Nach Mattias

Buchseite und Rezensionen zu 'Nach Mattias' von Peter Zantingh
4.75
4.8 von 5 (4 Bewertungen)

Amber singt an einem Konzert gegen ihren Schmerz an; Quentin läuft Kilometer um Kilometer, um der Trauer zu entkommen, und Kristianne möchte die wahre Geschichte ihres Sohnes erzählen. Diese Leben und das von fünf weiteren Menschen überkreuzen sich durch Mattias’ plötzlichen Tod auf schicksalhafte Weise. Wie Puzzlesteine fügen sich ihre Geschichten zu einem Abbild von Mattias und werden trotz aller Trauer zu Zeugen seiner Begeisterungsfähigkeit und seines unbeugsamen Mutes, sich dem Leben jeden Tag vorbehaltslos hinzugeben.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:256
EAN:9783257071290

Rezensionen zu "Nach Mattias"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 30. Mär 2020 

    "Was von uns bleibt, wenn wir nicht mehr da sind."

    "Eine Woche nach Mattias wurde sein Fahrrad geliefert." (7)

    Bereits im ersten Satz des Romans wird der Titel aufgegriffen und der Bezugspunkt genannt. Was geschieht in der Zeit, nachdem Mattias gestorben ist.

    Erzählt wird aus unterschiedlichen Perspektiven:

    Im ersten Kapitel steht Mattias Freundin Amber im Mittelpunkt, die aus der Ich-Perspektive erzählt, wie sie sich fühlt.

    "Trauer ist wie ein Schatten. Der richtet sich nach dem Stand der Sonne, fällt morgens anders als abends."(7)

    Während sie im Park ist und an glückliche Zeiten zurückdenkt, wird Amber Zeugin, wie ein Pitbull fast einen kleinen Hund tot beißt. Quentin, ein Freund Mattias, kommt ihr und der Besitzerin des Hundes zu Hilfe. Aus seiner Perspektive wird im 2.Kapitel ein Blick auf Mattias geworfen. Genau wie Amber stellt er seinen Freund als jemanden dar, der sich für Neues begeistern konnte, viele verschiedene Ideen hatte.

    "Er konnte sich immer noch für die gerade gehörten Newcomerbands begeistern, die er auf eine Popbühne bringen würde, und genauso sehr auch für die Schüler, denen er während des Rests der Woche Nachhilfeunterricht gab, weil sie zu ihm aufschauten und seinen Erzählungen lauschten und weil er auf die Weise wenigstens noch etwas damit anfing, dass er vier Jahre Geschichte studiert hatte." (13)

    Seine neueste Idee, von der Amber und Quentin sprechen, ist es, gemeinsam mit Quentin ein Café aufzumachen - wie genau dies aussehen soll, wird im Lauf des Romans aus anderer Perspektive erzählt.

    Amber beschäftigt es, dass sie darüber am letzten Tag gestritten haben, man erfährt jedoch nicht, wie Mattias gestorben ist. Auch das erschließt sich allmählich, wenn man - wie es auf dem Buchrücken heißt - alle "Puzzleteile" zusammengefügt hat.

    Neben Freundin und Freund kommen auch die Großeltern zu Wort, doch bei ihnen steht weniger Mattias als Enkel im Vordergrund, sondern ihre Ehe selbst, die lange Zeit, die sie schon zusammen sind, während die Mutter Kristianne das Bild eines anderes Mattias zeichnet - einen empathischen, jungen Mann in den Vordergrund rückt, der auf Harmonie bedacht gewesen ist. Dieses Bild vermittelt auch Issam, ein Roadie, der Mattias nur über das Internet gekannt hat.

    Was mir besonders gut gefallen hat, sind die zusätzlichen Verbindungen zwischen den Kapiteln - neben dem "Bindeglied" Mattias.

    So trainiert Quentin, der seiner Trauer mit Laufen begegnet, einen Blinden, Chris, der selbst zu Wort kommt und erzählt, was Quentin ihm über Mattias anvertraut hat. Und Tirra ist eine Frau, die Kristianne im Rahmen ihrer ehrenamtlichen Arbeit für Flüchtlinge kennengelernt hat - so werden auch die Geschichten der Personen weiter geschrieben, die von der Zeit "nach Mattias" berichten. Wobei man sich auch der Antwort nähert, wie er gestorben ist.

    Bei einer Figur - Nathan, die aus ihrem Leben erzählt, weiß man zunächst nicht, was sie mit Mattias zu tun hat, das erschließt sich erst ganz am Ende.

    Insgesamt entsteht allmählich ein Bild dieses jungen Mannes, der tot ist, und gleichzeitig erfahren wir, wie das Leben "nach Mattias" weitergeht, wie Trauer "aussieht" für die Personen, denen er etwas bedeutet hat und auch für andere, deren Leben er nur am Rande berührt hat.

    5 Sterne!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 28. Mär 2020 

    Nicht nur Schatten

    Der Aufbau des Romans "Nach Mattias" des Niederländers Peter Zantingh erinnert an Simone Lapperts lesenswertes Buch "Der Sprung" aus dem Diogenes-Programm des Jahres 2019. Ist es bei Lappert die Frau auf dem Dach, die das Schicksal vieler Wartender nachhaltig beeinflusst, so gibt bei Zantingh der plötzliche Tod eines jungen Mannes dem Leben der acht Ich-Erzählerinnen und -Erzählern schlagartig eine neue Richtung. Nicht alle sind so direkt mit Mattias verbunden wie seine Freundin Amber, die Großeltern, die Mutter Kristianne oder der beste Freund Quentin. Manche kannten ihn gar nicht, wie Quentins blinder Tandemjogger Chris, Issam war nur über das Internet mit ihm in Kontakt und bei Nathan und Tirra habe ich sogar eine ganze Weile gerätselt, worin die Verbindung zu Mattias besteht. Aber ganz egal, wie nah oder fern sie ihm standen und wie groß dementsprechend ihre Trauer ist, ihr Leben nimmt mit seinem Tod eine Wende oder beeinflusst wenigstens ein bisschen dessen Verlauf.

    Was geschah
    Erst im siebten der neun Kapitel erfahren wir, welche tragischen Umstände zu Mattias‘ plötzlichem Tod führten, was mich zu ebenso wilden wie vergeblichen Spekulationen angeregt hat. Bis es dazu kommt, haben wir bereits sieben der acht Stimmen gehört, nur Amber sind mit dem ersten und letzten gleich zwei Kapitel vorbehalten. Mit Chris, dem blinden Familienvater, der Dank Quentins verzweifelter Lauferei einen Tandemjogger findet, ist es ausgerechnet einer, der Mattias nicht kannte, der die Todesumstände in Worte fassen kann. Neben ihm ist mir Amber besonders ans Herz gewachsen, Mattias‘ Freundin, die ihre Trauer zu Beginn so in Worte fasst:

    "Trauer ist wie ein Schatten. Der richtet sich nach dem Stand der Sonne, fällt morgens anders als abends. [...] In diesen ersten Wochen wusste ich manchmal nicht, ob ich meinen eigenen Schatten sah oder den von jemandem, der sich mit den besten Absichten dicht neben mich gestellt hatte."

    Viele Stimmen
    Nicht nur die Todesumstände bleiben lange rätselhaft, auch die Person Mattias muss sich der Leser oder die Leserin aus dem multiperspektivischen Chor deren, die ihn oder zumindest Menschen aus seinem Umfeld kannten, erst allmählich zusammensetzen. Nicht alle schildern ihn gleich. Seine Mutter Kristianne hätte den Nachruf auf ihren Sohn bei der Trauerfeier ganz anders gehalten, wenn sie dazu in der Lage gewesen wäre. Allmählich entsteht trotzdem das Bild eines energiegeladenen jungen Mannes voller Pläne, der Ideengeber für andere war, seine Freundin trotz Differenzen liebte, allen zugewandt, gesellig und empathisch war, das Leben genoss und vor allem gut zuhören konnte.

    Trotz allem auch ein hoffnungsvoller Roman
    Auch wenn ich stilistische Unterschiede der verschiedenen Erzählstimmen kaum gespürt habe, sondern immer eher der Autor sprach, hat es mir doch viel Freude bereitet, die Verbindung der verschiedenen Erzählerinnen und Erzähler zu Mattias zu entschlüsseln und sein Bild aus Puzzleteilen zusammenzusetzen. Obwohl es ein Roman über Trauer ist, ist es kein tieftrauriges Buch. Vielmehr entwickeln alle Zurückbleibenden Überlebensstrategien, so dass es trotz der großen Lücke „nach Mattias“ für alle Hoffnung gibt.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Feb 2020 

    Was wäre, wenn ....?

    Es gibt Fragen, die möchte man sich nicht stellen. Es sind "Was wäre, wenn"- Fragen wie "Was wäre, wenn ich morgen vom Auto überfahren werde?"; "Mit dem Flugzeug abstürze?"; "Oder einem Terroranschlag zum Opfer falle?"; "Oder jemand, der mir nah steht, von einem Moment auf den anderen nicht mehr da ist?" Oder, oder, oder ...

    Diese aufwühlenden Fragen und damit verbundenen Gedanken verursachen großes Unbehagen. Denn wer beschäftigt sich schon gern mit dem Tod. Dennoch kann man sich nicht von diesen Gedanken freisprechen, denn sie sind immer latent vorhanden - mal mehr, mal weniger ausgeprägt. Und irgendwann kommt jeder in die Situation, in der er sich mit der Frage konfrontiert sieht: "Was wäre, wenn ich oder jemand, der mir nah steht, nicht mehr wäre?"
    Und um diese und ähnliche Fragen geht es in dem Roman "Nach Mattias" des niederländischen Autors Peter Zantingh.

    Derjenige, der hier gerade gestorben ist, ist Mattias. Wir wissen nicht, wie alt Mattias war, als er starb, können aber den Aussagen über ihn entnehmen, dass er in den Zwanzigern oder Dreißigern war. Wir wissen auch zunächst nicht, warum oder woran Mattias gestorben ist. Das ist auch nicht wichtig. Die Konsequenz für Mattias ist dieselbe. Viel wichtiger ist, was sein Tod bei den Leuten auslöst, die ihn liebten, die ihm zumindest nah waren oder auch nur flüchtig mit ihm zu tun hatten.

    "Ein guter Freund liest mit gesenktem Blick etwas vom Blatt ab. Immer voller Pläne, sagt er. Er hatte immer was Großes vor. Vielversprechendes, Termine. Immer wieder mit was Neuem befasst.
    Ein Zweiter übernimmt, als dem Ersten die Stimme versagt. Er liest: Er wollte was. Wenn es ihm zu lange dauerte, wurde er ungeduldig. Scharrte mit den Hufen. Kommt, ihr Loser. ...
    Sie möchte sich erheben. Nein. So war er nicht."

    Am Beispiel von acht Charakteren, denen jeweils ein oder zwei Kapitel in diesem Buch gewidmet sind, erleben wir, wie diese Menschen mit dem Verlust von Mattias umgehen bzw. was die Trauer mit ihnen macht. Wir erfahren, welches Leben sie führen oder geführt haben - mit und ohne Mattias. Allen voran sind dies Mattias' Lebensgefährtin, sein bester Freund, seine Großeltern und seine Mutter, aber auch irgendjemand, den Mattias irgendwoher kannte. Natürlich überwiegen in diesem Buch Traurigkeit und Betroffenheit. Doch gleichzeitig wird man hier auch Hoffnung finden. Denn ein Verlust kann auch einen Neuanfang bedeuten.

    Die zentralen Fragen, die sich bei der Lektüre dieses Romans stellen, sind:
    Welche Spuren hinterlässt ein Mensch? Welche Erinnerungen an diesen Menschen bleiben bestehen? Was bewirkt der Verlust eines Menschen bei den Hinterbliebenen?

    Dies sind Fragen, die sich unmöglich allgemeingültig beantworten lassen. Anhand der Art und Weise wie Peter Zantinghs Protagonisten gelebt haben und "Nach Mattias" leben werden, entwickeln sich jedoch Denkansätze, die den Leser zur Selbstreflexion bewegen. Und dadurch wird dieser Roman zu einem sehr persönlichen und aufwühlenden Buch für den Leser.

    Dieses Buch kann wehtun, denn die Geschichten der einzelnen Charaktere kratzen an der eigenen Seele. Peter Zantingh hat mit seinen unterschiedlichen Protagonisten einen Querschnitt aus dem sozialen Umfeld eines jeden Lesers geschaffen. Daher ist es fast nicht zu vermeiden, dass man sich selbst anstelle des einen oder anderen Charakters sieht. Und man stellt sich die "Was wäre, wenn"- Fragen, die man am liebsten nicht stellen würde, weil sie einen Tabu-Bereich des eigenen Inneren betreffen. Und allein die Vorstellung des Verlusts eines lieben Menschen ist unerträglich.

    "Nein, das Schwerste von allem, ..., sei der Verlust von Erinnerungen. Weil ich heute mit dem Akt des Erinnerns den schwarzen Schleier der Gegenwart über sie legte. Und der bleibe: Beim nächsten Mal sei es schon eine Erinnerung an diese Erinnerung, eine Kopie einer Kopie. Bis eines Tages alle Formen und Farben weg seien."

    Mich hat dieser Roman bis ins Mark erschüttert. Ich bin in einem Alter, das man optimistisch als die zweite Hälfte des Lebens bezeichnet (pessimistisch gesehen ist es wohl eher das letzte Drittel). Daher taucht die Frage ohne Antwort, wieviel Zeit mir mit meinen Lieben "theoretisch" noch bleiben "könnte" (ein Hoch auf den Konjunktiv!), immer wieder auf. Doch ein Gutes hat diese Frage. Sie ist für mich eine Mahnung, bewusster zu leben und ich sehe mich in der Pflicht - sowohl mir, auch meinen Lieben gegenüber -, jede Minute des Lebens zu genießen, als wäre es die Letzte.

    Und diesen Gedanken nehme ich auch aus "Nach Mattias" mit.

    Mein Fazit:
    Ein Buch, das wehtut, auf das man sich einlassen muss, das aber am Ende sehr viel zu geben hat! Leseempfehlung!

    © Renie
    Buchbotschafterin (aus Überzeugung) für den Roman "Nach Mattias"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 25. Feb 2020 

    Was bleibt, wenn ich nicht mehr bin?

    Da mir der Roman wärmstens empfohlen wurde, ließ ich mich darauf ein und bekam etwas ganz anderes als ich erwartet hatte.

    In der Geschichte geht es um die Hinterbliebenen von Mattias, nicht nur Freunde und Familie, sondern auch andere Menschen, die mit ihm mal mehr, mal weniger Kontakt hatten. Wie verändert der Tod eines Anderen das eigene Leben?

    Ein beobachtender Erzähler lässt uns an neun Leben der unterschiedlichsten Menschen teilhaben, die in irgendeiner Form in einer Verbindung zu Mattias standen. Bei einigen ist sofort klar wo der Zusammenhang besteht, bei anderen eher weniger.

    Je mehr man vom Buch liest, desto mehr ergibt sich für den Leser ein Bild wie Mattias gewesen ist und das obwohl er selber keine Rolle in dem Ganzen hat, was ich echt spannend fand.

    Zu Beginn der Lektüre war ich ehrlich gesagt sehr skeptisch, weil sich alles ganz anders entwickelt hat als meine Erwartungen waren und es erstmal sehr unspektakulär ablief, aber die Geschichte wartet trotz der wenigen Seiten mit einer enormen Überraschung auf, daher sollte man unbedingt am Ball bleiben.

    Mich hat am meisten der Abschnitt um Tirra bewegt, da ich mir gut vorstellen konnte, dass es einen sehr hart treffen muss, wenn das eigene Kind sich nicht so entwickelt wie man es sich für es gewünscht hat.

    Ebenso berührt hat mich das Schicksal vom blinden Chris. Ich muss auch eine starke Brille tragen und für mich wäre es wirklich schlimm, wenn ich nichts mehr sehen und auch kein Buch mehr lesen könnte. Wie Chris dennoch sein Leben meistert, hat mich sehr positiv gestimmt und aufgemuntert.

    Die Lektüre hat mich sehr nachdenklich gestimmt, denn ich fragte mich was von mir eigentlich bleibt, wenn ich mal nicht mehr bin?

    Fazit: Ein berührender Roman über die Endlichkeit des Lebens und dass es auch ohne einen weitergeht und auch weitergehen muss. Lesenswert!