Oxen. Das erste Opfer

Buchseite und Rezensionen zu 'Oxen. Das erste Opfer' von Jens Henrik Jensen
4.35
4.4 von 5 (3 Bewertungen)

Niels Oxen, ein schwer traumatisierter Elitesoldat, zieht sich in die Einsamkeit der dänischen Wälder zurück, um seinen inneren Dämonen zu entkommen. Doch bei einem nächtlichen Besuch des Schlosses Nørlund wird er zum Hauptverdächtigen in einem Mordfall: Hans-Otto Corfitzen, Exbotschafter und Gründer eines Thinktanks, wurde auf dem Schloss zu Tode gefoltert. Oxen gerät in die Fänge des dänischen Geheimdienstes. Seine einzige Chance: Zusammen mit der toughen Geheimdienstmitarbeiterin Margrethe Franck muss er die wahren Täter ausfindig machen. Die Spuren führen zu einem übermächtigen Geheimbund.

Format:Broschiert
Seiten:464
EAN:9783423261586

Rezensionen zu "Oxen. Das erste Opfer"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 05. Feb 2019 

    Politische Ränkespiele in Dänemark...

    Niels Oxen, ein schwer traumatisierter Elitesoldat, zieht sich in die Einsamkeit der dänischen Wälder zurück, um seinen inneren Dämonen zu entkommen. Doch bei einem nächtlichen Besuch des Schlosses Nørlund wird er zum Hauptverdächtigen in einem Mordfall: Hans-Otto Corfitzen, Exbotschafter und Gründer eines Thinktanks, wurde auf dem Schloss zu Tode gefoltert. Oxen gerät in die Fänge des dänischen Geheimdienstes. Seine einzige Chance: Zusammen mit der toughen Geheimdienstmitarbeiterin Margrethe Franck muss er die wahren Täter ausfindig machen. Die Spuren führen zu einem übermächtigen Geheimbund.

    Der Thriller beginnt dramatisch mit gleich zwei brutalen Morden, bevor der Protagonist ins Geschehen wankt. Niels Oxen sieht man nicht mehr an, dass er ein hochdekorierter ehemaliger Elitesoldat ist. Er bevorzugt, möglichst unsichtbar am Rande der Gesellschaft vor sich hin zu vegitieren, sich sein Essen aus Mülleimern zusammenzuklauben und durch den Verkauf gesammelter Pfandflaschen für ausreichend Nachschub an Hochprozentigem und Hasch zu sorgen. Beides Mittel, die er dringend benötigt, um v.a. seine nächtlichen Dämonen in den Griff zu bekommen, die stets wiederkehrenden Albträume.

    Oxen leidet an einer ausgeprägten posttraumatischen Belastungsstörung und bekommt die Bilder von diversen Auslandsaufenthalten zu seiner Zeit als Elitesoldat nicht mehr aus dem Kopf. Um endlich Frieden zu finden, macht er sich mit seinem Hund 'Mr. White' auf den Weg, um sich in die tiefen Wälder im Norden Dänemarks zu schlagen, wo er sich sicher sein kann, kaum je einem Menschen zu begegnen. Doch seine eigene Neugier wird ihm zum Verhängnis. Als er sich nachts heimlich Zutritt zum Gelände von Schloss Nørlund verschafft, um sich die Anlage ohne Wissen des Besitzers von außen anzuschauen, wird er Zeuge mysteriöser Vorfälle. Er flieht zwar rechtzeitig, doch hinterlässt er einen deutlichen Fußabdruck - und erfährt am nächsten Tag, dass der Schlossherr auf gewaltsame Weise ums Leben gekommen ist.

    Viele Spuren weisen auf ihn als möglichen Täter hin, und so nimmt Oxen schließlich fast erleichtert das Angebot an, in dem Mordfall an dem ehemaligen Botschafter Hans-Otto Corfitzen undercover für den dänischen Geheimdienst zu ermitteln. Margrethe Franck, eine technisch versierte Mitarbeiterin des Geheimdienstes, wird ihm dabei zur Seite gestellt - einerseits um Oxen bei seinen geheimen Ermittlungen zu unterstützen, andererseits, wie er sehr wohl weiß, um ihn gleichzeitig zu überwachen und seine Aktivitäten dem Geheimdienst zu melden.

    Es bleibt tatsächlich nicht bei dem einen Mord, und Oxen wird immer klarer, dass er sein Bestes geben muss, wenn er nicht plötzlich als Bauernopfer dastehen will. Viele Indizien könnten tatsächlich auf ihn als Täter hindeuten, zumal die Todesopfer - alles hochrangige Mitglieder der dänischen Gesellschaft - ihm größtenteils persönlich nicht unbekannt sind. Ganz allmählich führt Jens Henrik Jensen seinen Antihelden (und mit ihm den Leser) von einer vermeintlich einfachen Mordserie hin zu einem politischen Ränkespiel von größtem Ausmaß. Hier stellt sich stets die Frage, wer noch alles mit drin steckt in diesem Ringen um Macht und unverbrüchlichen Loyalitäten - und wem man überhaupt noch trauen kann.

    Phasenweise lässt sich der Autor viel Zeit, um Ereignissen, Charakteren und bedeutsamen Zusammenhängen ausreichend Raum zu geben, dann wieder sorgen wenig zimperliche Actionszenen für spannende Unterhaltung. Die Charaktere erscheinen nicht unbedingt sympathisch aber sehr plastisch, und gerade die Entwicklung der Zusammenarbeit zwischen Oxen und Franck gestaltet sich dabei spannend und vorstellbar. Am Ende bleiben doch noch einige Fragen offen, was aber angesichts zweier Folgebände auch nicht verwunderlich ist.

    13 Stunden und 26 Minuten lang dauert die ungekürzte Hörbuchfassung, professionell und wie immer routiniert und stimmig gelesen von Dietmar Wunder.

    Ein Verschwörungs-Thriller nach klassischer Art, der mit dem Vorstellbaren jongliert und dabei einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt. Ein menschliches Wrack als Hauptcharakter, der, um zu überleben, all seine Fähigkeiten als ehemaliger Elitesoldat reaktivieren muss. Und viele offene Fragen, die dringend nahelegen, sich baldmöglichst auch Band zwei und drei zuzuwenden. Ich jedenfalls freue mich auf ein Wiederhören mit Niels Oxen...

    © Parden

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 02. Dez 2017 

    Freund oder Feind?

    Der ehemalige Elitesoldat Niels Oxen lebt am Rande der dänischen Gesellschaft, versteckt in einer Kellerwohnung und ernährt sich von dem, was die Wohlstandsgesellschaft wegwirft.
    Seine Einsätze auf dem Balkan und in Afghanistan haben ihm hohe Auszeichnungen für sein heldenhaftes Verhalten und seinen Einsatz für Kameraden eingebracht – aber auch schwere Traumata. Der ,,tapferste Kriegsheld der Nation“ hat sich von allen sozialen Kontakten distanziert und aus dem gesellschaftlichen System ausgeklinkt. Niemand weiß, wo und wie er wohnt. Doch seine inneren Dämonen suchen ihn Nacht für Nacht heim, und so zieht er sich mit seinem Hund in ein großes, abgelegenes Waldgebiet zurück, um zur Ruhe zu kommen. Doch seine Neugierde beschert ihm das Gegenteil. Bei einem nächtlichen Besuch in einem Schlosspark hinterlässt er Spuren und wird so zum Hauptverdächtigen in einem Mordfall. Der Schlossbesitzer Hans-Otto Corfitzen, ehemaliger Botschafter Dänemarks, wurde in seinem Arbeitszimmer ermordet. Außerdem wurde Corfitzens Hund erhängt aufgefunden.
    Oxen wird zwar verdächtigt und mehrmals verhört, allerdings wird ihm vom Chef des dänischen Geheimdienstes PET, Axel Mossmann, auch eine Art Undercover-Job angeboten. Oxen soll im Geheimen, mit allen legalen und illegalen Mitteln und natürlich auf eigenes Risiko für Mossmann ermitteln.
    Zur Seite steht ihm die Geheimdienstmitarbeiterin Margrethe Franck, die aber ähnlich misstrauisch veranlagt ist wie Niels Oxen. Nur sehr zögerlich arbeiten die beiden zusammen und fassen allmählich Vertrauen zueinander, als sie merken, dass Mossmann vermutlich ein doppeltes Spiel mit ihnen spielt. Wem können sie vertrauen, wer ist Freund und wer ist Feind?
    Sehr eindrücklich werden Oxens alptraumhafte Erinnerungen an seine Kriegserlebnisse geschildert, die ihn dazu gebracht haben, alle Brücken hinter sich abzubrechen. Oxen selbst, aber auch Margrethe Franck, sind nicht unbedingt sympathische, aber ungewöhnliche und interessante Figuren. Die Handlung ist sehr verwickelt, aber hochspannend und mitreißend erzählt. Da dies der erste Teil einer Trilogie ist, bleibt das Ende natürlich so offen, dass noch Luft für Band zwei und drei bleibt. Definitiv lesenswert!

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 26. Okt 2017 

    Stur wie ein Oxen

    Der Ochse (= ein kastriertes Rind) wird in der Regel als Zug- und Arbeitstier eingesetzt. Daher dichtet man diesem Tier auch ein gewisses Maß an Gutmütigkeit und stoischer Ruhe an. Weitere Attribute eines Ochsen sind Einfältigkeit, Schwerfälligkeit und Starrsinn. Der Protagonist in Jens Henrik Jensens gleichnamiger Thriller-Trilogie heißt zwar "Oxen" (= Ochsen). Doch die einzige Eigenschaft, die ihn mit den Ochsen verbindet, ist der Starrsinn. Denn Niels Oxen kann stur sein wie ein Ochse. Und seinen Namen hat er sich schließlich nicht ausgesucht.
    Ausser Jussi Adler-Olsen kannte ich bisher leider keine weiteren dänischen Thriller-Autoren. Doch mit der Trilogie "Oxen", über einen ehemaligen Elitesoldaten und Kriegshelden, der sich notgedrungen als Verbrechensbekämpfer rekrutieren lässt, erweist sich der Autor Jens Henrik Jensen als weiterer Garant für intelligente und hochspannende Thriller aus Dänemark. Tatsächlich wird Jensen mittlerweile als Shooting Star der skandinavischen Krimiszene gehandelt. Der dtv Verlag hat nun den ersten Teil der Trilogie vor Kurzem in Deutschland veröffentlicht. Teil 2 und 3 kommen in 2018 bzw. 2019 auf den Markt.

    "Keine öffentliche Behörde, keine berufliche Organisation oder militärische Interessengruppe hatte eine Ahnung, wo sich Niels Oxen befand. Oder ob er sich überhaupt noch irgendwo befand." (S. 110)

    Das kleine Dänemark als kriegerische Nation, das einen Kriegshelden hervorgebracht hat? Kaum zu glauben. Aber man darf nicht vergessen, dass Dänemark zu den Gründungsmitgliedern der Nato gehörte und von Beginn an die Nato-Streitkräfte bei Einsätzen in Krisengebieten unterstützt hat, so auch in Afghanistan oder auf dem Balkan.
    Der Soldat Oxen war an diesen Einsätzen beteiligt. Dabei hat er sich durch mehrere (wage)mutige Aktionen hervorgetan und so manchem Kollegen das Leben gerettet. Für diese Einsätze ist er in seiner Heimat mehrfach geehrt worden, u. a. mit der höchsten Auszeichnung, die jemals in Dänemark vergeben wurde, dem Tapferkeitskreuz. Er ist der höchstdekorierte Soldat Dänemarks. Ein echter Held, wenn auch kein strahlender.
    Denn die Kriegseinsätze haben ihren seelischen Tribut gefordert. Er leidet unter dem posttraumatischen Syndrom. Die schrecklichen Erlebnisse des Krieges lassen ihn nicht los und bestimmen sein Leben nach dem Krieg. Seine Ehe scheitert, er ist nicht mehr in der Lage, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Er entscheidet sich für die Anonymität der Obdachlosigkeit, anfangs in der Stadt, später in den dänischen Wälder, wo er ein Leben in völliger Abgeschiedenheit führt. Er meidet die Menschen. Sein einziger Freund und Begleiter ist sein Hund.

    "'Dann haben wir es also mit einem unfassbar verdreckten, mittellosen Freak zu tun, der in Wirklichkeit so tapfer und heldenhaft ist, dass er sich sicher sein kann, in die dänische Geschichte einzugehen. ...'" (S. 74)

    Hunde spielen übrigens eine große Rolle in diesem Roman. Denn der Thriller beginnt mit dem Mord an einem Hund. Es wird nicht bei dem einzigen toten Hund bleiben. Und dort, wo ein Hund stirbt, lässt das gewaltsame Ableben des Herrchens auch nicht lange auf sich warten. Die Herrchen sind Größen der dänischen Politik und Wirtschaft. Eine Verbindung zwischen den Männern lässt sich für die Behörden zunächst nicht erkennen.
    Niels Oxen gerät per Zufall in die Ermittlungen. Er war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Der Wald, den er sich als sein Domizil ausgesucht hat, gehört zum Anwesen eines der Mordopfer.
    Aufgrund der Wichtigkeit und des Einflusses der Opfer schaltet sich der dänische Geheimdienst ein. Oxen steht unter Mordverdacht, doch außer Indizien gibt es keinerlei Hinweise auf seine Schuld. Die Ermittlungen kommen nur schleppend voran. Durch das große öffentliche Interesse an diesem Fall, greift der Geheimdienst zu einem unorthodoxen Mittel. Sie beauftragen Oxen, die Ermittlungen zu unterstützen. Sein Heldenruf und seine Fähigkeiten als Ex-Elitesoldat wiegen mehr als der Mordverdacht gegen ihn. Seine Auftraggeber lassen ihm freie Hand, auch wenn er illegale Mittel anwenden muss, um die Morduntersuchung voranzutreiben.
    Oxen nimmt den Auftrag an. Denn die Mordfälle sind für ihn zu einer sehr persönlichen Angelegenheit geworden.

    Der wortkarge und misstrauische Ex-Soldat bekommt eine Beamtin des Geheimdienstes an seine Seite: Margrethe, ein Ass auf dem Gebiet der Informationsbeschaffung, energisch, logisch, hochintelligent und mordsgefährlich - auch wenn sie nur auf einem Bein unterwegs ist. Das andere hat sie vor Jahren bei einem Polizeieinsatz verloren.
    Oxen und Margrethe werden sich im Lauf der Ermittlungen zusammenraufen müssen. Seit Jahren hatte Oxen keinen Menschen an seiner Seite, musste seine Handlungen nicht rechtfertigen und war sein eigener Herr. Nun ist er mit einer Partnerin gestraft, die mindestens so eigensinnig ist wie er. Margrethe hat sich auch nicht um den Eigenbrötler gerissen. Die Ablehnung beruht also auf Gegenseitigkeit. Sie nutzt ihre Fähigkeiten, um Informationen über Oxen zu sammeln. So bekommt sie mit der Zeit ein Bild von ihrem "Partner", das jedoch viele Unklarheiten aufweist. Anfangs scheinen die beiden auch eher gegeneinander als miteinander zu arbeiten. Das Misstrauen ist einfach zu groß. Doch je tiefer sie sich in die Ermittlungen graben, um so mehr Gewissheit bekommen sie, dass hinter den Mordfällen eine große Verschwörung mit viel politischer Brisanz steckt, so dass sie gar nicht anders können als einander zu vertrauen.

    "Und er wusste genau, was sie begafften. Sie versuchten, die vielen Orden zu durchschauen, die sie nicht sehen konnten. Nichts hätte ihm gleichgültiger sein können." (S. 102)

    Dieser Thriller ist Spannung pur. Die Wendungen, die die Handlung nimmt, sind dabei nicht vorhersehbar und überraschen den Leser immer wieder aufs Neue.
    Jens Henrik Jensen erzählt seinen Thriller in mehreren Handlungssträngen. Neben der Handlung um Oxen, seiner Vergangenheit und seiner Ermittlungen, trifft der Leser immer wieder auf den Mörder und seine Opfer. Der Mörder bleibt dabei anonym. Der Leser erhält dosierte Informationen, die ihn lange Zeit im Dunkeln tappen lassen. Erst mit der Zeit zeichnet sich ein Bild des Mörders und seiner Motive ab. Doch mit der Aufkärung der Morde ist es nicht getan. Denn der Leser wird an diesem Punkt feststellen, dass eine Verschwörung das Motiv für die Morde ist. Und tatsächlich wird man von da ab so etwas wie Verständnis und Mitgefühl für den Mörder empfinden. Denn in Jensens Thriller werden die Mörder am Ende zu Opfern und die Opfer werden zu Verbrechern.

    Fazit:
    Ein großartiger Auftakt einer Thriller-Trilogie um einen traumatisierten Ex-Elitesoldaten. Dabei erwartet den Leser eine gelungene Kombination aus einer Charakterstudie um diesen Soldaten und seinen Schwierigkeiten, in der Gesellschaft wieder Fuß zu fassen sowie einem spannenden Thriller, der durch seine unvorhersehbaren Wendungen überzeugt.

    © Renie