Orpheus: Musik, Liebe, Tod.

Buchseite und Rezensionen zu 'Orpheus: Musik, Liebe, Tod.' von Salih Jamal
4.75
4.8 von 5 (4 Bewertungen)

Orpheus und Eurydike.

Neben Romeo und Julia die andere große Liebesgeschichte. Eigentlich weiß man, was passieren wird. Doch Salih Jamal bricht in seinem neuen Roman Orpheus mit allen Erwartungen. Gleich bei seinem Eingangsgedicht über den immerwährenden Kampf des Lebens versteht der Leser: Das, was jetzt kommt, ist etwas ganz anderes. So stürzt er in das erste Kapitel, das wie mit Maschinengewehrsalven in kleinen Absätzen die Not und Verzweiflung eines Mannes schildert, der seiner Liebe beraubt ist. Und schon ist man mitten in der Geschichte:

Der Rock- und Bluessänger Orpheus, ein Suchender in unserer Zeit, schlägt sich mit Nebenjobs durch die Tage. In Nienke begegnet er der Liebe seines Lebens. Sie arbeitet als Anwältin im Unternehmen seines Großvaters, des Patriarchen Zeus. Eines Tages findet sie Beweise, die Zeus in Verbindung zu einem viele Jahre zurückliegenden Mord an einer Frau bringen. Kurz bevor sie die Unterlagen bei der Polizei abgeben kann, verschwindet Nienke spurlos. Orpheus beginnt, sie zu suchen, und stößt auf ein Geflecht aus grausamen Familiengeheimnissen, Intrigen und Verrat. Am Ende lernt er loszulassen, um Nienke für immer zu finden.

Den Sänger Orpheus würdigt Salih Jamal mit kongenialer Begleitmusik. Jedes Kapitel ist mit dem Titel eines passenden Musikstücks überschrieben, die Auswahl ist grenzüberschreitend und unterstreicht die jeweilige Stimmung der Erzählung. So finden sich neben Bach, Mahler und Beethoven auch Tom Waits, die Leningrad Cowboys, Nina Hagen, Pink Floyd und sogar ABBA. Eine Playlist zum Buch ist auf YouTube hinterlegt.

Jamals Roman Orpheus ist mehr als eine an die griechische Mythologie angelehnte Story. Seine Betrachtungen über das Band und die Fesseln der Familie, über Liebe, Sehnsucht und Einsamkeit, über die Jugend und das Alter und nicht zuletzt über eine verrohende Gesellschaft treffen in ihrem Ton immer den Nerv. Ob einfühlsam und poetisch, wütend und entfesselt, nachdenklich und leise oder anklagend und laut.

-Die Sprache und der Inhalt ergeben magiche Literatur.-
(HAUKE HARDER, Buchhandlung Almut Schmidt)

-Ich kenne nichts vergleichbares.-
(ULRIKE RABE, Mrs. Rabes Bookaccount)

Autor:
Format:Taschenbuch
Seiten:268
EAN:9783741298301

Rezensionen zu "Orpheus: Musik, Liebe, Tod."

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 12. Nov 2018 

    Orpheus in der Postmoderne

    Sprachgewaltig wird die Geschichte des jungen Musikers Orpheus erzählt, dessen Geliebte Nienke, eine Anwältin, die für seinen übermächtigen Großvater Zeus (!) arbeitet, verschwunden ist.
    Nienke kann Zeus in einen Zusammenhang mit einem lange zurück liegenden Mordfall bringen - sie hat belastendes Material aus der Firma mitgehen lassen. An dem Morgen, an dem sie zur Polizei gehen will, verliert sich ihre Spur - eine Tatsache, die den liebenden Orpheus um den Verstand bringt.

    Zeus ist ein skrupelloser Machtmensch, der in seiner Vergangenheit mehrere furchtbare Verbrechen begangen hat, die in Rückblicken erzählt werden, so dass sich die Familiengeschichte wie ein Puzzle langsam zusammensetzt.
    Warum Orpheus Vater einen Biohof betreibt und Orpheus Onkel Dino (Dionysos) der beste Kunde seiner eigenen Kneipe ist, warum Orpheus Bruder Aris eine unberechenbare Wut in sich trägt, schildert der allwissende Ich-Erzähler, der aus der Retrospektive alle Ereignisse durchschaut und in Beziehung zueinander setzen kann.

    "Heute begreife ich das Ausmaß dieser Tragödie. Denn von dort, wo ich jetzt bin, kann ich auf das sehen, was gewesen ist." (20)

    Jamal erzählt die griechische Sage neu, ohne sie nachzuerzählen. Er bedient sich der mythologischen Vorbilder und kreiert daraus eine außergewöhnliche Geschichte über Liebe, Verrat, Gewalt und Macht.

    Meines Erachtens hätte die eigentliche Story auch ohne die Bezüge zur griechischen Sage "funktioniert", denn das Aufdecken der Familiengeheimnisse ist spannend zu lesen und gleicht einem Krimi. Jamals Sprache wartet mit ungewöhnlichen Metaphern und schrägen Vergleichen auf, gleichzeitig ist er in der Lage schonungslos das zu beschreiben, was Menschen sich gegenseitig antun können. Wer gewaltsame Szenen nicht lesen kann, legt diesen Roman besser aus den Händen - aber in diesen Schilderungen und in den schnörkellosen Szenen liegen die Stärken seines Schreibstils.

    Ich wünsche ihm, dass er noch viele Leser*innen findet, denn Talent hat Jamal und das schreibe ich nicht, weil er mir seinen Roman als Lese-Exemplar zur Verfügung gestellt hat ;), sondern weil mich bis auf wenige Kleinigkeiten die Story überzeugt hat.

    Besonderheit des Romans, die zum Sänger Orpheus passt, sind die vielen Bezüge zur Musik. Jede Kapitelüberschrift ist der Titel eines klassischen Musikstücks oder eines Songs, z.B. "Leaving on a Jet Plane". Wer will, kann sich passend zur Lektüre die entsprechenden Titel anhören - intermedial sozusagen, denn die Playlist gibt es auf YouTube. Originelle Idee!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 12. Nov 2018 

    Krass

    „Das Böse zehrt aus Bösem. Lass es einfach nicht rein und sei geduldig, es wird heilen.“ (S. 247)

    Ich muss jetzt mal was zugeben: die Geschichte von Orpheus und Eurydike war mir bisher unbekannt. Was vielleicht daran liegt, dass ich mich mit der griechischen Mythologie kaum bis gar nicht auseinandergesetzt habe. Man kann schließlich nicht in allen Töpfen rühren *g*. Und trotzdem war ich auf das neue Buch von Salih Jamal -„Orpheus“ - ziemlich gespannt; hatte mich doch im letzten Jahr schon sein Erstlingswerk „Briefe an die grüne Fee“ gefesselt und begeistert.

    Nun, jetzt soll ich eine Liebesgeschichte, einen Thriller, eine modern interpretierte Sage und einen mehr als passenden Soundtrack in EINEM bewerten? Puh, schwere Kost – aber okay, so wie die Leber wächst auch der Mensch an seinen Aufgaben *g*. Let´s go:

    In Rückblenden erfahren die Leserinnen und Leser die tragische Liebesgeschichte des Sängers Orpheus und seiner Geliebten Nienke, die durch Zufall in ein Geflecht aus Brutalität, Tod und Orpheus´ Familie betreffende (tödliche) Geheimnisse verstrickt wird und dem auch Orpheus zum Opfer fällt.

    Dabei bedient sich Salih Jamal einmal mehr einer schonungslos offenen Sprache – nichts wird beschönigt, nichts bleibt ungesagt. Und so klappt dem Leser ein ums andere Mal der Kiefer nach unten, bekommt er große, angst- und schreckerfüllte Augen und fragt sich, woher der Autor das Selbstbewusstsein nimmt, solch eine harte Ausdrucksweise zu verwenden. Okay, wenn man in manche Psychothriller oder Horrorbücher reinliest, bekommt man noch heftigeres Zeugs zu lesen – von daher kann der Leser sich bei Salih Jamal „entspannen“. Zumal das nur die eine Seite der sprachlichen Medaille ist. Die andere ist nämlich geprägt von Zärtlichkeit, Philosophie, Lyrik und – ja, man muss es so sagen: von Musik.

    Allen Kapiteln stellt Salih Jamal nämlich ein Musikstück passend zum Inhalt voran (der „Soundtrack“ ist bei Youtube zu finden) und hat dabei ein unglaublich faszinierend gutes Gespür für die Stimmung des Kapitels und des Songs bewiesen. Die Bandbreite reicht von Klassik über Pop bis hin zu Death Metal, was meiner Meinung nach sehr gut die epische Bandbreite menschlicher Gefühlsregungen zeigt. „Negativ-Aspekt“ davon ist allerdings, dass ich Stücke wie die „Cello Suite No. 1“ von Johann Sebastian Bach oder „Wish you were here“ von Pink Floyd nun mit anderen Ohren und Gefühlen hören werde, da mir dann automatisch die entsprechende Szene in „Orpheus“ einfällt. Aber gut, andere Songs wie „A kind of magic“ von Queen funktionieren problemlos ob ihres transportierten Gefühls und es gibt auch schlechtere Gedanken, als sich bei guter Musik an herausragende Bücher zu erinnern – von daher: alles gut, Salih *g*.

    Mit „Orpheus“ hat Salih Jamal (der für mich zu den hoffnungsvollsten Newcomern einer „jungen“ Garde deutscher Schriftsteller gehört) einen mehr als würdigen Nachfolger von „Briefe an die grüne Fee“ veröffentlicht (auch wenn man beide Bücher nicht unmittelbar miteinander vergleichen kann) und ich wünsche dem Buch trotz „harter Kost“ ein großes Publikum und Salih Jamal weiterhin viel Erfolg!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 02. Nov 2018 

    Kummer ist ein hungriges Tier ohne Schlaf

    Orpheus und Nienke könnten ein glückliches Paar sein. Wäre nicht Orpheus nicht Enkel des mächtigen und skrupellosen Patriarchen Zeus und Nienke dessen Anwältin. Ein 40 Jahre alter ungeklärter Mordfall lässt die ehemalige Polizistin nicht in Ruhe. Die Indizien weisen auf Zeus, doch bevor Nienke ihre früheren Kollegen einschalten kann, verschwindet sie spurlos.
    Die Geschichte von Orpheus und Eurydike sei die traurigste Liebesgeschichte, die es gibt, behauptet der Autor. Die Geschichte von Orpheus und Nienke ist nicht nur traurig und eine Liebesgeschichte, sondern auch eine Geschichte über Macht, Besessenheit und Begierde. Ein Thriller, eine Parabel, eine Achterbahn der Gefühle, und – so seltsam es für ein Buch vielleicht klingen mag – ein musikalischer Hochgenuss.
    Es ist eine frauenarme Familie, in der Orpheus und sein jüngerer Brüder Ari aufwachsen. Die Mutter verstarb bei Aris Geburt, die Großmutter Hera bleibt – bis auf einen entscheidenden Moment – unsichtbar. Der Vater vergeistigter Humanist. Der Onkel alternativer Bohemien, die einzige Bezugsperson für Orpheus und Ari als sie Kinder waren. Es sind die alten Männer, die diese Familie beherrschen. Orpheus Großvater hat ein Stahlimperium, die Großonkel haben sich mit Reedereien und Nachtclubs Meer und Unterwelt untereinander aufgeteilt. Mit strengem Regiment und ohne Skrupel führt Zeus sowohl Familie als auch Untergebene und Handlanger, ist sich aber nicht zu gut auch sich selbst die Hände schmutzig zu machen.
    Die Parallelen zur griechischen Mythologie sind nicht zufällig sondern wohl platziert. Natürlich kann man dieses Buch auch lesen, ohne Ahnung von der griechischen Götterwelt zu haben, aber es bereitet ungemein mehr Vergnügen, die Zusammenhänge zu erkennen und zu analysieren. Ich habe sehr viel nebenher nachgelesen und dabei gelernt. Auch wenn man die Geschichte vom mythologischen Orpheus und seinem Bruder kennt, auch wenn man ahnt, was passiert, trifft es einen mit voller Wucht. Wie eine Raubkatze, die im Dunkeln nur auf den richtigen Moment wartet, springt dich die schreckliche Wirklichkeit an.
    Jedes Kapitel ist musikalisch unterlegt, von der idyllischen Morgenstimmung zur Unheil dräuenden Cellosuite von SeBEASTian Bach, Zeitsprünge, magische Momente, vergangene Tage, unendliche Sehnsucht, besser kann man Emotionen nicht transportieren. Die Gefühle, die Orpheus für Nienke hat, seine große Liebe zu ihr, seine Verzweiflung, sie verloren zu haben, muten manchmal etwas pathetisch an. Wer wie Orpheus kaum zärtliche Zuneigung gekannt hat, wer über Gefühle nicht zu sprechen kommt, neigt im Extremfall wie eine Sprudelflasche unter Druck aufzuschäumen, überzugehen, brodelnd, explosiv. „Kummer ist ein hungriges Tier ohne Schlaf“, sagt Orpheus, in seinen Alpenträumen leidet er an Glückssucht. Denn ja, er sucht das Glück und für kurze Zeit hatte er es gefunden. So beginnt dieses Buch. Und so endet es.
    „We're just two lost souls
    Swimming in a fish bowl
    Year after year
    Running over the same old ground
    And how we found
    The same old fears
    Wish you were here“ (Songtext von Wish you were here; Pink Floyd)

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 02. Nov 2018 

    Die Familie kann man sich leider nicht aussuchen

    "Tage, an denen man nichts tut, sind die Tage, die einem nichts tun." (Auszug aus dem Buch)
    Orpheus ein Musiker der sich mit kleinen Nebenjobs durchschlägt. Dann lernt er eines Tages Nienke kennen und verliebt sich in sie, schnell stellt er fest, dass sie die Liebe seines Lebens ist. Nienke arbeitet ausgerechnet bei Orpheus Großvater Zeus dem Patriarchen, als Anwältin. Bei dieser Tätigkeit entdeckt Nienke Beweise das vor Jahren eine schwangere Frau ermordet wurde und das Zeus in diese Sache verwickelt ist, aber was ist mit dem Kind geschehen? Jedoch kurz, nachdem sie Orpheus davon erzählt und die Unterlagen zur Polizei bringen möchte, verschwindet Nienke spurlos. Orpheus der von Nienke kein Lebenszeichen erhält, geht auf die Suche nach ihr, den insgeheim hat er ja den Verdacht das Zeus sie womöglich entlarvt und ihr was angetan hat. Dabei entdeckt er nach und nach die grausamen Geheimnisse seiner Familie, aus Intrigen, Verrat und Mord. Doch als er auch nach Monaten kein Lebenszeichen von Nienke bekommt, versucht Orpheus mit Alkohol und Musik sie zu vergessen. Aber dann bekommt er einen entscheidenden Hinweis und geht zusammen mit seinem Onkel Dino auf die Suche.

    Meine Meinung:
    Ich kenne den Autor von seinem Debütroman "Briefe an die grüne Fee", der mich schon damals literarisch begeistert hat. Auch dieses Buch ist wieder eine literarische Meisterleistung. Angelehnt an Orpheus und Eurydike aus der griechischen Mythologie ist diese Geschichte sicher den meisten bekannt. Trotzdem bringt hier der Autor einen ganz neuen Wind in diese Sage, im Grunde ist es Orpheus in die Moderne interpretiert. Der Schreibstil ist flüssig, sehr gut, auch wenn mich das erste Kapitel etwas verunsichert hatte, gefiel mir die Geschichte von Kapitel zu Kapitel immer besser. Das sich dabei der Autor die Mühe macht für jedes Kapitel den geeigneten Song und dazu auch noch außergewöhnliche Interpreten sucht, fand ich beeindruckend. Darunter ist von Klassik, Blues bis Pop alles vertreten, wie z. B. Nina Hagen-Ave Maria, Johann S. Bach-Air, Lou Reed-PerfektDay und viele andere mehr. Natürlich nimmt Salih Jamal kein Blatt vor den Mund, er beschönigt nichts, auch keine Vergewaltigungsszene. Von daher wird der eine oder andere Leser schon entsetzt oder gar schockiert sein. Doch in finde gerade in unserer Zeit wo solche Dinge tagtäglich real passieren, sollte man sie nicht unter den Teppich kehren. Die Charaktere waren ja im Grunde schon vorgegeben, doch die Umsetzung durch den Autor in diese moderne Interpretation, hat mir Orpheus Geschichte erst so richtig nahegebracht. Gefallen hat mir vor allem der Lebemann Dino, der das krasse Gegenteil seines Vaters war. Zum ersten Mal habe ich sie so richtig verstanden, was in dieser Liebe wirklich geschah. Natürlich ist manches frei interpretiert und nicht alles wie in der Sage überliefert, trotzdem hat sie mich in den Bann gezogen. Vor allem die Darstellung dieser außergewöhnlichen Familie, die er sehr gut aus verschiedenen Blickrichtungen erzählt, mal herzlich, liebevoll, aber auch wütend und rabiat doch immer mit viel Poesie zeigt er dem Leser alle Hintergründe. Der Autor verschmelzt hier, Poesie, Lyrik, Sage, Krimi, Abenteuergeschichte und Liebesroman in einem. Für mich wieder ein gigantisches literarisches Meisterwerk, das mit viel Poesie geschrieben wurde und dem ich gerne 5 von 5 Sterne gebe.