Oben in den Wäldern: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Oben in den Wäldern: Roman' von Daniel Mason
4.25
4.3 von 5 (4 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Oben in den Wäldern: Roman"

Wer hat hier, wo ich wohne, schon einmal ein Leben geführt – und wer wird diesen Ort nach mir sein Zuhause nennen? Daniel Mason erzählt in seinem neuen Roman die bewegte Geschichte eines Hauses in den Wäldern von Massachusetts. Und mit ihr von den Schicksalen, Geheimnissen und Abgründen der Menschen, die das Haus über die Jahre bewohnen. Von einem Soldaten, der nach einer Verwundung nicht auf die Schlachtfelder zurückkehrt, sondern beschließt, sich in der Abgeschiedenheit dem Apfelanbau zu widmen. Von seinen Töchtern, Zwillingen, deren symbiotisches Leben mit dem Erwachsenwerden zunehmend Risse bekommt – und jäh in einer Tragödie endet. Von einem Reporter, der auf ein uraltes Massengrab stößt, und einem liebeskranken Maler, der einem geheimen und riskanten Verlangen nachgeht. Während sich die Bewohner des kleinen gelben Hauses mit der Schönheit und den Wundern ihrer Umgebung auseinandersetzen, beginnen sie zu erkennen, wie lebendig die Vergangenheit dieses Ortes ist. «Oben in den Wäldern» erzählt vom Wandel der Zeit, der Sprache, der Natur, und zeigt, wie stark wir durch sie auch über Jahrhunderte miteinander verbunden bleiben. Ein so sprachmächtiger wie spannender Roman, der eine zeitlose Frage stellt, die uns alle beschäftigt: Wie leben wir weiter, auch wenn wir nicht mehr da sind?

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:432
Verlag: C.H.Beck
EAN:9783406813818

Rezensionen zu "Oben in den Wäldern: Roman"

  1. Ein grenzensprengender Roman

    Da ist das flüchtige Pärchen, das in höchster Not eine Lichtung in den Wäldern Massachusetts' erreicht. Da ist Charles Osgood, ein englischer Soldat, der von den Äpfeln eines Baumes so begeistert ist, dass er kurzerhand zum Apfelbauern wird. Und da ist William, ein Maler, der sich auf der Suche nach den passenden Motiven in die Wälder zurückzieht und von dort den Briefwechsel mit einem befreundeten Autoren pflegt. Sie alle sind Bewohner:innen eines Hauses im Wald. Und sie alle sind zentrale Figuren in Daniel Masons neuen Roman "Oben in den Wäldern", der kürzlich in der deutschen Übersetzung von Cornelius Hartz bei C.H. Beck erschienen ist.

    Es ist ein Buch, das vor allem in formaler Hinsicht sämtliche literarische Grenzen der Gattung "Roman" sprengt. Denn Daniel Mason experimentiert mit zahlreichen erzählerischen und bildhaften Elementen, und es gleicht fast einem Wunder, dass dennoch alles wie aus einem Guss wirkt. Zudem gelingt es ihm, kaum einmal Ähnlichkeiten im Sprachstil aufkommen zu lassen. Nahezu jeder Text hat seinen eigenen Tonfall, seine eigene Erzählstimme. Das ist gerade zu Beginn des Romans auffällig. Mason konzipiert ein Gesamtkunstwerk, bei dem nichts beliebig ist. Neben erzählenden Texten gibt es beispielsweise Briefe, Tagebucheinträge, Gedichte, Balladen, Zeichnungen, Fotos und Reden.

    Überwältigend schön und von Cornelius Hartz kongenial ins Deutsche übertragen sind vor allem die Naturbeschreibungen Masons. Diese sind so plastisch, dass man sich als direkten Teil der Wälder Massachusetts' wähnt. In Verbindung mit den Gedichten und Bildern sorgen sie für eine erzählerische Intensität, die bisweilen an Lars Myttings Glockenschwestern-Trilogie erinnert. Eine weitere Besonderheit ist, dass Daniel Mason auf den knapp 430 Seiten des Buches nicht weniger als einen Zeitraum von etwa 300 Jahren berücksichtigt. So hangelt man sich fast nebenbei gerade zu Beginn des Werks auch an der amerikanischen Geschichte entlang. Von den Kämpfen der Kolonien mit der indigenen Bevölkerung über den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg bis zum Abolitionismus lässt Mason nichts aus.

    Der Star des Romans - und die einzige Konstante - ist das gelbe Haus in den Wäldern von Massachusetts. Während die Menschen dort leben und sterben, bleibt es immer bestehen, auch wenn es manchmal ausgebaut wird oder gar teilweise einstürzt. Das erinnert in seiner Emotionalität an den großartigen Film "A Ghost Story" von David Lowery. Auch in "Oben in den Wäldern" kommen im Verlaufe des Buches einige Gespenster zu ihrem großen Auftritt. Wobei dies nicht die einzigen filmischen Bezüge bleiben. Im ersten Drittel lugt Alfred Hitchcocks "Psycho" recht unvermittelt um die Ecke, in der zweiten Hälfte veralbert Mason in einer Szene die zahlreichen Séance-Filme, deren Verlauf immer gleich scheint - inklusive betrügerischem Medium.

    Möchte man an "Oben in den Wäldern", dessen Originaltitel "North Woods" ungleich träumerischer wirkt, etwas kritisieren, so ist es die Tatsache, dass Daniel Mason die hohe Messlatte der ersten Hälfte im zweiten Teil des Buches reißt. Einerseits stellt sich so etwas wie ein Gewöhnungseffekt ein, auf der anderen Seite übertreibt es Mason ein wenig mit dem Spuk-Faktor. Unbestritten hoch bleibt allerdings der Unterhaltungsfaktor, auch wenn die Intensität in recht hohem Maße nachlässt.

    Insgesamt ist "Oben in den Wäldern" dennoch eine Ausnahmeerscheinung, gerade mit Blick auf die zahlreichen Übersetzungen aus dem Amerikanischen. Es ist unglaublich kreativ, abwechslungsreich, unterhaltsam und berührend - und in der ersten Hälfte gar überwältigend groß. Verlag und Autor ist zu wünschen, dass sich auch auf dem deutschen Markt eine entsprechende Zielgruppe findet, die sich auf dieses erzählerische Experiment vorbehaltlos einlassen wird.

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  1. 5
    26. Feb 2024 

    der Wald, das Haus und die Geister

    Dieser Roman erstreckt sich über einen Zeitraum von mehreren Jahrhunderten. Er beginnt in den Wälder Massachusetts, wo puritanische Engländer Mitte des 17. Jahrhunderts Siedlungen errichtet hatten. Aus den puritanischen Zwängen einer solchen Ansiedlung flüchtet ein junges Paar in die Wälder. Am siebten Tag ihrer Flucht gelangen sie "oben in den Wäldern" an den Ort, an dem sie den Grundstein für eine Hütte legen. Aus der Hütte wird im Lauf der Jahre ein Haus mit vielen Anbauten, Dreh- und Angelpunkt dieser generationenübergreifenden Geschichte.

    Das Haus und der Wald, den es umgibt, werden Zeuge kriegerischer Auseinandersetzungen. Soldaten und indianische Ureinwohner tauchen auf. Ein ehemaliger verwitweter Major mit zwei Töchtern erschließt einen Teil des Waldes, indem er dort eine Apfelplantage anlegt. Die Plantage trägt köstliche Früchte, genannt Osgoods Wunder. Dank der Bewirtschaftung als Apfelplantage erlebt das Haus seine Blütezeit.

    Dann ein Stilwechsel im Erzählton ein Jahrhundert später. Der Leser hatte sich auf eine sprachmächtige, die Natur in all ihren Facetten grandios beschriebene Erzählung mit biblischen Anklängen eingestellt. Doch nach den Apfelbauern hat sich ein Landschaftsmaler das Haus als Wohnsitz für seine Familie auserkoren. In einem überschwänglich gefühlvollen Briefwechsel erfährt der Leser von der homoerotischen Beziehung des Malers zu einem berühmten Schriftsteller, die im Haus und der es umgebenden Natur ausgelebt wird.

    Es geht weiter bis in die heutige Zeit. Das Haus wird u. a. von einem Jäger gekauft, der ein Hotel plant. Vieles passiert im und rund um das Haus, bis schließlich ein Amateurhistoriker dort Entdeckungen macht, die Jahrhunderte zurückreichen und eine junge Studentin auf ganz besondere Weise Kontakt zu den ehemaligen Bewohnern des Hauses erlangt. Alles hängt hier irgendwie mit allem zusammen.

    Dieser Roman ist außergewöhnlich. Es wird in verschiedenen Sprachstilen erzählt, die Erwartungen des Lesers werden nach den ersten Kapiteln regelrecht gebrochen, um am Ende des Romans wieder zur anfänglich getragenen, die Natur in den Vordergrund rückenden Sprache zurückzufinden. Auch Parallelen zu biblischen Themen tauchen wieder auf. Zwischen einzelne Kapitel sind Balladen, Ausschnitte aus Kalenderblättern und botanische Zeichnungen eingestreut. Das mutet zunächst seltsam an, ergibt für mich am Ende der Lektüre aber durchaus Sinn.

    Ich habe diesen Roman sehr gerne gelesen. Besonders gefallen haben mir die sprachmächtigen Naturbeschreibungen der Flora und Fauna dieser wunderschönen Wälder Nordamerikas. Der Autor erzählt jeweils aus der Position der Handelnden und der Zeit, in der sie leben. Der Apfelbauer Osgood: altertümlich, gediegene Sprache. Jahrhunderte später ein True Crime Reporter: schnoddrig, freche Sprache. Die Beschreibung einer Seancen legenden Betrügerin, die die Hausherrin von ihrer Angst vor im Haus spukenden Gespenstern befreien soll: von entlarvender Komik.

    Überhaupt spielen Geister in diesem Roman ein große Rolle. Sie spuken als tote Seelen der einstigen Bewohner über all die Jahre im Haus herum. Das Haus verfällt im Verlauf der Zeit, die Wälder und die klimatischen Gegebenheiten verändern sich, die Apfelplantage verwildert, Ulmen und Kastanien werden von diversen Käferplagen vernichtet, Tierarten sterben aus. Was bleibt sind die immer wieder auftauchenden Geister, die dem Haus und den Wäldern ihre Seele verleihen.

    Ein vielschichtiger, fein ausgedachter und sprachmächtiger Roman, der mir sehr gefallen hat. Ich vergebe 5 Sterne. Für Naturliebhaber und solche, die ein Faible für Gespenster und Mystik haben, sehr zu empfehlen.

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  1. Von Äpfeln,Menschen und einem Haus

    Dieses Buch ist schwerer verdaulich als die Äpfel, die darin beschrieben werden. Man muss sich darauf einlassen, denn die Erzählweise ist ganz anders als gewohnt.
    Im Mittelpunkt steht ein kleines Haus mitten in den Bergen, und der Sprachstil mäandert um die Bewohner dieses Hauses herum. Es gibt keinen roten Faden, keine strukturierte Handlung. Jeder der Bewohner hat seine eigenen Gründe, dieses Haus zu seinem Zuhause zu machen. Ob Lebensüberdruss, Apfelbesessenheit, Flucht vor den eigenen Gefühlen, all diese Mischungen werden in Beziehung zur Natur gesetzt. Was bleibt, wenn man geht? Apfelbäume? Geister?
    Es gibt viele eingewobene Textformen wie Briefe, Gedichte, Zeitungsartikel, die den Text ergänzen, aber nicht zum besseren Verständnis beitragen. Ein kleines Problem des Buches ist, dass es fast zeitlos wirkt. So verschwinden alle Personen in einem Nebel von Vermutungen und sind somit für den Leser nicht greifbar oder erfahrbar. Das ist eine durchaus poetische Stärke, macht das Buch aber nicht leichter lesbar. Die Botschaften des Buches sind ebenso unklar formuliert, es ist wie eine Zeitreise, aber der Leser fragt sich hinterher, was er eigentlich erfahren hat. Schön zu lesen ist es allemal, denn der Sprachstil ist sehr poetisch, vielschichtig und wortgewaltig, nur der Inhalt ist manchmal etwas zu diffus.

    Fazit: Ein Buch für Menschen, die eine zeitlose, wortgewaltige Sprache mögen, um die Verwobenheit von Mensch und Natur zu erfahren.

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  1. Mark Twain-Klamauk in Massachusetts

    Kurzmeinung: Anfängliche Begeisterung flaute ab!

    Der Roman „Oben in den Wäldern“ besteht aus 12 lose zusammenhängenden und aufeinander aufbauenden Kurzgeschichten, von denen keine ohne die andere funktionieren würde. Diese Kurzgeschichten sind freilich spooky und enden meist mit einem Knalleffekt. Ein Hauch Edgar Alan Poe lässt grüßen.
    Robert Mason spielt in seinem neuen Roman „Oben in den Wäldern“ mit verschiedenen Versatzstücken der Literatur, die ab und an Artikeln aus der Bildzeitung ähneln, insofern, als die einzelnen Stories oft wie eine Schlagzeile wirken und mit einem Knalleffekt enden. Allerdings sind seine Stories viel, viel besser geschrieben als Artikel in der Bildzeitung. Die Qualität von Masons Sprache entreißt seinen Roman immer wieder, allerdings nur knapp, der Trivi.
    Gedichte, Lieder, TrueCrimeArtikel, eine Rede, ein Briefroman, eine Séance, Legenden um einen Schafe reißenden Berglöwen, alles dies kommt in des Autors Mappe, alles wird „verwurschtet“, ein Sammelsurium an Texten, alledings meisterhaft zusammengeheftet. Halbe Menschenkörper hängen in den Bäumen. Mord und Totschlag, Liebe, Sex und Besessenheit. Diese Textmixtur ist für mich wie ein Karussell, das sich dreht, mir wird schwindlig.

    Die Handlung: Ein verstecktes Haus in Massachusetts dient diversen Sonderlingen und Ausbüchsern als Heim. Morde, Comingouts und Geister nicht zu knapp, verschmähte Liebe, Eifersucht, Geheimnisse, sonderbare Hobbies, sind die Zutaten des Romans. Das ist nicht der Stoff, woraus Träume sind, sondern der Stoff, mit dem Trivialliteratur gemacht wird. Wenn es nur nicht so kunstfertig geschrieben und komponiert wäre. „Sprachmächtig“ sei der Autor, verspricht der Klappentext. Das ist keine Lüge.

    Der Kommentar: Wenn man von diesem Roman nichts erwartet, wird man bestens unterhalten. Er rangiert auf einer Ebene mit den Erzeugnissen der Autorin Charlotte Link, jedoch nicht auf einer Ebene mit ihren Anfangswerken, die eindringliche Psychogramme enthalten, sogar an die Historie gelehnte Geschichte. „Oben in den Wäldern“ ähnelt vom Niveau her Charlotte Links späteren Kriminalgeschichten, die spannend sind oder seicht oder banal, je nach Betrachtungsweise, auf alle Fälle nicht einmal in die Nähe von Hochliteratur kommen, sondern massentauglich sind. Gegen Unterhaltungsliteratur ist per se nichts allzu Negatives zu sagen, außer, dass sie entweder keine Kunst oder schlechte Kunst ist. Und dass sie meine Zeit verschwendet.

    Von den ersten Seiten des Romans „Oben in den Wäldern“ hätte man jedoch mehr als reine Unterhaltung erwarten können, da die Naturbeschreibungen eines Waldes und der Landschaft, welche beide ein abgelegenes Landhaus umgeben, wahrlich gelungen sind. „Gelb kommt vom Berg herabgekrochen und schleicht sich in die Adern der Hainbuchen, Eiche und Ahorn färben sich rot, und im Unterholz werden die Blätter des Schneeballs violett. Laub fällt in den Bach, der den Hang durchschneidet wie ein Riss im Gewebe der Erde.“ Das ist Naturlyrik pur, davon bin ich begeistert. Dazu kommen Witz und Esprit, beides könnte den Romanen von Mark Twain entsprungen sein, jedoch, leider, ohne dessen Hintersinn: keinerlei Gesellschaftskritik ist vorhanden und höchstens ein winziger Hauch echter Historie. Die Historie von „Oben in den Wäldern“ streift Umweltschädigungen. Urkomisch wird tragischer Käfersex erzählt, welcher den Ulmensplitkäfer erzeugt. Wie der Name schon sagt, fielen diesem fiesen Käfer weltweit Populationen der Ulmen zum Opfer; Mason erzählt so komisch, dass man Mitleid mit dem Insekt bekommen könnte. Auch thematisiert Mason den Kastanienrindenkrebs, wodurch in ganz Amerika der Bestand an der Amerikanischen Kastanie vernichtet wurde. Erst 2022 (steht nicht im Buch) erlauben die US-Behörden eine genveränderte Variante anzupflanzen und so die Amerikanische Kastanie zu revitalieren. Möge es gelingen! Umweltschäden, die der Mensch anrichtet, sind also ein weiteres immanentes Thema. Damit hätten wir einen Mehrwert. Ist der Verdacht der Trivi damit erledigt? Nicht ganz, denn letztlich behält der Klamauk die Oberhand, die Geister sind los und toben. Dazu kommt, dass Richard Powers in „The Overstory“ (Die Wurzeln des Lebens) das Kastaniensterben bereits unübertroffen literarisch dokumentiert hat. Da kommt keiner ran. Und last but not least: habe ich wenig übrig für Klamauk.

    Fazit: Handwerklich tadellos, hinreißend spooky, jedoch hauptsächlich Klamauk.
    Kategorie: Geistergeschichte
    Verlag: C.H. Beck, 2024

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