Niemals ohne sie

Buchseite und Rezensionen zu 'Niemals ohne sie' von Jocelyne Saucier
5
5 von 5 (3 Bewertungen)

Die Cardinals sind keine gewöhnliche Familie. Sie haben den Schneid und die Wildheit von Helden, sie haben Angst vor nichts und niemandem. Und sie sind ganze dreiundzwanzig. Als der Vater in der stillgelegten Mine eines kanadischen Dorfes Zink entdeckt, rechnet der Clan fest mit einem Anteil am Gewinn – und dem Ende eines kargen Daseins. Aber beides wird den Cardinals verwehrt, und so schmieden sie einen explosiven Plan, der, wenn schon nicht die Mine, so wenigstens die Ehre der Familie retten soll. Doch der Befreiungsschlag scheitert und zwingt die Geschwister zu einem Pakt des Schweigens, der zu einer Zerreißprobe für die ganze Familie wird.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:255
Verlag: Insel Verlag
EAN:9783458178002

Rezensionen zu "Niemals ohne sie"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 13. Jun 2019 

    eine ganz besondere Familie

    Eine Familie mit mindestens 3 Kindern ist eine Mehrkindfamilie. Ab dem 4. Kind spricht man gern von einer kinderreichen Familie.
    Die amerikanische Fernsehfamilie Walton hatte 7 Kinder - eine Großfamilie. Bei den Waltons stand trotz eines einfachen und schweren Lebens zur Zeit der Weltwirtschaftskrise der Familienzusammenhalt an oberster Stelle. Und dem Zuschauer wurde eine gehörige Portion Familienidylle vermittelt. ("Gute Nacht, John Boy").

    Die Familie Cardinal in Jocelyne Sauciers Roman „Niemals ohne sie“ hat 21 Kinder und liegt somit fernab jeglicher Definition. Auch in dieser Familie steht der Familienzusammenhalt an oberster Stelle. Nur mit der Familienidylle ist es nicht weit bestellt.
    Die Cardinals leben irgendwo in Kanada in einem kleinen Städtchen, das vom Zinkabbau lebt. Noch geht es den Einwohnern der Stadt gut, was nicht zuletzt Vater Cardinal zu verdanken ist, hat er doch vor einiger Zeit das Zink entdeckt und die Abbaurechte an eine Bergbaugesellschaft abgetreten. Vater Cardinal ist ein stiller und heimlicher Gesteinsexperte, den jedoch sein Talent nicht zum erhofften Wohlstand gebracht hat. So verbringt er den Großteil seiner Zeit damit, Gesteinsadern in der Gegend zu suchen und Gesteinsproben zu untersuchen. Einige Auserwählte seiner 21 Kinder haben die Ehre, ihn bei seinen Unternehmungen zu begleiten.

    Die Kinder erziehen sich selbst. Bei 21 Kindern ist es nur natürlich, dass sich Hierarchien herausbilden. Die Großen kümmern sich um die Kleinen, die in der Rangordnung noch ganz weit unten stehen.
    Eine Mutter gibt es auch. Doch die hat ihre eigenen Probleme. Sie ist psychisch labil, vergräbt sich den lieben langen Tag in der Küche, wo sie die Familie bekocht. Die Verantwortung für die Kinder überlässt sie lieber ihrer ältesten Tochter.

    "Sie liebte uns. Man brauchte nur die zärtlichen Blicke zu sehen, mit denen sie ihre Babys bedachte, bevor sie sie mir anvertraute. Doch ihre Liebe kam nicht gegen die Hektik an, mit der sie in die Küche stürzte. Sie vergaß das Baby, vergaß uns alle, einen nach dem anderen, jeden Einzelnen von uns, wegen der kopflosen Liebe, die sie für uns alle empfand, für die Gesamtheit ihrer Kinder, und wenn einer von uns in ihren Gedanken auftauchte, allein und als Individuum in dem Durcheinander aus Kindergesichtern, befiel sie eine panische Angst, weil ihr plötzlich bewusst wurde, dass sie ihn oder sie vergessen hatte."

    Soweit zur Vorgeschichte. Denn der Roman beginnt viel später, in einer Zeit, in der die Kinder längst erwachsen sind und selbst Nachwuchs haben (könnten). Mittlerweile sind die Kinder in alle vier Winde verstreut. Anlässlich einer Ehrung ihres Vaters, der mittlerweile 85 Jahre alt ist, kommt es zu einer Familienzusammenkunft, die bei den Kindern nur bedingt mit Wiedersehensfreude verbunden ist. Was ist also geschehen?
    Der Familie ist ein Unglück widerfahren. Und was genau passiert ist, kristallisiert sich von Seite zu Seite mehr heraus. Die Autorin lässt die Kinder zu Wort kommen – nicht alle 21, sondern die Key Player in der Familie bzw. diejenigen, die mehr oder weniger an dem Unglück beteiligt waren.
    In Rückblenden erinnern sie sich an die tragischen Vorkommnisse in der Zeit ihrer Kindheit. Dabei zeichnen sich 2 Dinge ab. Zum Einen, welchen Einfluss das damalige Geschehen auf die Entwicklung der einzelnen Charaktere genommen hat. Zum Anderen, welche Unbarmherzigkeit das Leben in der Cardinal Familie mit sich brachte. Die Cardinal Kinder bildeten eine Front nach Außen. Die Familie war in der Gegend gefürchtet. Immer galt es, die Familie zu schützen. Da auf die Befindlichkeiten des einzelnen Cardinals keine Rücksicht genommen wurde, und jeder seine Bedürfnisse dem Wohl der Familie untergeordnet hat, ist der eine oder andere unvermeidlich auf der Strecke geblieben. Erstaunlicherweise ist dieser ganz besondere Familiensinn nur von den Kindern gelebt worden und nicht von den Eltern. So war das bei den Cardinals.

    "'In dieser Familie ging es nie darum, glücklich zu sein. Also kann man sich auch nicht beschweren, dass wir es nicht geschafft haben.'"

    Wir haben es also mit einem ganz besonderen Familienroman zu tun. Die Familie ist besonders, ihr Schicksal ist besonders und die Art und Weise, in der die Autorin deren Geschichte erzählt, ist ebenfalls besonders - nämlich besonders berührend.
    Mit ihrem Erstlingswerk "Ein Leben mehr" hat mich Jocelyne Saucier vor 2 Jahren bereits gekriegt. Voller Ungeduld habe ich ihren nächsten Roman erwartet, der mit "Niemals ohne sie" nun erschienen ist. Meine Erwartungshaltung lag zwischen Bangen und Hoffen. Denn es sind schon viele Autoren an der Messlatte gescheitert, die sie mit einem ersten Erfolgsroman gelegt haben. Nicht so Jocelyne Saucier. Die beiden Romane sind von der Thematik her nicht vergleichbar. Aber, was für ein Glück, auch in "Niemals ohne sie" findet sich ihr schriftstellerisches Talent wieder. Sehr behutsam nähert sie sich den Charakteren an. Nach Außen erscheint die Familie als eine Einheit. Doch der Autorin gelingt es, die Eigenheiten jedes Charakters herauszuarbeiten und somit seine Einzigartigkeit innerhalb des Familienclans zu betonen. Dabei umschmeichelt die Handlung eine Melancholie, die diesen Roman zu einem wundervollen Entschleunigungsbuch macht - trotz aller Tragik, die sich in dieser Geschichte am Ende verbirgt.

    Leseempfehlung!

    © Renie

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 10. Jun 2019 

    Ein Geheimnis unter Tage

    Die Cardinals sind mit 21 Kindern eine wahrliche Großfamilie. In der kleinen frankokanadischen Gemeinde Norco lebt die Familie, seit der Vater dort ein großes Zinkvorkommen entdeckt hat. Es ist ein einfaches und ungestümes Leben in einem beengten chaotischen Haushalt. Die Mutter ist Herrscherin über die Kochtöpfe, die älteste Tochter Emilienne Hüterin der Kinder. Der in Aussicht gestellte Reichtum schwindet jedoch, als die Bergbaugesellschaft die Mine schließt und Albert Cardinal sich betrogen fühlt. Die älteren Kinder planen nun Rache an der Gesellschaft zu nehmen und lösen damit ein Ereignis aus, dass die Familie auf immer belastet.
    Jocelyne Saucier rollt in ihrem Roman „Niemals ohne sie“ eine ganz besondere Familiengeschichte vom Ende her auf. Sie erzählt von einem Familientreffen, lange nach der Katastrophe, als alle Cardinals anlässlich einer Ehrung des Vaters zusammen kommen. Die Kinder sind längst alle erwachsen und leben in alle Winde zerstreut. Langsam führt uns die Autorin an die Ereignisse von früher heran, bringt eine über Jahre unausgesprochene Wahrheit zu Tage. Es ist eine Geschichte über Familienzusammengehörigkeit, Schuld und Verdrängung. Jocelyne Saucier verleiht einigen Familienmitgliedern eine Stimme. Dabei beginnt sie mit „Matz“, dem jüngsten Kind der Familie, eine großartige Strategie, denn Matz kennt als Nesthäkchen die Familienvergangenheit, als die Cardinals die Kings von Norco waren selbst nur aus Erzählungen. Nach und nach lesen wir von den rauen Umgangsformen unter den Geschwistern, dem ständigen Kampf um Anerkennung und den richtigen Platz in der Rangordnung. Aber wir lesen auch vom Untergang einer ehemals florierenden Stadt, als die Einkommensquelle nach der Schließung der Mine versiegt ist. So wie der Vater Cardinal mit Leidenschaft nach Erz suchte, so schürft die Autorin Schicht für Schicht um ein tragisches Familiengeheimnis ab.
    Niemals ohne sie ist eine ungezähmte Geschichte, eine Tragödie und dabei doch voller berührender Momente.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 01. Apr 2019 

    Zerreißprobe

    Der neue Roman der Franko-Kanadierin Jocelyne Saucier „Niemals ohne sie“ ist einfach wunderbar, und ich war, was mir selten passiert, ein bisschen traurig, als ich das Buch zuklappte. Es ist die ungewöhnliche Geschichte einer Großfamilie mit 21 Kindern, vielstimmig von den Kindern mäandernd erzählt, voller Wildheit, Leid, Geheimnisse und Zusammenhalt. Es ist kein Wohlfühlbuch, obwohl es viele Momente der Geborgenheit und Fürsorge gibt, treibt ein unglaubliches Geheimnis die 21 Geschwister in alle Welt auseinander, Schweigen und Ausweichen macht sich breit wo vorher Lärm und Lebenslust gewesen ist.

    Die Cardinals nennen sich die Kings von Norco, einer Bergbaustadt im französischen Teil Kanadas. Die Geschwister, wild und nicht besonders zimperlich, keine Sympathieträger, wachsen ziemlich sich selbst überlassen freiheitsliebend und regellos in der verarmten Stadt auf. Der Vater versorgt die Familie als Erzsucher, und hatte einst der Stadt durch einen unglaublichen Zinkfund zu Reichtum und Wohlstand verholfen. Die Schürfrechte der Mine wurden an ein globales Bergbauunternehmen verkauft, das die Mine inzwischen stillgelegt hat. Die Bevölkerung verlässt den Ort inmitten der kanadischen Einöde oder verarmt hier so wie die Cardinals. Die ruppige Kindheit, erzählt am Beginn des Romans von Matz, dem Nachzügler, ist geprägt von Tyrannei gegen andere Kinder, Hauskatzen, schlimmen und weniger schlimmen Streichen gegen die Nachbarn. Doch als Jüngster bekommt Matz nichts mit von dem großen Familiengeheimnis einer dramatischen Entscheidung, die zur Rettung der Familie von den älteren Geschwistern ausgeheckt fürchterlich schief geht und die Geschwister zersplittert.
    Die Spannung im Roman besteht unter anderem darin, dass man nach dem einführenden Erzählung von Matz ständig ein Damoklesschwert über den Erzählungen aus der Sicht der ändern Geschwister spürt, das diese zunächst zu verbergen suchen. Details werden gekonnt allmählich aus verschiedenem Blickwinkel gelüftet, und obwohl oftmals abschweifend ist es eine sehr gut verfolgbare Geschichte, die hier erzählt wird.
    Überraschend und absolut grandios, wie sich aus immer größer werdenden Bruchstücken am Ende ein Bild ergibt, wenn das letzte Puzzleteil an seinen Platz gefallen ist.

    Das Buch besitzt nicht nur durch die Geschichte selbst Dynamik, sondern auch als Studie zwischenmenschlicher Beziehungen und als Milieustudie verarmter Bergbaugebiete. Das Setting einer in Bedeutungslosigkeit versinkenden Stadt, die einst wegen des größten Zinkfundes in Nordamerika aus dem Boden gestampft wurde, im Zusammenhang mit sich selbst überlassenen Kindern, deren Hass auf die Nachbarn, die Suche nach Anerkennung durch den vielbeschäftigte Vater und das Verlangen nach der Liebe der vollkommen ausgelaugten Mutter sind sehr vielschichtig und absolut nachvollziehbar beschrieben. Man ist erstaunt, wie groß der Zusammenhalt der Geschwister in der Kindheit untereinander ist, trotz aller Konkurrenzkämpfe und Machtspiele, die nicht immer harmlos sind. Man mag sie alle, darum geht es in dem Roman aber auch nicht, genauso kann ich über kleine Ungereimtheiten sehr wohlwollend hinweg sehen.
    Es ist einfach ein grandioses Leseerlebnis für mich gewesen. Mit hintersinnigem Witz, warmherzig und spannend erzählt Jocelyne Saucier diese wirklich mitreißende Familiengeschichte.