Neapolitanische Saga

Buchseite und Rezensionen zu 'Neapolitanische Saga' von Elena Ferrante
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5 von 5 (1 Bewertungen)

Es sind die turbulenten siebziger Jahre und die beiden inzwischen erwachsene Frauen. Lila ist Mutter geworden und hat sich befreit und alles hingeworfen – den Wohlstand, ihre Ehe, ihren neuen Namen – und arbeitet unter entwürdigenden Bedingungen in einer Fabrik. Elena hat ihr altes neapolitanisches Viertel hinter sich gelassen, das Studium beendet und ihren ersten Roman veröffentlicht. Als sie in eine angesehene norditalienische Familie einheiratet und ihrerseits ein Kind bekommt, hält sie ihren gesellschaftlichen Aufstieg für vollendet. Doch schon bald muss sie feststellen, dass sie ständig an Grenzen gerät.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:450
EAN:9783518425756

Rezensionen zu "Neapolitanische Saga"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 28. Sep 2017 

    Wie Lila und Elena die 68er erleben

    Lila und Elena sind erwachsen geworden und trotz ihrer ähnlichen Herkunft und ihrer engen Freundschaft könnten ihre Lebenswege kaum unterschiedlicher verlaufen. Lila, getrennt von ihrem Mann Stefano, führt ein ärmliches Dasein mit ihrem Sohn und verdient sich ihren Lebensunterhalt mühsam in einer Fleischfabrik. Elena hingegen setzt ihre Schriftstellerkarriere fort: Ihr erstes Buch wird ein Erfolg, sie beginnt Artikel für Zeitungen zu schreiben und festigt so ihren Ruf als Autorin und Intellektuelle. Doch als sie Pietro heiratet, den Sohn einer bedeutenden Familie, lässt sie sich nach und nach in die Rolle der Hausfrau und nach der Geburt ihrer Kinder in die der Mutter drängen, während sich um sie herum die Gesellschaft in einem Umwälzungsprozess befindet, in den auch ihre früheren Freunde verwickelt sind.
    So krass wie in diesem Buch sind mir die Unterschiede zwischen Lila und Elena, der Ich-Erzählerin, bisher nicht bewusst geworden. Doch hier ist es überdeutlich, finde ich: Während Lila stets nach ihren Überzeugungen handelt und dafür jede Menge Nachteile in Kauf nehmen muss, ist bei Elena der vorherrschende Gedanke ihres Handelns: Was denken die Anderen von mir? In all ihrem Tun findet sich bis knapp vor dem Ende des Buches nie der Satz: Ich will ... Ihr Erfolg ist auch die Belohnung dafür, stets den Erwartungen derer zu entsprechen, zu denen sie gehören will. Doch als ihre unterdrückten Wünsche und Bedürfnisse zu stark werden, endet Alles in einem Eklat.
    Lila hingegen hat noch nie den Erwartungen entsprochen, was sie eine Menge Kraft gekostet hat. Als sie endlich Erfolg hat und richtig viel Geld verdient, sieht man im Rione über ihre Extravaganzen hinweg und heisst sie wieder willkommen - doch bis dahin war es ein harter Weg.
    Neben den Schilderungen dieser Zeitabschnitte im Leben der beiden Frauen spielt auch die damalige gesellschaftliche Situation in Italien eine wichtige Rolle in der Geschichte. Auch dort gab es die 68er, studentische Unruhen, man kämpfte für die unterdrückten Arbeiter, ohne jedoch eine Ahnung davon zu haben, wie es diesen tatsächlich erging oder was diese wollten. Ferrante beschreibt beispielhaft an der Situation der beiden Frauen, wie Elenas 'Seite' nur das Beste für die Armen wollte, wohingegen Lila und ihre KollegInnen den Unmut ihrer Arbeitgeber ausbaden mussten.
    Wer will, kann dieses Buch (wie auch die beiden vorherigen Bände) als fesselnde Erzählung einer Frauenfreundschaft lesen. Es ist aber auch ein Gesellschaftspanorama, das einem die Welt eines Italiens nahe bringt, das so noch nicht bekannt war (mir zumindest nicht ;-)). Ich freue mich schon sehr auf den vierten Band!