Orchis: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Orchis: Roman' von Verena Stauffer
5
5 von 5 (2 Bewertungen)

Anselm ist Botaniker und leidenschaftlicher Orchideenforscher. Mitte des 19. Jahrhunderts begibt er sich auf eine Expedition nach Madagaskar. Dort findet er nicht nur die schönste Orchidee der Welt, sondern Erfüllung, die aber nur von kurzer Dauer ist. Auf dem Schiff zurück in die Heimat verrückt sich etwas in Anselm: Aus seiner Schulter wächst eine Orchidee. Zu Hause angekommen, bringen ihn seine Eltern in eine Nervenheilanstalt, wo er sich bald wieder erholt. Seiner wissenschaftlichen Laufbahn scheint nichts mehr im Wege zu stehen. Doch die Zeit arbeitet gegen ihn: Die politischen Umbrüche verändern sein Umfeld. Die wissenschaftlichen Neuerungen durch Darwin stellen seine Theorien auf den Kopf. Und die überstürzte Reise nach China bringt Ungeahntes zutage.

Verena Stauffer beweist in ihrem Debütroman ein besonderes Gespür für die Wahrnehmungen und Empfindungen ihrer Figuren. Sie lässt uns teilhaben an einer höchst sinnlichen Reise in den fernen Osten und führt uns noch weiter - in die Abgründe und das Innerste der menschlichen Psyche.

"Eines Tages, so erzählte er später, begannen die Orchideen sich zu bewegen, irgendwann legten sie ihre Blätter auf seinen Kopf, hielten ihn und legten ihre Blütenhäupter daneben."

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:256
EAN:9783218011044

Rezensionen zu "Orchis: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 17. Feb 2019 

    Die Königin der Orchideen

    “Orchis” ist:

    Ein phantasievoller Abenteuerroman. Ein herrlicher Ausflug in die bunte Historie der Botanik. Die Geschichte eines seelischen Absturzes in Wahn und Obsession. Magischer Realismus. Ein kafkaeskes Märchen.

    Lesenswert.
    Die Handlung nimmt immer wieder überraschende Wendungen, sie ist so unvorhersehbar – und dadurch hochinteressant und spannend! – wie ihr unzuverlässiger Erzähler in Gestalt des jungen Botanikers Anselm.

    Der schwankt zwischen wissenschaftlicher Kühle und leidenschaftlicher Besessenheit, zwischen lähmenden Selbstzweifeln und eitler Selbstherrlichkeit. Mal will er im Alleingang (ohne fundierte wissenschaftliche Grundlage) Darwins Theorien widerlegen, ergeht sich schon in Tagträumen, in denen er hingebungsvoll bewundert und gefeiert wird, dann scheint ihm jäh alles verloren oder er sabotiert einen eigenen Erfolg.

    Immer wieder verliert er sich in sich selbst und dabei jeden Bezug zur Realität.
    Er hat Wahnvorstellungen, die ihn mal beleben und begeistern, mal quälen – und ihn zeitweise gar in die Nervenheilanstalt bringen.

    Nur angedeutet wird, dass Anselm möglicherweise homosexuell ist, was ihm selber keinesfalls bewusst wird. Er empfindet schwärmerische Begeisterung für einen Guide namens Isaac, er vergleicht die Form einer Orchidee, die er als wunderschön empfindet, mit der Form menschlicher Hoden. Es spielt keine direkte Rolle für die Handlung, trägt aber möglicherweise zu Anselms emotionalem Absturz bei, da sowohl Isaac als auch die Orchidee Teil einer markerschütternden Enttäuschung werden.

    Anselms überbordende Fantasie ist Fluch und Segen zugleich, und durch seine Augen präsentieren sich die Geschehnisse dem Leser geradezu schmerzhaft intensiv.

    Oh, diese Gerüche, Geräusche, Farben, Texturen…
    Verena Stauffers Schreibstil ist im wahrsten Sinne des Wortes sinnlich, dabei bildgewaltig und expressiv. Man sieht den Dschungel geradezu vor sich in seiner Explosion von Farben, riecht den schweren Duft unzähliger Blumen, hört das Summen der Insekte, spürt die samtenen Blüten der von Anselm so geliebten Orchideen…

    Dann wieder wirken die von ihr beschworenen Szenen surreal, manchmal unerklärlich düster und bedrohlich – Wahnvorstellung und Realität verschwimmen.

    Als Leser verliert man sich mit Anselm in dieser Zwischenwelt.
    Reist er wirklich nach China und fährt dort in einer opulenten Dschunke seiner ‘Braut’, der ‘Königin der Orchideen’, entgegen? Es gibt lange Passagen, in denen man als Leser nicht mehr unterscheiden kann (oder soll?), was in der Realität geschieht und was nur in Anselms verwirrtem Geist.

    Die Autorin verzichtet auf eindeutige, klare Erklärungen, die meines Erachtens die Wirkung der Geschichte nur geschmälert hätten. Bei aller Farbenpracht ist dies ein Buch der Zwischentöne und des leisen Zwiespalts.

    FAZIT

    Ein junger Botaniker erlebt auf einer Expedition nach Madagaskar sowohl Erfüllung als auch grausamste Enttäuschung und verliert darüber den Bezug zur Realität: in seiner Wahrnehmung wächst aus seiner Schulter eine wunderschöne Orchidee. Seine Eltern wissen sich nicht anders zu helfen, als ihn in eine Nervenheilanstalt einzuweisen.

    Die Handlung weiß immer wieder zu überraschen. Die zwiespältige Innenwelt des Protagonisten und seine psychische Erkrankung werden mit feinem Sinn für Psychologie ausgeleuchtet und gleichzeitig wie ein kafkaeskes Märchen erzählt – doch es ist vor allem der wortgewaltige Schreibstil, der mich bezaubert hat.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 09. Feb 2019 

    Wunderschön und magisch

    Was für ein wunderschönes Buch, was für eine lyrische Sprache, was für eine Fantasie! Ich habe es geliebt dieses Buch. Es sozusagen verschlungen, in einem Ruck gelesen, nicht mehr weglegen wollen/können. Beim Lesen des Buches fühlt man sich durch die Art der Sprache zu den Klassikern der Abenteuerliteratur versetzt. Gleichzeitig hat es eine ungemein poetische, lyrische, betörende und wortgewaltige Form, die bezaubert, mitreißt und tief berührt. Die Beschreibungen der Natur sind sinnlich und phantastisch, man ist mitten drin, fühlt die Natur, das pralle Leben, es drängen sich Bilder auf und man sieht, hört und riecht förmlich. Und gleichzeitig ist es auch eine tiefe Reise in die menschliche Psyche, zeigt Formen eines manischen und wahnhaften Erlebens. Anselm, der Protagonist, ein Biologe und bekennender Darwin Gegner (Evolutionstheorie und Abhandlungen zu den Orchideen werden von Anselm angezweifelt) macht Ende des 19. Jahrhunderts eine Reise nach Madagaskar, auf der Suche nach einer besonderen Orchideenart, er macht eine Famadihana, eine rituelle Umbettung der Toten mit und reist in den Dschungel zu seinen Orchideen und findet auch eine besondere. Schon da tritt eine leicht manische Art des Protagonisten zu tage. Ein Führer/Guide, Isaac tritt etwas in den Fokus von Anselm und bringt dessen Gefühlswelt zusätzlich durcheinander. Auf der Schifffahrt in Richtung Heimat verändert sich das Empfinden Anselms derartig, dass er eine Orchidee aus/auf seiner Schulter wachsen sieht. Dieses Erleben teilt/versteht aber niemand und sein Befinden verschlechtert sich weiterhin, schließlich in der Heimat angekommen verbessert sich sein Zustand nicht, so dass seine besorgten Eltern ihn letztendlich in eine Nervenheilanstalt einweisen. Nach einer längeren Zeit in dieser wird Anselm scheinbar geheilt entlassen. Und die spannende und märchenhafte Geschichte geht weiter, eine Reise/Rausch zwischen Wahn und Wirklichkeit, wunderschön und voller Magie.