Oreo: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Oreo: Roman' von Fran Ross
3.4
3.4 von 5 (8 Bewertungen)

»Die Wiederentdeckung dieses Buches und die grandiose Übertragung von Pieke Biermann ist ein Glücksfall.« Max Czollek

Christine ist sechzehn, hat eine schwarze Mutter und einen jüdischen weißen Vater und wächst auf in Philadelphia, verspottet als »Oreo« (wie der Keks) – eine doppelte Außenseiterin. Der Vater hat sich früh aus dem Staub gemacht und ihr ein Geheimnis hinterlassen, für dessen Lösung sie ihn finden muss. Auf nach New York!



Unterwegs trifft sie unglaubliche Leute: einen schwulen »Reisehenker«, der anonym Manager feuert, einen Radio-Macher, der nicht spricht, einen grotesk tumben Zuhälter und endlich auch ihren Vater. Nicht jeder ist ihr wohlgesinnt. Aber Oreo überlebt alle und alles dank ihres selbsterdachten Kampfstports WITZ, getreu ihrem Motto: »Niemand reizt mich ungestraft.«



Oreo folgt der Theseus-Sage mit all ihren Volten bis zum letzten irrwitzigen Twist, dem Vatergeheimnis. Aber der antike Held ist heute jüdisch, schwarz und weiblich.

Autor:
Format:Kindle Ausgabe
Seiten:288
EAN:

Rezensionen zu "Oreo: Roman"

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 11. Jan 2020 

    Feministischer Slapstick

    Respektlose Schnoddrigkeit einer feministischen Superwoman, so könnte man das Buch der Amerikanerin Fran Ross „Oreo“ aufs Wesentliche reduzieren. Erschienen ist dieser auch heute noch erstaunliche Roman bereits 1974 in den USA als Debüt der Schriftstellerin Fran Ross, und ebenso erstaunlich wie der damals wohl aus der Zeit gefallene Text ist die kongeniale Übersetzung von Pieke Biermann.

    Eine griechische Heldensage wurde herangezogen und substituiert auf eine jüdisch-schwarze Heldin, die sich schnoddrig, ordinär und äußerst gebildet durch das Geschehen bewegt. Theseus machte sich in der griechischen Sage genau wie „Oreo“ Christine Clark auf die Suche nach dem Geheimnis ihrer Geburt, sich entlang hangelnd an Hinweisen seines/ihres Vaters. Dass Oreos Vater die Liste mit Hinweisen der Lächerlichkeit preisgibt und es bereits an Slapstick grenzt, diese überhaupt zielführend zu nutzen, macht die Unkonventionalität des Romanes genauso aus, wie der Bezug auf europäische und äußerst männliche Sagenkultur für ein freches amerikanisches Feministenwerk.
    Oreo, geschliffen durch diverse Hauslehrer, belesen und zurechtgestutzt im Hause der schwarzen Großeltern, wo der Großvater, ein Judenhasser, jahrelang hakenkreuzartig sitzend schweigt wegen eines Hirnschlages, die Großmutter mehr mit dem Kochen südstaatlicher Leckereien als mit ordentlicher Sprache oder gar Kindererziehung beschäftigt ist und der kleine Bruder reimend singt, macht sich also wie der griechische Held Theseus auf den Weg, ihren Jüdischen Vater und das Geheimnis ihrer Geburt zu finden.
    Oreo besteht ein absurdes Abenteuer nach dem anderen, allesamt eine Persiflage auf die sagenhaften Heldentaten des Theseus, und für den begriffsstutzigen Leser von der Autorin am Ende als solche erklärt und eingeordnet werden. Ihr ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit, ihr Superhirn angereichert mit allerlei Wissen aus Klassik, Geschichte und Literatur machen sie ebenso bereit für Angriffe auf ihre Jungfräulichkeit wie auf die Beseitigung von Unrecht und Gewalt, und das alles nebenbei, während sie ihren jüdischen Vater findet und das Geheimnis um ihre Geburt zu lüften vermag.

    Dieses Buch, in den USA mittlerweile mit Kultstatus geadelt, spaltet sicherlich die Leserschaft. Das äußerst freche slapstickhafte Werk mag man entweder oder nicht. Die aufgegriffenen Themen sind vielseitig und nach wie vor hochaktuell und spannend: Emanzipation, Prostitution, alles beherrschendes Geld, Technologie; und eine aus Zeit und eine aus Raum und Zeit gefallene feministische Superheldin, die wegen ihrer enormen geistigen Fähigkeiten voller spitzfindiger Anspielungen brachial durchs Geschehen zieht und alles schamlos niedermetzelt hat durchaus etwas für sich. Sprachlich erinnert mich das Buch an eine Mischung aus Bukowski und klassischer Literatur, gleichermaßen angefüllt mit Slang und literarischen und historischen Anspielungen, und ich ziehe den Hut vor der Übersetzung.

    Ich hätte gern die Begeisterung vieler Rezensionen für diesen schelmenhaften Slapstick geteilt. Ich erkenne den Wert des Buches an, das sowohl griechische Tragödie und europäisch weißes Kulturgut als auch matriarchalische Werte Amerikas in den 1970er Jahren verhohnepipelt hat, ich sehe, dass es seiner Zeit weit voraus war, aber nein, mit Vergnügen habe ich es nicht gelesen.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 08. Jan 2020 

    Ein ziemlich zähes Luder

    Die Vereinigten Staaten in den 1970er-Jahren: Christine wächst mit ihrem kleinen Bruder Jimmie bei den Großeltern in Philadelphia auf. Sie ist das Kind einer schwarzen Mutter und eines weißen, jüdischen Vaters, der sich allerdings schon früh aus dem Staub gemacht hat. Sie erhält den Spitznamen Oreo nach dem Keks, der außen schwarz und innen weiß ist, und wird zur doppelten Außenseiterin. Doch auch von ihrer Mutter ist nicht viel Unterstützung zu erfahren, denn sie tingelt seit Jahren durch die Lande. Als Christine 16 Jahre alt ist, schickt Helen Clark ihre Tochter allerdings auf eine besondere Reise. Sie soll ihren Erzeuger, Samuel Schwartz, ausfindig machen. Und so begibt sich Oreo auf eine abenteuerliche Unternehmung nach New York…

    „Oreo“ ist der erste und einzige Roman der inzwischen verstorbenen Fran Ross, der bereits 1974 erstmals erschienen ist und nun in deutscher Übersetzung vorliegt.

    Meine Meinung:
    Der Roman besteht aus zwei Teilen („Troizen“ und „Mäandern“), die wiederum in insgesamt 15 Kapitel untergliedert sind. Erzählt wird – mit Ausnahme von Rückblenden – in chronologischer Reihenfolge und überwiegend aus der Sicht von Oreo.

    Sprachlich ist der Roman sehr besonders. Er ist geprägt von teils recht kreativen Wortneuschöpfungen, Metaphern, ungewöhnlichen Vergleichen und Onomatopoesie. Zudem ist er gespickt mit jiddischen Wörtern. Das macht es nötig, immer wieder zum beigefügten Glossar und den im Anhang ebenfalls befindlichen Erklärungen zu blättern, was den Lesefluss erheblich stört. Darüber hinaus ist negativ anzumerken, dass dort nicht alle Begriffe erläutert werden, was das Verständnis des Textes erschwert. Auch nichtig erscheinende Details und etliche Ausschweifungen machen es anstrengend, den Roman zu lesen. Dennoch ist es eindrucksvoll, wie es der Autorin gelingt, mit der Sprache zu spielen.

    Mit Oreo steht eine für ihre Zeit sehr moderne, mutige und unerschrockene Protagonistin im Vordergrund, die sowohl dem Leser Respekt abnötigt als auch immer wieder Sympathiepunkte einfährt. Ihr Einsatz für die sozial schwächeren Mitglieder der Gesellschaft und ihre direkte, freche und unverschämte Art machen sie zu einer reizvollen Figur. Gleichwohl ist zu bedenken, dass keiner der Charaktere im Roman lebensnah dargestellt wird. Der Leser begegnet samt und sonders skurrilen, stark überzeichneten Personen, was wahrscheinlich aber so beabsichtigt ist.

    Bei dem Roman handelt es sich um eine Neuerzählung der Thesus-Sage – eine schöne Idee. Anstatt eines antiken Helden haben wir es mit einer jüdischen, schwarzen und weiblichen Protagonistin zu tun. Im Abschnitt „Schlüssel für Schnellleser, Antikenferne etc.“ werden die ursprüngliche Sage kurz zusammengefasst und die Entsprechungen aufgelistet. Weiteren Aufschluss gibt das interessante Nachwort von Max Czollek („Von der Kunst, den zweiten Schritt vor dem ersten zu machen“), das ich mir als Vorwort gewünscht hätte, da ohne diesen Hintergrund der Einstieg in den Roman und das Verständnis der Geschichte schwerfallen.

    Der Autorin geht es aber nicht nur darum, eine alte Heldensage wieder ins Gedächtnis zu rufen. Sie will der Gesellschaft mit ihren Vorurteilen, ihrem Antisemitismus, ihrem Rassismus, ihrem Sexismus und ihren Diskriminierungen von Juden, Afroamerikanern und Frauen einen Spiegel vorhalten. Diesen Ansatz finde ich äußerst bemerkenswert, zumal die Thematiken nur wenig an Aktualität eingebüßt haben. Im Roman stecken daher auf nur 260 Seiten viele Referenzen und Denkansätze, von denen mir sicherlich aufgrund des fehlenden historischen Kontextes nicht alle aufgefallen sind. Allerdings wirkt das Buch dadurch auch ziemlich überfrachtet.

    Der erste Teil des Romans zieht sich in die Länge. Die Geschichte macht einen unzusammenhängenden Eindruck, die Handlung kommt nicht in Gang. Erst im zweiten Teil, der mir wesentlich besser gefallen hat, nimmt die Geschichte Fahrt auf. Leider trifft die zumeist absurde Handlung nicht meinen Geschmack und ist nur an wenigen Stellen amüsant. Der beworbene Humor und Witz des Werkes sind bisweilen etwas geschmacklos und vulgär. Die Satire ist meiner Ansicht nach oft einfach nur albern und übertrieben.

    Sowohl die reduzierte, aber passende Gestaltung als auch der knackige Titel orientieren sich erfreulicherweise stark an der amerikanischen Ausgabe.

    Mein Fazit:
    „Oreo“ von Fran Ross ist ein außergewöhnlicher Roman, der mit seiner experimentellen Art heraussticht. Das sprachliche Talent der Autorin und die Komplexität des Werkes sind beeindruckend. Ich musste mich jedoch durch einen Großteil der Lektüre kämpfen, ohne am Ende einen echten Erkenntnisgewinn zu erhalten oder ein Lesevergnügen zu erleben. Deshalb halte ich das Buch nur für eingeschränkt empfehlenswert.

  1. bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 19. Dez 2019 

    Niemand reizt mich ungestraft

    Christine ist eine außergewöhnliche Heldin: Ihre Mutter ist schwarz, der Vater Jude. Christine ist wie ein Oreo, außen schwarz, innen weiß, eine doppelte Außenseiterin. Der Vater hat die Familie verlassen, als Christine und ihr Bruder noch sehr klein waren. Die Mutter lässt die Kinder in der Obhut ihrer Mutter, um Karriere (als was eigentlich?) zu machen. Die Kinder wachsen also bei der schwarzen Großmutter auf, deren breiiger Südstaatendialekt nahezu unverständlich ist, der Großvater ist ein Pflegefall. Es sind keine günstigen Bedingungen in einen Start ins Leben. Mit 16 macht sich Christine auf, den Vater, der für sie ein seltsames Vermächtnis aufbewahren ließ, in New York zu suchen.
    Die afroamerikanische Autorin Fran Ross hat diese Geschichte 1974 verfasst. Es ist ein gelinde gesagt merkwürdiges Buch. Kurze Abschnitte, kein erkennbarer roter Faden, ein konstruierter Bezug zur griechischen Theseus Sage, platter Witz und derbe Sprache. Ich halte mich für eine versierte Leserin, aber ich bevorzuge ein Konzept, wie bei den berühmten Dominosteinen. Steine am Anfang, Steine in der Mitte, Steine am Schluss und beim Umfallen ergibt sich eine fließende Bewegung: Hier ist es so, als ob die Katze durch die Steine gelaufen wäre. Alles an diesem Buch ist grotesk, aufgeblasen wie ein Frosch kurz vor dem Platzen, jedes Klischee aufs Äußerste ausgereizt. Eine Mischung aus Comic ohne Bilder, Tagebuch einer Pubertierenden und Sprachbastelbuch für Erwachsene. Fran Ross lässt Christine und ihren Bruder eine eigene Sprache reden, schöpft neue Worte, seitenweise Aufzählungen. Es ist mühsam, witzlos und äußerst verwirrend.
    Ja, es ist ein mutiges Buch gegen Rassismus und Sexismus. Das Psychedelische an dem Buch ist wahrscheinlich seiner Zeit geschuldet. Ja, es gibt für jeden Leser das richtige Buch wie den richtigen Deckel zum Topf. Doch wie sagt Christine so wunderbar: „n’ Pott ohne Deckel tut’s auch.“
    Aber ich folge ganz getreu Christines Motto: Nemo me impune lacessit – niemand reizt mich ungestraft. (Ich würde ja statt „reizen“ ein anderes Verb wählen, das mit dem Gesäß, aber dann schmeißt mich beim online stellen wieder so ein Algorithmus aus dem System.)

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 14. Dez 2019 

    Außen schwarz und innen weiß

    Außen schwarz und innen weiß

    Oreo von Fran Ross

    Die Hauptcharakterin dieses Werkes ist die 16 jährige Christine, deren Spitzname quasi der Name Oreo ist, wie der Keks....außen schwarz und innen weiß. Ihre Mutter ist schwarz, ihr Vater ist ein Jude, den Oreo nun finden möchte, durch einige Hinweise, die er für sie verfasst hat.

    Da dieses Werk in den Staaten als Klassiker gehandelt wird, war ich sehr neugierig auf dieses Buch. Eine Leseprobe habe ich vorweg nicht gelesen, lediglich der Klappentext und das Wissen einen Klassiker zu bekommen, hat mich bewogen an einer Leserunde zum Roman teilzunehmen. Mir persönlich scheint vieles nicht bewusst worden zu sein, was die Autorin mitteilen wollte. Sicher wäre es hilfreich gewesen die amerikanische Geschichte der Zeit in der der Roman angesiedelt ist und speziell auch die der schwarzen Bevölkerung in der Region besser zu kennen, als es bei mir der Fall war. Durch die Runde habe ich schnell erfahren, dass auch die griechische Mythologie eine sehr große Role spielt. Man könnte sogar sagen, der Roman stellt die Saga nach. Oreo und weitere Charaktere stehen nämlich für Personen aus der Theseus-Saga. Ein weiterer Aspekt der mir persönlich entgangen ist. Durch den Anhang am Ende des Buches bekommt man nähere Einblicke in die Rollenverteilung, und sollte es noch nicht geschehen sein, auch sicher den ein oder anderen aha-Moment.
    Die Sprache ist anders als alles zuvor erlebte. Es werden Worte kreiert die sehr abstrus auf mich wirkten, irrwitzige aber auch bissige Kommentare finden Anwendung. Trotz aller Schwierigkeiten während des Lesens kann ich sagen, dass mir Christine alias Oreo sympathisch war, aber das war es auch schon. Ich hätte dem Roman gern mehr abgewonnen, kann ihm aber nur seine Originalität zusprechen.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 12. Dez 2019 

    Frech, laut, unerschrocken, Oreo

    Das englische Original von „Oreo“ erschien bereits im Jahr 1974. Das erstaunt aus einem gewichtigen Grund: die fünfzehnjährige Heldin der Geschichte ist schwarz (mütterlicherseits), jüdisch (väterlicherseits), kompromisslos selbstbewusst (ihrerseits) und bietet den Vorurteilen der überwiegend von Weißen regierten Gesellschaft mit rotzfrecher Traute die Stirn. Das war in der Literatur der Zeit beileibe keine Selbstverständlichkeit – dass die afroamerikanische Autorin Fran Ross dafür einen Verleger fand, grenzt an ein Wunder.

    Dass sie ihre gemischtrassige Protagonistin ausgerechnet auf den Spuren Theseus‘ wandeln lässt, dieses weißen Ur-Helden westlicher Mythologie, erstaunt da kaum noch. Warum auch nicht? Eine schwarze Heldin und ihre schwarze Erschafferin erobern sich ein Stück Identität, indem sie einem patriarchalischen weißen Mythos ihren eigenen Stempel aufdrücken. Seht her, wir sind auch noch da.

    Der Roman ist keine direkte Neuerzählung der Sage, aber deren Themen ziehen sich durchs ganze Buch und einige der Charaktere finden ihre Entsprechung in den Menschen, die Oreo trifft.

    Die Themen lassen sich daher grob aufteilen in drei Gebiete:
    1) Der persönliche Kosmos der jungen Heldin: Ethnizität, Sexualität, Identität.
    2) Die Gesellschaft (nicht nur) der 70er Jahre: Normen, Erwartungen, Vorurteile, Klassendenken.
    3) Und letztendlich: die griechische Mythologie, auf deren Basis alle diese Themen zu einer satirischen Geschichte verwoben werden, die ihrer Zeit weit voraus war.

    Oreo weiß, dass ihr ihr nichts geschenkt wird und sie als Tochter gemischtrassiger Eltern sogar um ihre Identität kämpfen muss. Also tut sie das – mit allen Mitteln, unverfroren und ohne Pardon. Sie ist größer, bunter, lauter als das Leben, das ihr zugedacht wird.

    An diese Stelle möchte ich eines direkt vorwegschieben:

    Ich verneige mich vor dem Mut der Autorin, die leider schon 1985 an Krebs verstarb. Sie schrieb an gegen Rassismus, Sexismus, Klassizismus, indem sie entsprechende Ideen und jegliche Klischees mit gnadenlosem Humor ad Absurdum führte. Ich erkenne die Bedeutung des Buches für die afroamerikanische Literatur im Allgemeinen und für Leser gemischter Ethnie im Besonderen an. Oreo gab und gibt marginalisierten Menschen eine Identifikationsfigur.Ich ziehe meinen Hut vor der Komplexität und dem Einfallsreichtum des Werkes. Es ist zutiefst intelligent und versteckt in seinem schrillen Witz einen großen Tiefgang.

    Dennoch tat ich mich über lange Passagen schwer.

    Mit dem Humor konnte ich mal umgehen, dann wieder nicht, was von der Autorin aber sicher ganz bewusst ausgereizt wurde.
    Es ist großartig, wie sie rassistische Klischees immer wieder gnadenlos umdreht und dem Leser damit deren Absurdität vor Augen führt, aber vieles war für mich persönlich zu überzogen – zu viel, zu bemüht, zu anstrengend.

    Im Grunde ist „Oreo“ ein klassischer Schelmenroman, der den Humor jedoch oft in unerwarteter Manier auf die Spitze treibt – von fein-satirisch bis hin zu derbe, grotesk und vulgär. Hier ist alles erlaubt, und da bin ich das ein oder andere Mal fast ausgestiegen. Haarscharf am Abbruch vorbeigeschlittert.

    Auch der Schreibstil beziehungsweise die Übersetzung machten es mir nicht immer leicht.
    Oreo ist ein Kind zweier ganz unterschiedlicher Kulturen und damit verbundenen Sprachgebrauchs. Das Jiddische spielt immer wieder eine Rolle, und im Original liest sich die Sprache mancher schwarzer Charaktere wie eine Form von „Black English Vernacular“, einer speziellen Form des afroamerikanischen Englisch.

    Dieser Sprachmix geht in der Übersetzung natürlich zwangsläufig ein Stück weit verloren. Ich habe ein paar Probekapitel im englischen Original gelesen und würde sagen, dass Sound und Rhythmus der Sprache im Deutschen etwas an Lebendigkeit und Wirkung einbüßen.

    Dazu kommen Fremdwörter und Wortneuschöpfungen. Oreo ist sehr kreativ darin, sich ihre Welt mit Sprache untertan zu machen, und das war mir gleichzeitig eine Freude und verursachte graue Haare. Auch aus Sicht anderer Charaktere knallt Fran Ross dem Leser die Worte ungebremst an die Stirn.

    In vielen Kapiteln habe ich das geliebt, in anderen war ich versucht, das Buch aus dem Fenster zu schmeißen. Ein Beispiel, bei dem ich kurz davor war, mit einem Teelöffel Harakiri zu begehen:

    __
    »Was, was, was, woher ha’m Sie das?« Moe wollte das ganze Couplet für sich kapern und verriet damit einen egoistischen Zug. Mit dem würde sich Flo später, in den gemeinsamen choliambischen Jahren, wenn es skazonierend dem Lebensende entgegenging, wohl oder übel arrangieren müssen

    In wie viele Zäsuren wird ein so undisziplinierter Versefex wie Moe wohl mit fliegenden Fahnen rennen?, überlegte Oreo. Wie viele Katalexe werden akatalektieren, wie viele Spondeen amphimazerieren dank seinem Drang, ganz allein Reime zu schmieden (…)?
    __ Zitat

    Zuguterletzt lief mir die Geschichte streckenweise zu sehr ins Ungewisse. Einige Kapitel lang mäanderte sie in alle möglichen Richtungen. Es tauchten Charaktere auf, die keine weitere Rolle spielten, Oreos Erlebnisse schienen planlos und nicht in der Handlung verankert – ein grandioses Durcheinander.

    Aber dann nahm die Geschichte zunehmend Struktur an, erinnerte immer deutlicher an die Theseus-Sage, ohne sie schlicht als Blaupause zu nehmen. Bei der ein oder anderen Umsetzung eines der Charaktere der Sage musste ich laut lachen, weil die Autorin hier sowohl ihren Witz als auch ihre Intelligenz spielen ließ. Aus dem Chaos kristallisierte sich ein klassisches Schema heraus – quasi Oreos persönliche Heldenreise, im Oreo-Stil.

    Ab da fand ich das Buch wieder großartig, doch im Rückblick pendelt sich meine Gesamtmeinung auf eine Art Mittelmaß ein: Ein bedeutendes Buch, das ich mir aber mit Zähnen und Klauen erkämpfen musste und daher unter Ermüdungserscheinungen litt… Mehr mein Fehler als der des Buches.

    Fazit

    „Oreo“ erschien im Jahr 1974, und seine Heldin war das genaue Gegenteil des damals üblichen Romanhelden: nämlich weiblich, jüdisch, schwarz. Ihre Suche nach ihrem abgängigen Vater beruht lose auf der Theseus-Sage, hat aber stilistisch nur wenig damit zu tun. Die Geschichte wird getrieben von einem derben Humor, der gnadenlos ausgereizt wird, und erzählt in einer Sprache, die es dem Leser in vielerlei Hinsicht oft nicht einfach macht.

    Die Bedeutung des Buches liegt in meinen Augen zum einen darin, dass es in einer Zeit erschien, als marginalisierte Menschen noch nicht allzu oft in der Literatur repräsentiert wurden (obwohl im gleichen Jahr auch „Roots“ von Alex Haley erschien), und zum anderen in der Art und Weise, wie es Missstände und Klischees durch Übertreibung und Umkehrung der Verhältnisse anprangert. So wird ein schwarzer Charakter aus Judenhass geizig, kleinlich, heimtückisch und geldgierig – also zum Inbegriff des antisemitischen Klischees, an das er selbst glaubt.

    Einfach zu lesen fand ich es jedoch nicht. Viel ist sicher auch „lost in translation“, da die Sprache des Originals mit Fremdwörtern und Wortneuschöpfungen spielt.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 05. Dez 2019 

    Oreo, eine der berühmtesten Heldinnen der amerikanischen Mytholo

    Oreo, eine der berühmtesten Heldinnen der amerikanischen Mythologie

    Wenn ein Buch polarisiert, dann wohl dieses! Ich habe es in einer Leserunde lesen dürfen und die Reaktionen der Mitlesenden fand ich spektakulär. Um es vorweg zu nehmen, ich gehöre zu denen, die dieses Buch begeistern konnte. Sehr sogar! Nicht gleich von Anfang an. Nein, das nicht. Am Anfang dachte ich nur, wo bin ich denn hier hingeraten. Was soll denn das sein??? Aber nachdem ich mich an den Stil der Fran Ross gewöhnt hatte und auch der Schreibstil etwas ausführlicher wurde, mehr ein Erzählstrang erschien, begann sich mein Eindruck zu verändern, deutlich zu verbessern.

    Hier muss ich nun etwas ausholen, um diese Geschichte meiner Meinung nach vollkommen begreifen zu können, sollte man sich mit dieser Ausnahmeautorin Fran Ross befassen. Man muss sich mal auf der Zunge zergehen lassen, diese Frau wurde 1935 geboren. Die Tochter eines jüdischen Schweißers und einer afroamerikanischen Verkäuferin war ein recht helles Köpfchen und studierte an der Temple University of Philadelphia und graduierte dort 1956 als Bachelor of Science of Communications, Journalism and Theatre. 1974 hat sie Oreo herausgebracht. Sie hat für Essence, Titters und Playboy geschrieben und für die The-Richard-Pryor-Show gearbeitet. Ein zweites Buch hat sie leider aus finanziellen Gründen nicht mehr herausbringen können. 1985 starb sie dann an Krebs. Mit diesem Wissen wird klar, dass dieses Buch einen recht großen autobiographischen Anteil hat, Fran Ross ist das Kind eines Juden und einer Afroamerikanerin und sie graduierte 1956 als Afroamerikanerin an der Uni von Philadelphia. Ich denke sie wird schon früh die negativen Seiten ihrer Mitmenschen kennengelernt haben! Und auch aus diesen Erfahrungen heraus ist die Schärfe von "Oreo" erklärbar. Es ist auch in meinen Augen kein Wunder, dass sie keine Geldgeber für ein zweites Buch fand. Sie war ihrer Zeit weit voraus und ich hoffe sehr, dass wir zumindest heute anerkennen können, was Fran Ross damals geschafft hat!

    Sie scheint eine mehr als außergewöhnliche Frau gewesen zu sein. Ihr Schreibstil ist auf jeden Fall sehr gewöhnungsbedürftig, aber dabei absolut interessant. Ich überlege sehr, an was mich diese Art der Schreibe erinnert. Als erstes ist da dieser so eigene Humor, einerseits Satire und auch Groteske, aber auch der blanke Spaß am Humor und auch am verqueren Schreiben/Denken und damit einhergehend blitzt hier eine höchst eindringliche Gesellschaftskritik durch, die richtig weh tut, die richtig schmerzt und die Ross kann Menschen sehr gut beobachten und ihr Handeln wiedergeben. Aber genau dies macht ja auch einen guten Autor aus. Und diese Melange dann in das Theseus Thema zu kleiden. Wahnsinn! Klar wird das nicht jedem gefallen! Ihr Stil tut weh! Aber genau das will sie auch in meinen Augen und das hat sie geschafft. Sie konstruiert für die Gesellschaft einen Spiegel, in den man nicht schauen möchte und sie schafft Strukturen, die nur von einem mythologischen Superhelden zerschlagen werden können. Dieser Spiegel passt auf das Damals, aber auch auf das Heute. Dieses Buch ist durch seine Struktur und auch sein Thema im Gesamtpaket etwas Einzigartiges! Und ich bin dementsprechend beeindruckt und spende tosenden Applaus!

    Unbedingt lesen kann ich hier nicht rufen, denn man sollte sich erstmal informieren, was dieses Buch ist und wie es aufgebaut ist. Aber wer weiß? Vielleicht ist dies auch nicht richtig, ich habe nicht so richtig gewusst, auf was ich mich hier einlasse. Hätte ich das getan, wenn ich gewusst hätte, was mich hier erwartet? Dann also doch, bitte unbedingt Lesen!!!

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 01. Dez 2019 

    Jüdisch-schwarze Mischung auf mythologischen Pfaden

    Fran Ross hat ihr einziges Buch vor Jahrzehnten schon in einem sehr experimentellen, den Leser stark herausfordernden Stil geschrieben.
    Die Herausforderung liegt dabei sowohl in der inhaltlichen Struktur des Romans als auch in dessen sprachlicher Ausformung. Inhaltlich folgt der Roman über die erzählte Geschichte der Heldin Oreo lose den Handlungssträngen der griechischen Theseus-Sage und erfordert so vom Leser eine nicht unerhebliche Kenntnis dieser Geschichte, um die Handlungsstränge und Episoden der Oreo-Geschichte wirklich richtig einordnen zu können. Sprachlich ist der Roman gespickt mit Wörtern, die für einen Großteil der Leser Neuland sein werden. Es werden jüdische Ausdrücke sowie Fremdwörter und Wortneuschöpfungen munter in den Text mit eingebaut. Die jüdischen Ausdrücke können dabei in einem im Anhang beigefügten Glossar aufgelöst werden. Fremdwörter und Neuschöpfungen erfordern ein Nachschlagen in Lexika. Und erst dort wird der Leser entscheiden können, in welche der Kategorien der nachgeschlagene Begriff fällt: einfach nur fremd oder tatsächlich nicht existent.
    Zur Handlung: Oreo ist eine junge Erwachsene, die gleich (mindestens) zwei diskriminierten Minderheitsgruppen angehört: jüdisch und schwarz. Das ist eine Mixtur, die bisher – nach meinem Wissen – literarisch nur wenig oder gar nicht in Erscheinung getreten ist. Der Autorin Fran Ross ist deshalb zu danken, dass sie die Aufmerksamkeit des Lesers auf diese in den Hintergrund gerückte gesellschaftliche Gruppe gelenkt hat.
    In jungem Erwachsenenalter begibt sich Oreo auf eine Reise, um die Suche nach dem früh aus ihrem Leben verschwundenen Vater aufzunehmen. Dabei trifft sie auf dem Weg eine Auswahl von skurrilen Typen, für die jeweils – bei Kenntnis der griechischen Sage – eine Entsprechung im klassischen Mythos gefunden werden kann. Das kann dem Leser durchaus Vergnügen bereiten, zumal die Geschichte mit einer ganz besonderen Art von Humor erzählt wird. Der Leser muss sich aber auch durch Sätze wie etwa:
    „Die Verwendung genito-skatologischer Begriffe als Ausdruck akademischen Verdrusses erschien ihr durchaus sinnhaft.“
    durcharbeiten.
    Mein Fazit:
    Ein Fazit über dieses Buch zu ziehen, fällt mir ungemein schwer. Ich hatte zwischendurch immer wieder mal einen Heidenspaß bei der Lektüre. Mindestens genauso häufig aber war ich einfach nur genervt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieses Buch etwas ganz Besonderes ist, dem ich ungemein gern auf die Spur gekommen wäre, fühlte mich aber letztlich leider im Wesentlichen überfordert, bei dem Versuch, dem Sinn des Buches nachzuspüren.
    Ich vergebe etwas unentschlossene 3 Sterne und verbleibe in ziemlicher Ratlosigkeit zurück.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 27. Nov 2019 

    Mutig + Experimentell = OREO

    Sö mit ö. Da denkt man, man hat im Lauf der Jahres-(Lese-)Zeit schon krasse Bücher gelesen und – bämm – kommt eine Wiederentdeckung aus den 1970er Jahren hervor und beschert einem mal gerade eben DAS mutigste und experimentellste Werk 2019.

    Die Rede ist von „Oreo“, dem leider einzigen Roman der 1985 verstorbenen afroamerikanischen Schriftstellerin Fran Ross, der nun bei DTV erschienen ist.

    In selbigem „münzt“ Fran Ross die Theseus-Sage in die Suche der Romanheldin Oreo nach ihrem Vater um. Wer (wie ich) nicht viel Ahnung von griechischer Mythologie hat, dem mag das bis zum „erhellenden“ Kapitel „Schlüssel für Schnellleser, Antikenferne etc.“ gar nicht mal so deutlich auffallen. Trotzdem ist es interessant, im Nachhinein die Parallelen zu entdecken und sich die entsprechenden Szenen aus dem Buch (wieder) ins Gedächtnis zu rufen.

    Bis man als Leser*in nämlich zu besagtem Kapitel gekommen ist, hat man eine Odyssee der Sprache, des Witzes, aber auch der Fragezeichen hinter sich. Fran Ross schreibt nicht einfach so – nein: sie mischt die „normale“ Sprache mit jiddisch (ein Glossar findet sich im Anhang, was das Lesen etwas mühselig macht – aber man gewöhnt sich an alles *g*), fügt eigene Wortkreationen hinzu und würzt das Ganze mit viiiiiel Witz, (schwarzem) Humor, Sarkasmus – manches Mal möchte einem das Lachen am liebsten im Hals stecken bleiben, aber oft kann man gar nicht anders als über die absurd-komisch-überzeichneten, jedoch auch der Gesellschaft (nicht nur der damaligen, sondern auch der heutigen) den Spiegel vorhaltenden Episoden lauthals zu lachen oder zumindest zu grinsen. Hier zeigt sich (leider), dass die im Roman angesprochenen und kritisierten Themen wie Rassismus, Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit usw. immer noch vorherrschen – erschreckend…

    Dieser Roman lebt von seiner Andersartigkeit – als Leser*in sollte man sich kurzzeitig von seinen „gewohnten“ Lesegepflogenheiten verabschieden und eintauchen in die kuriose Welt von Oreo und ihrer Familie. Wer sich jedoch drauf einlässt und bis zum Schluss „durchhält“ (ja, Durchhaltevermögen ist durchaus gefragt, siehe vorheriger Abschnitt *g*) wird mit einem trotz aller Kuriosität zum Nachdenken anregenden Roman belohnt.

    Ich verteile 5* und spreche eine absolute Leseempfehlung aus!

    ©kingofmusic