Nichts als die Nacht: Novelle

Buchseite und Rezensionen zu 'Nichts als die Nacht: Novelle' von John Williams
4
4 von 5 (6 Bewertungen)

Das erste Werk des Autors des Weltbestsellers ›Stoner‹


Das Leben des jungen Arthur Maxley scheint beherrscht von Müßiggang und einem nie verwundenen Trauma aus der Kindheit. Einen Abend, eine Nacht lang, folgen wir Arthur. Zunächst zu einem Dinner mit seinem Vater, den er viele Jahre nicht gesehen hat. Etwas Schwerwiegendes steht zwischen ihnen, Schuld und Scham lasten auf dieser Begegnung, deren hoffnungsloses und abruptes Ende einen Vorgeschmack gibt auf das verheerende Finale dieser Nacht. Die Straßen und Bars des nächtlichen San Francisco sind die Kulisse, vor der sich Arthurs innerer Abgrund auftut. Während er der sinnlichen Verführung durch eine fremde Schöne nachgibt, enthüllt sich Arthurs ganze existenzielle Not: Sein Begehren ist tiefer, als dass erotische oder sexuelle Erfüllung es befriedigen könnten.



Mit einem Nachwort von Simon Strauß

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:160
EAN:9783423281294

Rezensionen zu "Nichts als die Nacht: Novelle"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 11. Okt 2017 

    Psychologisch intensives Debüt

    „Und er dachte an die Dinge, an die er nicht denken sollte, erinnerte sich an Sachen, an die er sich nicht erinnern sollte. Manchmal, wenn er sich so allein dort sitzen und sich erinnern sah, kam er sich wie ein Arzt vor, der beobachtete, wie eine Krankheit aufzog, aber nichts dagegen unternahm. Man hatte ihm gesagt, dass es Dinge gebe, die er vergessen sollte, die er vergessen musste.“

    Eine Außerkörperliche Erfahrung, das Gefühl seinen Körper zu verlassen, über ihm zu schweben und sich selbst als Objekt einer Szenerie von außen zu betrachten, spielen eine große Rolle in John Williams Debüt „Nichts als die Nacht“. Jenseits der Literatur schildern Menschen in körperlichen wie psychischen Notsituation, Unfall- und Gewaltopfer, derartiges. Neurowissenschaftler führen dies auf die Beeinträchtigung verschiedener Bereiche des Hirns zurück und zählen es als Symptom einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Es ist davon auszugehen, daß John Williams dies ebenfalls aus Beobachtung oder eigenem Erleben kennt, denn die vorliegende Novelle schrieb er als 22jähriger Kriegsteilnehmer nach dem Absturz seines Flugzeugs in einem Lager in Burma.

    Gleich zu Beginn seines Buchs schickt er seinen jungen Protagonisten Arthur in eine Out-of-Body-Experience. Es ist die erste, weitere werden folgen. Arthur befindet sich auf einer Party, sieht wohlbeleibte Smokingträger und ihre knapp bekleideten Frauen, erkennt die Details der Wohnung des Gastgebers und entdeckt schließlich sich selbst in einem Sessel sitzend. Er fühlt sich fremd und dieser Gesellschaft ganz und gar nicht zugehörig. Symptome, die ich zunächst auf das jugendliche Alter Arthurs schob. Doch schon die nächsten Szenen zeigen, daß ein Kindheitserlebnis in Arthur eine Depersonalisation hervorgerufen hat. Er leidet unter dem Verlust des Identitätsgefühls, fühlt sich bei sich selbst und bei anderen fremd.

    Er will das Geschehene vergessen. Um dies zu bewältigen, strukturiert er seinen Tag. Doch immer wieder bringen Déjà-Vus ihn außer Fassung. Es gelingt ihm nicht, seine „widerwärtige Einsamkeit“ zu durchbrechen. In einem Café bezieht er überempfindlich alles auf sich. Selbst die Nichtreaktion eines Kellners wertet er feindlich. Er kehrt in seine Wohnung zurück und gerät in ein erotisches Gerangel mit der Putzfrau. Auch deren Verhalten deutet er gegen sich. Spätestens hier wird klar, daß der 24-jährige ein Problem mit Frauen hat, was über das in diesem Alter übliche hinausreicht.

    Auch das Verhältnis zu seinem Vater scheint schwierig. Dessen Briefe lässt er liegen, ein früherer Anruf ließ ihn zusammenbrechen. Welches Drama hat sich in Arthurs Kindheit ereignet? Wir erfahren vom Tod seiner Mutter, die von Arthur wie die Gute-Nacht-Kuss-Szene beweist in Proust’scher Weise vergöttert wurde. Eine Mutter, auf die sich wie die Szene ebenso zeigt der Junge nie vollkommen verlassen konnte.

    Gespannt wartet der Leser auf eine Antwort, während Williams ihn weiter an der Seite seines Helden durch die Nacht schickt. In einer Bar trifft der sich mit einem Freund, den er eigentlich nicht mag. Im Regency trifft er den Vater, der die Nähe zu seinem Sohn sucht. Fast gelingt dies. Doch das plötzliche Erscheinen einer Frau, die auf fatale Weise der Mutter ähnelt, blockiert die Annäherung. Arthur treibt es in die Nacht, in die „monströse Unpersönlichkeit einer Menschenmenge“. Edward-Hopper-Momente der Anonymität und Verlorenheit beherrschen sein Inneres. Da trifft er in der Bar eine Schönheit, trinkt mit ihr, fühlt sich vertraut und begleitet sie nach Hause.

    Zuvor offenbart ein Flashback Arthurs Kindheits-Katastrophe. Das entrückte Gesicht einer Nachtclub-Tänzerin erinnert ihn an die Mutter und katapultiert ihn in das zurückliegende Geschehen. Die Details und auch die Folgen möchte ich nicht vorwegnehmen. Arthurs weiteres Schicksal lässt Williams offen. In meinen Augen befreit die Katharsis sein Ich, doch das ist reine Interpretation.

    John Williams 1948 erstmals aufgelegtes Debüt, von dem er sich laut Nachwort lange distanzierte, ist ein psychologisch interessantes Werk, das intensive Innensichten zeigt. Viele Vorausdeutungen befeuern die spannungsgeladene Atmosphäre, in der sogar der Regen „Striemen“ und „Hiebe“ austeilt. Auffallend sind Williams’ Metaphern. Wenn er das Erwachen einer traumatischen Erinnerung als „ein Knurren des dunklen Ungeheuers“ beschreibt, ist dies nachvollziehbar. Wenn er vom „blinden Bauch des Nichts“ spricht, bleibt das Bild rätselhaft. Sogar in dieser dramatischen Geschichte taucht ein wenig Humor auf, wenn Arthur den Blender Stafford entlarvt, der hinter einem „sanften, rätselhaften Lächeln, so als verfüge er über unendliche Weisheit“ nur „tiefe Leere“ verbirgt. Und ein bisschen Proust zeigt nicht nur die Zu-Bett-Geh-Szene, sondern auch die häufige Erwähnung der „verlorenen Zeit“. „Verstand und Erinnerung erlaubten es ihm, in der Zeit zurückzuwandern: Wo die Zeit verloren schien, dort konnte er bleiben“ oder „Verlorene Zeit, dachte er, das ist die beste Zeit des Lebens. Die Zeit des Sommers, in der schillerndes Licht die Blätter der Bäume verwebt.“

    Zu den Literarischen Vorbildern finden sich im Nachwort von Simon Strauß keine Angaben, dafür erzählt es ausführlich die Entstehungsgeschichte. Williams mag traumatisiert gewesen sein. Das vorliegende Werk jedoch auf diese Kriegserfahrungen zurück zu führen, scheint mir fraglich. Es handelt sich um einen gut konstruierten mit literarischen Mitteln gestalteten, fiktiven Text, der in expressiver, aber nie surrealer Weise, das psychische Erleben seines Protagonisten in den Mittelpunkt stellt.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 09. Okt 2017 

    Verstörendendes, aber gut geschriebenes Psychogramm

    Dieses Buch ist ein Frühwerk des 1994 verstorbenen Autors John Williams. Es beschreibt 12 Stunden im Leben des jungen Arthur Maxley. Wie die anderen Werke besticht auch dieses durch seinen dichten, bildhaften Sprachstil.

    Zum Inhalt:
    Einen Abend und eine Nacht lang begleiten wir Arthur durch Bars, Restaurants und ein Tanzlokal. Er macht interessante Begegnungen, trifft nach drei Jahren seinen Vater wieder, mit dem ihn ein verstörendes Geheimnis verbindet, und lernt eine schöne Frau kennen. Der Leser wird sehr stark in diese intensive dunkle Atmosphäre hineingezogen und merkt früh, dass das offensichtlich von finanziellen Nöten unberührte Leben des Protagonisten eine dunkle Stelle in der Vergangenheit aufweist, die ihn hin und her wogen und zum Alkohol greifen lässt.

    Persönliche Meinung:
    Das gesamte Buch handelt vom Psychogramm einer schwer traumatisierten Person. Es ist intensiv erzählt, so dass man sich durchaus Gedanken um die agierenden Personen macht und sich in den Protagonisten Arthur hineindenken kann.
    Die Geschichte ist handwerklich gut geschrieben. Insbesondere der Sprachstil mit zum Teil sehr schönen Beschreibungen und Metaphern hat mir sehr gut gefallen.

    Am Ende ließ mich die Novelle jedoch verstört zurück: Das Drama spitzte sich zu und wie der Titel verspricht, blieb nichts als die Nacht….
    Gerade zum Ende hin hat mich der Handlungsfaden des Buches verloren, was ich als sehr schade empfunden habe, weil mich die erste Hälfte sehr fesselte.
    Vielleicht kann ich mich einfach nicht in eine gespaltene und beschädigte Persönlichkeit hineinversetzen?
    Vielleicht waren auch meine Erwartungen an dieses Buch nach „Stoner“ und „Butchers Crossing“ einfach zu hoch.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 08. Okt 2017 

    zerrissen, getrieben, tragisch

    Der Amerikaner John Williams hat sich seit der Wiederentdeckung und Neuauflage seines Romanes "Stoner" im Jahre 2006 posthum zum Kultautor entwickelt. Die meisten Leser, die sich mit den Büchern von Williams beschäftigen, sind von seinem kraftvollen Sprachstil angetan.

    In der vorliegenden Novelle "Nichts als die Nacht" handelt es sich um das Erstlingswerk des Autors, das er im Alter von 22 Jahren geschrieben hat. Die Umstände, unter denen dieses Buch entstand, sind mehr als ungewöhnlich: Williams trat während des 2. Weltkrieges in das US Army Air Corps ein und wurde zum Kriegseinsatz nach Indien und Burma versetzt. Nach einem Flugzeugabsturz über dem Dschungel Burmas, wartete er schwerverletzt und von Todesangst geplagt auf seine Rettung. In dieser Zeit schrieb er sein Erstlingswerk "Nichts als die Nacht".

    "Dann aber glaubt er plötzlich, dass ihm nie ein Vorwurf für das gemacht werden konnte, was immer ihm auch im Laufe seines Lebens widerfuhr. Denn er handelte nicht aus eigenem Antrieb, hatte es nie getan. Irgendeine unsagbare Kraft drängte ihn von einem Ort zum anderen, und dies auf Wegen, die er vielleicht gar nicht nehmen wollte, durch Türen, von denen er nicht wusste, wohin sie führten, und es auch nicht wissen wollte. Alles war dunkel, namenlos, und er ging durch diese Dunkelheit." (S. 90)

    "Nichts als die Nacht" behandelt 12 Stunden im Leben des Arthur Maxley. Während dieser 12 Stunden präsentiert sich dem Leser ein verstörter und seelisch zerrissener Protagonist, angetrieben von einer traumatischen Kindheitserinnerung, die er zwar zu unterdrücken weiß, die ihn aber trotzdem ständig unterschwellig begleitet. Diese Kindheitserinnerung scheint der Schlüssel zu seinen seelischen Problemen zu sein. Während dieser 12 Stunden wird Arthur nach einem morgendlichen Spaziergang einen Bekannten in einer Bar treffen. Später ist er mit seinem Vater verabredet, der aus beruflichen Gründen nur selten in Amerika ist, ebenfalls auf der Flucht vor der Vergangenheit. Zum Ende des Tages wird er wieder in einer Bar landen, wo durch ein banales Ereignis die Erinnerung, die ihn seelisch quält, auf einmal präsent sein wird. Er wird von einer Frau aus der Bar mit in ihre Wohnung genommen. Am Ende wird der Abend jedoch nicht so verlaufen wie beide gehofft haben.

    Die Frage, welche den Leser von Beginn an beschäftigt, lautet: "Was ist in Arthurs Kindheit passiert, dass er zu dem geworden ist, der er ist?" Zum Ende wird der Leser zwar eine Antwort auf diese Frage erhalten. Doch trotzdem wird er nicht mit dieser Antwort zufrieden sein. Zu intensiv ist Arthurs innere Getriebenheit und das damit verbundene Gedankenchaos, das sich auf den Leser überträgt. Natürlich fragt man sich auch, wieviel John Williams in der Figur des Arthur Maxley steckt. Diese Frage lässt sich nur ansatzweise beantworten und lässt daher viel Raum für Spekulationen. Das hochinteressante Nachwort von Simon Strauß in der Ausgabe des dtv Verlages liefert dankenswerterweise einige Erklärungsansätze, die am Ende für ein wenig Entspannung und Ordnung in dem Gedankenchaos sorgen.

    "Der Morgen hatte etwas an sich, was er nicht mochte, etwas, wie er fand, geradezu Obszönes. Es war, als erhöbe sich die Zeit allmorgendlich aufs Neue aus ihrem nächtlichen Grab, um über die Erde zu schleichen und sie sowie alles, was darauf wandelte, mit klammen Händen zu berühren. Und der Morgentau verströmte einen modrigen, übel riechenden Duft, der ihm so unangenehm in die Nase drang wie der muffige Geruch düsterer Zimmer in verlassenen Häusern." (S. 18)

    Wer "Stoner" gelesen hat, wird sich fragen, ob diese Novelle wirklich von John Williams ist. Denn den wundervollen Sprachstil in dem "Stoner" geschrieben ist, der den Leser in einen Zustand innerer Ruhe versetzt, gibt es hier nicht. Stattdessen erwartet den Leser Zerrissenheit, Getriebenheit und Tragik. Das macht das Lesen sehr anstrengend, lässt man sich doch von dieser hohen Emotionalität anstecken. Der damals erst 22-jährige Williams, schriftstellerisch noch völlig unerfahren, entwickelte in seinem Erstlingswerk eine förmliche Gier nach der ultimativen Metapher. Ich bin sonst Freund einer metapherreichen Sprache. Doch hier war es mir einige Male des Guten zu viel. Zu abstrus und gezwungen wirkten die Sprachkonstruktionen. Simon Strauß erklärt dies in seinem Nachwort mit "dem jugendlichen Drang nach Vergegenwärtigung" und dem "allgegenwärtigem Wunsch nach Intensität, nach unbedingter Wirkung eines jungen Autors". Diesen Erklärungsansatz will ich gern akzeptieren. Glücklicherweise hat Williams diese Gier mit den Jahren in den Griff bekommen.

    Fazit:
    Dem Nachwort entnehme ich, dass John Williams sein Erstlingswerk in seinen späteren Jahren verleugnet hat. Der Verfasser des Nachworts vermutet, dass Williams die Geschichte "zu unfertig, zu verletzlich und angreifbar" erschien. Vielleicht war es dem späteren Williams auch einfach nur peinlich, was er als Jüngling in dieser damals hochdramatischen Situation im Dschungel fabriziert hat.

    Wie auch immer, seine Selbstkritik ist meines Erachtens übertrieben. Denn diese Novelle ist nichts, wofür man sich schämen muss. Sie ist das Werk eines unerfahrenen Schriftstellers, der sich seine Todesangst von der Seele geschrieben hat. Dass daraus eine Geschichte entsteht, die verstörend und anstrengend ist, ist dabei nur verständlich.

    © Renie

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 07. Okt 2017 

    Eine sehr ausdrucksstarke Erzählung

    Was für ein Buch. Eine sehr gut geschriebene Erzählung.

    Ich werde nun meine Posts von der Leserunde hier einfügen, damit ich nicht alles neu schreiben muss. Außerdem ist in der Leserunde noch viel nachzulesen für alle, die mehr über das Buch erfahren möchte. Aber Vorsicht, es wird dort viel verraten, damit tue ich mir oftmals schwer, über den Inhalt so zu sprechen, ohne zu viel vom Inhalt preis zu geben ...

    Morgen ist Feiertag, und so werden die anderen TeilnehmerInnen sich der Runde noch anschließen.

    Zur Erinnerung gebe ich erneut den Klappentext rein:

    "Das Leben des jungen Arthur Maxley scheint beherrscht von Müßiggang und einem nie verwundenen Trauma aus der Kindheit. Einen Abend, eine Nacht lang, folgen wir Arthur. Zunächst zu einem Dinner mit seinem Vater, den er viele Jahre nicht gesehen hat. Etwas Schwerwiegendes steht zwischen ihnen, Schuld und Scham lasten auf dieser Begegnung, deren hoffnungsloses und abruptes Ende einen Vorgeschmack gibt auf das verheerende Finale dieser Nacht. Die Straßen und Bars des nächtlichen San Francisco sind die Kulisse, vor der sich Arthurs innerer Abgrund auftut. Während er der sinnlichen Verführung durch eine fremde Schöne nachgibt, enthüllt sich Arthurs ganze existenzielle Not: Sein Begehren ist tiefer, als dass erotische oder sexuelle Erfüllung es befriedigen könnten."

    Mir ging es ähnlich wie meiner Mitstreiterin Anne Parden. Bin auch nicht so leicht in die Geschichte reingekommen und hatte schon die Befürchtung, aus Arthurs dunklem Traum nicht mehr rauszukommen. Aber die Wende kam ja ziemlich bald. Auf den ersten Seiten lernen wir Arthur kennen, in seiner dunklen Welt lebend und recht einsam. Man spürt als Leserin, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmt. Außerdem hat mich die Einsamkeit des jungen Arthurs betroffen gestimmt. Sehr sprachgewaltig habe ich diese Szene bzw. diese Beschreibung erlebt.

    Zitat:
    "Und während er so an diesem Hochsommerabend durch überfüllte Straßen ging, überfüllte ihn jene, die man nur in der monströsen Unpersönlichkeit einer Menschenmenge empfinden kann, dieses unvergleichliche Gefühl puren Alleinseins, wie man es unter keinen anderen Umständen spürt. Die einsame Gestalt in der sich kaum veränderten Weite einer Wüste ist nicht so allein, wie man sich in der Unendlichkeit einer überfüllten Stadt verloren fühlen kann. (...) Die aberhundert fremden Leiber, die unwissentlich streifen, die aberhundert fremden Blicke, die auf sein Gesicht fallen, ohne es zu sehen oder zu erkennen, die Stimmen, die um ihn herum und über ihn hinwegreden, nie aber mit ihm - darin liegt wahre Einsamkeit." (2017,84)

    Man bekommt schnell mit, dass der junge Arthur seine Mutter wohl verloren haben muss. Man weiß aber noch nicht, was tatsächlich passiert ist. Man nimmt an seinen Gedanken teil, an seinen Erlebnissen mit der Mutter, an die er sich süßlich erst zurückerinnert in der Art, wie ich es von Proust kenne ... Dann die Angst vor dem Vater, oder vielmehr die Abneigung gegen ihn. Man muss weiterlesen, um mehr Klarheit zu bekommen, denn so scheint es, dass beide vor irgendetwas davonlaufen. Die Beziehung zwischen dem Vater und Arthur scheint auch gestört zu sein.

    Zwischendrin besucht Arthur ein Tanzlokal, in dem Striptease auf der Bühne auftreten. Nun ist er unter Menschen, lernt Claire kennen, und doch fühlt er sich nicht wohl. Er sehnt sich danach, wie Blinde und Gehörlose zu leben, die die Welt von innen erfassen, und sich nicht von Äußerlichkeiten blenden zu lassen … Arthur fühlt sich zu Claire hingezogen. Findet an ihr Seiten, die ihn stark an seine Mutter erinnern lassen. Nach der Tanzparty gehen sie gemeinsam zu Claire nach Hause und dort passieren Dinge, mit denen man als Leserin nicht gerechnet hätte.

    Auch mit der Art des Ausgangs habe ich nicht gerechnet. Nun ist es raus, was mit der Mutter passiert ist. Nun ist es raus, weshalb Arthur ein so einsamer Mensch ist, der sich in einer dunklen Welt am wohlsten fühlt, so scheint es. Das Ende erlebte ich als sehr schockierend und stimmt mich sehr nachdenklich. Da dies eine relativ kurze Erzählung ist, möchte ich nicht zu viel verraten.

    Aber es bleiben auch Fragen offen. Nicht alles konnte geklärt werden ...

    Mein Fazit?

    Super Schreibstil, super Themen, sodass ich von dem Autor noch die anderen Bücher lesen möchte. John Williams verfügt über fundierte Kenntnisse der Psychologie, ist literarisch sehr sprachgewandt und versiert, er schafft es, so schwere Themen wie diese auf wenigen Seiten zu packen. Auch das Nachwort von Simon Strauß fand ich sehr hilfreich und sehr interessant, gibt von dem Autor auch etwas Biografisches kund.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 05. Okt 2017 

    Metaphern reich und Antworten arm

    Der Erstlingsroman von John William, Autor von "Stoner", ist entstanden, nachdem der jungen Air Force Pilot Willams zu Beginn des 2.Weltkriegs auf einem Erkundungsflug in Burma abgeschossen wurde und sich in einem Lager von den traumatischen Erlebnissen erholt hat.
    Im Nachwort heißt es, es sei "das Werk eines Zweiundzwanzigjährigen, den die unmittelbare Begegnung mit dem Tod verstört zurückließ und zu einer Auseinandersetzung mit dem eigenen Schicksal zwang." (S.152).

    Diese Verstörung stellt sich auch beim Lesen ein, ganz besonders nach dem offenen Ende, das viele Fragen unbeantwortet lässt.

    Worum geht es?
    Wir erleben gemeinsam einen Tag und eine Nacht mit Arthur Maxley in San Francisco, der mit einem surrealen Traum des Protagonisten beginnt. Er sieht auf einer Party einen Fremden.

    "Ihn schien eine innere Ruhelosigkeit zu plagen, die ihm keinen lockeren Umgang mit sich oder den anderen gestattete. Angespannt beugte er sich im Sessel vor, als sei er kurz davon, aufzuspringen und in heller Panik zu fliehen." (S.11)

    Dieser Fremde wird von allen bedrängt, immer näher rücken die Menschen bedrohlich an ihn heran und der Träumende erkennt,

    "das hier war seine wahre Identität, das war er selbst" (S.14)

    - ein Fremder in der Menge, außerhalb der Gesellschaft.

    Nach dem Aufwachen beschließt er sein Versprechen einzuhalten und in den Park zu gehen, seinen Tag auszufüllen, um den Selbstreflexionen zu entgehen? Es gelingt ihm nicht dorthin zu kommen, statt dessen frühstückt er und kehrt in seine Wohnung zurück, in der eine Überraschung auf ihn wartet:
    Ein Brief seines Vaters, den er schon seit drei Jahren nicht mehr gesehen hat. Das letzte Telefongespräch verursachte einen psychischen Zusammenbruch Arthurs. Was ist geschehen?

    Spontan verabredet er sich mit seinem Vater für den Abend.
    Wir erfahren, dass Arthur voller Zärtlichkeit an seine Mutter zurückdenkt, aber auch, dass sie tot ist und dass es mit dem Tod etwas Seltsames auf sich hat.
    Sie scheint eine labile Frau gewesen zu sein, minutiös beschreibt Arthur das Ritual des Gute-Nacht-Sagens.

    "Er hatte gelernt, dass er in diesem heikelsten aller Augenblicke abwarten musste, in welcher Stimmung sie war. Manchmal legte sie die Arme um ihn, streckte sich neben ihm aus, zerzauste sein Haar und flüsterte ihm zu. Bei anderen Gelegenheiten wirkte sie abgelenkt, abwesend, nicht ganz bei ihm." (S.46)

    "Das ist die beste Zeit im Leben, dachte er erneut: Wenn man noch sehr jung ist, wenn das Leben einfach scheint, eine vollkommene Abfolge goldener Augenblicke." (S.47)

    Bevor er seinen Vater sieht, trifft er beim Mittagessen ein Freund. Die einzige Szene im Roman, die "normal" wirkt. Doch die Bitte des Freundes ihm Geld zu leihen, schlägt er ab. Als dieser ihm vorschlägt, doch seinen Vater zu fragen, ist Arthur voller Angst.

    Auch das Gespräch mit dem Vater offenbart nicht das Familiengeheimnis, doch die aufkeimende Wärme zwischen beiden wird jäh gestört, als eine Geliebte des Vaters auftaucht. Der Vater ist wie der Sohn auf der Flucht vor jenen schrecklichen Ereignissen, die zwischen den beiden ungesagt bleiben.

    "Hast, dachte er, ständige Hast, immerwährende Flucht, Tage ohne Ende und kein Entkommen." (S.69)

    Während der Vater sich jedoch in seiner Arbeit vergräbt, ist Arthur in seinen Selbstreflexionen gefangen.

    "Wer könnte das schon, die Seele säubern?" (S.151)

    Im Anschluss besucht Arthur einen Nachtclub und flirtet mit einer jungen Frau. Beim Auftritt einer Tänzerin, die in völliger Ekstase sich ihren Bewegungen hingibt, wird Arthur von seinen Erinnerungen an jenen Abend überflutet, der die die Familie Maxley zerstört hat.

    Eine Erinnerung, die mehr Fragen offen lässt, als sie beantwortet und die zu einem Verhalten gegenüber der jungen Frau führt, dass sehr verstörend ist. Aus einer Angst wird Hass, der sich entlädt - plötzlich und unerwartet. Abrupt endet der Roman und lässt die Leser*innen allein.

    Bewertung
    Ein sehr intensiver Roman, den man nicht mal eben so zwischendurch lesen kann und der volle Aufmerksamkeit erfordert. Die Sprache ist so metaphernreich, dass es schon fast zu viel des Guten ist. Interessanterweise hat der Autor die Novelle in späteren Jahren verleugnet, weil sie ihm - wie es im Nachwort heißt - zu unfertig schien.

    Sie wirkt tatsächlich nicht "fertig", am Ende stolpert der Protagonist allein in die Nacht. Ohne eine Versöhnung mit den Vater, ohne Zukunft, innerlich angetrieben.

    Viele offene Fragen, was bleibt ist eine "Metaphernvielfalt", dynamische Passagen, wie der ekstatische Tanz, neben anstrengend zu lesenden Selbstreflexionen und das Aufdecken eines traumatischen Erlebnisses, mit der Protagonist offenkundig nicht leben kann

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 02. Okt 2017 

    Zwölf Stunden voller Melancholie...

    Arthur Maxley ist vierundzwanzig Jahre alt, gibt vor zu studieren, führt aber das Leben eines Müßiggängers, finanziert vom regelmäßigen Scheck seines Vaters. Doch genießt er das Nichtstun nicht etwa, sondern leidet am Leben selbst. Seit einem traumatischen Erlebnis, das sich in seiner Kindheit zutrug, meidet Arthur den Kontakt zu seinem Vater, pflegt kaum Freundschaften und versucht vor allem eines: zu vergessen. Oft greift er dafür zum Alkohol, hoffend auf die Dunkelheit, die ihm die Erinnerung nimmt.

    "In seinem Kopf wummerte es dumpf, der Mund fühlte sich wie Watte an vom schalen Nachgeschmack des Alkohols, den er am Abend zuvor getrunken hatte, hier, allein in seiner Wohnung (...) Angewidert blickte er sich um. Eine Schublade stand weit offen, benutzte Taschentücher, getragene Schlipse und Socken hingen schlaff über den Rand. Mitten auf dem Boden war ein Aschenbecher umgekippt und hatte Asche und Zigarettenstummel über den Teppich verstreut. Hier sieht es aus wie in meiner Seele, dachte er. Unordentlich und schmutzig." (S. 15 f.)

    Der Debütroman von John Williams, der v.a. durch seine Romane 'Stoner' und 'Butchers Crossing' bekannt wurde, erzählt von zwölf Stunden im Leben des Arthur Maxley. Dabei geschieht nicht wirklich viel (der Versuch eines Spaziergangs, ein Mittagessen mit einem Freund, ein Treffen mit seinem lange nicht gesehenen Vater, der Besuch eines Nachtclubs), doch der Fokus liegt hier auch weniger auf dem äußeren Geschehen. Den Leser erwartet hier eine Nabelschau, ein Blick auf das Innenleben Arthurs, zwölf Stunden voller Unruhe, Angst und Raserei, durchzogen von surreal anmutenden Träumen, Visionen und Erinnerungen. Arthur hat das Trauma, das sich in seiner Kindheit zutrug, nie wirklich verwunden, sondern wird bis heute in seinen Gedanken und Gefühlen davon beherrscht. Große Einsamkeit dominiert sein Leben.

    "Und während er so an diesem Hochsommerabend durch überfüllte Straßen ging, überfiel ihn jene seltsame Einsamkeit, die man nur in der monströsen Unpersönlichkeit einer Menschenmenge empfinden kann, dieses unvergleichliche Gefühl puren Alleinseins (...) Die aberhundert fremden Leiber, die ihn unwissentlich streifen, die aberhundert fremden Blicke, die auf sein Geischt fallen, ohne es zu sehen oder zu erkennen, die Stimmen, die um ihn herum und über ihn hinweg reden, nie aber mit ihm - darin liegt wahre Einsamkeit." (S. 84)

    Der Leser begleitet Arthur dabei, wie er durch die zwölf Stunden eines Tages taumelt, gedanklich um die Schwere des Lebens kreisend, getrieben von einer ungeahnten Kraft, auf der Suche nach - ja, was? Melancholisch ist der Ton der Erzählung, verstörend oft der Inhalt - und für mich vor allem das Ende. Als Arthur den Leser schließlich verlässt, hatte ich nicht den Eindruck, dass er künftig mehr mit sich im Reinen würde leben können oder dass sich durch die Ereignisse dieser zwölf Stunden etwas zum Positiven hat verändern können. Und so ließ mich der Roman nicht nur verwirrt, sondern auch eher bedrückt zurück.

    "Dann aber glaubte er plötzlich, dass ihm nie ein Vorwurf für das gemacht werden konnte, was immer ihm auch im Laufe seines Lebens widerfuhr. Denn er handelte nicht aus eigenem Antrieb, hatte es nie getan. Irgendeine unsagbare Kraft drängte ihn von einem Ort zum anderen, und dies auf Wegen, die er vielleicht gar nicht nehmen wollte, durch Türen, von denen er nicht wusste, wohin sie führten, und es auch nicht wissen wollte. Alles war dunkel, namenlos, und er ging durch diese Dunkelheit." (S. 90)

    Das Nachwort verrät, dass John Williams erst zweiundzwanzig Jahre alt war, als er dieses Buch schrieb - nach einem Abschuss im Zweiten Weltkrieg bei einem Erkundungsflug über Burma überlebte er wie durch ein Wunder und versuchte durch Schreiben, sich von seinen Verletzungen und seinem Schock zu erholen. Auch wenn mich die Düsternis der Erzählung erschreckt hat, ist das spätere Talent des Autors auch in seinem Debüt deutlich zu erkennen. Die Sätze erscheinen sorgfältig gefeilt, die Erzählung überbordend von Adjektiven, Bildern und Metaphern, die alle der Darstellung der großen Verzweiflung des Arthur Maxley dienen. Insofern ein Werk von nicht zu leugnender erzählerischer Kraft.

    Ein beeindruckendes, wenn auch verstörendes Debüt, das von der sensiblen Wahrnehmung seines Autors zeugt. Ich bin jetzt jedenfalls neugierig geworden auf die späteren Werke von John Williams...

    © Parden