Nachruf auf den Mond: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Nachruf auf den Mond: Roman' von Nathan Filer
4.6
4.6 von 5 (5 Bewertungen)

Der Überraschungserfolg aus Großbritannien: Ausgezeichnet mit dem Costa Book Award 2013.
»Ich werde Ihnen erzählen, was passiert ist, denn bei der Gelegenheit kann ich Ihnen meinen Bruder vorstellen. Er heißt Simon. Ich glaube, Sie werden ihn mögen. Wirklich. Doch in ein paar Seiten wird er tot sein. Danach war er nie mehr derselbe.«



Matthew Homes ist ein begnadeter Erzähler, und Patient der Psychiatrischen Klinik in Bristol. Um dort dem trostlosen Alltag zu entfliehen, schreibt er seine Geschichte auf – und die seines Bruders Simon, der im Alter von elf Jahren während des Campingurlaubs in Cornwall starb. Selbst nach zehn Jahren gibt sich Matthew immer noch die Schuld am Unfalltod seines Bruders. Doch eigentlich ist Simon für ihn gar nicht tot – und Matthew auch kein gewöhnlicher 19-Jähriger. Matthew leidet an Schizophrenie …



»Ein Meisterwerk!« EVENING STANDARD

»Nathan Filer hat ein Gespür für die dunkle Komödie des Lebens.« THE OBSERVER

»Authentisch, lustig und unendlich traurig.« THE SUNDAY TIMES

»Nathan Filer tritt in die Fußstapfen von Mark ­Haddons Supergute Tage. Sie werden 'Nachruf auf den Mond' einfach lieben.« DAILY MAIL

»Eine bewegende und erheiternde Lektüre … mit Passagen, die einfach Poesie sind.« THE GUARDIAN.

Autor:
Format:Kindle Edition
Seiten:320
Verlag: Droemer eBook
EAN:

Rezensionen zu "Nachruf auf den Mond: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 28. Jan 2016 

    traurig und heiter zugleich

    Sätze, die einen sprachlos machen!
    „Ich werde Ihnen erzählen, was passiert ist, denn bei der Gelegenheit kann ich Ihnen meinen Bruder vorstellen. Er heißt Simon. Ich glaube, Sie werden ihn mögen. Wirklich. In ein paar Seiten wird er tot sein. Danach war er nie mehr derselbe.“ (S. 11)

    Worum geht es in diesem Buch?
    Matthew Homes ist ein begnadeter Erzähler, und Patient der Psychiatrischen Klinik in Bristol. Um dort dem trostlosen Alltag zu entfliehen, schreibt er seine Geschichte auf – und die seines Bruders Simon, der im Alter von elf Jahren während des Campingurlaubs in Cornwall starb. Selbst nach zehn Jahren gibt sich Matthew immer noch die Schuld am Unfalltod seines Bruders. Doch eigentlich ist Simon für ihn gar nicht tot – und Matthew auch kein gewöhnlicher 19-Jähriger. Matthew leidet an Schizophrenie … (Quelle: Droemer Knaur)

    Als Matthew 9 ist, kommt durch einen tragischen Unfall sein Bruder Simon ums Leben. Es scheint, als ob Matthew eine Rolle bei Simon’s Tod gespielt hat. Nur welche das ist, offenbart sich dem Leser erst mit der Zeit.

    Matthew trägt die Schuld seit 10 Jahren mit sich herum. Er scheint daran psychisch zu zerbrechen. Das Ausmaß der psychischen Probleme, die Matthew hat, offenbart sich im Verlauf der Geschichte. Dabei lässt Matthew (Ich-Erzähler) immer wieder Andeutungen in seine Erzählung einfließen, die Schreckliches ahnen lassen.

    „Jacob schaltete seine PlayStation 2 ein und legte Resident Evil ein, und ich sackte auf dem Teppich zusammen und starrte auf den Bildschirm und verlor mich in der Gewalt und dachte darüber nach, Arzt zu werden, Gutes zu tun, Jacobs Mum zu heilen, und auch meine. Und da war noch etwas, noch etwas, das in der Rauchwolke lauerte.“ (S. 93)

    Hinzu kommt, dass er genetisch vorbelastet ist. In seiner Familie sind psychische Störungen nicht ungewöhnlich. Ein Großonkel hat sein Leben in der Psychiatrie verbracht, seine Mutter leidet unter Depressionen. Ob diese erst durch den Tod von Simon ausgelöst wurden, oder bereits vorher schon vorhanden waren, lässt sich nicht herausfinden.

    Der Tod des Älteren der beiden Brüder bewirkt, dass die Mutter Matthew „in Watte packt“. Er wird aus der Schule genommen und von ihr zuhause unterrichtet. Matthew hat keine Freunde, seine einzige Bezugsperson ist seine Mutter, die seinen Tagesablauf bestimmt und ihn vor den Gefahren des Alltags beschützt. Erst durch den Zuspruch einer Ärztin, die erkennt, dass Matthew’s Entwicklung unter der übervorsichtigen Obhut seiner Mutter leidet, wird er wieder in der Schule angemeldet.

    „‘Ich war nicht immer eine gute Mum, oder?‘
    ‚Hat die Ärztin das gesagt?‘
    ‚Ich mache mir solche Sorgen, Matthew, ständig.‘“ (S. 65)

    Im weiteren Verlauf seiner Kindheit und Jugend wird Matthew’s psychische Erkrankung immer schlimmer. Er hat Halluzinationen, sieht überall seinen verstorbenen Bruder Simon und kommuniziert auch mit ihm. Der Versuch, sich von dem Einfluss seiner Mutter zu lösen, indem er mit 17 in eine eigene Wohnung zieht, scheitert. Allein auf sich gestellt, ist er nicht mehr in der Lage, gegen seine psychischen Störungen anzukämpfen. Er ist eine Gefahr für sich und wird in die Psychiatrie eingewiesen, wo er therapiert wird.

    Dieses Buch ist keine leichte Lesekost. Trotz des flotten und lockeren Sprachstils des Ich-Erzähler’s klingt immer wieder die seelische Belastung von Matthew durch. Er registriert seine Probleme und versucht sie zu analysieren. Zwischenzeitlich spürt man Matthew‘s ungläubiges Staunen über das, was in seinem Kopf passiert. Seinem Erzählstil merkt man das Fortschreiten der Krankheit an. Das ist unheimlich, da man sich als gesunder Mensch kaum vorstellen kann, wie ein Alltag mit Schizophrenie verläuft.

    „Wir sind egoistisch, meine Krankheit und ich. Wir denken nur an uns. Wir biegen uns die Wirklichkeit zurecht, um Botschaften zu empfangen, geflüsterte Geheimnisse, die nur für uns bestimmt sind.“ (S. 146)

    Und trotzdem hat dieser Roman auch seine heiteren Momente. Die treten meistens dann auf, wenn Matthew über den Klinikalltag berichtet. Wahrscheinlich braucht man ein gewisses Maß an Humor, um mit derartig belastenden Situationen fertig zu werden.

    Matthew’s Geschichte hat mich nachdenklich gemacht. Sein Schicksal und das seiner Familie ist einfach nur schrecklich. Aber ich habe mich immer wieder gefragt, ob die Eltern dem Ausbruch von Matthew’s Krankheit nicht hätten entgegen wirken können. Nach dem Tod von Simon gab es kein Miteinander, um die Trauer zu bewältigen. Die Mutter versank in Depressionen, der Vater spielt in diesem Roman nur eine untergeordnete Rolle. Man erfährt nicht viel über ihn. Und Matthew? Der 9-Jährige steht mit seiner Trauer und Schuld allein da. Keiner, der ihm hilft, den Tod seines Bruders zu verarbeiten. Der seelische Druck wird im Laufe der Jahre immer größer und sucht sich sein Ventil im Ausbruch von Matthew’s Krankheit.

    „Jeden Morgen nach dem Aufwachen, wenn ich sekundenlang glaubte, alles wäre normal, alles wäre in Ordnung, bevor ich wie durch einen Tritt in den Magen daran erinnert wurde, dass nichts in Ordnung war. Da waren die tuschelnden Erwachsenen, die verstummten, sobald ich das Zimmer betrat. Alle wussten es, alle dachten es, alle waren verzweifelt bemüht, nicht zu denken, dass es meine Schuld war. Dass er noch am Leben wäre, wenn ich nicht wäre.“ (S. 266 f.)

    Fazit:
    Ein lesenswertes Buch, das mich den seelischen Druck hat spüren lassen, mit dem Matthew sein bisheriges Leben verbracht hat. Es machte mich betroffen und nachdenklich. Gleichzeitig gewährt es einen Einblick in die Seele eines psychisch Kranken und trägt somit dazu, die Distanz und Voreingenommenheit zu überwinden, die oft bei seelisch „Gesunden“ gegenüber seelisch „Kranken“ vorherrscht.

    „Ich bin psychisch krank, kein Idiot.“ (S. 229)

    © Renie

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 06. Mai 2015 

    Ein Stück Poesie

    Matthew, damals neun Jahre alt, verbringt einen Camping-Urlaub zusammen mit seinen Eltern und seinem 3 Jahre älteren Bruder Simon, der an einer Muskelschwäche und wie wir Leser etwas später erfahren sollen zudem an dem Downsyndrom leidet. Neben anderen Geschichten von diesem Sommer erzählt uns Matthew, dass er mit seinem Bruder einen verbotenen Weg zum Strand herunter läuft und sich dabei am Knie verletzt. Der Bruder hilft ihm, trotz seiner eigenen Behinderung, zurück zum Camping-Platz. Beide Eltern zeigen sich erbost und schimpfen mit Matthew, da er ihr Verbot missachtet hatte. Dies soll symbolisch für das Verhalten der Eltern stehen, die dem älteren Bruder rückblickend stets mehr Aufmerksamkeit schenken, begründet liegt dies in seiner Erkrankung.

    Im nächsten Kapitel erfahren wir dass Simon tot ist. Matthew erinnert sich nicht daran, wie es geschehen ist und ob er seines Bruders Tod verschuldet hat, doch insgeheim ist er von seiner Schuld überzeugt. Die Eltern bringen ihn zunächst bei den Großeltern unter.
    Nach Hause zurückgekehrt, versucht die Mutter ihn abzuschirmen vom normalen Leben, schleift ihn wegen jeder Nichtigkeit zum Arzt, nahezu selbst Züge des Münchhausen Syndroms zeigend. Er selbst hält die Mutter für verrückt. Sie unterrichtet ihn zu Hause und blamiert ihn absichtlich vor den ehemaligen Mitschülern, um ihn noch näher an sich zu binden. Als der Zufall Matthew aus dieser schlimmen isolierten Situationen heraus lässt, ja er endlich einen Freund findet, schleicht sich ein neuer Feind in Gestalt einer schlimmen Erkrankung – der Schizophrenie - in sein Leben ein.

    Mit seinen inzwischen 19 Jahren lebt Matthew als ein Patient in der Psychiatrischen Klinik Bristol.
    Er versucht seine Geschichte aufzuschreiben, dabei erinnert er Fragmente und springt in der Chronologie. Er möchte wissen, wie es zu dem Unfall kam, versucht sich zu erinnern. Für ihn ist Bruder nicht tot - nur verändert. Trotzdem sind da seine Schuldgefühle. Der Autor Nathan Filer hält diese Spannung, über das tatsächlich Geschehene, aufrecht bis zum Schluss.

    Einfühlsam mit wundervollen Zitaten und voller Poesie erzählt uns der Autor die Geschichte: Sehr zu Herzen gehend ist da die Isolation Matthews, sein Weg zurück ins Leben. Den Lernprozess der Mutter, über ihr eigenes Verhalten. Die Verzweiflung beider Eltern über die Streiche und verbotenen Taten des Sohnes. Das Erkennen der psychiatrischen Krankheit Matthews. Die Zeit in der Psychiatrie, die verhasste Medikation sowie der Umgang des Pflegepersonals mit ihm. Sein Erkennen über den eigenen Egoismus.
    Unbedingt empfehlenswert ist dieses Buch, eine anspruchsvolle Lektüre mit vielen Herzenssätzen, zeitweise etwas bizarr und oft traurig und komisch zugleich. Gerne vergebe ich dem Buch 5 von 5 Sternen.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 01. Apr 2015 

    Eine schwere aber auch gute Lektüre

    Inhalt:
    Matthew ist Patient in der Psychiatrie in Bristol und erzählt seine Geschichte und die seines verstorbenen Bruders. Wie sich die Familie veränderte und was mit ihm geschah. Eine ganz besondere Geschichte über Geschwisterliebe

    Meine Meinung:
    Nachruf auf den Mond überzeugte mich durch sein cover und auch durch den Titel. Die Beschreibung klang interessant und so wollte ich es auch gerne Lesen auch wenn es eine Erzählung ist.

    Die Tatsache das diese Geschichte von Matthew erzählt wird macht sie zu etwas besonderem. Nathan Filer lässt seine Figur Matthew erzählen als ob er einem gegenüber sitzt. Das bezieht den Leser sehr gut mit ein, verwirrt aber hier auch an vielen stellen, denn Matthew erzählt sehr sprunghaft. Wirbelt zwischen Vergangenheit und dem jetzt. Zwischen Klinik, Kinderheit und seinem Leben alleine in seiner angemieteten Wohnung.

    Der Dreh- und Angelpunkt ist sein Bruder und der Unfall, der geschah als Matthew 9 jahre alt war. Das alles erfährt man schon zu Beginn der Geschichte und trotzdem schaffte es der Autor eine gewisse Spannung zu halten. Die Frage worauf alles hinausläuft war für mich die Frage die mich weiterlesen lies um eine Antwort zu bekommen, denn auch wenn Nathan Filer viel verriet, alles hat er noch nicht erzählt und tut dies auch erst ziemlich am Ende.

    Die Figuren sind hauptsächlich Familienmitglieder.
    Matthew, der Erzähler, der junge Mann, dem seine Krankheit Schizophrenie heißt, der seinen Bruder sehen und hören kann, wenn er die Medikamente absetzt. Der trotzdem versucht in seinem Leben klar zu kommen und doch immer wieder scheitert. Eine Figur die fasziniert, Mitleid erregt und sehr interessant gestaltet ist.
    Simon lernt man nur durch Matthew kenne, wie auch alle anderen Figuren. Doch von den einen erzählt er. Simon erlebt man. Er lebt durch Matthew auch nach seinem tot.
    Es gibt noch Ärzte und Schwestern, die Eltern, die erst einmal mit dem Tod des einen Sohnes und der Krankheit des anderen umgehen lernen müssen und die Großmutter, zu der Matthew ein sehr enges Verhältnis hat. Sie alle sind wichtige Nebenfiguren.

    Am Ende war es ein interessantes Buch, was ich gerne gelesen habe und doch gibt es kleinere Kritikpunkte. Das sprunghafte erzählen passt einerseits zu der Figur Matthew, andererseits macht es es teilweise sehr schwer dem Geschehen und auch den Gedanken von Matthew zu folgen. Eine Erzählweise die authentisch ist, aber das Buch zu einer doch recht schweren Lektüre werden lässt. Auf jeden Fall kein buch um mal eben zu lesen und ein Buch das haften bleibt.

    Ein Pluspunkt ist auch das Interview was mit Nathan Filer zu diesem Buch geführt wurde und das auf den letzten Seiten abgedruckt ist. Es zeigt die Beweggründe Filers dieses Buch zu schreiben und wie diese Geschichte entstanden ist

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 15. Mär 2015 

    Trauer und Wahn...

    "Ich werde Ihnen erzählen, was passiert ist, denn bei der Gelegenheit kann ich Ihnen meinen Bruder vorstellen. Er heißt Simon. Ich glaube, Sie werden ihn mögen. Wirklich. Doch in ein paar Seiten wird er tot sein. Danach war er nie mehr derselbe."

    Matthew Homes ist ein begnadeter Erzähler, und Patient der Psychiatrischen Klinik in Bristol. Um dort dem trostlosen Alltag zu entfliehen, schreibt er seine Geschichte auf und die seines Bruders Simon, der im Alter von elf Jahren während des Campingurlaubs in Cornwall starb. Selbst nach zehn Jahren gibt sich Matthew immer noch die Schuld am Unfalltod seines Bruders. Doch eigentlich ist Simon für ihn gar nicht tot und Matthew auch kein gewöhnlicher 19-Jähriger. Matthew leidet an Schizophrenie.

    Ich kann jetzt nicht darüber sprechen. Ich habe nur eine Chance, es richtig darzustellen. Ich muss aufpassen. Ich muss es sorgfältig auspacken, nach und nach, damit ich es schnell wieder zusammenfalten und einstecken kann, falls es mir zu viel wird. (S. 19)

    Ich muss jetzt darüber sprechen. Darüber schreiben. Über diese Geschichte des neunzehnjährigen Matthew Homes, die wie eine Naturgewalt über mich hergebrochen ist. Leise Töne, sicherlich, angenehm zu lesende, flüssig geschriebene Sätze - aber was für eine Geschichte!
    Ein verwirrter Erzähler nimmt den nicht minder verwirrten Leser an die Hand und lässt ihn kreuz und quer an seinem Leben teilhaben. An Erinnerungen, die stimmen können. Aber nicht müssen. An Gefühlen, die tief in ihm vergraben sind, die aber sein Leben bestimmen. Und das seiner Familie. Zerbrochene Leben.

    Den größten Spaß machte es, wenn Simon und ich aus unserem Versteck hervorsprangen und Dad niederrangen. So machten wir es, als Simon noch am Leben war, aber später, als Simon nicht mehr lebte, stand ich morgens nie vor meinem Dad auf. Er schaute immer noch um Viertel vor sieben in meinem Zimmer vorbei, wo ich im Bett lag und nicht wusste, wie ich den Tag anfangen sollte. Das muss hart für ihn gewesen sein. (S. 44)

    Matthew ist noch ein kleiner Junge, als sein älterer Bruder ums Leben kommt. Simon, der Sonnenschein der Familie, ein Kind mit Down-Syndrom und einem lieben, lächelnden Mondgesicht - er ist einfach nicht mehr da. Und Matthew lebt seither mit Schuldgefühlen, die quälender kaum sein können. Seine Eltern, in ihre eigene Trauer verstrickt, sind ihm kein wirklicher Halt - wie das Leben kitten?

    Der Plan sagt mir genau, wie ich meine Tage zu verbringen habe, zum Beispiel dass ich die Therapiegruppen hier in der Hope-Road-Tagesklinik besuchen muss und welche Tabletten ich nehmen muss (...) All das wird für mich aufgeschrieben. (...) Der Plan verfolgt mich wie ein Schatten. Das ist mein Leben. Ich bin neunzehn Jahre alt, und das Einzige, worüber ich in meinem Leben frei bestimmen kann, ist diese Geschichte und wie ich sie erzähle. Allein schon deswegen will ich es nicht vermasseln. Es wäre nett von Ihnen, wenigstens zu versuchen, mir zu vertrauen. (S. 95)

    Wir lernen Matthew kennen, als er mit neunzehn psychiatrische Hilfe in Anspruch nimmt, sein Leben in Scherben, desorientiert - und mit Simons Stimme im Kopf. Schizophrenie lautet die Diagnose, Medikamente sind der Versuch des Heilens, Langeweile und Monotonie der Alltag in der Klinik. Doch Matthew beginnt sich auszudrücken. Mit Zeichnungen. Mit Schreiben. Am PC in der Klinik, auf einer alten Schreibmaschine, die seine Großmutter ihm schenkt, zu Hause in seiner winzigen Wohnung.
    Das Buch zeigt den Weg, wie diese Geschichte entsteht, täglich fortgeschrieben wird, springend in den Themen, in Zeit und Ort, wechselnd im Schriftbild. Das verwirrt einerseits, andererseits zeigt es unglaublich authentisch auf, wie es in Matthews Kopf zugeht. Was ihn beschäftigt, ablenkt, bedrückt. Matthew weiß selbst nicht, welchen seiner Erinnerungen er trauen kann - und ebensowenig weiß es der Leser. Doch es ergibt sich ein Gesamtbild. Die Trauer. Das Zerbrechen. Der Wahn. Die Hilflosigkeit.

    Aber nun hatte er etwas neben den Lichtschalter geschrieben. Es war nicht für meine Augen bestimmt. (...) Ich fuhr mit den Fingerspitzen über die Wörter, die ohne viel Druck mit Kugelschreiber auf die Tapete gemalt waren. Er hatte geschrieben: 'Wir besiegen das Ding, mon ami. Wir besiegen es zusammen.' (S. 212)

    Neben Matthews eigenem Schicksal streift der Autor auch das seiner Familie - niemals zu maßlos oder zu sentimental, fast sachlich oft, doch in dem Schmerz, der einem da in der Tiefe auflauert, gleichzeitig wirklich berührend.
    Nathan Filer schafft es außerdem, dem Roman auch ein spannendes Element beizugeben. 'Give some, hold some back'. Zwar erfährt der Leser gleich zu Anfang, dass Matthews Bruder gestorben ist, doch wird da immer nur etwas angedeutet, vieles aber lange zurückgehalten. Was ist wirklich geschehen in jener Nacht, als Simon starb?

    Es war ein schiefes Lächeln, aber was ein Lächeln wirklich zu bedeuten hat, weiß man ohnehin nur, wenn einem das Gesicht dahinter gehört. Alle anderen deuten es so, wie sie wollen. (S. 235)

    In vielen Aspekten ein düsterer Roman, durchzogen von gelegentlichem Galgenhumor, dann wieder springt einen ein Schluchzen an. Kein einfacher Roman, aber einer, der die Tiefen auslotet ohne sich darin zu verlieren. Ein Roman, der den Leser eintauchen lässt in die Verwirrung seines Erzählers, der ihn aber am Ende wünschen lässt: Matthew, lebe Dein Leben.

    Menschlich und wahrlich beeindruckend.

    © Parden

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 11. Mär 2015 

    Tag für Tag für Tag für Tag...

    Als Erstes möchte ich direkt sagen: "Nachruf auf den Mond" ist ein Juwel. Ein ungewöhnliches, außergewöhnliches Buch, das den Leser fordert, ihm aber auch viel bietet und dabei auch noch unterhaltsam ist.

    Matthew erzählt seine Geschichte ungefiltert und authentisch, oft spricht er den Leser dabei sogar direkt an - eine Erzähltechnik, die ich normalerweise nicht mag, die Nathan Filer aber meisterhaft einsetzt und die hier einfach stimmig ist. Matt wiederholt sich, er drückt sich oft unbeholfen aus, vorsichtig und penibel, aber der Schreibstil hat dadurch etwas fast schon Hypnotisches. Ich fand ihn grandios.

    "Ich kann jetzt nicht darüber sprechen. Ich habe nur eine Chance, es richtig darzustellen. Ich muss aufpassen. Ich muss es sorgfältig auspacken, nach und nach, damit ich es schnell wieder zusammenfalten und einstecken kann, falls es mir zuviel wird."

    Wenn er über andere Menschen spricht, weist Matthew immer wieder darauf hin, dass er nicht mit Sicherheit wissen kann, was sie in einer Situation gedacht oder gefühlt haben. Freimütig gibt er zu, dass der Leser die Geschichte aus einer sehr subjektiven Perspektive erzählt bekommt, noch dazu von jemandem, dessen Wahrnehmung der Welt durch seine Schizophrenie stark verzerrt ist.

    Er springt zwischen den Zeiten, als wäre er sich selber nicht sicher, was Vergangenheit ist und was Gegenwart. Und auch das funktioniert einfach, denn es versetzt den Leser unmittelbar in Matthews Leben, in seine einzigartige Sicht der Ereignisse. Eindringlicher und fesselnder kann man meiner Meinung nach über eine psychische Erkrankung nicht schreiben.

    Dabei fand ich sehr bedrückend, was für ein Bild der Autor vom Gesundheitssystem zeichnet - wie herabwürdigend das Leben für jemanden sein kann, der sozusagen durch das Netzt gefallen und jetzt auf Institutionen angewiesen ist, die chronisch unterbesetzt sind und gar nicht mehr die Möglichkeit haben, auf jeden Patienten wirklich einzugehen.

    Matthew ist sicher kein einfacher Mensch, aber ich hatte immer den Eindruck, dass er - soweit es ihm möglich ist! -, mitfühlend, hilfsbereit und liebevoll handelt, und dass es nur die Krankheit und die Trauer sind, die ihn manchmal dazu bringen, sich zornig und verletzend zu verhalten. Deswegen bin ich ihm gerne durch seine Erinnerungen gefolgt, auch durch die schmerzlichen, und ich war immer auf seiner Seite und habe ihn im Stillen angefeuert.

    Auch die anderen Charaktere fand ich sehr interessant und komplex, wie zum Beispiel die Mutter, die gefangen scheint zwischen dem Wunsch, Matthew zu umsorgen, und einem unterschwelligen Groll gegen ihn, weil er überlebt hat und sein Bruder nicht.

    Sehr interessant fand ich auch die Aufmachung des Buches, denn immer mal wieder benutzt der Autor Schriftart und Formatierung, um einen Gedanken auch bildlich darzustellen.

    Fazit:
    "Nachruf auf den Mond" ist ein eindringliches Buch über Trauer, Schuld und eine heimtückische psychische Erkrankung - aber es ist auch ein hoffnungsvolles Buch über Liebe, Vergebung und das Weiterleben. Der Schreibstil hat etwas Magisches, und Matthew ist ein Protagonist, dem man einfach gebannt zuhören muss.

    Es ist sicher ein anspruchsvolles Buch, aber davon muss sich niemand abschrecken lassen, denn es ist auch sehr unterhaltsam und flüssig zu lesen. Die Geschichte lebt von ihren Gefühlen, von Matthews emotionalem Wachstum, aber das ist alles andere als langweilig - ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen.