavel. Die tiefe Verbundenheit der Autorin mit der Familiengeschichte der Vodaks zeigt sich in diesem Buch und gibt dabei spannende Zusatzinformationen, die die Lektüre des „hungrigen Krokodils“ abrunden und sinnvoll ergänzen.
    Beide Bücher spiegeln genauso das tiefe Drängen nach Freiheit und Selbstbestimmung wider wie die Bedrohlichkeit staatlicher Machtausübung, wenn sie der reinen Machterhaltung und dem Niederhalten oppositioneller Meinungen dient. Ein zutiefst demokratisches Buch, das uns eine zeitgeschichtliche Ära ins Gedächtnis ruft, die heute immer mehr in Vergessenheit zu geraten droht: die Zeit, als direkt hinter unseren Grenzen Menschen im eigenen Land verfolgt und eingesperrt waren. Hinter Grenzen, die heute zu unserem Glück geöffnet und durchlässig sind und Staaten verbinden, die sich zwar nicht immer einig sind, aber sich doch unter dem Schirm der EU zu einer gemeinsamen Politik verpflichtet haben.

  1. Ein erstaunlich persönliches Buch...

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 09. Sep 2020 

    Zwei Länder, zwei Generationen und zwei völlig verschiedene Menschen. Die Autorin Sandra Brökel ist ein Adoptivkind, auf der Suche nach ihren Wurzeln. Bei ihren Recherchen zum Thema stößt sie schließlich auf ein Buch aus den 1960ern. Autor ist der Prager Kinderarzt und Psychiater Dr. Pavel Vodák. In ihrer Kollegin und Freundin Paula entdeckt sie viele Jahre später überraschend Pavel Vodáks Tochter. Und nicht nur das: Paula hütet das Lebenswerk ihres Vaters, ein umfangreiches Manuskript. - Sandra Brökel zeigt eindrucksvoll, auf welch außergewöhnliche Weise zwei Menschenleben miteinander verbunden sein können. Ein bewegendes Buch über die Suche nach der Bedeutung von Heimat und dem eigenen Seelenfrieden.

    Dieses Buch entstand nach dem erfolgreichen Roman "Das hungrige Krokodil" und erzählt von den Hintergründen der Entstehung besagten Romans. Erwartet hatte ich, von Begegnungen zu lesen, von einer umfassenden Recherchearbeit, vom Schreibprozess. Nun ja, diese Erwartungen wurden durchaus erfüllt - aber anders als vermutet.

    Sandra Brökel scheut sich nicht, sich als Autorin und vor allem als Mensch mit in die Erzählung einzubeziehen. So erfährt der Leser einiges aus ihrem aktuellenLeben, aber auch manches aus ihrer Vergangenheit - als adoptiertes Kind hat sie sich spät auf die Suche nach ihren leiblichen Eltern gemacht und sie auch gefunden. Diese Begegnungen verliefen teilweise erfreulich, z.T. aber auch enttäuschend - und haben doch allesamt dafür gesorgt, dass die Autorin ihre Wurzeln fand und dadurch im Leben mehr zur Ruhe kam.

    Auf den Arzt Pavel Vodák stieß Sandra Brökel erstmals im Rahmen ihrer Suche nach Literatur über adoptierte Kinder und deren Eltern. Leider waren die Bücher, die der Prager Arzt zu diesem Thema verfasst hatte, ausschließlich auf Tschechisch, so dass sich Sandra Brökel anderen Arbeiten zuwandte. Durch einen großen Zufall erfuhr sie Jahre später, dass ihre beste Freundin und Kollegin die Tochter ausgerechnet dieses Arztes war.

    Auch die Freundin, Pavli, Paula, Paulchen genannt, hatte mit dem Thema "Entwurzelung" zu kämpfen und alte Verletzungen aufzuarbeiten - schließlich floh Pavel Vodák 1970 mit seiner Familie aus der Tschechoslowakai nach Deutschland und entriss das Kind dem, was es bis dahin selbstverständlich als Heimat angesehen hatte. Und im Rahmen der gemeinsamen Aufarbeitung von Pavlis nicht einfacher Lebensgeschichte überließ diese der Autorin schließlich einen Koffer voller Dokumente: die Aufzeichnungen Pavel Vodáks über sein Leben.

    "Oft frage ich mich: Sind es meine Gedanken oder Pavels? Es war sein Leben. Auf gewisse Weise verschmelzen wir in dem Buch, seine Gedanken tragen jetzt meine Handschrift." (S. 121)

    In einfacher Sprache aber dennoch eindringlich und stellenweise auch sehr berührend schildert Sandra Brökel ihre Verbundenheit mit dem Prager Arzt Pavel Vodák sowie mit seiner Tochter Pavli bis zu deren plötzlichem Tod. Sie schildert Episoden gemeinsamer Vergangenheitsrecherche, die Spurensuche in Prag, Begegnungen mit Menschen und vor allem Empfindungen. Die Stimmung in einem bestimmten Café in Prag, die Kreativität und Hartnäckigkeit bei der Suche nach Originaldokumenten, die Verbundenheit der Autorin auch zu der Stadt Prag selbst - all dies fließt wie nebenher ein.

    Die Verquickung der Erzählung rund um den Entstehungsprozess des Romans mit persönlichen Anteilen der Autorin hat mir sehr gut gefallen. Keine Nabelschau, glücklicherweise, sondern gerade die richtige Dosis, um deutlich zu machen, wie hilfreich und notwendig es für Sandra Brökel war, genau diesen Roman "Das hungrige Krokodil" zu schreiben - und wie anstrengend. Nach gerade einmal zehn Wochen war der gesamte Roman beim Verlag, eine unglaubliche Leistung.

    "Pavel Vodák träumte zu Lebzeiten von einem Buch über sein Leben, hautnah erlebte europäische Geschichte. Nicht, um sich als Schriftsteller zu profilieren, sondern um eine Botschaft zu verbreiten. (...) Ich lernte viel über Mut und Geduld, über Schuld und Verzeihen." (S. 128)

    Wer den Roman "Das hungrige Krokodil" liest (unbedingt empfehlenswert!), der sollte sich im Anschluss mit diesem ergänzenden Buch belohnen. Hier erfährt der Leser wissenswerte Hintergründe, taucht tiefer in einige Details des Romans ein und gibt der Perspektive der Tochter von Pavel Vodák Raum, was das Bild letztlich rund macht.

    Für mich eine lohnenswerte Lektüre...

    © Parden

  1. Auf der Suche nach den Wurzeln

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 28. Aug 2020 

    Sandra Brökel hat mit „Das hungrige Krokodil“ ein beeindruckendes Debüt vorgelegt, dass ich an anderer Stelle schon lobend vorgestellt habe.

    Wie es überhaupt dazu gekommen ist, dass die Schreib- und Trauertherapeutin ein Buch über einen ihr fremden, doch trotzdem irgendwie mit ihr verbundenen tschechischen Psychiater und Kinderarzt geschrieben hat – das erzählt sie den Leser*innen in „Pavel und ich“.

    Dabei beginnt sie mit einer Lesung von „Das hungrige Krokodil“ im Prager Literaturhaus. Auf der anschließenden Fahrt durch Prag erzählt sie ihrem Beifahrer (und somit den Leser*innen) die Geschichte, wie es zu dem hungrigen Krokodil gekommen ist.

    Dafür reist die geneigte Leserschaft mit Sandra Brökel durch deren jüngere Vergangenheit, als sie mehr über ihre leiblichen Eltern erfahren will…

    Schnörkellos und ohne mit dem Druck, sich oder irgendwem, (literarisch) etwas zu beweisen, erzählt sie von dem Kennenlernen ihrer Oma (ich habe Tränen gelacht bei dieser Episode *g*), über die Ruckzuck-Integration in ihre leibliche Familie, aber auch den damit verbundenen Fragen, Ängsten etc., wie sie und ihre Familie mit zwei „Eltern“ (Mama und Papa und Vater und Mutter) zurechtkommt.

    Dann tauchen wir in ihre Arbeit als Schreib- und Trauertherapeutin ein und hier erfährt die geneigte Leserschaft dann auch, wie sie an die persönlichen Aufzeichnungen von Doktor Pavel Vodák gekommen ist und warum sie sich ihm so nahe gefühlt hat – so nah, dass sie trotz aller Bedenken in nur 10 Wochen!!! ihr Debüt „Das hungrige Krokodil“ schreiben konnte. Beeindruckend.

    Allen (hoffentlich zahlreichen) zukünftigen Leser*innen von „Pavel und ich“ empfehle ich, zunächst „Das hungrige Krokodil“ zu lesen. Aber auch andersherum funktioniert es :-).

    Auch hier: beide Daumen hoch für Sandra Brökel, 5* und eine klare Leseempfehlung!

    ©kingofmusic

  1. Berührendes Bild einer Autorin, einer Freundschaft und ein Blick

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 24. Aug 2020 

    Berührendes Bild einer Autorin, einer Freundschaft und ein Blick auf ein Resultat

    Entgegen dem Hinweis der Autorin (leider kam dieser erst nach der Lektüre des Buches :-) ), habe ich erst "Pavel und ich" gelesen und danach dann "Das hungrige Krokodil". Beide Bücher gehören irgendwie zusammen. Denn in "Pavel und ich" wird die Entstehungsgeschichte zu "Das hungrige Krokodil" beschrieben. In diesem Buch, in "Das hungrige Krokodil" schreibt die Autorin Sandra Brökel die Familiengeschichte der Vodáks, einer tschechischen Arztfamilie.

    Die Autorin und Therapeutin Sandra Brökel freundet sich über ihre Arbeit mit einer Ärztin an, mit Paula oder Pavli an und kommt erst später darauf, dass ihre mit einem Deutschen verheiratete Freundin die Tochter von Pavel Vodák ist, einem tschechischen Arzt. Denn dieser Arzt, bzw. zwei Bücher von ihm, sind der Autorin bekannt, aus sehr persönlichen Gründen, denn in diesen Büchern geht es um adoptierte Kinder und ihr Umfeld, den biologischen Eltern und den Adoptiveltern. Das ist etwas, was auch die Autorin betrifft, sie ist selbst adoptiert und wollte sich über diese Bücher Hilfe suchen. Dies besprechen die beiden eng befreundeten Frauen und Pavli übergibt später schließlich die biographischen Aufzeichnungen ihres Vaters ihrer Freundin und bittet ihre schreibende Freundin, ein Buch über ihre Familie zu verfassen. Gerade deshalb, wegen dieser Verbundenheit der beiden Frauen entsteht sicher auch diese tiefe und berührende Familiengeschichte. Aber mindestens ebenso berührend ist auch "Pavel und ich", denn Sandra Brökel versteht ihr Handwerk, die Beschreibung der eigenen Vergangenheit und ihren Umgang damit gelingt Sandra Brökel berührend und authentisch, ebenso wie auch ihre Freundschaft zu Pavli die Leser trifft und tief berührt und die Entstehung von "Das hungrige Krokodil" spricht auch eine deutliche Sprache, die Intensität darin dringt zum Leser durch. Die kurze Zeit, die die Autorin für dieses tolle Buch braucht, zeigt auch die Wertigkeit, die die Autorin diesem Buch gibt, wofür sicher auch die Freundschaft zu Pavli zugrunde liegt, aber auch ihre Verbundenheit zur Familie Vodák und zu den Geschehnissen des Prager Frühlings. Denn das Erscheinungsdatum des Krokodils sollte mit dem Jahrestag des Prager Frühlings zusammenfallen. Auch das ist etwas, was mir sehr gefallen hat. Insgesamt betrachtet ist dieses Buch eine ungemein interessante Erfahrung für mich, wo ich sehr froh bin, sie gemacht zu haben. Wer diese beiden Bücher lesen möchte, sollte als erstes Buch "Das hungrige Krokodil" zur Hand nehmen und danach "Pavel und ich" lesen. So ist die Leseerfahrung am intensivsten, umgekehrt wird einiges zuvor genommen

  1. Spurensuche vielerlei Art

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 19. Aug 2020 

    Die Schreib- und Trauertherapeutin Sandra Brökel erzählt in ihrem lesenswerten und wichtigen Roman „Das hungrige Krokodil“ die wahre Geschichte des tschechischen Psychiaters Pavel Vodák, der nach der Niederschlagung des Prager Frühlings mit seiner Familie in den Westen flüchtet.
    Genauso lesenswert ist ihr Buch „ Pavel und ich“, worin sie die beinahe unglaubliche Entstehungsgeschichte des Romans schildert.
    Sandra Brökel wurde als Kind aus einem Kinderhaus heraus adoptiert. Das war nie ein Geheimnis in der Familie und sie war glücklich mit ihren Adoptiveltern. Und doch gab es da eine Leerstelle und mit Mitte 30 macht sie sich auf die Suche nach ihren leiblichen Eltern. Beim Treffen mit der Mutter trifft sie auf eine gebrochene, verletzte Frau, doch in der Familie des Vaters wird sie herzlich aufgenommen.
    Aber die neuen Familienverhältnisse sind emotional nicht einfach für alle Beteiligten. Um sich und ihre verschiedenen Eltern ( Mama/ Papa und Vater/ Mutter) besser zu verstehen, sucht Sandra Brökel Rat in Fachliteratur und stößt schließlich auf zwei Bücher eines gewissen Dr. Pavel Vodák. Sie scheinen genau das Richtige zu sein, allerdings gibt es die Bücher nur auf Tschechisch, eine Sprache, die Sandra Brökel nicht beherrscht.
    Ein paar Jahre später:
    Die Autorin sitzt mit ihrer Freundin Paula in einer tschechischen Kneipe in Berlin. Im Gespräch stellt sich heraus, dass jener Pavel Vodák Paulchens Vater ist.
    Was für ein unglaublicher Zufall !
    Paulchen erzählt zum ersten Mal Näheres über ihre Familie und ihre Flucht aus der Tschechoslowakei und Sandra Brökels Interesse ist geweckt. Daraufhin erhält sie die alte Arzttasche des Vaters, voll mit einem Stapel Papiere. Pavel Vodák hat in seinen letzten Jahren seine Lebensgeschichte aufgeschrieben. Die Autorin macht sich daran, aus diesen Hunderten von Seiten ein Buch zu schreiben, v.a. als Therapie für ihre Freundin. Die leidet noch immer unter der dramatischen Flucht aus der Heimat. Aus eigener Erfahrung weiß Sandra Brökel, wie hilfreich es ist, die eigene Geschichte aufgearbeitet und seinen Frieden damit gemacht zu haben. „ Es macht einen großen Unterschied wie ein Mensch seinen Lebensweg bewertet: Hat er verinnerlicht „ nur weil mein Vater sich politisch engagierte und sich mit dem Kommunismus nicht arrangieren wollte, mussten wir fliehen. Ich habe deswegen alles verloren, was mir wichtig war“, so geht er fortan mit schwerem Gepäck und trauert um Heimat, Freunde, lieb gewordene Kuscheltiere. Da schwingen auch Wut und Enttäuschung mit.
    Eine ganz andere Bewertung wäre: „ Mein Vater engagierte sich für eine bessere Welt. Für mich und viele andere. Leider musste er später fliehen. Er nahm viel auf sich, damit ich in Freiheit aufwachsen durfte.“ Mit dieser inneren Einstellung darf die alte Wunde langsam heilen.
    Dann wandeln sich Wut und Enttäuschung in Liebe und Dankbarkeit.“
    Sandra Brökel kämpft sich durch das umfangreiche Manuskript; Pavel wird immer mehr zu einer vertrauten Person für sie. Auch ein gemeinsamer Besuch in Prag ist hilfreich für beide.
    Es bedarf noch einiger glücklicher Umstände, dass der Roman pünktlich zum 50. Jahrestag des Prager Frühlings 2018 erscheinen kann. Zum Glück kann Paulchen die Fertigstellung noch erleben.
    „ Seine Aufzeichnungen werden 16 Jahre nach seinem Tod zu einem Buch und seine geliebte Tochter hat ihren Frieden gefunden. Sie hat endlich verinnerlicht, was er sich so sehr wünschte: Sie fühlt sich wohl mit ihren Prager Wurzeln und schätzt die Freiheit, die er ihr durch die Flucht ermöglichte. Sie ist stolz auf ihren Vater und mit sich und ihrem bewegten Leben im Reinen.“
    Das Buch „ Pavel und ich“ liest sich genauso spannend wie der Roman „ Das hungrige Krokodil“. Der Leser nimmt Teil an einem ganz besonderen Entstehungsprozess.
    Sandra Brökel geht offen und ehrlich mit ihrer eigenen Geschichte um, erzählt davon berührend, aber auch mit viel Humor. Gleichzeitig setzt sie sich intensiv mit dem Leben des tschechischen Arztes und Psychiaters auseinander, auch dort, wo er Fehler gemacht hat. Das alles in enger Verbundenheit mit dessen Tochter.
    Das Buch berührt viele Themen, wie Heimat und Heimatverlust, Entwurzelung, aber auch die Bedeutung von Familie und Eltern. Daneben ist es eine wunderbare Freundschaftsgeschichte der beiden Frauen und eine Liebeserklärung an Prag.
    Beide Bücher von Sandra Brökel geben viel Stoff zum Nachdenken und wirken beim Leser noch lange nach.

  1. Spurensuche

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 18. Aug 2020 

    Spurensuche #1: Sandra Brökel ist ein Adoptivkind hat ihre ersten Lebensmonate in einem Kinderheim verbracht. Heute arbeitet sie als Schreib- und Trauertherapeutin. Vor einigen Jahren will sie ihre leiblichen Eltern kennenlernen und stößt dabei auf der Suche nach ihren Wurzeln auf ein Werk der Fachliteratur aus den 1960ern über Beziehungen von adoptierten Kindern zu ihren leiblichen und Adoptiveltern des tschechischen Kinderarztes und Psychiaters Pavel Vodák. Eigentlich genau das was sie sucht, wenn es nicht in einer Sprache verfasst wäre, die sie nicht versteht. Irgendetwas lässt sie trotzdem immer wieder an das Buch und seinen Verfasser denken
    Spurensuche #2: Einige Jahre danach erkennt Sandra Brökel in ihrer Freundin und Kollegin Paula die Tochter Pavel Vodáks. Es ist wie ein Wunder, eine Art Bestimmung. Denn Paula übergibt Sandra eine alte Arzttasche ihres Vaters, die randvoll ist mit Notizen, Aufzeichnungen, Lebenserinnerungen von Pavel, die er 8o-jährig kurz vor seinem Tod im Jahr 2002 verfasste.
    Sandra und Paula sind Freundinnen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, rein äußerlich. Sandra ist leger, ungeschminkt, praktisch. Paula könnte als Diva durchgehen, stets modisch gekleidet, markenbewusst, Kleidung, Schuhe, Accessoires alles aufeinander abgestimmt. Was die beiden Frauen verbindet, ist das traumatische Erlebnis von Verlust in der Kindheit. Bei Sandra waren es die Monate im Kinderheim, Paula verlor mit 12 Jahren - als man sie noch Pavli nannt - ihre Heimat. Denn ihr Vater Pavel entschied sich 1970 zur Flucht aus Tschechien mit der gesamten Familie.
    Alles begann mit einer Arzttasche. Sandra Brökel setzte sich intensiv mit Pavels Vodáks Leben auseinander. Seine Aufzeichnungen bildeten die Grundlage für den Roman „Das hungrige Krokodil“, den Sandra Brökel in einer einmaligen Aktion zu schreiben begann.
    Das Leben schreibt die schönsten Geschichten. Dieser Satz bewahrheitet sich für Sandra Brökel.
    „Vielleicht sollte es tatsächlich so sein, dass ich ihn (Pavel) und sein Buch finde. Vielleicht bedeutet Zufall tatsächlich so etwas wie „mir zugefallen“.“
    Sandra verinnerlicht sich das Leben Pavels, beginnt dessen Heimatstadt mit seinen Augen zu sehen. Mit der erwachsenen Paula fährt sie nach Prag und mit der 12-jährigen Pavli steht sie vor der Tür der ehemaligen Wohnung der Vodáks.
    Das Krokodil als literarisches Bild für das Böse, das träge vor sich hin döst und plötzlich zuschnappt, beherrscht den Roman, den Sandra Brökel aus Pavel Vodáks Erinnerungen schreiben konnte. „Pavel und ich“ ist ein ungeheuer intensives Erleben dieses Schreibprozesses. Sympathisch, warmherzig humorvoll und engagiert erzählt Sandra Brökel von ihrer Auseinandersetzung mit Pavels Leben, aber auch von ihrer eigenen komplizierten Familiengeschichte. Es ist gleichzeitig eine Plädoyer für Gedankenfreiheit und gegen jede Form von totalitären Regimes. Aber es ist auch ein Plädoyer für Freundschaft, eine Freundschaft über alle Grenzen hinweg.
    „Ich sehe mich nicht als Schriftstellerin. Und ich bin nicht berühmt. Ich habe das Leben des Pavel Vodák nur für meinen Freundin, seine Tochter, aufgeschrieben, damit sie mit sich und ihrem Leben ins Reine kommt“
    Paula verstarb unerwartet im Oktober 2017. Ihren Roman „Das hungrige Krokodile“ hat Sandra Brökel ihrer Freundin Paula, ihrem Paulchen, der kleinen Pavli gewidmet.

  1. Wieviele Zufälle kann es geben?

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 18. Aug 2020 

    Nach der beeindruckenden Lektüre des dazugehörigen Romans „Das hungrige Krokodil“ war ich begierig darauf, auch dessen Entstehungsgeschichte kennenzulernen. Eines wird beim Lesen glockenklar: Die schicksalhaften Zufälle, die dazu geführt haben, dass Sandra Brökel an die Lebenserinnerungen des Arztes Dr. Pavel Vodák kam, sind außergewöhnlich und kaum vorstellbar. Ich würde daher die gestellte Kernfrage, wer da wen gefunden hat, eindeutig beantworten: Die Aufzeichnungen wollten in die Hände der Autorin…

    Die Trauer- und Schreibtherapeutin Sandra Brökel liefert in „Pavel und Ich“ nicht nur die Entstehungsgeschichte des dazugehörigen Romans, sondern sie gibt auch eine Menge ihrer eigenen Biografie preis. Bereits als Baby kam sie in ein Kinderheim, wurde glücklicherweise aber von liebevollen Adoptiveltern angenommen. Als Erwachsene machte sie sich auf die Suche nach ihren biologischen Wurzeln. An diesen Erfahrungen lässt sie den Leser teilhaben, obgleich sich offensichtlich auch schmerzliche Begebenheiten zugetragen haben. Man spürt deutlich, dass Sandra Brökel diese Rückschläge akzeptiert und, soweit möglich, verarbeitet hat. Die positiven Begegnungen, wie z.B. mit der leiblichen Großmutter, die die neue Enkeltochter gleich mitten ins Großfamilienleben wirft, sind umso lebensfroher dargestellt. Es darf auch gelacht werden: „Das ist also typisch für mich? Dass ich erst handele und dann denke? Vielleicht. Mir fällt auf, dass ich viel von dieser Oma habe. Die ist auch spontan und kaum zu bremsen. Nein, falsch. Sie ist noch schneller als ich.“ (S. 40)

    Die Entwurzelung verband sie mit ihrer Freundin Paula: „Wir teilen das traumatische Erlebnis eines Verlustes in der Kindheit. Doch hatten wir völlig andere Startpunkte. Sie wurde aus ihrer Heimat entwurzelt, ich kämpfte derweil als Baby in einem Kinderheim ums Überleben ohne feste Bezugsperson, eine Art Trainingslager in Sachen Autonomie…“ (S. 13)

    Über einen langen Zeitraum hat sich die Autorin mit dem Thema Adoption und ihrer Folgen beschäftigt. Ein Tscheche, eben besagter Dr. Pavel Vodák, hatte zwei höchst interessante Bücher darüber verfasst – nur leider wurden sie nie ins Deutsche übertragen. Völlig überraschend kommt der Autorin die Erkenntnis, dass ihre langjährige Freundin Paula die Tochter eben dieses Mannes ist. Im Gespräch der beiden Frauen stellt sich eine Seelenverwandtschaft des 2002 verstorbenen Kinderpsychiaters mit Sandra Brökel heraus. Deren Freundin tut für sich selbst einen bedeutsamen Schritt, als sie die braune Ledertasche mit den gesammelten Lebenserinnerungen ihres Vaters aus der Hand gibt: „Sie atmet einmal tief durch und zelebriert den Moment: „Das ist ein großer Schritt für mich. Ich habe lange überlegt und beschlossen, dass du sie bekommst. Du bist wie er. Du hast ihn gesucht. Mach was draus.““ (S. 78)

    Ein weiterer Zufall stellt den Kontakt mit dem Verleger Günther Butkus vom Pendragon Verlag her. Da das Buch zum 50sten Jahrestag des Prager Frühlings 2018 erscheinen soll, ist das Manuskript in atemberaubendem Tempo zu schreiben. Der Verlag glaubt an das Projekt und rafft den gewöhnlichen Lektorats- und Herstellungsprozess immens. In Folge stürzt sich Sandra Brökel in die Arbeit. Es geht ihr nicht nur darum, ein Buch zu schreiben. Ihr geht es auch um die Freundin. Sie möchte die Beweggründe verstehen, die deren Vater damals zur Flucht aus Prag getrieben haben. Sie möchte die Freundin mit Teilen ihrer Vergangenheit konfrontieren, damit sie erlebte Traumata überwinden kann: „Jetzt, da ich aus seiner Perspektive einen Roman schreibe, wird er mir vertrauter und zieht bei mir ein. Nicht zuletzt spielt meine Freundin Paula, seine Pavli und mein Paulchen, eine große Rolle. Wir stecken mitten in der therapeutischen Aufarbeitung ihres Lebens: Sie bearbeitet ihre Erinnerungen, ich halte die Perspektive ihres Vaters dagegen.“ (S. 103)

    Die Autorin reist oft nach Prag, wandelt auf den Spuren des Arztes. Sie fühlt sich tief in dessen Leben und Gedankenströme hinein (eine Tatsache, die dem Roman eine faszinierende Authentizität verleiht), sie lernt die Stadt kennen und lieben. Da sie zu Hause im Kreis ihrer eigenen Familie nicht die Ruhe zum Schreiben findet, entstehen lange Passagen im Prager Café Slavia.

    Dieses Begleitbuch zum Roman liest sich ebenso flüssig und spannend wie der Roman selbst. Er liefert persönliche Erlebnisse, Hintergründe und Schicksale der beiden Freundinnen und des Protagonisten Pavel Vodák. Es wird nochmal sehr deutlich, dass seine Geschichte keine Fiktion ist. Leider hat das wahre Leben auch vor seiner Tochter nicht Halt gemacht, die diese Erde leider viel zu früh verlassen musste. In dem Zusammenhang hat mich dieses Zitat sehr bewegt: „Das verbindet die Sterbenden mit den Flüchtenden. Sie brechen auf in eine ungewisse Zukunft. Beide ängstigen sich vor dem Unbekannten. Sie wissen nur, dass es kein Zurück gibt. Manche beruhigt der Gedanke, dass sie etwas Neues gewinnen, wenn sie das Alte verlassen. Vielleicht ist es das, was man Glauben nennt…“ (S. 111)

    Das Buch liefert dem Laien interessante Kenntnisse über den literarischen Entstehungs- und anschließenden Veröffentlichungsprozess eines Buches. Der Blick hinter die Kulissen ist ungemein lohnend. Ich halte die Autorin für sehr talentiert. Sie kann verschiedene Genres bedienen. Mit „Das hungrige Krokodil“ ist ihr ein höchst authentischer und ernsthafter Lebensbericht als Roman gelungen. Bei „Pavel und ich“ lässt sie neben aller gebührenden Ernsthaftigkeit auch lockere, humoristische Szenen zu. Wer weiß, vielleicht will irgendwann wieder eine Geschichte zu ihr? Sandra Brökel scheint mit Dr. Pavel Vodák wirklich viel gemeinsam zu haben, insbesondere die Fähigkeit, Verluste aufzuarbeiten und stets nach vorne zu schauen.

    Danke für dieses besondere Lektüre-Erlebnis!

  1. Interessant und berührend… lesenswert!

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 02. Aug 2020 

    Mit diesem Buch, einer wahren Geschichte, habe ich den zweiten Schritt vor dem ersten getan.
    Es ist die Geschichte hinter der Geschichte.
    Es ist die Entstehungsgeschichte von „Das hungrige Krokodil“.

    Letztlich wurde Sandra Brökel von ihrer inzwischen verstorbenen Freundin Paula zu einer Prag-Liebhaberin gemacht und zu dem Roman „Das hungrige Krokodil“ inspiriert.

    Aber jetzt erstmal langsam und Schritt für Schritt zum Buch:

    Im Juni 2019 ist Sandra Brökel wieder in Prag, um ihren Roman „Das hungrige Krokodil“, den sie zwei Jahre zuvor geschrieben hat, im Prager Literaturhaus zu präsentieren.
    Eine ganz besondere Lesung ist das, denn die Autorin liest zum ersten Mal „ausschließlich vor Menschen, die wirklich erlebten, worin ich nur literarisch eintauchte.“ (S. 22).

    Nach der Lesung trifft sich Sandra Brökel mit einem Teilnehmer, der sich
    dafür interessiert, warum sie das Buch geschrieben hat.

    Die (natürlich wahre) Geschichte, die sie ihm daraufhin erzählt, beginnt im Sommer 2008 in Arnsberg im Sauerland.

    Dort wäre sie wohl aufgewachsen, wenn sie nicht ihre ersten Lebensjahre in einem Kinderheim verbracht hätte.

    Die Mittdreißigerin Sandra Brökel sucht diesen Ort, an dem ihr leiblicher Vater gelebt hat, 2008 im Rahmen der Suche nach ihren Wurzeln auf.

    Kurze Zeit vorher ist sie bereits erstmals ihrer leiblichen Mutter begegnet.

    Jetzt steht sie ihrer herzlichen, temperament- und humorvollen Großmutter väterlicherseits gegenüber.

    Ein Wimpernschlag und Sandra Brökel, Ehefrau und zweifache berufstätige Mutter hat zusätzlich zu den Adoptiveltern plötzlich auch noch leibliche Eltern. Dass das aufregend, herausfordernd und aufwühlend ist, vermittelt sie in ihrem Text sehr anschaulich.

    Plötzlich mit vier Elternteilen konfrontiert, begann Sandra Brökel sich Fragen zu stellen und zu recherchieren.
    Und dabei stieß sie auf den Prager Kinderarzt und Psychiater Dr. Pavel Vodák, der in den 1960er Jahren zwei interessante Werke verfasst hat: „Probleme mit adoptierten Kindern.“ und „Adoptierte und ihre Familien“. (S. 62).

    Und so begann Pavel, in ihrem Kopf herumzuspuken - v. a., als sie 2014 realisierte, dass sie seine Tochter gut kennt: Paula.

    Eine Passage hat mich besonders nachdenklich gemacht:
    Adoptiveltern könnten die abgetrennten Wurzeln nicht ersetzen. Ein Mensch sei wie ein Baum: ohne Wurzeln könne er den Stürmen des Alltags nicht standhalten. (S. 60)
    Der Meinung bin ich als Psychoanalytikerin auch. Man braucht ein sicheres und festes Fundament, aber ich frage mich, ob Adoptiveltern einem nicht auch solche Wurzeln in Form von Halt und Sicherheit geben können? Hat das Sandra Brökel anders erlebt oder habe ich sie nicht richtig verstanden?

    Ausführungen auf Seite 95 ließen mich auch länger innehalten. Sandra Brökel schreibt über die Bedeutsamkeit der subjektiven Bewertung von Erlebtem.
    Dem stimme ich uneingeschränkt zu.
    Wobei der kognitive Entschluss zu einer anderen Bewertung nicht der erste bzw. ausschlaggebende Schritt ist, der zu einer tiefgründigen und nachhaltigen emotionalen Umbewertung führt.
    Erst das Durchleben, Durcharbeiten und Verarbeiten der verschiedensten Gefühle ermöglicht eine andere Bewertung. Man muss also auch wütend und zornig gewesen sein, bevor man einen inneren Frieden schließen kann.
    Aber auch an dieser Stelle bin ich nicht ganz sicher, ob ich die Autorin richtig verstanden habe.

    Einem sehr schön und treffend formulierten Satz kann ich schon von Berufswegen zustimmen: „Der Weg führte also in die Vergangenheit, um in der Zukunft leben zu können.“ (S. 60/61)

    Welch gleichermaßen humorvoll formulierter und inhaltlich wahrer Satz: „Sich einfach mal betrinken und die Sorgen ersäufen. Dieser Versuchung erliege ich nicht, denn ich weiß, dass Probleme schwimmen können.“(S. 142)

    Der Text regt zum Nachdenken an. Man macht sich fast zwangsläufig Gedanken über Heimat, Flucht, Halt und Stabilität in der Familie, Adoption, Bedeutung der leiblichen Eltern und der leiblichen Familie und über im größeren und metaphorischen Sinne „das Schuldgefühl der Überlebenden“.

    Ich bin so froh und erleichtert, dass Paula vor ihrem eigenen Tod mit ihrem Vater und mit ihrer Biografie ins Reine gekommen ist. Das lässt zumindest die beruhigende Vermutung zu, dass sie diese Welt mit einer Art innerem Frieden verlassen konnte.

    Sandra Brökels Schreibstil ist locker, lebendig und trotz der ernsthaften Grundthematik immer wieder angemessen humorvoll. Sie schreibt feinfühlig und berührend und erschuf ein gleichermaßen unterhaltsames wie informatives Werk voller Wehmut, Sehnsucht und Wertschätzung für ihre Freundin Paula und voller Respekt und Ehrgefühl für Pavel Vodák, die Stadt Prag und deren Geschichte.

    Schon bald übte ihr Buch einen Sog auf mich aus und ich hatte das Gefühl, dass mir Sandra Brökel in gemütlicher Atmosphäre sehr authentisch und natürlich etwas sehr Persönliches erzählt. Und damit hat sie mich gepackt.

    Vielleicht wäre es ratsam, dieses Buch erst nach dem „hungrigen Krokodil“ zu lesen, weil sich der ein oder andere Leser sonst gespoilert fühlen könnte.

    Mir persönlich ging es jedoch nicht so.
    Die Lektüre von „Pavel und ich“ hat mich eingestimmt und noch neugieriger auf „Das hungrige Krokodil“ werden lassen, als ich es ohnehin schon war.

    Absolute Leseempfehlung!

  1. Die Entstehungsgeschichte zu "Das hungrige Krokodil"

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 30. Jul 2020 

    Im Rahmen einer Leserunde lesen wir demnächst "Das hungrige Krokodil", freundlicherweise hat uns der Pendragon Verlag auch die Geschichte hinter der Geschichte zukommen lassen, die Sandra Brökel im Anschluss verfasst hat.

    Darin erzählt sie aus der Ich-Perspektive, wie sie auf die Idee gekommen ist, das Leben des tschechischen Kinderarztes und Psychiaters Dr. Pavel Vodák aufzuschreiben. Ihre Erinnerungen beginnen im Jahr 2019 während einer Lesung in Prag, der Stadt, aus der Pavel Vodák nach dem Prager Frühling fliehen musste.
    "Erstmals lese ich ausschließlich vor Menschen, die wirklich erlebten, worin ich nur literarisch eintauchte." (22)
    Ihr wird bewusst: "Durch das Schreiben und den Automatismus, der sich dabei entwickelte, bekam Pavel ein Eigenleben in mir, es gesellte sich eine literarische Figur zu dem realen Menschen. In den Diskussionen wird deutlich, dass kleinste Details in seinen Erinnerungen nicht eins zu eins der objektiven Realität entsprechen können." (23)
    Doch die Frage stellt sich, warum ausgerechnet sie die Lebensgeschichte des tschechischen Psychiaters aufgeschrieben hat.
    "Ich habe das Leben des Pavel Vodák nur für meine Freundin, seine Tochter, aufgeschrieben, damit sie mit sich und ihrem Leben ins Reine kommt." (30)

    Was folgt, sind einige unglaubliche Zufälle, wie sie nur das Leben selbst schreiben kann. Sandra Brökel ist ein Adoptivkind und auf der Suche nach ihren leiblichen Eltern hat sie sich intensiv mit der Problematik adoptierter Kinder auseinandergesetzt. Auf der Suche nach wissenschaftlicher Literatur stößt sie auf zwei Fachbücher von Pavel Vodák, allerdings in tschechischer Sprache, die sie immer schon fasziniert hat - wer kennt nicht den wunderbaren Pan Tau ;).

    6 Jahre später realisiert sie, dass Paula, die mit ihr gemeinsam eine Ausbildung zum "Zertifizierten Kindertrauerbegleiter" (72) absolviert, die Tochter eben jenes Pavel Vodák ist. In Gesprächen mit Paula hat sie das Gefühl, sich Pavel verbunden zu fühlen. Ihre Freundin fasst so viel Vertrauen zu ihr, dass sie ihr die Lebenserinnerungen ihres Vaters anvertraut - die Grundlage für "Das hungrige Krokodil".

    Sandra Brökel gibt den Leser*innen im Folgenden Einblicke in ihren Schaffensprozess, mehrfach reist sie nach Prag, um sich Pavel näher zu fühlen.

    Nachdem ich diese sehr interessante Entstehungsgeschichte gelesen habe, die auch die politischen Hintergründe kurz und knapp erklärt, freue ich mich jetzt darauf, den Roman selbst zu lesen.