Nordwasser

Rezensionen zu "Nordwasser"

  1. Unbedingt lesen!

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 14. Dez 2019 

    Ich bin begeistert! Dieser Roman war mal etwas ganz anderes. Eine spannende und fesselnde Mischung aus Abenteuerroman und Thriller. Ich flog durch die Seiten und war bis zuletzt gespannt auf das Ende. Ich konnte Gerüche, Farben, Kälte, Beklemmung, Angst und das Gefühl des Ausgeliefert seins regelrecht miterleben.

    Vom Setting (Ort und Zeit) her wird man an „Moby Dick“ erinnert, aber während es in diesem Roman v. a. um den Kampf zwischen Mensch und Tier geht, geht es in „Nordwasser“ m. E. um mehr. Hier spielt das Zwischenmenschliche (Rivalität, Triebe, gut-böse) eine große Rolle. Auch der Kampf ums Überleben in der Natur. Auch der damalige (und heutige) Umgang mit anderen Völkern, hier: Naturvölkern, und der Natur (Raubbau, Intoleranz...).
    Der gemeinsame Nenner ist zweifellos die Habgier.

    Der Leser wird in die Mitte des 19. Jahrhunderts katapultiert. Ja, katapultiert! Schon nach wenigen Sätzen ist man mittendrin in der düsteren, unkultivierten, derben, fast gruseligen und Gänsehaut erzeugenden Atmosphäre des Seefahrerviertels in Hull, einem Ort in Yorkshire (England) am Fluß Humber, der in die Nordsee mündet. An diesem Ort möchte ich nicht sein und dem brutalen und skrupellosen Schurken Henry Drax möchte ich nicht begegnen. Von Hull aus geht es auf dem Walfänger „Volunteer“ weiter in Richtung Grönland.

    Schon bald deutet sich an, dass es auf dem Schiff ein Geheimnis gibt und dass die Expedition nicht ungefährlich wird.

    Dieser raue und rohe, ekelerregende und brutale Szenen enthaltende Roman ist eher nichts für schwache Nerven. Aber so oder so ähnlich könnte es damals auf einem Walfänger eben zugegangen sein. Was soll man anderes erwarten?

    Der Arzt Patrick Sumner, der „gute Gegenspieler“, spielt eine große Rolle bei der Enthüllung des Geheimnisses und auch bei der Verfolgung und Aufklärung brutaler Geschehnisse. Zu Beginn scheinen seine Vorstellungen vom Walfang noch recht romantisch zu sein: sich von der Natur beeindrucken lassen, Aquarelle und Kohleskizzen von der unberührten Landschaft anfertigen, Tagebuch führen, lesen. Griechisch lernen. Er rechnet mit einem ruhigen, vielleicht sogar langweiligen Ferienausflug.

    Aber es kommt natürlich anders: Gewalt, Konfrontation mit rohen Naturgewalten, der Kampf ums Überleben.

    Ich empfehle den Roman gerne!

  1. Reise in die Abgründe menschlicher Verkommenheit.

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 27. Jul 2019 

    England im Jahr 1859, der Walfänger „Volunteer läuft aus Hull vom Hafen. Die Besatzung, ein Sammelsurium von „Abschaum und Dreck“, wie Kapitän Brownlee behauptet. Im Mittelpunkt der Handlung steht der nach Laudanum süchtige abgehalfterte Schiffsarzt Patrick Sumner. Dieser wurde unehrenhaft aus der Armee entlassen. Sein Bündel aus der Vergangenheit sind die blutigen Kämpfe in Indien. Ihm gegenüber steht der bösartige und absolut skrupellose Henry Drax, der als Harpunier angeheuert hat. Niemand auf diesem Schiff hat eine reine Weste, niemand spielt mit offenen Karten. Eine ganz unglückliche und gefährliche Mischung auf einem Schiff, diesem Mikrokosmos von Testosteron, Zorn und Gewalt, Mann gegen Mann, bis die eiskalte Natur der Arktis das Kommando übernimmt.
    „Nordwasser“ ist ein Abenteuerroman ohne Romantik und hehre Motive. Dreckig, verkommen, brutal nimmt Ian McGuire uns mit auf eine Reise in die tiefsten Abgründe menschlichen Seins.
    Wort- und bildgewaltig, von der ersten Seite an.
    „Er schlurft aus Clappison’s Courtyard heraus auf die Sykes Street und schnüffelt die vielschichtige Luft – Terpentin, Fischmehl, Senf, Grafit, der übliche durchdringende morgendliche Pissegestank geleerter Nachttöpfe. Er schnaubt einmal, streicht sich über den borstigen Kopf und rückt sich den Schritt zurecht. Er riecht an den Fingern, dann lutscht er langsam jeden einzelnen und leckt die letzten Rest ab, um auch wirklich alles für sein Geld bekommen zu haben.“
    Sumner versucht anfangs noch, einen Anschein von Normalität und Zivilisation zu wahren, liest Homer, diskutiert mit dem bibelfesten Otto noch über Gott und die Welt. Letztlich verroht auch ihn der simple Kampf ums Überleben.
    „…dass großes Böses die Abwesenheit von Gutem ist und Sünde eine Art von Vergesslichkeit…“
    So derb die Männer auf dem Schiff beschrieben werden, so atemberaubend sehen wir die unerbittliche Kälte und Reinheit des ewigen Nordeises. Nichts in diesem Buch ist eindeutig, die Charaktere nicht, das Genre eine gelungene Mischung, ein Alptraum und Lesevergnügen gleichermaßen.