Mitgift: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Mitgift: Roman' von Henning Ahrens
4.75
4.8 von 5 (4 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Mitgift: Roman"

Ein großer Familienroman, der die Spuren deutscher Geschichte sichtbar macht Seit sieben Generationen in Folge bewirtschaften die Leebs ihren Hof in der niedersächsischen Provinz. Schließlich gilt es, das Familienerbe zu wahren – allen historischen Umbrüchen zum Trotz. Doch über die Opfer, die jeder Einzelne erbringen muss, wird geschwiegen. Henning Ahrens erzählt den Roman einer Familie und entwirft ein Panorama der ländlich-bäuerlichen Welt des 20. Jahrhunderts. Gerda Derking kennt sich aus mit dem Sterben. Seit Jahren richtet sie die Toten des Dorfes her, doch in jenem August 1962 würde sie die Tür am liebsten gleich wieder schließen. Denn vor ihr steht Wilhelm Leeb – ausgerechnet er, der Gerda vor so vielen Jahren sitzen ließ, um sich die Tochter von Bauer Kruse mit der hohen Mitgift zu sichern. Wilhelm, der als überzeugter Nazi in den Krieg zog und erst nach Jahren der Kriegsgefangenschaft aus Polen zurückkehrte. Der gegen Frau und Kinder hart wurde, obwohl sie jahrelang geschuftet hatten, um Hof und Leben zu verteidigen. Doch nun zeichnet sich auf seinem Gesicht ein Schmerz ab, der über das Erträgliche hinausgeht. Und Gerda Derking ahnt: Dieser Tragödie sind die Leebs ohne sie nicht gewachsen. In seiner epischen Familienchronik rückt Henning Ahrens den Verwundungen des vergangenen Jahrhunderts auf den Leib und erzählt ebenso mitreißend wie empathisch vom Verhängnis einer Familie.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:352
Verlag:
EAN:9783608984149

Rezensionen zu "Mitgift: Roman"

  1. Ein bäuerlicher Hof durch die Zeiten hinweg betrachtet.

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 11. Okt 2021 

    Kurzmeinung: Ein wenig viel Bauernhof - liest sich aber flüssig

    Anhand seiner eigenen Familiengeschichte erzählt uns Henning Ahrens von der Historie eines Bauernhofes und seiner Bewohner in der Nähe von Peine. Die Leebs sind eine alte Bauernfamilie, die ein ansehnliches Gut verwalten. Anhand des bäuerlichen Daseins kennen sie harte Arbeit und keine Ferien, aber in Notzeiten ist wenigstens immer genug Nahrung vorhanden, um Familie und Angestellte durchzubringen.

    Die drei Wilhelms, der Name wird jeweils an den Hoferben weitergegeben, sind die Protagonisten. Wegen der Namensgleichheit sind sie nicht leicht auseinanderzuhalten, die Wilhelms sind jedoch die zentralen Figuren, während den Frauenspersonen lediglich Statistenrollen zugewiesen werden.

    Durch die Zeiten hindurch hat sich die väterliche Autorität aufrechterhalten, sie ist so unumstößlich wie Gottes Wort oder das Regime einer Gewaltherrschaft. Weder das eine noch das andere hat dem Hof gutgetan. Die Männer waren im Krieg, dort sind sie vollständig verhärtet, können als Kriegsgefangene und schließlich Kriegsheimkehrer den verlorenen Ruhm nicht verkraften und Schulderkenntnis halten sie sich durch Suff, Arbeit und Herrschaftsallüren nach ihrer Rückkehr vom Leib. Die nachrückende Generation ist in den Augen der alten verweichlicht. Sie kann ihr nichts recht machen, die Katastrophe ist unausbleiblich.

    Der Kommentar:
    Die Personenzeichnungen sind dem Autoren überwiegend gut gelungen. Sprachlich ist der Roman gut aufgestellt, nichts Überragendes, aber auch nichts Verwerfliches, abgesehen von der inflationär gebrauchten Floskel „holte tief Luft“ Das bäuerliche Leben wird in aller Anschaulichkeit beschrieben, man könnte auch sagen ausgewalzt und leider auch ziemlich klischeebehaftet.

    Der unchronologische, weit gespannte historische Aufbau macht den Roman interessant, kann man doch in mehrere Zeitalter spieken, wenn auch nur kurz, der Bogen spannt sich vom 18. Jahrhundert anno 1755 bis ins 20. Jahrhundert anno 1962. Eine Rahmenhandlung holt den Roman aus der kriegshandlungsbedingten Tristesse in die Gegenwart, in der der Kater Heini und manche Gläser Holunderlikörsche für Auflockerung sorgen.

    Fazit: Alles in allem gefällt der Roman ganz gut, allerdings ist er mit seinem rein bäuerlichen Konzept und seinem Generationenkonflikt als Kern letztlich etwas zu vorhersehbar und zu schlicht geraten, jedenfalls zu schlicht für die Longlist.

    Der Roman steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises, 2021, während Dunkelblum, ein Siegertitel in seiner Komplexität, von der Jury verschmäht wurde.

    Kategorie: Belletristik: 3 Sterne
    historischer Roman: 4 Sterne.

    Verlag: Klett-Cotta, 2021

  1. Nur die Störche sind frei

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 09. Okt 2021 

    Nicht selten nehmen Autorinnen und Autoren die eigene Familiengeschichte zum Vorbild für einen Roman. Bei Henning Ahrens, geboren 1964, Schriftsteller und Übersetzer namhafter englischsprachiger Belletristik, standen gleich mehrere Ahnengenerationen Pate für seinen Roman "Mitgift":

    "Die Spanne reicht von meinem Urururururgroßvater (hier Hans Wilhelm Leeb) bis zu meinem Vater (hier Wilhelm Leeb junior). Ort, Beruf etc. entsprechen den Tatsachen, die Romanfiguren dagegen lassen sich nicht ohne weiteres mit ihren Vorbildern gleichsetzen." (Nachwort, S. 343)

    Im Zentrum steht das Jahr 1962, sieben der zweiundzwanzig Kapitel tragen die Überschrift „August 1962 – Die Totenfrau“. Diese Teile sind aus der Sicht von Gerda Derking geschrieben, einer Frau Mitte sechzig, die in einem Häuschen neben dem Hof der alteingesessenen Bauernfamilie Leeb im Dorf Klein-Isede bei Peine lebt. Wäre sie als Arbeitertochter nicht ohne Mitgift gewesen, dann hätte Wilhelm Leeb senior damals sie und nicht die reiche Bauerntochter Käthe Kruse geheiratet. So ist sie stille, längst mit ihrem Schicksal versöhnte Beobachterin, begeisterte Leserin und Totenfrau und hat das gewiss bessere Los.

    Im August 1962 hat sie ihre schwere Tätigkeit als Totenfrau gerade aufgegeben, als Wilhelm Leeb senior sie noch einmal holt:

    "«Gerda», sagt er «das kannst nur du. Ich will keine Fremden im Haus haben. Um der alten Zeiten willen? Bitte.»"

    So demütig kennt man den herrischen Großbauern sonst nicht, den begeisterten Nazi und SA-Mann, der freiwillig in die Ukraine zog, um als Landwirtschaftsführer der Zuckerzentrale die Heimat und die Wehrmacht zu beliefern. Die Führung des Hofes überließ er unterdessen seiner von ihm verachteten Frau und seinem sensiblen halbwüchsigen Sohn Wilhelm Leeb junior, genannt Willem. Ab März 1944 musste er mit der Wehrmacht den Rückzug antreten und landete schließlich nach Kriegsende in polnischer Gefangenschaft, aus der er erst 1949 zurückkehrte – ohne jede Spur von Reue oder Schuldbewusstsein, obwohl ihm weder die Leiden der Ukrainer, noch das Schicksal der Juden verborgen geblieben waren. Stattdessen forderte er Mitleid ein und schwang sich zum Diktator auf dem Hof auf:

    "Ich habe tausend Läuse zerdrückt, und was habt ihr unterdessen getan? Den Hof habt ihr verkommen lassen. Kein Geld, kein Saatgut? Unsinn: Keine Tatkraft, kein Wagemut, keine Visionen – das ist euer Problem." (S. 267)

    Es ist nicht der erste Vater-Sohn-Konflikt in der Familie, aber keiner war so zerstörerisch:

    "Auf jeden Fall war es erbarmungswürdig mit anzusehen, wie der Sohn am Vater zerschellte." (S. 242)

    Blicke in die Vergangenheit
    Seit 1699 ist der Leebsche Hof im Familienbesitz, einzelne Kapitel führen schlaglichtartig und nicht-chronologisch in die Vergangenheit zurück, in behutsam an die Zeit angepasster Sprache. Alle Generationen fühlten sich der Tradition verpflichtet, die ihnen als Mitgift in die Wiege gelegt wurde, niemand war je so frei wie die immer wieder im Roman auftauchenden Störche. Manche hätten gerne einen anderen Beruf ergriffen, einige waren pietistisch-fromm, einer vererbte den Besitz der Hermannsburger Mission, worauf drei Generationen ihn dort abbezahlen mussten. Wilhelm Leeb senior ist die siebte Generation in Folge – und dann?

    Gänsehautgefühl
    Verdient stand "Mitgift" auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2021 und ich hätte mir ein Weiterkommen sehr gewünscht. Die Verbindung aus Tradition und Einzelschicksal, Nachwirkungen des Nationalsozialismus, Rolle der Frauen auf dem Hof und tragischer Vater-Sohn-Beziehung haben mir ausgesprochen gut gefallen. Obwohl das Ende früh klar war, rief das ausführliche letzte Kapitel Gänsehautgefühl bei mir hervor – deutliches Zeichen dafür, wie sehr mich Henning Ahrens in die Familientragödie verwickeln konnte.

  1. Die Totenfrau

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 08. Sep 2021 

    Gerda Derking hat im Dorf lange Jahre als Totenfrau gearbeitet. Nun im August 1962 meint sie, es sei an der Zeit, die Tätigkeit den Bestattern zu überlassen. Doch als Bauer Leeb von nebenan sie bittet, ein letztes Mal ihres Amtes zu walten, sagt sie nicht nein. Sie ahnt voller Trauer, wer verstorben sein könnte. Zunächst jedoch heißt es warten. Gleichzeitig wird über mehrere Generationen die Familiengeschichte der Familie Leeb erzählt. Ein besonderer Akzent auf den beiden Weltkriegsgenerationen und der Generation der Kinder liegt. Wie in vielen Familien gibt es auch in dieser Streit und Zwietracht und ihre Mitglieder sind doch den familiären Zwängen gefolgt.

    Nicht immer in chronologischer Reihenfolge erzählt, aber doch beginnend mit dem Bau der jetzt noch genutzten Hofgebäude, bietet dieser Roman einen mitreißenden Abriss über das Familiengefüge der Leebs. Welcher Druck lastete auf dem Hoferben, nicht alle strebten danach, ihr Dasein als Bauern zu fristen. Allerdings ging die Familienräson regelmäßig vor und Träume mussten begraben werden. Dass Wilhelm Leeb als Nazi in den Krieg zog und als Nazi wiederkehrte, hat das Leben auf dem Hof nicht einfacher gemacht. Seine drei Kinder leiden unter ihm und jedes reagiert anders auf seinen Despotismus. Käthe, die Frau, erweckt den Eindruck, als habe sie sich schon lange aufgegeben.

    Wenn man als Leser oder Leserin die Wirren des vermaledeiten zweiten Weltkrieges eher aus Geschichtsbüchern kennt, weil in den Familien wenig darüber geredet wurde, ist dieser Roman wie eine kleine Offenbarung. Gerade als hätte der Autor zusammenrecherchiert, was Eltern, Großeltern oder gar Urgroßeltern nicht erzählen wollten. Natürlich ist es eine spezielle Familiengeschichte, die erzählt wird, aber sicher kann sie für viele stehen. Die Brüche der Familie, die Zwänge, denen man sich gebeugt hat, es wird auf irgendeine Art dazu geführt haben, dass Wilhelm Leeb der wurde. Auch er musste sich beugen, doch er hat keine Demut entwickelt. Er hat Schuld auf sich geladen und seine Wut an den Schwachen ausgelassen. Wieso waren sie so, wieso hat sich keiner gewehrt. Solche Fragen sind sicher in etlichen Familien aufgetaucht. Beantworten kann sie ein Roman nicht, aber er gibt ein authentisches Bild, wie es in den Familien bis in die frühen Nachkriegsjahre gelaufen sein könnte. Ein packender Roman, dessen Lektüre nur empfohlen werden kann.

  1. Virtuos erzählter Familienroman

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 30. Aug 2021 

    „Mitgift“ ist ein Roman, wie ich lange keinen gelesen habe. Er besticht von der ersten Seite an durch einen brillanten Schreibstil, in dem eine spannende, perfekt konstruierte Familiengeschichte erzählt wird.

    Die Kernhandlung führt ins Jahr 1962. In einem niedersächsischen Bauerndorf nahe Peine wird die Totenfrau Gerda Denking gebeten, einen auf tragische Weise gestorbenen jungen Mann für die Bestattung herzurichten. Es geht um Willem, erst Anfang 30, den Sohn des Großbauern Wilhelm Leeb. Die Tragödie ist offensichtlich. Was hat aber dazu geführt, dass sich der künftige Hoferbe Willem das Leben nahm? Der Autor taucht tief ein in die Familiengeschichte der Leebs. Vater Wilhelm war schon immer der Liebling seiner Mutter Magda, wurde entsprechend verwöhnt und verzogen. Er heiratete seine Frau Käthe der Mitgift wegen. Weder mit ihr noch mit seinen Kindern kann er viel anfangen. Früh engagiert er sich bei den Nationalsozialisten, lässt sich bereits 1940 als Landwirtschaftsführer nach Polen versetzen. Er findet seine Berufung in der Wehrmacht, der er als strammer Leutnant und Herrenmensch dient.
    Verschiedene Episoden zeigen eindrücklich die Schrecken und Entwicklungen des Zweiten Weltkrieges aus verschiedenen Perspektiven. Ob Fliegeralarm, Angst vor den einfallenden Russen, Flüchtlingsschicksal, Kriegsgefangenschaft, Verfolgung – kaum ein Thema wird nicht berührt. Mal ist Wilhelm Leeb Täter, mal ist er Opfer. Im Zentrum stets die Frage, was eine solche Zeit mit den Menschen macht. Was ist das Erbe dieses Krieges? Welchen Anteil hat er am weiteren Leben und entstehenden Konflikten?

    Auf dem Hof leben neben der Großfamilie Leeb auch die Großeltern mütterlicherseits. Großvater Kruse ist der Gegenentwurf zu seinem patriotischen Schwiegersohn: „Krieg ist weder ruhmreich noch heldenhaft, sondern bedeutet Angst und Tod und Verstümmelung. Wer da mitkämpft, ist fürs Leben gezeichnet. Ein Bajonett mag faszinierend sein, dient aber dem Töten. Vergiss das nie“, gibt er dem Enkel mit. (S. 104) Es verwundert nicht, dass sich der sensible Willem gerade zu diesem Großvater hingezogen fühlt. Während der Abwesenheit des Vaters führt Willem gemeinsam mit seiner Mutter den Hof. Er muss die Schule abbrechen, um mitarbeiten zu können, und schnell erwachsen werden. Als der Vater nach der Kriegsgefangenschaft heimkehrt, versagt er dem Sohn den Respekt und jegliche Anerkennung seiner Leistungen. Er schikaniert den sensiblen jungen Mann, der so gar nicht „nach dem Vater schlägt“. Ein unheilvoller Generationenkonflikt nimmt seinen Lauf…

    Nun könnte man annehmen, dass ein schwelender Vater-Sohn-Konflikt vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges doch nichts wirklich Neues bieten kann; man hat doch alles schon gelesen oder im Fernsehen geschaut. Weit gefehlt! Es ist hierbei die Art und Weise, wie Henning Ahrens seine Geschichte, die autobiografische Anlehnungen haben soll, in Szene setzt. Mit vielen Details lässt er die die Kriegs- und Nachkriegsjahre höchst authentisch auferstehen. Seine Figuren haben Profil, sind komplex und schlüssig entwickelt. Die patriarchalen Strukturen, unter denen Willem junior leidet, werden bis ins Detail ausgeleuchtet. Familienoberhaupt Leeb könnte man als krassen Stereotyp verstehen, aber er passt in die Zeit. Zudem wurde auch er nie nach seinen Wünschen gefragt, auch er musste sich der Familientradition beugen – was auch eine Form von Mitgift ist.

    Der Leser kehrt immer wieder zu Gerda zurück, während sie darauf wartet, ihre traurige Arbeit im Nachbarhaus verrichten zu können. Sie hatte einst eine enge Verbindung zu Wilhelm, bringt ihm deshalb ein gewisses Verständnis entgegen, übt aber auch scharfe Kritik. Gerda ist eine kluge und pragmatische Figur, die uns an ihren Gedanken und Beobachtungen teilhaben lässt, die bodenständig ist, vernünftig und unsentimental.

    Der variantenreiche, dichte, teilweise auch poetische Schreibstil hat mich begeistert. Die verschiedensten Blickwinkel und Perspektiven ergeben ein vielschichtiges Bild von Handlung, Figuren und Zeitkolorit. Alles hängt mit allem zusammen, vieles wiederholt sich im Laufe der Generationen. Gegen Ende kennt der Leser die Familiengeschichte und die Details, die Willem in den Tod getrieben haben.

    Die Nominierung für den Deutschen Buchpreis 2021 erscheint mir absolut berechtigt, „Mitgift“ ist ein fantastisches Buch. Ob es den Preis tatsächlich gewinnen wird, bleibt abzuwarten. Dafür ist es vielleicht zu wenig experimentell, zu wenig politisch und zu wenig sperrig. Dafür ist „Mitgift“ ein richtig guter historischer Roman, der Geschichte lebendig macht und auf anspruchsvolle Weise gut unterhält. Dieses Buch sollte breite Leserschichten begeistern können und den Buchhandel erfreuen.

    Mich hat „Mitgift“ komplett überzeugt. Ich gebe Höchstwertung und spreche eine klare Leseempfehlung aus.