Morenga: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Morenga: Roman' von Uwe Timm
4.35
4.4 von 5 (3 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Morenga: Roman"

Deutsch-Südwestafrika, 1904. Beginn eines erbarmungslosen Kolonialkrieges, den das Deutsche Kaiserreich gegen aufständische Hereros und Hottentotten führt. An der Spitze der für ihre Freiheit kämpfenden Schwarzen steht Jakob Morenga, ein früherer Minenarbeiter. Was damals in dem heute unabhängigen Namibia geschah, hat Uwe Timm in einer geschickten Montage von historischen Dokumenten und fiktiven Aufzeichnungen zu einem grandiosen historischen Roman verdichtet.

Autor:
Format:Taschenbuch
Seiten:448
EAN:9783423127257

Rezensionen zu "Morenga: Roman"

  1. Die Deutschen in Südwest-Afrika

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 15. Jul 2020 

    In „Morenga“ führt uns Uwe Timm ein sehr in Vergessenheit geratenes Kapitel der deutschen Geschichte auf sehr dokumentarische Weise vor Augen: die Kolonialzeit in „Deutsch“ Südwest Afrika.
    Aus Anlass des 80. Geburtstags des Autors hat der dtv-Verlag auch diesen Roman von Uwe Timm noch einmal aufgelegt. Die Erneuerung, die natürlicherweise eine Verbesserung und Aktualisierung sein sollte, drückt sich dabei durch ein Nachwort des Grünen-Politikers und Autor Robert Habeck aus, wo der Roman vielleicht eher eine dokumentarische Stütze für den Leser durch eine Karte und einige historische Fakten hätte gebrauchen können.
    Der Roman begleitet in seinen Hauptzügen den Veterinär Gottschalk, der sich freiwillig zu diesem Dienst im fernen Afrika gemeldet hat, weil er sich sehr verschwommen und undeutlich eine private Zukunft in diesem Teil der Welt als Grundbesitzer und Ehemann auszumalen versucht. Diesen diffusen Traum wird er im Verlauf der etwa 2 im Roman geschilderten Jahre aber aus den Augen verlieren, ohne so recht eine neue Perspektive aufzubauen. Auf Seiten der revoltierenden und gegen die Deutschen kämpfenden heimischen Herero und Nama steht der Titelheld Morenga, der dem Leser aber nur selten und nur auf recht große Distanz begegnet. Die Kämpfe zwischen den am falschen Fleck Heimat suchenden Deutschen und den Heimat verteidigenden Farbigen führen zu vielen Toten, Leid und Unfreiheiten. Das Personal des Romans macht diese Kämpfe in den jeweils zu spielenden Rollen mit, ohne dass die Sinnfrage wirklich gestellt oder auch nur annäherungsweise gelöst wird.
    In einem Wechsel von abgedruckten Zeitdokumenten aus behördlicher oder privater Feder und den Ausführungen des Autors über sein Romanpersonal versucht der Leser in dem Roman sich ein Bild zu machen von dem Geschehen und den Haltungen und Stimmungen der handelnden Personen. Das verlangt dem Leser sehr viel Aufmerksamkeit ab, denn weder sind diese dokumentarischen Stellen visuell von der Autorenprosa abgegrenzt, noch erkennt man am Sprachstil einen deutlich zu Tage tretenden Unterschied. Die Sprache ist häufig mehr als sperrig und „unliterarisch“, trägt die Züge von Historischem, Militärischem und Bürokratischem und lässt so den Leser alles andere als eintauchen in diese fremde Welt. Diese Sprache lässt auch die Haltung und Wertung des Autors und seines Haupthelden zu dem Geschehen sehr stark verschwimmen. Grenzt er sich ab? Ist er unterstützend dabei? Fast kapitelweise muss der Leser diese Frage neu ausloten und wird so immer wieder vom Autor enorm gefordert.
    Die Lektüre des Buches fühlt sich dabei immer wieder wie harte Arbeit eines Historikers an. Doch wie es bei harter Arbeit so ist: Ist man dann am Ende und kann das Ergebnis bestaunen, dann bringt gerade die eingesetzte Mühe das Vergnügen und die Zufriedenheit.
    Deshalb habe ich am Ende der Lektüre auch ein klar positives Urteil zu diesem Roman, der mich zwischendurch immer wieder Nerven gekostet hat und ich unterstreiche, dass der dokumentarische Habitus, den Timm her gewählt hat, letztlich komplett aufgeht und für mich absolut Sinn gemacht hat.
    Ich gebe dem Roman gute 4 Sterne und drücke meine Freude aus, dass ich ihn hier in einer leserunde lesen konnte.

  1. Kolonialismus

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 24. Jun 2020 

    Jeder, der sich die Frage stellt, was Kolonialismus für die Kolonisierten bedeutet, sollte dieses Buch lesen. Wobei man hier aber auch erwähnen sollte, dass das ganze Grauen nur angekratzt wird. Wobei das hier Erwähnte aber dennoch ausreicht. Ich habe dieses Buch in einer Leserunde erkunden und genießen dürfen und dies war eine sehr gute Entscheidung. Bedeutet doch eine anschließende Diskussion über ein monströses Geschehen ein noch erweitertes Begreifen dieser entsetzlichen Begebenheiten. Uwe Timm schafft es auch noch besagtes Buch nicht zu unterkühlt zu formulieren, was mir sehr gefallen hat. Ist dies doch etwas, was mich immer wieder bei der Lektüre manch deutschen Autos ereilt und auch abstößt. Leider! Dieses Buch ist ein interessanter und berührender Blick auf das Treiben deutscher Kolonisatoren und ebenso ein humanistischer Blick eines bewundernswerten Deutschen und seinem persönlichen Dilemma und ebenso ein Blick auf die Fähigkeiten eines besonderen Führers der Khoin und Herero. Gerade auch der Aufbau des Buches hat etwas für sich, diese Mischung aus Tatsachenbericht/geschichtlichen Fakten und romanhaftem Geschehen und ebenso auch die Mischung aus realen Personen und fiktiven Charakteren. Viel Nachschauen und Suchen im Netz lohnt sich hier. Uwe Timms Schreibe hat mir sehr gefallen, gerade weil seine Schreibe etwas empathischer und auch etwas gefühlvoller rüberkommt, nicht so kühl und kalt wie die Schreibe vieler anderer deutscher Autoren ist. Ein weiterer Punkt der mich begeistert hat, war der Zynismus des Autors, ich finde auf manches Geschehen kann man nur noch zynisch schauen, weil es so unbegreifbar und auch so abscheulich ist.

    Der Hauptcharakter des Buches wäre, nicht wie der Titel vermuten lassen würde, vor allem Gottschalk, ein Veterinär der deutschen Kolonialarmee, der sich durch sein humanistisches Gedankengut auszeichnet und die Taten der Deutschen in Deutsch-Südwestafrika betrachtet und verurteilt, der aber letztendlich aus seiner Misere nicht heraus findet, weil es vielleicht manchmal wirklich schwer ist sich richtig zu entscheiden. Der titelgebende Morenga, ein Führer der Khoin und auch einiger Herero, hätte durch seine Bildung und auch durch seine Herkunft (der Vater: ein Herero und die Mutter: eine Nama) ein wirklich bedeutender Kämpfer und Vereiniger der einheimischen Bevölkerung des südlichen Afrika gegen die Kolonisatoren werden können, tritt eigentlich erst im letzten Drittel des Buches auf. Das Hauptthema von Timms Morenga ist das Treiben der Kolonisatoren in Namibia und das Hadern eines Gottschalk. Ein wirklich gutes Buch. Und ein Buch, welches mir sehr gefallen hat.

  1. "Damit ihr und wir Menschen bleiben können."

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 15. Jun 2020 

    ... das sagt Morenga in dem Roman von Uwe Timm.

    Der anklagende Finger für die Schrecken der Kolonialgeschichte zeigt auf Deutschland, Anfang des 20. Jahrhunderts, als sie beschlossen den Aufstand der Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) niederzuschlagen. Und wenn ich Timms Morenga lese, wird mir klar: das sowas von sowas kommt! (frei nach Nenas 99 Luftballons)

    Virtuos, vielschichtig und vielleicht ab und zu mit einem Augenzwinkern, versteht es der Autor, die Kluft zwischen wortlosem Schrecken und einer Hommage an einen schlauen Kämpfer aus der Kalahari Wüste zu überbrücken.

    1904 beginnen die Aufstände der Einheimischen in den Schutzgebieten (ein "nettes" Verschleierungswort für Kolonie) und Deutschland entsendet Truppen ins ferne Afrika, um mit Disziplin und Dienstvorschriften das Hottentottenland in die Zivilisation zu schießen. Rücksichtlos und wenig human, gehen sie dabei mit der Bevölkerung um. Gefangennahme und Dezimierung, ist eine vorsichtige Umschreibung der Gräueltaten in den Konzentrationslagern, die nur eine Umzäunung unter freiem Himmel sind, in denen Männer, Frauen und Kinder ausgehungert werden.

    Doch die Truppen haben wenig Erfolg und bekommen die Aufständischen mit ihrer Guerillataktik selten zu Gesicht. Morenga, einer der Anführer, gewitzt und gut ausgebildet, zeigt den Deutschen, dass hier keine Schlacht mit dem Lehrbuch gewonnen werden kann.

    Die Hauptfigur des Romans ist der Veterinär Gottschalk, der sich mit der Versetzung in dieses Land eine kurze Schlacht und anschließend eine weitläufige Farm mit Familie und Personal erträumt. Voller Enthusiasmus und Erfindergeist interessieren ihn schon bald Land und Leute. Er beginnt die Sprache der Nama zu lernen, ändert seine Einstellung zum Krieg und wird durch die Lektüre eines anarchistischen Buches angstiftet, Fluchtpläne zu schmieden.

    Gottschalk führt uns also durch die Truppenbewegungen und Vorgänge im Krieg der Deutschen gegen die Herero und Nama. Dabei dürfen wir seine Entwicklung vom pflichtbewussten Träumer zum verzweifelten Menschenfreund miterleben. Immer wieder geht Timm aber auch in der Geschichte zurück und erzählt von den Menschen, die davor nach Namibia kamen, zeigt ihre Absichten, entweder den Eingeborenen den "wahren" Glauben näherzubringen, ihnen das Land abzukaufen, oder mit ihnen Handel zu treiben, bevorzugt Branntwein, Rindfleisch und Straußenfedern. Wir sehen aber auch Pläne scheitern, Träume platzen und Vorsätze in Vergessenheit geraten. Die Protagonisten dieser Einschübe bleiben dem Roman dann auch bis zum Ende treu und so begegnen wir den Nachfahren der Rinder, die immer noch den Weg zum Aschehaufen des größten Branntweinfasses, das Afrika je gesehen hat, kennen.

    So vermischen sich märchenanmutende Legenden mit den dokumentierten Widerlichkeiten, der Verbrechen der Deutschen im Namen der Entwicklung und des Fortschritts und den Vorwehen für die kommende Anmaßung der Weltherrschaft.

    Es scheint nicht Timms Absicht gewesen zu sein, eine Anklageschrift zu verfassen. Er hat vielmehr mit Umsicht alle Umstände zusammengefasst, die diese Geschichte vorangetrieben, die diesen Ausgang geprägt haben. Jedem dürfte klar sein, wer hier wem Unrecht getan, wer verblendet und übergriffig war. Trotzdem lässt er alle Menschen Mensch sein und treffender hätte es Morenga (siehe Zitat) nicht sagen können.

  1. Die Deutschen in Südwest-Afrika

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 14. Jun 2020 

    In „Morenga“ führt uns Uwe Timm ein sehr in Vergessenheit geratenes Kapitel der deutschen Geschichte auf sehr dokumentarische Weise vor Augen: die Kolonialzeit in „Deutsch“ Südwest Afrika.
    Aus Anlass des 80. Geburtstags des Autors hat der dtv-Verlag auch diesen Roman von Uwe Timm noch einmal aufgelegt. Die Erneuerung, die natürlicherweise eine Verbesserung und Aktualisierung sein sollte, drückt sich dabei durch ein Nachwort des Grünen-Politikers und Autor Robert Habeck aus, wo der Roman vielleicht eher eine dokumentarische Stütze für den Leser durch eine Karte und einige historische Fakten hätte gebrauchen können.
    Der Roman begleitet in seinen Hauptzügen den Veterinär Gottschalk, der sich freiwillig zu diesem Dienst im fernen Afrika gemeldet hat, weil er sich sehr verschwommen und undeutlich eine private Zukunft in diesem Teil der Welt als Grundbesitzer und Ehemann auszumalen versucht. Diesen diffusen Traum wird er im Verlauf der etwa 2 im Roman geschilderten Jahre aber aus den Augen verlieren, ohne so recht eine neue Perspektive aufzubauen. Auf Seiten der revoltierenden und gegen die Deutschen kämpfenden heimischen Herero und Nama steht der Titelheld Morenga, der dem Leser aber nur selten und nur auf recht große Distanz begegnet. Die Kämpfe zwischen den am falschen Fleck Heimat suchenden Deutschen und den Heimat verteidigenden Farbigen führen zu vielen Toten, Leid und Unfreiheiten. Das Personal des Romans macht diese Kämpfe in den jeweils zu spielenden Rollen mit, ohne dass die Sinnfrage wirklich gestellt oder auch nur annäherungsweise gelöst wird.
    In einem Wechsel von abgedruckten Zeitdokumenten aus behördlicher oder privater Feder und den Ausführungen des Autors über sein Romanpersonal versucht der Leser in dem Roman sich ein Bild zu machen von dem Geschehen und den Haltungen und Stimmungen der handelnden Personen. Das verlangt dem Leser sehr viel Aufmerksamkeit ab, denn weder sind diese dokumentarischen Stellen visuell von der Autorenprosa abgegrenzt, noch erkennt man am Sprachstil einen deutlich zu Tage tretenden Unterschied. Die Sprache ist häufig mehr als sperrig und „unliterarisch“, trägt die Züge von Historischem, Militärischem und Bürokratischem und lässt so den Leser alles andere als eintauchen in diese fremde Welt. Diese Sprache lässt auch die Haltung und Wertung des Autors und seines Haupthelden zu dem Geschehen sehr stark verschwimmen. Grenzt er sich ab? Ist er unterstützend dabei? Fast kapitelweise muss der Leser diese Frage neu ausloten und wird so immer wieder vom Autor enorm gefordert.
    Die Lektüre des Buches fühlt sich dabei immer wieder wie harte Arbeit eines Historikers an. Doch wie es bei harter Arbeit so ist: Ist man dann am Ende und kann das Ergebnis bestaunen, dann bringt gerade die eingesetzte Mühe das Vergnügen und die Zufriedenheit.
    Deshalb habe ich am Ende der Lektüre auch ein klar positives Urteil zu diesem Roman, der mich zwischendurch immer wieder Nerven gekostet hat und ich unterstreiche, dass der dokumentarische Habitus, den Timm her gewählt hat, letztlich komplett aufgeht und für mich absolut Sinn gemacht hat.
    Ich gebe dem Roman gute 4 Sterne und drücke meine Freude aus, dass ich ihn hier in einer leserunde lesen konnte.