Muldental

Buchseite und Rezensionen zu 'Muldental' von Daniela Krien
5
5 von 5 (7 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Muldental"

Jeder Umbruch fordert Opfer. Auch eine friedliche Revolution. Daniela Krien erzählt von Menschen, deren Leben an einem Kontrapunkt der Geschichte ins Wanken gerieten. Sie erzählt von Orientierungslosigkeit und tiefer Verzweiflung. Doch diese Romanminiaturen gehen über das Schicksal des Einzelnen hinaus; sie zeichnen ein Bild des Menschen von heute. Ein Buch über das Trotzdem-den-Kopf-über-Wasser-Halten, über das Trotzdem-Weitermachen, über das Es-trotzdem-Schaffen.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:240
EAN:9783257070941

Rezensionen zu "Muldental"

  1. So viel mehr als nur Kurzgeschichten...

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 04. Apr 2020 

    Nachdem ich "Die Liebe im Ernstfall" verschlungen habe, lese ich natürlich gern etwas Neues von dieser Autorin. Daher griff ich zu diesem Kurzgeschichtenband, auch wenn ich sonst eher selten Kurzgeschichten lese.

    Im Buch versammeln sich diverse Kurzgeschichten unterschiedlichster Couleur, die alle einen Angelpunkt haben: die Wendezeit. Was macht so ein geschichtlicher Umbruch mit den Menschen? Gibt es nur Gewinner oder auch Verlierer?

    Besonders überrascht hat mich, dass die Geschichten um einiges düsterer ausfallen als ich es erwartet habe und dennoch erzählen sie so intensiv und so viel mehr als ein fünfhundert Seiten Roman je könnte. Ich hatte mich erst gesperrt für die vermeintlich wenigen Seiten entsprechend ins Portemonnaie greifen zu müssen, aber diese Investition lohnt sich voll und ganz.

    Gelungen empfand ich, dass der Band im Muldental beginnt und dort mit einer weiteren Geschichte rund um die Figuren vom Anfang endet. Das macht das Gesamtpaket sehr rund.

    Meine Lieblingsgeschichte war ganz klar "Freiheit". Selten hat mich etwas so berührt. Ich war komplett geschockt und hatte Tränen in den Augen. Das muss ein Autor erstmal schaffen. Wenn jemand solche Emotionen bei einem Leser hervorrufen kann, dann ist derjenige auf jeden Fall fähig zu schreiben.

    Das Gute an dem Band ist, dass jeder Leser seinen persönlichen Favoriten finden wird und sich mit einer handelnden Figur wird identifizieren können. Oder man fühlt sich an jemanden erinnert, der einem selbst mal über den Weg gestolpert ist.

    Fazit: Etwas, dass man in einem Rutsch oder wohl portioniert lesen kann. Ich habe jede Seite genossen und kann nur eine klare Leseempfehlung aussprechen. Klasse!

  1. Kurzgeschichten, die es in sich haben

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 01. Apr 2020 

    Hier geht es um ein Buch einer Autorin, von der ich schon "Die Liebe im Ernstfall" bewundern durfte. Schon hier beweist Daniela Krien eine ungeheure Intensität in ihrer Schreibe, die sie aber in ihrem Werk "Muldental" noch deutlich überbietet. Es sind Kurzgeschichten. Aber es sind Kurzgeschichten, die es in sich haben, die den Leser berühren, mit jeder Geschichte immer mehr berühren, manchmal in ihrer Intensität kaum noch ertragbar sind. Man hält inne beim Lesen, atmet durch und ist tief betroffen. Dass eine Autorin so etwas, in solch einer Intensität bei Kurzgeschichten schafft, ist mir neu und ich möchte mich in Ovationen ergehen.

    Es sind Geschichten aus dem Osten, einigen merkt dies jeder Leser an, den meisten merkt man das aber nur an, wenn man den Osten sehr genau kennt, ihm eventuell sogar entstammt. Den Lesern aus anderen Landstrichen wird vieles vielleicht befremdlich erscheinen und sie werden rufen, dass kann es doch überall geben. Ja, durchaus. Aber im Osten gibt es solche Geschichten vielleicht prozentual mehr. Und dieses Düstere/Beklemmende ist vielleicht auch in abgehängten Gegenden mehr spürbar, oder in Gegenden, die sich selbst als abgehängt erachten. Ich habe dieses Buch in einer Leserunde genießen dürfen und genau solche Reaktionen gesehen/gehört/gelesen. Und ich hoffe, dass dieses Buch vielleicht auch ein besseres Verständnis bewirkt und vielleicht hilft bestehende Risse zu kitten. Und dazu muss ich noch sagen, ich gehöre nicht zu denen, die den Osten verherrlichen. Es gibt kein Schwarz oder Weiß, alles ist Grau, bei allem gibt es Gutes und auch Schlechtes. Und für mich verkörpern Daniela Kriens Geschichten auch genau das. Ich mag ebenso dieses Düstere und Beklemmende, auch das schafft Daniela Krien meisterhaft, aber hier bei diesem Buch komme auch ich an den Rand des Ertragbaren. Aber gerade durch dieses kaum mehr Ertragbare/gerade durch diese Intensität ist dieses Buch für mich ein 5 Sterne Kandidat!

    Chapeau Frau Krien!!! Diese Autorin ist definitiv jemand, die man beobachten muss, der man folgen muss. Denn ich bin mir sicher, hier kommt noch einiges interessantes und berührendes.

  1. Eine Stimme im Menschheitslied

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 28. Mär 2020 

    Muldental, ein Sammlung von Erzählungen: Die Wende, ein Wandel. Eine Verschiebung nicht nur der der Grenzen, sondern auch der Gesellschaft. Daniela Krien schreibt über Menschen, deren Schicksale, über Verlierer. Ein Notizbuch voller Geschichte, voller Skizzen von Lebensdramen, die die Autorin gesammelt hat, die ihr zugetragen wurden. Viele dieser Geschichten passen wie die Faust aufs Auge zu den Menschen, für die die „Wende“ alles umkehrte im Leben. Aber viele ihre Geschichten haben eine Allgemeingültigkeit. Wendeverlierer, Bildungsverlierer, Digitalisierungsverlierer, Globalisierungsverlierer. Jeden von uns kann, wenn das gewohnte Gefüge zusammenbricht, ein ähnliches Schicksal erleiden. Heute mehr denn je. Daniela Krien hat oft wenige Worte, diese aber dafür umso eindringlicher, für Menschen, deren Platz im Leben verrutscht ist. Sie wertet nicht, beurteilt nicht, verurteilt nicht. Die Menschen in dieser Kurzgeschichtensammlung haben viel erlebt, die DDR Diktatur, die Stasi Bespitzelung, den Verlust von Arbeit, Respekt, Würde.
    Trauer, Ausweglosigkeit, Ablehnung, Anpassung, Aufgabe. Es gibt so viele Facetten, in diesem Band, die traurig machen, zornig, nachdenklich.
    „Wir lesen gerne vom Scheitern, wenn am Ende ein Sieg steht“, schreibt die Autorin in ihrem Vorwort. „Nicht jede Lebensgeschichte erfährt ein siegreiches Ende.“
    Das hält uns Daniela Krien deutlich in ihren Erzählungen vom Muldental vor Augen. Von der ersten Geschichte bis zu letzten zieht Daniela Krien einen Kreis, lässt in ihrer letzten Geschichte einen Schimmer Hoffnung aufleuchten, dass nicht alles Mühen und Bangen und Streben vergeblich ist. Gibt der verzagten Leserin ein kleines bisschen Hoffnung mit. Und gibt jedem eine Stimme im Menschheitslied, einen Platz in der Literatur.

  1. Geschichten, die das Leben schrieb...

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 05. Mär 2020 

    Ich habe bisher einen Bogen um Kurzgeschichten gemacht, da ich angenommen habe, nur in längere Romane wirklich eintauchen und zufrieden wieder auftauchen zu können.

    Bereits Joey Goebel hat mich mit „Irgendwann wird es gut“ eines Besseren belehrt, und Daniela Krien hat mich nun mit ihren Erzählungen, die in den Wendejahren und überwiegend in den neuen Bundesländern spielen, komplett vom Gegenteil überzeugt.

    In Windeseile versank ich in jeder dieser 11 ernsten und interessanten Geschichten, die trotz oder gerade wegen ihrer Kürze eine unglaubliche Intensität und Tiefe entfalten.

    Es war so, als wäre ich immer wieder aufs Neue in eine andere Welt katapultiert worden, völlig darin aufgegangen und plötzlich wieder hinausgeschleudert worden. Wieder in der Realität gelandet, musste ich mich dann erst mal wie ein nasser Hund schütteln, um wirklich anzukommen.

    „In der Kürze liegt die Würze“ ist ein Sprichwort, das hier voll und ganz zutrifft.

    Der Leser trifft Protagonisten, die nach dem Mauerfall nicht auf der Sonnenseite des Lebens gelandet sind.
    Es sind traurige, tragische oder erschütternde Schicksale.

    Man sollte dieses 230-seitige Juwel in Häppchen zu sich nehmen. Nicht nur, um länger davon zu haben, sondern auch, um den Inhalt der Kurzgeschichten verdauen zu können.

    Daniela Krien präsentiert hier nämlich keine leichte Kost.
    Es sind berührende, aufwühlende und bewegende Geschichten, die das Leben schrieb, die nachwirken, die zum Nachdenken anregen und die den Wunsch nach Austausch auslösen.
    Ich war froh um die Leserunde, mit der ich über das Gelesene diskutieren konnte.

    Die Kurzgeschichten spielen zwar, wie oben schon erwähnt, in den Wendejahren und überwiegend in den neuen Bundesländern und die Protagonisten stammen aus der ehemaligen DDR, aber sie könnten sicherlich auch in anderen Zeiten und an anderen Orten angesiedelt sein.
    Man kann die meisten Geschichten auch „allgemeingültig“ lesen. Nur wenige lassen sich klar und eindeutig nur auf sog. „Wendeverlierer“ beziehen.

    Die Autorin bewertet nicht. Sie beobachtet scharfsinnig und beleuchtet äußere Umstände und Innenleben ihrer Figuren wie mit einem Scheinwerferlicht, um es anschließend detailliert und treffsicher zu beschreiben.

    Die Geschichten sind sprachlich beeindruckend und inhaltlich fesselnd.
    Kein Wort ist zu viel, keines zu wenig.
    Manche Metaphern muss man einfach mehrfach lesen, weil sie so treffend und deshalb faszinierend sind.

    Daniela Krien schafft es, im Verlauf des Buches die gesamte Palette an Gefühlen beim Leser auszulösen.
    Bei der einen Geschichte spürt man Empörung, bei der anderen Beklemmung, dann tiefes Mitgefühl und den Impuls zu trösten, dann Wut... oder eine Mischung aus allem...
    Das ist m. E. hohe Kunst!

    Raffiniert schließt sie am Ende den Kreis und gibt dem Band aus einzelnen Erzählungen einen Rahmen, eine Art Klammer, die alle Geschichten umfasst.

    Wie sie das macht, möchte ich hier nicht erwähnen. Das würde das Lesevergnügen mindern.

    Was mich ebenfalls beeindruckt hat, war, dass sie es geschafft hat, mir nach all den erschütternden, beklemmenden, empörenden oder lähmenden - kurz: aufwühlenden - Geschichten mein Herz zu erwärmen und ein zufriedenes und erfreutes Lächeln ins Gesicht zu zaubern.

    Natürlich verrate ich auch hier nicht, wie ihr das gelungen ist.

    Nach dem Zuklappen des Buches hat man von Dramen und Tragödien gelesen, macht sich ein zufriedenes Gefühl breit und ploppt der Gedanke auf: „Es ist nicht alles nur schlimm. Es gibt Hoffnung, es gibt das Gute!“.
    Vielleicht wollte sie diese Botschaft vermitteln?

    Abschließend noch eine kurze Übersicht bzw. knappe Zusammenfassung der Inhalte und Themen, damit Ihr Euch besser vorstellen könnt, um was es geht:

    Eine Ehefrau, die von der Stasi genötigt wird, ihren Mann auszuspionieren.

    Ablehnung und Vorurteile rufen Wut und Gewalt hervor.

    Versuchungen, schnell und einfach an Geld zu kommen.

    Schwangerschaftsabbruch.

    Absturz vom wohl-situierten Meister zum schwer alkoholkranken Gelegenheitsjobber.

    Liebloses Aufwachsen und Mobbing und was sich daraus entwickeln kann.

    Trennungen, Trennungsschmerz und andere Folgen des Mauerbaus.

    Mögliche Folgen einer nicht tragfähigen Mutter-Tochter-Beziehung.

    Die Erfahrung, nicht mehr gebraucht zu werden.

    Die Erkenntnis, dass unterm Strich und am Ende nicht alles aussichtslos ist.

    Wie nach diesen Ausführungen unschwer zu vermuten ist, bin ich begeistert von diesem Werk.

    Ich empfehle es unbedingt! Aber, wie gesagt:
    Ich würde es in Portionen genießen, nicht gerade vor dem Schlafen lesen und parallel zum Ausgleich eine leichte und beschwingende Lektüre bereithalten.

  1. Schicksale verpackt in berührende Prosa

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 04. Mär 2020 

    Wer mich kennt, weiß von meinem Faible für Kurzgeschichten, Erzählungen, Prosa und Lyrik. Und so war es an der Zeit, mit Hilfe einer Leserunde eine Autorin zu entdecken, deren Bücher mir zwar schon begegnet waren, ich aber noch nichts davon gelesen hatte. Das hat sich mit der vergangenen Lektüre (grundlegend) geändert. Denn nach „Muldental“ steht fest, dass ich das (weitere) literarische Schaffen von Daniela Krien weiterverfolgen werde.

    Daniela Krien kredenzt ihren Leser*innen in „Muldental“ 11 Erzählungen, die auf „Skizzen von Lebensdramen“ (S. 9) aus ihrem Notizbuch basieren. Dabei bedient sie sich einer Sprache, die mich von der ersten Geschichte „Muldental“ bis zur letzten Geschichte „Muldental II“ (einer extra für die Neuauflage geschriebenen Geschichte) nicht mehr losgelassen hat.

    Sie erzählt von verzweifelten (Kunst-)Handwerkern, von Frauen, die eine (harte) Lebensentscheidung treffen müssen, von Ex-Häftlingen, mit denen man unweigerlich Mitleid empfindet – die Erzählungen können die geneigte Leserschaft mächtig „runterziehen“. Ich habe auch noch nie (zumindest ist es mir nicht bewusst) eine emotionalere Erzählung als „Freiheit“ gelesen. Unweigerlich braucht man danach eine kurze (Lese-)Pause.

    Ich habe bei der Lektüre öfter gedacht „Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann auch eine Katastrophe auslösen.“ Viele Geschichten spielen mit dem Deutsch-Deutschen „Trauma“ der Wiedervereinigung und führen die Absurdität von Rollen und diesbezüglicher Klischees vor die Augen der Leser*innen. Denn Arbeitslosigkeit zum Beispiel gibt es überall in strukturschwachen Gegenden. Dies wiederum führt zu Perspektivlosigkeit, welche dann in Gewalt und Hass sich selbst und anderen Menschen gegenüber umschlägt. Ein Teufelskreislauf, dem es zu entkommen gilt…

    Und trotzdem gibt es (so, wie nach jedem Regen die Sonne wieder scheint) am Ende von „Muldental“ ein Licht am Ende des Tunnels. Zeit heilt garantiert nicht alle Wunden, aber wenn es trotz Verzweiflung und Wut im Bauch „irgendwie“ weitergeht, wenn aus Trauer ein Neuanfang wird (eindrucksvoll beschrieben am Ende von „Muldental“) und uns die Liebe begegnet – ja, liebe Leser*innen: dann kann man auch ein Buch wie „Muldental“ zufrieden und „erleichtert“ zuklappen.

    5* für ein sprachlich beeindruckendes Buch und eine absolute Leseempfehlung!

    ©kingofmusic

  1. Lebensdramen

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 03. Mär 2020 

    Wie sie selbst im Vorwort schreibt, sind die 11 Erzählungen aus einem kleinen "Notizheft voller Geschichten", aus "Skizzen von Lebensdramen" (9) entstanden, wie
    "Überschuldeter Handwerker begeht Selbstmord" (9).

    Daraus entstand die Erzählung "Sommertag", in der ein Schreiner nach der Wende einen Aufschwung erlebt, Kredite angeboten bekommt und mit der finanziellen Freiheit nicht umzugehen weiß. Seine Frau gibt das Geld mit vollen Händen aus, gönnt sich das, was sie sich immer schon gewünscht hat, bis die Rechnungen und Mahnungen überhand nehmen und der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht. Otto Gerling ist ein "Wendeverlierer oder ein Kapitalismusopfer" (198), wie es in der Erzählung "Der Zigarettensammler" heißt. Menschen, die am politischen und gesellschaftlichen Umbruch scheitern und "trudelnd" (Klappentext) zurückbleiben.

    Die erste Erzählung spielt im "Muldental", einem ehemaligen Landkreis (1994-2008) in der Nähe von Leipzig, der in "Ort der Vielfalt" umbenannt wurde, also geographisch im Osten der Republik verortet ist. Marie lebt dort mit ihrem Mann Heinz, einem Künstler, den sie zu DDR-Zeiten auf Druck der Stasi bespitzelt hat und der sie heute dafür büßen lässt. Mit wenigen Worten gelingt es Daniela Krien das Innenleben der Figuren darzustellen, bedrohliche Situationen zu schildern und bei den Leser*innen Empathie zu wecken - auch für die Täter. So empfindet man tatsächlich in der Erzählung "Heimkehr" - die Namensgleichheit mit Kafkas Parabel ist meines Erachtens kein Zufall - tatsächlich Mitleid mit einem verurteilten Mörder, der eine lieblose Kindheit erfahren hat, von den Eltern missachtet, von den Mitschüler*innen ausgegrenzt, gehänselt, weil er ein "Daumenlutscher" ist. Dass diese Lebensumstände zu aggressivem Verhalten führen, scheint genauso plausibel, wie das destruktive Verhalten der jungen Anna in der Erzählung "Mimikry", die permanent mit Vorurteilen gegenüber den "Ossis" konfrontiert wird und von der nun im Westen Anpassung gefordert wird.

    Die Erzählung "Freiheit", basierend auf der Notiz "Junge Frau entscheidet sich für Spätabtreibung" (9) führt besonders gut vor Augen, dass - wie Krien im Vorwort schreibt - "das Individuum seine Entscheidung" (10) frei trifft, aber auch die Verantwortung für jene tragen muss. Diese Geschichte geht wirklich unter die Haut, genauso wie "Aussicht", in der eine pubertierende Tochter sich mit allen Konsequenzen gegen ihre Mutter stellt - danach braucht man als Leser*in erstmal eine Pause.

    Daniela Krien schreibt über Menschen, "deren Schicksal ihre Kräfte übersteigt" (10), und es ist wichtig, dass sie diesen Gehör verschafft. Einige Geschichten beziehen sich explizit auf die Wende oder den Osten bzw. die ehemalige DDR, wie "Sarabande in B-Moll", in der eine schizophrene junge Frau kurz vor dem Mauerbau in den Westen reist, weil sie glaubt, dort besser behandelt werden zu können. Andere könnten überall spielen, sind sozusagen unabhängig vom politischen Geschehen.

    Mit der Geschichte "Muldental II", die die 1.Erzählung weiterführt und mit "Plan B" verknüpft, schließt dieser Erzählband, der sehr nachdenklich stimmt und dessen eindringliche Geschichten die Leser*innen zwingen, ihre Komfortzone zu verlassen und sie zunächst rat- und sprachlos zurücklassen.
    (Glücklicherweise konnte man sich in der Leserunde darüber austauschen!)

    Ich freue mich jetzt schon auf den nächsten Erzählband oder einen Roman von Daniela Krien, die eine großartige, zeitgenössische Erzählerin ist und die mit wenigen Worten so viel sagen kann.

  1. Romanminiaturen zum Nachdenken

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 02. Mär 2020 

    Daniela Krien hat mich bereits in ihren zwei Romanen „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ und „Die Liebe im Ernstfall“ mit ihrer kraftvollen und empathischen Sprache sehr begeistert. Sie hat die Fähigkeit, sich außerordentlich differenziert in ihre Figuren hineinzudenken, so dass deren Innenleben verstehbar und ihr Handeln plausibel wird. Insofern war ich sehr gespannt, ob die Autorin in der kleinen Form eine ähnliche Brillanz würde zeigen können. Der Erzählband „Muldental“ erschien erstmalig 2014 und wurde jetzt, um eine Erzählung erweitert, vom Diogenes-Verlag neu aufgelegt.

    Als Grundlage für die vorliegenden Geschichten dienten der Autorin kurze Überschriften und Notizen, die sie "Skizzen von Lebensdramen“ nennt. Es sind Geschichten, die überwiegend im Osten Deutschlands angesiedelt sind und deren Problematik mit der Wiedervereinigung Deutschlands 1989 und den Folgen für die Bewohner der neuen Bundesländer in engem Zusammenhang stehen. Den Menschen wurden allerlei Veränderungen zugemutet, nicht alle wirkten sich positiv aus. Viele Menschen verloren ihre Arbeit und mussten erkennen, dass ihre über Jahrzehnte ausgeführten Berufe im neuen Wirtschaftssystem keinen Platz mehr haben.

    Wie ging es dann weiter? Darüber schreibt Krien. Sie stellt vom Schicksal Gebeutelte vor, Wende-Verlierer, die im neuen Deutschland nicht Schritt halten können. Sie lässt typische Ost-/West-Vorurteile aufeinander treffen und stellt gerade dadurch deren Absurdität heraus:„Und schließlich, im Herbst 1989, begann sich das gespaltene Ich zu schließen, und als Anne im Jahr 1991 nach Franken zur Ausbildung ging, war sie heil. Endlich. In dem wiedervereinigten Land konnte jeder sein, was er war, und jeder sagen, was er dachte. Mit dieser Überzeugung trat Anne ihren ersten Arbeitstag an.“ (S. 32) Leider werden die Erwartungen der jungen Frau enttäuscht…

    Bei genauem Hinsehen könnten die meisten dieser Erzählungen jedoch auch überall stattgefunden haben: an anderen Orten gibt es auch Verzweiflung, Perspektivlosigkeit, fehlende Jobs, zerbrochene Familien, Alkoholprobleme. Insofern sind die Schicksale vieler Figuren übertragbar und universell lesbar.

    Es ist eine Stärke Kriens, schon mit wenigen Sätzen eine Atmosphäre schaffen zu können, die den Leser mitten in ihre Erzählung hineinführt. Ihr sprachliches Niveau ist großartig, sie verfügt über eine selbstverständliche Symbolik, die sich leicht erschließt und dennoch etwas Geniales verkörpert: „Zu Hause legt sie die Trauerkleider ab und tauscht sie gegen eine helle Bluse und einen bunten Rock. Sie öffnet Türen und Fenster des Hauses und beginnt zu putzen.“ (S. 29) Da steckt inhaltlich so viel Erleichterung und Tatendrang drin, man sieht die Frau und fühlt ihre Emotionen.

    Zugegeben erzeugen die meisten Geschichten eine eher trübe Stimmung, mitunter tun sie auch richtig weh. Man kann sie nicht einfach runterlesen. Man muss darüber nachsinnen. Das erwarte ich aber auch von guter Literatur. Kriens Andeutungen und ihre Art Ernstes darzustellen, laden den Leser zu Gedankenspielen und eigenen Spekulationen ein. Der Erzählband ist wunderbar für Lesekreise geeignet.

    Für die Neuauflage wurde eine neue Erzählung hinzugefügt und ans Ende gestellt. Sie verbindet das Personal aus zwei anderen Geschichten auf gekonnte Weise: Es ist Zeit ins Land gegangen und für die Protagonisten haben sich neue Chancen eröffnet. Vor allem ist die Liebe in ihr Leben getreten, das macht stark und gibt frische Energie.
    Auf diese Weise klappt man das Buch mit positiver, nach vorne gerichteter Stimmung zu. Man hat das Gefühl, etwas richtig Gutes und Relevantes gelesen zu haben.
    Bravo, Daniela Krien! Bitte bald noch mehr davon!