Mittagsstunde: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Mittagsstunde: Roman' von Dörte Hansen
4.8
4.8 von 5 (10 Bewertungen)

Endlich - der neue Roman von Dörte Hansen!

Die Wolken hängen schwer über der Geest, als Ingwer Feddersen, 47, in sein Heimatdorf zurückkehrt. Er hat hier noch etwas gutzumachen. Großmutter Ella ist dabei, ihren Verstand zu verlieren, Großvater Sönke hält in seinem alten Dorfkrug stur die Stellung. Er hat die besten Zeiten hinter sich, genau wie das ganze Dorf. Wann hat dieser Niedergang begonnen? In den 1970ern, als nach der Flurbereinigung erst die Hecken und dann die Vögel verschwanden? Als die großen Höfe wuchsen und die kleinen starben? Als Ingwer zum Studium nach Kiel ging und den Alten mit dem Gasthof sitzen ließ? Mit großer Wärme erzählt Dörte Hansen vom Verschwinden einer bäuerlichen Welt, von Verlust, Abschied und von einem Neubeginn.





Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:320
EAN:9783328600039

Rezensionen zu "Mittagsstunde: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 17. Feb 2019 

    Wird schon wieder. Wird alles wieder gut.

    Es gibt Bücher, die will man weiterempfehlen – notfalls weiterverschenken! –, das Lob des Autors oder der Autorin von den Dächern schreien und fortan all ihre Bücher lesen. Bücher wie “Mittagsstunde”.

    Ich bin verliebt in dieses Buch, das ganz ohne abgedroschene Rührseligkeit daherkommt. Diese Atmosphäre, diese Sprache, diese Charaktere… Grandios. Und dabei so ungefiltert, so wahr und so nah dran am Leben, mit all seinen Höhen und Tiefen, dass es manchmal wehtut. Die Autorin sagt in wenigen Sätzen ganz viel: Lebensgefühl und Lebenswirklichkeit, komprimiert in ein paar prägnanten Bildern.

    “Keine Schönheit weit und breit. Nur nacktes Land, es sah verwüstet und geschunden aus. Ein Land, das man mit einer frommen Lüge trösten wollte, die Hand auf diese Erde legen: Wird schon wieder. Wird alles wieder gut.”
    (Zitat S. 18)

    Was Dörte Hansen hier beschreibt, ist nicht weniger als der leise Abgesang einer Epoche.

    Hier ist ein Dorf noch ein ganzes Universum – Heim und Trost, Fluch und Gefängnis seiner Bewohner. Vieles wird dabei nicht benannt, nicht mit Etiketten versehen, weil es gar nicht nötig ist. Auch wer nicht vom Dorf kommt, kann diese Welt mühelos aus Frau Hansens Zeilen herauslesen.

    Alles wird durchs Dorf getragen – nur werden die wirklich wichtigen Dinge nicht zwischen den Leuten besprochen, die es wirklich angeht. Der Zusammenhalt ist absolut, man wendet einem Bewohner des Dorfes nicht den Rücken – aber das gilt auch für den Vater, der seine Kinder verprügelt.

    Der Roman verzichtet auf plumpe Werturteile, der Leser kann (und wird) sich sein eigenes Bild machen. Das Dorf verkommt dabei nicht zur kitschigen Idylle.

    “Man hatte hier als Mensch nicht viel zu melden. Man konnte gern rechts ranfahren, aussteigen, gegen den Wind anbrüllen und Flüche in den Regen schreien, es brachte nichts. Es ging hier gar nicht um das bisschen Mensch.”
    (Zitat S. 17)

    Das ist meines Erachtens deswegen spannend, weil man gar nicht anders kann, als die Geschehnisse durch die Augen der Charaktere zu sehen – ‘bisschen Mensch’ hin oder her, auch wenn der Roman damit beginnt und endet.

    Denn die Charaktere sind Menschen, keine Klischees.
    Sie haben gravierende Schwächen, machen Fehler, sind manchmal unsympathisch, aber immer nachvollziehbar und echt.

    Der wichtigste Protagonist ist in meinen Augen Ingwer, der dem Dorf schon vor langer Zeit den Rücken gekehrt hat, um zu studieren, und jetzt zurückkehrt, um seine alten Eltern zu pflegen, die eigentlich seine Großeltern sind. Obwohl er schon lange erwachsen ist, steht er immer noch mit einem Fuß in beiden Welten – Dorf und Stadt, Tradition und Moderne.

    In Rückblicken erfährt man die Geschichte verschiedener Bewohner des Dorfes, wie eben die von Sönke, Ingwers (Groß)vater. Der erscheint auf den ersten Blick schroff und abweisend, wie ein stures Urgestein, mausert sich dann aber zu einem Charakter, der mir ans Herz gewachsen ist wie lange kein anderer.

    Ein weiterer wichtiger Charakter ist „Marret Ünnergang“, die durchs Dorf tingelt und den Untergang prophezeit. Das wird akzeptiert, darüber wundert sich keiner, sie ist halt “verdreit” – da kann man sich als Leser vergeblich fragen, ob sie vielleicht eine geistige Behinderung hat.

    Auch hier verzichtet das Buch auf Etiketten. Worauf es ebenfalls verzichtet, sind einfache Antworten. Im Leben gibt es nur sehr wenige ‘saubere’ Enden, und so bleibt vieles ungeklärt. Das tut der Wirkung des Buches meines Erachtens keinen Abbruch.

    FAZIT

    Dörte Hansen beschreibt mit viel Wärme, aber ohne platte Heimatidylle, das Ende einer Ära. Die Flurbereinigung hat Brinkebüll erreicht, die kleinen Bauern müssen einsehen, dass die alten Traditionen nicht mehr ausreichen, um von der Landwirtschaft leben zu können… Die Menschen von Brinkebüll sehen sich mit dem Untergang ihrer kleinen Welt konfrontiert.

    Auch wenn es manchmal schmerzt, ist das Buch doch immer wunderbar, mit einem klaren Schreibstil voller einprägsamer Bilder und lebendigen Charakteren, mit denen man trotz ihrer Schwächen mitfühlt.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 03. Feb 2019 

    Junge, komm bald wieder

    "Niemand konnte leiser essen und Treppen geräuschloser hinaufschleichen als Kinder, die in Nordfriesland aufgewachsen waren. Wenn es etwas gab, was den Menschen hier oben heilig war, dann war es ihre Mittagsstunde."

    In Dörte Hansens Roman „Mittagsstunde“ ist gleichnamige Errungenschaft der Zivilisation ein wichtiger Aspekt des Landlebens. Wir befinden uns in Geestdorf Brinkebüll, Nordfriesland.
    Dieser Ort vermittelt jenes Landleben, welches es in den letzten Jahrzehnten in so vielen Landstrichen in Deutschland existiert hat. In Brinkebüll herrschen eigene Gesetze des Miteinanders, an die sich alle halten, ob sie wollen oder nicht. Gerade in den 60ern und 70ern war es schwer, sich gegen die Eigendynamik des Dorflebens zur Wehr zu setzen. Entweder man fügte sich oder wurde wie eine Persona non grata behandelt.
    Die Bewohner von Brinkebüll lieben und hassen sich. Hier wird getratscht, was das Zeug hält, selbstverständlich hinter vorgehaltener Hand. Schließlich weiß man, was sich gehört. Hier finden sich sämtliche Aspekte eines Zusammenlebens: Nettigkeit, Neid, Missgunst, Hilfsbereitschaft, Ablehnung.

    "Man kam mit vielen Dingen durch in Brinkebüll. Man konnte seine Kinder schlagen, die Frauen seiner Nachbarn schwängern oder das Vieh im Stall verkommen lassen. Es kamen trotzdem alle, wenn sie eingeladen wurden. Aßen, tranken, tanzten, schunkelten."

    Was wäre ein Dorf ohne seinen Mittelpunkt. Nicht in seltenen Fällen war dies die Dorfkneipe. So auch in Dörte Hansens Roman. Der "alte Dorfkrug" ist der Dreh- und Angelpunkt ihrer Geschichte.
    Betrieben wird die Kneipe von Sönke und Ella. Tochter Marrit hilft mit, wie es ihr gefällt. Und gefallen tut es ihr nicht in dem Maße, wie Sönke und Ella sich dies erhoffen. Denn Marrit ist in ihrer Entwicklung zurückgeblieben. Sie lebt in ihrer eigenen gedanklichen Welt und lässt nur selten zu, dass andere daran Anteil nehmen. Einer, der zuviel Anteil daran nahm, war irgendein Vermesser, der in Sachen „Flurbereinigung“ (ein Fluch, der viele Landstriche seinerzeit in Deutschland traf) in Brinkebüll verweilte. Neun Monate später bringt Marrit einen Jungen zur Welt: Ingwer. Aufgrund ihrer geistigen Situation ist sie nicht in der Lage, sich um ihren Sohn zu kümmern. Sönke und Ella ziehen ihren Enkel groß.

    Die Handlung verläuft auf unterschiedlichen Zeitebenen. Einerseits lernen wir die Vergangenheit von Ingwer und dessen Angehörigen in Rückblenden kennen. Und andererseits erleben wir Ingwer als Erwachsenen um die 50, wie er seine gebrechlichen und alten Großeltern in Brinkebüll unterstützt. Sein Lebensmittelpunkt hat sich mittlerweile in die Stadt verlagert. Er lebt seit 25 Jahren in Kiel in einer Dreier-WG. Nach dem Abitur hat er ein Archäologie-Studium begonnen – sehr zum Unverständnis von Sönke, für den es selbstverständlich war, dass sein Enkel die Gaststätte übernehmen wird. Doch Ingwer ist mittlerweile Hochschullehrer in Kiel. Zeitlebens hat er seine Herkunft als Makel empfunden. Umso verwunderlicher ist es, dass er nach Jahrzehnten in der Stadt an einem Punkt angelangt ist, wo er sein Leben, wie es bisher verlaufen ist, in Frage stellt. Er entschließt sich zu einem Sabbatjahr, das er in Brinkebüll zur Unterstützung seiner Großeltern verbringen wird.

    "Er wollte es. Er holte sich hier etwas ab, was ihm noch fehlte. Einen Nachschlag Brinkebüll. Er fand Dinge wieder, die er noch gebrauchen konnte, manches hatte er schon fast vergessen. Die Gerüche und Geräusche dieses Hauses. Das Gefühl für dieses Dorf, das viel mehr von ihm wusste als er selbst."

    Der Leser begleitet Ingwer und die Seinen während dieses Jahres. Dörte Hansen lässt dabei immer wieder Erinnerungen an die Vergangenheit des Dorfes und seiner Einwohner einfließen. So macht sich der Leser ein Bild über die einzelnen Charaktere: Wortkarg, kühl, unnahbar und stur, mit einem Hang zum Skurillem. Und gerade diese Skurriliät macht die Charaktere wieder sympatisch.

    Wortkargheit macht auch vor der Ehe nicht halt, wie Ingwers Großeltern beweisen. Sie sind seit 70 Jahren verheiratet und hatten sich nie viel zu sagen. Sie sind sich scheinbar fremd, leben halt zusammen. Damals galt eine Ehe noch als Bund fürs Leben. Es gibt nur ganz wenige Momente, die verdeutlichen, dass irgendwo doch ein kleines bisschen Liebe und enge Verbundenheit zwischen den beiden vorhanden ist. So selten diese Momente auch sind, strahlen sie doch eine große Wärme aus.

    Das Dorfleben ändert sich mit den Jahren. In dem einstigen Idyll schleicht sich der Fortschritt ein, angefangen mit besagter Flurbereinigung in den 60er Jahren, bei der viele kleine Gemeinden auf der Strecke geblieben sind.
    Trotz aller Traurigkeit über die Veränderungen auf dem Land begleiten den Leser Erinnerungen an die eigene Kindheit, was eigentlich merkwürdig ist. Denn nicht jeder Leser ist auf dem Land groß geworden. Aber es gibt nun mal im Brinkebüller Dorfleben Verhaltensmuster, die auch früher in Städten zu finden waren. Das sind Kleinigkeiten des Alltags, so z. B. das Grüßen auf der Straße, der Sonntagsfrühschoppen, den Gästen gekauften Kuchen vorzusetzen ist verpönt und natürlich besagte Mittagsstunde, in der die Mittagsruhe einzuhalten ist.

    Fazit
    Die Entwicklung des Dorfes über die Jahre wird von Dörte Hansen grandios dargestellt, von der Idylle, über die Folgen des Fortschritts bis hin zur heutigen Tendenz "Zurück zur Natur und dem Natürlichen". Selbstverständlich habe ich aufgrund meiner eigenen Erinnerungen vieles durch die rosa-rote Brille betrachtet und dadurch den vermittelten Wohlfühlfaktor sehr genossen.
    Denn Dörte Hansen schildert das Dorfleben liebevoll, aber ehrlich, mit all seinen Sonnen- und Schattenseiten. Dabei verwendet sie einen Sprachstil, der kaum zu beschreiben großartig ist. Sie lässt wunderschöne und berührende Bilder im Kopf entstehen, die einen auf eine faszinierende Lesereise mitnehmen.
    Leseempfehlung!

    © Renie

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 29. Jan 2019 

    Nordseegesichter

    Das Dorf Brinkebüll in Nordfriesland: Nach 30 Jahren kehrt Dr. Ingwer Feddersen, Archäologe und Hochschullehrer, in seinen kleinen Heimatort zurück. Der 47-Jährige findet ein Dorf vor, das einen Niedergang erlebt hat. Auch in seinem persönlichen Umfeld haben die Menschen die besten Zeiten schon hinter sich. Seine Großmutter Ella ist dement. Sein Großvater Sönke (93), von Arthrose geplagt und auf einem Auge blind, hält dennoch die Stellung im „Dorfkrug“, dem Gasthof von Brinkebüll. Als seine Uni ihm eine Auszeit genehmigt, kommt Ingwer zurück. Nicht ohne Grund: Er hat in dem Dorf noch etwas gutzumachen…

    „Mittagsstunde“ von Dörte Hansen ist ein beeindruckender Roman.

    Meine Meinung:
    Der Roman besteht aus 22 Kapiteln mit einer angenehmen Länge. Sie sind überschrieben mit den Titeln bekannter Songs – eine schöne Idee. Erzählt wird nicht nur aus der Sicht von Ingwer, sondern auch aus der verschiedener weiterer Personen. Es gibt zudem immer wieder Rückblenden in die weiter zurückliegende Vergangenheit. Der Aufbau hat mir gut gefallen.

    Besonders der Schreibstil macht das Lesen zu einem Hochgenuss. Die Sprachbilder und Vergleiche sind sehr eindrucksvoll, die Beschreibungen zum Teil ungewöhnlich, aber mit verblüffender Treffgenauigkeit. Die Sprache wirkt bisweilen poetisch.

    Eine weitere Stärke des Romans liegt in den starken Charakteren. Im Mittelpunkt steht Ingwer Feddersen. Sein Innenleben lässt sich sehr gut nachvollziehen. Auch die übrigen Personen sind reizvoll, vielschichtig und authentisch dargestellt. Sie illustrieren sehr gut die dörflichen Strukturen und das Gesellschaftssystem dort, haben aber jeweils ihre eigene, interessante Geschichte.

    Inhaltlich geht es vor allem um den Niedergang eines Dorfes, über die Veränderungen, die die Zeit mit sich brachte, und den Strukturwandel. Das äußert sich in vielen Bereichen. Brinkebüll steht damit exemplarisch für viele kleine Dörfer. Darüber hinaus werden auch emotional behaftete Bereiche wie Alter, Einsamkeit und Krankheit thematisiert. Ohne ins Kitschige abzudriften, gelingt es der Autorin darüber hinaus, Szenen einzustreuen, die berühren. Immer wieder liefert die Geschichte Impulse zum Nachdenken.

    Ein wichtiges Thema sind auch die menschlichen Schwächen und Fehler. Den Leser erwarten mehrere Überraschungen. Stück für Stück werden einige Geheimnisse erst angedeutet und dann aufgedeckt. Das sorgt für Spannung.

    Das Cover entspricht nicht ganz meinem Geschmack, obgleich es inhaltlich durchaus passt. Der Titel ist ebenso prägnant wie treffend gewählt.

    Mein Fazit:
    Mit „Mittagsstunde“ ist Dörte Hansen wieder ein toller Roman gelungen, der völlig zu recht auf der Bestsellerliste gelandet ist. Die hohe sprachliche Qualität und die überzeugend dargestellten Charaktere machen das Buch für mich schon jetzt zu einem der Lesehighlights in diesem Jahr. Eine Lektüre, die ich uneingeschränkt empfehlen kann.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 27. Jan 2019 

    Mittagsstunde von Dörte Hansen

    „Mittagsstunde“ ist der neue und großartige Roman von Dörte Hansen, in dem sie den Bogen aus der Zeit der Mittagsruhe in den 1970er Jahren mit Flurbereinigung der kleinen dörflichen Parzellen bis in die heutige Zeit mit ihren spürbaren Veränderungen aber auch der Sturheit und dem Festhalten an Vertrautem durch die alten Dorfbewohner spannt.

    Eine Dorfgeschichte und zugleich die Geschichte vieler Bewohner des Dorfes ziehen am Hörer/Leser vorbei. Im Vordergrund steht Ingwer Feddersen, heute 47, der als Hochschullehrer in Kiel lebt. Seit 25 Jahren wohnt er in Wohngemeinschaft mit Ragnhild und Claudius. Nichts Halbes und nichts Ganzes in seinen Augen, da keiner seiner Mitbewohner den Sprung in die erwachsene Verantwortung geschafft hat. Ingwer fühlt sich zwar wohl dort, doch tief innen ist er frustriert und unzufrieden.Da kommt es ihm sehr gelegen, dass er ein Sabbatjahr nimmt, um sich um seine Großeltern in Brinkebüll zu kümmern. Großvater Sönke, kaum noch beweglich, hält stur als Dorfkneiper die Stellung, Großmutter Ella ist hochgradig dement und verliert immer mehr ihren Verstand. Ingwer glaubt, den beiden Alten etwas zurückgeben zu müssen, seit sie ihn wie ihren Sohn aufgezogen hatten.
    Inmitten der Gegenwartsgeschichte erzählt Dörte Hansen die Vergangenheit und den Wandel des Dorfes mit Rückblicken. Ausgang ist die Flurbereinigung in den 1970er Jahren, als alte krumme kleine Parzellen umgelagert wurden und daraus große gerade Flurstücke wurden, als Hecken und Bäume an Feldrändern verschwanden, als kleine Bauernhöfe entweder zu profitablen Landwirtschaftsbetrieben umgewandelt wurden oder untergingen und als Merret, Ellas und Sönkes Tochter, von einem der Vermesser der Flurbereinigung geschwängert wurde. Ihr kleiner Sohn Ingwer interessierte sie weniger als Schlagerlieder, und da sie nichts mit ihm anfangen konnte und in immer zunehmende Verwirrung verfiel, nahmen sich Sönke und Ella des Jungen an und zogen ihn groß. Ingwer verließ als einer der wenigen später das Dorf, gefördert vom alten Dorflehrer Steensen zunächst an das Gymnasium und später an die Uni in Kiel. Nach Binkebüll kommt er immer seltener, und die Übernahme von Sönkes Gastwirtschaft stand nie auf seinem Lebensplan.

    Dörte Hansen erzählt mit großer Wärme und mit viel Gespür für altes und neues Dorfleben eine 60jährige Dorfgeschichte im Wandel. Ihre Charaktere sind vielfältig wie eine lebendige Dorfgemeinschaft, mit allen Ecken und Kanten, sympathisch oder geduldet, in allen Fällen unheimlich lebensecht. Wer wie ich auf dem Dorf aufgewachsen ist, erkennt zumindest ein paar der vergessen geglaubten Bewohner des eigenen Dorfes wieder, auch wenn man in einer völlig anderen Gegend lebt. Und das ist einfach wunderbar.
    Zwar liegt Binkebüll in Norddeutschland und die Menschen im Roman sprechen ausgiebig Platt, aber das Dorf selbst ist überall zu finden, wo die Mittagsstunde zwischen zwölf und zwei, einst heilig und geeignet für Heimlichkeiten, verschwand im Zuge von Begradigungen und Neuerungen, schnellen Dorfstraßen statt Holperpisten, auf denen Kinder überfahren wurden und Jugendliche auf nächtlichen Ausflügen am Baum landeten.
    Zwischen Vergangenheit und Gegenwart stetig wechselnd lernt man die Dorffamilie kennen. Jeder kennt jeden, Menschen mit Macken wie Merret, die in Klapperschuhen im ganzen Dorf den Untergang verkündet gehören genauso dazu wie die ständig lesende Bäckerstochter, die selbst beim Brötchenverkauf ein Buch in der Hand hält, oder Heiko Ketelsen, einst vom Vater geprügelt und nicht besonders schlau, aber mit großem Herz und jetzt mit Visionen einer Westernbar in Sönkes alter Kneipe. Ein herrlicher Dorfroman, der zugleich ein Familienroman ist, jeder kennt jeden, Zugezogene werden kritisch beäugt und höchst selten als völlig zum Dorf gehörend akzeptiert.
    Dörte Hansen kann aber noch mehr. Man spürt beim Lesen, wie sich der steinerne Himmel auf die Schultern zu legen droht und zieht unwillkürlich gemeinsam mit Ingwer Feddersen die Schultern nach oben, wenn der ewige und feuchte Wind bläst. Landschaften und Stimmungen entstehen so in perfektem Kopfkino.

    Ohne Kitsch und ohne Schönfärberei, und auch ohne die Verklärtheit von Stadtmenschen, die die ländliche Idylle erträumen und die Plackerei nicht kennen, bekommt man eine Ahnung davon, was verloren ging und was keine Renaturierung und kein auf das Kirchendach gesetztes Storchennest zurück holen kann. Neben der Mittagsstunde und der großen Akzeptanz der Gemeinschaft füreinander verschwand auch die Enge, die Plackerei, der Misthaufen und die Rückständigkeit.

    Ich habe zunächst das Hörbuch gehört, gelesen von der wunderbaren Hannelore Hoger, deren rabiate und resolute Leseart hervorragend zur Geschichte passt.
    Die Sprecherin war diesmal allerdings für mich ein wenig gewöhnungsbedürftig, ich hatte anfangs Schwierigkeiten, die Kapitel klar zu unterscheiden, und auch vom Platt habe ich kaum etwas verstehen können. Hannelore Hoger verwischt für meinen Geschmack ein paar Pausen zu viel, ich bekam auch nicht immer alle Kapitelwechsel sofort mit. Ich habe nach dem Hören zusätzlich das Buch gelesen, weil mir die Geschichte so gut gefallen hat, und das hat sich für mich sehr gelohnt.
    Meine vollste Leseempfehlung und eine 4,5-Sterne-Hörempfehlung.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 23. Jan 2019 

    Kindheit auf dem Dorf

    Dörte Hansens Roman: "Mittagsstunde" spielt in einem fiktiven nordfriesischen Dorf. Ein Dorf- oder Heimatroman also, allerdings ohne Pathos und Kitsch. Der Untergang der alten dörflich-bäuerlichen Kultur durch die Moderne ist das zentrale Thema dieses Buches.
    Dörte Hansen lässt in ihrem Roman zunächst ganz wunderbar die alte Dorfkultur wieder lebendig werden. Sie nimmt uns mit zurück in die 60er Jahre (in ausführlichen Rückblenden). Wir Leser lernen die Dorforiginale kennen, allen voran die Familie Fedderson, die im Mittelpunkt des Romans steht. Sönke Feddersen, der abgemagert aus russischer Gefangenschaft zurück gekehrt war, seine Frau Ella, die die Dorfgaststätte und den bäuerlichen Kleinbetrieb in dessen Abwesenheit weiter geführt hatte und die Tochter Marret, die acht Monate nach der Rückkehr Sönkes geboren wurde. Marret ist psychisch auffällig, verträumt und in ihrer Entwicklung zurück geblieben. In ihrem 17. Lebensjahr wird sie schwanger, der Vater ist unbekannt. Sie bekommt einen Jungen, Ingwer Feddersen, den die Großeltern liebevoll aufziehen, denn Marret ist dazu nicht in der Lage.
    Sönke Feddersen hat es also nicht leicht: Er hat ein Kuckukskind und noch dazu einen Enkelsohn, der unehelich geboren wurde.
    Wie reagierte man früher im Dorf auf eine solche Situation, wie ging das Ehepaar Feddersen damit um? Die Antwort: man spricht nicht darüber, man schweigt, man sieht bewusst oder unbewusst weg. Hintenherum aber gibt es Klatsch und Tratsch. Denn im Dorf "wusste man nie wer was wusste" wie die Autorin schreibt. Beim Lesen ist man gespannt, ob und wie die Geheimnisse aufgedeckt werden. Insbesondere ob Ingwer von all dem erfährt.

    Die "Mittagsstunde" (siehe Buchtitel) ist die Stunde der Heimlichkeiten. Zitat: "Sie (Marret) tauchte meistens in der Mittagsstunde unter, sie machte es wie alle, die in Brinkebüll für eine Zeit verschwinden wollten. Die nicht gesehen werden wollten, wenn sie um Häuser oder Scheunen schlichen, wo sie nichts verloren hatten, oder mit langem Schritt ein fremdes Feld vermaßen, als ob es ihnen schon gehörte."
    Die Frauen in der Familie Feddersen sind Meisterinnen des Schweigens und der Heimlichkeiten.

    Die Autorin beschreibt aber nicht nur die bedrückenden Seiten des Dorflebens. Wir spüren beim Lesen den engen Zusammenhalt. Jeder kennt Jeden, man feiert Geburtstage und Hochzeiten zusammen. Man gehört als "Dörpsminsch" einfach dazu.
    Die Figuren im Roman sind liebevoll, manchmal humorvoll dargestellt.

    Gegenwart und Vergangenheit wechseln sich, wie bereits gesagt, im Roman ab. In der Gegenwart hat sich das Gesicht des Dorfes völlig verändert. Durch die Flurbereinigung sind größere Felder entstanden, die effektiver bewirtschaftet werden können, kleine Höfe sind längst aufgegeben worden. Einen Dorfladen gibt es nicht mehr, man fährt zum einkaufen zum Aldi. Nach Feierabend bleibt man Zuhause und schaut fern, man geht nicht mehr zum "Kröger".
    Die Autorin beschreibt die Vereinzelung der Menschen und die Entzauberung der Landschaft mit Wehmut, wird aber nie kitschig dabei, denn sie lässt uns von Anfang an im Klaren darüber, dass das Dorfleben nie eine reine Idylle war.

    Ingwer Feddersen ist inzwischen 47 Jahre alt, er hat den Absprung aus dem Dorf geschafft und kehrt nun für ein Jahr wieder in sein Heimatdorf zurück um seine über 90jährigen Großeltern zu pflegen. Die Kräfte der Alten schwinden. In einer der stärksten Passagen des Buches beschreibt Dörte Hansen die Hinfälligkeit der Großeltern und die liebevolle Pflege, die ihnen ihr Enkel zukommen lässt.
    Ingwer Feddersen steckt in einer Midlife Krise. Die Auszeit bei seinen Großeltern soll ihm auch helfen, diese zu überwinden. Ingwers innere Konflikte wirken im Roman ein wenig blass, das Thema Midlife crisis passt nicht ganz zu den Haupterzählsträngen des Romans. Das ist jedoch nur ein kleiner Minuspunkt in einem ansonsten gelungenen Dorfroman.

    "Mittagsstunde" ist ein Roman mit schöner, poetischer Sprache, die gewürzt ist mit direkten Reden auf plattdeutsch und Hinweisen auf Schlager, die zu den entsprechenden Zeiten modern waren. Ein echtes Lesevergnügen. Jeder der seine Kindheit in den 60er oder 70er Jahren auf dem Dorf verbracht hat, wird sich hier wiederfinden. Absolut lesenswert.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 21. Jan 2019 

    Ein grandioser, atmosphärisch dichter Familien- und Dorfroman

    Die Mittagsstunde hat eine besondere Bedeutung im fiktiven Örtchen Brinkebüll, das irgendwo im nordfriesischen Flachland in der Nähe von Husum und Niebüll liegt. Die Mittagsstunde beginnt nach dem Essen, das ganze Dorf hat in dieser Zeit zu schlafen, zu schleichen und Ruhe zu halten. Alles andere wird als Störung und öffentliches Ärgernis empfunden, schon die Kinder bekommen das frühzeitig eingeimpft. Der Ort scheint überhaupt aus der Zeit gefallen, jeder kennt jeden, nach außen hält man zusammen, intern gibt es jedoch schon Querelen und Geheimnisse.

    Im Mittelpunkt des Romans steht Familie Feddersen. Marret lernen wir auf den ersten Seiten kennen, als sie mit Weltuntergangsphantasien auf Holzpantinen durch den Ort klappert. Sie gilt als „verdreiht“, hat eine geistige Behinderung, die sie kindlich-naiv erscheinen lässt.

    „Marret war wie etwas Flüchtiges, Verwehtes, das ständig seine Form veränderte, Sanddüne, Wolke, Quecksilber, sie hatte keine Grenzen. Keine feste Haut, so kam es Ella manchmal vor.“ (S. 37)

    Marret hat einen Sohn, Ingwer, dessen Vater vermutlich einer von drei Landvermessern ist, die 1965 für die Flurbereinigung rund um Brinkebüll zuständig und im Gasthof Feddersen untergebracht waren.
    „Sie musste aber einen anderen gesehen haben. (…) Einen, der gut kalkulieren, messen und berechnen konnte. Passte alles: Mond und Sterne, Sommernacht, ein Mädchen, das Verstecke kannte und verschwinden konnte. Schönes Fräulein. Gar nichts Weltbewegendes, nur eine kleine, uralte Geschichte, aber Marret kannte sie noch nicht.“ (S. 47)

    Marret war damals erst 17 Jahre jung. Ihre Eltern Sönke und Ella haben mit dieser Schwangerschaft natürlich ihre Probleme, letztlich nehmen sie den neugeborenen Jungen aber auf, als wäre es ihr eigenes Kind. Lange Zeit glaubt auch Ingwer, dass sie seine Eltern sind.

    Die Autorin spannt einen weiten Bogen über 50 Jahre Dorfgeschichte, über die Entwicklungen und Veränderungen auf dem Lande, die nicht nur für Brinkebüll, sondern für viele ländliche Flecken gelten. Im Fokus steht Ingwer, der seit rund 25 Jahren Teil einer Kieler Wohngemeinschaft ist, zu der auch seine Freundin Ragnhild und Claudius gehören – eine moderne Ménage-à-trois.

    Ingwer ist mittlerweile Archäologe und an der Kieler Hochschule tätig, hat sich ein Sabbatjahr eingeräumt und kommt heim nach Brinkebüll, um sich seiner betagten Großeltern anzunehmen. Trotz Ellas zunehmender Demenz ("Sie war in fließenden Gewässern unterwegs, wo Menschen, Zeiten, Orte durcheinandertrieben.“ (S. 49)) schlagen sich die beiden allein durch, sogar die Schankstube ist noch stundenweise geöffnet. Ingwer wird die Vergänglichkeit seiner Großeltern deutlich:
    „Den Ehering, der viel zu weit geworden war, er (Sönke) trug ihn jetzt am Mittelfinger. Er wurde immer kleiner, leiser, weniger, er hatte angefangen zu verschwinden. Letzte Takte, Decrescendo.“ (S. 58)

    Ingwer kommt zurück in die Dorfgemeinschaft, in der viel geschwiegen wird, niemand ein Recht auf Wahrheit oder Antworten hat. „Er (Ingwer) hing an diesem rohen, abgewetzten Land, wie man an einem abgeliebten Stofftier hing, dem schon ein Auge fehlte, das am Bauch kein Fell mehr hatte.“ (S. 18)

    Er trifft seine Jugendfreunde wieder, die Nachbarn, die alle geblieben sind. Er selbst hat das vorgesehene Erbe ausgeschlagen, indem er zu den „Studierern“ ging, was heute noch auf ihm lastet. Er muss sich in diesem Sabbatjahr über vieles klar werden, was sein Leben betrifft, er ist doch oft zu passiv gewesen, hat Dinge einfach nur geschehen lassen. Insofern geht es im Roman durchaus auch um eine Selbstfindung, eine Midlife-Crisis. Ingwer muss mit sich selbst ins Reine kommen und glaubt auch, die Vergebung seines Großvaters erlangen zu müssen. Im Zuge der Geschichte darf der Leser auch das ein oder andere überraschende und dennoch glaubwürdige Familiengeheimnis entdecken, wodurch das Buch unglaublich an Spannung gewinnt.

    Nach und nach lernt der Leser dabei die Dorfbewohner kennen. Es werden Zusammenhänge aus Vergangenheit und Gegenwart deutlich, ebenso familiäre Probleme und Verstrickungen. Die Autorin verändert dabei die Perspektive, schweift zurück in vergangene Zeiten. Stück für Stück wird so das Ganze deutlich. Das Dorf dabei als Kosmos unter dem Brennglas. Die Flurbereinigung war nur der Anfang. Mit der Zeit wurden landwirtschaftliche Betriebe gezwungen, sich rapide zu vergrößern oder Flächen stillzulegen bzw. Tiere abzugeben. Der Tante-Emma-Laden verlor seine Bedeutung. Verkehrsadern wurden durchs Land getrieben, Schulen zusammengelegt. Das alles bleibt nicht ohne Folgen – auch und gerade für die Menschen nicht. Davon erzählt Dörte Hansen quasi nebenbei, während sie die Familiengeschichte von Ella und Sönke, Marret und Ingwer erzählt.

    Das tut sie in einer unglaublich atmosphärischen, teilweise poetischen Sprache. Sie formuliert Sätze zum Niederknien. Gerade im ersten Drittel hatte ich ständig den Bleistift in der Hand. Anschließend ist die Sprache nicht mehr ganz so dicht, was der Spannung und dem Erzählfluss aber entgegen kommt. Manche Abschnitte sind auch komisch, andere haben Galgenhumor, weitere hinterlassen einen Kloß im Hals. Diese Gefühle zu erzeugen ist große Kunst und meisterliches Handwerk.

    Ich war schon von Hansens erstem Roman „Altes Land“ sehr beeindruckt. Dieser hier hat mich noch mehr begeistern können. Wahrscheinlich nicht zuletzt, weil ich als Kind der 60/70er Jahre so vieles wiedererkannt habe. Dörfer gibt es nämlich überall, und Dörte Hansen hat das Spezielle, das Besondere, aber auch das Kritische am Dorfleben wunderbar eingefangen und zu Papier gebracht. Dass die Autorin den einzelnen Kapiteln Musiktitel voranstellt, die im Bezug zur Handlung stehen und die man fast alle kennt, empfand ich als weiteren Pluspunkt, als weiteren Zugang zur beschriebenen Zeit. Ein großartiger, atmosphärisch dichter Familienroman – unbedingt lesen!

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 19. Jan 2019 

    Comes a Time

    Marret Feddersen sieht in allem Möglichen Zeichen des nahenden Untergangs Schon als Kind war sie seltsam, „verdreiht“. Auf ihren Runden durch das Dorf Brinkebüll erkennt sie jeder am Geräusch ihrer Klapperlatschen. „Marret Ünnergang“ wird sie nur mehr genannt. Als viel später ihr Sohn Ingwer nach jahrelanger Abwesenheit nach Brinkebüll zurückkehrt, zieht er Bilanz. Sein Leben, das Dorf, alles hat sich gewandelt. So nimmt auch er eine Auszeit, um seinen greisen Großeltern Sönke und Ella beizustehen.
    Mittagsstunde, High Noon in Brinkebüll, nur dass sich hier nicht Gut und Böse im ewigen Kampf gegenüberstehen, sondern alt gegen neu, Tradition gegen Fortschritt.
    Es sind viele berührende Szenen, die Dörte Hansen aus dem Dorfleben beschreibt. Die Handlung verläuft in zwei Zeitebenen. Zum einen befinden wir uns in den Nachkriegsjahren bis in die 60er, Jahre des Aufbaus, der Beginn einer neuen Zeit und zum anderen in der Gegenwart, i n der Brinkebüll fast wie eine Geisterstadt anmutet. Schule, Laden, die alten Höfe gibt es nicht mehr. Gerade noch Sönkes Wirtshaus besteht noch. Die Zeit der Feste im Brinkebüller Saal sind vorbei, kein Frühschoppen, kein Umtrunk bis zum Morgen. Es ist eine verkehrte Welt. Städter ziehen nach Brinkebüll, um die Ursprünglichkeit zu suchen, die die Landwirte im Zuge der Modernisierung abgeschafft haben. Es ist nicht nur das Dorfsterben, dass die Autorin beschreibt. Sie greift sehr viele Themen auf, sehr breit angelegt: Pflege der Familienangehörigen im Alter, Demenz, Inklusion, unbewältigte Kriegstraumata, die Bildungsschere zwischen Stadt und Land und vor allem die Einsamkeit und Isolation in unklaren oder ungeliebten Beziehungen. Paare, die jahrzehntelang mehr nebeneinander statt miteinander leben, die nicht miteinander reden, sondern übereinander, das macht die Geschichte über das Dorfleben hinaus universell. Es ist eine nostalgische Erzählung, durchsetzt mit wehmütigem Humor. Skurrile Figuren damals wie heute geben dem Buch eine zutiefst menschliche Seite. Aber Hansen erzählt auch von den Chancen eines Neuanfangs, einer Weiterentwicklung, der Suche und nach dem Platz im Leben.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 17. Jan 2019 

    Die Zeit der Heimlichkeit

    Hansen versteht es ein Bild der dörflichen Strukturen in Norddeutschland, wie es sie in der Vergangenheit gegeben hat und wie sie sich heute darstellen, zu zeichnen. Gleichzeitig ziehen die Figuren die Leser*innen in ihren Bann, so dass man den Roman nicht aus der Hand legen will.

    Worum geht es?
    Zwei Figuren stehen im Mittelpunkt der Geschichte: Marret Feddersen und ihr unehelicher Sohn Ingwer.

    Das erste Kapitel stellt uns zunächst die verrückt erscheinende Marret vor, die überall nur Marret Ünnergang genannt wird, da sie überall Zeichen des Weltuntergangs sieht.

    "Die Leute seufzten, wenn sie das Klappern auf der Straße hörten. Dor kummt de Ünnergang al wedder." (8)

    Immer wieder streut Hansen plattdeutsche Sätze ein, die jedoch den Lesefluss nicht stören, im Gegenteil, sie sorgen neben der bildreichen Beschreibung der Landschaft für das entsprechende norddeutsche "Feeling".

    Wir erfahren über Marret, sie

    "wurde siebzehn, wurde schwanger, sagte niemandem, von wem. Und ließ sich auch nicht heiraten von Hauke Godbersen, der sie genommen hätte, mit ihrer hohen Nase und dem Rest." (12)

    Der Rest besteht, neben dem unehelichen Kind, aus ihrem Vater Sönke Feddersen, Kriegsveteran, der im Gefangenenlager in Russland gewesen ist, und ihrer stillen Mutter Ella, die gemeinsam den Gasthof des Ortes Brinkebüll führen, der im Sommer 1965 im Rahmen der Flurbereinigung sein Antlitz verändert.

    Fast ein halbes Jahrhundert später kehrt Ingwer, Marrets Sohn nach Brinkebüll zurück, der an der Universität Kiel Ur- und Frühgeschichte lehrt und in einer Dreier-WG gemeinsam mit Ragnhild und Claudius lebt - "Übriggebliebene" aus der Studentenzeit. Er als Kind vom Land, als "Kartoffelkind", wie er sich selbst bezeichnet. Sie kreisen

    "lebenslang um ihre Dörfer, blieben auf den Umlaufbahnen, die sie hielten, nicht zu nah und nicht zu fern. Treue Mondgesichter, die an ihrer alten Erde hingen." (27)

    Da sein Großvater Sönke inzwischen 93 Jahre alt ist und seine Großmutter Ella dement,

    "[s]ie war in fließenden Gewässern unterwegs, wo Menschen, Zeiten, Orte durcheinandertrieben" (49),

    nimmt er sich ein Sabbatical, damit er sich um die beiden kümmern und herausfinden kann, welche Richtung er in Zukunft einschlagen will.

    Abwechselnd wird geschildert, wie Ingwer an den Ort seiner Kindheit zurückkehrt, an den viele Erinnerungen geknüpft sind. Wie er sich um seine Großeltern kümmert, sich seinem Großvater annähert und alte Rechnungen begleicht.

    In den Kapiteln der Vergangenheit steht Marret im Mittelpunkt, ihr seltsames Verhalten als Kind und Jugendliche, das darauf schließen lässt, dass sie eine Beeinträchtigung hat, die jedoch weder erkannt noch therapiert wird.

    "Marret Feddersen schien hinter einer Wand aus Glas zu leben. Man musste rufen oder winken, um sie zu erreichen, und manchmal war das Glas auch noch beschlagen." (33)

    Die einzelnen Figuren sind detailliert gezeichnet und repräsentieren verschiedene Typen, wie diejenigen, die selbst in dörflichen Strukturen aufgewachsen sind, sie alle kennen. Eine besondere Rolle spielt der Lehrer Steensen, der dafür sorgt, dass Ingwer auf die Oberschule nach Husum gehen kann.

    Das Dorf selbst könnte überall sein - die gleichen Verhaltensmuster, das Gerede, der Spott, aber auch das Schweigen bei offensichtlichem Unrecht.

    "Ingwer fragte sich, was man als Brinkebüller wohl verbrechen musste, bevor man ausgeschlossen wurde. [...] Ihm fiel nichts ein." (97)

    Die Mittagsstunde, die dem Roman den Titel gibt, ist in beiden Handlungssträngen ein Leitmotiv, ebenso wie die Liedtitel, die als Kapitelüberschriften dienen.

    "Niemand konnte leiser essen und Treppen geräuschloser hinaufschleichen als Kinder, die in Nordfriesland aufgewachsen waren. Wenn es etwas gab, was den Menschen hier oben heilig war, dann war es ihre Mittagsstunde." (22)

    Obwohl alle zu schlafen scheinen, geschieht Verborgenes, Heimliches in dieser Stunde.

    "Sie [Marret] tauchte meistens in der Mittagsstunde unter, sie machte es wie alle, die in Brinkebüll für eine Zeit verschwinden wollten. Die nicht gesehen werden wollten..." (31)

    Zwei Fragen sorgen für Spannung beim Lesen: Warum taucht Marret in den Kapiteln der Gegenwart nicht mehr auf? Welche Richtung wird Ingwers Leben nehmen, wird ihn das Jahr auf dem Land verändern, so dass er nicht mehr tiefstapelt und sich wegduckt?

    Bewertung
    Ein beeindruckender Roman, der eine Welt auferstehen lässt, die bereits vergangen ist und von der sich viele wünschen, dass sie wiederkehren würde.

    "Es war ein großes Missverständnis. Die Leute aus der Großstadt suchten die Natur und das Ursprüngliche, und in den Dörfern wurde es gerade abgeschafft." (268)

    Doch Hansen stellt das Leben auf dem Land nicht als Idylle dar. Es erscheint als Enge, in der sich Menschen wie Marret nicht entfalten können. Geheimnisse bleiben nicht geheim, doch es wird nicht offen darüber geredet - das kann entlastend, aber auch, wie Hansen anhand einiger Protagonisten aufzeigt, belastend sein. Ingwers Blick auf das Dorf ist ein realistischer und zeigt die Veränderungen zum Guten, aber auch zum Schlechten deutlich auf - kein Bäcker, kein Kaufmann, keine Schule mehr.

    "Die Leute hatten sich das abgewöhnt wie ihre Mittagsstunde, es legte sich jetzt kaum noch jemand hin tagsüber." (256)

    Die Stärke des Romans liegt in den vielen, kleinen berührenden Szenen,
    wenn Ella und Sönke zusammen tanzen, als "wäre die Musik ihre Gebrauchsanweisung füreinander" (123)
    oder Sönke seinen Enkelsohn "wie ein Beuteltier (...) am Bauch trug." (184)

    Und in der großartigen Beschreibung der Landschaft, die allen Veränderung trotzt.

    "Man hatte hier als Mensch nicht viel zu melden. Man konnte gern rechts ranfahren, aussteigen, gegen den Wind anbrüllen und Flüche in den Regen schreien, es brachte nichts. Es ging hier gar nicht um das bisschen Mensch." (17)

    Klare Lese-Empfehlung!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 16. Jan 2019 

    Eine sehr lesenswerte Familienbiografie

    Ein wunderschönes Buch, das mich nicht mehr losgelassen hat. Auch wenn ich anfangs etwas Mühe hatte, reinzukommen, habe ich es trotzdem von der ersten bis zur letzten Seite genossen. Eine versierte, literarische Sprache, eine differenzierte Figurenbeschreibung, ein interessantes norddeutsches Familienporträt.

    Dadurch, dass wir das Buch im Bücherforum besprechen, werde ich hier nur die wichtigsten Fakten beschreiben. Am Ende der Besprechung verlinke ich meine Seite mit der auf Whatchareadin. Ich habe dort ein paar schöne Zitate hinterlassen, und werde morgen Abend mich weiter an der Diskussion beteiligen.

    Die Handlung
    Die Handlung spielt in Brinkebüll, eine kleine Ortschaft im Norden Deutschlands.
    Auf den ersten Seiten lernt man Marret Feddersen kennen, eine merkwürdige Figur, die überall in der Ortschaft tagtäglich den Untergang preist. Doch die Apokalypse lässt bis dato noch auf sich warten ;-). Marret scheint intellektuell ein wenig retardiert zu sein, hört permanent Schlagerlieder, die nicht nur von einer heilen Liebeswelt singen … Marret stammt aus einer dreiköpfigen Familie. Der angebliche Vater, Sönke Kröger, hat noch vor Marrets Geburt in die Familie Feddersen hineingeheiratet. Sönke besitzt eine Gaststätte und ist noch als Landwirt tätig. Ella Feddersen, Marrets Mutter, ist eine sehr stille und stark introvertierte Figur, die Probleme innerhalb der Familie innerlich eher aushält, als dass sie sie anspricht. Als Sönke im Krieg war, musste sie ihren Mann auf dem Feld und in der Kneipe ersetzen. Als der Krieg vorbei war und Sönke nichts hat von sich hören lassen, rechnete Ella nicht mehr mit seiner Rückkehr … Marret ist ein Nachkriegskind …

    Eine weitere wichtige Figur ist Ingwer Feddersen, der uneheliche Sohn von Marret. die damals 17-jährige Marret wollte das Kind nicht, und so versuchte sie es durch verschiedene Selbstverletzungen abzutreiben …

    Ingwer wurde trotzdem geboren und wuchs bei Sönke und Ella auf. Marret kümmerte sich nur wenig um ihr Kind.

    Als Ingwer schulpflichtig wurde, entpuppte er sich zum Klassenbesten, sodass er nach der Grundschule das Gymnasium außerhalb von Brinkebüll besuchte. Sönke hatte eigentlich mit ihm andere Pläne. Er wollte, dass Ingwer beruflich in seine Fußstapfen tritt. Durch den weiteren Bildungsweg über Studium und Promotion entfremdeten sich Sönke und Ingwer immer mehr voneinander. Seinen Wohnsitz verlegte Ingwer nach Kiel, etwa 100 Kilometer von Brinkebüll entfernt, wo er an der Universität eine Dozentenstelle innehat ... Seit mehr als zwei Jahrzehnten lebt Ingwer in einer Dreier-WG ... Eine feste Bindung hat er nicht, eine klassische Ehe als Institution lehnte er ab. Es ist für mich noch nicht ganz klar, ob die Mitglieder in dieser Dreier-WG, zusammengesetzt aus Ingwer, Claudius und Ragnhild, ihr sexuelles Liebespotential in ihrer Dreiecksbeziehung entfalten.

    Als promovierter Landvermesser kehrt Ingwer beruflich nach vielen Jahren wieder nach Brinkebüll zurück und ist erstaunt, wie sehr sein Heimatdorf sich verändert hat. Es sind kaum noch Landwirte zu sehen. Viele haben Land und Hof verkauft … Brinkebüll wird modernisiert …

    Sönke und Ella, 90 Jahre alt, sind mittlerweile alte Leute, die Unterstützung in der Pflege und im Haushalt benötigen ...

    Welche Szene hat mir gar nicht gefallen?
    Besonders abstoßend habe ich den eher selbstgerechten Dorfschullehrer namens Steensen erlebt, als er seine Schüler geschlagen hat, wenn sie nicht pariert haben. Vom Schulamt wurde durch die 1968er Bewegung die antiautoritäre Erziehung an den Schulen vorgeschrieben, an die sich Steensen bis zu seiner Pensionierung nicht halten wollte. Auch wenn er gerecht gewirkt hat, reicht mir das nicht ...

    Welche Szenen haben mir besonders gut gefallen? Drei Szenen
    1) Gefallen hat mir, dass Marret von der Gesellschaft und von ihrer Familie wegen der unehelichen Schwangerschaft nicht verstoßen wurde. Marret selbst hatte allerdings keine Ahnung, wie das Kind aus ihrem Körper geboren werden soll. Früher sprach man nicht über die Sexualität, auch nicht über Verhütung und nicht über die Geburt eines Neugeborenen. Ella hatte auch nicht den Mut, Marret aufzuklären. Aus der Schulbibliothek lieh sie sich den Atlas über die Anatomie des menschlichen Körpers. Mit Hilfe dieses Atlas` half sie ihrer Tochter, die bevorstehende Geburt verständlich zu machen ... Wie Marret diese Informationen aufgefasst hat, ist dem Buch zu entnehmen. Bücher können viel, aber doch nicht alles ...

    2) Wahnsinnig angenehm fand ich, als Sönke den kleinen schreienden Säugling Ingwer, der erst kaum zu bändigen war, ihn als kleines Bündel auf seiner Männerbrust in seiner Jacke gewärmt hat und ihn so überall hin mitgetragen hat. Sönke wirkte vom Charakter her sehr spröde und trocken, dass ich ihm diese Form von Liebe niemals zugetraut hätte, wo doch die Hebamme den Tipp gegeben hatte, das Kind einfach schreien zu lassen.

    3) Gefallen haben mir auch die Szenen, in denen Ingwer Sönke und Ella in Brinkebüll gepflegt hat, als er sich beruflich dafür für ein Jahr eine Auszeit nimmt, um sich um die alten Eltern/Großeltern zu kümmern. Ella entwickelte schleichend eine Demenz, während Sönke körperlich stark geschwächt und pflegebedürftig ist.

    Welche Figur war für mich ein Sympathieträger?
    Ella Feddersen.

    Welche Figur war mir antipathisch?
    Ragnhild Dieffenbach, Dipl. Ingenieurin, die, als Ingwer als Endvierziger in eine Midlife-Crisis gerät, kommt sie ihm mit naiven psychologischen Theorien, in der er sich nicht verstanden gefühlt hat. Ich vermisste bei ihr die Empathie und Ingwer sicher auch.

    Meine Identifikationsfigur
    Ingwer Feddersen.

    Cover und Buchtitel
    Vosicht Spoiler
    Das Cover hat mir sehr gut gefallen. Und den Titel Mittagsstunde, was darunter gemeint ist, wird später auf verschiedenen Seiten deutlich. Vor der Modernisation von Brünkebüll wurde die Mittagsstunde als Ruhezeit zelebriert, und nach der Modernisation wurden diese Ruhezeiten aufgelöst, als sich mit ihr auch ganz Brinkebüll aufgelöst hat. Die Städter zogen aufs Land, um die Natur zu erleben, und die jungen Leute zogen vom Land in die Stadt, weil für sie der Beruf als Landwirt nicht mehr lukrativ genug war.

    Zum Schreibkonzept
    Die Zeiten, in denen die Handlung sich abspielt, sind nicht chronologisch aufgebaut. Sie pendelt zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Marret muss Ende der 1940er Jahre geboren worden sein, Ingwer kam Anfang bis Mitte der 1960er Jahre auf die Welt.

    Meine Meinung
    Wie ich anfangs schon geschrieben habe, hat mir das Buch sehr zugesagt. Die Lebensweise der Dorfbewohner*innen war so prägnant, dass mich das tief berührt hat. Die Autorin hat es geschafft, die Figuren so zu beschreiben, dass es für mich möglich wurde, in das Innenleben dieser Menschen zu schauen, das voller Abgründe ist. Auf mich wirkten all diese Menschen innerlich sehr einsam, nur jeder auf seine eigene Weise. Probleme wurden nicht angesprochen. Es war üblich, sie zu ertragen. Jede Figur wirkte auf mich wie eine einsame Insel. Daher auch ein sehr nachdenkenswertes Buch. Aber ob die Themen wirklich so spezifisch sind, dass man sie nur in Brinkebüll finden kann, das glaube ich eher nicht. Kürzlich hatte ich zwei italienische Autoren gelesen, auch darin ging es um italienische Dörfer, um Landflucht, um Modernisierung dieser Dörfer, und die Italiener waren dort ähnlich nach innen gekehrt wie die Menschen aus dem hohen Norden von Deutschland. Auch sie konnten nicht offen über ihre Probleme reden ...

    Mein Fazit
    Eine faszinierte und sehr lesenswerte Familienbiografie mit ihren Besonderheiten an Lebensweisen in einer Dorfgemeinschaft.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 16. Jan 2019 

    Klapperlatschen

    Mit ihren Klapperlatschen klappert sie durch Brinkebüll und kündet vom nahenden Untergang, deshalb wird sie im Dorf nur Marret Ünnergang genannt. Jahre später kehrt der auch nicht mehr ganz junge Ingwer Feddersen in sein Dorf zurück. Der Archäologe hat sich ein Jahr Auszeit an der Uni Kiel genommen, wo er als Hochschullehrer tätig ist. Ein Jahr, dass er seinen Großeltern schenken möchte, die inzwischen beide über 90 etwas Hilfe benötigen. Seine Großmutter Ella ist noch rüstig, allerdings der Geist will nicht mehr. Beim Großvater Sönke ist es gerade umgekehrt, der Geist ist klar, der Körper klapprig. Für Ingwer beginnt eine Zeit der Hingabe, aber auch der Erinnerung und Besinnung auf das, was er eigentlich will.

    Zwischen Gegenwart und Vergangenheit mäandert dieser gehaltvolle Roman hin und her. Man erlebt die Zeit des langsamen Niedergangs eines norddeutschen Dorfes. Von der Flurbereinigung in den 1960ern an bis in die Gegenwart wird in anrührenden Episoden berichtet, wie es mit dem Dorf und seinen skurrilen Charakteren immer weniger wird. Da werden scheinbar nicht nur Wiesen und Felder begradigt, auch die knorrigen Dorfbewohner scheinen in jeder Generation eine Runderneuerung zu erleiden. Schließlich ist Sönke noch eines der wenigen verbliebenen Originale auch Dörpsmensch genannt. Immer noch betreibt er seinen Dorfkrug, der fast genauso vereinsamt ist wie das Dorf und seine Bewohner.

    Sehr einfühlsam beschreibt Dörte Hansen das Schicksal des fiktiven Brinkebüll, das sie zwar in Norddeutschland verortet hat, das aber vermutlich auch in jeder ländlichen Gegend gewachsen sein könnte. Urige Dörfchen mit Klein- und Großbauern, einer Gastwirtschaft, ein Tante Emma Laden, vielleicht eine Bäckerei, ein Schlachter und eine Werkstatt. Viele Leser kennen es wahrscheinlich. Was es einmal gab und was noch da ist. Wenn Felder und Wiesen wegen der Flurbereinigung getauscht werden sollten, die Straßen gemacht wurden, und ein Gewerbe nach dem anderen verschwand. Doch in jedem Verschwinden liegt auch eine Erneuerung. Die heimelige, aber auch stichelige Stimmung verschwindet. Doch eine Dorfgemeinschaft kann sich auch neu finden. Und so ist dieser Roman von Melancholie, Wind und Abschied geprägt, auch von Aufbruch, Humor und Liebe zum Land.

    Ein zweites Buch kann es mitunter schwer haben, wenn es mit dem ersten verglichen wird. Dieses aber braucht den Vergleich nicht zu scheuen, es ist anders zwar, aber eher im Sinne einer Weiterentwicklung und Perfektionierung. Einfach klasse geschrieben, ein Fest für solche, die vom Lande kommen und vielleicht auch für solche, die eine Entdeckung machen wollen.

    4,5 Sterne