Nacht in Caracas: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Nacht in Caracas: Roman' von Karina Sainz Borgo
4.65
4.7 von 5 (3 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Nacht in Caracas: Roman"

Diskussionen zu "Nacht in Caracas: Roman"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:224
Verlag: S. FISCHER
EAN:9783103974614

Rezensionen zu "Nacht in Caracas: Roman"

  1. Bericht aus der Hölle

    In ihrem Debüt berichtet Karina Sainz Borgo über die jüngste Geschichte Venezuelas. Wir, die Leser, erleben einige Tage aus dem Leben der Protagonistin Adelaida Falcón. Sie lebt in der Hauptstadt Caracas. Die Inflation ist auf einem dramatischen Niveau und die Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten ist kollabiert. Die Bevölkerung Venezuelas leidet unter Hunger und einer Knappheit aller Güter des täglichen Bedarfs. Kriminelle Banden, sogenannte Colectivos, werden von der Regierung eingesetzt, um die Bürger einzuschüchtern und Proteste zu zerschlagen.

    Zwar ist im Roman nicht explizit von einem bestimmten Jahr die Rede, aber ich als Laie würde die Geschichte so grob im Zeitraum 2016 - 2019 vermuten. Da waren die wirtschaftliche und politische Krise auf dem Höhepunkt. Mich haben die grausigen Umstände, die im Buch geschildert werden, zum Teil sehr betroffen gemacht, da ich weiß, dass sie nahe an der Realität sind. Gleichzeitig fand ich es irgendwie auch lehrreich zu erfahren, wie sich die Menschen in solchen Krisen verhalten. Ich finde, es ist Karina Sainz Borgo sehr gelungen, ein umfassendes Bild von Caracas während der Unruhen zu liefern. Dabei erhebt der Roman streng genommen nicht den Anspruch ein dokumentarisches, sondern ein literarisches Werk zu sein. Daher auch ein paar Worte zum Erzählerischen: Auch das ist insgesamt sehr gelungen. Es gibt überraschende Wendungen, einige Rückblenden und alles ist bis aufs Detail durchdacht.

    Einen Stern Abzug gibt es bei mir, weil ich erstens die Protagonistin etwas dröge fand und zweitens weil ich die sprachliche Ausgestaltung nicht immer gelungen fand. Die Sprache ist meistens sehr nüchtern gehalten, aber ab und zu gibt es Versuche, dem Ganzen etwas Lyrisches einzuhauchen, was meiner Meinung nach nicht immer gelang. (Vergleiche wie „Jedes Meer ist ein Operationssaal, in dem ein scharfes Skalpell die zerreißt, die es zu überqueren wagen.(S.177)" fand ich befremdlich.)

    Teilen
  1. 5
    20. Mai 2022 

    Das Wesen einer Diktatur

    Ein intensives und nachdenklich machendes Leseerlebnis! Ein Blick nach Venezuela in einer Intensität, die weh tut, die schmerzt, die nachdenklich macht. Eine Geschichte, die beim Lesen einen Unglauben hervorruft, die so unwahrscheinlich klingt, dass ich anfange zu recherchieren. Und das, was mir dann im Netz in meine Augen sticht, entspricht dieser etwas dystopischen Geschichte von Karina Sainz Borgo. Dass es in Venezuela zu Unruhen kam und die Lebensmittel knapp werden, dies wusste ich. Aber das Agieren dieser politischen Gruppierungen, dieser Kommandos, die die Einwohner berauben und bedrohen, das Agieren der Chavisten, dies war neu für mich. Ein erschreckendes und verstörendes Szenario. Und ein Szenario, welches das Wesen einer Diktatur sehr anschaulich verdeutlicht.

    Adelaida Falcón aus Caracas, der Hauptstadt Venezuelas, begräbt ihre Mutter und verliert damit auch ihren letzten Halt. Auch ihren Freund hat sie schon verloren. Jetzt steht sie allein in einem vom Chaos und dem Recht des Stärkeren regierten Land, beschreibt das Geschehen in Venezuela aus der relativen Sicherheit ihrer Wohnung heraus. Ebenso wird in interessanten Rückblenden ein Vergleich ermöglicht zwischen dem Gestern und dem Heute. Bis das Leben wieder tobt und Adelaida Falcón die Sicherheit ihrer Wohnung genommen wird und das Erzählte immer mehr einen recht dystopischen Inhalt bekommt und man beim Lesen erschauert und sich wünscht so etwas nie erleben zu müssen.

    Dabei ist das Geschriebene recht einfach und klar zu lesen, das Blumige, das Verspielte oder das Magische der lateinamerikanischen Autoren fehlt hier. Was aber auch vollkommen passend ist. Denn dieses Blumig-Magische würde sicher den dystopischen Klang stören. Ich hoffe sehr von Karina Sainz Borgo noch weitere Bücher lesen zu können. Denn dieses Buch hier hat mich vollkommen überzeugt!

    Teilen
  1. Sehnsucht nach Frieden

    Klappentext:

    „Adelaida beerdigt ihre Mutter, aber sie bleibt nur kurz am Grab stehen. Auf dem Friedhof ist es gefährlich, genau wie an jedem anderen Ort in Venezuela. Noch vor kurzem kamen die Menschen aus Europa, um hier ihr Glück zu machen. Nun versinkt das Land in Chaos und Elend. Als Adelaida gewaltsam aus ihrer Wohnung vertrieben wird, weiß sie nicht wohin. Alles, was sie geliebt hat, existiert nur noch in ihrer Erinnerung. Wenn sie sich retten will, bleibt ihr nur die Flucht.“

    „Warum zerstören Menschen (ihre) Heimat?“ genau diese aber auch noch unheimlich viele andere Fragen kommen nach beenden dieses Buches einem in den Sinn. „Nacht in Caracas“ ist das Debüt von Karina Sainz Borgo und es ist fulminant! Es ist so extrem, so schmerzvoll, so voller Gefühl, das es wirklich weht tut. Protagonistin Adelaida begegnet man sofort mit Mitleid und dem Gefühl ihr helfen zu wollen, aber sie ist allein und der Kampf gegen die Landesgegener, die Kämpfer ist enorm. Die Vertreibung aus ihrem Heim, gleicht einer Hexenjagd. Die Autorin verstrickt hier so viele Dinge so extrem gut miteinander, das für mich ein sehr großer Lesesog, anhaltend bis zum Schluss, da war. Mit ihrer Protagonistin zeigt die Autorin das wahre Bild eines Landes auf, welches fast nicht real scheint, es aber ist. Da ich Venezuela kenne, kann ich hier nur klar sagen: die Autorin hat hier treffsicher, laut und mit einem sehr starken Mittel, der Erzählung dieser Geschichte, ihr Land authentisch gezeigt. Hier und da webt sie fiktive Parts mit ein, aber schlussendlich überwiegt die klare Realität. Mit ihrem Sprachstil (und der sehr guten deutschen Übersetzung), ist Karina Sainz Borgo ein besonders Werk gelungen, welches fesselt. Adelaida trauert und man kann sich richtig gut in ihre Seele vertiefen, dennoch ist hier viel Zweideutigkeit im Spiel und wie gesagt, Sainz Borgo hält uns mit Adelaida den Spiegel der Zeit in Venezuela hin. Dieses Werk ist politisch ohne direkt politisch zu sein, es ist ehrlich, ohne jemanden dabei zu verletzen, es ist schmerzhaft ohne dabei in den offenen Wundern zu bohren...Ein Land kurz vor dem Zerfall...

    5 von 5 Sterne für dieses Debüt sowie eine klare Leseempfehlung!

    Teilen
 
'