Offene See

Buchseite und Rezensionen zu 'Offene See' von Myers, Benjamin
4.65
4.7 von 5 (12 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Offene See"

Der junge Robert weiß schon früh, dass er wie alle Männer seiner Familie Bergarbeiter sein wird. Dabei ist ihm Enge ein Graus. Er liebt Natur und Bewegung, sehnt sich nach der Weite des Meeres. Daher beschließt er kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, sich zum Ort seiner Sehnsucht, der offenen See, aufzumachen. Fast am Ziel angekommen, lernt er eine ältere Frau kennen, die ihn auf eine Tasse Tee in ihr leicht heruntergekommenes Cottage einlädt. Eine Frau wie Dulcie hat er noch nie getroffen: unverheiratet, allein lebend, unkonventionell, mit sehr klaren und für ihn unerhörten Ansichten zu Ehe, Familie und Religion. Aus dem Nachmittag wird ein längerer Aufenthalt, und Robert lernt eine ihm vollkommen unbekannte Welt kennen. In den Gesprächen mit Dulcie wandelt sich sein von den Eltern geprägter Blick auf das Leben. Als Dank für ihre Großzügigkeit bietet er ihr seine Hilfe rund um das Cottage an. Doch als er eine wild wuchernde Hecke stutzen will, um den Blick auf das Meer freizulegen, verbietet sie das barsch. Ebenso ablehnend reagiert sie auf ein Manuskript mit Gedichten, das Robert findet. Gedichte, die Dulcie gewidmet sind, die sie aber auf keinen Fall lesen will.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:270
Verlag:
EAN:9783832181192

Rezensionen zu "Offene See"

  1. Poetisch, einfach, schön

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 27. Aug 2021 

    England im Jahr 1946, Land und Leute erholen sich sehr langsam von den dunklen Nächten, dem Mangel und der Angst vor dem Kriegsgegner. Der 16- jährige Robert stammt aus einer Bergarbeiterstadt, sein beruflicher Werdegang scheint traditionell auch nur unter Tage zu führen. Doch Robert hält Enge kaum aus. Er will den letzten Sommer, bevor er im Bergwerk zu arbeiten beginnen soll, durch das Land zu wandern Er lebt von Gelegenheitssjobs, schläft in Scheunen, selten zweimal am selben Ort. Bis er auf Dulcie Piper und ihren Hund Butler trifft.
    „Hier war der Ozean ein Tor, eine Einladung, und ich nahm sie bereitwillig an.“
    Dulcie ist eine Frau, wie sie Robert noch nie gekannt hat, alleinstehend, selbständig, spitzzüngig. Obwohl die alte Lady nahe am Meer wohnt, geht sie nie an den Strand, warnt Robert vor dem Wasser. Auch wenn Robert für Dulcie die Gartenarbeit übernimmt, die Hecke darf nie gestutzt werden, muss immer den Blick zur See verstellen.
    Zwischen Dulcie und Robert entsteht eine ganz besondere Freundschaft. Durch Dulcie bekommt Robert einen ganz neuen Blick auf seine Zukunft, wirft alle tradierten Pläne, die für ihn gemacht wurden, über den Haufen. Aber auch Dulcie profitiert von Roberts Unbefangenheit und seiner jugendlichen Energie, die sie einen mutigen Entschluss fassen lässt.
    Die offene See, für den einen ein Sehnsuchtsort, für die andere ein Quell der Angst.
    „Offene See“ ist ein wunderbarer Roman des britischen Schriftstellers Benjamin Myers. Eine Liebeserklärung an die Selbstbestimmung, sich selbst zu genügen und an die Poesie, die Literatur und die Einfachheit der Dinge. Schön!

    Teilen
  1. Eine inspirierende Begegnung

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 12. Apr 2021 

    Die Geschichte spielt kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und nach all den Schrecken freuen sich die Menschen darüber, dass es langsam bergauf geht. Das Leben des sechszehnjährigen Robert ist vorbestimmt, er soll Bergarbeiter werden, wie alle Männer in seiner Familie. Doch er will ein Stück Freiheit haben und die Weite des Meeres erleben. So macht er sich auf die Wanderschaft und erhält Verpflegung und Unterkunft gegen Gelegenheitsjobs. Dann lernt er Ducie kennen. Sie lebt alleine und sehr unkonventionell. Aber sie hat auch ihre Vorstellungen. Die wuchernde Hecke, die den Blick zum Meer versperrt, darf nicht gestutzt werden, und das ihr gewidmete Manuskript, welches Robert findet, will sie nicht lesen.
    Der Schreibstil des Autors Benjamin Myers hat mich begeistert, er ist wundervoll bildhaft und poetisch.
    Dulcie ist eine ungewöhnliche Frau, eine Frau, wie sie Robert noch nie getroffen hat. Sie ist unabhängig und hat alles, was sie braucht. Robert ist beeindruckt. Sie stellt alles, was er vom Leben erwartet, in Frage. Die Gespräche der beiden verändern ihn und er bleibt länger bei Dulcie, als er es vorhatte. War Dulcie anfangs noch recht barsch, so öffnet sie sich mit der Zeit und es entsteht eine wunderbare Freundschaft.
    Es geschieht nicht sehr viel in dieser Geschichte, die Robert rückblickend erzählt, und doch hat sie mich von Anfang an gepackt.
    Ich kann dieses Buch nur empfehlen.

    Teilen
  1. Eine inspirierende Begegnung

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 08. Apr 2021 

    Die Geschichte spielt kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und nach all den Schrecken freuen sich die Menschen darüber, dass es langsam bergauf geht. Das Leben des sechszehnjährigen Robert ist vorbestimmt, er soll Bergarbeiter werden, wie alle Männer in seiner Familie. Doch er will ein Stück Freiheit haben und die Weite des Meeres erleben. So macht er sich auf die Wanderschaft und erhält Verpflegung und Unterkunft gegen Gelegenheitsjobs. Dann lernt er Ducie kennen. Sie lebt alleine und sehr unkonventionell. Aber sie hat auch ihre Vorstellungen. Die wuchernde Hecke, die den Blick zum Meer versperrt, darf nicht gestutzt werden, und das ihr gewidmete Manuskript, welches Robert findet, will sie nicht lesen.
    Der Schreibstil des Autors Benjamin Myers hat mich begeistert, er ist wundervoll bildhaft und poetisch.
    Dulcie ist eine ungewöhnliche Frau, eine Frau, wie sie Robert noch nie getroffen hat. Sie ist unabhängig und hat alles, was sie braucht. Robert ist beeindruckt. Sie stellt alles, was er vom Leben erwartet, in Frage. Die Gespräche der beiden verändern ihn und er bleibt länger bei Dulcie, als er es vorhatte. War Dulcie anfangs noch recht barsch, so öffnet sie sich mit der Zeit und es entsteht eine wunderbare Freundschaft.
    Es geschieht nicht sehr viel in dieser Geschichte, die Robert rückblickend erzählt, und doch hat sie mich von Anfang an gepackt.
    Ich kann dieses Buch nur empfehlen.

    Teilen
  1. Poetisches Meisterwerk

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 30. Mär 2021 

    So wie es Lieder ohne Worte gibt, so ist Lyrik Worte ohne Noten. – Erhard Blanck

    Es gibt sie noch: die Bücher, deren poetische Sprache mich mitreißt in eine See der Poesie. So geschehen bei Benjamin Myers´ Roman „Offene See“.

    Dabei war die Welle der Begeisterung zunächst relativ flach. Vergleichbar mit der flachen Brandung an einem geschützten Strand. Denn es braucht seine Zeit, bis man „ankommt“ bei Dulcie Piper und ihrem Sinn für das Leben, das so ganz anders verläuft, als man es gemeinhin annimmt, wie es 1946 im Nachkriegsengland gewesen sein muss.

    Wenn man als Leser dann aber mit dem 16-jährigen Robert bei Dulcie und ihrem Hund Butler eintrifft und die ersten spitzen Bemerkungen über Dulcie´s Lippen kommen – ja, dann wird die Strömung und die Brandung stärker und man kann sich dem Sog der offenen See nicht mehr entziehen. Die geneigte Leserschaft wird mitgerissen von Dulcie´s Weisheit, von ihrem Sinn für ein unkonventionelles, autarkes L E B E N, von ihrem Wunsch, die Welt verändern, ja – verbessern zu wollen.

    Und Robert, der sich am Anfang noch sicher ist, ein Leben zu führen, dass genauso abläuft wie das seines Vaters und seines Opas? Er fasst Vertrauen zu Dulcie, bringt sie mit seinen naiven Fragen „um den Verstand“ und erkennt im Laufe der Zeit die Wahrheit und Schönheit der Worte in den Lyrikbänden von Dulcie – und revanchiert sich auf seine ganz eigene Art und Weise bei ihr.

    Das ganze Buch strotzt vor Poesie, vor Lyrik, vor Schönheit – es ist ein besonderer Schatz, den der Autor Benjamin Myers hier seinen Leserinnen und Lesern präsentiert. Hervorzuheben ist jedoch auch die Arbeit der Übersetzer Ulrike Wasel und Klaus Timmermann.

    „Offene See“ sei hiermit allen ans Herz gelegt, die sich gerne poetischen Worten und Lyrik hingeben.

    5* und absolute Leseempfehlung!

    ©kingofmusic

    Teilen
  1. Nicht mein Buch

    bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 07. Mär 2021 

    Benjamin Myers „Offene See“ ist das Lieblingsbuch der Unabhängigen 2020. Bundesweit haben Buchhändler*innen für ihr Lieblingsbuch abgestimmt und dieses Werk auserkoren. Das weckt Erwartungen und deshalb wollte ich es unbedingt lesen, muss allerdings sagen, mein Vertrauen in Buchhändler*innen ist einigermaßen erschüttert.

    Natürlich ist es hübsch geschrieben. Nur macht schöne Sprache allen noch kein gutes Buch.
    „Ich genoss diese wiederkehrenden Zustände, während aus Tag Nacht wurde und aus Nacht Tag und die Zeit nichts Lineares mehr war, sondern etwas Elastisches, das sich mal ausdehnte und mal zusammenzog, sodass eine Minute einen ganzen Tag währte und eine Woche wie ein Wimpernschlag verging. Blütenblätter entfalteten sich, Weidensamen schwebten im Wind…“

    Es geht ewig so weiter und das ist natürlich ganz reizend, aber es ist auch banal, blanke Wortakrobatik, die nichts will, außer schön zu sein. Fast meint man, das bisschen Handlung stört nur.

    Hier entdeckt ein junger, unbedarfter Mann seinen Sinn für Lyrik, eine gestandene Frau stellt sich den Geistern der Vergangenheit. Gegenseitig geben sie sich Halt, wo sie doch bis dahin Einzelkämpfer waren, einsam, unverstanden… das ist wundervoll, ergreifend und ein sorgfältig geplantes Rührstück, bestimmt ein toller Weihnachtsfilm, aber für meinen Geschmack erlesen komponierte Langeweile.

    Vielleicht haben Lyrikfans ihre Freude an diesem Buch. Ich hatte aber einen Roman erwartet und als solcher ist dieses Werk ein Totalausfall: Schwulst, Kitsch und Klischees in einem Cottage am Meer, wo man vor lauter Vogelgezwitscher das Meer nicht rauschen hört, dafür aber alte Briefe findet…
    Nicht mein Buch.

    Teilen
  1. Vom Glück, seinen eigenen Weg zu finden

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 05. Feb 2021 

    Es gibt Bücher, da hat man noch nicht mal eine Seite gelesen und ist sich trotzdem sicher: Mit dieser Lektüre wird man sich wohl fühlen, sogar sehr wohl. Und so war es bei 'Offene See'.
    Die Geschichte selbst ist eher unspektakulär: Der II. Weltkrieg ist gerade vorbei, als sich der 16jährige Robert aufmacht, die Welt zu erkunden. Aufgewachsen im Norden Englands in einem armen Bergarbeiterdorf scheint sein Leben vorherbestimmt zu sein wie das seines Vaters und seines Großvaters und all der Nachbarn um ihn herum: Unter Tage zu arbeiten um Kohle zu fördern. Doch in ihm wächst das Fernweh und die Lust auf ein Leben, das nicht bestimmt ist vom grauschwarzen Staub der Kohle. Mit nichts als einem Rucksack und etwas Verpflegung macht er sich auf Richtung Süden, zu Fuß durch das zerstörte England. Fast am Meer angelangt, trifft er auf die ältere Dulcie, eine allein lebende, unkonventionelle Frau, die ihm ein Leben zeigt, das so völlig anders ist als alles, was er bislang kannte.
    Nein, hier geht es nicht um eine Liebesgeschichte 'ältere Frau verführt jungen Mann', sondern um eine Freundschaft im besten Sinne. Dulcie lässt Robert auf ihrem Grundstück übernachten und bei gemeinsamen Essen erzählt sie ihm von einer Welt und ihren Möglichkeiten, die er teilweise nicht einmal vom Hörensagen kennt. Sie bestärkt ihn, sich eigene Gedanken zu machen über das, was ER vom Leben erwartet, und nicht was seine Eltern wünschen; zeigt ihm Möglichkeiten auf, die er nutzen kann; und ermuntert ihn, seinen eigenen Weg zu gehen.
    Robert, der als alter Mann seine Geschichte im Rückblick erzählt, macht dies auf eine so einfühlsame Weise, dass ich mich mit dem Sechzehnjährigen eng verbunden fühlte. Die Entwicklung seiner Persönlichkeit vollzieht sich in jenem Sommer so eindrucksvoll und vielversprechend, dass man sich für jeden jungen Menschen eine Dulcie an seine Seite wünscht.
    Doch es ist nicht nur Roberts Entwicklung, die dieses Buch so lesenswert macht. All seine Sinne (sehen, hören, riechen, fühlen) nehmen die Welt überaus deutlich war und geben sie ebenso detailliert, farbig und lebendig wieder, sodass einem dieses Nachkriegsengland im Frühsommer fast vorkommt wie ein Garten Eden. Beispielsweise dieser kleine Absatz über Honig und Bienen (der allerdings von Dulcie ist ;-)): "Weil Honig flüssige Poesie ist. Er ist wie ein Scheibchen Sonne auf deinem Brot. Er ist die Essenz der Natur - die Essenz von Land und Insekt und Mann oder Frau, die in vollkommener symbiotischer Harmonie zusammenarbeiten. Bienen sind wahre Wunderwesen, die unermüdlich Pollen in Gold verwandeln." Oder "Da war das polyphone, gurrende Zweinoten-Mantra von zwei rastenden Ringeltauben, eine in der Nähe, die andere weiter weg, Doppelklänge der Zufriedenheit. Darüber das kleinliche Gezanke eines Möwenschwarms, ..."). Auch sonst gibt es reihenweise Sätze und Abschnitte, die ich mir am liebsten abschreiben und an die Wand heften würde (gäbe es noch Platz ;)), wie beispielsweise "Denn niemand gewinnt einen Krieg wirklich; manche verlieren bloß ein bisschen weniger als andere." Oder "Zeit war wertvoller geworden. Sie war das Einzige, das wir in Hülle und Fülle besaßen, obwohl der Krieg uns gelehrt hatte, dass auch sie eine begrenzte Ressource war und dass es eine der größten Sünden war, sie unklug zu verbringen oder verschwenderisch mit ihr umzugehen."
    Ein Buch, das man (ich) sicherlich mehrmals lesen kann - und jedes Mal wieder mit Gewinn.

    Teilen
  1. Gott führt die richtigen Menschen zusammen

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Jan 2021 

    Offene See von Benjamin Myers, gelesen von Manfred Zapatka.

    Er wollte nicht in die Fußstapfen seiner Vorfahren treten. Bergarbeiter wäre ein Graus für ihn. Arbeiten unter Tage, niemals. Deshalb entschied Robert sich von der Schule abzugehen und zunächst die Welt zu erkunden. Mit Rucksack, Schlafsack und ein wenig Proviant machte er sich zu Fuß auf den Weg. Man entdeckt jede Menge toller Dinge unterwegs. Kann die Landschaft genießen und neue Dinge lernen. Einen Unterschlupf konnte man schnell finden. Neue Menschen kennen lernen. Es gab viele alleine lebende Frauen, die mal etwas Hilfe benötigten bei Reparaturarbeiten. Immerhin war der 2. Weltkrieg noch nicht lange beendet. Die Menschen bekamen nur Lebensmittelmarken.

    Richtung Süden war er unterwegs und geriet unverhoffter Dinge zu einem kleinen heruntergekommenen Landhaus an der Küste. Dieses Landhaus war bewohnt von einer alten Damen Namens Dulcie. Eine sehr eigenwillige Person mit einem großen Herz und viel Verstand. Sie nimmt Robert unter ihre Fittiche und lehrt ihn wie schön und entspannt das Leben sein kann. Sie führen viele schöne Gespräche und Robert kann viel lernen von ihr. Allerdings hat Dulcie ein Geheimnis. Er kommt nur langsam dahinter, wie ihr Leben verlaufen ist. Als sich die Schleusen geöffnet haben und es heraus war, da machen sie eine Entdeckung, die ihr Leben verändern wird und auch Robert weiß, was er mit seinem Leben anfangen möchte.

    Die Geschichte lebt von seiner Atmosphäre, in der der Hörer eintaucht. Einfach zauberhaft erzählt. Die Küste von England erscheint vor dem geistigen Auge. Die Beschreibungen der Landschaft, die Kräuter, Sträucher und Insekten werden lebendig. Auch das leckere Essen, was Dulcie immer zaubert, sieht man förmlich vor sich. Man schließt Robert, Dulcie und ihren Schäferhund Butler einfach ins Herz. Danke an den Autor für diese zauberhafte Geschichte.

    Teilen
  1. Robert und Dulcie...

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 13. Dez 2020 

    Der junge Robert Appleyard verlässt sein Elternhaus und das britische Kohlearbeiterdorf, in dem er aufgewachsen ist. Es ist Sommer, der Zweite Weltkrieg ist vorbei, und Robert ist hungrig nach Meer, Sonne und Weite. Nach Wochen der Wanderschaft, die offene See schon in Sicht, lernt er Dulcie Piper kennen, eine ältere, exzentrische Dame, die in einem verwunschenen Cottage lebt. Aus einem Nachmittag wird ein ganzer Sommer und Dulcie eröffnet dem jungen Mann auf unvergessliche Art die Welt der Poesie, der Musik und der Malerei. Eine unwahrscheinliche Freundschaft entsteht, die ihrer beider Leben auf immer verändern wird.

    Zu Beginn hatte ich ehrlich gesagt Mühe, in die Erzählung hineinzufinden. Die überaus poetischen und ausschweifenden Landschafts- und Naturschilderungen ließen meine Gedanken immer wieder abdriften, so dass ich mehrfach von Neuem starten musste, was mich irgendwann zu nerven begann. Doch spätestens als Robert auf das Cottage von Dulcie trifft, konnte mich die Geschichte packen. Ab da folgte ich ihrem Fluss gerne.

    Der 16jährige Robert beschließt nach dem Ende seiner Schulzeit, nicht sofort im Kohlebergwerk zu arbeiten, wie es die dörfliche Tradition verlangt, sondern erst einmal etwas von der Welt zu sehen. So beschließt er, England zu durchwandern - er will bis zum Meer gelangen und dort noch die Küste entlang nach Süden laufen. Mit wenig Gepäck macht er sich auf den Weg und bestaunt die sich immer wieder verändernde Landschaft. Er hat einen Blick für die kleinen und unscheinbaren Dinge und genießt es, Teil der Natur zu sein. Gegen kleine Handlangerarbeiten verdient er sich sein täglich Brot, und bei sommerlichen Temperaturen ist es keine Problem, im Freien zu übernachten.

    Kurz bevor er zum Meer gelangt, stößt er auf ein Cottage, dessen Garten von der wild wuchernden Natur fast schon zurückerobert wurde. Die alte Dame, die dort wohnt, lädt Robert spontan zum Essen ein - und daraus entspinnt sich ein völlig anderer Sommer als geplant. Robert bleibt. Zunächst einen Tag, dann einen weiteren - und schließlich mehrere Wochen. Er bringt Garten und Schuppen in Ordnung, erhält dafür freie Kost und Logis. Und kochen kann Dulcie - trotz der Nahrungsmittelknappheit nach dem Krieg gelangt sie an köstliche Zutaten und weiß sich ansonsten zu behelfen. Brennnesseltee mit Zitrone wird beispielsweise zum Lieblingsgetränk der beiden, wenn sie nicht gerade zur Weinflasche greifen.

    Die Gespräche zwischen Robert und Dulcie konnten mich hier am meisten begeistern. Dulcie als starke und unkonventionelle Frau, alleinlebend mit viel Lebenserfahrung und einer überaus eigenen Meinung zu allem und jedem, nimmt definitiv kein Blatt vor den Mund. Sie gewährt Robert Einblicke in ihr Leben und spart dabei nicht mit Lebensweisheiten und Ermutigungen für den jungen Mann, das Leben zu leben, das am besten zu ihm passt. Und das muss nicht zwangsläufig ein Alltag im Bergwerk sein.

    "‘Das da draußen ist die offene See", sagte Dulcie leise. "Dieser ferne Streifen, wo Himmel und Wasser eins werden."

    Robert verändert sich zunehmend im Verlauf der Wochen, genießt die Gesellschaft, die Arbeit, die Natur, den Sommer. Und er nimmt die Bücher an, die Dulcie ihm zukommen lässt: Gedichte verschiedener Autoren, Lyrik, die ihn in der Schulzeit nur abgeschreckt hat, hier aber Saiten in ihm zu klingen bringt, die er bei sich gar nicht vermutet hätte. Als er im alten Schuppen einen Koffer mit einem Manuskript entdeckt, das Dulcie gewidmet ist, wird er neugierig. Er liest die zarten und ausdrucksstarken Gedichte - und im Verlauf der Wochen im Cottage am Meer kommt er immer mehr hinter die Bedeutung der Verse. Dulcies Widerstand gegen das Manuskript birgt ein Geheimnis, das Robert gerne ergründen würde...

    Eine leise, langsame Erzählung über einen Nachkriegssommer, der zwei Leben verändert - poetisch und zart... Durchaus mit einigen langatmigen Passagen, aber eine Hymne an die Natur und an die Schönheit der Sprache mit sehr schönen lyrischen Elementen.

    Durch Lachen gestärkt
    durch Liebe beschwingt
    bin ich für immer
    in deinen Atomen.

    Eintauchen und gleichzeitig nach dem Meer sehnen. Meine Empfehlung.

    © Parden

    Teilen
  1. Ein inspirierender Aufenthalt bei der Honigschleuderin

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 29. Jul 2020 

    Ein schönes Buch! Ein betörendes Buch! Ein Jüngling, der 16-jährige Robert begibt sich in der Nachkriegszeit auf eine Reise durch England, möchte sich darüber klar werden, was er will. Er möchte nicht in den Fußstapfen des Vaters in den Bergbau gehen, wie von der Familie vorgesehen. Er weiß aber auch nicht, wie er das dem Vater mitteilen kann, ohne ihn vor den Kopf zu stoßen. Er weiß allerdings auch nicht, wohin er überhaupt will/was ihn interessiert. Und er begegnet auf seiner Wanderung einer älteren eigenwilligen und autarken Frau in einem Cottage am Meer, der Honigschleuderin. Aus dem Begegnen wird ein langsames Annähern und schlussendlich beeinflussen und helfen sich beide gegenseitig. Denn die eigenwillige und autarke, unkonventionelle und kluge Dulcie trägt auch manche Verletzungen und Wunden mit sich herum. Dieses gegenseitige Annähern bringt auch nach und nach ein Vertrauen, ein Vertrauen, welches Früchte tragen wird. Denn die starke und freiheitsliebende Dulcie hilft Robert, fördert bisher unbekannte Ressourcen zu tage und stärkt ihn auch sonst für die Anforderungen des Lebens, wie auch Robert Dulcie hilft, Verletzungen und Wunden heilen zu lassen und neue Kraft zu finden. Eine wirklich wunderschöne Geschichte, in der es um den Lebenssinn geht, wie auch um Fragen der Schuld, insbesondere auch um die Schuld der Deutschen im zweiten Weltkrieg, aber auch um das wichtige Thema Verlust und eine starke Geschichte, in der es ebenso um die Kraft der Literatur geht. Das ist sicher etwas, was unsere Leserherzen besonders berührt. Eine wunderschöne Geschichte, die in inspirierenden Naturbildern daherkommt und in schöne und poetische Worte gekleidet ist. Eine wunderschöne Geschichte, die tief berührt, mit zwei wunderbaren Charakteren, die einen Platz tief in meinem Herzen finden. Eine Geschichte, die ich empfehlen möchte und die mir satte 5 Sterne wert ist. Einfach wunderschööön!!! Benjamin Myers kann man nur gratulieren zu diesem echt gelungenen Buch und ich bedanke mich herzlichst für diesen Lesegenuss.

    Teilen
  1. Ein Schubs in die richtige Richtung

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 19. Jul 2020 

    Die kurze, berührende Rahmenhandlung zeigt den geistig rüstigen, körperlich gebrechlichen Robert Appleyard, der staunend über das Vergehen der Zeit sinniert: „Wo ist das Leben geblieben?“ Nur in seiner Erinnerung wird er wieder jung und kann eine Begegnung heraufbeschwören, die seinem Schicksal eine neue Richtung gab.

    Auf der Suche nach dem wahren Ich
    Ausgerechnet ihm, dem introvertierten, die Natur über alles liebenden 16-Jährigen war die Laufbahn seiner Vorfahren in der heimischen Kohlemine im Norden Englands vorgezeichnet. Wenigstens einmal wollte er jedoch zuvor den Süden und das Meer dort sehen, wo es nicht grau vor Staub war:

    "Ich wollte sehr viel mehr von dem erleben, was anderswo geschah, jenseits der Grenzen meines ländlichen Bergarbeiterdorfs, das irgendwo zwischen der Stadt und dem Meer in einer sanft gewellten Landschaft lag. Ich wollte überrascht werden. Nur wenn ich allein in der Natur war, hatte ich je eine Ahnung von meinem wahren Ich bekommen…“ (S. 17)

    Eine Begegnung mit Folgen
    Auf seiner Wanderung im Nachkriegsfrühling 1946 zwischen dem Abschluss der Schule und dem unvermeidlichen Zecheneintritt verdingte sich Robert als Tagelöhner, bis er in einer Bucht in Yorkshire auf ein Cottage stieß, das wie ein Traumbild anmutend inmitten einer verwilderten Wiese lag. Dulcie Piper, die unkonventionelle Besitzerin, war anders als alle Frauen, die er kannte. Groß, derb, sarkastisch, sehr direkt und weit gereist, machte sie aus ihrem Atheismus keinen Hehl, deklarierte die Lust zum Geburtsrecht, trank gern und verabscheute Spießer, Schnösel, Großmäuler und Vorurteile.

    Aus der spontanen Einladung zum Tee wurden ungeplant Tage und Wochen, in denen Dulcie nicht nur die Schätze ihrer erstaunlich reichhaltigen Speisekammer, sondern auch ihre Liebe zur Literatur und ihre freien Ansichten mit ihm teilte. Robert machte sich derweilen pflichtschuldig im Garten und bei der Entrümpelung und Instandsetzung einer alten Hütte nützlich. Zufällig stieß er dabei auf Dulcies gut gehütetes Geheimnis, den Grund für ihre Melancholie und ihre Abneigung gegen das Meer…

    Eine Perle mit minimalen Schönheitsfehlern
    Ich habe dieses Buch mit dem auffallend schönen Cover und der wertigen Herstellung mit großer Freude gelesen. Der 1976 geborene Brite Benjamin Myers, der auch Lyrik und Sachbücher verfasst, hat mich mit dem ungleichen Duo seines Zwei-Personen-Romans, den fantastischen Naturschilderungen und seinem verschwenderischen Vorrat an fast immer passenden bildlichen Vergleichen bezaubert. So konnte ich leicht über kleinere Kritikpunkt hinwegsehen, wie die Tatsache, dass ich eigentlich einen Überdruss bei zufällig auftauchenden Tagebüchern, Manuskripten, Briefen und ähnlichem empfinde. Auch die Glaubwürdigkeit der beiden Protagonisten hat mich kaum beschäftigt, liest sich doch die Geschichte in Teilen märchenhaft, den Kitsch haarscharf vermeidend. Nicht immer passen Roberts Gedanken zu seinem Alter, denn die Überlegung, ob junge Mädchen einst ihren Müttern gleichen und Männer wie ihre Väter heiraten werden, entspringt wohl eher dem Denken des gealterten Erzählers. Der hintergründige Humor beim wiederholten Scheitern von Roberts ambitionierten Aufbruchsversuchen hat mich in der ersten Romanhälfte erheitert, in der zweiten hätte ich dagegen Straffungen bei Dulcies trauriger Geschichte vorgezogen. Letztlich aber ist nichts davon Grund genug, diese gelungene Mischung aus Entwicklungsroman und Nature Writing nicht wärmstens zu empfehlen.

    Teilen
  1. Niemand gewinnt einen Krieg wirklich

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 12. Mai 2020 

    Frühjahr 1946. Dem sechzehnjährigen Robert ist seine Welt in einer kleinen Bergarbeiterstadt im Norden Englands zu eng geworden. Die Erwartung, wie all seine männlichen Vorfahren unter Tage zu arbeiten, kann er noch nicht erfüllen. Um endlich einmal Freiheit zu spüren, begibt er sich auf Wanderschaft durch seine vom Krieg noch stark mitgenommene Heimat. Sein Weg führt ihn schließlich zum kleinen Cottage von Dulcie Piper - eine ältere Dame, die sein Leben für immer verändern soll.

    Mit "Offene See" ist Benjamin Myers ein großartiger Coming of Age-Roman gelungen, der so viel mehr als dieses eine Label zu bieten an. Die Sprache ist von unglaublicher Poesie und fängt die Küstenlandschaft und ihre Bewohner perfekt ein. Robert ist ein stiller Junge, der seinen Weg im Leben erst noch finden muss. Der Krieg hat auch ihn geprägt und seine Wut auf die Deutschen geschürt. Das Aufeinandertreffen mit Dulcie verändert jedoch etwas in ihm. Im Gegensatz zum klassischen Frauenbild der Zeit nimmt sie kein Blatt vor den Mund, lebt, wie sie es für richtig hält und hat auch zum Kriegsgeschehen eine klare Meinung: Niemand gewinnt einen Krieg wirklich, im Grund gibt es nur Verlierer und auf beiden Seiten stehen menschliche Wesen. Eine wichtige Botschaft, auch und gerade in der heutigen Zeit.

    Nach und nach begreift Robert, dass Dulcies Leben ein Geheimnis birgt, eine Wunde, die immerzu schmerzt und nicht heilen will. Bei gemeinsamen Essen und langen Gesprächen kommen die beiden sich näher und öffnen sich einander. Dabei ist es schön zu spüren, dass Dulcie als die Ältere sich nie überlegen gibt, sondern auch die Chance nutzt, etwas von Robert zu lernen. Der hingegen erhält durch Dulcie einen völlig neuen Blickwinkel auf sein Leben und was er damit anzufangen gedenkt. Ein fabelhafter Roman, der auf jeden Fall zu meinen Highlights in 2020 gehört!

    Teilen
  1. Poetische Entwicklungsgeschichte

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Mär 2020 

    Der englische Schriftsteller und Journalist Benjamin Myers, bisher ein Unbekannter in Deutschland, hat in seiner Heimat schon einige Bücher veröffentlicht. Darunter sind auch mehrere Gedichtsammlungen und das merkt man diesem Roman an. Die Sprache des Autors ist außerordentlich poetisch und Gedichte spielen eine nicht unerhebliche Rolle in der Geschichte.
    In einer kurzen Rahmenhandlung erleben wir den alten Dichter Robert Appleyard, der am Ende seines Lebens auf die Zeit zurückblickt, die prägend war für ihn und in der er seine Berufung entdeckte.
    Wir sind in England, im Frühjahr 1946. Der Zweite Weltkrieg war vorüber, aber er lebt noch weiter in den Köpfen und Herzen der Menschen. Der Ich-Erzähler Robert ist ein junger Mann von 16 Jahren. Seine Schulzeit ist vorüber und auf ihn wartet ein Leben im Bergwerk. Das gleiche Leben, das schon sein Vater und Großvater und die meisten Männer im Dorf geführt haben. Doch zuvor will er noch kurz ein Stückchen Freiheit erleben und er macht sich auf, zu Fuß die Küste Englands zu entdecken. Er übernachtet in Scheunen und Hütten und manchmal auf freiem Feld. Sein Essen verdient er sich mit Hilfsarbeiten bei den Bauern.
    Eines Tages trifft er zufällig auf ein kleines Cottage inmitten eines verwilderten Grundstücks. Dulcie, die Bewohnerin, eine hagere, alte Dame, lädt ihn zum Essen ein. Sie erweist sich schnell als äußerst unkonventionell.
    Am nächsten Morgen zieht Robert weiter, doch er ist bald wieder da und bleibt. Er erledigt verschiedene Arbeiten für Lucie, kleine Reparaturen und Besorgungen, versucht den Wildwuchs ringsum etwas einzudämmen. Dafür kocht Lucie für ihn - wunderbare Köstlichkeiten, zubereitet aus den Dingen, die das Meer und der Garten bietet.
    Bei Tee und Wein kommt es zu intensiven Gesprächen, die Roberts Blick auf das Leben verändern. Lucie gibt ihm Bücher zu lesen, Lawrence „Liebende Frauen“; aber v.a. Gedichtbände. Das eröffnet ihm eine völlig neue Welt. Gleichzeitig spürt er aber, dass Lucie schwer an einem Geschehnis aus der Vergangenheit trägt. Aber Genaueres erfährt er nicht von ihr.
    In dem verwilderten Garten steht eine heruntergekommene Hütte, ein ehemaliges Atelier. Robert macht sich daran, dieses Häuschen wieder instand zu setzen. Bei dieser Arbeit stößt er auf einen Packen Papier, eine Sammlung von Gedichten mit dem Titel „Offene See“. Er beginnt zu lesen, doch vieles ist ihm fremd. Und bald begreift er, dass diese Gedichte eng mit dem tragischen Geheimnis zusammenhängen, das Lucies Leben überschattet.
    Am Ende des Sommers kehrt Robert zurück in sein Elternhaus. Aber er ist ein anderer geworden. Er wird sich danach gegen seinen vorgezeichneten Weg entscheiden und seinen eigenen gehen.
    „Offene See“ ist ein Buch der leisen Töne, voller Poesie und Sinnlichkeit, voller Lebensweisheit. Myers beschreibt immer wieder detailliert die Natur und die Landschaft und die Gefühlswelt der Figuren. Lucie lehrt Robert das Leben, erweitert seinen Blick und mit ihm gemeinsam bewältigt sie ihre Trauer.
    Es ist dem Verlag zu danken, dass er für dieses außergewöhnliche Buch einen entsprechend schönen Umschlag gestaltet hat.

    Teilen
  1. Eine ungewöhnliche Freundschaft im Nachkriegsengland

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 21. Mär 2020 

    „Offene See“ ist ein ruhiges Buch. Es besticht durch seine poetische Sprache, die bildhaften Landschaftsbeschreibungen und die wunderbare Zeichnung der beiden Protagonisten, in deren Empfindungen man sich sehr genau einfühlen kann.

    Nur kurz begegnet uns der Ich-Erzähler als alter Mann am Anfang und am Ende des Romans. Sein Leben besteht aus Routinen, doch auch er war einmal jung. Er erinnert sich zurück an das Nachkriegsjahr 1946, als er seinen Schulabschluss machte und auf Wanderschaft ging, um Nordengland besser kennenzulernen und schließlich das offene Meer zu sehen.

    Robert Appleyard stammt aus einer Bergarbeiterstadt im Norden Englands. Es wird Kohle abgebaut, alle Männer sind im Bergwerk tätig und auch Roberts berufliche Zukunft scheint vorbestimmt unter Tage zu liegen, eine wirkliche Berufswahl hat man in diesen Tagen nicht. Die Menschen sind von Entbehrungen gezeichnet, viele Männer sind auf dem Feld gefallen. Es liegt noch eine Schwere auf dem Dasein:
    „Es war Krieg gewesen, und obwohl der Kampf zu Ende war, tobte er noch immer in den Männern und Frauen, die ihn mit sich nach Hause genommen hatten. Er lebte in ihren Augen weiter oder hing ihnen um die Schulter wie ein blutgetränkter Umhang.“ (S. 13 Epub)

    Robert möchte raus aus dieser Welt. Zumindest ein paar Monate will er sich als Auszeit nehmen, bevor er in den Kohlebergbau einfährt: „Solange ich zurückdenken konnte, hatte die Unausweichlichkeit eines Arbeitslebens in der staubigen Dunkelheit wie ein Schreckgespenst in meinem Unterbewusstsein gelauert und alles mit einem dunklen Tuch bedeckt. Anfangs hatte ich mich vor der Vorstellung gefürchtet, doch in letzter Zeit lehnte ich sie mit einer Unnachgiebigkeit ab, die an Hass grenzte.“ (S. 21 Epub)

    Robert liebt Natur sowie Tiere, hat schon immer mit Leidenschaft die Vogelwelt beobachtet und zahlreiche Aufzeichnungen darüber gemacht. Er sehnt sich nach etwas Neuem, nach Abenteuer, vor allem nach Weite.
    Mit kleinem Gepäck bricht er auf. Er genießt die Landschaft in vollen Zügen, verdingt sich auf seiner Wanderung als Tagelöhner auf Bauernhöfen. Überall sind seine kräftigen Hände gern gesehen, im Gegenzug bekommt er etwas zu essen, mal mehr, mal weniger. Er begegnet anderen vom reisenden Volk, kommt mit verschiedensten Menschen ins Gespräch. Gern spricht man in England über das Wetter, doch: „In diesen Gesprächen mit Fremden wurde der Krieg kaum erwähnt; diese Bestie blieb begraben. Sie war noch zu frisch, um exhumiert zu werden.“ (S. 22 Epub)

    Durch Zufall läuft er in eine Sackgasse hinein, an deren Ende sich ein großes, eingewachsenes Grundstück befindet, auf dem ein kleines Cottage steht. Dort lebt die großgewachsene Dulcie allein mit ihrem Deutschen Schäferhund. Robert fühlt sich von Anfang an auf eigentümliche Art zu dieser Einsiedlerin hingezogen. Sie ist sehr gastfreundlich, lädt zu Brennnesseltee und Rosinenkeksen ein, die beiden kommen ins Gespräch:
    „Kein Plan ist ein guter Plan“, sagte sie, nachdem einige Zeit verstrichen war. „Man weiß nie, was hinter der nächsten Ecke auf einen wartet. Der sonnige Zauber eines Morgens birgt vielleicht schon nachmittägliche Gewitterwolken. Das Leben ist lang, wenn du jung bist, und kurz, wenn du alt bist, aber immer unsicher.“ (Epub S. 33)

    Von Dulcie geht Lebenserfahrung und Weisheit aus, aber auch eine tiefe Traurigkeit. Der junge Mann bleibt einige Zeit bei ihr. Er genießt den schier unerschöpflichen Vorrat ihrer Lebensmittel, aus dem sie köstliche Speisen zubereitet. Im Gegenzug versucht er, Reparaturen und schwere Arbeiten für sie zu erledigen. Auch verrichtet er kleine Besorgungen in dem nahen Küstenort, wo man Dulcie offensichtlich schätzt. Recht schnell erfährt Robert, dass sie einen schweren Schicksalsschlag verwinden musste, was genau, bleibt aber im Dunklen.

    Robert ist hin und her gerissen, ob er Dulcies Gastfreundschaft noch länger in Anspruch nehmen oder weiter ziehen soll. Im verwachsenen Teil des Gartens entdeckt er ein kleines verwahrlostes Häuschen und macht es sich zur Aufgabe, dieses instandzusetzen, zu reparieren und zu streichen. Er ahnt nicht, dass er mit dieser Aufgabe auch verschüttete, zum Teil schmerzhafte Erinnerungen aus Dulcies Leben frei legt, die zudem ihre trüben Tage erklären.

    Myers hat eine sehr warmherzige, berührende Geschichte geschrieben, die niemals ins Kitschige abgleitet. Die Dialoge der Protagonisten sind zutiefst menschlich und von Weisheit durchdrungen:
    „Eine famose Haltung. Tun wir so, als käme das Morgen niemals.“
    „Gestern ist es aber gekommen“, sagte ich scherzhaft.
    „Oh, der war gut, sagte sie. „Dann lass uns das Tagebuch wegwerfen, den Kalender verbrennen, die Uhren zertrümmern und stattdessen so tun, als wäre das Heute unendlich und würde nur durch den dunklen Himmel und den Ruf der Eule unterbrochen. Ich will damit sagen, drehen wir der Zeit eine lange Nase, denn Zeit ist auch bloß ein System von selbst gewählten, willkürlichen Grenzen, die einengen und kontrollieren sollen. Möge das Heute für immer währen, Robert. (…) Wir untergraben just das, was die Menschheit zusammen hält. Wir werfen die Ketten ab. Ist das nicht genial?“ (Epub S. 74)

    Zwei unterschiedlich beschädigte Seelen helfen sich gegenseitig: Robert hilft Dulcie, sich mit ihrer verdrängten Vergangenheit und auch ihrer Liebe auseinanderzusetzen. Dulcie zeigt Robert neue Horizonte und Möglichkeiten. Sie hilft ihm, selbst zu entscheiden, welche Lebensziele er erreichen möchte. Beide tun sich ungemein gut und entwickeln sich unter dem Einfluss des anderen weiter.

    Erwähnen möchte ich noch, dass auch die Literatur ein weiteres Thema in diesem wunderbaren Roman darstellt. Robert, der in seinem bisherigen Leben die Schule eher als Last empfand und wenig mit Kunst, Literatur und Musik zu tun hatte, wird in diese Welt der Geschichten und der Poesie eingeführt. Eine Welt, die neue Saiten in ihm zum Klingen bringt…

    Es ist ein Buch über Freundschaft, über Verlust, über die Liebe zur Literatur, über das Leben an sich, Lebensplanung und Lebensziele. Man könnte es auch als Entwicklungsroman bezeichnen. Wie auch immer: Ich wünsche diesem wunderschön gestaltetem Buch viele Leser und bewerte im Brustton der Überzeugung mit 5/5 Lesesternen.

    Teilen