Mitgift: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Mitgift: Roman' von Henning Ahrens
4.55
4.6 von 5 (7 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Mitgift: Roman"

Ein großer Familienroman, der die Spuren deutscher Geschichte sichtbar macht Seit sieben Generationen in Folge bewirtschaften die Leebs ihren Hof in der niedersächsischen Provinz. Schließlich gilt es, das Familienerbe zu wahren – allen historischen Umbrüchen zum Trotz. Doch über die Opfer, die jeder Einzelne erbringen muss, wird geschwiegen. Henning Ahrens erzählt den Roman einer Familie und entwirft ein Panorama der ländlich-bäuerlichen Welt des 20. Jahrhunderts. Gerda Derking kennt sich aus mit dem Sterben. Seit Jahren richtet sie die Toten des Dorfes her, doch in jenem August 1962 würde sie die Tür am liebsten gleich wieder schließen. Denn vor ihr steht Wilhelm Leeb – ausgerechnet er, der Gerda vor so vielen Jahren sitzen ließ, um sich die Tochter von Bauer Kruse mit der hohen Mitgift zu sichern. Wilhelm, der als überzeugter Nazi in den Krieg zog und erst nach Jahren der Kriegsgefangenschaft aus Polen zurückkehrte. Der gegen Frau und Kinder hart wurde, obwohl sie jahrelang geschuftet hatten, um Hof und Leben zu verteidigen. Doch nun zeichnet sich auf seinem Gesicht ein Schmerz ab, der über das Erträgliche hinausgeht. Und Gerda Derking ahnt: Dieser Tragödie sind die Leebs ohne sie nicht gewachsen. In seiner epischen Familienchronik rückt Henning Ahrens den Verwundungen des vergangenen Jahrhunderts auf den Leib und erzählt ebenso mitreißend wie empathisch vom Verhängnis einer Familie.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:352
Verlag:
EAN:9783608984149

Rezensionen zu "Mitgift: Roman"

  1. 4
    15. Feb 2022 

    Erbe

    Ein weiteres Buch aus der 2021er Longlist des Deutschen Buchpreises. Interessant und spannend. Henning Ahrens erzählt die Geschichte der deutschen Familie Leeb in der niedersächsischen Provinz. Dabei erspielen sich die Figuren dieser Familie Leeb meistens keinen Platz in meinem Herzen. Eher kommt mir diese Familiengeschichte als eine Abrechnung mit den sogenannten deutschen Tugenden vor. Eher zeigt diese Familiengeschichte wie deutsche Hartherzigkeit und das zentral gestellte Denken um das Weiterführen eines Hofes und eine strikt patriarchal geführte Welt einer Familie Schmerz und Leid bringen. Wie eine Familie aus egozentrischen Gründen dysfunktional wird. Es ist eine tragische Vater-Sohn-Geschichte. Ein Vater, der an seinem Sohn nichts Gutes findet und dies dem Sohn auch genussvoll vermittelt. Hier wundert sich sicher die Leserschaft. Aber in den Blicken zurück in der Ahnentafel der Familie Leeb wird klar, dass dieses Triezen und einander nichts Gönnen in der Familiengeschichte schon fast Tradition hat. Dennoch hat dieses miteinander Umgehen natürlich Folgen, entsetzliche Folgen! Bei der Lektüre habe ich mich gefragt, wie viele genau solche Familiengeschichten es wohl in unserem Land/in unserer Welt gibt? Wie viele Menschen mussten wohl aus den falschen Gründen Entscheidungen treffen, die sie letztendlich unglücklich gemacht haben? Die Kürze unseres Lebens verbietet eigentlich Entscheidungen, die Unglück fördern. Aber sind diese meine Gedanken unwirklich und/oder ein märchenhaftes Wunschdenken? Gibt es denn solche Entscheidungen, solch ein wirtschaftliches Denken nur bei uns in Deutschland? Oder sind solche Gedanken nicht überall in der Welt verbreitet? Sicherlich gibt es dieses zerstörerische Denken überall. Aber warum verbinde ich solch eine Denke so sehr mit Deutschland? Aus der Geschichte heraus? Aus dem Erleben heraus? Aus der psychiatrischen Arbeitswelt heraus? Dazu nur noch eine These, wo leben wohl die glücklichsten Menschen der Erde und wo die unglücklichsten? Darüber sollte man gerade wegen der Kürze unseres Daseins auf dieser Erde einmal nachdenken! Denn dieses Mitgift-Denken hier ist tödlich und zerstörerisch, was die Familie Leeb leider am eigenen Leib erfährt und hoffentlich darüber zu einem Begreifen kommt. Genauso wie die Leserschaft das begreift/das begreifen soll.

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  1. Der Lebensweg steht fest

    Klappentext:
    „Gerda Derking kennt sich aus mit dem Sterben. Seit Jahren richtet sie die Toten des Dorfes her, doch in jenem August 1962 würde sie die Tür am liebsten gleich wieder schließen. Denn vor ihr steht Wilhelm Leeb – ausgerechnet er, der Gerda vor so vielen Jahren sitzen ließ, um sich die Tochter von Bauer Kruse mit der hohen Mitgift zu sichern. Wilhelm, der als überzeugter Nazi in den Krieg zog und erst nach Jahren der Kriegsgefangenschaft aus Polen zurückkehrte. Der gegen Frau und Kinder hart wurde, obwohl sie jahrelang geschuftet hatten, um Hof und Leben zu verteidigen. Doch nun zeichnet sich auf seinem Gesicht ein Schmerz ab, der über das Erträgliche hinausgeht. Und Gerda Derking ahnt: Dieser Tragödie sind die Leebs ohne sie nicht gewachsen. In seiner epischen Familienchronik rückt Henning Ahrens den Verwundungen des vergangenen Jahrhunderts auf den Leib und erzählt ebenso mitreißend wie empathisch vom Verhängnis einer Familie.“

    Autor Henning Ahrens verarbeitet hier seine ganz persönliche Familiengeschichte. Einen chronologischen Aufbau gibt es nicht, und das ist vielleicht gar nicht mal schlecht. Die Geschichte rund um die Familie Leeb hat eine gewisse Tragik aber auch emotionale Seiten. Ahrens erzählt von Gerda, von Wilhelm, vom Krieg und natürlich von der Mitgift, so wie der Buchtitel es bereits andeutet. Wenn man sich mit solchen Geschichten beschäftigt, könnte man klar sagen: „Kennst eine, kennst alle.“. Hier ist das aber nicht ganz so pauschal zu sagen. Ahrens zeigt mit großen aber sehr ruhigen Worten und Ausdruck das Seelenleben hinter den harten Gesichtern von damals. Als Wilhelm „Witwer“ (seine Frau hat er aus seinem Herzen und aus seiner Seele ausgeschlossen) wird und ein echter Todesfall im Hause Leeb Einzug hält, muss Gerda kommen und sieht alles Leid in seinem Gesicht. Aber ist es wirklich Leid? Gerda muss über ihren Schatten springen, denn das von damals hängt hier schon noch nach. Ahrens beschreibt viele einzelne Geschichten. Man muss hier genau lesen um nichts durcheinander zu schmeißen, bekommt aber viele Puzzleteile präsentiert, die schlussendlich ein großes Ganzes ergeben. Die Beschreibungen der Land- und Bauernwelt ist Ahrens sehr geglückt. Er hat eine gewisse stoische Art und einen gewissen nüchternen Eindruck hinterlassen und genau das wirkt authentisch. Man war noch nicht Mal auf der Welt, stand schon fest, wenn es ein Junge wird, wird er den Hof übernehmen…kein leichtes Los und das schlimme, man wird noch nicht mal gefragt ob man es will…Wird es ein Mädchen, muss es sehr gut verheiratet werden inkl. Mitgift. Am besten an einen reichen Bauern, eine gute Partie…Denken Sie mal darüber nach, wie es Ihnen dabei ergehen würde!
    Ach und eines noch: der Duft von einem bekannten Melissengeist wird hier einem stetig in die Nase steigen. Medizin, die har keine ist, aber manches Mal den Schmerz so betäubt, das man Menschen einfach nur vergessen möchte aus dem eigenen Leben.
    Seine komplette Schreibweise passt perfekt. „Mitgift“ hat mir wahrlich gut gefallen und genau deshalb vergebe ich 5 von 5 Sterne.

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  1. 4
    22. Nov 2021 

    Familienerbe...

    Seit sieben Generationen in Folge bewirtschaften die Leebs ihren Hof in der niedersächsischen Provinz. Schließlich gilt es, das Familienerbe zu wahren – allen historischen Umbrüchen zum Trotz. Doch über die Opfer, die jeder Einzelne erbringen muss, wird geschwiegen. Henning Ahrens erzählt den Roman einer Familie und entwirft ein Panorama der ländlich-bäuerlichen Welt des 20. Jahrhunderts.

    Gerda Derking kennt sich aus mit dem Sterben. Seit Jahren richtet sie die Toten des Dorfes her, doch in jenem August 1962 würde sie die Tür am liebsten gleich wieder schließen. Denn vor ihr steht Wilhelm Leeb – ausgerechnet er, der Gerda vor so vielen Jahren sitzen ließ, um sich die Tochter von Bauer Kruse mit der hohen Mitgift zu sichern. Wilhelm, der als überzeugter Nazi in den Krieg zog und erst nach Jahren der Kriegsgefangenschaft aus Polen zurückkehrte. Der gegen Frau und Kinder hart wurde, obwohl sie jahrelang geschuftet hatten, um Hof und Leben zu verteidigen. Doch nun zeichnet sich auf seinem Gesicht ein Schmerz ab, der über das Erträgliche hinausgeht. Und Gerda Derking ahnt: Dieser Tragödie sind die Leebs ohne sie nicht gewachsen. (Klappentext)

    Im Zentrum der Erzählung steht die gealterte Totenfrau Gerda Derking und vor allem die Familie Leeb, die in dem Dorf nahe Peine seit Jahrhunderten einen Bauernhof besitzt. Dieser gegenwärtige Erzählstrang wird jedoch immer wieder unterbrochen durch Sprünge in die Vergangenheit, so dass zwei ganze Jahrhunderte und damit sieben Generationen der Leebs hier Raum finden. Dabei wird nicht chronologisch vorgegangen, sondern scheinbar willkürlich in der Zeit vor- und zurückgesprungen - von 1755 bis 1962.

    Erschwert wird die Lektüre dadurch, dass die Erstgeborenen der jeweiligen Generationen alle Wilhelm heißen, gerne mit unterschiedlichen Zweitnamen, aber durchaus verwirrend. Dadurch brauchte ich manchmal ein wenig, um mich wieder orientieren und das Geschehen zeitlich einordnen zu können. Deutlich wird jedoch, dass das Familienerbe zu jeder Zeit durchaus mit Belastungen für den Erben verbunden ist.

    Es steht eine unausgesprochene Erwartung im Raum, dass der jeweils älteste Sohn selbstverständlich den Hof übernehmen wird, ob er das nun möchte oder nicht. Eigene Lebenspläne oder -ziele zählen nichts, der Hof und die Tradition gehen vor, eingebunden noch dazu in das enge Korsett des dörflichen Lebens, wo jeder jeden kennt und man auch da seine Rolle zu spielen hat. Es wird auch nicht aus Liebe geheiratet, sondern geschaut, dass die zukünftige Frau eine möglichst hohe Mitgift mit in die Ehe bringt, wodurch der Hof wachsen und gedeihen kann.

    Deshalb wurde seinerzeit auch die Totenfrau Gerda Derking von einem der Wilhelm Leebs abserviert als es ums Heiraten ging. Alte Wunden, von Schorf bedeckt mittlerweile, aber eben doch noch erinnerlich. Gerda hat einen ganz eigenen Blick auf die Geschehnisse auf dem Hof der Leebs, ebenso wie auf die Ereignisse und Menschen im engen Dorfgefüge. Dass nun ausgerechnet ihre Dienste bei der alteingesessenen Bauernfamilie gefragt sind, deutet auf ein großes Unglück hin. Doch was ist geschehen?

    Um sich ein wenig Freiheit zu erkaufen, waren etliche der Wilhelms im jeweils aktuellen Krieg involviert, zuletzt im 1. und 2. Weltkrieg. Vor allem die Ereignisse um den aktuellen Hofbesitzer, der freiwillig in den Krieg unter Hitler gen Osten zog, bilden einen erzählerischen Schwerpunkt des Romans. Dabei schwenkt die Erzählung zwischen den Geschehnisssen bei Wilhelm im Osten und denen auf dem heimatlichen Hof hin und her, was die Unterschiedlichkeit des Erlebens sehr verdeutlicht.

    Grundlage dieser Schilderungen sind lt. Nachwort des Romans Briefe und Tagebücher des eigenen Großvaters des Autors. Eigentlich müsste der gegenwärtig Erzählstrang später angelegt sein, doch wollte Henning Ahrens, geboren 1964, seine eigene Person vollkommen heraushalten aus der Erzählung. Die Themenwahl erklärt sich daher aus dem biografischen Hintergrund des Autors.

    Einen leisen Roman hat Henning Ahrens da geschrieben, der, abgesehen von den ständigen Zeitsprüngen, flüssig zu lesen ist. Einerseits ist er durchzogen von intensiven und sehr bildhaften Naturschilderungen, andererseits transportiert er trotz des eher neutralen Schreibstils das Bedrückende eines erzwungenen Landlebens äußerst nachfühlbar. Ein doch recht melancholisches Leseerlebnis...

    Wäre der Roman nicht auf der Longlist des diesjährigen Buchpreises gelandet, wäre ich wohl nicht darauf gestoßen, weil historische Romane nicht zu meinen bevorzugten Genres gehören. Während der Lektüre fühlte ich mich dann aber auch unversehens an meine eigene enge Familiengeschichte erinnert - nicht nur weil mein Großvater mütterlicherseits auch Wilhelm hieß und einen Bauernhof im ländlichen Niedersachsen besaß... Insofern erschien mir vieles hier sehr authentisch.

    Kein schnell zu lesendes Buch, aber eines mit Aussagekraft...

    © Parden

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  1. Ein bäuerlicher Hof durch die Zeiten hinweg betrachtet.

    Kurzmeinung: Ein wenig viel Bauernhof - liest sich aber flüssig

    Anhand seiner eigenen Familiengeschichte erzählt uns Henning Ahrens von der Historie eines Bauernhofes und seiner Bewohner in der Nähe von Peine. Die Leebs sind eine alte Bauernfamilie, die ein ansehnliches Gut verwalten. Anhand des bäuerlichen Daseins kennen sie harte Arbeit und keine Ferien, aber in Notzeiten ist wenigstens immer genug Nahrung vorhanden, um Familie und Angestellte durchzubringen.

    Die drei Wilhelms, der Name wird jeweils an den Hoferben weitergegeben, sind die Protagonisten. Wegen der Namensgleichheit sind sie nicht leicht auseinanderzuhalten, die Wilhelms sind jedoch die zentralen Figuren, während den Frauenspersonen lediglich Statistenrollen zugewiesen werden.

    Durch die Zeiten hindurch hat sich die väterliche Autorität aufrechterhalten, sie ist so unumstößlich wie Gottes Wort oder das Regime einer Gewaltherrschaft. Weder das eine noch das andere hat dem Hof gutgetan. Die Männer waren im Krieg, dort sind sie vollständig verhärtet, können als Kriegsgefangene und schließlich Kriegsheimkehrer den verlorenen Ruhm nicht verkraften und Schulderkenntnis halten sie sich durch Suff, Arbeit und Herrschaftsallüren nach ihrer Rückkehr vom Leib. Die nachrückende Generation ist in den Augen der alten verweichlicht. Sie kann ihr nichts recht machen, die Katastrophe ist unausbleiblich.

    Der Kommentar:
    Die Personenzeichnungen sind dem Autoren überwiegend gut gelungen. Sprachlich ist der Roman gut aufgestellt, nichts Überragendes, aber auch nichts Verwerfliches, abgesehen von der inflationär gebrauchten Floskel „holte tief Luft“ Das bäuerliche Leben wird in aller Anschaulichkeit beschrieben, man könnte auch sagen ausgewalzt und leider auch ziemlich klischeebehaftet.

    Der unchronologische, weit gespannte historische Aufbau macht den Roman interessant, kann man doch in mehrere Zeitalter spieken, wenn auch nur kurz, der Bogen spannt sich vom 18. Jahrhundert anno 1755 bis ins 20. Jahrhundert anno 1962. Eine Rahmenhandlung holt den Roman aus der kriegshandlungsbedingten Tristesse in die Gegenwart, in der der Kater Heini und manche Gläser Holunderlikörsche für Auflockerung sorgen.

    Fazit: Alles in allem gefällt der Roman ganz gut, allerdings ist er mit seinem rein bäuerlichen Konzept und seinem Generationenkonflikt als Kern letztlich etwas zu vorhersehbar und zu schlicht geraten, jedenfalls zu schlicht für die Longlist.

    Der Roman steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises, 2021, während Dunkelblum, ein Siegertitel in seiner Komplexität, von der Jury verschmäht wurde.

    Kategorie: Belletristik: 3 Sterne
    historischer Roman: 4 Sterne.

    Verlag: Klett-Cotta, 2021

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  1. Nur die Störche sind frei

    Nicht selten nehmen Autorinnen und Autoren die eigene Familiengeschichte zum Vorbild für einen Roman. Bei Henning Ahrens, geboren 1964, Schriftsteller und Übersetzer namhafter englischsprachiger Belletristik, standen gleich mehrere Ahnengenerationen Pate für seinen Roman "Mitgift":

    "Die Spanne reicht von meinem Urururururgroßvater (hier Hans Wilhelm Leeb) bis zu meinem Vater (hier Wilhelm Leeb junior). Ort, Beruf etc. entsprechen den Tatsachen, die Romanfiguren dagegen lassen sich nicht ohne weiteres mit ihren Vorbildern gleichsetzen." (Nachwort, S. 343)

    Im Zentrum steht das Jahr 1962, sieben der zweiundzwanzig Kapitel tragen die Überschrift „August 1962 – Die Totenfrau“. Diese Teile sind aus der Sicht von Gerda Derking geschrieben, einer Frau Mitte sechzig, die in einem Häuschen neben dem Hof der alteingesessenen Bauernfamilie Leeb im Dorf Klein-Isede bei Peine lebt. Wäre sie als Arbeitertochter nicht ohne Mitgift gewesen, dann hätte Wilhelm Leeb senior damals sie und nicht die reiche Bauerntochter Käthe Kruse geheiratet. So ist sie stille, längst mit ihrem Schicksal versöhnte Beobachterin, begeisterte Leserin und Totenfrau und hat das gewiss bessere Los.

    Im August 1962 hat sie ihre schwere Tätigkeit als Totenfrau gerade aufgegeben, als Wilhelm Leeb senior sie noch einmal holt:

    "«Gerda», sagt er «das kannst nur du. Ich will keine Fremden im Haus haben. Um der alten Zeiten willen? Bitte.»"

    So demütig kennt man den herrischen Großbauern sonst nicht, den begeisterten Nazi und SA-Mann, der freiwillig in die Ukraine zog, um als Landwirtschaftsführer der Zuckerzentrale die Heimat und die Wehrmacht zu beliefern. Die Führung des Hofes überließ er unterdessen seiner von ihm verachteten Frau und seinem sensiblen halbwüchsigen Sohn Wilhelm Leeb junior, genannt Willem. Ab März 1944 musste er mit der Wehrmacht den Rückzug antreten und landete schließlich nach Kriegsende in polnischer Gefangenschaft, aus der er erst 1949 zurückkehrte – ohne jede Spur von Reue oder Schuldbewusstsein, obwohl ihm weder die Leiden der Ukrainer, noch das Schicksal der Juden verborgen geblieben waren. Stattdessen forderte er Mitleid ein und schwang sich zum Diktator auf dem Hof auf:

    "Ich habe tausend Läuse zerdrückt, und was habt ihr unterdessen getan? Den Hof habt ihr verkommen lassen. Kein Geld, kein Saatgut? Unsinn: Keine Tatkraft, kein Wagemut, keine Visionen – das ist euer Problem." (S. 267)

    Es ist nicht der erste Vater-Sohn-Konflikt in der Familie, aber keiner war so zerstörerisch:

    "Auf jeden Fall war es erbarmungswürdig mit anzusehen, wie der Sohn am Vater zerschellte." (S. 242)

    Blicke in die Vergangenheit
    Seit 1699 ist der Leebsche Hof im Familienbesitz, einzelne Kapitel führen schlaglichtartig und nicht-chronologisch in die Vergangenheit zurück, in behutsam an die Zeit angepasster Sprache. Alle Generationen fühlten sich der Tradition verpflichtet, die ihnen als Mitgift in die Wiege gelegt wurde, niemand war je so frei wie die immer wieder im Roman auftauchenden Störche. Manche hätten gerne einen anderen Beruf ergriffen, einige waren pietistisch-fromm, einer vererbte den Besitz der Hermannsburger Mission, worauf drei Generationen ihn dort abbezahlen mussten. Wilhelm Leeb senior ist die siebte Generation in Folge – und dann?

    Gänsehautgefühl
    Verdient stand "Mitgift" auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2021 und ich hätte mir ein Weiterkommen sehr gewünscht. Die Verbindung aus Tradition und Einzelschicksal, Nachwirkungen des Nationalsozialismus, Rolle der Frauen auf dem Hof und tragischer Vater-Sohn-Beziehung haben mir ausgesprochen gut gefallen. Obwohl das Ende früh klar war, rief das ausführliche letzte Kapitel Gänsehautgefühl bei mir hervor – deutliches Zeichen dafür, wie sehr mich Henning Ahrens in die Familientragödie verwickeln konnte.

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  1. 5
    08. Sep 2021 

    Die Totenfrau

    Gerda Derking hat im Dorf lange Jahre als Totenfrau gearbeitet. Nun im August 1962 meint sie, es sei an der Zeit, die Tätigkeit den Bestattern zu überlassen. Doch als Bauer Leeb von nebenan sie bittet, ein letztes Mal ihres Amtes zu walten, sagt sie nicht nein. Sie ahnt voller Trauer, wer verstorben sein könnte. Zunächst jedoch heißt es warten. Gleichzeitig wird über mehrere Generationen die Familiengeschichte der Familie Leeb erzählt. Ein besonderer Akzent auf den beiden Weltkriegsgenerationen und der Generation der Kinder liegt. Wie in vielen Familien gibt es auch in dieser Streit und Zwietracht und ihre Mitglieder sind doch den familiären Zwängen gefolgt.

    Nicht immer in chronologischer Reihenfolge erzählt, aber doch beginnend mit dem Bau der jetzt noch genutzten Hofgebäude, bietet dieser Roman einen mitreißenden Abriss über das Familiengefüge der Leebs. Welcher Druck lastete auf dem Hoferben, nicht alle strebten danach, ihr Dasein als Bauern zu fristen. Allerdings ging die Familienräson regelmäßig vor und Träume mussten begraben werden. Dass Wilhelm Leeb als Nazi in den Krieg zog und als Nazi wiederkehrte, hat das Leben auf dem Hof nicht einfacher gemacht. Seine drei Kinder leiden unter ihm und jedes reagiert anders auf seinen Despotismus. Käthe, die Frau, erweckt den Eindruck, als habe sie sich schon lange aufgegeben.

    Wenn man als Leser oder Leserin die Wirren des vermaledeiten zweiten Weltkrieges eher aus Geschichtsbüchern kennt, weil in den Familien wenig darüber geredet wurde, ist dieser Roman wie eine kleine Offenbarung. Gerade als hätte der Autor zusammenrecherchiert, was Eltern, Großeltern oder gar Urgroßeltern nicht erzählen wollten. Natürlich ist es eine spezielle Familiengeschichte, die erzählt wird, aber sicher kann sie für viele stehen. Die Brüche der Familie, die Zwänge, denen man sich gebeugt hat, es wird auf irgendeine Art dazu geführt haben, dass Wilhelm Leeb der wurde. Auch er musste sich beugen, doch er hat keine Demut entwickelt. Er hat Schuld auf sich geladen und seine Wut an den Schwachen ausgelassen. Wieso waren sie so, wieso hat sich keiner gewehrt. Solche Fragen sind sicher in etlichen Familien aufgetaucht. Beantworten kann sie ein Roman nicht, aber er gibt ein authentisches Bild, wie es in den Familien bis in die frühen Nachkriegsjahre gelaufen sein könnte. Ein packender Roman, dessen Lektüre nur empfohlen werden kann.

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  1. Virtuos erzählter Familienroman

    „Mitgift“ ist ein Roman, wie ich lange keinen gelesen habe. Er besticht von der ersten Seite an durch einen brillanten Schreibstil, in dem eine spannende, perfekt konstruierte Familiengeschichte erzählt wird.

    Die Kernhandlung führt ins Jahr 1962. In einem niedersächsischen Bauerndorf nahe Peine wird die Totenfrau Gerda Denking gebeten, einen auf tragische Weise gestorbenen jungen Mann für die Bestattung herzurichten. Es geht um Willem, erst Anfang 30, den Sohn des Großbauern Wilhelm Leeb. Die Tragödie ist offensichtlich. Was hat aber dazu geführt, dass sich der künftige Hoferbe Willem das Leben nahm? Der Autor taucht tief ein in die Familiengeschichte der Leebs. Vater Wilhelm war schon immer der Liebling seiner Mutter Magda, wurde entsprechend verwöhnt und verzogen. Er heiratete seine Frau Käthe der Mitgift wegen. Weder mit ihr noch mit seinen Kindern kann er viel anfangen. Früh engagiert er sich bei den Nationalsozialisten, lässt sich bereits 1940 als Landwirtschaftsführer nach Polen versetzen. Er findet seine Berufung in der Wehrmacht, der er als strammer Leutnant und Herrenmensch dient.
    Verschiedene Episoden zeigen eindrücklich die Schrecken und Entwicklungen des Zweiten Weltkrieges aus verschiedenen Perspektiven. Ob Fliegeralarm, Angst vor den einfallenden Russen, Flüchtlingsschicksal, Kriegsgefangenschaft, Verfolgung – kaum ein Thema wird nicht berührt. Mal ist Wilhelm Leeb Täter, mal ist er Opfer. Im Zentrum stets die Frage, was eine solche Zeit mit den Menschen macht. Was ist das Erbe dieses Krieges? Welchen Anteil hat er am weiteren Leben und entstehenden Konflikten?

    Auf dem Hof leben neben der Großfamilie Leeb auch die Großeltern mütterlicherseits. Großvater Kruse ist der Gegenentwurf zu seinem patriotischen Schwiegersohn: „Krieg ist weder ruhmreich noch heldenhaft, sondern bedeutet Angst und Tod und Verstümmelung. Wer da mitkämpft, ist fürs Leben gezeichnet. Ein Bajonett mag faszinierend sein, dient aber dem Töten. Vergiss das nie“, gibt er dem Enkel mit. (S. 104) Es verwundert nicht, dass sich der sensible Willem gerade zu diesem Großvater hingezogen fühlt. Während der Abwesenheit des Vaters führt Willem gemeinsam mit seiner Mutter den Hof. Er muss die Schule abbrechen, um mitarbeiten zu können, und schnell erwachsen werden. Als der Vater nach der Kriegsgefangenschaft heimkehrt, versagt er dem Sohn den Respekt und jegliche Anerkennung seiner Leistungen. Er schikaniert den sensiblen jungen Mann, der so gar nicht „nach dem Vater schlägt“. Ein unheilvoller Generationenkonflikt nimmt seinen Lauf…

    Nun könnte man annehmen, dass ein schwelender Vater-Sohn-Konflikt vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges doch nichts wirklich Neues bieten kann; man hat doch alles schon gelesen oder im Fernsehen geschaut. Weit gefehlt! Es ist hierbei die Art und Weise, wie Henning Ahrens seine Geschichte, die autobiografische Anlehnungen haben soll, in Szene setzt. Mit vielen Details lässt er die die Kriegs- und Nachkriegsjahre höchst authentisch auferstehen. Seine Figuren haben Profil, sind komplex und schlüssig entwickelt. Die patriarchalen Strukturen, unter denen Willem junior leidet, werden bis ins Detail ausgeleuchtet. Familienoberhaupt Leeb könnte man als krassen Stereotyp verstehen, aber er passt in die Zeit. Zudem wurde auch er nie nach seinen Wünschen gefragt, auch er musste sich der Familientradition beugen – was auch eine Form von Mitgift ist.

    Der Leser kehrt immer wieder zu Gerda zurück, während sie darauf wartet, ihre traurige Arbeit im Nachbarhaus verrichten zu können. Sie hatte einst eine enge Verbindung zu Wilhelm, bringt ihm deshalb ein gewisses Verständnis entgegen, übt aber auch scharfe Kritik. Gerda ist eine kluge und pragmatische Figur, die uns an ihren Gedanken und Beobachtungen teilhaben lässt, die bodenständig ist, vernünftig und unsentimental.

    Der variantenreiche, dichte, teilweise auch poetische Schreibstil hat mich begeistert. Die verschiedensten Blickwinkel und Perspektiven ergeben ein vielschichtiges Bild von Handlung, Figuren und Zeitkolorit. Alles hängt mit allem zusammen, vieles wiederholt sich im Laufe der Generationen. Gegen Ende kennt der Leser die Familiengeschichte und die Details, die Willem in den Tod getrieben haben.

    Die Nominierung für den Deutschen Buchpreis 2021 erscheint mir absolut berechtigt, „Mitgift“ ist ein fantastisches Buch. Ob es den Preis tatsächlich gewinnen wird, bleibt abzuwarten. Dafür ist es vielleicht zu wenig experimentell, zu wenig politisch und zu wenig sperrig. Dafür ist „Mitgift“ ein richtig guter historischer Roman, der Geschichte lebendig macht und auf anspruchsvolle Weise gut unterhält. Dieses Buch sollte breite Leserschichten begeistern können und den Buchhandel erfreuen.

    Mich hat „Mitgift“ komplett überzeugt. Ich gebe Höchstwertung und spreche eine klare Leseempfehlung aus.

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