Oreo (New Directions Paperbook)

Rezensionen zu "Oreo (New Directions Paperbook)"

  1. bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 29. Nov 2019 

    Comic ohne Comic-Heft ist totale Geschmacksache!

    An der Theseus-Sage entlang soll sich der Roman „Oreo“ bewegen, sagt die Autorin. Es wäre angesagt, lieber Leser, den Roman zuerst hinten aufzuschlagen, da in den beiden Nachworten „Von der Kunst, den zweiten Schritt vor dem ersten zu machen“ von Max Czollek, der den 1974 in den USA erschienenen Roman ins Zeitkolorit setzt und im „Schlüssel für Schnellleser, Antikenferne“, von der Autorin herself, Wesentliches zum Verständnis des Buches zu finden ist. Danach blättert man natürlich wieder nach vorne.

    Oreo ist eine jiddisch-schwarze weibliche Comicfigur, ähnlich wie Superman. Sie ist jung, bildhübsch und zotig. Ihren Mund müsste man ihr mit Seife auswaschen. Gut, dazu wird sie durch entsprechende Vorbilder und eine gemeine Umwelt oft gezwungen. Aber trotzdem … ! Superman eroberte in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts die Welt, Oreo-Theseus wird die Welt nie erobern. Weil sie nicht in einem Comic-Heft auftritt, wo sie hingehörte. Und weil jiddisch-schwarz. Und Weib.

    Theseus-Oreo, auf Vatersuche, ist nicht jedermanns Sache. Sätze wie „Wie viele Katalexe werden akatalektieren, wie viele Spondeen amphimazerieren dank seinem Drang, ganz allein Reime zu schmieden, ohne die Hilfe und Unterstützung seiner geliebten kleinen Musette?“ erinnern gelegentlich an Christian Morgensterns experimentierfreudige Gedichte, die man entweder mochte oder mit denen man gar nichts anfangen konnte. In einem aufsehenerregenden Kapitel über sexistische Übergriffe, schmettert Oreo-Theseus die Vergewaltigungsversuche durch ein Urviech mit einem so elastischen künstlichen Jungfernhäutchen ab, dass das Urviech sich durch den Rückprall die Knochen bricht (verkürzt dargestellt). Ok. Bedingt lustig.

    Man darf Oreo nicht zu ernst nehmen. Das ist klar. Es geht nicht um einen wie auch immer gearteten Realitätsbezug. Niemand würde ja auch Superman wegen fehlenden Realitätsbezugs kritisieren wollen. Außer denen, die ihn nicht leiden können (so wie ich). Es geht um eine Groteske, in der äußerst verzerrt diverse Kalamitäten der amerikanischen Gesellschaft durch den Kakao gezogen werden und angeprangert werden. Und einige ihrer liebenswürdigen Schwächen wie die jiddische Liebe zu ausufernden Fressalien (?) aufs Korn genommen werden. Ja. ja. Schon klar. Aber es liest sich so mühsam.

    Fran Ross, mit ähnlichem Hintergrund wie ihre heldische Überfigur, lehnt es ab, sich bemitleiden zu lassen, sie fordert auch für ihre spezifische soziale, ethische, religiöse Herkunft oder Gesellschaftsschicht keine sentimentalen Emotionen. Sie schlägt mit Oreo zurück. Gut. Soweit. (Aber es ist langweilig).

    Allerdings kommt dieses Buch einfach zu spät. Zu spät auf den deutschen Markt. Und auf dem amerikanischen konnte es seinerzeit nicht Fuß fassen. War es wirklich seiner Zeit voraus oder war es zu sehr unter der Gürtellinie? War es etwa geschmacklos? Qui sait? Oder einfach langweilig. Ich kann das nicht hundertprozentig mit „Ja“ beantworten. Für mein Teil trifft alles zu: geschmacklos, langweilig, superüberdreht. Schwer zu lesen. Oft unverständlich. Über das Ziel hinausgeschossen. Dasselbe könnte man wahrscheinlich auch über Ulysses sagen. Ein Gegenkriterium für Nichtkunst oder schlechte Kunst ist dies nicht. Nur ein Kriterium für: nicht mein Geschmack.

    Fazit: Die kurzen, grotesken und abstrusen Szenen, die wir als Leser mit Oreo erleben, können mich nicht fesseln. Gesellschaftskritisches hätte ich gerne direkter. „Was, noch direkter?“, würde Fran Ross vielleicht sagen. „Na ja, Fran, nicht so obszön und ernsthafter.“ „Manche Dinge sind so schlimm, über die kann man nicht mehr seriös verhandeln.“

    Ok, Fran. Ich verstehe deinen Standpunkt. Aber ich mags trotzdem nicht.

    Kategorie: experimentelle Literatur
    Verlag: dtv, 2019