Patria

Buchseite und Rezensionen zu 'Patria' von Fernando Aramburu
4.5
4.5 von 5 (2 Bewertungen)

«Patria» heißt Vaterland, Heimat. Aber was ist Heimat? Die beiden Frauen und ihre Familie, um die es in Fernando Aramburus von der Kritik gefeierten und mit den größten spanischen Literaturpreisen ausgezeichneten Roman geht, sehen ihre Heimat mit verschiedenen Augen.

Bittori sitzt am Grab ihres Mannes Txato, der vor über zwanzig Jahren von Terroristen erschossen wurde. Sie erzählt ihm, dass sie beschlossen hat, in das Haus, in dem sie wohnten, zurückzukehren. Denn sie will herausfinden, was damals wirklich geschehen ist, und wieder unter denen leben, die einst schweigend zugesehen hatten, wie ihre Familie ausgegrenzt wurde. Das Auftauchen von Bittori beendet schlagartig die vermeintliche Ruhe im Dorf. Vor allem die Nachbarin Miren, damals ihre beste Freundin, heute Mutter eines Sohnes, der als Terrorist in Haft sitzt, zeigt sich alarmiert. Dass Mirens Sohn etwas mit dem Tod ihres Mannes zu tun hat, ist Bittoris schlimmste Befürchtung. Die beiden Frauen gehen sich aus dem Weg, doch irgendwann lässt sich die lange erwartete Begegnung nicht mehr vermeiden ...

Ein Bestseller in Spanien, monatelang auf Platz 1 der Bestsellerliste, ein epochemachender Roman über Schuld und Vergebung, Freundschaft und Liebe, der zeigt, wie Terrorismus den inneren Kern einer Gemeinschaft angreift und wie lange es dauert, bis die Menschen wieder zueinander finden.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:768
Verlag: Rowohlt
EAN:9783498001025

Rezensionen zu "Patria"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 07. Nov 2018 

    Eine Heimat zum Davonlaufen

    Fernando Aramburu ist im Baskenland aufgewachsen, lebt heute in Hannover und hat mit dem Roman „Patria“ seiner Heimatregion ein starkes literarisches Denkmal gesetzt. Er macht darin erfahrbar, wie sich das politische Aufgeladensein im Streben nach Unabhängigkeit in sehr unterschiedlicher, aber immer gnadenloser Weise auf den Einzelnen auswirkt.
    Das Geschehen setzt ein ein paar Jahre nach dem Attentatstod eines baskischen Kleinunternehmers, Txato, in dessen Dorf unweit von San Sebastian. Er ist vor seiner Haustür den Schüssen der ETA erlegen, abgefeuert vermutlich vom Sohn der am besten befreundeten Familie, die ebenfalls aus diesem Dorf stammt. Die Frau des Attentatsopers, Bittori, war früher genauso die beste Freundin der Mutter des Täters, Miren, wie Opfer und Vater des Täters die besten Freunde waren. Und auch für die Generation der Kinder sind die Freundschaften mit den Kindern der jeweils anderen Familie wichtiger Bestandteil der Kindheit und Jugend. Doch all diese Freundschaften und Beziehungen finden (zunächst) ein absolutes Ende als Txato ins Visier der ETA gerät, da er sich weigert, Schutzgelder zur Finanzierung der Terrororganisation in der geforderten Höhe zu zahlen. Zum Zeitpunkt des Einsetzens der Geschichte taucht nach vielen Jahren der Abwesenheit die Witwe Bittori wieder heimlich, still und leise im Dorf auf. Große Unruhe macht sich daraufhin breit. Die dörfliche Ruhe ist durch ihr Auftauchen nachhaltig gestört. In kurzen, abgeschlossenen Kapiteln, die jeweils die Sichtweise verschiedener Mitglieder beider Familien in den Blick nehmen, macht Aramburu die Spannung, die in der dörflichen Gesellschaft herrscht, förmlich greifbar. In der folgenden Schilderung der Entwicklungen bis hin zum Attentat und in den Jahrzehnten von Haft und Aufarbeitung danach wird dann sehr klar, wie stark die baskische Frage und die individuelle Haltung dazu das Leben jedes Einzelnen von Beginn bis zum Ende hin prägt. Und ob der eine zum Opfer wird, weil er die entsprechenden finanziellen Mittel hat, um als Finanzier erpresst zu werden, oder ob der andere sich entschließt, selbst in den Untergrund zu gehen und aktiv für die Unabhängigkeit zu kämpfen (und zu töten), hängt im Grunde von kleinsten Unterschieden in den individuellen Lebensgeschichten ab. Unentrinnbar ist aber die Notwendigkeit jedes Einzelnen, eine eigene klare Haltung zu dem Geschehen einzunehmen. Denn eine neutrale, indifferente Haltung führt zur totalen Ausgrenzung in einer engen dörflichen Gemeinschaft, in der das Miteinander den Alltag grundlegend prägt. Witwe, Sohn und Tochter des Attentatsopfers sind in ihrer Lebensgestaltung mitgefangen durch das, was dem Vater passiert ist.
    „Sie alle drei waren zu Satelliten eines ermordeten Mannes geworden. Ob sie wollten oder nicht, kreisten ihre Leben jahrelang um jenes Verbrechen, jenen unaufhörlichen Brennpunkt von. Von was?“
    So können sie nicht mehr in dem Dorf leben, in dem ihr Haus steht und ihre Vergangenheit und gesellschaftliche Sozialisation liegt. All das ist über den Haufen geworfen durch die Rolle, die sie bzw. der Vater in der baskischen Unabhängigkeitsfrage gespielt hat.
    In ähnlicher Weise ist aber auch das Leben der Familie des Täters auf Immer und Ewig durch das Attentat des Bruders in Bahnen gelenkt, die sie ansonsten nicht einzunehmen gewillt wäre, denn
    „Es geht nicht um gute oder schlechte Menschen. Das Leben eines Volkes steht auf dem Spiel. Sind wir ‚abertzales‘ (Patrioten), oder was sind wir? Und vergiss nicht, dass du einen Sohn bei den Kämpfern hast.“
    Und so sitzen die handelnden Personen in „dem Automatismus eines blindwütigen Handelns“ fest. Dem entfliehen kann man nur, wenn man sich weit, weit entfernt vom Geschehen, und sich zu Orten aufmacht, in denen dieser Automatismus nicht mehr zu greifen vermag. Annähernd gelingt das im Roman lediglich dem kleinen Bruder Gorka aus der Täterfamilie, der schon in der Kindheit ein stiller Sonderling mit dem Hang zu Literatur und Fantasieträumerien war. Er schreibt Gedichte und wird später Journalist, ein Buch in der Heimat zu schreiben erscheint ihm aber nur möglich, wenn die Handlung in weite Fernen verpflanzt ist und auf keinen Fall einen baskischen Bezug erkennbar werden lässt. Anders ist es nur möglich, wenn man ihn aus großer örtlicher Distanz schreibt. Im Dorf zu bleiben aber bedeutet, sein Schicksal unweigerlich mit der ETA zu verbinden:
    „Entweder verlasse ich das Dorf, oder ich gehe denselben Weg wie Joxe Mari (der Täter, sein Bruder). Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Sie setzen mich unter Druck. Sie halten mich für schwach… Am schlimmsten aber ist, dass sie sich immer mehr durchsetzen und mich zwingen, Dinge zu tun, mit denen ich nicht einverstanden bin. Ich habe keinen einzigen Freund mehr, mit dem ich so reden kann wie mit euch. Ich bringe kaum noch ein Wort über die Lippen aus Angst, was Falsches zu sagen.“
    In dieser Figur des Gorka steckt in meiner Interpretation ein gewichtiger Kern Autobiografisches des Autors, der von Hannover aus mit „Patria“ einen Roman mit unglaublich viel Insiderwissen über die baskische Gefühls- und Gemengelage geschrieben hat.
    Patria nimmt den Leser mit auf eine Entdeckungsreise in die Wirkungsstätten von Fanatismus und Terrorismus. Mir werden die Personen des Romans in ihrem Ringen um einen Platz und eine Position in diesen Wirkungsstätten noch lange im Kopf herumgehen. Ohne dass der Roman ein einfaches Urteil über Fanatismus und Terrorismus abgibt, gibt er so ein starkes Plädoyer für die Selbstbestimmtheit des Menschen und für die Freiheit im Geiste und Handeln ab und hat eine große Schar von Lesern verdient.
    Die Sprache und die Struktur des Romans tun ihr eigenes, um die Geschichte so fesselnd und aussagekräftig zu machen, wie sie bei mir angekommen ist. Der Reichtum des Personals unterstreicht dies noch weiter. Ich wünsche jedem die Zeit und die Muße, diesen über 700 Seiten umfassenden Roman lesen zu können. Und gebe natürlich 5 Sterne.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 27. Mai 2018 

    Verzeihen möglich?

    Sie sind die besten Freundinnen Bittori, die Frau des Spediteurs, und Miren, die Frau des Arbeiters. Jede Woche gönnen sie sich eine Auszeit von den Familien und tauschen im Café die neuesten Gerüchte aus. Allerdings gewinnt im Baskenland die Eta immer mehr Einfluss, einen Einfluss, der es den Freundinnen schwer macht, befreundet zu bleiben. Schließlich stehen sie politisch gewissermaßen auf unterschiedlichen Seiten. Als Bittoris Mann von der Eta ermordet wird, ist es mit der Freundschaft vorbei. Bittori zieht in eine andere Stadt, so wie es ihre Kinder wollten. Doch Jahre später spürt sie das Bedürfnis, in ihr Haus, in ihr Dorf zurückzukehren.

    Zwei starke Frauen gehen ihren Weg, einen Weg, auf es viel Leid und Trauer gibt, der hin und wieder Gutes bringt. Auf ihre Art störrisch sind sie beide. Ihr Leben auf grausame Art verändert hat der Terrorismus. Und doch stehen sie als Frau des Opfers und als Mutter des mutmaßlichen Täters auf unterschiedlichen Seiten unbarmherzig gegenüber. Es kann keine Vergebung geben. Ihrer beider Schicksal und das ihrer Kinder verläuft unterschiedlich und dennoch sind sie alle gezeichnet. Von den Kindern ist keines so richtig glücklich, sie alle haben mit dem zu kämpfen, an dem sie sich schuldig fühlen. Als Mirens Tochter schwer erkrankt kommt es zu einer Wiederannäherung der Familien.

    Mit aller Deutlichkeit schildert Fernando Aramburu die Auswirkungen des Terrors auf die Familien. Er schon keinen weder Täter noch Opfer noch den Leser. Damit gibt er auch eine herausragende Gelegenheit, sich mit dem Thema zu befassen. Die Anwendung von Terror zur Durchsetzung politischer Ziele erscheint so nutzlos und zerstörerisch. Nicht nur die Opfer und ihrer Familien erfahren endloses Leid, auch die Täter und ihre Familien bleiben fürs Leben gezeichnet. Eine gewisse Form von Gelassenheit oder Gemütsruhe kann es nur geben, wenn zum einen Zeit ins Land geht und zum anderen die Menschen beginnen miteinander zu reden. Ob ein Verzeihen möglich ist, kann nur ein Augenblick entscheiden. Der Augenblick, in dem der eine entscheidet, um Verzeihung zu bitten, der Augenblick, in dem der andere die Bitte gewährt. Nichts wird dadurch ungeschehen, doch es kann eine Art Frieden mit dem Erlebten geschlossen werden, der es erlaubt, nicht mehr nur das Leben der Schuld zu leben.

    Ein umfangreicher Roman, in dem kein Wort überflüssig ist, der Weg des Verzeihens ist nicht an einem Tag gegangen.

    4,5 Sterne