Noah: Von einem, der überlebte

Buchseite und Rezensionen zu 'Noah: Von einem, der überlebte' von Takis Würger
3.55
3.6 von 5 (11 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Noah: Von einem, der überlebte"

Noah Klieger war 13, als er sich während der deutschen Besatzung Belgiens einer jüdischen Untergrundorganisation anschloss und half, jüdische Kinder in die Schweiz zu schmuggeln. Noah Klieger war 16, als er im Morgengrauen als Häftling in Auschwitz ankam, bei Minusgraden. Noah Klieger hatte noch nie geboxt, als am Tag seiner Ankunft im Vernichtungslager gefragt wurde, ob sich Boxer unter den Häftlingen befänden und seine Hand nach oben ging. Die tägliche Sonderration Suppe für die Mitglieder der Boxstaffel von Auschwitz ließ ihn lange genug überleben. Noah Klieger war 20, als die Vernichtungslager befreit wurden. Er hat drei Todesmärsche und vier Konzentrationslager überlebt in einer Zeit, in der ein Wort, eine gehobene Hand oder ein Schritt den Tod bedeuten konnten oder das Leben. Auch in den dunklen, eiskalten Stunden fand er Hoffnung, fand er Kämpfer für den Widerstand gegen die Deutschen, fand er Verbündete, die mit ihm Kartoffeln stahlen, fand er einen Arzt, der ihm das Leben rettete, fand er List und Glück und einen letzten Laib Brot. Takis Würger erzählt die Lebensgeschichte des Noah Klieger – von seiner Kindheit im Frankreich der 1920er Jahre, seinem Überleben in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten bis zu seinem Engagement für die Staatsgründung Israels. Der Bericht eines großen Lebens – atemberaubend gut erzählt. Eine Geschichte, die nicht vergessen werden darf.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:192
EAN:9783328601678

Rezensionen zu "Noah: Von einem, der überlebte"

  1. Nur ein Überlebender kann einen Überlebenden verstehen

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 06. Apr 2021 

    Nur ein Überlebender kann einen Überlebenden verstehen

    Dieser Satz sagt eine Menge aus. Natürlich kann ich Bücher, Romane über das Vergessen lesen. Doch ich werde nie wirklich fühlen können, was Menschen wie Noah Klieger durchmachen mussten. Menschen, die die Shoa erlebt haben. Noah überlebte sie, doch sie wird wohl Zeit seines Lebens ein Teil von ihm gewesen sein.
    Takis Würger hat versucht sich dieser Sachen anzunehmen. Dafür reiste er nach Tel Aviv und interviewte den betagten Noah Klieger. Es entstand eine Freundschaft zwischen den beiden. Nun ist "Noah. Von einem der überlebte" erschienen.
    Das Buch wirkte auf mich wie ein Tatsachenbericht, von Noah durch die Hand von Takis Würger. Nun kann man beim lesen vielleicht bemängeln, dass wenig bis gar keine Emotionen geschildert werden. Ich persönlich denke aber , dass Takis Würger die Worte Noahs gut umgesetzt hat.
    Einem Menschen, der in jungen Jahren in Auschwitz seine Jahre verbringen musste, fast daran zerbrochen wäre, steht zu, diese Geschehnisse nüchtern zu erläutern, wenn ihm das leichter fällt. Dass der Autor dies beibehalten hat, zeugt für mich an Respekt gegenüber diesem Mann.

    Auch mit diesen reinen Fakten aus Noahs Leben war es für mich stellenweise nicht einfach weiterzulesen, wenn wieder jemand aus Noahs Leben gerissen wurde. Die Entbehrungen im Lager, der Hunger, die Angst, dass jeder Tag der letzte sein könne. Noah hatte oft einfach nur Glück, dass es ihm vergönnt war weiterzuleben. Als er sich beispielsweise bei der Boxstaffel bewarb, obwohl er nicht Boxen konnte, half ihm ein anderer Boxer, ohne dessen Unterstützung er wahrscheinlich vergast worden wäre.
    Auch später, als das Lager längst Geschichte war, gab es Situationen, die den Hass der anderen Menschen auf die Juden zeigte. Noahs Leben hielt im weiteren Verlauf aber auch Schönes bereit. Doch er ist und bleibt ein Überlebender! Daran ändert für mich auch sein Tod im Jahre 2018 nichts.Das

  1. Ein erschütterndes und unbedingt notwendiges Buch

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 29. Mär 2021 

    Vor zwei Jahren erschien der Roman „ Stella“ von Takis Würger. Der Journalist und Autor erzählt darin die Geschichte der jüdischen Nazi- Kollaborateurin Stella Goldschlag, die als sog. „ Greiferin“ versteckt lebende Juden an die Gestapo verraten hat. Er verband damals die historische Geschichte mit einer fiktiven Liebesgeschichte. Die Kritik war zum Großteil wenig angetan und warf dem Autor „ Holocaust-Kitsch“ vor.
    In seinem neuen Buch „ Noah“ geht es wieder um die Shoah und um eine reale Figur. Doch dieses Mal vermeidet Takis Würger die Fehler von damals.
    Gleich zu Beginn heißt es: „ Im Frühling des Jahres 2018 in Tel Aviv sitzt ein alter Mann unter einem Kumquatbaum im Garten eines Hochhauses und erzählt seine Geschichte. Sie geht so:“
    Der alte Mann, das ist Noah Klieger, ein Überlebender , der Takis Würger sein Leben erzählt . Kennengelernt hat ihn Takis Würger bei einem Vortrag vor deutschen Gymnasiasten. Daraufhin trafen sich die beiden über mehrere Monate hinweg in Tel Aviv und führten lange Gespräche. Herausgekommen ist dabei keine umfangreiche Biographie, sondern der eher nüchtern gehaltene Bericht über ein beeindruckendes Leben.
    Noah Klieger wurde 1925 in Straßburg geboren. Er schloss sich bereits als Jugendlicher in Belgien dem Widerstand an und rettete gemeinsam mit seinen Eltern während des Zweiten Weltkriegs jüdische Kinder vor der Verhaftung.
    Mit 17 Jahren wird Noah selbst von der Gestapo gefangen genommen und nach Auschwitz deportiert. Er wird dort Mitglied einer sog. Boxerstaffel, obwohl er zuvor noch nie geboxt hat. Er gewinnt zwar keinen einzigen seiner Kämpfe, doch die zusätzlichen Suppenrationen, die die Sportler bekamen, haben ihm wahrscheinlich das Leben gerettet.
    Noah wird Zeuge unvorstellbaren Leids; rings um ihn sterben die Menschen. Aber er hat Glück, überlebt die harte Arbeit, den quälenden Hunger, die Selektionen und den Todesmarsch.
    Nach der Befreiung hilft Noah bei der Überführung jüdischer Überlebenden nach Palästina. 1947 besteigt er mit 5000 anderen Juden ein altes, schrottreifes Schiff, das später unter dem Namen „ Exodus“ traurige Berühmtheit erlangen sollte. Kurz vor der Ankunft in Israel wird es von britischen Zerstörern angegriffen. In Haifa angekommen werden die Passagiere wieder auf Gefangenenschiffe nach Europa zurückgebracht. Noah selbst entging nur knapp dem Tod und kam nach einigen Irrwegen endlich in Israel an. Hier wurde er ein angesehener Sportjournalist und ist 2018 mit 93 Jahren gestorben.
    Im vierten Teil des Buches dokumentiert Takis Würger kurz, was aus den Menschen wurde, die Noahs Weg gekreuzt haben, sowohl auf Täter- wie auf Opferseite. Und er lässt Noah die Fragen stellen, die ihn seitdem nicht mehr loslassen, die Frage, wie konnte so etwas geschehen.
    Das Buch hat drei Nachworte, eines, in dem der Autor über die Entstehung des Buches schreibt.
    Ein zweites Nachwort von Alice Klieger, der Nichte Noahs und ein drittes von Sharon Kangisser Cohen, der Chefredakteurin der Yad Vashem Studies. Alle drei liefern ergänzende Erklärungen, bekräftigen die Intention Noahs und gehen auf die Problematik des Erinnerns ein. Möglicherweise wollte sich Takis Würger damit auch gegen mögliche Kritik absichern.
    Takis Würger erzählt Noahs Geschichte in einer einfachen und schnörkellosen Sprache, mit meist kurzen, knappen Sätzen. Es gibt keinen Spannungsbogen, kaum literarische Kunstgriffe. Er verzichtet auf Emotionalität und vermeidet jegliches Pathos. Denn das Buch ist ein Bericht und kein Roman.
    Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, bringt uns der Text das Grauen ganz nahe. Takis Würger reiht Fakten an Fakten und der Leser füllt die Leerstellen selbst. Er schreibt so, wie Noah es damals erlebt hat, ohne das Wissen, das wir heute haben.
    Beispiele:
    Als Noah mit all den andern in Auschwitz ankommt, heißt es : „ Ein SS- Mann sagte, die Alten und Kranken sollten auf einen Lastwagen steigen, damit sie den Weg ins Lager nicht laufen müssten.“ Das klingt menschenfreundlich, aber nur wenn man nicht weiß, dass die Alten und Schwachen sofort umgebracht wurden.
    Oder: „ Noah roch einen Geruch, den er nicht kannte.“ Wir wissen, was dieser Geruch bedeutet hat. Der Autor braucht keine zusätzlichen Worte verlieren.
    Eine weitere, ganz lapidar erzählte Szene: Ein Neuankömmling fragt, wohin die Menschen auf dem Lastwagen gebracht wurden, denn sein Vater befand sich unter ihnen. „ Mayn Kind, dann Tate in gegangen in koymen. Mein Kind, dein Vater ist in den Schornstein gegangen.“
    Das Buch ist voll mit solch herzergreifenden Episoden.
    Noah war religiös. Seine Eltern waren gläubige Juden und hatten ihn in ihrem Glauben erzogen. Doch in Auschwitz verliert er den Glauben an Gott. „ Gott war ein Niemand. Gott hatte Auschwitz erlaubt. Es gab keine Arche.“
    Doch als er nach dem Krieg seine Eltern wieder findet, die, genau wie er, wie durch ein Wunder überlebt hatten, da wusste er, „... er hatte Gott Unrecht getan.“
    Wichtig erscheint mir auch, dass Noahs Geschichte nicht mit der Befreiung des Lagers endet. Sondern das Buch ruft uns eine heute vielleicht schon vergessene Tatsache in Erinnerung. Nämlich, welche Widerstände die Überlebenden überwinden mussten, um ihren verständlichen Wunsch nach einem eigenen Staat zu realisieren. Noah Klieger war zeitlebens Zionist . Er hat nicht nur um sein eigenes Überleben gekämpft, sondern auch für eine jüdische Heimat.
    Noah Klieger war es wichtig, dass seine Geschichte nicht vergessen wird, v.a. die Jugend sollte sie kennen. Takis Würger hat mit diesem Buch sein Vermächtnis erfüllt. Das ist angesichts der Tatsache, dass es bald keine Zeitzeugen mehr gibt, umso bedeutsamer.
    „ Noah“ ist ein bewegendes, erschütterndes und unbedingt notwendiges Buch. Ich wünsche mir viele Leser, die Noah Klieger und sein berührendes Schicksal kennenlernen. Ein Buch, das Eingang finden sollte in den Deutsch- und Geschichtsunterricht unserer Schulen.

  1. Ein viel zu unpersönlicher und pragmatischer Lebensbericht

    bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 29. Mär 2021 

    "So lange noch im Herzen eine jüdische Seele wohnt, so lange ist unsere Hoffnung nicht verloren, die uralte Hoffnung, ins Land unserer Väter zurückzukehren." (Buchauszug)
    Noah Klieger ist 16 Jahre alt, als er vom Sammellager Mechelen ins KZ Auschwitz III Monowitz kommt. Hier versucht sich der intelligente, schmächtige Junge so gut es geht durchzuschlagen. Schnell spricht sich herum, dass man auf sich achtgeben muss, um hier zu überleben. Deshalb versucht Noah bei den Boxern unterzukommen, um eine zusätzliche Essensration zu bekommen. Mit 20 wird er dann von den Alliierten befreit, nachdem er drei Todesmärsche überlebt hat. Nur gut, dass er einige Helfer hatte, die ihm immer wieder geholfen haben zu überleben. Als 23-Jähriger führt ihn sein weiterer Weg mit der Exodus nach Palästina, doch selbst dieser wird für Noah kein einfacher sein.

    Meine Meinung:
    Ein unscheinbares blaues Cover, bei dem ich auf eine bemerkenswerte Lebensgeschichte eines Zeitzeugen des Holocaust gehofft hatte. Anhand des Klappentextes war mir sofort klar, dass ich dieses Buch unbedingt lesen möchte, da ich schon mehrere Zeitzeugenberichte gelesen habe. Der Schreibstil ist recht emotionslos, oberflächlich und meiner Ansicht nach viel zu nüchtern verfasst. Dadurch wurde ich regelrecht enttäuscht, da dieser Lebensbericht für mich eher unvollständig war. Was hier auf nicht ganz 190 Seiten wiedergegeben wird, wird meiner Ansicht nach in keinem Verhältnis dem Leben des verstorbenen Journalisten und Holocaustüberlebenden Noah Klieger gerecht. Das in vier Teilen unterteilte Buch erfasst zu Beginn seine Zeit im KZ Auschwitz III Monowitz. Während mich sonst andere Zeitzeugenberichte regelrecht berühren, empfinde ich hier hingegen nur Nüchternheit. Zwar erschüttert mich, was Noah mitgemacht hat, doch richtig aufwühlen konnte es mich nicht so wie ich es sonst von anderen Zeitzeugenberichten gewohnt bin. Was sicherlich an der recht emotionslosen und viel zu kurzen Abhandlung liegt. Dachte ich dann, dass er die Geschichte noch weiter fortsetzt, wurde ich im zweiten Teil eines Besseren belehrt. Den diese Zeit wird einfach mal eben recht nüchtern abhackt. Lediglich die Begegnung mit dem Arzt Josef Mengele hat mich schwer beeindruckt. Währenddessen geht es weiter zur Befreiung, um dann einen erneuten Zeitsprung von zwei Jahren zu machen. Schon alleine die Zeit im Konzentrationslager, in dem Noah so viel erleben musste, erschien mir viel zu pragmatisch und unangemessen. Außerdem die Begegnung seiner Familie mal ebenso so kühl abzuhacken, die sicherlich für Noah wichtig gewesen ist, fand ich einfach unpassend. Hingegen war die Überfahrt nach Israel mit einigen Details ausgemalt, die ich nicht unbedingt gebraucht hätte. Ein so bemerkenswertes Leben, wie das von Noah auf nur 150 Seiten zu reduzieren ist meiner Ansicht nach nicht möglich und wird ihm definitiv nicht gerecht. Zwar wird im Nachwort erwähnt, das Noah dieses Buch so wollte um es seinen vielen Freunden zu widmen, die ihm geholfen haben. Jedoch ob er es wirklich so noch abgesegnet hat vor seinem Tod weiß ich nicht und ich frage mich auch was für einen Sinn macht dann dieses Buch? Zudem finde ich, sollte das nicht der Grund sein, warum man sein eigenes Leben so kurz abhandelt. Gestört und wütend gemacht hat mich auch Noahs Bild über uns Deutsche am Ende des Buchs. Seine Aussagen hier klangen für mich total unversöhnt und vorwurfsvoll. Ebenso kommt u. a. seine Nichte Alice und Sharon Kangisser Cohen zu Wort, die meiner Ansicht nach zu viel Lob für dieses Buch austeilt. Ich bin enttäuscht, dass man einem so bedeutenden Menschen wie Noah nicht mehr Ehre zukommen lässt als dieser gekürzte, viel zu unpersönliche Lebensbericht. In keinem Fall wird dieses Buch ihm gerecht, wo er so viel erlebt und dazu noch das Land Israel mit aufgebaut hat. Da habe ich weitaus mehr über Noah Klieger in einem Video erfahren. Es tut mir leid, dass ich für diese Leistung keine Lobeshymnen abgeben kann. Denn wen man wie erwähnt wochenlang mit jemanden zusammen ist, über den man schreiben darf, dann sollte doch mehr herauskommen, als man hier in dieser Kürze zusammengetragen hat. Darum kann ich diesem Buch auch nur 2 von 5 Sterne geben.

  1. Zu distanziert und emotionslos

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 28. Mär 2021 

    Dieses Buch erzählt einen Teil des Lebens von Noah Klieger. Als Jugendlicher half er dabei, jüdische Kinder in die Schweiz zu schmuggeln. Mit 16 kam er als Häftling in Auschwitz an. Wie durch ein Wunder überlebte er diese Zeit und brach anschließend nach Israel auf.

    Die Beschreibung dieses Buches hatte mich sofort angesprochen. Ich war sehr gespannt auf die Geschichte und das Leben von Noah Klieger, der mir bisher unbekannt war.
    Der erste Teil des Buches hat mich sehr gefesselt. Die Zeit, die Noah in Auschwitz erlebte, war einfach nur grausig. Allerdings waren die Beschreibungen dieser Erlebnisse eher oberflächlich bzw. distanziert beschrieben. Auf tiefergehende Details wurde verzichtet, das schaffte mein Gehirn allerdings alleine. Dieser Schreibstil hat mich hier nicht gestört, denn ich denke, dass die meisten Menschen, die dieses Buch lesen, bereits um die unsäglichen Gräueltaten wissen. Zudem passte es einfach, denn enge Bindungen waren meist nicht von Dauer, da viele Häftlinge diese Zeit nicht überlebten. Wenn man allerdings noch keine genaue Ahnung dieser damaligen Schrecken hat, fände ich dieses Buch eher unpassend.
    Nach diesem ersten sehr guten und bewegenden Abschnitt konnte mich dieser distanzierte Erzählstil leider nicht mehr packen. Viele Dinge, die Noah im weiteren Verlauf erlebte, wie z.B. das Wiedersehen mit seinen Eltern oder die Fahrt mit der Exodus, waren mir zu oberflächlich, distanziert und kurz erzählt. Mich störten die fehlenden Emotionen, ich wurde einfach nicht mehr gepackt.
    Dann fand ich es auch sehr schade und unpassend, dass Noah die Deutschen auch heute noch über einen Kamm schert, obwohl die heute lebenden Generationen nicht für die damaligen Taten verantwortlich sind. Natürlich hat er Schreckliches erlebt, aber mit solchen Verallgemeinerungen tue ich mich schwer.

    Mir tut es sehr leid, dass mich diese Lebensgeschichte von Noah Klieger nicht so packen konnte, wie sie es verdient hat. Ich vergebe 3 von 5 Sternen.

  1. Nüchterner Lebensbericht

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 28. Mär 2021 

    Der Roman erzählt die Lebensgeschichte von Noah Klieger, die er im "Frühling des Jahres 2018 in Tel Aviv [...] unter einem Kumquatbaum im Garten eines Hochhauses" (9) dem Schriftsteller Takis Würger erzählt hat. Im Dezember 2018 verstarb Noah Klieger in Tel Aviv.

    Im Jahr 2017 lernte Würger den Auschwitz-Überlebenden in Günzburg kennen, wo er an einem bayrischen Gymnasium über die Shoah sprechen sollte, und sie entschieden, dass sie gemeinsam sein Leben festhalten wollten - zweieinhalb Monate lange erzählte Noah Klieger und Takis Würger hörte zu. Er selbst sagt, dass dieses Buch in der "Tradition der Oral History" erschienen ist. Die Geschichte wird so erzählt, wie Noah sie erinnert. Daraus resultieren einerseits Leerstellen in der Biographie - Ereignisse, zu denen man als Leser*in gern mehr erfahren hätte - andererseits ein nüchterner, fast sachlicher Stil, der eher einem Bericht als einer erzählten Geschichte gleicht. Die Erklärung, dass Noah Klieger die Geschichte genau in dieser Art und Weise erzählt haben wollte und dass manche Ereignisse so traumatisch sind, dass Menschen auch nach Jahrzehnten nicht darüber sprechen können, erfahren wir als Leser*innen erst im Nachwort von Takis Würger, Noahs Nichte Alice Klieger und von Sharon Kangisser Cohen, die erzähltheoretische Erklärungen für die Art und Weise der Darstellung liefert. Diese Informationen hätte ich für meinen Teil gerne als Vorwort gelesen, um die Lebensgeschichte und den Stil, in dem sie geschrieben wurde, besser einordnen zu können.

    Zum Inhalt

    Der erste Teil erzählt von Noahs Verhaftung in Belgien und seiner Deportation nach Auschwitz. Das Leben im Lager wird knapp geschildert, vieles nur angedeutet. All jene, die sich mit der Thematik beschäftigt haben und andere Romane "Gegen das Vergessen" gelesen haben, wissen die Leerstellen zu füllen. In der Leserunde wurde in dem Zusammenhang über die Frage diskutiert, ob Jugendliche, die zum ersten Mal eine Lebensgeschichte eines Holocaust-Überlebenden lesen, nicht zusätzliche Informationen bräuchten - sie sollten auf jeden Fall zuerst das Nachwort lesen.

    Die perfide Grausamkeit der Täter, ihre Willkür und ihr Sadismus sind trotz des nüchternen Erzählstils greifbar und gleichzeitig unfassbar. Noah überlebt die schwere Arbeit, die Selektionen, bei denen er auf Josef Mengele trifft und auch den Todesmarsch. Er selbst hat sein Überleben "als einen Überlebenskampf, in dem er ein aktiver Teilnehmer war" (169) betrachtet.

    Während der zweite Teil von der unmittelbaren Zeit nach der Befreiung der Lager berichtet, handelt der dritte Teil von der Überfahrt der Exodus von Frankreich nach Palästina, wo das Schiff von britischen Soldaten überfallen, angegriffen und zurück nach Frankreich gezwungen wurde. Dieser Teil der Geschichte, der Umgang mit den jüdischen Überlebenden, ist weniger bekannt und zeigt, dass für viele das Leiden nach der Kapitulation Deutschlands nicht vorüber gewesen ist.

    Der letzte Teil dokumentiert, was aus den Menschen, denen Klieger begegnet ist, geworden ist und gibt einen kurzen Überblick über sein eigenes Leben als Zionist und Journalist.

    Fazit

    Obwohl ich es wichtig finde, dass die Lebensgeschichte Kliegers erzählt werden sollte und im Nachwort auch erläutert wird, warum sie auf diese Art und Weise geschildert wird, hat mich die Biographie dennoch nicht überzeugen können. Der Stil (Würgers (?) ist mir persönlich zu sachlich, zu nüchtern. Ich habe kaum Zugang zur Person Kliegers gefunden, kann mir jedoch vorstellen, dass persönliche Begegnungen mit Noah Klieger oder die Vorträge, die er regelmäßig in Deutschland gehalten hat, sehr bewegend waren, wie Würger in seinem Nachwort schildert. Der Roman vermag dies nur bedingt widerzuspiegeln, auch wenn er "ein Akt des Andenkens - eine Art symbolisches Grab oder eine Dokumentation des Erlittenen" (178) ist.

  1. Der Erzähler und sein Autor

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 28. Mär 2021 

    EINS
    "Es war so. Ich war dabei.“

    Wer war Noah Klieger? „Im Frühling des Jahres 2018 in Tel Aviv sitzt ein alter Mann unter einem Kumquatbaum im Garten eines Hochhauses und erzählt seine Geschichte. Sie geht so:“

    Wenn auf dem blauen Leineneinband nicht stehen würde, dass das Buch „von einem, der überlebte“ handelt, könnten die Leserinnen und Leser irgendeine Geschichte erwarten, doch wir ahnen es, der Name, der Untertitel und Takis Würger, der Autor und der Ort, an dem er diesem alten Mann zuhört: Wir werden über den Holocaust und über die Shoah lesen oder hören.

    Norbert Noah Klieger wurde am 31. Juli 1925 in Straßburg geboren, gestorben ist er am 13. Dezember 2018 in Tel Aviv. Ein Jude, ein Zionist, ein Untergrundkämpfer, ein Sportjournalist und ein Zeitzeuge. Er ist rum gekommen in der Welt und Noah Klieger hat erzählt. Er hat seine Geschichte erzählt und Takis Würger hat sie aufgeschrieben.

    Die Erzählung beginnt mit der Verhaftung eines Jungen in Belgien. Der Aufforderung des Polizisten in einem Wirtshaus mit auf die Toilette zu kommen, damit er nachsehen könne, ober der Junge ein Jude sein, beantwortet Norbert Noah Klieger mit: „Ich bin Jude...“ – Womit zweieinhalb Jahre begannen, die ihn durch das Grauen führten, welches heute als Holocaust bekannt ist und das die Juden schlicht Schoah nennen – die Katastrophe.
    „Mayn kind, dayn tate iz gegangen in koymen“ sagt ein Häftling zu Isy, mit dem Noah in ein Lager gekommen ist.

    Norbert Noah Klieger wird zwei Jahre an einem Ort verbringen, der überall in Welt bekannt ist und dessen Name für das Menschheitsverbrechen von deutschen Nationalsozialisten insbesondere steht: Auschwitz.

    Klieger ist ein schlauer, ein aufgeweckter Junge, der bisher illegal mit dafür sorgte, dass jüdische Kinder das Land verlassen konnten, auch und vor allem nach Palästina, nach Eretz Israel. Wer hat sich schon getraut, nachdem er, abgemagert bis auf das Skelett, und nachdem ihn der Oberstabsarzt bei der Selektion in Richtung Tod gewiesen hatte, nach ein paar Schritten umzudrehen und dem SS-Arzt in dem weißen Kittel zu sagen: „Herr Oberstabsarzt, ich kann noch hart arbeiten. Ich bitte darum, dass ich noch ein wenig im Lager leben darf.“

    Eigentlich beginnt die Geschichte genau hier, sie wäre nie geschrieben worden, wenn Noah die linke Tür passiert hätte... Der Oberstabsarzt wird im Alter von 68 Jahren bei Sao Paulo ertrinken. Sein Name lautet Josef Mengele.

    So bleibt Noah am Leben, ob als Boxer, als Elektriker, beides Sachen, von denen er keine Ahnung hat, er findet Unterstützer, Freunde, klaut für sich und andere Lebensmittel und wird, als die Rote Armee nicht mehr weit steht, auf Transport geschickt. V2 bauen in einem Lager, welches Mittelbau Dora heißt. Dort ist er halt Feinmechaniker. Viele Jahre später wird er den jungen Journalisten, der ihm zuhört fragen, wie blöd man denn sein muss, wenn man solche Gefangene Wunderwaffen bauen lässt.

    In Ravensbrück geht für Noah der Krieg und die Gefangenschaft zu Ende.

    „Mir zenen geratevet, dos zenen di rusn.“

    ZWEI. Noah geht nach Belgien zurück. Bei all den Erzählungen über Menschen, die wie Klieger diese Hölle überlebt haben und meist davon berichten, dass die Familie teilweise oder fast vollständig ums Leben kamen: Norbert sieht in der Straßenbahn eine Frau. Sie heißt Esther-Thekla Klieger. Auch der Vater hat Auschwitz ebenso überlebt.

    DREI. Der nunmehr Zwanzigjährige geht den nächsten Weg und findet sich auf der EXODUS wieder, deren Geschichte diesmal nicht in einem Film und einem Roman erzählt wird, sondern von einem Augenzeugen und aktiv Mitarbeitenden.

    VIER. Noah wird zum Zeitzeugen. Er sieht manchen wieder, dem er begegnet ist auf dem Weg durch die Lager in einem Reich, welches zwar keinen Herrscher, aber einen Führer hatte. Und er erzählt. An vielen Stellen, in Deutschland. In Auschwitz, für das er keinen Führer braucht, wie die Nummer auf seinem Arm beweist. Er sorgt nicht nur für Betroffenheit, sicher sorgt er auch für Verstehen und fragt sich doch selbst:

    „ Wie kann das alles jemand verstehen?“

    „Das alles ist doch unmöglich. Wie kann das alles passiert sein?“

    Er schreibt seine Geschichte auf. Er schenkt sie seiner Familie. Er erzählt sie Takis Würger, dem jungen deutschen Journalisten.

    * * *

    Die Erzählung. Robert Noah Klieger kann man im Internet begegnen. Hört man ihm zu, und hat man das Buch gelesen, bekommt man eine ganz leise Ahnung, was Takis Würger hörte. So wie er es aufgeschrieben hat, spiegelt es die Geschichte wieder, welche Noah zu erzählen hat. Viele sind in Tel Aviv gewesen und haben mit Klieger gesprochen. Doch Würger war nicht einfach so zu einem Interview bei dem alten Mann. Er hat Tage, Wochen, insgesamt zweieinhalb Monate bei ihm gesessen und zugehört. Gefragt und zugehört. Hört man, wie Noah die erwähnte Selektion im Rahmen einer Grafic - Novel - Darstellung erzählt und liest den Text, wie Würger ihn wiedergibt erkennt man ein wahrhaftiges Buch. Eines das erschüttert. Eines, welches wieder wachrüttelt, soviel man auch schon gelesen, gehört oder in Filmen gesehen hat.

    Die Wellen, deren Kämme die nächste grausame Begebenheit darstellen und die mal längere und dann wieder kürzere Amplituden aufweisen, lassen einen sinngemäß im Rhythmus des Buches atmen.

    Und aufatmen, wenn am Schluss der alte Journalist auf ein langes und erfülltes Leben mit Momenten der Gefahr, des Leids und des Glücks zurück blickt.

    „Was sollen wir machen, wenn Sie nicht mehr da sind, um uns in Vorträgen und an Schulen von Ihrem Leben zu berichten?‘ Klieger schaut kurz zum Fenster, er atmet durch, dann schaut er mir ins ins Gesicht und sagt: ‚Ich weiß es nicht.‘“

    * * *

    Die Anhänge. Takis Würger hat im ersten Anhang von dieser langen Begegnung mit Noah Klieger berichtet. Hat er erstmals im SPIEGEL von ihm gelesen und ist er ihm 2017 zum ersten Mal begegnet, so schreibt er im SPIEGEL vom 20.02.21 über diese Begegnung und das Buch. Dieser Bericht ist der Geschichte angefügt, die im letzten Lebensjahr Kliegers so aufgenommen wurde. Aus gutem Grund wie mir scheint, hat Würger diesen Anhang, diesen Artikel geschrieben, der kurz nach Erscheinen des Buches gedruckt wurde. Darauf wird noch zurückzukommen sein.

    Sodann schreibt Alice Klieger, die Nichte Noahs über ihren Onkel, den sie in seinen letzten Lebensjahren auf Reisen begleitete. Sie schreibt auch von Begegnungen mit Würger und was dessen Arbeit für ihren Onkel etwas Besonderes war. Würger wurde von Klieger zum Pessachfest eingeladen und so saß der deutsche Journalist neben dem alten Sportjournalisten, der die jüdische Haggada für den Deutschen übersetzte. Für Alice Klieger bedeutet dieses Buch, „dass seine lebenslange Arbeit, seine Mission, den jüngeren Generationen von den Ereignissen während des Holocaust zu erzählen, fortgesetzt wird.“ Seine Erinnerungen, seine Geschichte wären Teil ihrer Geschichte.

    Im letzten Anhang beschreibt Sharon Kangisser Cohen, Chefredakteurin der Yad Vashem Studies, die am International Institute for Holocaust Research in Yad Vashem arbeitet, Würgers Arbeit so:

    „Würgers kluge und einfühlsame Nacherzählung erweckt die Figuren zum Leben und macht sie uns vertraut – und da, den Leserinnen und Lesern vor Augen geführt werden.s trotz der entsetzlichen Situationen, in denen sie sich befinden.“

    In ihrem sehr aufschlussreichen Text stellt Cohen dar, das die Komplexität des Bösen, gemeint sind Momente in denen die Bewacher, Freundlichkeit und Mitleid zeigen, neben den vorherrschenden „grenzenlosen sadistischen Grausamkeiten“ deutlich wird. Dem gegenüber stehen die britischen Soldaten, die mit Gewalt versuchten, die Juden auf der EXODUS an der Einreise nach Israel zu hindern. Grausamkeiten sind nicht nur auf den Nationalsozialismus beschränkt, ohne die in Konzentrationslagern erlebte, zu relativieren.

    Im Anschluss geht sie auf die Art und Weise ein, mit der Holocaust-Überlebende wie Noah Klieger ihren Erlebnisse erzählen; die Geschichten blieben meist unverändert, aber manchmal, wichen sie von ihrem Skript ab, erzählen bisher nie Erwähntes und brechen unter der Last zusammen. Wie oft hat in der langen Zeit seiner Begegnungen mit Klieger Takis Würger solches erlebt?

    * * *
    Der Autor und sein Buch. Takis Würger habe sich mit den Anhängen, insbesondere denen von Alice Klieger und Sharon Cohen abgesichert. Das erklärt Marie Schmidt unter „An die Nachgeborenen" im Online-Portal der Süddeutschen Zeitung. Es war zu erwarten, das sogenannte Feuilleton reibt sich sofort am letzten Holocaust-Produkt von Takis Würger. Schmidt sieht Würgers Stil als wiederholt problematisch an und zitiert in kürzester Form drei aufeinanderfolgende Hauptsätze:

    „Der Marsch dauerte zehn Tage. Nachts schlief Noah auf der Erde. Ab und zu schoss ein SS-Mann einem Menschen neben ihm in den Kopf.“

    Schmidt schreibt weiter: „Die Verkürzung dient dem Schock, und um der Unmittelbarkeit willen geizt Würger viel stärker als Klieger in seinem eigenen Buch mit Kontextwissen, sodass man über die Vernichtungslager und im zweiten Teil über die Alija bet entweder schon alles wissen muss, um die Geschichte zu begreifen, oder viel googeln.“ Ja was denn sonst? Gerade ein Buch sollte zur weiteren Beschäftigung mit dem Stoff anregen und während der Holocaust noch präsent ist nach der Schulzeit, so sind es die Anfänge des Staates Israel und wie europäische Juden versuchten, nach Palästina zu kommen nicht. Es war nicht Zweck des Buches dies zu erläutern, Zweck war es eine Lebensgeschichte an die Nachwelt zu übergeben. Nein Frau Schmidt, es lässt die Verbrechen des 20. Jahrhunderts nicht abstrakt werden in den Augen der Nachgeborenen. Im Gegenteil.

    In einer unglaublich arroganten Art und Weise schreibt Christoph Schröder in seiner Besprechung unter Deutschlandfunk.de „Je dramatischer die Ereignisse desto sternenklarer der Himmel“ von „beglaubigten Aussagen und kolportagehafter Fiktion... aufgedonnertem Pathos... und einem Vibrato der Selbsterregung“ in dem Würgers schriftstellerische Legitimation läge.
    Es ist schon fast ein Lob, wenn Schröder bemerkt, dass „Noah“ differenzierter betrachtet werden muss als „Stella“, der Roman, den Würger 2019 heraus brachte.

    Womit ich kurz auf "Stella" eingehen muss, den Roman, den Würger vor zwei Jahren an die reale Stella Goldschlag anlehnte, die Berliner Jüdin, die untergetauchte Juden an die Gestapo verriet und deren Geschichte Würger zeitlich verschob und in weiten Teilen fiktiv erzählte. Über Stella schrieb ich damals hier. Würgers Buch führte zu einem Aufschrei in der Presse. Es war ein völlig überzogener Aufschrei, der nun wiederum in den beiden genannten Artikeln Ausgangspunkt zu sein scheint, statt Robert Noah Kliegers Lebensgeschichte in den Vordergrund zu stellen.

    Vielleicht hatte Takis Würger tatsächlich auch eine Art Absicherung im Auge mit den Anhängen zum Buch. Jedoch kann man einem Autor eine eigenen Erläuterung, ein Nachwort nicht ankreiden, welches hier notwendigerweise angefügt wurde, weil eben keine klassische Biografie vorliegt. Der Text Alice Kliegers gibt Würger nicht etwa Legitimation, nein, er unterstreicht den Willen sowohl des Erzählers und des Nacherzählers. Und Takis Würgers Stil, der tatsächlich durch solche Sätze wie von Schmidt hervorgehoben, wirkt, stellt die Art und Weise, wie sich Klieger in Interviews äußerte, wiedererkennend in den Raum. Die Ausführungen Cohens stammen aus berufenem Mund. Das kann ich nicht beweisen, jedoch sind die Ausführungen schlüssig und genaues Zuhören und Lesen zeigen, dass Klieger ein Zeitzeuge wie andere auch ist. Einer, der äußerst lebendig und präzise artikulierend in den Videos erzählt. Ein Journalist und daher vielleicht besonders dazu berufen.

    In der Jüdischen Allgemeine dagegen schreibt der Professor für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität München, Michael Brenner, davon, dass Erinnerungen auch mal täuschen können und eine Oral-History wie diese diversen Herausforderungen unterliegt. Ob also Klieger tatsächlich vor Mengele oder einem anderen SS-Arzt stand, und auf welchen Zeitraum (Ankunft) seine Häftlingsnummer weist, möge eventuell historisch ungenau sein, aber an der Grunderzählung nichts ändern. Es ist ein anderer Ton, den der Historiker anschlägt als die oben angeführten Journalisten.

    Takis Würger, Sie sind angekommen. Sie haben gezeigt, wie man schwere Geschichte und Lebensgeschichten wirksam erzählen kann. Zwei aufeinanderfolgende Bücher die in ihrer Gegensätzlichkeit eins zeigen: Lebensgeschichten im Zusammenhang mit dem Holocaust muss man sich erarbeiten, schwerer als wahrscheinlich jede andere Erzählung, sicher auch vor allem als deutscher Journalist.

    * * *
    Gegen das Vergessen und ich. Auf die Geschichte des Flüchtlingsschiffes EXODUS stieß ich in Form des Romans von Leon Uris und im gleichnamigen Film. Einige Jahre später besuchte ich Israel im Rahmen einer Studienreise und ging durch Yad Vashem. Über all das habe ich im Blog geschrieben, so wie Anne über den Jungen im gestreiften Pyjama. Hanas Koffer, die emotionale Reise eines Buches durch viele Bloggerhände, war dann bewusst „gegen das Vergessen“ gerichtet und seit dem taucht diese Rubrik mit einer gewissen Regelmäßigkeit hier auf. Amos Oz will ich nicht vergessen und auch nicht die Geschichte Ernst Lossas in Nebel im August: Es sind nun 66 Beiträge, die diesen Tag bekommen haben. Es ist ein breites Kaleidoskop und hier nicht nur mit dem Holocaust verbunden.

    NOAH – VON EINEM DER ÜBERLEBTE reiht sich sehr gut in diese Rubrik ein.

    Einen großen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

  1. Das bemerkenswerte Leben von Noah Klieger

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 27. Mär 2021 

    Erst 16 Jahre ist Noah Klieger alt, als der Jude in die Fänge der Nazis gerät. Er wird als Mitglied einer jüdischen Widerstandsgruppe enttarnt und muss im Anschluss als Jugendlicher die Konzentrationslager Auschwitz, Dora-Mittelbau und Ravensbrück durchleiden. Unvorstellbare Gräuel muss Noah im Vernichtungslager mitansehen, Qualen und Demütigungen auch selbst über sich ergehen lassen. Doch er überlebt den Holocaust und beschließt, seine neue Heimat in Israel zu suchen.

    „Noah - Von einem, der überlebte“ ist ein Buch von Takis Würger, das die Lebensgeschichte des Shoah-Überlebenden Noah Klieger erzählt.

    Meine Meinung:
    Das Buch ist kein fiktives Werk, sondern stützt sich auf Gespräche, die der Autor mit Klieger geführt hat. Es besteht aus vier Teilen. Der erste umreißt Noahs Kindheit und Jugend sehr kurz und schildert vor allem seine Zeit im Vernichtungslager. Der zweite Teil erklärt, wie es nach der Befreiung durch die Russen mit ihm weiterging, der dritte erzählt von Noahs Fahrt mit dem Schiff Exodus und den Anfängen seines Engagements um die Gründung des Staates Israel. Der Schluss ist ein Mix von Anekdoten, kurzen Zusammenfassungen, was aus den zuvor genannten Personen wurde, und einem anklagenden Fragenkatalog zum Thema Holocaust.

    Der Schreibstil ist geprägt von einer klaren, aber reduzierten Sprache mit einer einfachen Syntax. Kurze Hauptsätze reihen sich aneinander. Dieser Stil passt im ersten Teil noch ganz gut, wenn man davon ausgeht, dass die Leserschaft viele der Bilder ohnehin im Kopf hat. Trotz des Weglassens von Details und ausführlicheren Beschreibungen ist das Buch zunächst sehr eindringlich und eindrucksvoll. Schnell wird klar, warum Klieger ein so wichtiger Zeitzeuge war. Seine Erlebnisse machen betroffen, erschüttern, bewegen und sind der Grund, weshalb das Buch noch sehr lange bei mir nachhallen wird.

    Doch je weiter das Buch und Noahs Lebensgeschichte voranschreiten, umso weniger funktioniert für mich das stilistische Konzept, denn der Text wird immer fragmentarischer. Zusammenhänge und Hintergründe werden nicht erklärt, verschiedene Zeiträume einfach übersprungen. Ohne Vorkenntnisse und zusätzliche Eigenrecherche bleibt das Buch in mehreren Punkten leider unverständlich.

    Mehr noch: Viele interessante Stationen im Leben von Klieger, der eigentlich Norbert mit Vornamen hieß und in Straßburg aufgewachsen ist, fallen unter den Tisch oder werden nur kurz erwähnt. Dabei bietet seine Biografie, die von mehreren glücklichen Fügungen gekennzeichnet ist, eine Menge Stoff. Somit drängt sich mir der Eindruck auf, dass es doch mehr als der bloß rund 150 Seiten bedarf, um das Leben Kliegers ausreichend darzustellen und zu erklären.

    Andererseits legt Würger in seinem Nachwort Wert darauf, dass der im Jahr 2018 Verstorbene das Buch noch vor seinem Tod gelesen, korrigiert und abgesegnet habe. Der Autor schreibt darin: „Er wollte, dass ich sie [seine Geschichte] so festhalte, wie sie in diesem Buch erscheint.“ Er persönlich hätte gerne mehr über Kliegers Leben festgehalten, lässt Würger seine Leserschaft wissen. Über die konkreten Gründe für die Auslassungen lässt sich nur spekulieren. Daher fällt es mir schwer, die Umsetzung der Buchidee ausschließlich dem Autor anzukreiden.

    Zwei weitere interessante Nachworte ergänzen das Buch. Zum einen äußert sich Kliegers einzig noch lebende Verwandte, seine Nichte Alice. Zum anderen kommt eine Expertin aus Israel, Sharon Kangisser Cohen, zu Wort, die unter anderem Zweifel aufkommen lässt, ob jeder der Erinnerungen Kliegers zu trauen ist. Sinnvoller wäre es sicherlich gewesen, diese Erläuterungen dem eigentlichen Text voranzustellen.

    Das sehr puristische Cover und der prägnante Titel passen meines Erachtens bestens zum Buch.

    Mein Fazit:
    „Noah - Von einem, der überlebte“ von Takis Würger ist eine Lektüre, die mich ein wenig zwiegespalten zurücklässt. Zwar sagt mir die Kürze und Stilistik des Buches nicht zu. Allerdings sind diese Punkte offenbar genauso beabsichtigt und ändern nichts daran, dass ein wichtiger Inhalt transportiert wird.

  1. Zu minimalistisch

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 27. Mär 2021 

    Takis Würger schreibt offensichtlich gerne Bücher, die polarisieren. Und während ich bei „Stella“ noch der Meinung war, man tut ihm furchtbar unrecht, hat mich sein neustes Werk nicht so sehr begeistert.

    Es geht um Noah Klieger, ein Mann, der durch Zähigkeit, Witz und Wagemut Ausschwitz überlebte, der die Ausreise vieler Juden organisierte und selbst auf der Exodus nach Israel reiste, der scheinbar immer da war, wo Geschichte geschrieben wurde und dessen Leben einen erschütternden, abenteuerlichen Film abgäbe. Er ist ein wichtiger Zeitzeuge, der gar nicht oft genug gehört werden kann.

    Hier muss man aber unbedingt Noahs berührende Geschichte vom Buch getrennt betrachten. Inhaltlich ist das Buch ein Mustread, über die Darreichungsform lässt sich allerdings streiten. Takis Würgers Stil ist minimalistisch, arbeitet mit Andeutungen und tatsächlich muss man nicht auswalzen, was jeder weiß.
    Das funktioniert auch ganz wunderbar am Anfang des Buches. Gemeinsam mir Noah durchleidet man Ausschwitz und hat das Gefühl, mitten im Lager dabei zu sein. Kleine treffende Details zeugen vom Grauen.
    Danach geht es dann im Galopp durch Noahs Leben, eine Liaison mit der Dänin dauert gerade mal eine Seite, die Eltern trifft er nach dem Krieg in der Bahn. Punkt.
    Auf der Exodus halten wir uns wieder ein bisschen länger auf, allerdings wird auch das extrem gestrafft, Hintergründe gibt es ja schließlich bei Google.

    So ein Telegramstil bedeutet, dass es kein Dekor, kaum Emotionen und knappste Dialoge gibt und bewirkt, dass man Noah selbst kaum nahekommt. Er wandert als Schemen durch die eigene Geschichte, ewig schade.
    Natürlich ist es wichtig, dass solche Geschichten erzählt und gelesen werden. Es ist auch gut, wenn dazu neue Mittel ausprobiert werden, nur ist dieser Ansatz wohl Geschmackssache.
    Es liest sich wie im Fluge, das schon, aber ist das ein Qualitätsmerkmal? Ich hätte mir bei einem derart reduzierten Text eine kunstvollere Sprache gewünscht, streckenweise ist es sehr schlicht geschrieben und wirkt mit der Zeit monoton.
    Und dann ist Noahs Geschichte auch einfach viel zu groß für eine so knappe Seitenzahl, dazu braucht es vermutlich einen dicken Dreiteiler.

    Ich hätte diesen erstaunlichen Menschen sehr gerne näher kennengelernt. Man findet ihn leicht im Netz, natürlich, aber ich hatte erwartet, ihn hier im Buch zu finden.

  1. Ein bemerkenswertes Leben - mit Schwächen erzählt

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 26. Mär 2021 

    Noah Klieger (1926 – 2018) war ein bemerkenswerter Mann, der ein sehr bewegtes, tragisches Leben hatte. Bereits als 16-Jähriger wird er in Belgien von den Nazis verhaftet und ins Gefangenenlager Ausschwitz verschleppt. Wie durch ein Wunder überlebt er die Shoah und setzt sich anschließend für die Gründung des Staates Israel ein. Zeit seines Lebens wird er nicht müde, vor Schülern als überlebender Zeitzeuge zu sprechen, um die junge Generation aus erster Hand aufzuklären und zu warnen.

    2017 lernt Noah im Rahmen eines solchen Besuches in Deutschland den Autor Takis Würger kennen. Die beiden verabreden sich für ein Buchprojekt, um das Leben und Schicksal Noahs auch für die Nachwelt festzuhalten. Zu diesem Zweck treffen sich die beiden zu unzähligen Interviews, deren Ergebnis das vorliegende Buch ist. Wer eine Biografie erwartet, wird enttäuscht sein, denn das ist „NOAH“ nicht. Das Buch fußt lediglich auf den Erinnerungen des Shoa-Überlebenden, die unterschiedlich gewichtet sind. Das Buch ist in vier ungleich lange Teile aufgeteilt. Nur der erste Teil befasst sich mit Noahs Gefangennahme sowie dem Leben im Nazi-Terror.

    Noah schleust bereits als Jugendlicher jüdische Kinder über die Schweizer Grenze, er ist im Widerstand aktiv. Kurz vor seiner eigenen geplanten Flucht wird er aufgegriffen und kommt ins Lager nach Ausschwitz. Seine dortigen Erlebnisse werden sehr anschaulich geschildert. Das unvorstellbare Leid, die unmenschlichen Verhältnisse werden in kurzen, prägnanten Sätzen geschildert. Der Stil ist gewöhnungsbedürftig. Auch wenn den meisten Lesern die Schilderungen aus dem KZ nicht neu sein dürften, verursachen sie Gänsehaut. Durch Zufälle, glückliche Umstände und Solidarität der Lagerinsassen entgeht Noah mehrfach der gefürchteten Selektion, die in die Gaskammer führt. Er ist intelligent, sportlich und sprachgewandt – Fähigkeiten, die nützlich sind. Außerdem hat er ein gutes Gedächtnis und viel Mut, der ihm sogar im Angesicht Joseph Mengeles das Leben rettet. Der Horror des Konzentrationslagers, die dauerhaften Erniedrigungen unter Schmerz, Krankheit, Hunger und harter Arbeit sind unfassbar. Nach all dem Leiden wird die Befreiung dagegen eher unspektakulär geschildert.

    In den folgenden zwei Teilen werden weitere Erinnerungen Noahs dokumentiert, die mich nicht annähernd so fesseln konnten wie im ersten Teil. Es geht um Erlebnisse und Episoden aus der Nachkriegszeit. Trotz der Befreiung sind Tausende Juden noch immer heimatlos, leben teilweise weiterhin in Lagern. Noah hat sich schon früh für die Entstehung eines eigenen jüdischen Staates eingesetzt. Erneut wird er zum Menschenschmuggler, als 1947 mehrere Tausend jüdische Flüchtlinge gegen den Willen der britischen Besatzer in Palästina von Frankreich nach Tel Aviv unter großer Gefahr übergesetzt werden. Erneut muss sich Noah behaupten, sein Schutzengel rettet ihn aus auswegloser Lage. Die Reise auf dem maroden Binnenschiff Exodus 47 geht in die Geschichte ein. Was eigentlich sehr spannend sein müsste, wird durch die Art der Darstellung anstrengend für den Leser. Der vierte Teil wirkt wie ein Abspann, informiert darüber, was mit Nazi-Schergen und Wegbegleitern geschehen ist.

    Nach dem packenden Einstieg, der bereits Gelesenes/Gesehenes über das Leiden in Auschwitz in mir wach rief und dadurch große Emotionalität auslöste, konnte ich in Bezug auf die übrigen geschilderten Erinnerungen nicht auf Vorwissen zurückgreifen. Dadurch war es mir nicht möglich, einen konsequenten Kontext zu erkennen, die Fragmente ergaben für mich teilweise keinen Sinn. Auch ein zweites Lesen half nicht weiter. In dieser Situation hätte ich mir gewünscht, dass der Autor die fehlenden Zusammenhänge zwischen den Erinnerungen herstellt, so dass sie auch ohne Vorkenntnisse begreifbar sind.

    Dem Text sind drei Nachworte nachgestellt, die Erklärungen liefern. „Dieses Buch erscheint in der Tradition der Oral History und erlaubt Zeitzeugen, die Geschichte so zu erzählen, wie sie sich erinnern“, erklärt Würger auf S. 157. Auch die Nichte des Protagonisten Alice Klieger sowie die Chefredakteurin der Yad Vashem Studies Sharon Kangisser Cohen liefern weitere Gedanken und Informationen über Noah und das generelle Wesen von Erinnerungen. Es wäre vielleicht sinnvoll gewesen, diese Nachworte vor das eigentliche Buch zu stellen. Ich hätte dann eventuell eine andere Erwartungshaltung gehabt, die vermutlich aber nicht viel an meinen Schwierigkeiten geändert hätte.

    Aus meiner Sicht darf eine solche Geschichte zu Internet-Recherchen einladen, man sollte aber nicht darauf angewiesen sein. Ein Buch muss für sich allein funktionieren, noch dazu, wenn es sich um ein solch brisantes Thema wie die Judenverfolgung im und nach dem Zweiten Weltkrieg dreht. Mich hat leider rund die Hälfte des Buches nicht abgeholt, die erzählten Episoden ab dem zweiten Teil hatten nicht mehr annähernd die Tiefe des ersten Teiles. Der Schreibstil mit kurzen Hauptsätzen wirkte nun emotionslos auf mich.

    Das Leben Noah Kliegers verdient es auf alle Fälle, festgehalten zu werden. Er hat viel gewagt, erlitten und erlebt. Damit könnte man ein weitaus dickeres Buch füllen. Warum Takis Würger sich dazu entschieden hat, diese Persönlichkeit auf lediglich 160 Seiten mit zum Teil zerrissenen Erinnerungsfragmenten zu würdigen, kann ich nicht nachvollziehen.

    Jedes Buch gegen das Vergessen ist wichtig, so auch dieses. Dank zusätzlicher Recherchen habe ich einiges dazugelernt, was die Flucht auf der Exodus 47 und die Gründung Israels betrifft. Leser, die sich bereits vor der Lektüre iintensiver mit diesen Umständen auseinander gesetzt haben, empfinden das Buch möglicherweise ganz anders. Vorwissen ist gewiss kein Fehler.

  1. Erschütternde Erinnerungen außergewöhnlich präsentiert...

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Mär 2021 

    Mit Aufklappen des Buches befinden wir uns im Herbst 1942 in der belgischen Kleinstadt Mouscron, die nahe an der Grenze zu Frankreich liegt.

    Ein 17-jähriger belgischer Jude, der mit gefälschtem Pass unter dem Namen Josef Pels auf der Flucht in die Schweiz ist, betritt eine Gaststätte.

    In Wahrheit handelt es sich um Noah Klieger, den jüdischen Jungen mit dem außergewöhnlichen Gedächtnis, dessen Vater sich im belgischen Widerstand engagiert.

    Mit seiner hervorragenden Merkfähigkeit, seinem arischen Aussehen und seinem Wagemut konnte Noah schon vielen Juden helfen.
    Er verteilte gestohlene Lebensmittelmarken an Juden, deren Adressen er zuvor auswendig gelernt hat und verhalf vielen jüdischen Kindern zur Flucht, indem er sie nach Mouscron brachte, wo er sie Schmugglern übergab.

    Tja, und nun sitzt er also wieder in der Wirtschaft in Mouscron.
    Dieses Mal will er selbst das Land verlassen.
    Aber die Gestapo erwischt ihn und er landet schließlich in einem Sammellager in Mechelen, Belgien.
    Von dort aus wird er in ein Lager in Oberschlesien transportiert, in dem Josef Mengele sein Unwesen treibt: Auschwitz.

    Das Buch beinhaltet Erinnerungen aus dem außergewöhnlichen Leben von Noah Klieger, der einer der letzten Zeitzeugen der Shoa war.
    Er überlebte Auschwitz und war auf dem Schiff Exodus 47, das ihn und weitere ca. 4500 jüdische Holocaust-Überlebende nach Palästina hätte bringen sollen.
    Es sind aber nicht nur Erinnerungen an die Zeit im Konzentrationslager, sondern vor allem auch Erinnerungen aus seinem Leben danach.

    Im Frühjahr 2018 erzählte Noah seine Geschichte dem Autor Takis Würger.
    Die beiden begegneten sich erstmals im Herbst 2017, als Noah in Günzburg, einer bayerischen Kleinstadt, vor Gymnasiasten über den Holocaust sprach.
    Damals beschlossen die beiden Männer, Noahs Geschichte niederzuschreiben.

    Um dies zu tun, reiste Takis Würger Anfang 2018 nach Israel zu Noah, wo sie sich über Monate hinweg fast täglich trafen.
    Das Resultat war dieses eindrucksvolle Buch und, wie ich aus den wunderbaren, interessanten und erhellenden Nachworten, die das Werk abrunden, herauslesen konnte, darüber hinaus eine Freundschaft zwischen Noah Klieger und Takis Würger.

    Leider erlebte Noah Klieger die Veröffentlichung seiner Erinnerungen nicht mit.
    Er verstarb Ende 2018.

    Das Buch liest sich zeitweise wie ein Bericht, aber es ist trotzdem und gleichzeitig eine Geschichte, die mich packte.
    Es ist eine wahre, erschütternde und rasant voranschreitende Geschichte, die Gräueltaten und Schrecken aufzeigt oder andeutet, die nicht ausgeschmückt wird und die auch nicht ausgeschmückt werden muss.
    Sie ist sehr nüchtern und phasenweise fast im Telegrammstil geschrieben und gerade deshalb vermittelt sich die Dramatik besonders eindrücklich und entstehen im Leser Bilder und Gefühle.
    Gefühle, die nicht verbal ausgedrückt werden, werden im Leser hervorgerufen.

    Staccatoartige kurze und knappe Sätze, Wortwiederholungen, der einfache Satzbau und die schmucklose Sprache machen den Text besonders wuchtig, eindringlich und eindrücklich.
    Kein Wort zu viel, keines zu wenig. Keine Wertungen, keine Erklärungen.
    Nur Erinnerungen, Anekdoten, Fakten, Andeutungen und am Ende eine lange Liste an Fragen.
    Es ist ein atemraubender Fragenkatalog.
    Wie Hammerschläge folgt eine Frage nach der anderen, wodurch die Unfassbarkeit der Geschehnisse und Noahs Erschütterung, Unverständnis, Wut, Trauer und Ratlosigkeit ersichtlich sind.

    „Noah - von einem, der überlebte“, ist kein Buch, das unterhalten oder spannenden Zeitvertreib bieten möchte.
    Es ist ein Mahnmal zum Gedenken, es ist ein Text gegen das Vergessen und zum Verarbeiten und es ist ein Werk, mit dem einem Menschen Respekt und Wertschätzung entgegengebracht wird, der trotz seiner unfassbar großen Not noch den Mut hatte, Anderen gegenüber solidarisch zu sein, sie zu unterstützen und ihnen zu helfen.

    Für mich persönlich war es darüber hinaus ein Buch, in dem ich auch Neues erfuhr.
    Zum Beispiel wusste ich vor der Lektüre nicht, dass Überlebende der Shoah „Displaced persons“ genannt wurden und dass sie nach dem Krieg in Lagern, z. B. Bergen-Belsen lebten, die sich zum Teil an denselben Orten wie vorher die Konzentrationslager befanden.
    Ich wusste auch nichts von der Überfahrt der Exodus 47, einem Schiff, das ca. 4500 jüdische Flüchtlinge an Bord hatte. Menschen, die nach dem Krieg nach Palästina wollten, dort aber nicht ankamen, weil britische Soldaten dies mit Gewalt verhindert haben.

    Das nur 184 Seiten lange Buch ist angefüllt mit Fakten, Anekdoten und Erinnerungen.
    Nachdem man es zugeklappt hat, ist man randvoll.
    Man hat dadurch eine klitzekleine Ahnung davon, wie randvoll Noah sein musste mit alldem, was in ihm vorging und was er erlebt hat.
    Der Leser muss das Gelesene erst verarbeiten und Noah war zeitlebens damit beschäftigt, seine schrecklichen Erinnerungen zu verarbeiten.

    Aufgrund seiner Kürze und Knappheit und wegen der fehlenden Erklärungen ist „Noah“ meines Erachtens ein Buch, das von Vorwissen lebt.
    Ein junger Mensch, der sich zum ersten Mal mit dem Thema Holocaust beschäftigt, wird möglicherweise sehr verwirrt und ratlos zurückbleiben, weil er noch auf nichts zurückgreifen und somit das Gelesene nicht einordnen kann.
    Aber nicht jedes Buch muss das gesamte Leserspektrum ansprechen.
    Jedes Buch hat seine Leserschaft und jedes Buch hat seine Zeit.

    Ich bin froh, dass ich mir die Zeit für diese außergewöhnliche und beeindruckende mosaikartig präsentierte Lebensgeschichte und für dieses lesenswerte Buch genommen habe.
    Noah hat sich erinnert und erzählt, Takis Würger hat diese Erinnerungen und Erzählungen für uns alle niedergeschrieben und festgehalten.
    Wie gut, dass Noahs Geschichte auf diese Weise bewahrt wird.

  1. Mutiger Mann Noah Klieger

    bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 25. Mär 2021 

    Es ist immer schwierig, Bücher mit derartig ernstem Hintergrund zu kritisieren, ich wage es aber dennoch.

    Ich möchte vorweg Noah Klieger, allen Überlebenden des Holocausts und allen, die diese grausame Zeit leider nicht überlebten, meinen tiefsten Respekt aussprechen. Ich war gespannt auf dieses Buch, ich war gespannt auf das Leben des Noah Klieger. Ich war skeptisch ob der knapp 190 Seiten. 190 Seiten für ein derartiges Leben, aus meiner Sicht viel zu wenig. Leider ist meine Befürchtung eingetroffen. Ich möchte aber an dieser Stelle nochmals betonen, dass dies nur mein subjektiver Eindruck ist, andere werden vermutlich eine ganz andere Wahrnehmung dazu haben.

    Ich jedenfalls bin enttäuscht. Ich bin enttäuscht über ein Buch, das mir zu viel vorenthält. Dieses Buch wird in keiner Weise dieser schwierigen Thematik gerecht und in keiner Weise dem Leben des Noah Klieger. Viele werden sagen sie brauchen keine Gefühlshascherei, ich sage aber ich brauche sie, gerade diese grausame Zeit betreffend. Hier ist kein Platz für Trivialität. Ich lese Bücher um Neues zu erfahren, wenn mir das vorenthalten wird, dann möchte ich mich wenigstens in die Gefühlswelt anderer Personen hinein versetzen zu können. Dies wurde mir leider vollständig verwehrt, möglicherweise war dies so gewollt, ich kann es nicht verstehen.

    Das Buch lebt von Andeutungen und man muss sich seine Gedanken und Erinnerungen aus anderen Gelesenen bzw. Erlernten hervorkramen. Dafür hätte ich dieses Buch nicht gebraucht. Welchen Eindruck aus dieser Zeit erlangt ein vielleicht noch unbelesener Jugendlicher, der zum ersten Mal mit solch einer Lektüre in Berührung kommt. Anhand der dominierenden Oberflächlichkeit der Erzählung, kann er sich doch gar kein richtiges Bild machen. Ist es nicht vor allem in der heutigen Zeit, wichtig auch mit Emotionen und Gefühlen das Geschehene wieder zu geben?

    Im Nachwort steht geschrieben, dass man sich bewusst für diese Art und Weise der Erzählung entschieden hat. Ich hätte diese Information gerne vor dem Kauf des Buches gehabt. Ich hätte mir auf YouTube ein Video von Naoh Klieger angesehen, hätte diesen mutigen Mann auf diesem Weg kennengelernt, wäre aber auch um einiges Wissen reicher und nicht um EUR 20,60 ärmer. Ich denke hier hat es sich der Autor zu leicht gemacht. Viele werden jetzt sagen, dass sei ein Stilmittel des Autors. Dieses Argument lasse ich nicht gelten.

    Es tut mir leid, das Leben Noah Kliegers ist mir zu wichtig um auf knapp 190 Seiten angedeutet zu werden. Ich wäre gerne bei dem Interview dabei gewesen, ich hätte gerne diesen starken Mann kennengelernt, dann wären für mich nicht so viele Fragen offen.

    Dennoch, jedes Buch das gegen das Vergessen hilft, hat seinen Stellenwert.