Olga

Buchseite und Rezensionen zu 'Olga' von Bernhard Schlink
4.5
4.5 von 5 (10 Bewertungen)

Die Geschichte der Liebe zwischen einer Frau, die gegen die Vorurteile ihrer Zeit kämpft, und einem Mann, der sich mit afrikanischen und arktischen Eskapaden an die Träume seiner Zeit von Größe und Macht verliert. Erst im Scheitern wird er mit der Realität konfrontiert – wie viele seines Volks und seiner Zeit. Die Frau bleibt ihm ihr Leben lang verbunden, in Gedanken, Briefen und einem großen Aufbegehren.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:320
Verlag: Diogenes
EAN:9783257070156

Rezensionen zu "Olga"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 09. Feb 2018 

    Olga-stark, in den Grenzen der Gesellschaft

    Olga, den neuen Roman von Bernhard Schlink, habe ich in der Whatchareading-Leserunde mit anderen Lesern und Leserinnen lesen dürfen und dort auch schon diskutiert.
    Schlink nimmt uns mit in die Welt von Olga in ihrem langen Leben von Beginn des 20. Jahrhunderts über die 2 Weltkriege und in die Bundesrepublik hinein.
    Olga ist eine Frau, die sich ihren Weg hart erkämpfen muss. Nach frühem Verlust ihrer Eltern wächst sie ohne familiäre Rückendeckung und die Möglichkeit zur Schulbildung auf. Und dennoch erkämpft sie sich ihren Weg, holt Bildung mit viel Ehrgeiz und Disziplin nach, schließt Freundschaft zu einem Geschwisterpaar aus „hohem Hause“ – Herbert und Viktoria – und erfährt von beiden - auf sehr unterschiedliche Art und Weise – neben Freundschaft und Liebe auch Leid. Viktoria stellt sich sehr früh offen gegen sie und eine mögliche Beziehung Olgas zu ihrer Familie. Herbert wird auf Lebenszeit ihr Geliebter und (Nichtehe-)Mann, auch wenn er sie letztlich nie ganz in sein Leben hinein- und an sich heranlässt. Herbert zieht es vielmehr in die Weite – er macht Expeditionen u.a. nach Südwestafrika und Karelien, genießt dort Leere und Weite und Größe des Landes. Olga bleibt derweil wie selbstverständlich in der Enge von Kleinstadt oder Dorf zurück und hat an den Lebensinhalten des Mannes nur sehr bedingt wirklich Anteil. Auch wenn die Beziehung über Jahre und Jahrzehnte hinweg hält, es kommt nie zur Heirat. Olga bleibt das „Fräulein Rinke“, das sich mit den sehr wenigen Möglichkeiten zum Geldverdienen, die in diesen Zeiten für Frauen existierten, über Wasser hält. Sie stößt als Lehrerin in deren wohl oberste Grenzbereiche vor und bleibt im Alter und mit Krankheit dann doch auf Näharbeiten für reiche Leute angewiesen. Ohne Möglichkeit der Heirat mit dem geliebten Herbert sind ihre Lebensperspektiven sehr eingeschränkt, geben ihr aber auch ein Maß an Freiheit zu eigenen Entscheidungen und Unabhängigkeit, die ihr sehr wichtig sind. So lernt der Leser Olga als eine Frau kennen, die diese Situation und zementierte Rollenverteilung wohl weitgehend erkennt und sie auch teilweise bedauert, sie auf der anderen Seite aber nicht wirklich in Frage stellt, sondern akzeptiert.
    Schlink berichtet uns von diesem meist leisen und langsamen Leben der Olga Rinke in drei verschiedenen Romanteilen.
    Teil 1 berichtet ein außenstehendder, den Romanpersonen relativ distanziert gegenüberstehender Erzähler.
    Teil 2 berichtet als Ich-Erzähler ein guter junger Freund von Olga, Ferdinand, der als jüngster Sohn einer Familie lebt, die Olga im Alter regelmäßig Näharbeiten gibt. Die Freundschaft zwischen Olga und Ferdinand hält dabei für das ganze Leben.
    Teil 3 druckt von Ferdinand wiederaufgetriebene Briefe ab, die Olga über Jahre an Herbert schrieb, als dieser zu einer Expedition ins Nordmeer aufgebrochen war und dort verschollen blieb.
    Alle drei Teile bieten eine jeweils andere Sicht auf die Romanheldin, die der Leser schon aus Teil 1 meint, sehr gut kennen gelernt zu haben. Es gibt immer wieder neue Sichtweisen und neue Informationen aus ihrem Leben, die nach und nach das Bild sowohl durch Ergänzung und Bestätigung aber auch durch Verwerfung abrunden. Ihr Leben hält einige Geheimnisse bereit, die sich dem Leser langsam und mit Verspätung eröffnen, die aber in einer Rezension natürlich nicht ausgeplaudert werden sollen.
    Mit dem Kennenlernen der Person Olga taucht der Leser ein in die Lebens- und Gedankenwelt unserer Groß- oder Urgroßelterngeneration, in die uns Schlink auf schriftstellerisch sehr hohem Niveau eintauchen lässt. So sehen wir an der Beziehung zwischen Olga und Herbert, dass dem Miteinander von Mann und Frau zu dieser Zeit erhebliche Grenzen gesetzt waren, die sich wie selbstverständlich und erziehungsmäßig verfestigt in den Köpfen und Verhaltensweisen festgesetzt hatten. Hat Herbert jemals seine wichtigsten Lebensentscheidungen mit Olga abgestimmt? Oder auch nur versucht sie ihr zu erklären? Dazu sah er wohl nicht die Spur einer Notwendigkeit oder eines Anlasses:
    " ‚Haben Sie ihn gefragt, warum…‘ [fragt Ferdinand sie] ‚Ach, Kind…wir haben über schwierige Sachen nicht geredet. Wenn wir zusammen waren, wenn wir endlich zusammen waren, war er voller Unruhe. Er war immer voller Unruhe. In ihm rannte es, und ich musste daneben herrennen und konnte, was ich sagen wollte, nur atemlos herauskeuchen‘ „
    Herbert, so sehr er Olga auch liebt – und an seiner Liebe zweifelt Olga nicht und lässt uns Leser auch der Autor nicht ins Zweifeln kommen - lässt sich doch nie ganz und im heutigen Sinn auf die Beziehung ein. Die Frau in der Beziehung wird auch als sehr weitgehend emanzipierte Olga niemals zum gleichwertigen Partner. Sie steht hinter dem männlichen Streben nach Mehr, nach Weite, nach Größe und nach Schnelligkeit immer ein deutliches Stück zurück.
    " Ach, mein Liebster. Wenn Du da bist, tue ich mich mit Deinen beiden Seiten leicht. Wie wenn Du beim Lied der Deutschen neben mir stehst und Dir zuerst Deutschland über alles geht und Dich dann die deutschen Frauen und die deutsche Treue begeistern und Du mir zulächelst und meine Hand nimmst.“
    Fazit:
    Ein toller Roman, der Einblick gibt in die Gedanken- und Seelenlage einer Generation, die uns noch gar nicht so ganz fern ist und die uns doch so fremd erscheint. Ein Roman, der mich sowohl inhaltlich als auch von Struktur, Aufbau und Sprache her vollüberzeugen konnte. Er lässt mich als Leserin nachdenklich zurück. Fragen entstehen zum Beispiel wie:
    • Haben wir das männliche Streben nach Weite und Größe in unserer Zeit wirklich domestizieren können, oder zeigt es sich doch nicht allüberall mal wieder?
    • Wenn es wirklich domestiziert werden konnte, dann um welchen Preis? Reine Aufgabe erscheint wenig wahrscheinlich.
    Zum Ende also: Gut sind vor allem Bücher, die den Leser noch lange beeinflussen und in seinem oder ihrem Kopf herumspuken. Das ist bei „Olga“ mit den Fragen, die die Lektüre bei mir aufgeworfen haben, ganz sicher der Fall. Also nichts spricht gegen wirklich dicke, fette
    5 STERNE.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 09. Feb 2018 

    Ein lauter Schlag am Ende eines stillen Lebens...

    Vor vielen Jahren habe ich mit Begeisterung "Der Vorleser" gelesen und nun sollte es mal ein neues Buch von Bernhard Schlink sein.

    In der Geschichte geht es um Olga und Herbert, deren Liebe eine einzige Prüfung ist. Herberts Eltern wollen die Verbindung nicht, Olga sei nicht gut genug. Lassen sich die beiden ihre Zukunft vorschreiben? Wird ihre Liebe am Ende siegen?

    Der Roman besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil berichtet ein beobachtender Erzähler von Olgas Werdegang. Im zweiten Teil agiert Ferdinand als Ich- Erzähler und berichtet wie er Olga Rinke, die für seine Familie Näharbeiten erledigt hat, erlebt und wahrgenommen hat. Der dritte Teil sind Briefe von Olga an Herbert.

    Olga war für mich als Figur ein kleines Mysterium, denn ihr Leben ist voll von leisen Tönen. Nie beschwert sie sich, muckt nie auf, sondern ist eher immer eine Bereicherung für die Gesellschaft. Anfänglich habe ich sie eher bemitleidet, aber mit der Zeit spürte ich, dass hinter ihrer Genügsamkeit weit mehr steckt.

    Ich habe bis jetzt noch kein Buch erlebt, in dem die Perspektiven so gewechselt werden wie hier. Mir hat gut gefallen, dass Olga ihr Leben aus unterschiedlichen Sichtweisen dem Leser nahe gebracht werden. Am intensivsten habe ich Olga über ihre Briefe an Herbert erlebt, denn hier ist sie die starke Frau, die schreibt was sie denkt und kein Blatt vor den Mund nimmt, was sie ihm wahren Leben ja nicht getan hat.

    Besonders aufwühlend empfand ich ihr Ende. Nie hatte ich die Auflösung erwartet, wer für ihre Verletzungen und letztendlich für ihren Tod verantwortlich ist.

    Beeindruckend empfand ich Olgas Sicht über die Liebe, der so wahr ist, aber in unserer heutigen Gesellschaft keinen Platz hat. Heute will man Liebe mit all ihren Facetten, immer und zu jeder Zeit, dabei sollte man auch die wenigen Momente der Liebe genießen, denn das Glück kann nicht 24 Stunden, 7 Tage die Woche zugegen sein.

    Fazit: Bernhard Schlink hat auch hier wieder verstanden den Leser zu fesseln. Mich hat der Roman zum Nachdenken gebracht und er wird noch lange in mir nachklingen. So schnell werde ich Olga gewiss nicht vergessen. Gelungen!

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 27. Jan 2018 

    Annäherung an ein Leben...

    Eine Frau, die kämpft und sich findet, ein Mann, der träumt und sich verliert. Leben zwischen Wirklichkeit, Sehnsucht und Aufbegehren. Vom späten 19. bis zum frühen 21. Jahrhundert, von Deutschland nach Afrika und in die Arktis, von der Memel an den Neckar - die Geschichte einer Liebe, verschlungen in die Irrwege der deutschen Geschichte...

    Olga. Ihre Geschichte wird in diesem neuen Roman von Bernhard Schlink erzählt, ihrem Leben nähert sich der Autor und mit ihm der Leser nach und nach an. Doch ist dies nicht nur die Geschichte eines Lebens, es ist auch die Geschichte einer Liebe, die mit Heimlichkeiten belegt und von Sehnsüchten überlagert Mühe hat zu überdauern, doch sich letztlich als stark erweist - stark genug, um Trennungen zu überstehen, Kriege und persönliche Katastrophen.

    "Er wandte ihr das Gesicht zu und lächelte verlegen (...) Sie hätte ihn in den Arm nehmen und ihm über den Kopf streichen mögen, traute sich aber nicht. Seine Sehnsucht berührte sie wie die Sehnsucht eines Kindes nach der Welt. Aber weil er kein Kind mehr war, spürte sie in seiner Sehnsucht, seiner Frage, seinem Rennen eine Verzweiflung, von der er nur noch nichts wusste." (S. 33 f.)

    Ende des 19. Jahrhunderts kommt Olga in Schlesien zur Welt, gelangt nach dem frühen Tod der Eltern nach Pommern zur Großmutter, von der Stadt aufs Land. Olga sehnt sich nach Zuneigung, doch zeigt sich die Großmutter ihr gegenüber stets kalt und abweisend, und in der Dorfschule ist sie mit ihrem Hunger nach Wissen, dem Lesen unzähliger Bücher und ihrem festen Willen ein Außenseiter. Erst als Herbert und seine Schwester Viktoria in ihre Klasse kommen, ist Olga nicht länger die einzige, die nicht wirklich dazu gehört. Doch anders als Olga gehören Herbert und Viktoria der gehobenen Schicht an als Kinder des Gutsbesitzers. Trotzdem freunden sich die Kinder an, und erst als sie älter werden, verändert sich diese Freundschaft.

    Während zwischen Olga und Herbert eine Liebe erwächst, die letztlich zeitlebens bestehen bleibt, distanziert sich Viktoria zunehmend von dem armen Mädchen. Auch die Eltern Herberts machen keinen Hehl daraus, dass Olga keine standesgemäße Wahl ist, und so wird der heranwachsenden jungen Frau immer deutlicher, dass es keine Zukunft für sie und Herbert geben wird, in der sie mit ihm offiziell als Mann und Frau leben könnte. Doch auch Herberts Sehnsucht nach der Weite, der Unendlichkeit, dem Nichts führt zu langen Pausen dieser Liebe, denn immer wieder zieht es ihn fort, in die Kolonien, zu Expeditonen, in die Welt.

    "Olga wusste, dass er sie liebte und ihr so nahe war, wie er einem anderen Menschen nur sein konnte. Er wr mit ihr auch so glücklich, wie er mit einem anderen Menschen nur sein konnte. Nichts, was er geben konnte, versagte er ihr. Was sie vermisste, war er zu geben nicht fähig." (S. 80)

    Doch Olga ist stark. Und so lebt sie ihr Leben, kämpft um die Ausbildung als Lehrerin, unterrichtet die Dorfjugend und schließt vereinzelt Freundschaften. Doch Herbert ist und bleibt ihre einzige Liebe, auf die sie wartet, wenn er wieder unterwegs ist, und die sie heimlich genießt, wenn er wieder zurückkehrt.

    Behutsam nähert sich Bernhard Schlink diesem Leben an, dieser großen Liebe, und dabei gleichzeitig einem ganzen Jahrhundert. Dabei erweist sich die Dreiteilung des Romans als ein überaus gelungener stilistischer Schachzug. Während der erste Teil aus einer auktorialen Erzählperspektive geschildert wird und die Geschehnisse fast nüchtern betrachtet, wechselt der zweite Teil unversehens zu einem Ich-Erzähler. Ferdinand lernt Olga in fortgeschrittenen Jahren kennen, als sie als Näherin zu seiner Familie kommt. Das Verhältnis ist bald eines wie zwischen Großmutter und Enkel und hält auch über die Kinder- und Jugendzeit hinaus an. Gleichzeitig erfährt der Leser von dem Werdegang Ferdinands und von dem, was Olga ihm über ihr und Herberts Leben berichtet. Der dritte Teil schließlich beinhaltet Briefe von Olga an Herbert, als dieser während einer Expedition verschwand. Hier kommen Gefühle, Gedanken, Geheimnisse zutage, die das Leben und Lieben Olgas noch einmal auf eine ganz andere Weise beleuchten und das Bild abrunden.

    "Er schwieg, und sie wartete. Auf einmal klangen ihr das Rauschen des Winds und das Schnauben des Pferds und der Gesang der Nachtigall traurig. Als würde ihr bedeutet, dass ihr Leben Warten sei und dasss das Warten kein Ziel, kein Ende habe. Der Gedanke schüttelte sie..." (S. 84)

    Bernhard Schlink schreibt in einem ruhigen Schreibstil, aber auch wenn hier vieles nur angedeutet und angerissen erscheint, weist der Roman an vielen Stellen doch eine große Tiefe auf, berührt ohne rührselig zu werden. Olga ist mir im Verlauf der Lektüre nahe gekommen und verlässt mich letztlich mit einem ruhigen Gefühl und einem leisen Lächeln.

    Ein starkes Buch über eine starke Frau, ein vielschichtiger Roman, der zu eigenen Entdeckungen einlädt.

    © Parden

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 24. Jan 2018 

    Ein 6-Sterne Buch!

    Der Roman "Olga" von Bernhard Schlink ist ein Wohlfühlbuch. Es gehört für mich zu den Büchern, bei denen du nach den ersten Zeilen schon weißt, dass du dich in der Geschichte verlieren wirst. Tiefenentspannung tritt ein. Die Geschichte lässt dich nicht los. Und du liest, und liest, und am Ende bist du traurig, dass die Geschichte einen Schluss hat. Und du bist voller Eindrücke und weißt nicht, was du als nächstes lesen sollst. Denn keines deiner Bücher auf deinem SuB scheint nur ansatzweise an das gerade Gelesene heranzukommen.
    Also schreibst du erstmal eine Rezension...;-)

    Olga's Geschichte beginnt zum Ende des 19. Jahrhunderts, als sie gerade mal 1 Jahr alt ist. Gleich zu Anfang erfährt der Leser, dass Olga ein braves Kind ist, ein kleines Mädchen, das gerne still steht und einfach nur ihre Umgebung betrachtet. Sie lässt die Welt auf sich wirken. Und dabei saugt sie alles an Eindrücken auf, die sich ihr bieten. Auch als sie älter wird, lässt ihre Wissbegier nicht nach. Dank der Hilfe einer Nachbarin lernt Olga lesen und schreiben, noch bevor sie in die Schule kommt. Mit dem plötzlichen Tod ihrer Eltern ist es zunächst vorbei mit der besonderen Förderung. Olga zieht zu ihrer Großmutter in ein Dorf in Pommern. Die alte Frau hat nicht viel übrig für den Wissensdurst ihrer Enkelin. In dem Dorf lebt auch die reiche Familie Schröder. Sohn Heinrich und Tochter Viktoria freunden sich mit Olga an.

    "Viktoria hat einen schmollenden Zug um den Mund, der verrät, dass sie, wenn mit der Welt nicht im Frieden, verdrießlich werden kann. Olga hat zu ihrem festen Kinn starke Wangenknochen und eine breite, hohe Stirn, ein kraftvolles Gesicht, an dem der Blick sich desto mehr freut, je länger er auf ihm verweilt. Beide schauen gewichtig, bereit zu heiraten, Kinder zu kriegen und ein Haus zu führen. Sie sind junge Frauen. Herbert will ein junger Mann sein, ist aber noch ein Bub, klein, stämmig, kräftig, der die Brust hebt und den Kopf reckt und die beiden Mädchen doch nicht überragt und auch nie überragen wird." (S. 22)

    Mit den Jahren werden Olga und Heinrich ein Paar. Denn Gegensätze ziehen sich bekanntlich an. Olga, das Mädchen, das am liebsten stillsteht und die Welt betrachtet, verliebt sich in Heinrich, der, seit er laufen kann, nicht still stehen möchte. Denn die Welt hat viel zu bieten, das es zu erforschen gilt. Die Heimat ist Heinrich zu klein. Ihn zieht es in die Welt hinaus. Die Verbindung zwischen Olga und ihm wird nicht gern gesehen. Heinrichs Familie ist gegen diese Beziehung. Sie wünschen sich für ihren Sohn eine standesgemäße Ehefrau und drängen ihn zu einer Entscheidung gegen ein Leben mit Olga. Heinrich entzieht sich dieser Entscheidung, indem er sein Heil in der Flucht sucht. Er bereist die Welt. Alles, was er auf seinen Reisen erlebt, ist immer noch nicht genug und gibt ihm nur einen Vorgeschmack auf die Größe dieser Welt. Seine letzte Reise führt ihn in die Arktis, von der er leider nicht zurückkehren wird.

    Zuhause wartet Olga auf ihn. Völlig untypisch für die Frauen ihrer Generation, hat sie gelernt auf eigenen Füßen zu stehen. Sie ist Lehrerin geworden und lebt ihr eigenes Leben. Ist Herbert der Getriebene, ist sie die, in sich Ruhende. Sie ist zufrieden, mit dem, was sie erreicht hat. Sicher wäre es schöner, Herbert an ihrer Seite zu wissen. Aber sie akzeptiert seine Eigenheiten, wie sie auch jeden Schicksalsschlag akzeptiert, der ihr in ihrem Leben widerfährt.

    "Olga mochte, wenn Herbert etwas nicht verstand, nicht erklären, nicht ausdrücken konnte. Er war stark, ließ sich nicht einschüchtern und nicht unterkriegen, und so einen Mann wollte sie. Zugleich wollte sie zu ihrem Mann nicht nur aufschauen, sondern hatte ihm gerne etwas voraus." (S. 68)

    Die Jahre vergehen, Olga erlebt und überlebt die beiden Weltkriege. Und sie wartet immer noch auf Herbert. In der Zwischenzeit hat sich ihr Leben geändert. Sie unterrichtet nicht mehr, stattdessen arbeitet sie als Näherin. Ferdinand, das Kind eines ihrer Auftraggeber, entwickelt eine innige Beziehung zu Olga. Auch nachdem sie zu alt ist, um noch zu arbeiten, reisst der Kontakt zwischen den beiden nicht ab. Das Verhältnis erinnert an das einer Großmutter zu ihrem Enkel.
    Mit 94 Jahren stirbt Olga. Ihr Tod reisst eine schmerzhafte Lücke in das Leben von Ferdinand. Er wird sich ein Leben lang an sie erinnern. Später gelangt er an Briefe, die Olga einst ihrem Herbert geschrieben hat. Die Briefe schildern ihre Gefühle und Gedanken, die sie in all den Jahren beschäftigt haben und offenbaren manches Geheimnis.

    Der Roman hat einen besonderen Aufbau. Er ist in drei Teilen geschrieben. Im ersten Teil erfährt der Leser die Geschichte über Olga aus der Sicht eines Erzählers. Da erzählt jemand eine Geschichte, über eine Frau, die er mal gekannt hat, oder von der er gehört hat. Der Sprachstil ist dabei sehr reduziert und konzentriert sich auf das Wesentliche. Wörtliche Rede findet so gut wie nicht statt. Und doch gelingt Bernhard Schlink das Kunststück, Bilder im Kopf entstehen zu lassen, die von trauriger Melancholie geprägt sind. Der Leser verliert sich dabei gern in der Geschichte um diese, für die damalige Zeit, so besondere Frau.
    Mit dem zweiten Teil findet ein Wechsel in der Erzählperspektive statt. Plötzlich ist es Ferdinand, der von "seiner" Frau Rinke (Olga) erzählt, von der Zeit, die er mit ihr verbracht hat, von den Geschichten, die sie ihm erzählt hat. Die Erzählung wird lebhafter. Im Mittelpunkt steht nicht mehr die Person Olga, sondern das Verhältnis zwischen Ferdinand und ihr.

    Der dritte Teil besteht aus Olgas Briefen an Herbert. Sie hat ihm jahrelang geschrieben, selbst dann noch, als er bereits seit Jahren verschollen war und auch keine Hoffnung mehr auf seine Rückkehr bestand. Den letzten Brief an Herbert schreibt sie kurz vor ihrem Tod. Diese sehr persönlichen Briefe haben mich zutiefst berührt. Manches Mal standen mir die Tränen in den Augen. Denn Olga offenbart in diesen Dokumenten ihr Herz und ihre Seele. Anfangs hegt sie noch die Hoffnung, dass Herbert zu ihr zurückkehren wird. Doch die Hoffnung schwindet mit der Zeit und macht Verzweiflung Platz. Olga geht jedoch mit diesem Schicksalsschlag um, wie sie ihr ganzes Leben bewältigt hat. Egal wie groß ihr Schmerz ist, am Ende nimmt sie ihn als gegeben hin und versucht, mit dem zufrieden zu sein, was sie hat.

    "'So ist das, Kind. Du kannst aus dem, was dir gegeben ist, nicht das Beste machen, wenn du es nicht annimmst.'" (S. 151)

    Ich möchte nicht den Eindruck vermitteln, dass man sich beim Lesen dieses Romanes in Rührseligkeit verliert. Bernhard Schlink lässt zunächst vieles um Olga offen und beschäftigt somit den Leser. So ganz nebenbei werden sich im Verlauf der Geschichte ein paar Geheimnisse abzeichnen. Es tauchen Fragen auf, die man beantwortet haben möchte. Das macht auch die Spannung in diesem Buch aus. Und Schlink liefert Antworten - wenn auch überraschende ;-)

    Fazit:
    Ein Roman mit einem ungewöhnlichen Aufbau, einem wohltuenden Sprachstil sowie einer Geschichte über das berührende Schicksal einer starken Frau. Ein Roman, den man nicht vergessen wird.

    © Renie

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 24. Jan 2018 

    Was für eine starke Frau, von wegen, schwaches Geschlecht

    Was für ein schönes Buch. Was für ein toller Autor, der Bücher schreiben kann, ohne sich mit zu vielen Details abzumühen. Der Inhalt ist von der Handlung und von den Figuren her zwar schnelllebig, die Kapitel sind recht knapp gehalten, passen jedoch sehr gut zu dem Stil des Autors und zu seiner Struktur. Trotzdem ist man reichlich informiert und die eigene Fantasie ist gefordert, wo erstmal Informationen zu fehlen scheinen.

    Der Roman besteht aus drei Teilen; Kindheit und Jugend erster Teil, zweiter Teil Erwachsenenalter; dritter Teil Alter, um diese mal grob einzuteilen.

    Die ProtagonistInnen verschwinden recht schnell von der Bildfläche, und trotzdem blieben sie für mich als Leserin bis zum Schluss lebendig. Dafür sorgt der Autor mit seinem Schreibstil. Dazu später mehr.

    Es gibt überraschenderweise im zweiten Teil auch einen Perspektivenwechsel, was mir recht gut gefallen hat, weil man darauf nicht vorbereitet war.

    Den Schreibstil habe ich als recht flüssig erlebt. Innerhalb von zwei Tagen war ich mit dem Buch durch, obwohl ich am Wochenende, Freitag und Samstag, krank im Bett gelegen habe.

    Die Handlung wandelt vom späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart, Anfang des 21. Jahrhunderts.

    Zur Erinnerung gebe ich erneut den Klappentext rein:
    Die Geschichte der Liebe zwischen einer Frau, die gegen die Vorurteile ihrer Zeit kämpft, und einem Mann, der sich mit afrikanischen und arktischen Eskapaden an die Träume seiner Zeit von Größe und Macht verliert. Erst im Scheitern wird er mit der Realität konfrontiert – wie viele seines Volks und seiner Zeit. Die Frau bleibt ihm ihr Leben lang verbunden, in Gedanken, Briefen und einem großen Aufbegehren.

    Die Protagonistin dieser Geschichte nennt sich Olga Rinke. Ein Teil ihrer Kindheit verbringt sie in Schlesien. Olga wird von Kind auf als eine außergewöhnliche und starke Persönlichkeit beschrieben. Schon mit einem Lebensjahr verhielt sich Olga von ihrem Charakter her ungewöhnlich. Sie ist ein stilles Kind gewesen, das unauffällig seine Umwelt beobachtet und dezidiert wahrnimmt ...

    Olga kommt aus einfachen Verhältnissen. Ihre Eltern müssen hart arbeiten, um die dreiköpfige Familie über die Runde zu bringen ...

    Nachbarn waren der Meinung, dass die kleine Olga mehr mit anderen Kindern spielen solle, da dieses Alleinsein ihr nicht guttun würde, doch Olga wollte nicht, da ihr die Spiele, die andere Kinder spielten, zu rau waren. Die Spiele waren eher eine Vorbereitung an zukünftige Daseinskämpfe, und hatten wenig mit Freude und Spaß gemein.

    Olgas Leben ist kein einfaches Leben, denn schon in ihren ersten Lebensjahren gerät ihr Leben aus den Fugen.

    Die Eltern erkranken an Fleckfieber und sterben daran. Auf einen Schlag verliert Olga ihre Eltern.

    Die Waise kommt nach Pommern zu ihrer Großmutter väterlicherseits. Eigentlich sollte das Kind dankbar sein über ihr neues Zuhause, aber leider ist die Großmutter keine herzliche Person, die dem Kind die fehlende Liebe der Eltern ersetzen konnte. Sie mochte Olga auch wegen ihres slawischen Namens, Olga Nowak, nicht. Nichtsdestotrotz hat sich die Großmutter für das Kind entschieden. Was wäre sonst aus Olga geworden?

    Sie fühlte sich in Pommern sehr einsam, und so wünschte sie sich einen Spielgefährden, der wie sie einsam ist. Sie findet ihn auch und lernt die wohlhabende Familie Schröder kennen, die zwei Kinder, Herbert und Victoria, haben. Auch sie sind zugezogen. Zwischen den Kindern entwickelt sich eine echte Freundschaft, leider zerbricht sie, als sie älter werden, und Victoria auf eigenen Wunsch ein Internat besuchen darf. Es bleibt die Freundschaft zwischen Herbert und Olga bestehen. Als Victoria auf einen Besuch nach Hause kommt, lehnt sie vehement den Kontakt zu Olga ab. Zu große Standesunterschiede, zu große Unterschiede in der äußeren Erscheinung. Es gehöre sich nicht, dass bildungsferne und arme Kinder mit reichen Kindern sich abgeben, und so fing Victoria an, Olga zu mobben und bringt ihre Eltern erfolgreich gegen sie auf. Herbert darf nicht weiter mit Olga verkehren, und so treffen sich die beiden heimlich …

    Nun steht das nächste Problem an. Olga darf nach der Schulpflicht keine höhere Schule besuchen, denn sie sollte auf Wunsch ihrer Großmutter zum Verdienst des Lebensunterhalts beitragen, da sie arm und dazu noch ein Mädchen sei. Selbst ihr Lehrer und der Dorfpfarrer waren der Meinung, dass Olga nach der Schule arbeiten sollte. Olga war damit nicht einverstanden.

    Eigeninitiativ setzt sie sich in Bewegung, in der nächsten Stadt die höhere Mädchenschule aufzusuchen, um sich diese Bildungsanstalt von innen anzuschauen. Sie wird von einer Lehrerin gesehen und nimmt Kontakt zu dem jungen Mädchen auf. Mit Tränen in den Augen schildert Olga der Lehrerin ihre Nöte und weiht sie in ihre Berufspläne ein, unbedingt Lehrerin werden zu wollen. Olga hat Glück. Die Lehrerin nimmt sie ernst, und gibt ihr einige Lehrbücher mit auf dem Weg, die sie durchackern solle, um die Aufnahmeprüfung zu bestehen …

    Autodidaktisch bringt sich Olga den Schulstoff bei, und besteht sogar die Prüfung … Doch auch hier macht Victoria ihr das Leben schwer, und versucht, Olgas Berufspläne mit fiesen Intrigen zunichtezumachen ...

    Die Beziehung zwischen Herbert und Olga wird immer intensiver. Herbert äußert den Eltern gegenüber Heiratspläne. Die Eltern drohen ihm, ihn von seinem Erbe auszuschließen, würde er Olga tatsächlich heiraten. Das gefällt Herbert nun gar nicht, und gerät in einen Loyalitätskonflikt … Wie stark ist sein Widerstand gegen die Eltern? Wie stark ist die Liebe zu Olga?

    Was ist Herbert für ein Mensch? Herbert ist schon als Junge ein Mensch gewesen, der es gewohnt war, große Sprünge zu machen. Herbert, der Renner. Herbert mit dem Laufzwang. Er musste immer viele kilometerweite Strecken laufen … Herbert, der es nicht wirklich schafft, pflichtbewusst sein Leben in die Hand zu nehmen, lässt seine liebenden Menschen im Kalten zurück.

    Verglichen mit seiner Schwester ist Herbert aber kein Mensch, der überheblich über seine Herkunft denkt. Aber er hat Probleme, gesellschaftliche Erwartungen, mit denen ihn seine Eltern konfrontieren, zu erfüllen, und entzieht sich seiner Verantwortung, indem er sich auf Exkursionen in die Antarktis begibt, doch zuvor meldet er sich freiwillig beim Militär, um sich an dem Krieg gegen die Hereros zu beteiligen. Hier lernt er die Schwarzen als minderwertige Rasse zu begreifen, die durch einen Völkermord ausgerottet werden sollten ...

    Olga vermisst ihren Herbert, seine Pläne machen ihr Angst, und so versucht sie, ihm ihre Sorgen mitzuteilen. Herbert geht nicht wirklich auf ihr Gespräch ein, weicht ihr feige aus. Er schreibt Gedichte, Olga schreibt Briefe. An Herberts Gedichten wird deutlich, dass er ein Leben verabscheut, das auf Sicherheiten und Wohlstand gebaut ist, er sollte beruflich in die Fußstapfen seines Vaters treten, und er lehnt ein bürgerliches Leben ab, das er mit Olga führen würde …

    Nach dem Krieg nimmt Herbert an mehreren Expeditionen in die Antarktis teil. Olga hält ihre Hoffnung über Briefe an ihn lebendig, als er eines Tages von seiner Expedition nicht zurückkommt. Wo ist er? Wo steckt er? Suchtrupps werden losgeschickt … Die Hoffnung, dass Herbert gefunden wird, blieb bei mir bis zum Schluss des Buches lebendig. Ob Herbert am Schluss gefunden wurde, diese Kenntnis ist dem Buch zu entnehmen.

    Wie geht es nun weiter mit Olga und ihrer Sehnsucht nach ihrer großen Liebe, die nach vielen Jahren noch unstillbar zu sein schien? Sie schreibt ihm unaufhörlich Briefe über Briefe … Ausdrucksstarke Briefe über Hoffnung, über die Enttäuschung, über die unerfüllte Liebe. Damit hält Olga ihre Liebe zu Herbert aufrecht.

    Unabhängig von ihrer einsamen Liebe mit Herbert treten in Olgas Leben weitere gravierende Schicksalsschläge auf …

    Mehr möchte ich nicht verraten. Oder habe ich schon zu viel gesagt?

    Keine Sorge, es gibt noch so viel Raum in dem Buch für eigene Entdeckungen. Viele wichtige Figuren und deren Lebensweisen habe ich nicht erwähnt, die mich aber auch sehr fasziniert haben.

    Mein Fazit?

    Olga ist eine beeindruckende Frau, die patent genug war, ihr Leben selbst in die Hände zu nehmen, obwohl ihr so viele Menschen Steine in den Weg gelegt haben. Statt ihr Schicksal zu beklagen, krempelt sie im Stillen die Ärmel hoch. Sie hat es geschafft, viele wichtige Ziele eigenmächtig zu erreichen, und hat dadurch in der Gesellschaft als Frau, als Lehrerin und als Mensch einen wichtigen Platz einnehmen können.

    Olga hat viele politische Zeitwenden miterlebt; den Sturz des Kaisers; den Ersten und den Zweiten Weltkrieg; das neue Deutschland im Wirtschaftswunder, etc.

    Auf ihre Art und Weise führte sie neben ihrem Lebenskampf und neben dem alltäglichen Leben auch ein politisches Leben …

    Das Buch behandelt auch kurz den Rassismus sozialer, nationaler und politischer Art, den Olga an ihrer eigenen Haut erfahren wird.

    Schon allein das Leben dieser Frau lässt auf das Buch neugierig werden. Kann anderen Frauen, die ihr Leben trotz harter Schicksalsschläge, Kraft und Hoffnung spenden. Olga lebt dies ihren Leserinnen vor. Von wegen, Frauen sind das schwache Geschlecht.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 23. Jan 2018 

    Starke Frau

    Schon als Kind hat es Olga nicht leicht, sie wächst eher bei der Nachbarin auf, ihre Eltern sterben früh, bei der Großmutter fühlt sie sich nicht angenommen. Erst als die Kinder des Gutsherrn in der Schule aufgenommen werden, die als anderen Gründen Außenseiter sind, entsteht für Olga ein Gefühl der Zugehörigkeit. Lange sind sie unzertrennlich Olga, Herbert und Viktoria. Nur wegen einer Bemerkung Viktorias beginnt Herbert Olga mit anderen Augen zu sehen. Doch im ausgehenden 19. Jahrhundert kann ihre Beziehung keine Zukunft haben. Olga schafft es, ein Studium zu absolvieren und eine Anstellung als Lehrerin zu finden. Herbert dagegen entwickelt sich zum Abenteurer und Forschungsreisenden.

    Lange Jahre umspannt diese Geschichte, Olgas Leben und das ihres Ziehenkels Ferdinand. Olgas außergewöhnlich starke Persönlichkeit überstrahlt die Handlung des Romans. Wie viele Menschen haben es zu damaliger Zeit geschafft, sich von ihrer ärmlichen Herkunft in gewisser Weise zu befreien und durch das Lernen und ein Studium ihrer angestammten Klasse zu entwachsen. Leider standen auch Olga nicht alle Möglichkeiten offen. Weise verzichtet sie auf eine Ehe mit Herbert, die angesichts der Wiederstände aus dessen Familie wohl dem Untergang geweiht gewesen wäre. Sie steht zu sich selbst diese Olga, sie wächst, sie wird zu einer in sich ruhenden Persönlichkeit.

    Mit Bernhard Schlink hat der Literaturbetrieb einen wirklich außerordentlich beachtenswerten Autor. Er versteht es mit kurzen scheinbar einfachen Sätzen Szenerien zu erschaffen, die mit großer Tiefe überraschen. Auch wenn Olga in ihrer Stärke auch eine gewisse Härte entwickelt und nicht jede ihrer Regungen nachvollziehbar ist, so mag dies vielleicht auch an der Leserin liegen, die ja glücklicherweise in einer weniger einengenden Zeit aufwachsen durfte, die vielleicht auch der Schicht, in die sie hineingeboren wurde, entwachsen durfte. Was der Autor jedoch sehr klar und eindringlich zum Ausdruck bringt, ist das Olga sehr durchsetzungsstark ist und sich selbst Möglichkeiten schafft, die ihr die Gesellschaft eigentlich nicht geben will. Solche klugen und willensstarken Menschen könnten wir in unserer verweichlichten Welt durchaus mehr brauchen.

    Bernhard Schlink schafft es einfach, einen zum Nachdenken zu bringen und so Gedanken in sich zu finden, von denen man vorher nichts geahnt hat.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 20. Jan 2018 

    Olgas Entscheidung

    Olga weiß schon sehr früh, was sie im Leben erreichen möchte, egal welche Schwierigkeiten das Schicksal ihr auch beschert. Früh zur Waise geworden, lebt sie bei einer gefühlskalten Großmutter, die dem Kind keine Zuneigung zeigen kann. Mit unglaublicher Energie und Willenskraft gelingt ihr trotz vieler Widerstände die Ausbildung zur Lehrerin.

    Schon als Kind freundet sie sich mit den Geschwistern vom Gutshof an, obwohl Viktoria die Standesunterschiede sehr betont, aber mit Herbert verbindet sie bald mehr. Ihre Liebe überdauert die Kinder- und Jugendzeit und findet doch nie eine echte Erfüllung, denn Herbert kann und will sich nicht über die elterliche Ablehnung dieser Verbindung hinwegsetzen. Auch Pommern ist ihm zu eng, er sucht das Abenteuer, die Weite, die Entdeckung der Welt. Wenn Herbert auf Schwierigkeiten stößt, dann flieht er, denn anders kann ich seine Reisen nicht interpretieren. Er liebt Olga, aber es macht ihm auch nichts aus, monate- ja jahrelang fernzubleiben und seine Liebe aus der Ferne zu leben. Ein interessantes Zitat auch auf Seite 80: „Nichts was er geben konnte, versagte er ihr. Was sie vermisste, war er zu geben nicht fähig.“

    Schon nach einigen Seiten fällt der Ton des Erzählens auf. Eine unaufgeregte, zurückhaltende Stimme aus dem Hintergrund, die Olga und Herberts Geschichte erzählt. Das liest sich leicht, aber manchmal auch zu beschaulich und fast eintönig. Erst im zweiten Teil bekommt der Erzähler Kontur. Es ist Ferdinand, ein stiller Pastorenjunge, der mit der alten Olga, die inzwischen nach zwei Kriegen und Vertreibung im Westen der jungen Republik lebt, Freundschaft schließt.

    Der dritte Teil des Romans gibt dann auch Olga eine Stimme, Briefe die sie an ihre Liebe Herbert schreibt. Mir gefällt die Hauptfigur, eine starke Frau, lebensklug und intelligent, die sich nie von äußeren Umständen beeindrucken lässt und in ihren Lebensentscheidungen erstaunlich souverän ist.

    Ich habe das Buch von Bernhard Schlink gern gelesen, aber es fehlte mir das gewisse Etwas. Ich möchte es nicht auf fehlende Spannung oder Dramatik reduzieren, aber der Ton des Romans war mir - wie schon gesagt - zu beschaulich.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 16. Jan 2018 

    Die lebenslange Liebe zu einem, der die Weite sucht

    Der Roman ist in drei Teile aufgeteilt. Im ersten Teil berichtet ein unbekannter Erzähler.

    Wir lernen Olga als kleines Mädchen in Schlesien kennen: Schon sehr früh hat sie Freude am Beobachten und Lernen, obwohl sie aus sehr armen Verhältnissen stammt. Eine Nachbarin nimmt sich ihrer an, lehrt sie lesen und schreiben, womit sich ihr eine neue Welt eröffnet. Leider sterben die Eltern früh, das Kind muss Tilsit verlassen und kommt zur ungeliebten Großmutter. Auch dort versucht Olga beflissen immer mehr zu lernen, mit anderen Kindern kann sie nicht viel anfangen. Hier in Pommern lernt sie Herbert kennen, der auch anders ist. Herbert will immerzu rennen, er ist reich, kommt aus einer Guts- und Fabrikantenfamilie, in der das Kaiserreich geschätzt ist und dessen Expansionsabsichten unterstützt werden. Er träumt von der Weite, möchte alles hinter sich lassen. Trotzdem sind sich die beiden sehr nahe, es entspinnt sich zunächst eine sehr intensive Jugendfreundschaft, die später in eine Liebe mündet: „Sie blickten einander in die Augen und waren nur Auge und Seele“ (S. 39)

    Aus eigener Kraft schafft Olga die Aufnahme ins Lehrerinenseminar und wird zur Lehrerin ausgebildet. So kann sie auf eigenen Füßen stehen. Herbert treibt es in die Welt: In Deutsch-Südwest kämpft er gegen die Herero, reist nach Argentinien, Brasilien, in den Schnee Kareliens und Sibiriens. Immer kommt er zu Olga zurück. Gemeinsam erleben sie romantische Tage ihrer „Wald- und Wiesenliebe“. Bis er schließlich eine Forschungsreise in die Arktis anführt. Dort wird er vom Wintereinbruch überrascht und Olga muss bangen…
    Über all die Jahre werden die zeitgeschichtlichen Hintergründe und Konflikte nicht ausgespart.

    Was diese Geschichte daneben so bedeutsam macht, ist die Sprache des Autors. Schlink schreibt klar und präzise. In vielen Sätzen liegt so viel Weisheit, Wahrhaftigkeit und auch Poesie. Die Dialoge der beiden jungen Menschen, in denen sie ihre Lebenseinstellungen und Ziele vergleichen, sie ihre grundsätzlichen Unterschiede erkennen, haben ungemein viel Tiefe.

    Letztendlich möchte Olga gern mehr von Herbert, weiß jedoch, dass er dazu nicht fähig ist, und sie richtet sich ihr selbständiges Leben passend ein. Sie ist eng mit einer Bauernfamilie befreundet und kümmert sich intensiv um einen kleinen Jungen namens Eik. Neben Herberts Fernweh kommt natürlich noch erschwerend hinzu, dass seine Familie eine standesgemäße Heirat von ihm erwartet. In gewisser Weise flieht er auch vor einer Entscheidung.

    Im zweiten Teil des Romans taucht eine neue Person auf und berichtet als personaler Erzähler über seine Erlebnisse mit Olga. Zeitlich ist dieser Teil nach dem ersten angesiedelt und schon schnell wird klar, dass der Erzähler Olga sehr nahe stand.

    Ein dritter Teil besteht aus den Briefen Olgas, die sie ihrem Herbert schickte, als dieser Richtung Arktis unterwegs war. Die Briefe geben Einblick in Olgas Innerstes, ihr Inhalt klärt manches zuvor Gelesene auf wunderbar schlüssige Weise auf.

    Ich möchte bewusst nicht mehr vom Inhalt preisgeben. Man muss es selbst erlesen! Dieses Buch ist einmalig konstruiert: Die drei Teile sind auch in Stil und Sprache sehr unterschiedlich, passen aber hervorragend in das Gesamtkonzept.

    Diese Geschichte bleibt in Erinnerung. Sie hallt lange nach. Man lernt eine große Liebe kennen mit all den Schwierigkeiten, die die Zeit in Politik und Gesellschaft mit sich brachte. Ein großartiges Stück Literatur!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 15. Jan 2018 

    Eine starke Frau

    Worum geht es?

    "Sie macht keine Mühe, am liebsten steht sie und schaut." (S. 5)

    So charakterisiert Olgas Mutter die Einjährige und im Verlauf der Handlung wird deutlich, dass diese Zuschreibung teilweise zutreffend ist. Den Spielen der anderen Kinder, die rauh sind und in denen man sich behaupten muss, geht sie aus dem Weg. Sie wächst in Armut auf, die Eltern sterben früh, so dass sie als junges Mädchen von Breslau zu ihrer Großmutter nach Pommern muss, obwohl sie lieber bei der ihr zugewandten Nachbarin geblieben wäre.
    Die Großmutter würde ihr gerne einen deutschen statt des slawischen Namens geben, doch Olga setzt sich durch und beharrt auf ihrem Namen - sie besteht auf ihrem Willen.
    Ihre Großmutter bringt ihr nur wenig Liebe entgegen, doch sie findet im Dorf einen anderen Außenseiter - einen Kontrapunkt zu ihrem Charakter:

    "Kaum konnte er stehen, wollte er auch schon laufen." (S.13)

    Herberts Eltern sind reich, besitzen ein Gut und sind im Dorf hoch angesehen, das entfremdet ihn genau wie seine Schwester Victoria von den anderen Kindern. Er braucht diese nicht zum Laufen, die für ihn einzig wahre Bewegung.

    "Er hörte das Keuchen seines Atems und spürte das Pochen seines Herzens. Er hörte seine Füße auf den Boden schlagen, gleichmäßig, sicher, leicht, und in jedem Aufschlagen lag schon das Abheben, und in jedem Abheben ein Schweben. Manchmal war ihm, als flöge er." (S.16)

    Neben der Leidenschaft für das Laufen ist Herbert stolz auf "das junge Reich und den jungen Kaiser" (S.17) - die Handlung spielt Ende des 19. Jahrhunderts.

    Die Kinder aus den unterschiedlichen sozialen Schichten freunden sich an, da sie jeweils einsam sind - ein wichtiges Thema dieses Romans, ebenso wie Olgas unbändiger Wille zu lernen, denn sie will das Unmögliche schaffen, um auf das staatliche Lehrerinnenseminar in Posen zu gehen. Dank einer freundlichen Lehrerin gelingt ihr die Aufnahmeprüfung und ihr Traum, Volksschullehrerin zu werden, verwirklicht sich. Gleichzeitig wird Herbert von seinen Hauslehrern auf das Abitur vorbereitet, damit er ins Garderegiment eintreten kann, und Victoria besucht ein Internat.

    Aus der ungewohnten Zweisamkeit entwickelt sich zwischen Olga und Herbert eine tiefe Zuneigung, die in Liebe mündet.

    "Sie blickten einander in die Augen und waren nur Auge und Seele. Sie machten den Blick nicht lösen und wieder die gewohnte Olga und der gewohnte Herbert sein." (S.39)

    Ohne viel vorwegzunehmen, ist es eine Liebe, die für Olga Warten, Hoffen und Einsamkeit bedeutet. Eine Heirat ist aufgrund der unterschiedlichen sozialen Herkunft nur möglich, wenn Herbert mit seiner Familie brechen würde. Statt dessen flieht er.

    "Er beschloss, ein Übermensch zu werden, nicht zu rasten und nicht zu ruhen, Deutschland groß zu machen und mit Deutschland groß zu werden, auch wenn es ihm Grausamkeit gegen sich und gegen andere abverlange." (S.43)

    Eine Einstellung, die Olga ablehnt, die die Gefahren voraussieht, die mit dem Wunsch nach Deutschlands Größe verbunden sind. Während Herbert in die deutschen Kolonien in Afrika - Deutsch-Südwest - reist, wird Olga nach Ostpreußen, nördlich von Tilsit versetzt. Seine Schilderungen über die Schwarzen, über die deutsche Überlegenheit weisen bereits auf den Rassenwahn der Nationalsozialisten hin, dabei entlarvt er sich selbst, wenn er zugibt, keinem der Herero wirklich nahe gekommen zu sein. In ihrer Liebe verzeiht Olga ihm diese Grausamkeiten, ebenso wie seine vielen Expeditionen - nach Südamerika, Sibirien und schließlich zieht es ihn in die Arktis. Er will die Nordostpassage entdecken. Dazwischen besucht er immer wieder Olga, eine heimliche Liebe.

    "Sie sah, dass die Rolle, die sie in Herberts Leben spielte, an die Rolle der Geliebten im Leben eines verheirateten Manns erinnerte." (S.79)

    Auf ihre Frage, was er in der Arktis wolle, gibt sie sich selbst die Antwort:

    "Die Weite? Die Weite ohne Ende? Ist es das?" (S.85),
    gleichzeitig ist ihr bewusst, "dass ihr Leben Warten sei und dass das Warten kein Ziel, kein Ende habe." (S.84)

    Das Lied der Nachtigall, das sie während des Gesprächs hören, erinnert an "Der Spinnerin Nachtlied" von Brentano, auch diese trauert dem Geliebten, der von ihr gegangen ist, nach und erinnert sich an die glücklichen Stunden, die sie gemeinsam verbracht haben.

    Etwas Trost findet Olga, nachdem Herbert seine Expedition begonnen hat, in der Fürsorge für Eik, den Sohn ihrer Freundin, um den sie sich liebevoll kümmert und der in seinen Verhaltensweisen auffällig an Herber erinnert.

    Die Ereignisse von 1914 bis zu Beginn der 50er Jahre werden stark gerafft wiedergegeben. Während Herbert in der Arktis verschollen ist und Eik sich zum Entsetzen Olgas zur SS meldet, verliert sie ihr Gehör, wird entlassen und flieht während des 2.Weltkrieges nach Westen, wo sie sich ihr Geld als Näherin verdient.

    "Dann nähte sie nur noch in unserer Familie, in der sie sich besonders willkommen fühlte; was sie hier verdiente, reichte ihr als Zubrot." (S.113)

    Mit dem Wechsel der Erzählperspektive vom eher distanzierten Erzähler zum Ich-Erzähler endet der 1.Teil.
    Im 2.Teil wird deutlich, dass Ferdinand, der Jüngste jener Familie, Olgas Geschichte, die sie ihm im Laufe der Zeit offenbart hat, "erzählt" hat.
    Zwischen den beiden entsteht eine innige Freundschaft und dieses Mal stellt Fräulein Olga Rinke Herbert nicht als Helden dar - wie sie es bei Eik getan hat, sondern so, wie er tatsächlich gewesen ist.
    Auch als Ferdinand erwachsen wird, bleibt die Freundschaft bestehen, und als Olga stirbt und er alt ist, findet er in einem Antiquariat die Briefe, die Olga Herbert nach Tromsö geschickt hat, während dieser im ewigen Eis unterwegs war.

    Die Briefe bilden den 3.Teil und geben Antworten auf offene Fragen, die im II.Teil aufkommen. Und sie zeigen die liebende, die leidenschaftliche Olga unvermittelt.

    "Ich liebe Deine Fähigkeit, Dich zu begeistern, Dich zu verschwenden, Dein Herz über die Hürde zu werfen, ich liebe Dein Leuchten." (S.224)

    In den Briefen kommt all das bisher Ungesagte zum Ausdruck, sie werfen auf einige Ereignisse ein neues Licht und verdeutlichen, welch starke und selbstbewusste Frau Olga gewesen ist - für mich der beste Teil des Romans.

    Bewertung

    Die hohen Erwartungen, die ich an den Roman hatte, sind nicht enttäuscht worden. Ist der Beginn aufgrund der Erzählweise sehr distanziert - wörtliche Rede findet man nur an wenigen Stellen - bringt uns der Ich-Erzähler im 2.Teil Olga näher. Die Briefe im 3.Teil offenbaren uns die "wahre" Olga - unverstellt und unvermittelt. Diese Steigerung erzeugt genau wie die offenen Fragen aus dem 2.Teil einen Sog, so dass man den Roman nicht mehr aus der Hand legen kann.
    Die Geschichte dieser starken Frau, die trotz der Widerstände, die sie erfahren hat, ihren Weg selbstbewusst geht, Lehrerin wird und an ihrer Liebe festhält, die Einsamkeit in Kauf nimmt und nicht daran verzweifelt, ist berührend.
    Olga vertritt sehr fortschrittliche Ansichten, sie wehrt sich gegen die Diskriminierung als Frau, liebt ohne Trauschein und schätzt an Friedhöfen, dass "hier alle gleich waren" (S.145).

    Kritisch steht sie der deutschen Kolonialpolitik gegenüber, so schreibt sie im April 1914 an Herbert:

    "Keine Woche, in der ich nicht von Deutschlands Zukunft auf den Meeren und in Afrika und Asien lese, vom Wert unserer Kolonien, von der Stärke unserer Flotte und unseres Heeres, von Deutschlands Größe, als seien wir aus unserem Land herausgewachsen, wie man aus einem Gewand herauswächst, und brauchten ein größeres." (S.258)

    Ihre Kritik äußerst sie auch gegenüber dem Nationalsozialismus, mit Eik bricht sie, weil er zur SS geht, sie kann die Grausamkeiten, zu denen er fähig sein muss, nicht ertragen.
    Im Alter wird sie ihrer Einstellung vehement Ausdruck verleihen und einen "Kontrapunkt zur Melodie ihres Lebens" (S.311) setzen. Ein starkes Ende!

    Ein Kontrapunkt in ihrem Leben ist auch Herbert, der die Weite, die Leere liebt, während sie in der Enge ihres Dorfes am glücklichsten gewesen sein mag. Erst im Westen Deutschlands am Neckar erweitert sie ihren Horizont - gemeinsam mit Ferdinand. Worauf diese innige "Enkel-Oma-Beziehung" beruht, bleibt eine der wenigen Fragen, die der Roman am Ende nicht beantwortet.

    Insgesamt ein sehr guter Roman, der mir neben der interessanten Geschichte über eine starke Frau auch aufgrund seiner Komposition und Sprache gefallen hat.

    Klare Lese-Empfehlung.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 12. Jan 2018 

    Es fehlt etwas Tiefe, dennoch lesenwert

    Inhalt:
    Olga wächst im frühen 19. Jahrhundert bei ihrer Großmutter in Tilsit, Ostpreußen auf.
    Sie lebt in ärmlichen Verhältnissen und ihre Großmutter ist ihr nicht sehr wohlgesonnen. Olga lernt für ihr Leben gerne, ist wissbegierig und aufgeschlossen.
    Da sie als Mädchen nicht gefördert wird, bringt sie sich alles selber bei.

    Ihr bester Freund Herbert dagegen wächst sehr betucht auf.
    Olga verbringt ihre Kindheit mit Herbert und dessen Schwester Viktoria.
    Doch als Viktoria mit 17 aus einem Mädchenpensionat zurück kommt, fängt sie an, gegen Olga zu intrigieren, da diese nicht ihrer Gesellschaftsschicht angehört.
    Doch Herbert und Olga lieben sich.
    Olga wird Lehrerin und Herbert zieht es hinaus in die Welt. Doch immer wenn er zurück kommt, verbringt er die meiste Zeit mit Olga.
    Eigentlich soll er die Fabrik seines Vaters übernehmen, doch so lange seine Eltern Olga nicht anerkennen, ist er dem nicht gewillt.
    Kurz vor dem zweiten Weltkrieg trifft er eine folgenschwere Entscheidung.

    Das Buch ist in drei Teile eingeteilt.
    Der erste erzählt die Geschichte von Olga und Herbert.
    Der zweite Teil wird aus der Perspektive des Jungen Ferdinands (und später des Erwachsenen) erzählt, in dessen Familie Olga nach dem 2. Weltkrieg arbeitete und zu dem sie eine enge Beziehung entwickelte.
    Den dritten Teil kann ich Euch nicht nennen, um nicht zu Spoilern.

    Meine Meinung:
    Das Buch schildert ein ganzes Jahrhundert Menschheitsgeschichte und das ganz unauffällig nebenbei. Erzählt von der Kolonialzeit und dem deutschen Völkermord an den Hereros. Dabei ist Olga immer die politisch linke Stimme. Und es kann einem manchmal schon übel werden, wenn man liest, wie die Deutschen über die Hereros dachten.

    Dabei fand ich besonders beeindruckend, wie stark Olga war. Als sie keinen Förderer für die Oberschule fand, weil Mädchen schließlich eh heiraten und deswegen keine Ausbildung brauchen, brachte sie sich den ganzen Stoff selber bei, um schließlich aufs Lehrerseminar gehen zu können.
    Sie ließ Herbert seine Freiheit und drängte ihn nie.
    Im dritten Teil wird noch deutlicher, was sie in dieser Zeit geleistet hat.

    Kolonialzeit, zwei Weltkriege, Weimarer Republik, wo sie auch politisch aktiv war. Vertreibung aus Preußen, als die Russen kamen. Später erlebt sie durch Ferdinand,
    die Studentenrevolution in den 68ern.

    Leider hat mir ein bisschen die Tiefe gefehlt.
    Also unterm Strich ist es schon ein sehr interessanter Roman und ich habe ihn gerne gelesen, aber ich hätte mir doch gewünscht, dass ein bisschen mehr rüber kommt, wie Olga sich in den einzelnen politischen Stadien gefühlt hat. Der Teil, wie bitter es für sie z.B. in den Kriegen war, fällt fast ganz unter den Tisch.
    Oder bei dem Beispiel, dass sie Herbert nicht drängt, mit ihm zusammen zu ziehen. Man kann sich als Leser nur denken, dass sie sich das wünscht und das es für sie zur damaligen Zeit nicht einfach war, als Frau alleine zu Leben.

    Im dritten Teil fügt es sich ein bisschen zusammen.

    Mir selbst hat der zweite Teil mit Ferdinand am Besten gefallen, den Ferdinant erzählt auch viel von seinen Gefühlen.