Panama Papers: Die Geschichte einer weltweiten Enthüllung

Rezensionen zu "Panama Papers: Die Geschichte einer weltweiten Enthüllung"

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     - 28. Jun 2017 

    Das bislang größte Daten-Leak: Geld verstecken leicht gemacht

    Am 3. April 2016 platzte die Bombe: Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte die Ergebnisse ihrer Recherchen zu den sog. "Panama Papers". Ein bis heute Unbekannter hatte den Journalisten Bastian Obermayer mehr als ein Jahr zuvor per Mail angesprochen und ihn gefragt, ob er Interessen an Daten habe. Dessen Neugier war geweckt. Das Buch Panama Papers - Die Geschichte einer weltweiten Enthüllung der beiden SZ-Journalisten Bastian Obermayer und Frederik Obermaier wurde bereits drei Tage später auf den Markt gebracht und setzt in diesem ersten Augenblick der Kontaktaufnahme mit dem Informanten ein.

    Die "Gebrüder Obermay/ier", wie die beiden Kollegen wegen ihrer Namensähnlichkeit redaktionsintern genannt werden, haben zu diesem Zeitpunkt bereits Erfahrung mit Daten-Leaks: Sie haben 2013 über die Offshore-Leaks ebenso berichtet wie 2014 über die Luxemburg-Leaks. 2015 hatten sie über Swiss-Leaks geschrieben. Doch das, was ihnen da in Form eines nicht endenden Datenstroms über einen verschlüsselten Kommunikationsweg übermittelt wurde, sprengte die Dimension alles bisher Dagewesenen: Den Rekord hinsichtlich der Datenmenge hielt mit 260 GB bisher Offshore-Leaks, die Panama-Papers wuchsen an bis auf 2,6 Terabyte (TB), also dem 10-fachen des Offshore-Leaks. Diese gigantische Datenmenge stellte das bislang personell eher kleine Ressort "Investigative Recherchen" der Süddeutschen Zeitung vor ebenso gigantische Herausforderungen: Wie sollte dieser Datenberg jemals umfassend gesichtet und ausgewertet werden? Welche Hardware ist erforderlich, um der Datenmenge Herr zu werden? Wie schafft man es, dass nichts davon vor der Veröfentlichung nach außen dringt?
    Die panamaische Anwaltskanzlei Mossack Fonseca hatte bisher nicht im Mittelpunkt irgendwelcher Ermittlungen gestanden. Der anonyme Informant versorgte die Journalisten nun mit einer nicht abreißenden Datenflut, in der die beiden Inhaber, der Deutsche Jürgen Mossack sowie sein Teilhaber Rámon Fonseca, im Mittelpunkt stehen. Es geht um Briefkastenfirmen in den Steueroasen dieser Welt - von Panama bis zu den Britischen Jungferninseln. Die Gründung einer Briefkastenfirma ist für sich genommen nicht strafbar, aber in aller Regel dient diese dazu, das Vermögen der Superreichen rund um den Globus zu verstecken: vor den Steuerbehörden, der Strafverfolgung oder auch der Ehegattin, von der man sich trennen will.
    Panama hat selbst die rechtliche Grundlage hierfür geschaffen: Das seit 1927 gültige Gesetz Nr. 32 garantiert, dass sich sowohl die Identität von Firmeninhabern als auch Überweisungen und die Größe von Vermögen geheimhalten lassen. Und nicht nur das: Den Profiteuren dieser Geheimniskrämerei wird auch Steuerfreiheit gewährt. Dem Staat Panama bleiben die Lohnsteuer der Firmenmitarbeiter, die Gewerbesteuer dieser "Sociedades Anónimas" und die Gebühren, die für die Firmengründung fällig werden. Das alles ist rasch zu haben: Die Firmengründer erwartet ein zügiges Verfahren zu vergleichsweise niedrigen Preisen ohne das Risiko, entdeckt zu werden. Ihr Name taucht nur in der die Transaktion abwickelnden Anwaltskanzlei auf - hier Mossack Fonseca. Üblicherweise ist hierbei immer derjenige Eigentümer einer Briefkastenfirma, der die Eigentumsurkunde buchstäblich in den Händen hält.

    Schon früh zeichnete sich ab, dass die vier Ressortmitglieder mit der Aufgabe, die Datenfülle aufzubereiten und darüber zu schreiben, überfordert sein würden. Deshalb wandten sie sich an den Direktor des International Consortium for Investigative Journalists (ICIJ) in Washington D. C. Die Obermay/iers sind beide seit 2013 dort Mitglied, was nur auf Empfehlung oder Einladung möglich ist. Zu diesem Kreis gehören weltweit ca. 200 Journalisten, ihre Arbeit wird nur durch Spender wie z. B. den Milliardär George Soros möglich.
    Der ICIJ stieg mit großem Aufwand in das Projekt ein, und es gelang trotz des Umstands, dass mehr als 100 Reporter aus 80 Ländern an der Datenaufbereitung beteiligt waren, dass keine Informationen in unbefugte Hände gelangten. Den Autoren von Panama Papers - Die Geschichte einer weltweiten Enthüllung wurde dabei einmal mehr bewusst, in welch privilegierter Situation sie sich befinden: Den afrikanischen Kollegen fehlte das Geld für ein Flugticket zum Treffen in die USA, die beiden russischen Investigativreporter müssen um ihr Leben fürchten, einige andere Kollegen waren gezwungen sich darüber Gedanken zu machen, wie sie an das nötige Geld für ein leistungsstärkeres Laptop kommen. Das sind nicht die Sorgen, die man sich in München macht: Der Kauf des nach einigen Monaten nötigen Hochleistungsrechners im Wert von mehr als 15.000 Euro wurde ohne Diskussion genehmigt.

    Die Daten enthalten zahllose Namen von politisch oder wirtschaftlich bedeutenden Personen aus der ganzen Welt, die Mehrzahl von ihnen aus Asien und Afrika, denen mithilfe der Panama Papers illegale Geschäfte mit Offshore-Konten nachgewiesen werden können. Darunter befinden sich auch sehr bekannte Personen wie die Familie al-Assad, der ehemalige deutsche Spion Werner Mauss oder der Sohn von Kofi Annan. Aber auch Organisationen wie die FIFA und die UEFA sind darunter. Die europäische Presse hat den Fall des Anfang April 2016 zurückgetretenen isländischen Ministerpräsidenten Sigmundur Davíð Gunnlaugsson aufmerksam verfolgt, der der Öffentlichkeit eine von ihm gegründete Briefkastenfirma verschwiegen hatte, die er für 1 Euro auf seine Frau übertrug.

    Die Panama Leaks bieten das, was eine Strafverfolgung in den Ländern erst möglich macht: Beweise, und nicht nur Vermutungen und Verdächtigungen.