Niemand weiß, dass du hier bist: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Niemand weiß, dass du hier bist: Roman' von Nicoletta Giampietro
4.5
4.5 von 5 (8 Bewertungen)

Siena, 1942. Der zwölfjährige Lorenzo soll den Krieg bei seinem Großvater und seiner Tante überstehen. Noch ist es in der Toskana friedlich. Auf den weiten Plätzen der verwinkelten Stadt freundet er sich mit Franco an, der seine glühende Verehrung für den Duce teilt. Die Begeisterung bekommt erste Risse, als er Daniele kennenlernt. Daniele ist Jude. Als die Deutschen die Stadt besetzen und beginnen, jüdische Familien zu deportieren, kann Lorenzo nicht zusehen. Doch seine Entscheidung bringt nicht nur seine Freundschaft mit Franco in Gefahr, sondern auch seine Familie und ihn selbst.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:384
Verlag: Piper
EAN:9783492059183

Rezensionen zu "Niemand weiß, dass du hier bist: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 23. Apr 2019 

    Lorenzo beweist Mut in einer schweren Zeit

    Lorenzo beweist Mut in einer schweren Zeit

    Niemand weiß, dass du hier bist von Nicoletta Giampietro

    1942
    Als es in Tripolis, Libyen, zu unsicher wird, wird der 12 jährige Lorenzo zu Verwandten nach Siena in Italien geschickt. Lorenzo lernt dort bald den etwa gleichaltrigen Franco Tacconi kennen. Dieser fantasiert und träumt von einem Sieg des faschistischen Italien und steckt Lorenzo mit seinem Eifer an. Als Lorenzo Daniele Neri kennenlernt wird ihm bewusst, dass der Faschismus auch Schattenseiten mit sich bringt, denn Daniele ist Jude. Lorenzo versteht nicht, was an einem Juden bedrohlich sein soll, und beginnt nach und nach seine Meinung zu ändern.
    Lorenzo bemerkt direkt zu Beginn seines Aufenthalts, dass die Familie gegen den Faschismus ist, dies ist ihm ein Dorn im Auge, er kann es nicht nachvollziehen. Im weiteren Verlauf der Handlung wandelt sich dies, und er erkennt, warum der Rest der Familie so handelt und fängt selbst an, gegen das System zu kämpfen, in dem er seinem Freund Daniele hilft.

    Dieser Roman wühlt auf, da er sehr nah an der Realität ist. Die Autorin schafft einen tiefgründigen Rahmen für Ihre Handlung, lässt den Leser diese schwere Zeit durch Lorenzo erleben. Der Erzählstil ist angenehm und gut verständlich, dennoch habe ich für das Buch sehr lange gebraucht, da ich oft sehr ergriffen war und eine Pause benötigte. Für mich ein Roman, der aufzeigt, dass es wichtig ist sich auf die richtige Seite zu stellen. Ein Roman, der zeigt, dass wahre Freundschaft nichts mit einer Religionszugehörigkeit zu tun hat.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 13. Apr 2019 

    Wenn Mitgefühl über den Faschismus siegt

    Die Stadt Siena in der Toskana im Jahr 1942: Aufgewachsen in Libyen, soll der zwölfjährige Lorenzo Guerrini den Krieg bei seinem Großvater und seiner Tante Chiara überstehen. Sein Vater Umberto wurde eingezogen. Er freundet sich mit dem Jungen Franco an, der seine glühende Verehrung für den Duce teilt und vom Sieg des faschistischen Italiens träumt. Doch seine Begeisterung bekommt erste Risse, nachdem er Daniele, einen Juden, trifft. Als die Deutschen die Stadt besetzen und jüdische Familien deportieren, kann Lorenzo nicht einfach zusehen. Er trifft daher eine folgenreiche Entscheidung…

    „Niemand weiß, dass du hier bist“ ist der Debütroman von Nicoletta Giampietro.

    Meine Meinung:
    Der Roman besteht aus drei Teilen, die wiederum in 34 Kapitel mit einer angenehmen Länge unterteilt sind. Zudem gibt es einen Epilog („21 Jahre später“). Erzählt wird in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Lorenzo. Die Haupthandlung spielt zwischen August 1942 und 1945. Dieser Aufbau funktioniert gut.

    Der Schreibstil ist größtenteils unauffällig, aber anschaulich, einfühlsam und angenehm zu lesen. Mit ihren Beschreibungen gelingt es der Autorin, plastische Bilder vor dem inneren Auge auftauchen zu lassen und viel Atmosphäre zu vermitteln. Der Einstieg in die Geschichte fiel mir nicht schwer.

    Der Protagonist Lorenzo ist ein reizvoller Charakter, denn so gelingt es, die kindliche Perspektive darzustellen. Gut gefallen hat mir, dass er im Laufe des Romans eine ziemliche Entwicklung durchmacht und sein Erwachsenwerden authentisch geschildert wird. Sein Denken und Handeln sind gut nachvollziehbar. Positiv hervorzuheben ist, dass die Autorin bei der Darstellung der Personen auch Grautöne abbildet. So wirken auch die übrigen Charaktere vielschichtig und realitätsnah.

    Trotz der mehr als 400 Seiten bleibt die Geschichte überwiegend kurzweilig. Es gelingt, die Spannung hochzuhalten. Gegen Ende hin wirkt das Geschehen jedoch ein wenig zu übertrieben und wird unglaubwürdig. Der Abschluss der Geschichte driftet ins Kitschige ab und ist mir etwas zu viel des Guten. Das ist schade, weil es meinen sonst sehr positiven Eindruck vom Buch doch schmälert. Im Großen und Ganzen habe ich mich allerdings gut unterhalten gefühlt.

    Thematisch geht es vor allem um den Faschismus und die Gräuel des Zweiten Weltkriegs, aber auch um Mut, Freundschaft, Zusammenhalt, Hoffnung und Mitgefühl. Immer wieder konnte mich die Geschichte emotional bewegen.

    Ein Pluspunkt des Romans ist es, dass er den Zweiten Weltkrieg aus der italienischen Perspektive schildert und aufzeigt, dass Faschismus und Rassismus nicht nur in Deutschland fürchterliche Auswüchse nahmen. Diese Aspekte sind nach wie vor oder sogar mehr denn je aktuell. Obwohl ich mich schon vorher ausführlich mit dieser Zeit beschäftigt hatte, konnte ich beim Lesen noch einiges lernen, zum Beispiel über die Balilla, die Jugendorganisation der Nationalen Faschistischen Partei.

    Sehr interessant ist zudem das als „Notizen zu diesem Buch“ überschriebene Nachwort der Autorin. Hierbei wird nicht nur ihre fundierte Recherche deutlich, sondern der Leser erfährt auch, welche Elemente im Roman auf historischen Fakten basieren und welche reine Fiktion sind.

    Das nostalgisch anmutende Cover ist nicht nur hübsch gestaltet, sondern passt auch gut zum Inhalt. Letzteres gilt ebenfalls für den Titel, der treffend formuliert ist.

    Mein Fazit:
    „Niemand weiß, dass du hier bist“ von Nicoletta Giampietro ist ein gleichsam unterhaltsamer wie interessanter Roman, der mich berühren konnte und noch eine Weile nachhallen wird.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 08. Apr 2019 

    Freundschaft und Faschismus

    In "Niemand weiß, dass du hier bist" erzählt die Autorin Nicoletta Giampietro eine faszinierende und spannende Heldengeschichte "gegen das Vergessen". Ihr Held ist kein muskelbepackter Rächer der Unterdrückten sondern ein ganz normaler Junge, Lorenzo, der mit seinen gerade mal 12 Jahren (so alt ist er als die Geschichte einsetzt) über sich hinauswächst und Unglaubliches leistet.

    Zu Beginn dieses Romans treffen wir auf den Jungen, der seine Verwandten in Siena besucht. Wir schreiben das Jahr 1942. Der 2. Weltkrieg ist im Gange. Lorenzo hat einen großen Teil seiner, bis dahin glücklichen Kindheit in Libyen verbracht. Dieses nordafrikanische Land war über lange Jahre eine Kolonie Italiens und Lorenzos Eltern sind nach Lybien ausgewandert. Als der 2. Weltkrieg auch auf Afrika übergreift, entschließt sich Lorenzos Mutter, ihren Sohn wieder nach Italien zu bringen. Ihre Schwägerin Chiara, eine Lehrerin, lebt in Siena zusammen mit Lorenzos Großvater und einer Haushälterin. Lorenzos Vater ist von der italienischen Armee eingezogen worden. Während Lorenzo also in Siena bleibt, reist seine Mutter wieder ab. Sie will versuchen, Lorenzos Vater von der Front abziehen zu lassen. Soweit zur Vorgeschichte.

    "Ich war an einen sicheren Ort gebracht und zurückgelassen worden. Aber Kriege sind unberechenbar. Und sichere Orte auch."

    Im Glauben, dass seine Eltern ebenfalls in Kürze nach Siena zurückkehren werden, gestaltet Lorenzo seinen Alltag in der neuen Umgebung. Er geht zur Schule und lässt sich, wie die meisten Italiener, von der Begeisterung um Mussolini mitreißen. In Italien wird zu diesem Zeitpunkt noch der Faschismus gefeiert: Mussolini hat mit seiner Machtergreifung einen wirtschaftlichen Aufschwung in Italien erwirkt. Die Menschen lieben ihn dafür. Doch nachdem Mussolini anfängt, mit Hitler und den Deutschen zu sympathisieren, bröckelt die Fassade, was sich auch bei der Stimmung der Italiener bemerkbar macht. Kritik macht sich breit, wenn auch zunächst leise. Immerhin gibt es immer noch sehr viele bekennende Anhänger des Duce, die jegliche Kritik an ihrem geliebten Führer mit allen Mitteln im Keim ersticken würden.
    Auch Italiens Kinder lieben den Duce, schließlich haben dies ihnen ihre Eltern vorgelebt. Sie organisieren sich in Vereinigungen ähnlich der Hitlerjugend. Insbesondere die Jungs gehören gern dazu, können sie doch Krieg spielen. Der Krieg wird von den Kindern und Jugendlichen (und von vielen Erwachsenen) verherrlicht. Kaum ein Junge, der nicht davon träumt, die Ehre des Duces und Italiens an der Front zu verteidigen. So auch Lorenzo.

    "'... Du bist in einer Fantasiewelt voller Pathos und Helden aufgewachsen. Aber es ist nicht die echte Welt. In der echten Welt wirst du deine Kindheit schneller verlieren als deinen nächsten Milchzahn.'"

    Spätestens mit Durchsetzung der Judengesetze ist es bei Lorenzo mit der Herrlichkeit von Mussolinis Faschismus vorbei. Denn Lorenzo lernt den gleichaltrigen Juden Daniele kennen. Die beiden werden Freunde. Als Danieles Familie in einer Nacht- und Nebelaktion nach Deutschland deportiert werden soll, rettet Lorenzo seinen Freund, indem er ihn heimlich in einer Dachkammer in dem Haus seines Großvaters versteckt. Und man will es nicht glauben, aber Lorenzo schafft es mit seinen gerade mal 12 Jahren, seinen Freund über einen Zeitraum von mehreren Monaten zu verstecken und für ihn zu sorgen. Diese enorme Verantwortung für ein anderes Leben geht natürlich nicht spurlos an dem ehemals unbeschwerten und aufgeweckten Lorenzo vorüber. Er leistet Unfassbares. Der Preis dafür ist, dass er dadurch ein großes Stück seiner Kindlichkeit verliert.

    Währenddessen findet in Italien ein politischer Wandel statt. Mussolini wird entmachtet. Aber Mussolini kommt mit Unterstützung der Deutschen wieder an die Macht. Zum Dank lässt er die Deutschen in Italien einmarschieren. Sie können schalten und walten, wie es ihnen beliebt. Mussolini wird zu einer Marionette der Deutschen. Dies hat zur Folge, dass sich die Menschen politisch umorientieren. Viele Faschisten werden auf einmal zu Partisanen, entsagen Mussolini und versuchen aus dem Untergrund heraus gegen die deutschen Besatzer anzugehen. Aber immer noch gibt es Menschen, die an dem Faschismus festhalten und auch kein Problem damit haben, die Deutschen bei ihren Machenschaften zu unterstützen. Italiener kämpfen auf einmal gegen Italiener. Das Land ist gespalten.
    Auch Lorenzo gerät mehr oder weniger unfreiwillig zwischen die Fronten. Durch einen Bekannten der Familie bekommt er Zugang zu den Partisanen im Untergrund. Doch auch hier ist nicht alles Gold, was glänzt.
    Die Besatzung Italiens endet im Frühjahr 1945. Lorenzo ist mittlerweile 15 Jahre alt.

    "'Der Große Krieg war nicht groß, Lorenzo, er war ein Gemetzel. Ein fürchterliches, sinnloses Gemetzel. Hätten wir euch das gesagt, hätten wir vielleicht diesen Krieg verhindert. Aber wir waren zu feige.'"

    Es gibt mehrere Aspekte, die ich bei diesem Roman hervorheben möchte:

    1. Ein Buch gegen das Vergessen aus einer fremden Perspektive
    Hier wird der 2. Weltkrieg aus einer mir bisher fremden Sichtweise geschildert. Die jüngste Geschichte Italiens steht im Mittelpunkt, und es wird einmal mehr klar, dass nicht nur Deutsche nicht vergessen dürfen, sondern im Grunde genommen jede Nation, die in irgendeiner Form am Krieg beteiligt war. In diesem Roman ist es Italien mit seiner Verherrlichung des Faschismus, seiner Ergebenheit Hitler-Deutschland gegenüber und seiner Judengesetze, aber auch seiner bürgerkriegsähnlichen Zustände als Italiener gegen Italiener aufgrund unterschiedlicher politischer Überzeugungen kämpfen.

    Bemerkenswert fand ich die Weigerung der Autorin zu urteilen. Lediglich zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, ist ihr zu einfach. Und Recht hat sie. So gestattet sie insbesondere den vermeintlich Bösen in diesem Roman Ansätze von Menschlichkeit und Weichheit. Dadurch macht sie bewusst, dass der Grat zwischen Gut und Böse ein sehr schmaler ist.

    2. Lorenzos Entwicklung
    In dem Roman entwickelt sich Lorenzo von einem unbeschwerten Jungen, der den Krieg verherrlicht, zu einem nachdenklichen Jugendlichen, der von der Welt der Erwachsenen enttäuscht wird. Dazwischen übernimmt er Verantwortung für das Leben seines Freundes Daniele und lernt in den Kriegszeiten zurechtzukommen. Ein bisschen viel für ein Kind seines Alters. Insbesondere, wenn die Ereignisse innerhalb kurzer Zeit stattfinden. Er bekommt viele Dinge zu sehen, die kein Kind sehen dürfte, und die es erst einmal zu verarbeiten gilt. Umso schöner ist das hoffnungsvolle Ende dieses Romans. Mit Einmarsch der Alliierten in Italien kann er wieder Kind sein, und es sind Erwachsene da, die ihn lieben, ihn auffangen und dabei helfen werden, die Geschehnisse zu verkraften.

    3. Sprache und Spannung
    Die Sprache ist einfach gehalten, was nicht als negative Kritik zu verstehen ist. Diese Geschichte um Lorenzo und Italien braucht keine besonderen stilistischen Mittel, um den Leser zu beeindrucken. Das kann sie von ganz allein. Man ist sofort von der Handlung gefesselt. Der Spannungsbogen ist unglaublich hoch und flacht zu keinem Zeitpunkt ab. "Niemand weiß, dass du hier bist" ist großes Erzählkino. Und Romane wie diese haben das Zeug, später verfilmt zu werden.

    Leseempfehlung!

    © Renie

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 03. Apr 2019 

    Wahre Freundschaft ist unbezahlbar

    Siena im Jahr 1942. Noch hat der Krieg die Stadt nicht erreicht, noch träumen die italienischen Faschisten vom Sieg. Zu den Träumern gehört anfangs auch der Junge Lorenzo. Er ist 12 und hat den größten Teil seiner Kindheit in Tripolis verbracht. Als sein Vater - obwohl kriegsuntauglich - als Offizier eingezogen wird, wird Lorenzo zu seiner Tante Chiara und seinem Onkel Nonno nach Siena geschickt. Die Mutter bemüht sich in Rom und Tripolis um eine Versetzung ihres Mannes.

    Lorenzo freundet sich zunächst mit dem Nachbarsjungen Franco an. Franco und seine Familie sind glühende Faschisten und Lorenzo fühlt sich von ihnen angezogen. Doch nach und nach bekommt das Bild von der schönen heilen Faschistenwelt Risse. Ganz langsam und Stück für Stück lernt Lorenzo hinter die Fassade zu sehen, die letztlich völlig in sich zusammenbricht. Einen wesentlichen Beitrag zu dieser Erkenntnis leistet neben seiner Tante Chiara und dem Arzt und Freund der Familie Matteo vor allem sein neuer Freund Daniele.

    Mit Daniele verbinden Lorenzo viele gemeinsame Interessen, mehr als mit Franco. Dass Daniele Jude ist, stört Lorenzo nicht und lässt ihn eher am Dogmatismus der Faschisten zweifeln. Als Lorenzo zufällig erfährt, dass die jüdische Bevölkerung Sienas deportiert werden soll, entschließt er sich daher, Danieles Familie zu warnen. Doch seine Warnung wird nicht ernst genommen. Die Eltern Danieles werden verschleppt - nur Daniele kann fliehen. Lorenzo beschließt, ihn zu verstecken. Dieses Unterfangen stellt sich allerdings als viel schwieriger heraus, als Lorenzo angenommen hatte. Nicht nur muss Lorenzo eine sichere Unterkunft für Daniele finden. Er muss vor allem Nahrung für einen heranwachsenden Jungen auftreiben, ohne das dies jemand merkt. Dies stellt sich als fast unmöglich heraus und die Jungen müssen all ihren Einfallsreichtum aufbieten, um für Daniele Essen zu besorgen.

    Währendessen nehmen die Kriegswirren zu und der Krieg kommt Siena immer näher. Lorenzo wird selbst unmittelbar in Kriegshandlungen verwickelt und lernt, dass es nicht immer einfach ist, Freund und Feind zu unterscheiden.

    Mir gefiel die Geschichte über die Freundschaft der Jungen, und zwar sowohl die zwischen Lorenzo und Daniele als auch die zwischen Lorenzo und Franco. Für beide Freundschaften gibt es gute Gründe und diesen werden anschaulich aus Sicht Lorenzos erzählt. Mit Daniele verbinden ihn gemeinsame Interessen. Franco war dagegen der erste Junge, mit dem er sich in Siena angefreundet hat und Franco hat ihm öfter geholfen. Dass Lorenzo sich zwischen den beiden hin- und hergerissen fühlt, ist daher sehr glaubhaft und gut nachzuvollziehen.

    Interessant und sehr lesenswert fand ich zudem die vielen für mich nicht geläufigen Informationen über den italienischen Faschismus und den Verlauf der letzten Kriegsjahre aus italienischer Sicht. Die Autorin hat viele Hintergrundinformationen geschickt in die Handlung eingebaut, ohne dass man sich dabei belehrt fühlt. Dabei hat sie zudem viel Wert darauf gelegt, alle Beteiligten differenziert darzustellen. Die Partisanen sind nicht alle gut; die Nazis nicht alle schlecht und selbst unter den Bewohnern von Siena gibt es sowohl Widerständler als auch solche, die ihr Fähnlein nach dem Wind hängen.

    Der leichte, sehr bildhafte Schreibstil tut sein Übriges, dass das Buch sich recht schnell wegliest. Die Bilder der Stadt Siena tauchen ohne Probleme vor dem inneren Auge auf.

    Zu kritisieren gibt es daher wenig. Einziger kleiner Minuspunkt ist aus meiner Sicht, dass man zum Schluss hin den Eindruck gewinnt, dass die Autorin etwas zu viel hineingepackt hat. Die eine oder andere Wendung hätte nicht sein müssen und wirkte etwas hineingeschrieben. Den positiven Gesamteindruck schmälert das aber kaum. Daher gibt es von mir 4,5/5 Sternen und eine Leseempfehlung.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 31. Mär 2019 

    Der Zweite Weltkrieg in Siena...

    Siena, 1942. Der zwölfjährige Lorenzo soll den Krieg bei seinem Großvater und seiner Tante überstehen. Noch ist es in der Toskana friedlich. Auf den weiten Plätzen der verwinkelten Stadt freundet er sich mit Franco an, der seine glühende Verehrung für den Duce teilt. Die Begeisterung bekommt erste Risse, als er Daniele kennenlernt. Daniele ist Jude. Als die Deutschen die Stadt besetzen und beginnen, jüdische Familien zu deportieren, kann Lorenzo nicht zusehen. Doch seine Entscheidung bringt nicht nur seine Freundschaft mit Franco in Gefahr, sondern auch seine Familie und ihn selbst.

    Wie der Klappentext bereits verrät, werden die Ereignisse in Siena aus der Sicht des anfangs zwölfjährigen Lorenzo geschildert. Seine Welt ist schon aus den Fugen geraten, noch bevor die Auswirkungen des zweiten Weltkriegs in Siena wirklich spürbar sind. Sein Vater, obwohl eigentlich nicht kriegstauglich, wird 1942 an die Front in Ägypten versetzt, wo er - nach Lorenzos Meinung - Seite an Seite mit dem Helden Rommel kämpft. Lorenzos Mutter ist nach Tripolis in Libyen zurückgekehrt, in die Kolonie Italiens, um dort vor Ort zu versuchen, ihren Mann vom Militärdienst befreien zu lassen. Lorenzo bleibt ohne Eltern zurück in Siena, fern der Unruhen in Nordafrika - bei seinem Großvater, dem Nonno, und seiner Tante Chiara.

    Während Lorenzo versucht, sich in Siena ein neues Leben aufzubauen, rückt der Krieg allmählich näher, auch wenn zunächst außer einer Lebensmittelknappheit nichts davon zu spüren ist. In der Schule wird der Ton der Lehrer allmählich rauer, jüdische Kinder tauchen im Unterricht nicht mehr auf, der Faschismus als Ideologie zeigt allmählich seine Zähne. Lorenzo selbst ist begeisterter Balilla - gemeinsam mit dem Nachbarssohn Franco verpasst er kein einziges Treffen der Jugendorganisation der Nationalen Faschistischen Partei, und beide wären gerne auf einen Schlag älter, damit sie ihrem Land wirklich dienen könnten - an der Front.

    Als Lorenzo bei seinen Streifzügen durch die Stadt noch einen anderen Jungen kennenlernt, ändert sich seine Sichtweise ganz allmählich. Denn Danile Neri ist Jude. Lorenzo bekommt die Angst der Eltern vor Repressalien mit, doch vor allem der Vater von Daniele ist gleichzeitig der festen Überzeugung, dass er ein angesehener Bürger der Stadt ist und dass auf die Bewohner Sienas Verlass ist. Als Lorenzo zufällig entdeckt, dass die Familie mit den anderen jüdischen Bürgern der Stadt zusammengetrieben wird und deportiert werden soll, versucht er das Schlimmste zu verhindern. Tatsächlich gelingt Daniele die Flucht - und Lorenzo nimmt es auf sich, ihn im Haus von Zia Chiara und Nonno zu verstecken. Doch damit fangen die Probleme erst an...

    In 3 Teilen wird der Roman erzählt, unterteilt in 34 Kapitel, die die Jahre 1942 bis 1945 umfassen. Abgerundet wird die Erzählung durch einen Epilog, der 21 Jahre später datiert ist. Es schließt sich noch ein kurzer Absatz mit Notizen der Autorin an, der erläutert, wie sie dazu kam, diesen Roman zu schreiben und welche realen Bezüge zu historischen Fakten und Pesonen es hier gibt. Die Familie der Autorin stammt aus Siena, und das Haus, in dem Lorenzo ab 1942 wohnt, entspricht dem Haus, das der Familie der Autorin bis 2002 gehörte.

    Der Roman lässt sich flüssig lesen, wobei der Schreibstil recht einfach gehalten ist. Allerdings wirkten für mich angesichts der Ich-Erzählung des anfangs 12jährigen Lorenzo manche Schilderungen doch zu malerisch - beispielsweise die Beschreibung der Wüste in Libyen:

    "Und dann war da der Sand, überall, glitzernd in der Sonne, in allen tausend Gelbschattierungen, von Silber bis Tiefgold. (...) Aus ihm wuchsen, zerklüftet und runzelig, schwarze Felsen, in denen man die Silhouetten von Riesen und Monstern aus anderen Zeiten zu erkennen meinte. Sie mochten noch so hart und mächtig aussehen, der Sand war hier der Herrscher über alles. Er meißelte und schleifte und umspülte sie, bis er sie eines Tages verschlungen haben würde. Und doch war der Wüstensand so fein, dass er sich wie Seide anfühlte..." (S. 229)

    Bei der Zeichnung der Charaktere hat mir vor allem gefallen, dass die Autorin weitestgehend auf eine Schwarz-Weiß-Zeichnung verzichtet hat. Hier gibt es nicht einfach die Guten und die Bösen, sondern es ergeben sich Grauschattierungen - auf beiden Seiten. Damit charakterisiert Nicoletta Giampietro recht gelungen das Menschsein an sich - in unmenschlichen Zeiten.

    Lorenzo ist hier eindeutig der Hauptcharakter, der im Laufe der Ereignisse eine große Entwicklung durchlebt und seine Kindheit letztlich hinter sich lässt. Manche Handlungsweisen, Reaktionen und Entscheidungen wirkten auf mich zwar viel zu reif und über sein Alter hinaus, aber letztlich ist er ein sympathischer Charakter, der versucht, nach Möglichkeit das Richtige zu tun - auch wenn eben nicht immer deutlich ist, was denn nun das Richtige ist. Dieses Dilemma des Jungen hat die Autorin phasenweise gut herausgearbeitet.

    Lorenzo steht zwischen seinen Freunden Franco (einem glühenden Anhänger Mussolinis, der bis zum Schluss für die Ehre Italiens kämpfen will) und Daniele (dem jüdischen Jungen, der ohne seine Hilfe zum Tode verurteilt ist). Auch Lorenzos Tante Chiara scheint etwas zu verbergen - sie geht jedenfalls keineswegs konform mit den faschistischen Parolen, und zu Nonnos großem Leidwesen hält sie mit ihrer Meinung darüber auch nicht hinterm Berg. Nicht ungefährlich, wie sich letztlich herausstellt - doch sind das nicht die größten Gefahren, denen Lorenzo begegnen wird.

    Nicoletta Giampietro hat hier eine fiktive Geschichte erzählt, diese aber in sorgsam recherchierte historische Gegebenheiten eingebunden. Gerade die Gegebenheiten in Italien sowie in Nordafrika zur Zeit des Zweiten Weltkrieges waren mir zuvor kaum bekannt, und so bekam ich hier sozusagen nebenbei noch eine anschauliche Geschichtsstunde. Sehr interessant fand ich auch die authentischen Schilderungen der Handlung in und um Siena - einige der geschilderten Örtlichkeiten waren mir aus einem Urlaub wohl bekannt.

    Teil 1 und 2 des Romans haben mir vom Handlungsaufbau her gut gefallen. Zwar gab es zwischendurch ein paar Längen, aber die eingestreuten historischen Informationen sowie die Entwicklung der Charaktere gestalteten das Lesen trotzdem interessant. Ab Teil 3 gingen dann aber irgendwie die Gäule mit der Autorin durch. Das Bemühen, möglichst viele kriegsrelevante Themen mit einzubinden, ging hier leider zu Lasten der Handlung und ihrer Glaubwürdigkeit.

    Dadurch, dass hier ein 13jähriger Junge als Hauptcharakter fungiert, wirken manche Verhaltensweisen und Entscheidungen in Extremsituationen einfach nicht vorstellbar. Und während die Autorin der Handlung in den ersten beiden Teilen viel Zeit für die Entwicklung ließ, wurde in Teil 3 alles sehr verdichtet und war letztlich in der Summe zu viel. Hier ging es nicht mehr 'nur' um den Faschismus und die Juden sowie um die Besetzung der Stadt durch die Deutschen - hier mussten noch Kriegsgräuel jeder Art Einzug finden: in Brand gesetzte Dörfer als Vergeltungsmaßnahme - mit fehlender Warnung der Bevölkerung aus 'politischem Kalkül', überambitionierte Partisanen sowie deren gnadenlose Jagd durch die faschistische Miliz, Vergewaltigungen, Folterungen...

    Der alte Grundsatz: 'weniger ist mehr' hätte dieser Geschichte in jedem Fall gut getan. So entglitt mir der Charakter Lorenzos ein wenig und ich staunte nur noch, was da wohl noch alles kommen mochte. Um all diese Themen noch in die Geschichte einbringen zu können, musste der Erzählfluss entsprechend angepasst werden, so dass die Handlung letztlich sehr konstruiert und weniger glaubhaft wirkte, was ich schade fand.

    "Alle behaupten, für die richtige Sache zu kämpfen. Für Italien. Für die Ehre. Für die Freiheit. Gegen die Deutschen. Was auch immer! Aber wie kann ein Verbrechen richtig sein?" - "Es ist Krieg, Lorenzo." - "Das ist zu einfach! Dann sag mir bitte, was die richtige Sache ist? Auf dem Weg der Ehre Danieles Eltern an die Deutschen ausliefern? (...) Sant' Ansano und seine Bewohner verbrennen? Oder ganze Städte bombardieren? Sag's mir, ich weiß es nicht! (...) Alles, was man uns beigebracht hat (...), all diese Werte und Wahrheiten und Ideen, alles für die Katz!" (S. 391)

    Alles in allem ist dieser Roman ein vielleicht etwas überambitioniertes aber letztlich doch gelungenes Debüt, das die Gräuel und Unmenschlichkeit des Krieges herausstellt und auch den Leser mit Gedanken zu Krieg, Moral, Werten und Menschlichkeit zurücklässt, die nicht unbedingt bequem sind. Selbst Mut und Freundschaft können nicht darüber hinwegtäuschen, dass es manchmal kein 'Richtig' gibt. Aber sie machen die Welt menschlicher.

    "Wer einen Menschen rettet, rettet die ganze Welt." (S. 396)

    Dem kann ich nichts hinzufügen...

    © Parden

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 17. Mär 2019 

    Ein jugendtauglischer historischer Roman

    Mir hat das Buch, ein historischer Roman über den italienischen Faschismus, sehr gut gefallen. Manches hat sich bestätigt, was ich in der wissenschaftlichen Abhandlung gelesen hatte, dass viele Italiener die Juden nicht an Mussolini ausgeliefert hatten, und Hitler Mussolini Druck gemacht hat. Dadurch hatte diese Freundschaft der beiden Diktatoren einen starken Knick bekommen. Leider wurde dies bei Giampietro nur peripher, am Ende dieses Buches, erwähnt. Über die Freundschaft zwischen diesen beiden Dikatatoren hat sie sich nicht ausgelassen. Ich sehe aber ein, dass diese Thematik belletristisch schwierig umzusetzen ist.

    Ich konnte das wissenschaftliche Buch, von dem ich in der Buchvorstellung schon gesprochen habe, in meinem Regal wiederfinden, das von dem Engländer Jonathan Steinberg Deutsche, Italiener und Juden geschrieben wurde.

    Der Untertitel lautet: Der italienische Widerstand gegen den Holocaust, siehe Cover oben.

    Ich hatte es 1999 gelesen und 2010 ein weiteres Mal. Erschienen wurde das Buch 1992 und 1993 im Steidl-Verlag.

    Interessant war beim Steinberg zu lesen, wie die Italiener die Endlösung verhindern konnten. Leider ging die Autorin auch darauf nicht richtig ein. Bei ihr liest sich es so, als haben die Amerikaner Mussolini zum Sturtz gebracht. Soweit ich mich erinnern kann, war Mussoonis Sturtz den Partisanen geschuldet ...
    Aber Giampietro ist es total gutgelungen, sich in alle Figuren, ganz gleich auf welcher Seite sie stehen, hineinzuversetzen. Nur Gut und nur Böse gibt es hier nicht, es gibt so viel Fecette dazwischen.

    Die Handlung
    Zu Beginn der Handlung bekommt man es mit einer italienischen Familie namens Guerrini zu tun, die in Mittelitalien, in Siena lebt. Sie ist seit dem Mittelalter adlig. Aber reich ist sie deshalb nicht, da ein Großonkel das Vermögen durch schlechte Geschäfte verspielt haben soll ...

    Die Hauptfigur ist hier der zwölfjährige Lorenzo, der eigentlich in Tripolis, in der Hauptstadt von Libyen, aufgewachsen ist. Sein Vater ist Offizier, war in Neapel mit seiner Familie ansässig, und wurde vor mehreren Jahren in dieses arabische Land versetzt, Frau und Kind folgten nach. Libyen wird im Zweiten Weltkrieg von den Italienern besetzt und kolonialisiert. Nicht nur in Europa, sondern auch hier befindet sich ein Krisenherd … Um Lorenzo zu schützen, schicken ihn die Eltern 1942 zu seinem Großvater väterlicherseits nach Siena, bis der Krieg vorüber ist. Aber auch in Italien tobt der Krieg, außerdem werden die Juden von den italienischen Faschisten und den deutschen Nazis verfolgt … Lorenzo vermisst seinen arabischen Freund und ganz besonders seine Eltern, und gerät in eine schwere Krise, da er über einen längeren Zeitraum keine Notiz von ihnen erhält. In dem Haus seines Großvaters lebt eine Haushälterin, seine Tante Chiara, und sein Großvater.

    Die Haushälterin, Cesarina, eine einfache aber eine herzensgute Persönlichkeit, ist sehr religiös und bettet in ihren Gebeten immerzu Mussolini mit ein, da er die Wirtschaft in Italien anzukurbeln in der Lage war. Sie und viele andere Italiener sind dadurch treue Anhänger Mussolinis. Auch Lorenzo scheint Mussolini zu lieben, während er eines Tages merkt, dass seine Tante Heimlichkeiten mit seinem Großvater austauscht, und spürt, dass hintenrum etwas gegen Mussolini im Gange ist ...

    Chiara ist Grundschulpädagogin, ihr Vater war ein Großoffizier …

    Lorenzo lernt den gleichaltrigen Franco Taccini kennen, der Sohn einer Krämerin. Obwohl Franco vom Charakter her ganz anders gestrickt ist als Lorenzo, entsteht zwischen ihnen trotzdem eine außergewöhnliche Freundschaft. Auch wenn diese Freundschaft der beiden häufig zur schweren Prüfung wird. Was beide aber verbindet, ist, dass auch sie wie die Erwachsenen von Mussolini schwärmen, heroisieren den Krieg und können es kaum abwarten, älter zu werden, um endlich als richtige Soldaten einberufen zu werden, um für das Vaterland zu kämpfen. Politische, nationalsozialistische, ideologische Ideen werden ihnen in der faschistischen Jugendpartei namens Balilla eingeflößt. Auch in der Schule werden sie indoktriniert, von Lehrern, die politisch fundamentalistisch eingestellt sind. Sie erklären den Kindern die mythologische bzw. die symbolische Bedeutung des Faschismus:

    Zitat:
    "Das Wort Faschismus kommt von >fascio<. Deshalb ist das Symbol des Faschismus ein Bündel von dünnen, eng zusammengeschnürten Stangen. Diese Stangen stellen die einzelnen Italiener dar. Ich habe genau dreiunddreißig Stöckchen verbunden, eines für jeden für euch. Gemeinsam, vom Duce und vom faschistischen Glauben vereinigt, sind die Italiener unbesiegbar." (2019,63f)

    In der Rassenlehre lernen sie:
    Wir wollen nun unser Wissen über den Begriff >>Rasse<< auffrischen. Wir Italiener gehören dem mediterranen Typ der arischen, also der Herrenrasse an. Geformt und modelliert von den Römern, ist sie die glorreichste von allen und hat die größten Entdecker und Eroberer der Geschichte hervorgebracht (...). Die Reinheit unserer Rasse muss geschützt werden. Die Trennung der Rassen ist ein wichtiger Kampf um Kultur und Zivilisation. Gehören Juden der italienischen Rasse an? (83)

    Unisono antworten die Kinder alle mit >Nein<.

    Zudem lernen die Kinder in der Schule, dass die Juden potenzielle Verräter seien. Außerdem stellen die Schulbücher sie hier als besonders exotisch dar ...

    In der Grundschule wird ein jüdisches Kind aus der Klasse verwiesen. Lorenzos Tante setzt sich für die Schülerin ein, und so wird auch sie von der Schule suspendiert. Lorenzo ist ganz entsetzt über das Verhalten seiner Tante und schämt sich vor seinen Mitschülern ...

    Die Tante nimmt den Jungen von der Schule und unterrichtet ihn zu Hause selbst. Lorenzo gerät in eine Krise, hegt Groll gegen sie, da auch er sie als Landesverräterin bezichtigt …

    Chiara lernt den Arzt Matteo kennen, der in der Klinik arbeitet. Ein polnischer Jude, der vor der Judenverfolgung aus seiner Heimat nach Italien geflüchtet ist. Erst später stellt sich auch für Chiara heraus, dass Matteo in Italien mit einer falschen Identität untergetaucht ist. Später ist Matteo gezwungen, sich unter die Partisanen zu mischen, als er auch in Italien nicht mehr sicher ist.

    Chiara unterrichtet im Untergrund jüdische Kinder, und arbeitet im Krankenhaus, als sie die Stelle in der Schule verliert. Zu viele Kriegsinvaliden, jede helfende Hand wird gebraucht, sodass sie sich auch hier nützlich machen möchte ...

    Lorenzo lernt später einen weiteren Jungen kennen, Daniele Neri, auch 12 Jahre alt, freundet sich mit ihm an. Als er durch besondere Umstände erfährt, dass Daniele Jude ist, gerät sein Weltbild ins Wanken und fängt an, seine Schulbücher und sämtliche rassische Ideologien kritisch zu hinterfragen. Lorenzo gerät dadurch in eine schwere Lebenskrise … Seine Freundschaft zwischen seinem patriotischen Freund Franco und dem jüdischen Freund Daniele wird erneut auf die harte Probe gestellt, indem Lorenzo einem Loyalitätskonflikt ausgesetzt wird ...

    Mehr möchte ich nicht verraten.

    Welche Szene hat mir gar nicht gefallen?
    Ich fand es ganz schrecklich, wie dieses Kind, Lorenzo, sich für das Land und für seine Mitmenschen eingesetzt hat, die ich für einen so jungen Menschen grausam fand. Er hätte gut daran zerbrechen können. Schwere Schuldgefühle omnipotentischer Art nagten an seiner Kinderseele. Daran kann man sehr gut sehen, wie die Indoktrination die Kinder manipuliert hat.

    Welche Szene hat mir besonders gut gefallen?
    Die Freundschaft zwischen den Kindern fand ich schön, wobei diese zwischen Lorenzo und Daniele eine sehr schwere Herausforderung war. Ich fand es schön, dass Chiara, die einst auch Anhängerin des Faschismus war, sich später einer Widerstandsbewegung angeschlossen hat.

    Welche Figur war für mich ein Sympathieträger?
    Mir war Matteo sehr sympathisch, seine sensible Art mit Menschen umzugehen, hat mich tief berührt.

    Welche Figur war mir antipathisch?
    Die faschistischen Lehrer und die Gruppenführer.

    Meine Identifikationsfigur
    Keine

    Cover und Buchtitel
    Mir hat das Cover sehr gut gefallen. Gestört hat mich nur, dass Lorenzo blondhaarig und Brillenträger ist, was aus dem Cover nicht hervorgeht. Deutsche Verlage erlauben den Südländern keine hellen Haare und keine helle Haut, das weiß ich mittlerweile. Aber auch keine Brille?
    Der Titel lässt ahnen, was darunter zu verstehen ist, bevor man mit dem Lesen begonnen hat, ich mich aber dazu trotzdem bedeckt halten möchte.

    Zum Schreibkonzept
    Das Buch ist in drei Teilen gegliedert und beinhaltet fortlaufend insgesamt 34 Kapitel, die zum Ende hin immer kürzer werden. Der Schreibstil ist recht einfach. Man kann diesen historischen Roman gut auch Jugendlichen zum Lesen geben.

    Meine Meinung
    Ich habe durch das Buch viel Neues gelernt. Vor allem über den Begriff Faschismus hatte ich mir zuvor keine wirklichlichen Gedanken gemacht. Aufgrund der negativen Konnotation habe ich ihn inhaltlich immer mit den Ideologien des Nationalsozialismus á la Italien in Verbindung gebracht. Eigetlich ist der Begriff harmlos, wenn man ihn betracht. Ich hätte nie irgendwelche Zweige oder Stöcke damit assoziiert. Was aus dem Faschismus gemacht wurde, was grauenvoll.

    Wie ich an einzelnen Textstellen oben gezeigt habe, hat nicht nur Hitler, sondern auch Mussolini sein Volk als eine Herrenklasse deklariert. Die Italiener seien die Arier des mediterranen Typs.

    Zitat:
    "Aber ich habe mich auch gefragt, wie der DUDEN den Arier definiert?
    [*](Völkerkunde, Sprachwissenschaft) Angehöriger eines der frühgeschichtlichen Völker mit indogermanischer Sprache in Indien und Iran. [*](nationalsozialistisch) (in der rassistischen Ideologie des Nationalsozialismus) Angehöriger einer (besonders in Gegensatz zu den Juden definierten) angeblich geistig, politisch und kulturell überlegenen nordischen (2) Menschengruppe."

    Man könnte den Faden noch weiterspinnen. Denn wer sind die Indogermanen? Ich habe folgendes im Netz gefunden:

    Zitat:
    "Seit aber der deutsche Sprachwissenschaftler Franz Bopp (*1791/°1867), etwa um 1820 herum, nachweisen konnte, dass fast alle heute gesprochenen Sprachen Europas (mit Ausnahme des Finnischen, Baskischen, Ungarischen und Estnischen) untereinander verwandt sind und sogar eine gemeinsame Wurzel mit dem Indischen und Persischen aufweisen, wird bis heute nach einem Volk „gefahndet“, das irgendwann einmal eine gemeinsame Sprache gesprochen haben muss.

    Vermutungen
    Aber, unabhängig davon, dass bisher keinerlei eindeutige archäologischen Funde jedweder Art gemacht werden konnten, die auf eine mögliche Zivilisation mit einhergehender kultureller Eigenart schließen lassen, wird inzwischen – trotz nur vager Indizien – von der Wissenschaft mit einiger Sicherheit angenommen, dass dieses „geheimnisvolle“ Volk, wenn es es denn tatsächlich gegeben haben sollte, seinen Ursprung sowohl in mittel- und westeuropäischen Gegenden oder auch – nach anderer Auffassung – in den Steppen Osteuropas um 3500 v. Chr. gehabt, und sich sukzessive in alle Richtungen ausgebreitet haben muss."

    Entnommen aus folgender Quelle:

    http://www.navigator-allgemeinwissen.de/die-wichtigsten-fragen-und-antwo....

    Mein Fazit
    Auch wenn mich jetzt nicht alle Szenen überzeugen konnten, wirkt das ganze Buch authentisch. Es hat mich gepackt, und bis zum Schluss konnte mich die Autorin fesseln.

    Ein Appell, politsch wachsam zu bleiben, und aus der Geschichte lernen. .

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 16. Mär 2019 

    Ein Geschichte über Freundschaft

    Mit "Niemand weiß, dass du hier bist" haben wir hier die Geschichte des jungen Lorenzo und gleichzeitig einen geschichtlichen Abriss der letzten Kriegsjahre des zweiten Weltkriegs im nördlichen Italien vor uns liegen. Dieser Roman ist in einer einfachen Sprache verfasst, ist also einfach zu lesen, spiegelt trotzdem die Geschehnisse in einer stark hinterfragenden und nicht wertenden Art wieder, lässt also dem Lesenden Zeit eigene Schlüsse zu ziehen. Dieses Buch hat einen sehr informativen Charakter und vermittelt in geschickter Form geschichtliches Wissen. Gleichzeitig wird dem Leser in der Geschichte gezeigt was Krieg und Verblendung mit den Menschen macht und welche Schäden angerichtet werden können, könnte dadurch und durch den recht einfachen Sprachaufbau ein den Geschichtsunterricht perfekt untermalendes Buch sein.

    In dem Roman wird die Geschichte des 12-jährigen Lorenzo erzählt, aus dem libyschen Tripolis kommend, wird er von seiner Mutter 1942 zu seinem Schutz in Siena bei seiner Tante Chiara und seinem Großvater einquartiert. Sein Mutter verlässt ihn wieder, um seinem in die Armee eingezogenen Vater zu helfen. Sein Vater hat in der Armee gedient und die Familie sind überzeugte Faschisten. Lorenzo freundet sich in Siena mit dem ebenfalls faschistischen Nachbarsjungen Franco an. In dem Roman werden die geschichtlichen Entwicklungen Italiens gut untergebracht und durch verschiedene Erlebnisse in der Schule und in der Stadt Siena, sowie die politische Entwicklung verändert sich die Figur des Lorenzo langsam und vor allem die Freundschaft zu einem weiteren Nachbarsjungen, Daniele, verwandelt die Haltung Lorenzos sehr nachhaltig.

    Weiterhin ist dieses Buch für mich eine Lehrstunde für menschliches Verhalten und menschliche Wandlungsfähigkeit, zeigt deutlich wie Menschen ticken. Dieses menschliche Verhalten schildert die Giampetro unterschwellig schon fast etwas boshaft, was mir sehr gefallen hat. Gleichzeitig kommen in dem Buch auch viele schon etwas philosophisch anmutende Gedanken zum Thema Leben zum Tragen, allerdings auch das etwas unterschwellig. Das Buch bringt in seiner Geschichte den Gedanken in den Fokus, welches Verhalten von Menschen richtig oder falsch sein könnte, regt ein Nachdenken des Lesers an. Und ein Nachdenken zum Thema Krieg und polemisierendem Verhalten kann ja nicht falsch sein.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 15. Mär 2019 

    Roman gegen das Vergessen

    Die Ereignisse in Deutschland während der Zeit des Nationalsozialismus und des 2.Weltkrieges sind aus vielen Büchern gegen das Vergessen präsent - ob aus Sicht der Bevölkerung, der Verfolgten, KZ-Insassen oder aus der Perspektive Kinder und Jugendlicher, die sich von der Indoktrination haben blenden lassen -

    - wie der Protagonist des Romans von Giampietro, der 11-jährige Lorenzo Guerrini, aus dessen Ich-Perspektive der Roman erzählt wird. Die Handlung beginnt im Jahr 1942 in Siena, wo Lorenzos Großvater, seine Tante Chiara, eine Lehrerin, sowie deren gläubige, katholische Haushälterin Cesarina leben.

    Bis zu diesem Zeitpunkt hat Lorenzo in Tripolis, Libyen, gelebt, das von den Italienern kolonialisiert gewesen ist. Obwohl sein Vater eine Kriegsverletzung hat, wird er erneut in den Kampf in Libyen geschickt, während seine Mutter sich bemüht, seine Rückkehr in Rom zu erwirken. Daher ist Lorenzo nun in der Obhut seiner Verwandten in Siena.

    Lorenzo freundet sich mit Franco Tacconi an, dessen Eltern einen Lebensmittelladen im gleichen Haus wie die Guerrinis besitzen. Die beiden Jungen teilen die Auffassung, dass der Krieg etwas Heroisches sei, man müsse für Ehre und Vaterland kämpfen - eine Einstellung, die ihnen in der Schule eingetrichtert wird.

    "Mamma und Zia Chiara hatten keine Ahnung vom Krieg. Jetzt, mit den Deutschen zusammen, unter der Führung Rommels und meines Vaters, würden wir siegen. Wir würden die Engländer ins Meer zurückwerfen. Papà würde ein Held sein." (18)

    Sie sind von Mussolini begeistert, der Italien ihrer Meinung nach, wieder zu einem Land gemacht hat, auf das sie stolz sein können. Ihr Lehrer vertritt dazu eine simple Meinung:

    "Ein Junge, der zwar gehorcht, aber zugleich fragt >Warum?<, ist wie ein Bajonett aus weichem Bleich. Was sagt Mussolini dazu? Gehorcht, weil ihr gehorchen müsst!" (73)

    Sie sind beseelt vom Faschismus, das Wort

    "kommt von >fascio< [=Rutenbündel]. Deshalb ist das Symbol des Faschismus ein Bündel von dünnen, eng zusammengeschnürten Stangen. Diese Stangen stellen die einzelnen Italiener dar." (63f.)

    Als Lorenzo erkennt, dass seine Tante Chiara seine Einstellung nicht teilt, spioniert er ihr hinterher und findet heraus, dass sie heimlich jüdische Kinder unterrichtet, die nicht mehr in die Schule gehen dürfen. Obwohl er die Rassengesetze selbst nicht nachvollziehen kann -

    "Waren denn die nettesten Menschen in Siena alle jüdisch?" (149)

    - ist er mit dem Handeln seiner Tante nicht einverstanden, die ihn jedoch mit seiner Einstellung konfrontiert:

    "Du bist in einer Fantasiewelt voller Pathos und Helden aufgewachsen. Aber es nicht die echte Welt. In der echten Welt wirst du deine Kindheit schneller verlieren als deinen nächsten Milchzahn." (92)

    Und sie hat Recht - Lorenzo schließt Freundschaft mit dem jüdischen Jungen Daniele und als sich die geschichtlichen Ereignisse in Siena überschlagen, muss er eine wichtige Entscheidung treffen.

    Bewertung
    Der Roman hat mich in vielerlei Hinsicht angesprochen, da

    - er einen Einblick in die italienische Geschichte während des 2.Weltkrieges gibt,
    - er sehr differenziert die verschiedenen Parteien darstellt, ob Partisanen, deutsche Wehrmachtssoldaten oder italienische Faschisten,
    - er glaubwürdig aufzeigt, wie sich Lorenzo weiterentwickelt, welche inneren Beweggründe ihn antreiben und zwischen welchen Konflikten er steht,
    - der Protagonist eine Identifikationsfigur für Jugendliche bietet,
    - er mit einem realistischen Ende aufwartet,
    - er eine für die kindliche Perspektive adäquate Sprache findet, die Lorenzos Handeln nachvollziehbar macht.

    Lesenswert und meines Erachtens gerade für Jugendliche geeignet.