Offene See: Roman

Rezensionen zu "Offene See: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Mär 2020 

    Poetische Entwicklungsgeschichte

    Der englische Schriftsteller und Journalist Benjamin Myers, bisher ein Unbekannter in Deutschland, hat in seiner Heimat schon einige Bücher veröffentlicht. Darunter sind auch mehrere Gedichtsammlungen und das merkt man diesem Roman an. Die Sprache des Autors ist außerordentlich poetisch und Gedichte spielen eine nicht unerhebliche Rolle in der Geschichte.
    In einer kurzen Rahmenhandlung erleben wir den alten Dichter Robert Appleyard, der am Ende seines Lebens auf die Zeit zurückblickt, die prägend war für ihn und in der er seine Berufung entdeckte.
    Wir sind in England, im Frühjahr 1946. Der Zweite Weltkrieg war vorüber, aber er lebt noch weiter in den Köpfen und Herzen der Menschen. Der Ich-Erzähler Robert ist ein junger Mann von 16 Jahren. Seine Schulzeit ist vorüber und auf ihn wartet ein Leben im Bergwerk. Das gleiche Leben, das schon sein Vater und Großvater und die meisten Männer im Dorf geführt haben. Doch zuvor will er noch kurz ein Stückchen Freiheit erleben und er macht sich auf, zu Fuß die Küste Englands zu entdecken. Er übernachtet in Scheunen und Hütten und manchmal auf freiem Feld. Sein Essen verdient er sich mit Hilfsarbeiten bei den Bauern.
    Eines Tages trifft er zufällig auf ein kleines Cottage inmitten eines verwilderten Grundstücks. Dulcie, die Bewohnerin, eine hagere, alte Dame, lädt ihn zum Essen ein. Sie erweist sich schnell als äußerst unkonventionell.
    Am nächsten Morgen zieht Robert weiter, doch er ist bald wieder da und bleibt. Er erledigt verschiedene Arbeiten für Lucie, kleine Reparaturen und Besorgungen, versucht den Wildwuchs ringsum etwas einzudämmen. Dafür kocht Lucie für ihn - wunderbare Köstlichkeiten, zubereitet aus den Dingen, die das Meer und der Garten bietet.
    Bei Tee und Wein kommt es zu intensiven Gesprächen, die Roberts Blick auf das Leben verändern. Lucie gibt ihm Bücher zu lesen, Lawrence „Liebende Frauen“; aber v.a. Gedichtbände. Das eröffnet ihm eine völlig neue Welt. Gleichzeitig spürt er aber, dass Lucie schwer an einem Geschehnis aus der Vergangenheit trägt. Aber Genaueres erfährt er nicht von ihr.
    In dem verwilderten Garten steht eine heruntergekommene Hütte, ein ehemaliges Atelier. Robert macht sich daran, dieses Häuschen wieder instand zu setzen. Bei dieser Arbeit stößt er auf einen Packen Papier, eine Sammlung von Gedichten mit dem Titel „Offene See“. Er beginnt zu lesen, doch vieles ist ihm fremd. Und bald begreift er, dass diese Gedichte eng mit dem tragischen Geheimnis zusammenhängen, das Lucies Leben überschattet.
    Am Ende des Sommers kehrt Robert zurück in sein Elternhaus. Aber er ist ein anderer geworden. Er wird sich danach gegen seinen vorgezeichneten Weg entscheiden und seinen eigenen gehen.
    „Offene See“ ist ein Buch der leisen Töne, voller Poesie und Sinnlichkeit, voller Lebensweisheit. Myers beschreibt immer wieder detailliert die Natur und die Landschaft und die Gefühlswelt der Figuren. Lucie lehrt Robert das Leben, erweitert seinen Blick und mit ihm gemeinsam bewältigt sie ihre Trauer.
    Es ist dem Verlag zu danken, dass er für dieses außergewöhnliche Buch einen entsprechend schönen Umschlag gestaltet hat.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 21. Mär 2020 

    Eine ungewöhnliche Freundschaft im Nachkriegsengland

    „Offene See“ ist ein ruhiges Buch. Es besticht durch seine poetische Sprache, die bildhaften Landschaftsbeschreibungen und die wunderbare Zeichnung der beiden Protagonisten, in deren Empfindungen man sich sehr genau einfühlen kann.

    Nur kurz begegnet uns der Ich-Erzähler als alter Mann am Anfang und am Ende des Romans. Sein Leben besteht aus Routinen, doch auch er war einmal jung. Er erinnert sich zurück an das Nachkriegsjahr 1946, als er seinen Schulabschluss machte und auf Wanderschaft ging, um Nordengland besser kennenzulernen und schließlich das offene Meer zu sehen.

    Robert Appleyard stammt aus einer Bergarbeiterstadt im Norden Englands. Es wird Kohle abgebaut, alle Männer sind im Bergwerk tätig und auch Roberts berufliche Zukunft scheint vorbestimmt unter Tage zu liegen, eine wirkliche Berufswahl hat man in diesen Tagen nicht. Die Menschen sind von Entbehrungen gezeichnet, viele Männer sind auf dem Feld gefallen. Es liegt noch eine Schwere auf dem Dasein:
    „Es war Krieg gewesen, und obwohl der Kampf zu Ende war, tobte er noch immer in den Männern und Frauen, die ihn mit sich nach Hause genommen hatten. Er lebte in ihren Augen weiter oder hing ihnen um die Schulter wie ein blutgetränkter Umhang.“ (S. 13 Epub)

    Robert möchte raus aus dieser Welt. Zumindest ein paar Monate will er sich als Auszeit nehmen, bevor er in den Kohlebergbau einfährt: „Solange ich zurückdenken konnte, hatte die Unausweichlichkeit eines Arbeitslebens in der staubigen Dunkelheit wie ein Schreckgespenst in meinem Unterbewusstsein gelauert und alles mit einem dunklen Tuch bedeckt. Anfangs hatte ich mich vor der Vorstellung gefürchtet, doch in letzter Zeit lehnte ich sie mit einer Unnachgiebigkeit ab, die an Hass grenzte.“ (S. 21 Epub)

    Robert liebt Natur sowie Tiere, hat schon immer mit Leidenschaft die Vogelwelt beobachtet und zahlreiche Aufzeichnungen darüber gemacht. Er sehnt sich nach etwas Neuem, nach Abenteuer, vor allem nach Weite.
    Mit kleinem Gepäck bricht er auf. Er genießt die Landschaft in vollen Zügen, verdingt sich auf seiner Wanderung als Tagelöhner auf Bauernhöfen. Überall sind seine kräftigen Hände gern gesehen, im Gegenzug bekommt er etwas zu essen, mal mehr, mal weniger. Er begegnet anderen vom reisenden Volk, kommt mit verschiedensten Menschen ins Gespräch. Gern spricht man in England über das Wetter, doch: „In diesen Gesprächen mit Fremden wurde der Krieg kaum erwähnt; diese Bestie blieb begraben. Sie war noch zu frisch, um exhumiert zu werden.“ (S. 22 Epub)

    Durch Zufall läuft er in eine Sackgasse hinein, an deren Ende sich ein großes, eingewachsenes Grundstück befindet, auf dem ein kleines Cottage steht. Dort lebt die großgewachsene Dulcie allein mit ihrem Deutschen Schäferhund. Robert fühlt sich von Anfang an auf eigentümliche Art zu dieser Einsiedlerin hingezogen. Sie ist sehr gastfreundlich, lädt zu Brennnesseltee und Rosinenkeksen ein, die beiden kommen ins Gespräch:
    „Kein Plan ist ein guter Plan“, sagte sie, nachdem einige Zeit verstrichen war. „Man weiß nie, was hinter der nächsten Ecke auf einen wartet. Der sonnige Zauber eines Morgens birgt vielleicht schon nachmittägliche Gewitterwolken. Das Leben ist lang, wenn du jung bist, und kurz, wenn du alt bist, aber immer unsicher.“ (Epub S. 33)

    Von Dulcie geht Lebenserfahrung und Weisheit aus, aber auch eine tiefe Traurigkeit. Der junge Mann bleibt einige Zeit bei ihr. Er genießt den schier unerschöpflichen Vorrat ihrer Lebensmittel, aus dem sie köstliche Speisen zubereitet. Im Gegenzug versucht er, Reparaturen und schwere Arbeiten für sie zu erledigen. Auch verrichtet er kleine Besorgungen in dem nahen Küstenort, wo man Dulcie offensichtlich schätzt. Recht schnell erfährt Robert, dass sie einen schweren Schicksalsschlag verwinden musste, was genau, bleibt aber im Dunklen.

    Robert ist hin und her gerissen, ob er Dulcies Gastfreundschaft noch länger in Anspruch nehmen oder weiter ziehen soll. Im verwachsenen Teil des Gartens entdeckt er ein kleines verwahrlostes Häuschen und macht es sich zur Aufgabe, dieses instandzusetzen, zu reparieren und zu streichen. Er ahnt nicht, dass er mit dieser Aufgabe auch verschüttete, zum Teil schmerzhafte Erinnerungen aus Dulcies Leben frei legt, die zudem ihre trüben Tage erklären.

    Myers hat eine sehr warmherzige, berührende Geschichte geschrieben, die niemals ins Kitschige abgleitet. Die Dialoge der Protagonisten sind zutiefst menschlich und von Weisheit durchdrungen:
    „Eine famose Haltung. Tun wir so, als käme das Morgen niemals.“
    „Gestern ist es aber gekommen“, sagte ich scherzhaft.
    „Oh, der war gut, sagte sie. „Dann lass uns das Tagebuch wegwerfen, den Kalender verbrennen, die Uhren zertrümmern und stattdessen so tun, als wäre das Heute unendlich und würde nur durch den dunklen Himmel und den Ruf der Eule unterbrochen. Ich will damit sagen, drehen wir der Zeit eine lange Nase, denn Zeit ist auch bloß ein System von selbst gewählten, willkürlichen Grenzen, die einengen und kontrollieren sollen. Möge das Heute für immer währen, Robert. (…) Wir untergraben just das, was die Menschheit zusammen hält. Wir werfen die Ketten ab. Ist das nicht genial?“ (Epub S. 74)

    Zwei unterschiedlich beschädigte Seelen helfen sich gegenseitig: Robert hilft Dulcie, sich mit ihrer verdrängten Vergangenheit und auch ihrer Liebe auseinanderzusetzen. Dulcie zeigt Robert neue Horizonte und Möglichkeiten. Sie hilft ihm, selbst zu entscheiden, welche Lebensziele er erreichen möchte. Beide tun sich ungemein gut und entwickeln sich unter dem Einfluss des anderen weiter.

    Erwähnen möchte ich noch, dass auch die Literatur ein weiteres Thema in diesem wunderbaren Roman darstellt. Robert, der in seinem bisherigen Leben die Schule eher als Last empfand und wenig mit Kunst, Literatur und Musik zu tun hatte, wird in diese Welt der Geschichten und der Poesie eingeführt. Eine Welt, die neue Saiten in ihm zum Klingen bringt…

    Es ist ein Buch über Freundschaft, über Verlust, über die Liebe zur Literatur, über das Leben an sich, Lebensplanung und Lebensziele. Man könnte es auch als Entwicklungsroman bezeichnen. Wie auch immer: Ich wünsche diesem wunderschön gestaltetem Buch viele Leser und bewerte im Brustton der Überzeugung mit 5/5 Lesesternen.