Mit der Faust in die Welt schlagen: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Mit der Faust in die Welt schlagen: Roman' von Lukas Rietzschel
4
4 von 5 (4 Bewertungen)

Philipp und Tobias wachsen in der Provinz Sachsens auf. Im Sommer flirrt hier die Luft über den Betonplatten, im Winter bricht der Frost die Straßen auf. Der Hausbau der Eltern scheint der Aufbruch in ein neues Leben zu sein. Doch hinter den Bäumen liegen vergessen die industriellen Hinterlassenschaften der DDR, schimmert die Oberfläche der Tagebauseen, hinter der Gleichförmigkeit des Alltags schwelt die Angst vor dem Verlust der Heimat. Die Perspektivlosigkeit wird für Philipp und Tobias immer bedrohlicher. Als es zu Aufmärschen in Dresden kommt und auch ihr Heimatort Flüchtlinge aufnehmen soll, eskaliert die Situation. Während sich der eine Bruder in sich selbst zurückzieht, sucht der andere ein Ventil für seine Wut. Und findet es.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:320
EAN:9783550050664

Rezensionen zu "Mit der Faust in die Welt schlagen: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 14. Okt 2018 

    Trostlos und wehleidig, ein Sittenbild unserer Zeit

    Philipp und Tobias wachsen in einer kleinen sächsischen Gemeinde auf. Es ist nach der Wende, die Eltern können sich den Traum von einem eigenen Haus erfüllen. Der Vater ist Elektriker, die Mutter Krankenschwester. Für die Kinder ist wenig Zeit und liebevolle Zuneigung vorhanden. Die Brandnarben in Hoyerswerda, 9/11, der Selbstmord von Vaters Kollegen, dem man eine Stasivergangenheit nachsagt wird, die Kinder haben Fragen, die unbeantwortet bleiben.
    Es sind sehr einsame Kinder, die wenigen Freundschaften die sie bilden, sind unheilvoll. Schmierereien mit Hakenkreuzen sind nur der Anfang. Während einer der Brüder immer mehr in einer Lethargie versinkt, entwickelt sich der andere zum Wutbürger.
    Die Geschichte ist brandaktuell. Trostlosigkeit, Perspektivenlosigkeit, Angst vor dem und den Fremden, ungefilterte Wut: alles Schlagworte unserer Zeit. Der Autor fährt wie mit einer Kamera über die Menschen, beobachtet, beschreibt, interpretiert nicht, wertet nicht. Diese Emotionslosigkeit spiegelt auch das Fehlen positiver Gefühle im Leben der Menschen in dieser Geschichte wider. Mich frustrieren solche Geschichten immer, wen soll dieses Buch erreichen? Es kann niemanden „bekehren“. Menschen, die glauben, dass ihnen mehr zusteht als sie haben, die den „Flüchtling‘ für ihre Nöte verantwortlich machen, ihnen neidet, was sie als Unterstützung bekommen, werden sich durch die Schilderungen in diesem Buch doch noch eher bestätigt fühlen. „Ist doch so!“, wird es heißen. Wehleidigkeit ist keine Erfindung der Sachsen, des Ostens Deutschlands, es ist ein Trend in ganz Mittel- und Westeuropa. Dabei geht es den Brüdern Philipp und Tobias in der Geschichte gar nicht mal so übel, beide haben einen Lehrberuf, beide Jobs. Scheidung, finanzielle Nöte gibt und gab es immer schon in unserer Zeit. Nur ist es heute ist wieder salonfähig, für die eigene Unzulänglichkeit Sündenböcke zu nennen, und dabei von den rechten Parteien Unterstützung erfährt. Der Roman, der Autor bietet keine Antworten, keine Lösung, wie könnte er auch.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 18. Sep 2018 

    Einblicke in die sächsische Provinz

    Der Ort Neschwitz in Ostsachsen mehrere Jahre nach dem Mauerfall: Philipp und Tobias Zschornack wachsen als Söhne eines Elektrikers und einer Krankenschwester auf. Der Hausbau der Eltern soll der Aufbruch in ein neues Leben sein. Doch dort gibt es auch die Verlierer der Wende. Man fühlt sich vergessen, der Alltag ist geprägt von Gleichförmigkeit und der Angst vor dem Verlust der Heimat. Diese Perspektivlosigkeit wird für Philipp und Tobias immer bedrohlicher. Als der Heimatort Flüchtlinge aufnehmen soll, eskaliert die Situation...

    „Mit der Faust in die Welt schlagen" ist der Debütroman von Lukas Rietzschel.

    Meine Meinung:
    Der Roman besteht aus drei Teilen, die wiederum in mehrere kurze Kapitel untergliedert sind. Die Geschichte spielt zwischen 2000 und 2004, 2004 und 2006 sowie 2013 bis 2015. Erzählt wird vorwiegend, aber nicht nur aus der Sicht von Philipp und Tobias. Dieser Aufbau funktioniert recht gut.

    Der Schreibstil ist ziemlich kühl und nüchtern. Die Sätze sind meist knapp und schnörkellos. Auch wird auf viele Details verzichtet, was wohl daran liegt, dass der Autor vermutlich eine möglichst allgemeingültige Situation beschreiben wollte. Beim Lesen wird einiges an Aufmerksamkeit gefordert.

    Im Mittelpunkt der Geschichte stehen die Hauptprotagonisten Tobias und Philipp, die ich als realitätsnah empfunden habe. Blass sind die Nebenfiguren wie beispielsweise die namenlosen Charaktere von Vater und Mutter.

    Ein großer Pluspunkt des Romans ist seine Aktualität angesichts des Erstarkens des Rechtsextremismus. Die politische Problematik und die Chronik der gesellschaftlichen Entwicklungen machen für mich den Reiz der Geschichte aus. In dieser Hinsicht regt das Buch zum Nachdenken an. Allerdings bleibt der Roman für meinen Geschmack noch etwas zu sehr an der Oberfläche.

    Das Cover erweckt Aufmerksamkeit und passt inhaltlich gut. Auch der Titel ist treffend gewählt.

    Mein Fazit:
    „Mit der Faust in die Welt schlagen" von Lukas Rietzschel ist keine gefällige, sondern eine unbequeme Lektüre über ein wichtiges und brandaktuelles Thema. Ein Roman, der erklärt, aufrüttelt und betroffen macht.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 16. Sep 2018 

    schwierige Lebensphasen... Erwachsen werden

    Inhalt:
    Philipp und Tobias wachsen in der Provinz Sachsens auf. Im Sommer flirrt hier die Luft über den Betonplatten, im Winter bricht der Frost die Straßen auf. Der Hausbau der Eltern scheint der Aufbruch in ein neues Leben zu sein. Doch hinter den Bäumen liegen vergessen die industriellen Hinterlassenschaften der DDR, schimmert die Oberfläche der Tagebauseen, hinter der Gleichförmigkeit des Alltags schwelt die Angst vor dem Verlust der Heimat. Die Perspektivlosigkeit wird für Philipp und Tobias immer bedrohlicher. Als es zu Aufmärschen in Dresden kommt und auch ihr Heimatort Flüchtlinge aufnehmen soll, eskaliert die Situation. Während sich der eine Bruder in sich selbst zurückzieht, sucht der andere ein Ventil für seine Wut. Und findet es.

    Fazit:
    Das Buch behandelt ein immer wieder brisantes Thema - daher geht es auch immer wieder unter die Haut. Es handelt sich dabei eben nicht um ein Buch für Zwischendurch - sondern das Buch beansprucht den Leser so richtig voll umfänglich.
    Schreibstil ist äußerst gewandt und passend zu dem Buch - er lies sich schön lesen.
    Inhaltlich und auch vom Schreibstil her hat mir das Buch gefallen. Der Interessensbogen wurde auch das ganze Buch hindurch recht hoch gehalten.
    Womit ich mir schwer getan hatte war, dass ich mich nicht so ganz in die Brüder hineinversetzen konnte - da sprang der Funke einfach nicht so ganz über.

    Inhalt:
    Philipp und Tobias wachsen in der Provinz Sachsens auf. Im Sommer flirrt hier die Luft über den Betonplatten, im Winter bricht der Frost die Straßen auf. Der Hausbau der Eltern scheint der Aufbruch in ein neues Leben zu sein. Doch hinter den Bäumen liegen vergessen die industriellen Hinterlassenschaften der DDR, schimmert die Oberfläche der Tagebauseen, hinter der Gleichförmigkeit des Alltags schwelt die Angst vor dem Verlust der Heimat. Die Perspektivlosigkeit wird für Philipp und Tobias immer bedrohlicher. Als es zu Aufmärschen in Dresden kommt und auch ihr Heimatort Flüchtlinge aufnehmen soll, eskaliert die Situation. Während sich der eine Bruder in sich selbst zurückzieht, sucht der andere ein Ventil für seine Wut. Und findet es.

    Fazit:
    Das Buch behandelt ein immer wieder brisantes Thema - daher geht es auch immer wieder unter die Haut. Es handelt sich dabei eben nicht um ein Buch für Zwischendurch - sondern das Buch beansprucht den Leser so richtig voll umfänglich.
    Schreibstil ist äußerst gewandt und passend zu dem Buch - er lies sich schön lesen.
    Inhaltlich und auch vom Schreibstil her hat mir das Buch gefallen. Der Interessensbogen wurde auch das ganze Buch hindurch recht hoch gehalten.
    Womit ich mir schwer getan hatte war, dass ich mich nicht so ganz in die Brüder hineinversetzen konnte - da sprang der Funke einfach nicht so ganz über.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 28. Aug 2018 

    Wenn nichts bleibt

    Wir schreiben das Jahr 2000. Aus den versprochenen blühenden Landschaften sind öde, verlassene Gegenden geworden. Dort wachsen die Brüder Philipp und Tobias auf. Zwar hat man den verhassten Plattenbau am Ortsrand hinter sich gelassen und ein kleines, mit viel Eigenleistung erbautes Einfamilienhaus bezogen, aber das war es dann auch schon an Idylle. Es gibt nichts, was Anregung oder Freizeitgestaltung verspricht, wenn man den verlassenen, überwucherten ehemaligen Steinbruch außen vor lässt. In den Ferien gibt es nur das Fernsehen, die Eltern arbeiten und ein gemeinsamer Urlaub ist nicht im Familienbudget drin.

    Die Lehrer und die Erwachsenen schweigen, an einem Plattenbau mit schwarz verrußten Fenstern fährt man schnell vorbei. Wenn mal jemand was sagt, dann ist von „Zecken“ und „Polacken“ die Rede. In dieser hoffnungslosen Umgebung wachsen die Brüder heran, bald üben die Halbwüchsigen, die mit ihren Motorrädern vor der Schule posieren einen großen Reiz auf sie auf. Sie haben einfache Lösungen und große Sprüche parat, während Philipp den Irrweg erkennt, ist Tobias bald ganz in der Faszination der Szene gefangen.

    Ganz kühl und sachlich und ohne Emotionen schildert der Autor eine Gegend, die er aus eigenem Erleben kennt. Er ist in Ostsachsen geboren und aufgewachsen. Wenn man verstehen will, wie sich eine Grundhaltung in der Bevölkerung entwickeln konnte, der wir fremd und mit Entsetzen gegenüber stehen, wird in diesem Roman viel Hintergrund finden. Die Trostlosigkeit der Landschaft und der Orte, denen Arbeitsplätze weggebrochen sind, deren Bewohner zwischen Resignation und Trotz schwanken, setzt sich in der Familiengeschichte fort.

    Ich konnte wenig Empathie für die beiden Hauptprotagonisten entwickeln, dazu ist Rietzschels Schreibweise zu distanziert. Ich finde aber, dass er genau den Ton getroffen hat, der zu dieser Geschichte passt.
    Wenn nichts bleibt, wenn es keine Hoffnung gibt, keine Perspektiven, dann scheinen die, die am lautesten schreien und die griffigsten Parolen haben, doch Recht zu behalten.

    Ich hätte mir im Roman manchmal etwas mehr Stringenz gewünscht, die Lektüre war kein Vergnügen, aber ich halte es für ein wichtiges und wahres Buch.